12. September 2003 – Duisburg-Union Berlin 1:0 – „Meeting Björn Joppe“

Wieder mal an der Wedau – diesmal beim recht ereignislosen Zweitliga-Spiel zwischen dem MSV Duisburg und Union Berlin. Endete 1:0 für die Zebras.

Hier geht es zum, zugegeben, recht kurzen Blog-Eintrag, den ich „Meeting Björn Joppe“ nannte:

Da war ich auch.

Joppe und Schröder haben 90 Minuten gespielt.

Zweite Liga halt.

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Duisburg, Fußball, MSV Duisburg, Ruhrgebiet, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für 12. September 2003 – Duisburg-Union Berlin 1:0 – „Meeting Björn Joppe“

8. März 2004 – Duisburg-Aachen 2:1 – „Hätten wir mal…“

Zwischen 2002 und 2007 hielt ich mich – profifußballtechnisch – nicht nur in den Stadien der Republik auf, um den VfL Bochum zu sehen. So manches Mal ließ ich mich auch überreden, den MSV Duisburg zu beobachten – zum Beispiel im Heimspiel gegen Aachen im März.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Hätten wir mal…“ nannte:

Jeder Fußballfan neigt dazu, viele Sätze mit den drei Worten „Hätten wir mal“ zu beginnen. „Hätten wir mal letzte Woche, dann würden wir jetzt…“ heißt es dann meist, und es folgt ein minutenlanger Redeschwall voll von vergebenen Möglichkeiten. Pro Saison kommt das in etwa fünfmal vor (je nach Verein und der jeweiligen Situation auch dreimal oder achtmal – ich zum Beispiel hab das in dieser Saison, da es so gut läuft, noch nicht gesagt). So ist das eigentlich. Es sei denn, das eigene Fußballherz schlägt für den MSV Duisburg. Die Duisburger sind seit vier Jahren ununterbrochen an jedem Spieltag damit beschäftigt, ihre Spielanalyse mit „Hätten wir mal“ zu beginnen. Am Ende stehen sie dann in der 2. Bundesliga sowieso wieder auf Platz neun, zehn oder elf – mit genauso vielen Punkten Abstand nach oben wie auch nach unten, und suhlen sich im Sumpf des Selbstmitleids. Genauso ist es auch in diesem Jahr.

Um solche „Hätten wir mal“-Sprüche ansetzen zu können, muss der MSV ab und zu auch mal ein bravouröses Spiel abliefern. Das heutige war so eins. Ich werde noch so etwas wie der Zebra-Glücksbringer. Zwei überzeugende Heimspiele hat der MSV gebracht, beide habe ich gesehen, gegen Trier und heute. Was gäbe es sonst noch zu berichten?

Das erste Teilstück des neuen Stadions wurde eingeweiht. Die Currywurst-Pommes-Majo ist im Wedaustadion mehr schlecht als recht. Pavel Drsek hat den Fahrenhorst-Nachfolger-Test noch nicht ganz bestanden. Aachen hat mich enttäuscht. Das Wedaustadion ist grau, kalt und hässlich. Hoffentlich wird das neue schöner. Das wär’s. Ein nettes Spielchen.

Warum ich überhaupt da war?

Guckt Euch mal meine Seite an. Die Fußballsucht hat wieder zugeschlagen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Duisburg, Fußball, MSV Duisburg, Ruhrgebiet, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für 8. März 2004 – Duisburg-Aachen 2:1 – „Hätten wir mal…“

20. März 2004 – Kaiserslautern-VfL 2:2 – „La Valse d’Andi“

Um mein 250. VfL-Spiel zu sehen, fuhr ich in die Pfalz. Kaiserslautern 2. Bochum 2. Es war ein spannender Nachmittag – und es gab viel zu erzählen. Lest selbst.

Hier ist der Blog-Eintrag, den ich „La Valse d’Andi“ nannte und mit der Unterzeile „Ein vom Winde verwehtes Jubiläumsspiel mit dem Standardergebnis“ versah.

Langsam schlendere ich über die Straße. Ein Auto kommt mir entgegen, hupt einmal laut und dann sogar mit den Frontscheinwerfern, jaja, ich geh schon zur Seite. Das nächste Auto ist noch weit entfernt. Es ist dunkel geworden in Kaiserslautern, die Straßenlaternen weisen den Weg, und in meinem Ohr kratzt der Kopfhörer. Er kratzt, weil das „Ohrkissen“, das sich zwischen den Kopfhörer und die Ohrmuschel bettet, schon so ausgefranst ist, dass es die schonende Funktion nicht mehr erfüllt. Ich setze einen Fuß vor den anderen, wechsel die Straßenseite, schau den Leuten ins Wohnzimmer, ohne dass es sie stört, und höre „La valse d’Amélie“, den Hauptsong, den „Walzer“ (la valse) aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Ich schließe die Augen, könnte wie ein Berufstänzer Runde um Runde um Runde auf der Straße drehen… und vergesse für einen Augenblick, irgendwo in Kaiserslautern abzuhängen und auf den Zug zu warten. Es ist Amélie-Zeit. Amélie ist Träumen. Amélie ist Schweigen. Amélie ist Nachdenken. Ich kenne viele, die von sich behaupten, genau wie Amélie zu sein. Das behaupte ich nicht von mir. Aber ein Hauch von diesem Film, von Yann Tiersens Soundtrack, der schlummert so tief in mir, dass keiner außer mir weiß, wo er liegt.

Hab mir gestern die neue Beatsteaks-CD gekauft. Im neuen Musikexpress hat die „Smack Smash“ fünf von sechs möglichen Sternchen bekommen, zudem wurden die Jungs aus Berlin von vielen anderen geadelt, muss wohl was dran sein. Und an diesem windigen, bewölkten Morgen kann ich eine gute Portion klassischen Punk sehr, sehr gut gebrauchen. Lied 5 ist „Hand in hand“, soll das geilste der Scheibe sein… und WOW – das fetzt mir so das Trommelfell weg morgens um 8.45 Uhr, dass meine frisch geduschten Haare ohne Fön ganz alleine trocknen. „She ain´t never gonna get wise!!!“, brüllt mir der Sänger ins Ohr, und schon früh stelle ich fest, dass die Scheibe bei mir funktioniert.

Zwei Wochen seit dem Berlin-Spiel sind rum. Es geht mal wieder zu einem Auswärtsspiel. Jede einzelne weite Fahrt ist so außergewöhnlich, dass es mir diesmal total normal erscheint, nicht eine halbe Stunde zum Bochumer Ruhrstadion, sondern fünf Stunden zum Lauterer Betzenberg zu fahren. Bleibt noch Zeit zum inne halten? Ruuuuuhig… ganz ruuuuuhig… denn…. TUSCH! Es ist mein 250. VfL-Spiel! 250-mal zittern, 250-mal Vorfreude, 250-mal Jubel, 250-mal Trauer, 250-mal Lachen, 250-mal analysieren… und das 250. Spiel soll ein Beispiel sein für die meisten anderen. Alleine mache ich mich auf den Weg, stelle fest, dass sich mein Pullover nicht mit Regen verträgt und deshalb stinkt, und denke nach. 250. Spiel – in Kaiserslautern. Am Betzenberg. Einmal bin ich schon dort gewesen, aber das ist bestimmt neun Jahre her. Es war mein erstes Auswärtsspiel außerhalb Nordrhein-Westfalens. Damals war das Wochenend-Ticket grad neu eingeführt worden, es kostete noch 15 Mark! Wirklich, nur 15 Mark! Und Thommy, ein damaliger Mitschüler in der zehnten Klasse, und ich teilten uns die Fahrkarte (für 7,50 Mark nach Kaiserslautern…) und saßen die sehr ermüdende Zeit von sechs Stunden im Zug; stiegen alle 45 Minuten um und sprinteten den Betzenberg rauf und wieder runter.

Pünktlich zum Anpfiff waren wir im Stadion, und nach 15 Minuten lag der VfL schon 0:3 zurück, soweit ich mich erinnern kann. Was für ein Tag. Schaue aus dem Zug, höre immer noch „SHE AIN´T NEVER GONNA GET WISE!!!!!!“, und es macht mich wacher von Moment zu Moment. Ich muss vorsichtig sein. Aufpassen. Darf nicht einschlafen.

Umsteigen in Köln. In Mainz. Und in Bad Münster am Stein, wo auch immer das sein mag. Die Zugfahrt ist ruhig. Es ist bereits mein drittletztes Auswärtsspiel in dieser Saison. Dortmund und Köln fallen für mich aus, weil ich arbeiten muss; bleiben noch Stuttgart und Frankfurt. Und eben Kaiserslautern.

Es geht vorbei an Weindörfern. Auf der neuen ICE-Strecke zwischen Köln und Frankfurt entlang, die ich zwischendurch in Mainz verlasse. Zwischenhalte in Montabaur und Limburg Süd, da steigt keiner ein, keiner aus, und ich überlege, ob ich in diesem Text rumpolitisieren soll, wie sich die Bahn beim Bau dieser Strecke finanziell verhoben hat… na, ich lass es sein. Es ist so trostlos im Zug und draußen im Frühlingssturm, dass die Fahrt langweilig und vor allem langatmig zu werden droht; hab keine Lust auf Telefonieren, auf Lesen, auf Schreiben, auf smstippen, noch nicht einmal das Kribbeln ist da, wir stehen ja schließlich momentan relativ sicher auf Platz vier und das heutige Ergebnis ist mehr oder weniger schnurz…

… bis, ja bis ich in Bad Münster am Stein eintreffe. Nur sechs Minuten Zeit habe ich zum Umsteigen… ich komme an und weiß: Hier bin ich richtig. „Unsere Heiiimat – unsere Liiiebe – in den Faaaaaaarben BLAU und WEISS!!“, schallt es aus einem an einem anderen Gleis stehenden Zug, und ich weiß: Das muss meiner sein. Mittlerweile bin ich in meinem Discman auf die Ärzte umgestiegen, und während Farin „Ich bin reich“ brüllt, drücke ich auf den STOP-Knopf und schaue einfach nur noch eine Stunde lang meinen VfL-Mitstreitern zu, die ununterbrochen grölen und saufen. „2010…“, stimmt jemand an, „ihr werdet es schon sehn, wir holen den U-U-EFA-Cup und wir weeeerden deutscher Meister“, singt der Zug mit. Den Einheimischen (und noch viel mehr den zusteigenden FCK-Fans) wird immer mulmiger, bis ich dazulerne, wie der Song weitergeht! Nämlich mit dem alternativen Beginn „2008 – wer hätte das gedacht“ und „2006 – da seid ihr ganz perplex!“ Mein absoluter Favorit, und da geht es gerade an der Weltstadt Imsweiler vorbei (die gebührend gefeiert wird; „Imsweiler – oho, Imsweiler – ohohoho!“), geht nach der Melodie der Vogelhochzeit: „Die absolute Hääärte sind Oberlippenbääärte – peterneururerpeterneururerpeterneuruneururer!“ Da muss ich sogar laut lachen, und alle gucken mich an.

Es läuft alles so wahnsinnig glatt. Pünktlich am Hauptbahnhof, pünktlich am Stadion, den Weg direkt gefunden. Direkt gefunden? Das ist nicht wirklich schwer. Es ist beeindruckend. Schon nach dem ersten Schritt auf Lauterer Boden wird der Auswärtsfan mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert. Wie eine Statue wirkt das Stadion, bedrohlich nahe, als würde es den Rest der Welt unter sich begraben wollen. Kein anderes Stadion der Bundesliga liegt so passend, so erhaben, so zentral, so schön. Vom „Mythos Betzenberg“ ist oft die Rede, und nur wer auf den Gleisen des Lauterer Hauptbahnhofs steht, begreift einen Teil davon. Ohne diesen Anblick wäre Kaiserslautern eine Stadt von vielen anderen, aber mit ihm…!?

Ich bringe meine Tasche zum Gepäckbus, knipse ein bisschen rum, sage Dirk und Gerd meinen sms-Ergebnisticker an, bestelle bei der schönen Diana, die extra ein handbemaltes Namensschildchen trug (wo war ihre Telefonnummer?) eine Cola und eine Bratwurst und setze mich ins Stadion. Betzenberg. Fritz-Walter-Stadion. 70 Minuten noch. Der „Mythos“. Das Stadion ist total unförmig. Die so „legendäre“ Westkurve sieht aus wie der altmodische Stehplatzblock im Georg-Melches-Stadion, absolut klein und traditionell. Und der Rest? Der Rest ist gerade frisch modernisiert, und die Osttribüne – auf der wir Gäste stehen – befindet sich noch mitten in der Bauphase. Der Betzenberg. Fritz-Walter-Stadion. Pfalz. Sturm. Es ist so windig, dass ich mir wohl bald einen Zopf binden muss. Vor lauter Haaren im Gesicht kann ich kaum noch etwas sehen.

Das Kribbeln kommt später als sonst. Später als in den 249 Spielen zuvor. Wir stehen alle eng zusammen; in dem Bereich der Kurve, in dem der schon gebaute Teil des Dachs vor Regen schützt. Trocken. Und Körperwärme. Die üblichen Auswärtsgesichter sind auch diesmal vertreten, die üblichen Gesichter fehlen aber auf dem Platz. Nicht Meichelbeck vertritt den gesperrten Kalla, sondern unser Anton Vriesde Fußballgott. „Na dann wird die Null wohl stehn“, frohlockt Gerd. Die letzten drei Spiele haben wir hier gewonnen, und doch bin ich skeptisch. Irgendwann muss doch unsere Serie reißen – und da wir ohnehin erstmal Vorsprung haben; warum nicht heute? „You´ll never walk alone“, schmettern die FCK-Fans, und die Abertausend Schals sorgen für Gänsehaut-Feeling. Und in Liverpool ist das bestimmt doppelt so laut. Anpfiff, abtasten, ein paar Ballstafetten auf beiden Seiten. Von der gefürchteten Betze-Stimmung keine Spur. Abstiegskampf gegen „Europapokal“-Sprechchöre. Und in den Abstiegskampf sind diesmal nicht wir verwickelt. Es ist kalt… und dann? Tchato wagt einen Rückpass, Hashemian jagt dazwischen, umspielt Wiese und Toooooooooooooooor… 16. Minute, der Spielverlauf steht Kopf. Aus dem Nichts, aus dem luftleeren Raum fällt dieses Tor und es ist der wahre Anpfiff für ein nun hochklassiges Spiel. Die Lauterer fühlen sich durch dieses 0:1 persönlich beleidigt und schlagen sofort zurück. Sie spielen so offensiv und mutig nach vorn, dass unsere Jungs kaum noch atmen können. Das Schema ist überwiegend gleich: Lange Bälle nach vorn, die per Kopf abgelegt oder verlängert werden. Fall eins: Klose, er ist frei durch – Pfosten – 13. Minute. Fall zwei: Malz, ein Kopfball, van Duijnhoven hält – 22. Minute. Fall drei: Bjelica, diesmal per Freistoß – Pfosten – 27. Minute. Zwischendurch ist unser Peter Madsen frei durch, Wiese hält, so ein Scheiß – 30. Minute. Dann noch ein Kopfball von Lokvenc – wieder hält van Duijnhoven, unser Teufelskerl – 40. Minute. Immer noch steht 1:0 auf der Anzeigetafel, mit mehr Glück als Verstand. Anton hintendrin wackelt ganz schön, vorn kommt kaum Entlastung. Mensch Schiri, pfeif doch Halbzeit. Ein Angriff. Zdebel flankt auf Madsen, der legt per Kopf kurz ab, WOSZ schießt, GEHALTEN, dannnn… Kopfball, Tooooooor! Kopfball? Der Zwerg Wosz? Das gibt es doch gar nicht. Der Schiri pfeift zur Pause, und es ist völlig unverdient. 2:0 für uns. Total abgezockt. Einfach clever und zum richtigen Zeitpunkt die Chancen ausgenutzt. Beeindruckend effektiv wie noch nie. Ein sehr gutes Fußballspiel.

Irgendwie erinnert die gegenüber liegende Westkurve ans Ruhrstadion. Aber die inzwischen dort und überall eingefügten Stangen mit fest montierten Sitzplätzen, die bei Bedarf runtergeklappt werden können, sind der Tod einer guten Fankurve. Hoffentlich kommt es beim VfL nie so weit. Halbzeit zwei beginnt… auf der Anzeigetafel läuft die ganze Zeit Werbung mit, es macht mich ein wenig kirre. 55. Minute, ein Schuss von Bjelica, van Duijnhoven? Was is´n da los? Der lässt ihn abklatschen, Lokvenc, Tor. 1:2. Ausgerechnet der Rein, der bisher beste Spieler des Tages und der Saison. Wir alle halten unsere Klappe. Wir wissen, was kommt. Die Abseitsfalle versagt, kein Kalla, der die Arme hebt, sondern Anton, der die Falle verpennt… Wieder Lokvenc, 64. Minute, 2:2.

Vorsprung dahin. Keine Entlastung mehr. Peter setzt auf Defensive, nimmt Wosz raus und bringt Tapalovic. Anton verletzt sich noch, Edu kommt. Und jetzt ist er da, der Betze. Wobei´s mich eher stört. Jede Schiedsrichterentscheidung gegen die eigene Mannschaft wird mit Pfiffen und „Hängt sie auf, die schwarze Sau“-Rufen begleitet. Das ist wirklich unsportlich! Als der Schiri eine ganz deutliche und offensichtliche Schwalbe von Klose nicht ahndet, bricht fast das Stadion vor lauter Pfiffen zusammen. Und dabei ist heute Minusrekord mit nur 33 000 Zuschauern! Wir strengen uns an, dass unsere Serie reißt. Lokvenc schießt – van Duijnhoven hält. Überhaupt hält der Rein danach alles. Und siehe da… so sehr wir uns auch um eine Niederlage bemühen, es klappt nicht. 2:2. Mein 250. VfL-Spiel beginnt mit dem Ergebnis, das ich in dieser Zeit am häufigsten gesehen habe. Ich bin zufrieden. Punkt geholt. Glücklich. Vorsprung behalten. Schönes, faires, spannendes Spiel gesehen.

Gemütlich schlurfe ich zurück in die Innenstadt. Höre als erstes wieder „Hand in hand“ von den Beatsteaks, krame den Block hervor, auf dem ich mir die Baedeker-Notizen über Kaiserslautern aufgeschrieben habe. Die Polizei trennt VfL- und FCK-Fans, dabei ist die Stimmung bis auf wenige Ausnahmen sehr friedlich. „Ihr seid die Ruhrpott-Kanaaaaacken“, brüllt ein offensichtlich betrunkener Lauterer. „Wir sind die Ruhrpott-Kanaaacken“, antwortet ein Fünfer-VfL-Grüppchen, alles im Rahmen. Und die Polizei? Sie kesselt die Bochumer Gruppe ein. Auch ich werde darauf aufmerksam gemacht, mich nicht schnell fortzubewegen.

Ich habe es so satt, kriminalisiert und wie ein Schwerverbrecher behandelt zu werden, nur weil ich Gästefan bin. Gerd Dembowski von BAFF, ich werde bald bei Deiner Organisation mithelfen, um etwas dagegen zu tun. Am Kassenhäuschen werde ich bis zum besten Stück abgetastet… aber nur, wenn ich den VfL-Schal trage. Heute habe ich das ausgetestet. Beim ersten Abtasten ohne Schal kam ich locker durch, beim zweiten mit Schal hingegen… Noch 75 Minuten verbleiben bis der Zug fährt. Ich wandere ein wenig durch die Straßen, durch die Randausläufer der City, und stelle fest, worin der Reiz dieser traditionellen Stadt liegt. Sie ist – so scheint´s mir – die kleinste aller Bundesligastädte mit nur 102 000 Einwohnern, und doch gemütlich und in sich geschlossen. Von vielen Punkten ist das Stadion zu sehen… Aus jeder Kneipe weht eine FCK-Flagge, hier kommst Du wirklich als Fritz Walters Enkel auf die Welt. Studenten gibt’s hier auch, sie passen auch ein wenig ins Stadtbild, zu den vielen kleinen Kneipen – und doch… du lebst wie in Seahaven, dem von der Außenwelt abgeschirmten Dorf aus der „Truman Show“. Die nächst gelegene interessante Stadt ist 50 Kilometer weg; und einzig der Fußball verbindet Kaiserslautern mit den Leuten „da draußen“. Daher die Heimatverbundenheit, die Identifikation einer ganzen Region mit dem FCK. Studieren und leben hier wäre nichts für mich. Und der Chinese, bei dem ich mir gebackene Hühnerbrust mit Reis und süß-saurer Soße einverleibe, auch nicht. Das Essen ist kalt. Ich knipse ein paarmal, formuliere meine Eindrücke im Kopf vor, und verschwinde.

Vor mir liegt eine anstrengende Rückfahrt. Viermal umsteigen, zur Ruhe werde ich wohl nicht kommen. Am Hauptbahnhof ist kein VfL-Fan mehr, der Sonderzug ist seit 40 Minuten weg. Ich steige ein in die Bimmelbahn, und stelle mir vor, wie es ist, in Münchweiler zu wohnen und zu einer Party nach Altenbamberg zu fahren. Nee, so ein Dorfleben will und werde ich niemals führen… Allein die Tatsache, dass es vom Ruhrgebiet keine Direktverbindung nach Kaiserslautern gibt, zeigt, wie weitab vom Schuss das liegt. Umsteigen in Bingen am Rhein. Ein besoffener Lautern-Fan taumelt mir entgegen. „Bist zufrieden mit dem Punkt?“, fragt er. Ich bejahe. „Bochum-Fans sind alle nett. Da habe ich ganz andere erlebt!“ „Danke!“ Umsteigen in Koblenz. In Köln. In Duisburg. Alles ist pünktlich. Mein 250. VfL-Spiel, mein nächster Tagesausflug geht mit der Ruhe zu Ende, mit der er begonnen hat.

Auf dem Fußweg zurück zu meiner Wohnung lausche ich wieder den Tönen von „La valse d’Amélie“. Träume von Filmszenen. Von Sacre Coeur in Paris, von dem kleinen Bistro, dem Gartenzwerg auf Reisen. Ein paar mehr Träume würden der Welt gut tun. Ein wenig mehr Phantasie, wenn ich bitten darf. Wie würde wohl ein Lied von Yann Tiersen klingen, dass „La valse d’Andi“ heißt? Keine Ahnung. Ich weiß nur, wie das Video aussehen würde.

Zusammenschnitte aus meinen bisher 250 Spielen. Zu Hause. Auswärts. Neue Städte erkunden. Sich in Bochum wohlfühlen. Jubel. Trauer.

Heute, das war ein Querschnitt durch alle Emotionslagen.
Durch alle.

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Fußball, VfL Bochum, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für 20. März 2004 – Kaiserslautern-VfL 2:2 – „La Valse d’Andi“

16. Mai 2009 – VfL-Frankfurt 2:0 – „Nie mehr zweite Liga 3.0“

Am 16. Mai 2009 retteten wir eine fürchterliche Saison mit einem 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt. Klassenerhalt mit 31 Punkten – unglaublich…

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Nie mehr zweite Liga 3.0“ nannte – und die Dachzeile „Der Tag, an dem wir eine beschissene Saison retteten. Und die Symbolfigur des Tages ist ein Linksverteidiger!“ wählte.

Im dritten Jahr hintereinander singe ich das jetzt. Und ich verspreche, ich werde nicht damit aufhören bis… bis… bis… irgendwann. „Nie meeeeeeeeehr zweite Liiiiiigaaaa, nie meeeehr, nie meeeehr, nie meeeeeeeehr zweite Ligaaaa!!“ Auf diese Minuten arbeitet jeder Fan des VfL Bochum ein ganzes Jahr lang hin. Auf diese Minuten, die so erleichternd sind wie Pinkeln nach zehn Apfelschorlen im Schrägen Eck. Die so beglückend sind wie xxx *zu kitschig für diese Seite* xxx. Die so euphorisierend sind wie die ersten Takte von „Everlong“ bei einem Foo-Fighters-Konzert oder wie die ersten Bruchstücke von „Read my mind“ beim Killers-Konzert im März. Hey, wir haben’s GESCHAFFT!!! GESCHAFFT!!! Wir haben diese verschissene, abtörnende, katastrophale, miese Saison glücklich beendet. Aber lasst mich diese Schreckens-Vokabeln für ein paar Zeilen vergessen. Lasst mich „Nie meeeeeeeeeehr zweite Ligaaaaaaaaaaaaaa“ singen. Rufen. Brüllen. Schreien!

JAAAA!

***

Heute kann es gut gehen. Und es kann schief gehen. Es wird heute so intensiv wie noch nie in den vergangenen zwei Jahren. Es ist ein Endspiel, ein Finale, das gegenseitige Assessment-Center. Mannschaft prüft Fans, Fans prüfen Mannschaft – und das gegenseitig auf Erstliga-Tauglichkeit. Das 33. Spiel flasht mich wie noch keins vorher in dieser Saison. Wache neben der Liebsten auf, mag die Augen nicht so richtig aufklappen. Gehe in Downtown Witten ein bisschen durch die Gassen und Straßen, mal in diesen Laden, mal in jenen, gehe gedanklich alle Varianten einer möglichen Aufstellung durch, erinnere mich an Mittwoch. Nach der Arbeit bin ich mit dem Regionalexpress ins Bermuda-Dreieck geeilt, habe mich in der kleinen Kneipe „Jedermann’s“ – gegenüber vom „Freibeuter“ – in die erste Reihe geflazt und mir das deprimierende 1:3 in Hamburg reingezogen. Und hab mir den Kopp rot, wild, schmerzend und wund geredet, diskutiert. Ich war – oh Wunder – der Positive in unserer Runde, hab davon geredet, dass wir Frankfurt problemlos putzen, während Bielefeld und Cottbus nullen. Hieße: gerettet. Doch die anderen? Resigniert nach fünf saft- und kraftlos verlorenen Spiele in Folge. Ohne Vertrauen ins eigene Team. Wild um sich schlagend „Koller raus“ rufend. Ja, ich spaziere an der Hand meiner Liebsten durch Witten, trage den blau-weißen VfL-Schal fest verknotet um den Hals, die Kamera in der Tasche des Kapuzenpullovers. Ruhig ist es, noch.

Bis 13.10 Uhr. Da fährt am Wittener Hauptbahnhof der Regionalexpress Richtung Essen ein, mit acht Minuten Verspätung. Warum, wird schnell klar. „Arbeitslos und die Alte im Bordell – das ist der VfL!“, schallt’s aus allen Ecken des Zuges, als wir VfLer den Zug betreten. Der Zug kommt leider aus Siegen – und ist eine der Möglichkeiten für Frankfurter Fans, mit dem Wochenend-Ticket in den Pott zu gelangen. Oh je. Dauert zum Glück nur zehn Minuten bis Bochum.

Und von dort nur fünf bis zum Ruhrstadion. Bin viel zu früh dran (viel zu früh!), als ich um kurz nach halbzwei hinter der Ostkurve entlanglaufe, ist das Stadion noch nicht mal geöffnet. Das ist der Saison-kurz-vor-dem-Ende-Moment, den alle Fußballfans um diese Uhrzeit empfinden. Zu aufgeregt, um still auf der Couch zu sitzen – und zu still, um jetzt schon aufgeregt genug zu sein. Ich gehe in den Fanshop, kaufe für zweimal 31 Euro Karten für das Spiel in Köln nächste Woche – da wird’s ja allem Anschein nach um die Frage „Relegation ja oder nein?“ gehen. Mein Bruder hat sein Kommen zugesagt. Er meldet sich passenderweise im gleichen Moment per sms und fordert Infos an, weil er gerade im IC von Linz Richtung Magdeburg sitzt. Mache mir keine Gedanken, was er sowohl in der einen als auch in der anderen Stadt macht. Egal. Da sind’s immer noch 110 Minuten bis zum Anpfiff. Zum Glück gibt’s keinen Arzt am Einlass, der jeden Fan untersucht und alle, die nicht 120:80 Blutdruck und einen gleichmäßigen Puls nachweisen können, nicht einlässt. Mich müsste er sofort einliefern. Wie vertreibe ich mir bloß die Zeit? Ich gehe ins 1848, Fankneipe im Stadioncenter, spaziere direkt durch auf die Terrasse. Wenn gegen zwei die Mannschaftsbusse kommen, sind Spieler und Trainer von hier zu sehen, auch Schweißperlen und Gelassenheit. Bei den Fans, die beobachten (so wie ich) und auch bei den Spielern. Kurz nach zwei kommen die Frankfurter, ich gucke kaum drauf, registriere nur die „Funkel-raus“-Rufe, als der Trainer kommt. Fünf Minuten später fährt der VfL-Bus vor. Weiß gar nicht, wer zuerst kommt, glaub Dabrowski. Es gibt Beifall, ja sogar Sprechchöre, als Epalle zu sehen ist. Doch als Koller kommt, brüllen ein paar Leute „Koller raus“. Der registriert’s mit extrem bösen Blicken Richtung Terrasse. Oh wei, ist das verkribbelt. Sekunden zwischen Buh und Beifall.

Wie wird’s wohl, wenn ich in der Kurve steh? Buh? Beifall? Bin heute fast auf mich allein gestellt, weil Gerd schon urlaubt. Wenigstens ist ein Volo-Kumpel von seinem Praktikum beim DSF heimgekehrt, gestern Abend mit dem Auto. Er erzählt von MAZ, Bundesliga Aktuell und Thomas Herrmann, noch mehr Ablenkungskram. Die anderen sind vertreten, ich erfahre von Lupo, dem Prof und den anderen sogar mehr Privates als in meinen bisherigen 22 Kurvenjahren (nämlich die Vornamen!). Die Sekunden vergehen nur saumäßig langsam, aber ab drei glüht der Funk. Unser Trainer hat entschieden, Philipp Heerwagen anstelle von Fernandes in den Kasten zu stellen – so wie ich, so wie wir es seit Monaten fordern. Jetzt! Endlich! Mutig! So wie die ganze Aufstellung! Fernandes raus, dazu noch Yahia und Dabrowski – das aber weniger überraschend. Koller lässt so offensiv spielen wie lange nicht. Mit den zwei Stürmern Hashemian und Klimowicz und drei offensiv orientierten Mittelfeldspielern: Pfertzel, Azaouagh und Epalle. Schon um zehn nach drei brüllen wir alle „V-F-L! V-F-L!“ und ich merke jetzt: Wenn es drauf ankommt, ist auf uns Bochumer Verlass! Dann vergessen wir Maltritz raus und Koller raus und alles andere! Aber kritisch bleiben wir: „Leitbild oder Leidbild?“, fragt Block A und präsentiert die Stichworte des offiziellen Vereins-Leitbildes, zum Beispiel „professionell“, „regionale Identität“ und „unbeugsam“. Clever! Die Ultras fordern und drohen zeitgleich: „Zerreißt Euch – sonst tun wir es!“ Die Aufstellung: laut! Herbies „Bochum“: lauter. Einlaufen: ganz, ganz laut. „AUF GEHT’S BOCHUM SCHIESST EIN TOOOOOOOOR!“

Zu Beginn läuft es ziemlich scheiße. Frankfurts Alex Meier schießt aufs kurze Eck, Maltritz klärt auf der Torlinie, in Minute fünf etwa. Die Frankfurter sind so laut, wie sie immer laut sind. Und wir? Wir pfeifen nicht mal! Wir sind alle körperlich so unendlich angespannt, dass beide Knie durchgedrückt sind, die Augen weit aufgerissen und dass Lupo anfängt zu rauchen. Mein Kumpel aus Wernigerode trägt seinen kleinen Sohn auf dem Arm – nur das hält ihn davon ab, auch übermäßig nervös zu gucken. Wir können gar nicht anders als laut „V-F-L“, „V-F-L“ zu brüllen. Bei einem kommt das ganz besonders an.

Philipp

Pippo

Bönig

Linksverteidiger.

Der ist genauso Bochumer wie Rüdiger Kauf Bielefelder ist. Der grätscht, kämpft, beißt, tritt und flankt, als würde seine Karriere an diesem Tag um 17.15 Uhr enden. Schon in Minute 20 bittet Koller Anthar Yahia zu sich, weil Bönig nicht mehr kann. Aber er kann doch noch. Weiter und weiter und weiter. Und wir greifen auch an, weiter und weiter und weiter. Über Bönig natürlich, der in bester Fuchs-Manier offensiv punktet. Bönig flankt auf Pfertzel, der hämmert die Kugel ins kurze Eck: Pröll ist da. Jawoll, 20 Minuten sind um, V-F-L, V-F-L. Kein Superspiel – aber wer hat schon damit gerechnet. Ich nicht. AUF GEHT’S BOCHUM! Yeah! Heerwagen steht gut hinten und glänzt durch superweite Abwürfe. Einen davon nimmt in Minute 27 Epalle an, er sprintet über rechts Richtung Eintracht-Tor. Spielt einen Doppelpass mit Bönig, dringt fast bis zur Grundlinie vor, FLAAAAAAANKEEEE, Hashemian – TOOOOOOOOOOOOOOOORRRRR!!!! Der Hubschraubeeeeeeer!!! TOOOOOORRRRR! Wu-huuuuu – Song2, Torpogo, der beste Torjubel der Saison bisher, eindeutig, hundertprozentig, TOOOOOOOOOORRRR!!! Jaaaaaaaaaaaa!!! Gerade noch gelästert, dass der vermutlich ausgerechnet heute trifft, und JAAAA, macht er. „Der Torschütze: Vahid?“ „HASHEMIAN!“ 1:0! Jawollja! Natürlich wissen wir auch, wie es auf anderen Plätzen steht. Nicht – wie früher – via Radio, sondern via iPhone und sonstiger Internet-Handys, aber das „Stuttgart führt!“ wirkt auf egal welche Weise. Smse meinem Bruder zur Pause: „Stand jetzt sind wir gerettet!“ Bielefeld liegt in Dortmund 0:1 zurück, Cottbus in Stuttgart auch. „ABPFEIFEN!“, brüllt Lupo. Genau.

Zweite Halbzeit, 45 Minuten vor der Rettung. 45 Minuten noch! Die Frankfurter spielen nach ordentlicher Anfangsphase inzwischen sehr schwach. Bönig macht nach wie vor ein Sensationsspiel, und das zweinull ist greifbar nahe. Bönig flankt auf Klimowicz in Minute 55, der köpft einmal, zweimal – Pröll hält super. Zweimal. Gibt’s nicht. Gibt es GAR NICHT!!!! Das musses sein. Weiter zittern. Ist nichts normal in dieser Scheiß-Saison??? Vorn klappt es nicht und hinten? Meier steht völlig blank nach ’ner Stunde und schießt drüber. Hui, hui, hui, hui, hui, das war das zweite Riesending für die Eintracht. Wäre unverdient gewesen – aber doch das 1:1. Andere Seite, inzwischen 65., die entscheidende Phase. Atmen verboten. Freistoßflanke Epalle, Maltritz ganz frei, Pröll hält wieder riesig. Immer noch 1:0. Immer noch!!! MAAAAAAANNN!!! Wir greifen weiter an, wollen es mehr als die Eintracht. Bielefeld liegt inzwischen 0:5 zurück in Dortmund, Cottbus 0:2 in Stuttgart. Heißt: Die Frankfurter sind sicher durch, wir nur, wenn’s beim Dreier bleibt. Wir Fans spüren das, es ist mit großer Sicherheit das emotionalste, lauteste Heimspiel der Saison.

73. Minute, 16.58 Uhr, wichtig, wichtig. Ein 60-Meter-Pass in den Eintracht-Strafraum, Hashemian steigt zum Kopfball hoch, köpft Richtung „Fünfer“, dort steht Frankfurts Jung und will die Kugel weghauen, er schießt aber Hashemian an. Der Ball kullert Epalle vor die Füße, SCHIESS, SCHIESS, SCHIESS EIN TOOOOOORRRR, neeein, er schießt Pröll an, Abpraller, Klimowicz köpft aus sieben Metern

rein

TOOOOOOOOOOOOORRRRRRR

TOOOOOOOOOOOOORRRRRRR

wuhuuuwuhuuuu

Song2

Poooogooooooooo

JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA

JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA

„Torschütze die 14: Diego?“ „KLIMOWICZ!“ Jetzt wissen wir’s. Jetzt singen wir’s. „Nie meeeeeeeeehr zweite Ligaaaaa, nie meeeeeehr nie meeeeehr nie meeeeeeeehr zweite Ligaaaaaa!“ Einer der leiseren von uns nimmt allen Mut zusammen und schreit’s raus:

„JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA“ Wir schauen ihn an, er schaut uns an, lacht und sagt dann: „Tschuldigung, musste raus.“ So geht’s allen. Wir knicken unsere Beine wieder ein, strecken uns wieder und überstehen sogar noch einen Tränen-Moment. In Minute 75 wechselt Koller den komplett ausgelaugten Bönig aus, welch Wunder, dass der noch selbst gehen kann. „Phiiiiiiiilipp Bööönig“, brüllt die Ostkurve, brüllt Block A, und ja, selbst die faule Haupttribüne steht gesammelt auf. Für einen Linksverteidiger! Unfassbar! Da schießt mir die Suppe fast in die Augen, die gesamte verschissene Saison sehe ich in den Sekunden vor mir, die Bönig braucht, um den Rasen zu verlassen. Viel passiert nicht mehr. „Marcel Maltritz“-Rufe, als Versöhnungsangebot gedacht, Verabredungen fürs Bermuda-Dreieck heute Abend, die Durchsage, dass Bier und Cola nach dem Abpfiff vor dem Stadion nur einen Euro kosten, viele Glückwunsch-sms, viele Steine, die von allen möglichen Herzen plumpsen. Abpfiff, hey, geschafft. Klassenerhalt, zum Dritten unter Koller. Nie mehr zweite Liga 3.0. Wir spielen ein viertes Jahr in Folge in der Bundesliga. Kaum zu glauben. Wirklich kaum zu glauben!

***

Und so begießen wir dieses sportlich sicher nur durchschnittliche, aber doch ungemein emotionale Spiel mit Applaus und ’ner „Humba“, die der solide Heerwagen via Megaphon anstimmt. Und doch bleibt der Eindruck: Über geschaffte Klassenerhalte haben wir schon ausgiebiger und ausgelassener gefeiert. Die Mauer zwischen Mannschaft, Vereinsführung und Fans ist gebröckelt, aber noch nicht gefallen. Niemand darf vergessen, dass wir nur fürchterlich magere 31 Punkte geholt haben. Niemand sollte die Saison mit einem mageren „Ziel erreicht“ abhaken.

Ziel waren einmal 45 Punkte.

So bleibt am Tag danach, während ich diesen Text schreibe, nur das Gefühl, dass wir diese beschissene Saison voller Anfeindungen, Contras und miesen Spielen mit dem Minimalziel abschließen. Nicht weniger. Aber weißgott auch nicht mehr. Und an diesen zweifelsohne wunderbaren gestrigen Tag erinnern heute nur noch ein youtube-Schnipsel – und eine leise Melodie in meinem Hinterkopf.

Die geht so:

„Nie mehr nie meeeeeeeeeeeeeeeeehr zweite Ligaaaaaaaaaaa…“

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Bochum, Fußball, Ruhrgebiet, VfL Bochum, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für 16. Mai 2009 – VfL-Frankfurt 2:0 – „Nie mehr zweite Liga 3.0“

Gebt mir Abstiegskampf – 4. Oktober 2003, VfL-FCK 4:0

Im Herbst 2003 entwickelte sich allmählich die euphorische Stimmung, die uns am Saisonende in den Uefa-Cup spülen sollte. Das 4:0 gegen Kaiserslautern am 4. Oktober 2003 war so ein Spiel, an das ich mich total gern erinnere. Wahnsinniger Proll-und-Pöbelfaktor, vier blitzsaubere Tore innerhalb von 38 Minuten in Hälfte zwei, zwei Derbys vor der Brust, ein Platz im Mittelfeld. Wunderbar. Und so ist auch der Text für mein Blog ein sehr launischer geworden.

So geht der Text:

Stephan hat das so formuliert: „Also weisse, wenn dat 1:0 steht nä, wir kennen ja unsere“, und winkt ab dabei, „dann hält da ma einer den Fuß hin, und zack hasse Kakao im Gesicht. Aber ich muss sagen: Heute, dat war, dat war so richtig schön zum Angucken, der Ball lief flott. Nee, hat Spaß gemacht!“ Nennt mir einen besseren Straßenbahnfahrer in Mülheim! Einen besseren als Stephan. Gibtet nich!

Eigentlich ist alles schief gelaufen heute. Komm grad von einer eher öden Karaoke-Party (ich steh da nicht so drauf). Und wie der Tag erst angefangen hat: Bin zu spät aus dem Bett gekommen, hab die Straßenbahn Richtung Oberhausen verpasst (musste dort etwas abholen), bin dann doch hin und wieder zurück gefahren, hab aber meinen angestammten Regionalexpress um 13.46 Uhr nicht mehr gekriegt. Will dann mit dem 133er-Bus Richtung Hauptbahnhof fahren, der kommt nicht, und in den zehn Minuten, in denen ich zum Bahnhof sprinte, regnet es in Strömen. Kaum unterm Dach des ersten Gleises angekommen, hört es auf. „Boooh is dat n Scheiß-Wetter, Alter ich schwör“, meint jemand, und mir ist trotz des grammatikalischen Ohrenschmauses nicht nach Lachen zumute. Ich glaub Petrus will mich verscheißern. Und dann kommt auch noch mein Angstgegner Lautern nach Bochum, nur gegen Bayern hab ich eine miesere Bilanz. „Wir können gleich zu Hause bleiben“, kapituliere ich zu Thommy, der extra früher aus Belgien zurückgekehrt ist, nur um sich so ein matschiges Rumgewurschtel anzuschauen. Gerd teilt per sms mit, dass es ihm „pein5ich ist, aber ich bin schon wieder nicht da“ (die 5 steht tatsächlich an der Stelle) – und das passt doch ins Bild. Etwas angesickt drohe ich ihm eine Verwarnung per Homepage an (und die GELBE KARTE sei Dir hiermit gezeigt, bei ner Roten wird ein Essen im Three-Sixty im Bermuda-Dreieck fällig!).

Lasst mich zu Gedanke Nummer drei springen: „October“ von U2 säuselt in meinem Ohr, als ich – vom Regen noch ganz nass – im Regionalexpress meinen Rock-am-Ring-Kapuzenpulli auszuwringen versuche. „October – and the trees are stripped bare“, summt U2-Sänger Bono. Thommy leert grad ein Döschen Köpi und versucht mir weiszumachen, dass der VfL meinen miesen Vormittag doch wiedergutmache. Da wir schon ein bisschen zu spät dran sind, betreten die Kurve, als sich Rein van Duijnhoven schon längst aufwärmt. 14.59 Uhr, noch 31 Minuten bis zum Anpfiff, und kaum eine Sau ist da und will sich den ganzen Kram reinziehen. Da kann der Peter Neururer noch so sehr schimpfen und trommeln und fordern: Mehr als 20.000 kriegste im Moment gegen normal-gute Mittelklasse-Gegner einfach nicht ins Ruhrstadion. Bochumer Fans brauchen einfach diesen Nervenkitzel, diese Existenzangst. „Gebt uns Abstiegskampf!“, fordern der mittlerweile eingetrudelte Sam, Thommy und ich. Immer nur auf 8, 9 oder 10 stehen – wer will denn diese emotionslose Scheiße? Hmm…, wenn Bochum wieder unten steht, denke ich bestimmt anders, aber jetzt? Scheiß drauf. Hier ist doch so lange schon kein echtes Feuer mehr gewesen.

Sam hat bald Geburtstag. Er lässt sich ein holländisch-oranges Nationaltrikot mit der Aufschrift „Vriesde“ schenken. Das ist doch mal eine Idee. An der Aufstellung gibts nichts zu meckern, Momo spielt für den Wikinger Thoddi – das heißt wieder 4-3-3 statt 4-4-2 – und in der Kurve passiert nix Neues. Die „Ultras“ kommen mit dem üblichen Megaphon, dem üblichen Megaphon-Man, und ihren üblichen Sprüchen („Bochum ist die geilste Stadt der Welt!“, „Alles außer Bochum ist Scheiße“, „BVB-Hurensöhne“, „Wiese Du Fotze“ – wahlweise für alle Torhüter – „Arschloch-Wichser-Hurensohn“ – beim Torwartabschlag). Der Stadionsprecher ist immer noch der gleiche Stuten wie immer (wann lässt der endlich bei der Aufstellung das „VAN“ bei „Rein van Duijnhoven“ weg? Wir Fans beanspruchen das „VAN“ für uns! Wir wollen nicht immer nur „Duijnhoven“ rufen!). Alles nix Besonderes.

Nix Besonderes? Haaaaa, jaaaaa, es regnet wieder ein bisschen, ein Hauch von Union-Berlin-, von Alemannia-Aachen-Stimmung – und, jepp, es entwickelt sich ein munteres Spielchen. Nicht so ein wie-vertrimme-ich-am-langweiligsten-das-Spielgerät-Gebolze wie gegen Hertha und in Mönchengladbach. 22 heiße Spieler laufen auf. 22 mit Spaß am Job und mit Spaß am Grätschen. „Endlich mal ein bisschen Power“, schaukeln wir uns auch ein bisschen hoch und entfachen das Feuer mit. Und es nicht einmal gelogen und fehl am Platz. Eine halbe Stunde ist alles ganz ausgeglichen, die beste Chance hat Klose für Lautern in der 25. Minute. Eine „Puuuuuuuuh“-Durchatmen-Chance, eine Chance, bei der sich alle Fans einmal um die eigene Achse drehen, das Gesicht hinter den Händen verstecken und einmal feste reinpusten. Noch mal gut gegangen. Gegangen ist ein gutes Wort. Fünf Minuten später bringt Hristov das Stadion ganz zum Beben, als er Wosz wegmäht und dafür mit Gelb-Rot vom Platz muss. Beim Verlassen desselben schießt er dem Wosz den Ball in den Rücken. Dann Neururer-Sprint auf den Platz, Gerets auch, alle drumrum, und „FCK-Hurensöhne“-Gebrüll von allen Tribünen (aber nicht von mir). Naja, ein gutes Bild geben die hier nicht ab. Treten, meckern und sehen das dann auch nicht ein… tsetsetse. „Ich kenn ja unsere“, denkt Stephan auf der Sitzplatztribüne. „Die kriegen dann bestimmt einen rein!“ Aber nicht mehr in Halbzeit eins. 0:0. Ein nettes Fußball-Spielchen, mit hohem Brüll- und Prollfaktor – so wie ich´s gerne mag. Mit elf gegen zehn, das müsste zu schaffen sein.

Die zweite Halbzeit beginnt, und unser Lieblingstalent Anton Vriesde (eingewechselt für Kalla) ist noch nicht mal negativ aufgefallen. „Eigentlich ist der Platzverweis korrekt“, frohlockt Thommy über einen geglückten Scherz: „Die haben einen Mann weniger – und wir Vriesde!“ Aber fortan wird der Lieblingsspieler von Sam nicht mehr gebraucht. Hätte ich ein Kartenspiel dabei gehabt, dann hätte ich mit van Duijnhoven und Anton aus Tirol ne Runde Skat gekloppt. Es passiert etwas, was Thomas Wark als „Fußballfest“ bezeichnen würde, und wozu Günter Netzer das Wort „Demontage“ gewählt hätte. Keine drei Minuten in der zweiten Halbzeit sind gespielt: Freistoß Wosz in den 16er, Gewurschtel, Hashemian trocken rechts ins Eck, 1:0! HUB-HUB-HUBSCHRAUBER-EINSATZ!!! Lautern gibt sich auf, einfach nur auf – da kann Stephan (siehe oben), noch so bangen. Oliseh ganz überragend im Mittelfeld. Stopft jedes Loch, stark im Zweikampf, fast jeder Pass kommt an, selbst die langen; er tanzt kurz vor Schluss demütigend mit dem Ball als Partner. Madsen und Hashemian rochieren ständig, rackern unheimlich. Wosz nun wie aufgedreht und kaum wiederzuerkennen. Colding und Bönig wechseln die Seiten im Sekundentakt, um das Spiel zu verlagern und Lautern zu verwirren. Himmlisch.

Nächste Chance für Momo Diabang, 52., Wiese hält. Lautern ist gar nicht mehr auf dem Platz, eine tote Mannschaft, taumeln und joggen nur noch, keine Sprints mehr. „Yes Baby! Wenn ich nicht da bin, ist sogar Lautern schlagbar. Feiert schön!“, trägt Gerd zu unserem Freudentaumel bei. Ach ja, Lautern, mein Angstgegner. „Lasst Sie laufen, die Arschgeigen!“, brüllt einer vom Fanklub, der auch in unserer Reihe steht. Ja, und das lassen sie: Riesenpass von Wosz auf Madsen, 60., der steht freeeeeeeeiiiii, Kopfballllllll, in die Ecke! „Deeeeeeeeer neue Spielstaaaaand: VfL Bochum????“ „ZWEI !!!!!!“ „Kaiserslautern?“ „NULL!!!!!“ „Danke!“ „BITTE!“ Herrlich. Die Vorentscheidung. „Wir singen Lautern-Lautern-zweiiiite Liiiigaaa!“ Schwach. Nur noch ein Torschuss in der gesamten zweiten Halbzeit. Bin gespannt, wie die das schönreden wollen. Wahrscheinlich kommen die mit der Platzverweis-Nummer. Dabei war der sonnenklar und wir hätten auch mit elf gegen elf die zweite Halbzeit so bestimmt. Jede Wette! Wir demütigen Lautern. Hashemian verwertet einen Klassepass von Buckley auf 3:0 in der 76., und als Madsen mit dem Schlusspfiff nach einem Zdebel-Pass auf 4:0 erhöht, da gucken wir uns alle nur ungläubig an. Gebt uns Abstiegskampf, so viel Höhenluft tut dem Ruhrstadion gar nicht gut. Dann schon lieber solche Brachial-Sprechchöre wie in der U-Bahn zurück: „Auf der Alm da steht ne Kuh—halleluja—die macht ihr Arschloch auf und zu—halleluuuja—und die Scheiße fällt und fällt—halleluja—auf Arminia Bielefeld—hallelujaaa!“. Gegen die haben wir zwar gar nicht gespielt, aber das hat Thommy und mir grad noch gefehlt. Wir schlagen quietschvergnügt ein, rechnen die Tabelle aus, freuen uns wie kleine Jungs. Über das Spiel. Das Ergebnis. Die Huuuut-ab-Leistung der Mannschaft. Die „So-steigen-wir-niemals-ab“-Stimmung. Die Currywurst-Pommes-Majo“ im City-Grill. Was habe ich gesagt? Das war ein verkorkster Tag? Wenn der VfL gewinnt, und dann auch noch so, das heißt mit einem brillanten Sieg, dann ist mir alles andere völlig schnuppe. Die nächsten beiden Spiele, auf Schalke und gegen Dortmund, sind am Sonntag. Muss eigentlich arbeiten. Aber egal. Sollen sie mich doch rausschmeißen.

Also Stephan hat das so formuliert: „Weisse, auffe Arbeit, da bin ich ja immer ganz groß mit der Klappe, von wegen Champion und so, auch nach drei Niederlagen“, und er grinst. „Abba irgendwie gucken wir doch auch nur alle auf Platz 16!“ So sind wir, wir Bochumer. Richtig nette und lustische Gesellen, mit einer unendlich nervenden großen Schnauze. Aber insgeheim gilt der Blick nur dem 16. Platz. Auch heute, trotz der Jubelorgie.

Aber das verraten wir natürlich keinem.

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Bochum, Fußball, Ruhrgebiet, VfL Bochum, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für Gebt mir Abstiegskampf – 4. Oktober 2003, VfL-FCK 4:0