Die Nummer 1 im Pott sind wir – 26. Oktober 2003 – VfL-BVB 3:0

Oh ja, dieses Spiel gehört zu meinen persönlichen „Top 10“. Ich nahm am Sonntag, 26. Oktober 2003, körperliche Strapazen auf mich, unterbrach gegen den Willen meiner damaligen Chefin einen Arbeits-Sonntag, radelte nach dem Verbandsligaspiel zwischen Union Mülheim und Rot-Weiß Oberhausen II in Rekordgeschwindigkeit zum Mülheimer Hauptbahnhof, und dann nach einer kurzen Zugfahrt vom Bochumer Hauptbahnhof zum Stadion. Immer Castroper Straße rauf. Und sah dann dieses unglaubliche Wahnsinnsspiel. Bochum drei, Dortmund null. 90 Minuten pure Fußball-Ekstase. Ein völlig durchdrehender Sunday Oliseh nach einem genialen Freistoßtor. Meine Mama mitten im ausverkauften Stadion.  Eine Woche nach dem Derbysieg auf Schalke der nächste Triumph.

So geht der Text vom 26. Oktober 2003:

Blicke in die Augen von Dirk. Von Sam. Von Daniel. Von Mama. Von Gerd. Von Thommy.

Blicke aufs Feld, auf die Anzeigetafel, auf die imaginäre Bundesliga-Tabelle im Hinterkopf.

Umarmt mich Leute, packt mir auf den Schädel, durchwühlt meine Haare, hört meine Rufe, „yeeeeaaaaaah“, „jaaaaaaaaaaaaaaaa“ undsoweiter und mehr und mehr, umarmt mich einfach, drückt mich feste! Das ist der absolute Wahnsinn. Ich kann es nicht glauben. Kann es einfach nicht glauben. Will es nicht wahrhaben. 3:0 gegen Borussia Dortmund.

Zurückspulen.

Union 09 Mülheim hat vier Spiele in Folge nicht verloren. Und nun kommen die Amateure von Rot-Weiß Oberhausen zur Mülheimer Südstraße. Gestern noch hab ich den Trainer Bachmann angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ich früher „abhauen muss, aus privaten Gründen“ (nicht gelogen, oder?) und deshalb die Pressekonferenz schwänze. Nun ist es 16.41 Uhr. Die mit fünf Profis unfair verstärkten Oberhausener führen sensationell hoch mit 2:1, es ist beinahe peinlich, und zappelig sitze ich auf der Tribüne. Bis ich es nicht mehr aushalte. Die 84. Minute läuft, und ich verschwinde. Ich sprinte in Richtung Fahrrad, halte kurz inne, um den Fahrplan vor mir abzuspulen, springe beschwingt aufs Rad und trete in die Pedale. 16.41 Uhr. Ich fühle mich wie in einer Werbepause der fantastischen TV-Serie „24“, in der 24 Stunden in Echtzeit ablaufen. Eine Uhr läuft mit, die Sekunden schlagen im Takt, mit einem unverwechselbaren Geräusch. Wie steht es bei Union? Ist doch scheißegal. Hauptsache, dieser Scheiß-Regionalexpress kommt pünktlich.

Zwei Minuten Verspätung. Ich hab ihn noch erwischt und kann sogar noch die Zusatz-Fahrradfahrkarte abstempeln. Der Zug ist voll. Telefonat mit dem Union-Stadionsprecher: Es ist beim 2:1 geblieben; puh, zum Glück nichts verpasst. Warum bleibt denn jetzt dieser verdammte Zug stehen, in der Nähe von Essen-Kray? „Nächster Halt – Essen Hauptbahnhof“, „Nächster Halt – Wattenscheid“, „Nächster Halt – Bochum Hauptbahnhof“. Na endlich. Und der Takt schlägt monoton, 17.07 Uhr. SMS an Gerd: „Ich befinde mich im Anflug auf Bochum Hauptbahnhof! Macht schon mal Platz!“ Die Sekunden verrinnen. Schaffe ich es pünktlich zum Anpfiff? Oha, wie lange bin ich nicht mehr zu Fuß vom Hauptbahnhof bis zum Stadion gelaufen? Wo muss ich langfahren? Was für ein Stress. Strampeln. Erinner Dich an Udo Bölts, der Jan Ullrich einst bei der Tour „Quäl Dich, Du Sau!“ zubrüllte. Ich quäl mich und erblicke am Horizont die Fluchtlichtmasten. Ich hab es geschafft, und als ich das Stadion erreicht habe, läuft „Mein VfL“ mit der Zeile „Du hast alles hergegeben“. Oh ja, wie wahr. Egal, ob mein Fahrrad geklaut wird oder nicht; ich schließ es irgendwo ab. Ich will nur noch dieses verdammte Spiel sehen.

Super, die Kamera geht mit durch. Kontrolliert werde ich kaum. Ein Maschinengewehr hätte ich problemlos reinschmuggeln können. Oh scheiße ist das voll. Da kann ich mich niemals bis zu meiner VfL-Sippe durchboxen.

Versuch’s aber. „Mit der Nummer eins REEEEEIIINNNNN…“ „VAN DUIJNHOVEN!!!“ Pünktlich. „V-F-L; V-F-L“! Ich sehe sie. Der Dirk aus München ist da. Der Sam ist da, die Schals sind alle da. „Tief im Westeeeen, wo die Sonne verstaubt!“ Der Revier-Schlager. Der zweite in sieben Tagen. Egal, dass ich völlig ausgelaugt bin. Vergessen die Strapazen. Bin da, bin da, bin da. Anpfiff, Bönig über links, siebte Minute, Flankeeeee, Flugkopfball, TOOOOOOOR, TOOOOOOR, TOOOOOOR, wer war’s? Hashemian? Hashemian!!!!! TOOOOOOOORRRR! JAAAAA! Yeaaahhh! Ist das nicht der Wahnsinn? Der pure Wahnsinn? „I will survive“ läuft durch die Lautsprecher! La-la-la-la-laaaaa-lalalalala-laaaaa- undsoweiter. Klatsche in meine Hände, wie 30.000 andere. Wie schnell ist man als Fan doch geneigt zu sagen, es handle sich um ein „intensives“ Derby. Ja, das ist es. Wir sind seit zwei Spielen ohne Gegentor, haben zwei Spiele in Folge gewonnen, sind fünfmal unbesiegt. Das ergibt alles addiert eine breite Brust. Für mich wäre das der 100. Sieg in meiner VfL-Laufbahn, das nächste Tor wäre das 400.! 400-mal aufspringen, schreien, jubeln. 400 orgastische Erlebnisse. „Die Nummer eins – die Nummer eins – die Nummer eins im Pott sind wiiiiiiiir!!!“ Nach einem Sieg auf Schalke und einer Führung gegen den BVB dürfen wir sowas schonmal singen.

Doch: Ewerthon schießt knapp vorbei. Ricken führt einen Freistoß schnell aus – daneben. Glüüüüüüück für uns. Intensiv? Da war doch was. 32. Minute, was rotes pappmäßiges leuchtet in den Abendhimmel – eine Karte? Irgendwie verschwindet der Kehl in den Katakomben. Auf Wiederseeeeehn. „Der hat dem Zdebel in die Eier getreten“, klärt Helmut per sms auf. Ich will es an Dirk aus München weiterleiten, aber Scheiße, der steht doch neben mir… Wie geil! „Jetzt müssen wir uns entscheiden: AC Milan, Real Madrid oder wen wollen wir haben?“ witzelt Sam. Ich rege mich derweil tierisch über den Champagner-Charakter der BVB-Fans auf, die 500 Karten zurückgeschickt haben. Zu Hause 80.000 im Schnitt und auswärts nach Bochum (15 Kilometer weiter) kriegen die nicht mal 2.800 zusammen! Halbzeit. Hat sich irre gelohnt.

45 Minuten noch. Wie gegen Lautern vor zwei Wochen: Überzahl – und diesmal führen wir noch dazu. Buckley für Diabang, Buckley frei vor dem Tor, 48., das wäre es doch gewesen. Es ist lauter als auf einem Flughafen, im Augenwinkel entdecke ich, dass Dirk kurz davor ist, bei einem dieser unsäglichen „BVB-Hurensööhne“-Sprechchöre mitzuträllen. Hat er? Weiß ich nicht. Ich überlege derweil, ob ich Gerds erneuten „Titten“-Ruf für die Cheerleaders in diesen Text einbaue (was hiermit getan wäre…), schreibe zeitgleich eine sms an einen im Urlaub weilenden Schalker, um ihn mit dem Zwischenergebnis zu beglücken und unterbreche diese Gedanken. Es passiert zu viel auf dem Platz, viele Grätschen, schöne Pässe, wir haben den BVB im Sack.

Und wie: Buckley auf links, flaaankt, der Hubschrauber frei, TOOOOOOOOOOOOOOR, Tor-Pogo, endlich mal wieder so richtig geil, hoch, runter, auf und ab, Mama lebst Du noch? Sie lebt, Küsschen, 2:0. „OOhhhhh, wie ist das schöööön, sowas hat man lange nicht gesehen“… „DIE NUMMER EINS IM POTT SIND WIIIIIIIIRRRRRR – DIE NUMMER EINS IM POTT SIND WIIIIIIRRRRR!“ Es ist glücklich gelaufen. Wie in den letzten Spielen auch. Wer oben steht, hat nun mal dieses Quäntchen. Hätte nie gedacht, dass ich diese 5-Euro-Phrase wirklich im Zusammenhang mit dem VfL erwähne. Niemals.
Rest geht unter. Oliseh versenkt noch einen Freistoß links unten zum 3:0, dreht völlig durch. So einer geht von dem auch nur in diesem Spiel rein, in keinem anderen sonst. Jetzt brechen alle Dämme und ich denke gar nichts mehr.

Blicke. In viele Augen.

Viele glückliche.

* * *

Und wie analysiert der „kicker“ das Spiel?

PERSONAL:

Trotz der bisher guten Heimbilanz baute der Ostkurvenblock P seine Besetzung um. Neben dem Dreierblock Sam-Thommy-Andi feierten Dirk und Daniel ihr überraschendes VfL-Comeback nach langer Fehlzeit. Nach dreiwöchiger Pause kehrte Gerd in die Anfangsformation zurück. Als Dirigent wurde Mama Ernst aufgeboten.

TAKTIK:

Gerd sollte in den oberen Reihen des Fanblocks die Übersicht behalten und seinen Vater – BVB-Fan – beruhigen. Thommy hatte gleich mehrere Aufgaben zu erfüllen. Erstens: Mama Ernst zum Sehen zu verhelfen (was bringt ein Dirigent, wenn er nicht aufs Feld blicken kann?). Zweitens und drittens: Unterhalten mit Harald und Dirk. Sam, Dirk, Daniel und Andi sangen drei Treppenstufen unter Gerd mit voller Kraft. Alle zusammen sollten „V-F-L“ schreien bis zur Heiserkeit.

SPIELVERLAUF:

Nicht nur die Spieler können 90 Minuten Vollgas geben, sondern scheinbar auch die Fans. Von der ersten Sekunde feuerte die Ostkurve in diesem heißen Derby mutig-offensiv an, gegen überraschend tief gestaffelte und zurückhaltende Dortmunder. Mit dem Vorsprung stiegen Kreativität und Stimmkraft. Nach dem 3:0 zehn Minuten vor Schluss war es ein kompletter Selbstläufer.

FAZIT:

Ein unvergesslicher Fußball-Abend mit einer wohl einmaligen Fan-Besetzung. Tolles Spiel, Riesen-Stimmung, da passte alles.

FAN DES SPIELS:

Dirk aus München.

Nach zweieinhalb Jahren Pause mal wieder im Ruhrstadion und dann direkt dieser Knaller. Das nenn ich Riecher.

* * *

Es regnet nach dem Abpfiff. Ganz langsam setze ich mir die Kapuze meines gleichnamigen Pullis auf, um gleich im nächsten Moment „Ach scheiß drauf“ zu denken. Hey, mein Fahrrad ist ja sogar noch da. Ich springe über die Barriere zwischen Bürgersteig und Straße, laufe in Richtung Straßenbahn-Haltestelle und muss mich kneifen, um nicht aus Tradition in die 308 zu steigen. Die Straße ist nass, Blätter liegen darauf, oha, das kann ja eine Fahrt bis zum Hauptbahnhof werden. Menschenmassen drängen sich über die Castroper Straße, Blätter sorgen für einen Glitschfilm, es regnet. Aber kein Problem: In völliger Trance umkurve ich alles, was sich mir in den Weg stellt. Parkende Autos, fahrende Autos, stehende Menschen, laufende Menschen, Glückliche, Traurige; und zum Schluss umkurve ich sogar mein eigenes Hirn. Es ist so wahnsinnig. Am City-Grill warte ich auf den Rest der Gruppe, verabschiede mich kurz und verschwinde im Dunkel des Regionalexpresses. Aus der Entfernung erklingen immer noch die „Die Nummer eins im Pott sind wir“-Rufe, und es ist keine Einbildung. Nein, es ist der Sprechchor des Abends. Es kommt die Zeit, sich in Ruhe mit all diesem Knubbel von Emotionen zu befassen, ihn zu entwirren, auseinander zu fummeln. Was für eine Tortur. So eine habe ich noch nie mitgemacht, so eine werde ich nie mehr mitmachen. Alles war so eng, ein so enger Zeitrahmen, und doch ist es gut gegangen. Wenn ich dieses Spiel verpasst hätte, dann hätte ich da jahrelang dran zu knabbern gehabt. Wir sind Sechster, haben unser Punktesoll für die Vorrunde erfüllt. Und es sind weitaus mehr Gedanken als diese drei.
Als Überschrift für den 94-zeiligen Artikel über Union werde ich wohl irgendwas mit „Verstärktes Amateurteam setzte sich knapp durch“ oder so wählen.

Aber es ist mir so egal.

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17. Mai 2002 – Duisburg 1900-Speldorf 2:1 n. V. – „Kollektives Kopfschütteln“

Für den Bericht zum Niederrheinpokalspiel zwischen Duisburg 1900 und dem VfB Speldorf hatte ich volle zwei Tage Zeit. Aufgrund eines Streiks der Drucker fiel im Mai 2002 die aktuelle Berichterstattung von Abendspielen aus. Ich nannte den verspäteten Text „Kollektives Kopfschütteln“.

Hier geht es zum Text:

Oh je, VfB! Ein Feuerwerk zum Abschluss sollte das Kreispokalspiel des Fußball-Verbandsligisten VfB Speldorf beim Bezirksligisten Duisburg 1900 werden – ein Fiasko wurde es. Der VfB unterlag mit 1:2 (1:1, 0:0) nach Verlängerung und schied in der sechsten Runde aus.

Ob Trainer Axel Benzinger, die zwölf eingesetzten Spieler oder die wenigen Speldorfer Fans unter den 80 Zuschauern – alle schüttelten nach dem Abpfiff minutenlang den Kopf. Was für eine Blamage!

In den regulären 90 Minuten schafften es die Grün-Weißen nicht, ein Tor gegen den Bezirksliga-Neunten zu erzielen. Die Duisburger hielten die Grün-Weißen mit einfachsten Mitteln in Schach. Sie griffen erst ab der Mittellinie an und bildeten zuweilen eine Zehn-Mann-Abwehrkette. Die Offensive war ihnen egal, meist schlugen sie den Ball auf die angrenzende Düsseldorfer Straße. Den Speldorfern fehlten die spielerischen Mittel und die Einstellung. Endlose Ballstafetten, zahlreiche leichte Fehler; es passte nichts, trotz 80 Prozent Ballbesitz. Sogar in der regulären Spielzeit hatte Duisburg die beste Chance: Achim Kreische traf die Latte (62.).

In der Verlängerung saßen die Duisburger Konter: Kreische erzielte das 1:0 (98.). Drei Minuten später glich Edin Karasalihovic aus. Kurz darauf traf Martin Hoffterheide die LAtte (103.). In der 109. Minute schoss Kay Lohmann das umjubelte 2:1-Siegtor für die tapferen Duisburger.

Auf der Tribüne verfolgte Neu-Trainer Frank Kurth das schwache Spiel. Zunächst unterhielt er sich mit dem VfB-Vorstand über den neunten Zugang Fuat Güngör (22). Den Defensivspieler bringt er vom Landesligisten RW Essen II mit. Später zählte auch er zu den Kopfschüttlern. Bei einem Sieg wäre das folgende Niederrheinpokalduell sein erstes Pflichtspiel als VfB-Trainer gewesen.

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It’s derby-time

Am 10. September 2002 bloggte ich über das Revierderby zwischen Tabellenführer VfL Bochum und Titelverteidiger Borussia Dortmund. Nach 90 Minuten stand’s wie nach einer Sekunde, 0:0, der VfL musste fortan die Spitzenposition mit dem FC Bayern teilen. Zehn Punkte nach vier Spielen in der 1. Bundesliga hatte der VfL vorher nicht und nachher nie wieder. Und unsere Gegner waren u. a. der Meister und der Vize-Meister…

Ich nannte den Text „It’s derby-time! Eine würzige Soße mit einer Prise Philosophie“

Pssst… „Ran“ läuft grad bei SAT.1! Bayern gegen 1860, das Münchner Derby. „Teufelskerl Jentzsch“ brüllt Thomas Herrmann ins Mikrofon, und „formidable Bayern“. Oh, ich muss mal kurz zum Telefon, es klingelt. Mein Kumpel Helmut ist dran, morgen fahren wir unsere 30-km-Radtour, alles klar.

– War Bochum schon bei „Ran“

– War schon!

– Und?

– Dortmund besser, hamse gesagt.

– Aha.

Pssst…. nicht stören! Muss mich jetzt auf den Text konzentrieren.

Wisst Ihr, jeder Journalist schreibt lieber über ein 3:3 als über ein 0:0. Manche 0:0-Spiele sind so langweilig, dass Du nicht die geringste Ahnung hast, wie Du darüber 80 bis 100 Zeilen verfassen sollst.

Bochum gegen Dortmund – jawoll, das ist auch 0:0 ausgegangen. Aber ich habe hier den großen Vorteil, keine vorgegebene Zeilenzahl ausfüllen zu müssen. Und zweitens: Es war ein gutes 0:0, ein schönes, schnelles, spannendes.

Doch Schluss mit dem Journalisten-Gefasel!

Und doch, einen goldenen Vergleich muss ich doch noch entwerfen: Fußball-Fan zu sein ist genauso schwierig wie Torwart zu sein. Glaubt man Olli Kahn, dann ist er – selbst wenn er keinen Ball aufs Tor bekommen hat – immer total kaputt. Das habe mit der Konzentration zu tun, pflegt er in die Mikros zu zwitschern. Aha. Und bei mir? Ich bin – selbst wenn kein Tor gefallen ist – nach jedem Spiel total kaputt. Der Nervenkitzel.

Nun ist aber wirklich gut mit Philosophien und ich gewähre Euch Einlass in das große Gebäude meines Seelenlebens am 10. September zwischen 18 und 23 Uhr. Oh man, das war ganz schön stressig, kann ich Euch sagen. Erst um 17.15 Uhr noch so ein Interview für die Stadionzeitung des VfB Speldorf mit Fußballtrainer Frank Kurth führen (in welchem ich meine Technik perfektionierte; ich schaffte es, meine Fragen und die Antworten genau zu protokollieren, ohne zu wissen, worüber wir sprechen – die Gedanken waren halt ganz woanders…) … nämlich beim VfL. Mit dem Rad von Speldorf nach Hause (für die Nicht-Mülheimer: 5 km), Dariusz-Wosz-Trikot an, Pullover drüber (huuuuuu, kalt und regnerisch ist’s!), ab zum Bahnhof. Treffpunkt 18.05 Uhr.

Und da wartet er schon, der gute alte Postmann, der alte Schul- und Ruderkollege; der Mann, mit dem ich mich unterhalte, obwohl er Stoiber wählt (PFUI!!!); der Mann, mit dem jede Unterhaltung gleich beginnt (der eine: „Und sonst?“, der andere: „Muss!“). Das nervt uns selbst, aber egal. Neuerdings haben wir ein neues Spielchen erfunden: Im T-Club regelmäßig donnerstags in der Turbinenhalle Oberhausen schauen wir uns gegenseitig beim Versagen zu. Er und ich – zwei Singles auf der Suche nach… tja, nach was wohl… könnt Ihr Euch denken! Weil wir eh nix gebacken kriegen, lachen wir über uns selbst. Das kann auch ganz komisch sein.

Und mit der Pappnase muss ich also die Zeit beim Spiel verbringen. Drei weitere Karten schlummern in meinem Portmonee, aber Meini, BockBock und eine Freundin von BockBock (also wer das ist, erklär ich Euch an dieser Stelle nicht! Sehr kompliziert!) kommen später, denen muss ich wohl die Karten durchs Gitter reinreichen. So eine Spielvorbereitung – lasst Euch das eine Lehre sein, liebe Noch-Nicht-im-Stadion-Gewesenen – ist ab und zu richtig anstrengend. Der Regionalexpress ist voll, du musst aufpassen, nicht zwischen die Fanfronten zu geraten, am Bochumer Bahnhof ist „lieb gucken“ angesagt (viel Polizei); zwischendurch Fahrkarte vorzeigen, mit Postmann Scheiße reden, dann klingelt das Telefon, SMS kommen an. Hui, was sollste da bloß zuerst machen?

Gut, dass es ins Stadion geht; Stadionkumpel Gerd ist schon da, und die Kurve scheiße-voll, und das um 18.45 Uhr. Man merkt, der VfL ist wieder wer und das Stadion eine halbe Stunde später pickepackevoll. Warum jetzt „Party Palmen Weiber und n Bier“ läuft, verstehe ich zwar nicht (da kommen die Erinnerungen an die Koma-Saufereien auf Malle im Oktober 2000 wieder), aber egal. Die ganze VfL-Songpalette läuft; das „Bochumer Jungenlied“, „Wir sind die Fans vom VfL“, „VfL – mein Herz schlägt nur für Dich!“ und natürlich „Bochum“; Jörg Wontorra hat es bei „Ran“ einst als Kultlied gepriesen. „Machst mit nem Doppelpass JEEEEEDEN Gegner nass, Du und Dein V-F-L!!!“ Zum Glück klappt die Kartenübergabe reibungslos, kein Ordner hat was dagegen. Mit dem später angekommenen Trio zusammenstehen, das ist aber unmöglich. Bin schon froh, neben Postmann (dessen Nachname „Post“ ist, das zur Erklärung) wieder anzukommen.

Jetzt soll’s also losgehen. Nicht mehr Schweinfurt, Reutlingen und Aachen; nicht mehr Nürnberg und Cottbus – es ist wirklich Borussia Dortmund. Mit Frings, Kehl, Metzelder, Ewerthon. Auch Jan Koller. Derby-Stimmung. Wir gegen die. Wir Kleinen gegen die Großen. Wir sympathischen Spaß-Fußballer gegen die Arroganten, die sich sowieso für was Besseres halten. Getreu dem Motto: „Mit Dir rede ich erst ernsthaft über Fußball, wenn Du auch drei Meisterschaften und einen Champions-League-Titel auf Deinem Briefkopf stehen hast!“ Ach wie verabscheue ich diese Mode-Fans. Wir gegen die. Arm gegen Reich. Tabellenführer gegen Deutscher Meister.

Und dann auch noch der Post hinter Dir („Und sonst?“, „Muss!“, „Du Versager!“, „Was macht Deine Freundin?“ „Und Deine?“ „Lass am Donnerstag im T-Club ein Glas Milch trinken!“ „Genau!“ – das sind Unterhaltungen, oder?). Nervositätsbekämpfung. Pfiff des Schiedsrichters. Die Soße des Spiels wird würzig. Viel Pfeffer ist drin. Hat aber auch einen süßen Touch. Will heißen: 90 Minuten lang geben die Spieler Gas, schenken sich nichts, graben bei beschissenem Wetter den Rasen um. Wir halten mit, wir halten wirklich mit. Gut, die Chance von Frings (Pfosten-Kopfball), die Chance von Ewerthon. Aber wir… Christiansen… och man Thomas. Sechs Mal haste schon getroffen, und heute? 32. Minute, ich hab’s genau vor mir, versenk die Kugel doch, Du stehst so frei, so blank, so frei. Aber Lehmann hält; die Nachschüsse: geschenkt. Halbzeit 0:0, verdient. Wenig Ecken, wenig echte Torchancen, keine Tore, aber prächtige Fußball-Unterhaltung.
So bleibts auch in der zweiten Halbzeit. Kein Zuschauer geht früher,

Post und ich reden gar nicht – das sind Zeichen für ein spannendes Spiel. Und das ist´s auch. In allen Videotexten Deutschlands und allen Zeitungen der Welt wird stehen: Ein 0:0 der besseren Sorte, aber beiden Mannschaften fehlte in einem Derby voller Leidenschaft die letzte Konsequenz. Spielnote 3,5 oder 4 oder sowas. Ich zittere mal wieder bis zum Abpfiff. Kalla, Fahrenhorst, stehen alle sicher. Wosz, für mich überragend. Freier hat den Dede ab und zu mal ganz schön alt aussehen lassen. Den Koller haste gar nicht gesehen. Also ein paar Personalien kann ich sogar beurteilen. Aber ansonsten bin ich nicht als Journalist da, achte nicht auf Einzelheiten, muss keine Einzelkritik verfassen.

Deshalb lasse ich es ab hier mit dem Spielbericht. 0:0. „Post, das war ein gelungener Abend!“ Keine Antwort ist auch ne Antwort. „Lass Currywurst essen gehen!“ Jetzt nickt Post. Das Trio um Meini ist längst im Auto verschwunden, nach einer kurzen Verabschiedung („Hoffe es hat Euch Spaß gemacht!“ „Ja, hat es!“) und ab in die Bahn. In der Pommesbude steht die offensichtlich minderjährige Tochter meines türkisch-griechischen Imbissbudenfreundes hinter der Theke – und der Post findet die auch noch hübsch. Gut, ganz schnuckelig, aber naja… („Versager!“) Der Tag geht allmählich zu Ende. Kaum zu glauben, wir sind immer noch Tabellenführer. Punkt- und torgleich mit Bayern nach vier Spielen. Da hätte selbst ich mit meiner großen Schnauze nicht drauf gewettet.

Pssst…

Das Video ist zurückgespult. Ich schau mir das Spiel nochmal an!

Tschüssi!

Bis zum nächsten Mal!

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11. Februar 2007 – VfL-Nürnberg 0:2 – „Horrorfilm“

Welche Mannschaft im deutschen Profifußball verliert besonders gern unverlierbare Spiele? Richtig, der VfL Bochum! 11. Februar 2007, Bochum gegen Nürnberg. Der VfL gegen die Überraschungsmannschaft (und den späteren DFB-Pokalsieger). 89 Minuten Feldüberlegenheit, 6:4 Chancen und 7:2 Ecken in dieser Zeit – und doch steht’s nach 92 Minuten 0:2. Elf Tage fiel mir nichts zu diesem Spiel ein.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Horrorfilm“ nannte und mit der Unterzeile „Elf Tage nach dem Abpfiff bringe ich es endlich zu Papier. Sensationelles Spiel – unnötig verloren. Eigene Gedanken und zwei Splitter“ versah.

Mülheim, 22.2.2007

Elf Tage sind seit dem Abpfiff unseres Heimspiels gegen Nürnberg vergangen. Elf Tage, an denen sich allein das Wörtchen „folgt“ an dieser Stelle befand. Nichts ist mir zu diesem verfluchten Abend eingefallen – und wie Ihr an meiner Homepage seht, bin ich äußerst selten sprachlos (im VfL-Tagebuch letztmals beim unsäglichen Zweitliga-0:1 gegen Offenbach). Ich weiß noch, wie sehr ich mich angestrengt habe, an diesem Sonntagmittag rechtzeitig zum Spiel zu kommen. „Mittagspause“ habe ich das in der Redaktion genannt. Ich weiß noch, wie ernüchtert ich zurückkehrte, lustlos meine letzten WAZ-Zeilen reinhämmerte, und zu meinen Kollegen lediglich flüsterte: „0:2 verloren. Saenko. 89. und 92. Minute. Aber sensationelle Leistung von uns.“ Es war unmöglich, dieses Spiel zu verlieren… Der VfL hat es geschafft.

Elf Tage sind vergangen. Das grandiose 3:1 in Bielefeld war eine Fortsetzung der tollen zweiten Halbzeit des Nürnberg-Spiels – also eine logische Konsequenz. Die DSF-Videoaufzeichnung habe ich mir inzwischen zehnmal angeschaut und ich werde sie archivieren. Wer weiß… wenn wir drinbleiben, war dieses 3:1 vielleicht der entscheidende Schritt!! Die Nürnberg-Aufnahme ist längst verschwunden. Ich habe „24“ drübergelegt, diese Serie mit Kiefer Sutherland als gnadenloser Agent Jack Bauer, der in einer Tour Terroristen umnietet. Jaja, umgenietet hätte ich am liebsten auch einige an diesem Abend…

Elf Tage. Was schreibe ich jetzt bloß an dieser Stelle? Wenig. Ich belasse es bei ein paar Splittern. Denn wenn meine Sprache versagt, dann gibt es immer noch die viel besser formulierten Sätze des Kolumnisten und VfL-Fans Biermann, der in der „taz“ seine Eindrücke schildert. Und das herrlich. Genau so war´s…

Splitter 1, taz, 22.2.2007, Von C. Biermann

„Am liebsten wäre ich aufgestanden, gegangen und nie mehr wiedergekommen. (…) Dennoch dauerte es ein wenig, bis der Wunsch nach einem Ausstieg verflogen war und sich in die normale Benommenheit nach einer Niederlage verwandelte. Denn meine Mannschaft war trotz einer tollen Leistung in der zweiten Halbzeit, in der angesichts einiger sehr guter Torchancen gegen das Überraschungsteam der Saison sogar ein Sieg möglich schien, durch zwei Gegentore in den letzten drei Minuten plötzlich ins Nichts gestürzt. Sie hatte verloren und bei mir für einen Moment den Wunsch nach einem theatralischen Abgang aufkommen lassen. Und, dass es endlich aufhört mit diesen verdammten Niederlagen.“ (taz, 22.2.2007)

Ergänzung am 26.2.2007

Das Spiel gegen Nürnberg scheint bei den bekanntesten VfL-Fans tiefe Narben hinterlassen zu haben. Im KICKER äußerte sich Schriftsteller Frank Goosen über seine Eindrücke.

Splitter 2, kicker, 26.2.2007, Von F. Goosen

„Stell‘ Dir vor, dein Verein hat genau 25 gute Minuten in der Saison, und die kriegst du nicht mit. Ganz so schlimm steht es um meinen VfL Bochum nicht, aber dennoch habe ich den Eindruck, dass die Mannschaft sehr oft besonders gut ist, wenn ich gerade nicht hinsehe. Zum Beispiel gegen Nürnberg am 11. Februar. Die erste Hälfte war die übliche verschnarchte Veranstaltung. (…) Nach etwa zehn Minuten in der zweiten Hälfte legt der VfL plötzlich den berühmten Schalter um. In einer leidenschaftlichen Kraftanstrengung bestürmt man das Nürnberger Tor – und ich kriegte fast nichts mit.

Das Spiel ist, wie die meisten Spiele dieses Vereins, nüchtern nicht durchzustehen. (…)“

Biermann, der Journalisten-Held, Goosen, olé. Ich muss noch viel, viel lernen… Doch bei zwei Splittern soll es nicht bleiben. Spannend war nicht nur das Spiel selbst. Nein, spannend war auch ein A5-Blättchen, dass ich mir nach dem Abpfiff am Würstchen-Stand vor der Ostkurve schnappte. Jemand hatte es liegenlassen, ich sammelte es auf. Ich fand den Infobrief der Ultras…

Splitter 3, UB-Infoblatt

1. Artikel Durchblick: „(…) Wer den VfL nicht geil findet, ist selber schuld! Schweres Spiel auch für uns Fans, da die Nürnberger einen sangesfreudigen Anhang dabeihaben werden. Also Vollgas!“ 2. Artikel VfL-Mainz: „(…) Leichtes Spiel. Weghauen, drei Punkte, und die Welt sieht schöner aus. Nein, wir sind Bochum. Wir bauen jeden auch noch so toten Gegner wieder auf und fabrizieren ein peinliches 0:1 gegen den Tabellenletzten. Hat ja auch was… (Blick in die Kurve Nr. 8, Nürnberg, 11.2.2007)

Splitter 4, Nachtrag

Wer mich irgendwann foltern will, dem sei folgender Tipp mit auf den Weg gegeben: Sorgt dafür, dass ich erst pünktlich zum Anpfiff im Stadion sein kann. Das führt dazu, dass ich Grönemeyers „Bochum“ zwar höre, aber nur auf dem Weg vom Parkplatz zum Stadion. Ich stehe nicht mittendrin. So geschehen am Nürnberg-Sonntag. Dieses Spiel begann wie ein Horrorfilm – und endete wie einer.

Elf. Wisst Ihr jetzt, warum?

Spruch des Tages

„Was sind das denn für Töne! Wir sind doch hier im Intellektuellen-Block!“

(Gerd in etwa der 60. Minute, als Lupo in den Sprechchor „Arbeitslose Hurensöhne, 100 Jahre S’04“ einstimmte – ich gebe zu: Situationskomik, aber wir haben alle seeehr gelacht, Anmerkung: Schalke 04 und den 1. FC Nürnberg verbindet eine Fan-Freundschaft)

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24. August 2008 – VfL-Wolfsburg 2:2 – „Willkommen zu Hause“

Der 21. Saisonstart meiner Karriere als Fan des VfL Bochum führte mich am Nachmittag des 24. August 2008 ins Café Extrablatt im Bochumer Bermuda-Dreieck und anschließend ins Ruhrstadion – zum Spiel gegen den VfL Wolfsburg.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Willkommen zu Hause“ nannte und die Überschrift „Wenn nach 45 Sekunden zum ersten Mal gemeckert wird, dann weiß jeder: Der VfL spielt wieder. Über den ersten Punkt von 40!“ wählte:

Der Weg ist voller Steine. Muss etwas aufpassen, damit ich nicht umknicke und mir alle Bänder in irgendeinem Fuß reiße. Es ist irgendwann am späten Vormittag. Die Liebste und ich haben an diesem Sonntag ausgeschlafen. Gestern Abend sahen wir uns in Dortmund „The Dark Knight“ an, jene wie bekloppt gehypete Comicverfilmung mit Batman, Joker und Heath Ledger. Und heute Morgen gehen wir quer durch die Natur in Witten-Stockum. Drei Windräder produzieren Strom, Pferde grasen auf der grünen Wiese, Hunde bellen sich an. Die Liebste und ich spazieren Hand in Hand. Aufpassen. Der Weg ist voller Steine.

Heute ist Saisonstart.

Der Arbeitskollege knibbelt seine Augen zusammen. „Sollen wir nicht doch lieber reingehen?“, fragt er. „Ich seh kaum was!“ Wir sitzen im Café Extrablatt, das ganz am Anfang des Bermuda-Dreiecks liegt und quatschen über dies und das. Über die Arbeit, den VfL, die Arbeit, den VfL und dann nochmal von vorn. Er hat eine Pizza Margerita bestellt, gibt mir sogar ein Stück ab („Mehr Käse geht nicht, oder?“), und trinkt danach sein Weizenbier alkoholfrei. Hmm, wäre doch die erfrischendere Wahl gewesen als eine billige, einfache Cola.

Heute ist Saisonstart.

Habe gestern Nacht noch eine „Sportgeschichte“ für DerWesten fertiggestellt – das ist eine Rubrik, die auch ab und zu mit Zeilen von mir gefüllt wird. Das Thema: „45 Jahre ZDF-Sportstudio“. Und da die erste Sendung des Sportstudios am Tag des Bundesligastarts gezeigt wurde: Happy Birthday Fußball-Bundesliga!

Heute ist Saisonstart. Für mich.

Ist das schön hier.

Erstes Heimspiel seit drei Monaten, erstes RICHTIGES Heimspiel (das 1:2 gegen Rostock zählt nicht) seit dreieinhalb. „Frohes Neues“ wünsche ich allen in der Kurve, im P-Block, rechts, Höhe linker Torpfosten, und – ja – ist geklaut. Alt. Aus der vergangenen Saison. Die habe ich schon längst vergessen, verdrängt. Auf welchem Platz waren wir am Ende? Elf? Zwölf? Dreizehn?

Ist das schön hier.

Willkommen zu Hause.

Alle sind sie da. Gerd, der Richter, dazu Lupo, der Professor, lauter andere bekannte Menschen, die ich per Handschlag begrüße, jedes Mal wieder, und die ich doch nicht persönlich anreden kann. Selbst Krüger schaut sich das erste Spiel an, einfach um mal zu gucken, wie’s so läuft bei uns. Sam und Nicole kommen aus Essen-Werden angebraust, Sam erzählt Geschichten aus Frankfurt, denn da wohnt er jetzt während der Woche. Und es gibt noch einen Neuen im P-Block, rechts, Höhe linker Torpfosten. Ist ein Arbeitskollege mit Kürzel „hosh“, da er VfLer ist, wird daraus (natürlich) „Hoshemian“.

„Willkommen zu Hause“.

Steht auf einem Transparent, das zwei Leute in Block A präsentieren. „Willkommen zu Hause Slawo und Vahid!“ Es ist das erste Spiel seit der Rückkehr von Slawo Freier und Vahid Hashemian ins Ruhrstadion. Doch so richtig mag keine Euphorie aufkommen. Landauf, landab brechen alle Klubs die Dauerkarten-Rekorde, kracht der Zuschauerschnitt durch jedes Dach in den Himmel. Nur in Bochum zerfleischen wir uns bereits nach einem einzigen Spiel. 0:1 beim KSC, auswärts, bei einem Mitkonkurrenten.

Na klar war das saumäßig, selbstverständlich haben wir kein Vorbereitungsspiel gewonnen. Aber in Gedanken schon für die zweite Liga in der Saison 09/10 planen, nach einem Spiel, das können nur wir Bochumer. Bevor „Bochum“ von Grönemeyer läuft, erzähle ich Hoshemian, Gerd und den anderen noch von Goosens sensationeller Kolumne in der Stadionzeitung, mit Sätzen wie „Kein normaler Mensch kann drei Wochen ohne Fußball auskommen“ oder „Als VfL-Fan ist man da nicht so krampfhaft ergebnisorientiert“. Ganz toll schildert er den Besuch eines Testspiels zwischen Burghausen (da wohnt die Schwiegermutter) und Rostock: „Intellektuell herausgefordert hat mich bei dem Spiel mehr als eine Stunde lang die Frage, wieso mir die Rostocker Trikots so gut gefallen haben. Dann fiel mir auf: Die hatten keinen Werbeaufdruck.“ Grönemeyers Bochum bringt mich schließlich auch beim drei Millionsten Mal zum Weinen.

Anpfiff.

Es dauert keine 45 Sekunden bis zu Gerds erster Unmutsäußerung. „Da ist zu wenig Bewegung drin!“, brüllt er. Aber so richtig ernst gemeint ist das natürlich nicht. Wir sind eben die Meckerer vom Dienst, 20.000 Meckerer, sozusagen. 20.000 ist wirklich eine sehr dürftige Zahl für ein erstes Saisonheimspiel. Aber aus Wolfsburg sind keine 500 dabei. Ach ja, Wolfsburg, über unseren heutigen Gegner hab ich ja noch gar nichts geschrieben. Heimspiele gegen den etwas anderen, schrecklichen, kapitalistischen VfL sind eigentlich immer recht lustig. Wir hatten ein 5:4, in der vergangenen Saison ein 5:3, und eigentlich finde ich den Wolfsburger Alles-Boss Felix Magath ziemlich witzig. Wenn er nicht nur bei dem VWfL arbeiten würde. Egal. Bei uns spielen vier Neue von Anfang an. Fernandes im Tor, Fuchs auf der linken Viererkettenseite, Freier wie in alten Tagen rechts offensiv und Hashemian vornedrin. Überhaupt gibt Kollers Aufstellung einige Aufschlüsse: Er hat von Ono schon nach einem Bundesligaspiel die Nase voll und vertraut Azaouagh auf der Spielmacher-Position. Pfertzel scheint krank zu sein, deshalb spielt Concha rechts in der Abwehr. Und Zdebel ist völlig out und hat seinen Platz an Imhof verloren. Aha. Die auf der anderen Seite setzen auf eine Millionen-Truppe. Schlappe 25 Millionen Euro durfte Magath in seinen Kader investieren und holte mal eben so zwei italienische Nationalspieler (Zaccardo, Barzagli), die beide ebenso von Anfang an spielen wie Zwetschge Misimovic. Bei uns drei Jahre an den Profifußball und dann in Nürnberg und Wolfsburg abkassieren. Alles richtig gemacht Zwetschge.

In Halbzeit eins ist Zwetschge aber nicht zu sehen oder zu vernehmen. Na gut, bei den „Zwetschge ist ein Hurensohn“-Rufen vielleicht. Aber sonst sind wir erstaunlich feldüberlegen. Eigentlich rechnen wir alle mit einer Niederlage mit zwei, drei Toren Differenz – denn Wolfsburg ist nicht ganz unsere Liga – aber nur wir spielen. Das finden wir so außergewöhnlich, dass unser Fußballfieber in ungesunde Höhen steigt. Slawo Freier verpasst sein Einstandstor nach zehn Minuten nur knapp, sein Schuss wird zur Ecke abgefälscht. Vier Minuten später zeigt Imhof Uwe Beinsche Qualitäten und passt den Ball in den Lauf von Sestak. Der kriselt auf einmal gar nicht mehr und schießt saucool das 1:0. Sensationell. WAHNSINN!!! Die erste Hälfte ist saugut. Überragend: Imhof! Sehr stark: Azaouagh. Vorn fleißig: Sestak und Hashemian. Hinten links spielt jemand Fußball. Endlich! Bönig ist in den vergangenen Jahren nur ‚rumgestolpert. Christian Fuchs kann den Ball halten, Kurzpässe unfallfrei spielen und sogar eine Flanke zielgenau in die Strafraummitte schlagen. Rechts hinten ist Concha sehr solide. Wolfsburg kommt gar nicht vor. Völlig logisch ist der Applaus zur Halbzeitpause und noch viel beruhigender das 2:0. Azaouagh tankt sich super rechts durch, flankt vorbildlich auf den langen Pfosten, dort steigt Dabrowski hoch, köpft das 2:0. Fußball, umarme mich. Ich bin wieder da! Wieder DAAAA!!!! TOOOR!!!

Doch genau 120 Sekunden später hören wir uns alle sagen: „Ja können die denn NIE einen Zwei-Tore-Vorsprung halten?“ Denn Ricardo Costa verkürzt nach einem undurchsichtigen Gewurschtel, Kuddelmuddel, nennt’s wie auch immer, auf 1:2. Das ist in der 53. Und das Ende all unser Bemühungen. Das ist wieder die klassische Abstiegskampf-Situation. Wir führen mit einem Tor Vorsprung und müssen alles tun, damit’s dabei bleibt. Zeitspiel bei Einwürfen, den Ball bei jeder Gelegenheit auf die Tribüne bolzen, Fouls, Gelbe Karten kassieren, ja sogar unseren Alterspräsidenten Zdebel einwechseln, damit der nochmal ordentlich dazwischenhaut. Denn eins ist klar: Die Wolfsburger sind um Meilen fitter als wir. Mag daran liegen, dass die von Magath trainiert werden (wie macht der das bloß?), aber es ist irre auffällig. Als Saglik (der billigste Neue, welch ein Hohn) das 2:2 nach Yahia-Fehler schießt, unken wir alle: „Das verlieren wir noch!“ Die Wolfsburger erarbeiten sich noch zwei tausendprozentige Chancen, schaffen es aber nicht, die runde Kugel über die Torlinie zu bugsieren. Puh. Pfff. Der vor der Pause gute Eindruck aller Neuen relativiert sich etwas. Fernandes‘ Rolle beim 1:2 würde ich gern sehen, über Fuchs‘ Seite laufen in Hälfte zwei 3/4 aller Angriffe der Wolfsburger. Freier bewegt sich kaum noch vom Fleck, Hashemian bemüht sich zwar, holt viele Kopfbälle, hält sich aber nur selten da auf, wo ein Stürmer sein sollte: vorn. Wir erleben zwischen der 53. und 92. Minute nur noch einen Hormonausschüttungs-Moment, als Kaloglu den Ball in Minute 89 über die Linie drückt. Ein halbes Bier landet auf meinem Rock-am-Ring-Pulli, doch leider hat der Linienrichter die Fahne oben.

Ende 2:2. Wie vor einem Jahr das erste Heimspiel der Saison gegen Werder Bremen.

Zu Hause angekommen.

Punkt eins im Sack.

Von 40.

Ein harter Weg liegt noch vor uns. Voller Steine.

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