Europa, wir ham’s geschafft – VfL-Hannover 3:1 – 22. Mai 2004

Wenn ich gebeten werde, die Top 10 meiner VfL-Spiele aufzuzählen, nenne ich immer die drei Uefa-Cup-Heimspiele unter Toppmöller. Trabzonspor, Brügge, Ajax – unglaubliche Erlebnisse. Der Aufstieg in Aachen 2002 unter Neururer fehlt ebenfalls nie. Winterliche Kälte im Mai und Pedder oberkörperfrei nach einem 3:1.

Und dann noch dieses Spiel. 3:1 gegen Hannover 96, eine Jubelbombe, die nicht entschärft werden kann, explodiert. Filmemacher Ben Redelings hält von außen drauf – für seinen Film „Wer braucht schon ein Sektfrühstück bei Real Madrid?“ 32 000 Bochumer im weiten Rund brüllten den VfL zum Dreier – und weinten danach Freudentränen. Ich nannte den Blog-Text einfach nur „Europa wir ham’s geschafft“ und zitierte für die Dachzeile „Trainspotting“: „Nimm den besten Orgasmus deines Lebens – nimm ihn mal 1000 und du bist noch nicht mal nah dran.“

So geht der Text:

Eigentlich macht „man“ das ja nicht. Eigentlich denkt „man“ ja nicht daran, was wohl genau passiert, wenn die letzten Sekündlein des eigenen Lebens schlagen und die wichtigsten Momente noch einmal vor den Augen ablaufen. Der Mensch lebt von Augenblicken, von kleinen Gefühlen, von Kicks, von Ekstase; und oft stelle ich mir ein eigenes Gefühlsalbum zusammen. Ein Album, das ich aufschlage, in dem ich herumblättere, und das mich alle Gefühle der jeweiligen Momente noch einmal erleben lässt. Welche Emotionen hätte ich wohl bisher archiviert? Sicher, die Verleihung des Abi-Zeugnisses und der darauffolgende Stinkefinger Richtung Schulgebäude. Na klar, die Momente, als ich unter dem Nordkapp-Globus stand oder unter der Davidsquelle in En-Gedi am Toten Meer in Israel. Natürlich auch der Aufstieg 2001 in Aachen. Nicht zu vergessen das UEFA-Cup-Spiel gegen Trabzonspor. Heute, ja heute hat dieses Gefühlsalbum ein ganzes Kapitel dazu bekommen. „Nimm deinen besten Orgasmus, nimm ihn mal 1000, und du bist noch nicht einmal nah dran“, beschreibt Irvine Welsh in „Trainspotting“ das Gefühl eines Drogenkicks. Okay, jajaja, der Vergleich ist gewagt (aber hey, ich bin Single), aber so ging es mir nach dem Abpfiff, ganz ohne Drogen. Rausch, Höhenflug, schreien, brüllen, hüpfen, der Waaaaaahnsinn.

Schreien im Stadion, vor dem Stadion, vor der Bühne, in der Straßenbahn, in der Kneipe, zu Hause und immer wieder immer wieder immer wieder: „UUUUUUUUUUEFA-Cup, UUUUUUUUUEFA-Cup, und wir ham das blau-weiße Licht bei der Nacht und wir ham das blau-weiße Licht bei der Nacht, UUEEEEEEEEFA-Cup, UUEEEEEEEEFA-Cup.“ Diesen Tag werde ich niemals vergessen, niemals niemals niemals. Diese Gefühle werden fein säuberlich in meinem Herzen, auf dieser Homepage, in den Geschichtsbüchern und den Zeitungen aufbewahrt und bei Bedarf hervorgekramt. Die vielen Momente, die Eindrücke, die Menschen, der Jubel, die Umarmungen, die Freudentränen. Europa… wir haben´s geschafft! Und ich war dabei. Wie lang ich wohl brauche, um zu realisieren, was geschehen ist?

Aber jetzt nehmt den Uhrzeiger, und dreht ihn mit mir ein paar Stunden zurück.

… 14.15 Uhr – noch drei Stunden… dann ist alles vorbei. Dann ist die gesamte Saison vorbei, Geschichte, Schluss, Aus. Saison 2003/2004 byebye, war schön. Wo du am 34. Spieltag stehst, das zählt, das hast du dir verdient, heißt es ligaauf-, ligaab-, sportabauf-, sportartabwärts. Heute, genau heute, das ist der 34. Spieltag. Ich erinnere mich an den Saisonstart, als uns nicht wenige sogenannte Experten neben Eintracht Frankfurt zum ganz heißen Abstiegskandidaten kürten (ohne Christiansen und Schindzielorz, wie soll DAS NUR gutgehen!?!). Ich erinnere mich an die Spiele in Wolfsburg und gegen den HSV, den totalen Holperstart mit nur einem Punkt aus drei Spielen. Erinnere mich an Sonne. Regen. Kälte. Schnee. Freude. Jubel. Den Oliseh-Rauswurf. Und heute, heute ist Spieltag 34. Ein Sieg noch. Ein Sieg noch, dazu ein passendes Ergebnis aus Kaiserslautern und wir sind drin, wir sind drin, wir sind drin. Ich grinse, lache, schmunzle, versuche Witze zu reißen, mich vernünftig zu unterhalten. Es gelingt. 14.45 Uhr, noch zweieinhalb Stunden, dann ist alles entschieden. Dann wissen wir Bescheid. Es ist ein Gefühl wie vor einem Blind Date (… und da kenn ich mich aus). Du weißt überhaupt nicht, was dich erwartet. Du hoffst auf was schönes, was intensives, was lange anhaltendes, und doch kann es ein ganz schneller und hässlicher Flop werden.

Nervosität, Nervosität, Nervosität… 15 Uhr… jetzt treffen sich gerade Sam und Thommy vor dem Ticketshop. Für die beiden hat es nur noch für ein Sitzplatz-Ticket im C-Block gereicht, Kosten 25 Euro. Thommy hat – welch Einsatz – sogar einen Besuch in Brüssel bei seiner Freundin unterbrochen. Nur um heute dabeizusein. Die Spieler laufen sich warm. Bochum mit van Duijnhoven. Ich bekomme die neuen Sprechchöre hautnah mit. „Wir haben den weltbesten Torwart“ und auch „Unser Torwart braucht nen deutschen Pass“ und natürlich „Siehst Du Olli – so wird das gemacht“. Hannover kommt. „Christiansen o – ho“, wir haben die 21 Tore aus dem letzten Jahr nicht vergessen. Du Trottel, bitte heute an jedem Ball vorbeihüpfen. Ein letztes Mal Fahrenhorst, Hashemian, und selbstverständlich Anton-Vriesde-Fußballgott. Mein erstes Heimspiel seit fünf Wochen. Und die Abstinenz bemerke ich kaum noch. So voll in der Kurve, so viele Menschen, so viele bekannte Gesichter. Um mich rum Gerd und Krüger, nur die Dauerkarten-Inhaber haben es heute auch tatsächlich in die Kurve geschafft.

Warmlauf-Zeit überstanden. Jetzt gilt’s. „Danke“ leuchtet auf der Anzeigetafel auf, der obligatorische Dank der Spieler an die Zuschauer erfolgt per Plakat. Plakate gibt es im A-Block reichlich: „Noch 90 Minuten bis Europa“ steht auf einem. Die Stimmung scheint am Siedepunkt der Anspannung. Noch ein Tropfen mehr, und alles kocht über. Ich spüre die Anspannung aller 32.645 Zuschauer, die in Volt kaum zu messen wäre. Minute 1,2,3,4,5,6… nichts passiert… auf einmal springen Menschen auf der Haupttribüne auf. Mehr und mehr und mehr. Wie im Kindergarten-Spiel „Stille Post“ verbreitet sich eine Flüsterbotschaft, die auch von der Gegentribüne kommt. Und die Gewissheit: 1:0 für Kaiserslautern! 1:0 für Kaiserslautern! 1:0 für Kaiserslautern! 1:0 für Kaiserslautern! Auf der Anzeigetafel leuchtet das Fiege-Zeichen zur Ankündigung eines Zwischenergebnisses auf. Wir strecken unsere Hände aus. Tausende von Händen in der Luft. Hin- und heraufundabbewegungen wie vor einer La-Ola-Welle… „oooooooooooohhhhhhhhhhhhh“ – „HEEEEEYYY!“ Es steht dort gelb auf schwarz: 1. FC Kaiserslautern – Borussia Dortmund 1:0. Wir sind drin im UEFA-Cup. Noch nie zuvor strapazierte ich meine Stimme so sehr bei einem Tor auf einem anderen Platz.

Aber wie ich schon vorher sagte: Dortmund gewinnt auf keinen Fall. Wir müssen unsere Hausaufgaben lösen. WIR sind das viel größere Problem. Verhalten, behäbig, ängstlich ist unser Spiel. Bis sich Zdebel traut und einen 40-Meter-Pass auf Bönig schlägt. Flanke, Kopfball Hashemian, Ziegler hält sensationell. Na das nenn ich Torszene, hätt noch gefehlt, dass 96 in Führung gegangen wäre. Bleibt dran Jungs, bleibt dran. Nächster Angriff. Freier auf Hashemian, schöööön setzt der sich auf rechts durch. Eine weeeeite Flanke, MADSEN !!! MADSEN !!! MADSEN !!! TOOOOOOOOOOORRRR !!!! „Uuuuuuuuuuuuefa-Cup, Uuuuuuuuuuuuuu-efa-Cup… und wir ham das blau-weiße Licht bei der Nacht!!!!“ „Die Nummer EINS im Pott sind wiiiir“. Es ist nicht mehr zu toppen. Nicht mehr zu toppen.

Ich stehe auf der Tribüne und brülle. Brülle einfach alles aus mir heraus. Schrei-Therapie. Alle machen es genauso. Alle. Thommy und Sam auf der Tribüne auch? Stelle mir die Stimmung in Lautern vor, in den anderen Stadien, in denen die Zwischenergebnisse eingeblendet werden. Außer Dortmund drücken uns alle die Daumen. Wir haben es verdient. Die La-Ola-Welle geht rum. Schon in Minute 30. Schreien. Einfach nur schreien. Und dann kommt Christiansen und trifft. Ein Tor, das in der Dramaturgie nicht vorgesehen ist und trotzdem hochverdient erscheint. 1:1 zur Pause. Und Christiansen jubelt nicht mal. Traurig zieht er von dannen. Er will nicht der Pastor bei der Bochumer UEFA-Cup-Beerdigung werden. Halbzeit, Gedanken sammeln, noch 45 Minuten bis Saisonende. Die Cheerleader kommen. SMS von meinen Premiere-Kontaktmännern überall in Deutschland. Torschütze für Lautern? Lokvenc. Also wenn der uns in den UEFA-Cup schießt, hat der schon gewonnen, wenn er ab 1. Juli bei uns spielt.

Die Sekunden verrinnen bis zum Saisonende. Unsere legen munter los. Madsen hat eine tolle Chance, doch Haas hält. Haas? Die Hannoveraner helfen uns, wo sie nur können. Die US-Amerikaner Mathis und Cherundolo hat Trainer Lienen vorzeitig in den Urlaub geschickt. Ersatzkeeper Haas und Christiansen ersetzten die verletzten Ziegler und Brdaric vor bzw. während des Spiels. Ab der 55. Minute geht’s wieder runter mit der Spielfreude. Hashemian ist gar nicht zu sehen, Wosz glücklos und Freier vertändelt mal wieder jeden Ball.

„Nimm den raus“, rufen viele. Manche neigen wieder zu „Freier raus“. Die Trommelgruppe hockt wieder vor uns am Wellenbrecher und malträtiert ununterbrochen das Lärminstrument. Wir geben nicht auf, wir haben noch die Kraft, wir müssen unsere Jungs nach vorn peitschen. Auf der anderen Seite, die Hannoveraner, die haben gut lachen, sind seit einer Woche fein raus, aber doch verlässt mich das Gefühl nicht, als wollten die uns nicht den Feierspaß versauen. Auf einmal recken sich auf der Haupttribüne die Hälse… Stille Post… Flüsterbotschaft… aber es wird weiter geflüstert. Auf der Anzeigetafel erscheint nichts. Kollers 1:1 in Kaiserslautern lässt die Gedanken einfrieren, versetzt dem Hirn einen Kälteschock. Zwei Minuten später… noch friert’s, da steht Freier frei und lässt sich den Ball abluchsen. Alle schreien, pfeifen, sind sauer, sehen den Zug Richtung Europa davonfahren. Die Rücklichter blinken. Was weiß ich.

Bei uns 1:1, in Lautern 1:1. Ne Viertelstunde noch. V-F-L, V-F-L, V-F-L, fehlt nur noch, dass die tollen Fans aus Hannover auch noch mitbrüllen. Doch in einer Saison, in der alles läuft, hält das Drehbuch noch die passende Pointe parat. Jaaaa, unser Slawo, unser hassgeliebtes Baby, das in dieser Saison so unfassbar SCHEISSE gespielt hat… Auf den schwachen linken Fuß unseres Slawo kullert der Ball in Minute 76, und der lange Flug dieses 20-Meter-Schusses wird in meinem Gefühlsalbum immer (und ich betone: IMMER) weit vorn stehen… TOOOOOOOOOOORRRRRRR!!!! 2:1!!!!!! SLAWO WIRD UNSTERBLICH!!!! DENKMAL!!!! Wie Rocky persönlich recke ich meine Fäuste nach oben.

JAAAAA! Umarmen, klatschen, interaktiv auch mit Thommy und Sam. Es ist vollbracht. „Der Freier – hab ich doch gleich gesagt, dass der gut ist“, frohlockt Gerd, der vor fünf Minuten noch zur Freier-Raus-Fraktion gehörte. Eine Minute später geht Freier auch raus, aber mit den größtmöglichen Sprechchören, die seit vielen Jahren ein Spieler im Ruhrstadion bekommen hat. Noch ist es nicht gelaufen. Bloß keinen reinkriegen. Wie stehts in Lautern? 1:1 immer noch? Gut. Freistoß Jaime, Minute 81. Van Duijnhoven hält. Puuh. Lautern? 1:1? Frag nicht dauernd, Andi. Das nervt bestimmt. Drei Minuten noch. Ecke für uns. Stevic. Konzentrier dich, Micky! Er tuuuuuuuttt’ss, langer Pfosten, Fahne Fahrenhorst nickt rein… 3:1, es ist der Klecks Erdbeersoße auf dem Spaghetti-Eis. Fahne, der nächste, der sich mit einem Tor verabschiedet, seinem siebten. Es passt wirklich wieder alles. Schluss bei uns. Und das bange Warten. „Drei Minuten Nachspielzeit in Kaiserslautern“, tönt es aus dem Lautsprecher. Wir fassen uns alle an den Händen, die Spieler knien auf dem Rasen, Neururer ist irgendwo bei einem Premiere-Bildschirm verschwunden. Fast jeder zweite Fan telefoniert, hört Radio und bibbert. Gehen diese Minuten denn nie um? Du kannst nichts mehr tun, nur hoffen, nur hoffen auf die Gerechtigkeit, die uns in den UEFA-Cup hieven müsste. Und hieven wird. Ich bin sicher… da geht nichts mehr schief! Und dann die Bestätigung auf der Anzeigetafel… Jubel. Ohrenbetäubend. Es ist vorbei. Europa, wir haben´s geschafft!

Was in den Minuten bis 17.35 Uhr geschieht, entzieht sich meiner Kenntnis. „Nimm deinen besten Orgasmus, nimm ihn mal 1000, und du bist noch nicht einmal nah dran.“ Es ist ein Mischmasch aus Ungläubigkeit, Handyvibration, Jubel, Gebrülle, Gelächter über die Spieler und einem Schuss europäischer Überheblichkeit. Zum Lieblingslied wird ein langgezogenes „Ladiladiladiladihoooo – BVBBBBB Hurensööööhne!“ Ich hab’s nie mitgesungen, aber heute schmettern das alle. Obwohl’s furchtbar primitiv und dämlich ist. Egal. Immer lauter dann „DIE NUMMER EINS IM POTT SIND WIIIIIR!“ Haut euch das mal rein: Wir stehen vor Dortmund und Schalke, deren Etat mindestens doppelt so hoch ist. Wir haben die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte hinter uns. 56 Punkte aus 34 Spielen, das gab es noch niiiiieee!!! Ich realisier nicht, was grad passiert, mit mir, um mich herum. Die Mannschaft dreht eine Ehrenrunde, hält auch vor der 96-Kurve. Eine fantastische Geste. Sie gratulieren uns auch. Nach einem ordentlichen Spiel. Und dann klopft jemand bei mir auf die Schulter.

Robert. Ein Mit-Abiturient von 1997, den ich damals mit zum VfL schleppte, anno 1994 oder so. Jetzt studiert er in München und kommt extra zum Spiel ins Ruhrstadion. Geschichten, Geschichten, Geschichten. „Europa, wir kommen“, singt Jo Hartmann, „Europa, wir haben´s geschafft, der VfL Bochum – IM UEFA-CUP!!!“
Treffpunkt mit Thommy und Sam direkt vor der Ostkurve. Umarmen, hüpfen, „UUUUUUUEFA-Cup“ brüllen, anderen auf die Füße treten, egal, die hüpfen mit. Wir schlendern Richtung Bühne vor der Ostkurve. Sam geht direkt weiter nach Hause, Gerd zieht es ins Bermuda-Dreieck zu seiner Frau. Thommy und ich harren aus, schauen Michael Wurst zu, dazu rocken wir zu Jo Hartmann. Wir sehen, wie unser Fan-Beauftragter Moppel und der Stadionsprecher Mirko immer betrunkener werden, singen alle Jo Hartmann-Lieder dreimal, vom „Bochumer Jungen-Lied“ über „Wir sind die Fans des VfL“, „Europa wir kommen“ bis zu „Mein VfL“. Zwischendurch Grönemeyers „Bochum“, immer wieder, und auch einmal – aus welchem Grund auch immer – „Geh doch zu Hause“ von Mickey Krause. „Die Mannschaft kommt in fünf Minuten“, heißt es alle fünf Minuten. Es regnet, egal, dann warten wir halt. Es wird 18.10, 18.20, 18.30, und noch immer schauen Thommy und ich uns ungläubig an, ohne zu realisieren, was genau abläuft, ohne zu realisieren, in welchem Film wir uns gerade befinden. Stephan, der VfL-Fan, der mich über diese Seite kennenlernte, spricht mich an. Wir schießen ein Foto, Wahnsinn, heute treffe ich wirklich fast alle VfLer, die ich auch treffen will. Fehlt noch Stephan, der Mülheimer Straßenbahnfahrer und Dirk aus München. Egal, dann wird mit ihnen die Feier nachgeholt.

18.50 Uhr erspäht Moppel dann erst Sören Colding und Micky Stevic, dann den Rest und jetzt gehts erst richtig los. Jeder Spieler schnappt sich das Mikro, singt, brüllt. Der kleine Slawo Freier ist am allervollsten, Hashemian findet alle freundlich und wird mit „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“-Rufen verabschiedet. Und unser Trainer verliert dann sogar noch seinen Schnäuzer. Ganz groß. Einfach ganz groß.

Wird das eine Nacht in Bochum. 1996, da soll der Toppmöller – sagen die Legenden – auf den Schultern durch die Stadt getragen worden sein. Und diesmal? Diesmal sind im Bermuda-Dreieck alle Kneipen pickepackevoll, und aus allen dringen die Gesänge. Nahezu überall läuft „Bochum“ fast sogar als Endlos-Schleife, und überall reichen kurze Takte aus den Fan-Sprechchören „Ladiladiladiladihoooo“, „UUUUUUUUEEEFA-Cup…“ oder „Die Nummer eiiiiins im Pott…“, und alle singen mit. Wir landen im Threesixty, mit Gerd und seiner Frau, später mit Sam und seiner Frau, und begießen den Triumph. Begießen ihn mit guter Laune, zerstrubbelten, vom Regen nassen und total verangstschwitzten Haaren (naja, das trifft eher auf mich zu, die anderen Herren haben nicht mehr so viele…). „Steeeht auf für den V-f-L“, stimmt jemand an. Und alle stehen auf (außer Gerds Frau).

Um etwa zehn geht der Tag vorbei. Geht die Saison vorbei. Kein UI-Cup. Erst am 8. August wieder Pflichtspiel-Fußball. Wen wünschen wir uns im UEFA-Cup? Also ich wünsch mir in der 1. Runde zuerst ein Auswärtsspiel. Bin dann im Urlaub, in New York, Philadelphia oder wo auch immer an der US-Ostküste. Ach, lasst uns morgen darüber nachdenken. Erst einmal wird genossen. Die Saison, die Situation, dieser Augenblick des Formulierens, der auch ins Gefühlsalbum gehört. Es bleibt mir nur noch DANKE zu sagen für die großartige großartige großartige Saison.

DANKE gilt allen Lesern meiner kleinen Texte, DANKE natürlich an meine Stadionfreunde Gerd und Sam, DANKE an meinen Bruder Thommy, DANKE an meine besten Freunde, meine Familie und meine Arbeitskollegen dafür, dass sie meine Launen ertragen haben und DANKE an die VfL-Spieler für dieses großartige Jahr.

Europa, wir haben´s geschafft.

Der VfL Bochum – im UEFA-Cup!

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Talkin‘ ‚bout a revolution? – Frankfurt-VfL 3:2 – 15. Mai 2004

Wir verlebten einen wundervollen Frühsommertag, das weiß ich noch. Mein Bruder wohnte noch im verschlafenen Trier, in einer wunderschönen Wohnung nicht weit von der Mosel entfernt. An seinem 30. Geburtstag im Juli 2004 saßen wir auf einer Wiese am Fluss und zündeten Fackeln an. Von Trier ging es am 15. Mai 2004 Richtung Frankfurt und wir wollten mit dem VfL den Uefa-Cup-Einzug bejubeln. Bei der mehr als abstiegsbedrohten Eintracht am vorletzten Spieltag. Kein Problem? Doch ein Problem! Wir verloren mit 2:3 und fuhren enttäuscht nach Hause. Ich bloggte über das Spiel, nannte den Text „Talkin‘ ‚bout a revolution“, mit der Dachzeile „Auf den schönsten Zug-Strecken zu einem konsternierenden Fußball-Erlebnis“.

Und so geht der Text:

Leise erreicht mich der sanfte Gesang Tracy Chapmans… „Don´t you knooowww… they´re talkin ‚bout a revolution“, säuselt sie mir am frühen Morgen ins Ohr. Ja, heute ist ein guter Tag, um eine Fußball-Revolution anzuzetteln. Ich schaue in den Spiegel, beglückwünsche mich selbst dazu, VfL-Bochum-Fan zu sein, und lausche weiter dem Lied: „It sounds like a whisper“, flüstert Tracy, und ich schütte mir Wasser ins Gesicht, Zahnpasta auf die Zähne.

Es ist so ruhig morgens in Trier.

Mein Bruder Thommy und ich haben noch nichts gespachtelt, als wir um 7.50 Uhr seine Wohnung verlassen, eiligst mit unseren Taschen über der Schulter, mit nassen Haaren auf dem müden Schädel. Der erste Sprint des Tages, Porta Nigra in Sicht, der Hauptbahnhof ist auch nicht mehr weit. Ich reibe mir meine müden Augen, pflanze mich auf einen Sessel im Regionalexpress Richtung Koblenz, in dem wir jetzt anderthalb Stunden verbringen werden, und krame meinen Block hervor. Was wollte ich nicht alles erwähnen zu Beginn dieses Textes? Dass es mein erstes Spiel als VfL-Mitglied ist? Dass es mein erstes Spiel nach vier verpassten ist? Dass ich die neuesten Sprechchor-Kreationen verpasst habe? All das steht auf dem Zettel ganz oben, hinter Gedankenstrichen. Erwähne es, Andi! Erwähne es! Halte den Stift in meiner rechten Hand, will was schreiben, und kann es nicht. Die Mosel liegt so friedlich, die Sonne schlummert noch im Flussbett und wird von klitzekleinen Wellen zugedeckt. Hach ist das schön… Unser Zug bereichert die Landschaft, gehört dazu, es ist wohl eine der schönsten Strecken in Deutschland. Das Spiel rückt näher und näher, und was geht in mir vor? Lampenfieber? Ruhe vor dem Sturm? Die Ruhe selbst? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es liebe, solche Situationen zu beschreiben: Ein total relaxter Tag in Trier liegt hinter mir, eine zu kurze Nacht ebenfalls, als Ohrwurm schwirrt „Talkin‘ ‚bout a revolution“ und das folgende „It sounds like a whisper“ im Kopf herum, und mein Hirn gibt an den Rest weiter: „Gottverdammtescheiße, heute packen wir es!“ Links neben mir sitzt Thommy und erzählt Geschichten von einer Fahrt mit einer Mülheimer Fußball-Stadtauswahl nach Kobern-Gondorf, er erzählt von in der Mosel tanzenden Proll-Kickern, die – nur mit Boxer-Shirts gekleidet und Bierflaschen in der Hand – „I like to move it“ schmettern.

Koblenz. Umsteigen. Müde. – Zwei Schokobrötchen bitte. Haben Sie einen kalten Kakao? Schön! Davon auch noch einen! Ach, und so einen Marzipanplunder könnte ich gut gebrauchen. Wissen sie, ich liiiiebe Marzipan. – Sie schaut mich an, als würde ich vom Planeten Marsipan kommen. Ist noch früh. Koblenz ist der Treffpunkt der Fußballfans.

Wieder einmal spüre und genieße ich das unverwechselbare Feeling bei Auswärts-Zugfahrten. Dortmunder und Gladbacher fahren zum Treffen der beiden in der für Bochum-Fans „verbotenen Stadt“, Schalke-Fans tuckern nach Gelsenkirchen, und Frankfurter und Bochumer gen Main. Ist das herrlich? Rein in den Zug, Sam anrufen. Der gute alte Sam. Er hat sich auch angesagt. Es klingelt.

Lauuuuut ist es im Hintergrund: „Wiiiiiir sind nur zum FEIERN hier! Wir sind nur zum FEIERN hier!!!“ Verstehe Sam kaum. Wir vertagen uns auf später. Der Anpfiff rückt näher, und die Wartezeit versüßen wir uns mit einer weiteren wunderwunderschönen Bahnstrecke, die ich an dieser Stelle schon oft gewürdigt habe. Rhein. St. Goarshausen, Rüdesheim, Kaub, Loreleyfelsen – und wie die ganzen kleinen Dörfchen und Örtchen sonst noch heißen mögen.

Deutschlands 17. Bundesland, nämlich das „Kegelclub-Land“. Eine Kaschemme folgt hinter der nächsten, ein Weinberg liegt hinter dem anderen. Wie sich die Landschaft über Kilomeeeter und Kilomeeeter gleicht… Rhein in der Mitte, zwei Berge (entweder Felsen oder Weinberge) an der Seite. Direkt am Ufer des Rheins ein Bahngleis und am Fuße der Berge Dörfer mit massenweise Kneipen-Angeboten. Eine Alte-Muttis-Gruppe mit lustigen Hütchen drauf steigt zum Beispiel in Rüdesheim aus. „Guck Dir die ganzen kleinen Gässchen an, Andi“ Andi guckt sich die Gässchen an und staunt. Hier wird bestimmt ganz schön gebechert, Abend für Abend, im Sommer. Anruf bei Sam. In seinem Zug ist es mittlerweile ruhiger geworden. Treffpunkt Frankfurt Hauptbahnhof. Gegen eins. SMS von unseren Freunden Gerd und Dirk. Fordern einen Ergebnisticker an. Dirk ist gerade im Urlaub in Dänemark. Die SMS – ein Zeichen; es rückt näher. Das letzte VfL-Spiel ist vier Wochen her, ich war an den letzten Sonntagen mehr als einmal der Verzweiflung nah, und nun können wir alles klarmachen… Gegen Frankfurt, die sind doch schon so gut wie weg!!! „Don´t you knooowww… they´re talkin ‚bout a revolution“, schleicht’s mir wieder in den Kopf… über eine Revolution reden? Wäre das eine Revolution? Wir im UEFA-Cup? Nicht Hertha, nicht Schalke, nicht Hamburg, nein, der popelige VfL schafft es? Es scheint Wirklichkeit zu werden. Wirklichkeit. Welcome to reality. Reality. Realität. Was ist die Realität in der nächsten Saison? Es geht wieder bei „0“ los. Und wir müssen erst einmal die 40-Punkte-Marke knacken. Und kein Bochum-Fan denkt anders. So sind wir.

Kurz nach High-Noon… Die Müdigkeit ist besiegt und die hohen Türme von Frankfurt haben uns in den Empfang genommen. Was tun in der nächsten Stunde? Rumlaufen! Rumlaufen, gucken, staunen, ein paar Fotos schießen. Es ist so anders als in Trier, so ein Gegensatz. Die Straßen sind voller Leben, Menschenmassen drängen sich und drängen sich und drängen sich, und wir drängeln mit. Drängeln durch die Straße mit dem „Beate Uhse Shop“ und dem „Dolly Buster Center“ (komischerweise unmittelbar im Bänker-Viertel), drängeln an den Wolkenkratzern der Commerzbank, der Deutschen Bank und den anderen Scheißläden vorbei, drängeln über die Zeil, die Haupt-Einkaufsstraße, gehen im Kaufhof auf Klo, vertilgen eine Currywurst auf dem Weg vom Frankfurter Römer zur Paulskirche, fahren eine Station mit der U-Bahn, sehen Petra Pau am Bahnhof. Frankfurt, eine Stadt, die ich bisher mit meiner Ablehnung strafte, allein aus dem Grund, weil solche Wolkenkratzer jedes Stadtbild einfach nur stören und zumindest in Deutschland absolut überheblich und fehl am Platz wirken. Ich strafte die Stadt für ihre vermeintliche Selbstüberschätzung und weil ich sie nicht schön fand, als ich im kalten Februar 1997 mit meinem Biologie-Grundkurs besuchten. Wobei: Wesentlich mehr als das Ebbelwoi-Viertel Sachsenhausen, das Senckenberg-Museum und den Weg dorthin über die „Zeil“ bekamen wir von der Stadt nicht mit. Selbst Matula konnte meine vorgefertigte Meinung nicht ändern. Was ist mit dem kurzen Besuch? Frankfurt ist die Stadt der Böhsen Onkelz, die Stadt der Börse, die Stadt der Banken. Und Frankfurt ist auch die Stadt der Frankfurter Schule, des Instituts für Sozialforschung, die Stadt Adornos, die Stadt, in der Joschka Fischer randalierte, die Stadt, in der TITANIC produziert wird. Was ist Frankfurt? Metropole? Oder Bielefeld mal drei, wie im Buch „Öde Orte 2“ steht? Frankfurt ist groß. Frankfurt ist an diesem Tag sonnig. Frankfurt ist an diesem Tag voll.

Ich genieße es. Heute ist der Tag für die Fußball-Revolution und ich nehme mir vor, mir jedes einzelne Gefühl zu merken, alle Emotionen auf mein Herz zu tätowieren, auf dass sie nie wieder verschwinden.

Halb zwei, Sam steht am Bahnhof… er breitet seine Hand aus, fragt, ob wir denn irgendwas bemerken würden…? Wir verneinen, da deutet Sam auf seinen Ring am Finger und meint: „Seit gestern!“ Nääää, der gute alte Sam hat geheiratet und fährt direkt live von der Hochzeitsnacht zum Fußballstadion. Und seine Frau darf die Wohnung putzen… Hurra! Wir trinken was in einem Café, reden, aber mein Ansprechbarkeits-Faktor sinkt rapide. Ich schlürfe so schnell wie möglich, so dass die beiden merken: Aha, der Andi will los. 14 Uhr, wir erwischen eine Straßenbahn, und erleben eine Fahrt, die wir so schnell nicht vergessen. Es sitzen acht absolut liebenswerte, aber auf eine rührige Art und Weise total verstrahlte VfL-Fans im Zug, die 25 Minuten lang nur Blödsinn singen. Sie bemerken Sam und brüllen: „Raymond Kalla – Du bist der beste Mann!“ Und direkt danach: „Ganz egal woher Du kommst – ganz egal wer Du bist – auch die Farbe Deiner Haut interessiert uns nicht!“ Ich find’s gut, Thommy gut gemeint. Es wird noch besser. Immer wieder: „Erste Runde Bukarest, zweite Runde Rom, in Stockholm klingelt das Telefon, vielleicht auch Rotterdam vielleicht auch Mailand vielleicht auch Teneriffa eine Woche Sandstrand – EUROPAPOKAL!!!“ Mittlerweile kann ich den Text. Ganz weit vorn ist der Spruch: „Wir stehen auf und setzen uns hin wir stehen auf und setzen uns hin – Das finden wir lustig, weil wir bescheuert sind“. An einer Haltestelle steigen viele Frankfurt-Fans ein, und laut schreien wir: „IHR HABT KEIN GELD FÜRS AUTO!!“ Der fünfminütige Klatschreim „Vater Abraham hat sieben Söhne“ rundet die gelungene Veranstaltung ab. Also wenn das keine Werbung für uns Ruhrpottler war… Uns muss man doch einfach mögen… Von den Frankfurtern singt keiner. Betretenes Schweigen. Sie haben sich mit dem Abstieg abgefunden. „Da kann gar nichts schiefgehen“, lautet unsere einhellige Meinung. „Aber jetzt mal ganz objektiv: Jetzt lassen wir uns das nicht nehmen!“ Objektiv?

Karte zeigen, einmal ums Stadion rumlaufen. Man ist das weitläufig hier. Wieder einmal bestätigt sich der Name „Waldstadion“. Und nochmal links, und wieder rechts, und da brandet Applaus auf. Mist, das Einlaufen der Spieler verpasst. Egal. Sam, Thommy und ich trotten Richtung Stehplatzkurve, immer noch bei 1-2-3-Oberkörper-frei-Wetter, suchen und finden drei schöne Plätze, lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen und genießen. Genießen einfach nur. Mehr nicht. So viele Bochumer sind da, soooo viele. Es ist ein wundervolles Bild. Blankes Entsetzen auf der anderen Seite. Wir haben vollstes Verständnis, steckten wir doch jahre-, quatsch jahrzehntelang in dieser Lage. Ein „Ohne Konzept und System – Reimann muss gehn“-Plakat ist zu sehen, und das Synonym für Anti-Fußball erhält einen Extra-Blumenstrauß. Uwe Bindewald hört auf. Nach dieser Nachricht hörte mein Herz für kurze Zeit auf zu schlagen. Mit einem Blumenstrauß in der Hand trat der laufende Fehlpass und die rennende Grätsche zur Ehrenrunde an, wohl rechnend damit, dass nach dem Abpfiff eher Heulsusen gefragt sind als aufhörende Main-Maradonas. „Zico“ wird Bindewald genannt. Humor haben sie, die Hessen.

Es rückt näher und näher… lenke mich ab, gehe den Tag durch… Tracy Chapman, Koblenz, viele andere Fans, Mosel-Strecke, Rhein-Strecke, Zeil, Sams Hochzeit, Vater Abraham, und jetzt, alles, sofort, direkt, jaaaa, nur für diesen Moment. 15.31 Uhr, jetzt zählt’s. Anpfiff. Und 25 Minuten lang schauen wir 6000 Bochumer konsterniert auf den Rasen. Tunnelblick. Links nichts. Rechts nicht. Nur die Außenlinien als Sichtbegrenzung im Bild. Was spielt sich da gerade ab? Was ist das? Was soll das? Lexa spielt mit Bönig schon in den ersten fünf Minuten dreimal Katz und Maus. Dann ein erster Warnschuss von Amanatidis – van Duijnhoven zur Ecke. Erste „Wir haben den weltbesten Torwart“-Rufe. Doch wir verstummen ganz, ganz schnell. Ecke, dann Kopfball von Puljiz und Rein klärt mit einem phantastischen Reflex. JUNGENS, AUFWACHEN!!! MACHT WAS!!! UEFA-CUP!!! Dann Gladbach: 1:0-Führung in Dortmund. Yeaaaahhhh! Yeaaaahhhh! Aber wir sind heute das viel größere Problem. Frankfurt ist offensivstark, schießt aus allen Lagen aufs Tor. Lexa stark über rechts, na gut, Beierle fällt im Sturm etwas ab, dafür drehen Amanatidis, Skela und Preuß ganz schön auf. Skela passt in Minute 15 auf Preuß, 1:0, da ist’s geschehen. Madsen spielte den Fehlpass, Kalla und Fahrenhorst waren sich nicht einig. Die besten patzen. Das MUSS schiefgehen. Es ist völlig verdient. Sechs Minuten später Freistoß, Kopfball Puljiz – WIE FREI STEHT DER DENN??????? – 2:0 für die Eintracht. Wo bin ich hier? In welcher Veranstaltung? Dortmund führt mittlerweile 2:1, Platz fünf ist futsch. Ich mache alles, um nicht aufs Spielfeld gucken zu müssen. Das Stadion wird bald wirklich WM-tauglich sein, keine Frage. Noch ist eine Tribüne mitten im Bau, noch geht die Anzeigetafel nicht, noch ist keine Tribüne überdacht. Kommt alles noch. Unseren ersten Angriff vollstreckt Hashemian zum 1:2. Effektive Chancenauswertung nennt man das. Halbzeit. Der dicke Reimann, der total ulkig aussieht, ist zufrieden. 2:1 gegen Bochum, das ist okay – aber es hätte höher stehen können. Wir alle fassen es nicht…

… und hoffen auf die zweite Halbzeit. Doch noch die Revolution? Eine spontane vielleicht? 49. Minute, Fehler Puljiz, der vierte grobe Schnitzer (zwei pro Mannschaft), Hashemian passt super auf Wosz, 2:2!!!!!! Riesen-Jubeeelll! Ein Rachenkratzer-Tor! Es fällt so spontan, aber in einer Phase, in der die Stimmung ohnehin wieder ansteigt (zu Beginn der zweiten Hälfte), und es ist so wichtig. Also nur noch „JAAAAAAAAA! JAAAAAAAA! JAAAAAAAAA!“ brüllen und Leute umarmen. Der Rachen wird’s Dir zwei Tage lang danken. Jetzt bloß das 2:2 halten. Dann muss Frankfurt aufmachen und wir kontern. Bloß halten, bloß halten, bloß hal…. scheiße… 2:3, Amanatidis. Abseitsfalle hat nicht funktioniert. Im Gegenzug ein Tor kassiert. Wie blöd muss man sein? Wir werden das wohl doch nicht ausgerechnet in Frankfurt noch vergeben!?! Die steigen sowieso ab; aber wenn wir aus dem UEFA-Cup fliegen, ist doch keinem geholfen. Es wird ungemütlicher. Lautstarke „Freier-raus!“-Rufe folgen, je näher das Spielende rückt. Slawo, der einstige Volksheld, kriegt nix hin. Woran liegt es? Madsen arbeitet für seine Verhältnisse ganz, ganz wenig. Schlechte Zweikampfwerte, kaum Defensivarbeit und keine gelungene Offensivaktion. Bönig ist hinten links bis zu seiner Auswechslung überfordert. Das Umschalten klappt gar nicht. Neururer wechselt verzweifelt. Am Ende stehen Madsen, Freier, Hashemian, Diabang, Buckley und Wosz parallel auf dem Platz! Doch die beste Chance hat Amanatidis nach einem Konter. Nichts geht – und das in so einem Spiel. 91. Minute, nochmal ne Flanke, und Diabang köpft Fahrenhorst an, im gegnerischen Fünf-Meter-Raum. Bezeichnend. Direkt danach Abpfiff. 2:3 verloren.

Unglaublich. Ein Spiel, das wir eigentlicht nicht verlieren konnten, haben wir verloren. Es kommt auf den letzten Spieltag an. Finale im Ruhrstadion. Wir müssen Hannover schlagen, Dortmund darf in Lautern nicht gewinnen. Die Eintracht-Fans hoffen auf Dortmund. Nur wenn der BVB Lautern schlägt, hat Frankfurt noch eine Chance. Wie gern hätte ich mir den Taschenrechner erspart. Kleinere Späßchen mit Frankfurtern bringen die Laune zurück. Obwohl Thommy zugibt, noch ganz „konsterniert“ zu sein. 6000 Bochumer fahren zurück zur Ruhr, und können es noch gar nicht glauben. HEY JUNGS! WO IST DAS PROBLEM! WIR SIND SECHSTER!!!, möchte ich Ihnen zurufen. Was ist denn das für ein Anspruchsdenken?? Dann spielen wir halt UI-Cup, ist doch auch ein Supererfolg. Und wir hatten so oft Massel in diesem Jahr, da ist doch ein solches Spiel mal schneller verziehen!

„Alte Scheiße“, ist die am meisten verwendete Redewendung ab 18 Uhr. Eine Riesenschlange bei Mc Donalds, extremst müde Beine und eine zu lange Wartezeit verschlechtern das Gemüt, während Sam Richtung ICE verschwindet. Die Gedanken fliegen. Fliegen zurück nach Trier. Nach Mülheim. Zur Uni. Zur WAZ. Zum Urlaub. Überallhin. Die Gedanken fliegen zum Spiel. 2:3. Der Zug? Der fliegt nicht gerade… Noch drei Regionalexpresse… der erste bis Siegen, der zweite bis Köln-Deutz, der dritte bis Mülheim. Ankunft 23.45 Uhr. Parallel singt Max mit Stephan Raab beim Grand Prix in Istanbul – und wir reisen quer durch die Galaxie (zumindest einen Teil davon). Ich bin müde. Ich schlafe. Zehn Minuten, Viertelstunde. Das muss sein. Vor uns hockt ein Bochum-Fan mit seinem absolut nervigen Kind, das pausenlos Geräusche von sich gibt. Umsteigen in Siegen, einer Stadt, in der mir in zehn Minuten so viele komisch aussehende Leute begegnet sind wie in Mülheim in einem Jahr (und das muss was heißen) Bitteschön, was war DAS DENN für eine Stadt? Krass! Siegen ist diesmal der Treffpunkt der Fans aus Dortmund, Köln, Gladbach, Rostock, Frankfurt, Schalke, Kaiserslautern und Bochum. Fast die halbe Liga ist vertreten. Zwei Coladosen vertreiben uns die Zeit bis Köln-Deutz, und der Walkman sorgt bei mir für noch depressivere Laune, als „The bitter end“ von Placebo läuft.
Max liegt gerade auf dem achten Platz von 24 Teilnehmern, als der rumänische Kommentator seine Punktwertungen bekanntgibt. Ich pfeffere meinen Rucksack in die Ecke meiner ohnehin schlimm verwüsteten Wohnung von einem Dieb namens „mir selbst“. Jetzt nur noch pennen.

Talkin´ ‚bout a revolution?

No, only a whisper…!

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Fußball, VfL Bochum, Weitere Texte | Kommentare deaktiviert für Talkin‘ ‚bout a revolution? – Frankfurt-VfL 3:2 – 15. Mai 2004

27. September 2003 – Gladbach-VfL 2:2 – „Alles aus dem Nichts

Der unten stehende Text hat etwas Historisches. Denn er beschreibt meinen allerletzten Aufenthalt im legendären Bökelberg-Stadion in Mönchengladbach! Das Spiel zwischen der Borussia und dem VfL Bochum endete – unspektakulär – 2:2, aber wegen einiger Rückblicke ist der Text doch ganz lesenswert.

Hier ist der Blog-Eintrag, den ich „Alles aus dem Nichts“ nannte und mit der Unterzeile „Andis Abschied vom 70er-Charme des Bökelbergs – an einem merkwürdigen Nachmittag“ nannte:

Fußballer sind ja manchmal Sprach-Romantiker. Guckt Euch mal Nick Hornby an. Oder lest Euch das Buch „Verrückt nach Fußball“ von zahlreichen Stehplatz-Autoren durch. Naja, oder, hüstelhüstel, schaut Euch Euren Andi an, dem auch mal das eine oder andere lederkugelherzende Wort rausrutscht. Aber ein solch linguistischer Leckerbissen wie „STIEL DU FOTZE!“, darauf können nur intellektuelle Ästheten kommen. „Stiel Du Fotze“. Hilfe, wo bin ich denn gelandet?

Meine erste Begegnung mit dem Gladbacher Bökelberg liegt schon eine ganze Weile zurück. Es war im Oktober 1994, also genau vor neun Jahren, als ich mit meinem Bruder erstmals die Stehstufen dieses legendären Stadions mit dem Charme der 70er betrat. Netzer, Vogts, Heynckes, Hacki Wimmer; sie alle gruben hier den Rasen um, als ich noch nicht einmal ansatzweise im Bauch meiner Mutter an ihren Körpersäften nuckelte. Keine Ahnung, wie oft die „Elf vom Niederrhein“ (heutiger Fan-Song mit leicht knatternd-nervendem Möchtegern-Ohrwurm-Unterton) die deutsche Meisterschaft gewann, aber ja, wirklich, es war in diesem Stadion. Umgebaut wurde seitdem nix, irgendwann in den 80ern stellten irgendwelche schlauen Füchse ein Denkmal mit den Körpern von Netzer, Wimmer und Vogts in die Innenstadt; und seitdem hechelt der Verein den gehobenen Ansprüchen hinterher. Einmal Pokalsieger sind die Gladbacher seitdem geworden – sonst haben sie nichts gewonnen. Na das ist auch nicht mein Problem. Jedenfalls sind die Ansprüche der Gladbacher so hoch, dass sie glauben, ein 60 000-Frau-und-Mann-Stadion, das direkt nebenan entsteht, wäre gerade gut genug. Na klar hat Gladbach viele Fans, aber im Schnitt werden niiiiemals mehr als 35 000 kommen. Niiiiemals! Tja, und wer dann noch mit dieser Mannschaft auf den neunten Platz kommen will, der gehört endgültig in die Psychatrie für hemmungslos Optimistische.

Aber was will ich eigentlich damit sagen?

In dieser Saison spielt die Borussia letztmals am Bökelberg. Und genauso letztmals stehe ich also an diesem 27. September 2003 auf den Stehstufen der Südtribüne, Block 34. Es ist immer noch so steil und so gefährlich, dass ich erneut meine Schienbeinschoner und Schulterpolster vermisse. Viermal habe ich mit Bochum schon hier gespielt. Ein Sieg, ein Unentschieden, zwei Niederlagen – und die fielen mit 2:6 und 1:7 auch noch ziemlich heftig aus. Apropos 1:7: Das war eben jenes erste Spiel in Gladbach, im Oktober 1994. Der Kreis schließt sich.

Damals war Thommy, mein Bruder, auch dabei. Ich weiß noch: Jürgen Gelsdorf saß noch auf der Bank, und keine zwei Wochen später flog der mit einem 150-km/h-Arschtritt raus. Toppi kam, aber Bochum musste trotzdem wieder in Liga zwei runter. Aber das ist längst vorbei. Auf der Hinfahrt geht es an Rheinhausen vorbei, an Viersen, zwischendurch Krefeld, der Zug ist voll, Marrit (Thommys Freundin) begleitet uns bis kurz vors Stadion. Aber rein? Nee, darauf hat sie keine Lust. Sie ärgert sich ein wenig über die am Bahnhof hektisch werkelnde Polizei, aber geschenkt. Für erfahrene Stadion- und Demobesucher ist das bitterer Alltag. Tschuldigung, bitterster Alltag. Erstmals seit langer, langer, langer Zeit oder vielleicht sogar erstmals überhaupt fahre ich mit dem VfL in der 1. Bundesliga zu einem Auswärtsspiel und bin Favorit. „Es ist geradezu peinlich, wenn wir das nicht gewinnen“, ist der bestimmende Gedanke. Gladbach hat viermal in Folge verloren, dazu noch den einen Trainer (Lienen) etwas unsanft durch den nächsten (Fach) ersetzt. Wir stehen – siehe Hertha-Spiel – mitten im mittelsten Mittelmaß. Mein Telefon wird mal wieder zu einer vibrierenden Kommunikationsmaschine. Dirk aus München teilt per SMS mit, dass er „bei Oddset eine saubere 2 gesetzt hat“. Marc, ein Kollege aus Mülheim, möchte wissen, ob der VfB Speldorf den Trainer Kurth schon rausgeschmissen hat (Antwort: „Nee!“). Sam ruft an, und wir verabreden uns fürs Stadion, und Thommy, der mit Marrit noch ein wenig länger durch die niederrheinische Metropole schlenderte, möchte wissen, wo wir uns genau befinden. „Hinter dem Tor, zehn Meter links vom linken Pfosten, am Zaun. Und pass auf! Ist ganz schön steil hier!“ Ein Auswärtsspiel mit Sam – das ist nun wirklich eine Premiere.

Bis zum Anpfiff sinds noch ein paar Minuten. Sam erzählt, wie er von VfL-Manager Dieter Meinhold mit einem der französisch sprechenden Profis verwechselt wurde: „Ich bin mit meinem Hyundai am Ruhrstadion vorgefahren und wollte eigentlich nur parken, um mir ne Gladbach-Karte zu holen. Auf einmal haben die mich bis auf den Spielerparkplatz durchgewunken. Bin dann ausgestiegen – und dann kam der Meinhold und hat „BONJOUR“ zu mir gesagt.“ Hihi… kennt der seine eigenen Spieler nicht. Lässt ja tief blicken. Die Gladbacher Mannschaft ist an Namenlosigkeit nicht zu überbieten. Unser Trainer wird derbe ausgepfiffen, weil er den Gladbacher Trainerwechsel als „unseriös zum Quadrat“ bezeichnet hat. Die ULTRAS zünden eine Rauchbombe nach der nächsten und fühlen sich toll. Auch hier: geschenkt. Mittlerweile wäre es ein Gewinn, wenn sich die Ultras auflösen, oder mal was wirklich originelles einfallen lassen würden. Jeder der 18 Bundesligaklubs (außer Freiburg vielleicht…) hat jetzt einen dieser Fanklubs. Die Choreographien sind gleich, die Sprüche sind gleich, die Feinde sind immer die lokalen Nachbarn, irgendein Einpeitscher sitzt mit Megaphon auf dem Zaun, auswärts werden Rauchbomben gezündet. LEUTE, SEID KREATIV! Ihr fühlt Euch doch immer so toll! Lasst Euch was einfallen!!! „Und wo ist der Rest von Euch? Aufm Eierberg?“ lautet ein Gladbacher Transparent. Das zählt mal wieder zur Rubrik „Fußball-Sprachromantik“, löst aber doch einen gewissen Schmunzel-Reflex aus. Sam antwortet: „Wir haben wenigstens ein Rotlicht-Viertel“, andere stimmen etwas trotzig „Bochum-Eierberg, schalalalala“ an.

Gebt’s zu: Als Ihr auf das Ergebnis und die Länge des Textes geguckt habt, da sprang Euch bestimmt der Gedanke: „Man, war das ein geiles Spiel! Vier Tore! Und so viele Zeilen!“ ins Hirn. Nee, war’s aber nicht. Es war ein absolut merkwürdiges Gegurke, mit einer Mannschaft, die froh sein kann, wenn sie mit Glück 15. wird (Gladbach) und einer anderen (Bochum), die es in keiner Phase verstand, die Unfähigkeit des Gegners auch nur ansatzweise auszunutzen.

Alle vier Tore fallen aus dem Nichts, die beiden Torhüter Stiel und van Duijnhoven müssen nicht einmal ernsthaft eingreifen. NICHT EINMAL!!! Die besonderen Ereignisse beschränken sich darauf, dass wir (Sam hatte noch zwei Freunde dabei) in fünf Minuten eine Joghurt-Gum-Tüte leerfegen und dass Sam zwei Brezel verdrückt. Das ist’s auch schon. „Man wie schlecht“, sagt Thommy immerzu.

Halbzeit eins: Spiel fängt an; Thoddi Gudjonsson patzt am gegnerischen 16er, läuft dann 70 Meter neben seinem Mann (Sverkos) her, bis Oliseh ein Einsehen hat und den Sverkos derbe von den Beinen holt. Hmm… leider in Strafraumnähe das ganze, zack, Elfmeter, van Lent, 1:0. Wow, keine fünf Minuten hat es gedauert, bis der Gegner das Selbstbewusstseins-Oberwasser hat. In den restlichen 40 Minuten der ersten Halbzeit ärgere ich mich schwer darüber, keinen Schlafsack bei mir zu tragen. Unser Mittelfeld ist nicht vorhanden. Gudjonsson patzt am laufenden Meter, Zdebel und Oliseh sind gar nicht zu sehen, an Wosz läuft das Geschehen vorbei. Da fällt sogar der Vriesde, der für Fahrenhorst in der 15. Minute eingewechselt wird, nicht negativ auf. Und das bei Gladbach… einer Mannschaft, die zwar engagiert zu Werke geht, es nicht hinbekommt, den Ball über drei Stationen unfallfrei laufen zu lassen. Ein Tipp-Kick-Spiel. Langer Ball, abgewehrt ins Seitenaus. Einwurf, Zweikampf verloren. Ball in die andere Hälfte schlagen. Und von vorn, unglaublich hohe Fehlpassquote. Keine Bewegung, keine Spritzigkeit, Grottenkick. Spielnote 5, glatt.

Und das schlimme: In der zweiten Hälfte geht das genauso weiter. Dann Freistoß Oliseh, 60. Minute oder so, ich hab jedenfalls schon den Abpfiff herbeigesehnt, Momo Diabang mit dem Fuß, 1:1. Wie aus dem Nichts Teil 2. Es ist ein „Es hat keinen Sieger verdient“-Spiel. Und es ist ein 1:1-Spiel. Dann Freistoß Oliseh, selbes Spielchen, Kopfball Madsen, 1:2, ne Minute vor Schluss. Und wir haben noch gewitzelt: „Stellt Euch vor, jetzt machen die den rein und wir gewinnen das Dingen!“ Tja, das Dingen ist so gut wie gewonnen, aaaaber unser Abwehrtalent Anton Vriesde ist nunmal auf dem Platz. Der ist in der 93. Minute bei van Lents 2:2 das Ende einer grandiosen Fehlerkette. Zunächst passt der ansonsten beste Bochumer Kalla ohne Not zurück auf van Duijnhoven (Fehler 1), dann nagelt der den Ball völlig überflüssig ins Seitenaus (Fehler 2). Dann lässt irgendeiner, vermutlich Colding, den Ketelaer ungehindert flanken (Fehler 3) und schließlich steht Vriesde falsch (Fehler 4). Vier Fehler innerhalb von 20 Sekunden. Es passt zum Spiel. Nichts geht, irgendwie und Fehler über Fehler über Fehler. Auch auf den Rängen gehts 90 Minuten lang recht leise zu. Und doch, tja und doch nimmst Du einen Punkt mit.

Abpfiff. Tschüss Bökelberg. Nach Hause. Regionalexpress. Eine verkrachte Existenz treffen. Von ihr sagen lassen, wir hätten „unsere Füße in Tretstellung“. Mag nicht drüber nachdenken. Mitgefühl. Umsteigen in Duisburg. Text fertigmachen. Und das schnell. Jetzt geh ich nämlich ins „Pulp“ nach Duisburg, meine „Abhol-Kolonne“ kommt in fünf Minuten. Das 2:2 feiere ich dabei nicht. Auswärts einen Punkt geholt und mit nichts und niemandem zufrieden. Merkwürdig!

Darauf eine Cola!

Tschökes!

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Magath schlägt Schalke

Für DerWesten und die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen habe ich aus Wolfsburg über das Bundesligaspiel VfL Wolfsburg gegen FC Schalke 04 (2:1) in der Saison 2011/2012 berichtet.

Zur Schalker Einzelkritik („Höger und Fuchs enttäuschen“) mit ausführlichen Begründungen geht es hier – geschickt habe ich den Text unmittelbar nach dem Schlusspfiff für DerWesten und später für die Lokalredaktion etwas gekürzt. Meine Noten vorab: Fährmann (4)-Höger (5), Höwedes (3,5), Matip (2), Fuchs (5)-Papadopoulos (3,5), Holtby (3,5)-Farfan (2,5), Raúl (2,5), Draxler (4,5)-Huntelaar (4,5). Eingewechselt: Marica (4)

Eine Meldung über die Schalker Kritik an Schiedsrichter Deniz Aytekin gibt es hier. Dieser Text erschien auch in der WAZ-Lokalausgabe Gelsenkirchen.

Eine Meldung über die Verletzung von Schalke-Torwart Ralf Fährmann mit einer in der Mixed Zone gesammelten Stimme geht es hier.

Alle Stimmen zum Spiel – gesammelt in der Mixed Zone und bei der offiziellen Pressekonferenz („Rangnick vermisste das Gift bei Schalke“) – geht es hier.

Zu einem in der Mixed Zone aufgezeichneten Gespräch mit Horst Heldt geht es hier.

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Witzischkeit kennt keine Grenzen – 13. Dezember 2003 – VfL-Frankfurt 1:0

Im letzten Heimspiel im Jahr 2003 traf der VfL auf Eintracht Frankfurt und gewann glücklich mit 1:0. Ich schrieb für mein Blog einen kurzen, ganz kurzen, nein doch, eher mittellangen Bericht unter der Überschrift „Witzischkeit kennt keine Grenzen“ – mit der Unter-Überschrift: „Fußball wie im Aquarium in Brasilien“.

So geht der Text:

Ich hasse solche miesen, fiesen, gemeinen, ekeligen Herbsttage.

Es ist früh am Morgen, „Da Draußen“ von Fettes Brot schallt per EinsLive aus dem Lautsprecher, und YEPP ein neuer Tag beginnt. Ach Du Scheiiiße Andi, bleib doch lieber liegen. Der Wecker zeigt 11.15 Uhr an, und trotzdem brauche ich einen Flutlichtmasten, um meine Wohnung zu erhellen. Es ist so verdammt dunkel draußen, und es regnet. Ununterbrochen. Und heftig. Auf dem grünen Rasen im Hinterhof bilden sich schon Pfützen, und ich selbst fühl mich verpeilt. War ein langer Abend gestern, mit netten Leuten im KKC an der Uni Essen – und nachts fahren die Bahnen im Pott nicht mehr so regelmäßig… Warten, kann nicht einschlafen, dann doch. Und jetzt müde, kaputt, viel zu tun. Dann noch Regen, kein sonderlich attraktiver Gegner. Knall Dich zurück ins Bett Kollege. Ist besser so.

*Ringelingeling*

… Telefon …

Bruder Thommy meldet sich ebenso verpeilt, war ebenso weg gestern Abend, hat ebenso den Arsch voll zu tun, und er tut es. Er kneift! Kneift einfach so! Boah – und dann auch noch ohne Thommy?

Gefahren bin ich dann doch.

NATÜRLICH bin ich gefahren, was dachtet Ihr denn?

Aber solche Herbsttage sind wirklich doof.

Im Regen strahlt das Ruhrgebiet keinen besonderen Charme aus. Im Regen strahlt für mich glaub ich keine Stadt der Welt irgendeinen Charme aus. Einen Schirm habe ich nicht dabei (selbstverständlich nicht, ist ja überdacht), und trotz der Regenjacke tropft es überall. Die Hose ist nass, die Schuhe, iiiiihhhhh… brrr…. So beginnt mein Spiel so richtig erst ne Viertelstunde vor dem Anpfiff, als ich feststellen muss, dass durch die Sturmböen die Überdachung so gut wie gar nicht hilft und wir uns mitten im Regen befinden. Wir? Gerd! Krüger! Noch n paar andere Köppe; und Sam samt Freundin! Yeeaahh, nach vier Wochen Pause hat Sam seinen Arsch mal wieder ins Stadion bewegt und – als ob er´s geahnt hätte – unser aller Liebling Anton Vriesde („Fußball-Gott“) spielt sogar von Beginn an. Unser Motto ist klar: Bei einem solchen Sauwetter hilft nur Lachen. Oder wie der Hesse sagt: Lustisch sein. Denn hessisch ist heute die Nebensprache bei uns im Pott: Eintracht Frankfurt, der Trümmerhaufen der Bundesliga, kommt. Keine Ahnung, wie die schon an zwölf Punkte gekommen sind, spricht nicht grad für die Liga. Und weil wir mit 22 Punkten für unsere Verhältnisse sensationell gut dastehen, können wir uns sogar einen kräftigen Schuss Überheblichkeit erlauben. Schon nach zwei gespielten Minuten wollen wir „Einer geht noch rein“ anstimmen, obwohl es noch 0:0 steht. Dass eine Grippewelle die Mannschaft heimsuchte, der Platz schwer bespielbar ist: kein Thema für uns. Unter 4:0 geht nicht. Etwas zu überheblich scheinen unsere Jungs auch zu sein. Chris (9.) und Beierle (10.) haben innerhalb von 30 Sekunden zwei Riesendinger für Frankfurt auf dem Kopf, und der von Beierle war sogar hinter der Linie, wie wir alle vermuten.

Puuh, was isn hier los?

Erst danach geht es in die andere Richtung – und als ob es die Frankfurter noch nicht gewusst hätten: Wir setzen auf unsere Standardsituationen, erarbeiten uns Freistöße und Ecken in Serie. Eine davon sitzt, 22. Minute, Hashemian per Kopf. Und HEY – der Vahid kriegt sogar seinen eigenen Sprechchor: „Va-hid-Va-hid-Va-hid-Ha-she-mi-an“! Grenzenloser Jubel, hüpfen vom einen Bein aufs andere – nee, das ist es nicht, bei so einem mehr oder weniger standesgemäßen Tor. In den letzten 68 Minuten warten wir darauf, dass bei unseren Jungs der Groschen fällt. Nur einen einzigen winzigen hellen Moment gibt es, als Hashemian kurz nach der Halbzeit das Leder an den Innenpfosten schlenzt. Ansonsten drückt – oh Wunder – Frankfurt: Couragiert, mehr Torschüsse, bessere Zweikampfwerte, die größeren Spielanteile. Und ja, ich gestehe, ein Unentschieden entspräche viel eher dem Spielverlauf. Doch wie´s so ist in einer glücklichen Situation: Wir schaukeln das Ding in bester Abstiegskampf-Manier (einfach den Ball nehmen und auf die Tribüne jagen) irgendwie über die Zeit. Egal, dass Bönig links hinten dringend die Winterpause braucht, dass Edu nach neun Minuten schon wieder ausgewechselt wird, dass der Freier der schlechteste Bochumer ist, dass der Wosz anscheinend nur noch Luft für 60 Minuten hat.

Abpfiff und die Jungs halten das Transparent „Die Nummer 1 im Pott seid Ihr!“ hoch. Fünfter Platz, und das nach dem letzten Heimspiel im Jahr 2003. Was für ein Fußballjahr im Ruhrstadion geht vorbei! Am Ende stehen parallel Anton Vriesde, Michael Bemben, Andre Wiedener, Oka Nikolov und Uwe Bindewald auf dem Platz. Und sowas nennt sich Bundesligaspiel. Noch Fragen zum Spielniveau?

Wir halten während des gesamten Spiels mit lustischen Scherzen die Stimmung aufrecht. Die sind alle so lustisch, dass ich aus dem Lachen gar nicht mehr herauskomme. „Ist ja wie in Brasilien hier“, brüllt Sam in einer philosophischen Phase zwischendurch. „Brasilianisches Wetter. Und erst recht brasilianisches Spielniveau!“ Gerd wünscht sich eine eigene Überschrift, in selbigem Philosophie-Anfall: „Fußball wie im Aquarium!“ Es wird nicht ganz zur Headline reichen.
Und wenn an einem VfL-Nachmittag Witzischkeit keine Grenzen kennt, dann ist Straßenbahnfahrer Stephan aus Mülheim nicht weit. In der 308 zurück Richtung Hauptbahnhof treffe ich den 2,05-Meter-Koloss, bitte ihn bei der gepflegten Currywurst-Pommes-Majo zu einem Gespräch über Straßenbahnen, den VfL und die F2-Jugend von Tuspo Saarn. „Weisse“, rechnet er vor, „wenn wir damals das DFB-Pokalspiel gegen Lautern gewonnen hätten“ (die Elfmeter-Schmach aus dem Februar, Ihr wisst schon), „dann würden wir jetzt im UEFA-Pokal gegen Celtic Glasgow spielen. Weil: Teplice und Feyenoord Rotterdam, die hätten wir doch weggetan, oder?“ Spricht’s aus, guckt mich an und prustet los. „Aber nächstes Jahr… wer weiß….?“

Heute sind die ganz normalen Alltagswünsche wahr geworden. „Was ist Dein Hobby?“, wurde ich gestern irgendwo bei einem Termin gefragt. Da stutzte ich, überlegte ein paar Sekunden und konnte – so schlimm es auch ist – nur zwei Sachen antworten: „Die Homepage und der VfL!“ Wenn beides aufeinander trifft, und ich noch über einen Sieg und gute Stimmung berichten darf, dann bin ich rundum zufrieden.

Und ich mach mir beim Aufstehen noch Gedanken…

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