Wake me up when November ends – VfL-Aachen 1:4 – 18. November 2005

Zu Beginn zitiere ich aus dem Text: „Es ist kalt in diesen Tagen!“ Oh ja, das weiß ich noch, auch sieben Jahre später. Der VfL spielte schlecht in der Hinrunde 04/05, hatte mehrfach in der Nachspielzeit unverschämtes Glück – und ließ sich dann vom späteren Mit-Aufsteiger Aachen mit 4:1 aus dem Stadion schießen – der Beginn der schwierigen Beziehung zwischen dem Publikum des VfL und Trainer Marcel Koller. Ich schaute in einer Freitagnacht nach dem Spiel „Harry Potter und der Feuerkelch“ im Rhein-Ruhr-Zentrum und träumte von Goa. Deshalb die Überschrift „Wake me up when November ends“ – in Anlehnung an einen Green-Day-Song. Die Dachzeile bezog sich mehr auf das fürchterliche Fußballspiele: „,25 Jahre alles falsch gemacht‘ sagte er unmittelbar nach dem 0:3.

So geht der Text:

In der 308 stehen sich zwei Personen gegenüber. Der eine ist ungefähr 1,70 Meter groß, trägt einen Vollbart und hat nicht mehr viele Haare auf dem Kopf. Die Frisur erinnert stark an George aus „Seinfeld“. Der andere wirkt erheblich jünger, um die 40, trägt eine Brille, ist 1,80, aber sonst aufgrund einer VfL-Mütze und eines VfL-Schals kaum erkennbar. In meine Finger kehrt langsam, ganz langsam das Leben zurück. Es ist kalt in diesen Tagen. Und die Beiden unterhalten sich über Goa. „Also wenn ein Ort auf der gesamten Erde das Paradies ist“, sagt der Rentner. „Dann ist es Goa.“ Die Fahrt vom Ruhrstadion bis zum Hauptbahnhof dauert drei Minuten. Nur drei Minuten. Aber es sind die drei Minuten, in denen die große Enttäuschung des ganz miesen Spiels wie ein Fliegenschiss erscheint. Der Rentner erzählt von Goa, von Sri Lanka, von Syrien, der Türkei, von Reisen, Sonne, von seiner Scheidung, von gekauften und wieder verscheuerten Halbedelsteinen. Ausflüge in eine bessere, schönere, sonnigere Welt.

Bei „Mr Chicken“ bestelle ich einen Chickenburger XXL. Essen, quatsch fressen gegen den Frust. Nach und nach betreten Alemannia-Fans den Laden, bestellen ebenso die Menüs und brüllen fortwährend „Auswärtssieg! Auswärtssieg!“, und es ist ihnen nicht einmal zu verdenken. Ich blicke mich um, sehe in die Gesichter der Angestellten dieses Fast-Food-Restaurant-Verschnitts und beschließe, dass dieser Laden nicht einmal annähernd die City-Grill-Nachfolge-Kriterien erfüllt. Im Stadion, vor einer halben Stunde, da habe ich einen vor mir stehenden ganz alten Ur-Bochumer gefragt, ob der City-Grill irgendwo wiedereröffnet hat. Er wusste es nicht. Schlechte Karten. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende meldet sich die Stimme, die den Rest des bisher so verkorksten Abends retten will. „Harry Potter und der Feuerkelch“ ist mit ein paar Leuten angesagt, im Cinemaxx im Rhein-Ruhr-Zentrum. Beginn 22.30 Uhr, Treffpunkt kurz davor. Ein Ausflug in die Fantasiewelt von Hogwarts. Die Suche nach einem Zaubertrick gegen miese Fußballfan-Laune. Der Chickenburger ist gar nicht einmal schlecht.

In der S-Bahn treffe ich Tobias, den einst anonymen Briefeschreiber aus Mülheim, und noch so einen Typen, der immer mit Straßenbahnfahrer Stephan abhängt. „Wo is’n der Stephan?“ „Ach der Stephan, der ist noch in der Kneipe und trinkt zwei, drei Pilschen. Wir sind schon während des Spiels dahin gegangen. Nach dem 0:3 hatten wir keine Lust mehr. Ich wär auch geblieben, muss aber zu einer Party nach Essen-Eiberg.“ Der Stephan trinkt. Nur so ist das eigentlich zu ertragen. Ein Blick auf die Tabelle. Einmal 1:4 verloren, schon geht es runter von eins auf fünf. Dirk aus München, der gerade von seiner Hochzeitsreise aus Australien zurückgekehrt ist, will Ergebnis und Spielverlauf wissen. „Ganz schlimm! 1:4, Prügeleien in der eigenen Kurve, Feuerzeuge gegen die eigene Mannschaft. Welcome back in Germany! Schönen Abend wünscht: Koller Raus“ tippe ich mit meinen aufgetauten Fingern auf der kleinen Handy-Tastatur. Gerd meldet sich, der Stadionkumpel, der seit ein paar Monaten nicht mehr da war. Er saß während des Spiels im Flieger nach Bangkok. Da wäre ich auch gern. Am Essener Hauptbahnhof steige ich aus, ziemlich früh für meine Verhältnisse. Noch eine halbe Stunde bis zu Harry Potter, Hagrid, Hogwarts, Hermine. Eine halbe Stunde bleibt zur Spielanalyse, eine halbe Stunde, in der ich im Keller des Hauptbahnhofs auf die U18 warte.

Es fängt so gut an. 19 Uhr am Freitagabend, das hat Vor- und Nachteile. Vorteil ist natürlich eindeutig das Fluchtlichtspiel-Feeling, Nachteil ist die frühe Zeit. Heute bin ich pünktlich aus der Redaktion und stehe bequem unter 21.000 Zuschauern in der Ruhrstadion. Zwei Wochen hat unser Trainer Zeit gehabt, um unser ins Stolpern geratene Topteam auf richtigen Formkurs zu bringen. Skov-Jensen steht im Tor, der Mann, der aussieht, als würde er jeden an der Theke unter den Tisch trinken. Und auf Grote setzt er, links offensiv. Das ist ja mutig. Von unseren fünf Bochumer Galionsfiguren van Duijnhoven, Colding, Zdebel, Meichelbeck und Wosz spielt keiner. Egal. Wir sind auch so gut genug. Sam und Nicole kommen unmittelbar vor dem Anpfiff, auch der witzige Fanklub, in dessen Mitte ich mich stets aufzuhalten pflege, ist komplett vertreten. Die Weichen für einen erfolgreichen und obendrein witzigen Zweitliga-Abend sind gestellt, eindeutig. Anpfiff, 61 Sekunden später, 0:1. „Frei, freier, Meijer“, spottet MSV-Fan Helmut per sms. Was für ein saublödes Tor. Alle schlafen und schon ist es passiert. „KOLLER RAUS!“, brüllt derjenige, der dieses Ritual seit dem ersten Heimspiel pflegt. Und hintendran: „Wir ham den schlechtesten Trainer! SCHLECHTESTEN TRAINER!“ Diesmal widerspricht niemand. Abwinken. 14. Minute, Reghecampf frei, 0:2.

Entsetzen. „Wir wollen Euch kämpfen sehen! Wir haben die Schnauze voll!“ Und die nächste sms: „Willkommen in der Krise!“ DARIUSZ! DARIUSZ! wird gefordert und DARIUSZ! kommt in Minute 34. Halbzeit 0:2, eine Halbzeit, die unter die Kategorie „Arbeitsverweigerung“ fällt. Das 0:4 auf St. Pauli war ein Ausrutscher, das 1:1 gegen Paderborn Pech, das 0:3 in Siegen die erste Krise in der Liga. Jetzt wird aus dem Ganzen aber ein Trend und alle in der Ostkurve erinnern an sich die drei knappen 1:0-Erfolge. „Da hatten wir doch auch den Papst in der Tasche! Stellt Euch vor, ohne die drei späten Tore hätten wir sechs Punkte weniger“, sagt jemand, als der Schiedsrichter zum Pausentee bittet. Ein fürchterlich lautes Pfeifkonzert. Was ist bloß los? Was ist mit den Spielern? Was ist mit Koller, dessen Nagelprobe ganz schön nach hinten losgeht? Was ist mit dem Wetter los, das uns ganz übel kalte Temperaturen beschert? Und was mit uns panikmachenden Fans? Was ist los mit uns? Hat die letzte Saison solche Nachwirkungen? Als wir alle uns zu lange zu sicher und zu gut fühlten? Dieser verdammt unnötige Abstieg? Unten bei den Ultras geht es rund. Ein paar Leute vermöbeln sich, in der eigenen Kurve. Schlimme Sache das. Lupo kommt wieder, einer aus dem Fanklub, der um mich herum steht. Lupo erzählt von einer weiteren Schlägerei irgendwo in den Katakomben. Die Nerven liegen blank.

Zweite Halbzeit, hoffentlich wird es besser, die Stimmung ist kaum noch zu ertragen. Und das bei einer Mannschaft, die wochenlang an der Tabellenspitze stand! Aachen, wie es singt und lacht, Bochum, wie es zusammenkracht. Fünf passable Minuten mit zwei Riesenchancen macht Plaßhenrich bei einem Eckenkonter der simpelsten Art zunichte. Ganz einfach lässt sich unsere Abwehr vernaschen, 0:3, die Entscheidung. Aachen spielt clever, offensiv und nutzt unsere Fehler gnadenlos, gnadenloser, am gnadenlosesten aus. Pfiffe, laute Pfiffe, Feuerzeuge, Becher fliegen. „Williiiiiiiiii“ wird gefeiert, die landgrafende und sich warmlaufende Aachener Kultfigur. Diskussion über die schlechtesten Heimspiele, die wir im Ruhrstadion gesehen haben, wieder einmal. „Und wieder stellen wir fest“, sagt einer aus dem Fanklub. „25 Jahre alles falsch gemacht.“ Imhof verkürzt auf 1:3, aber niemand jubelt. Noch zwanzig Minuten, geht noch was? Edu, die personifizierte Verunsicherung, steht zwei Minuten später FREIIII, hat alles auf dem Fuß und scheitert kläglichst. Die letzte Chance vertan, das war’s. Schlaudraff darf sich beim 4:1 die Ecke aussuchen und schießt die Laune total in den Keller. Desolat. Peinlich. Kein System. Kein Selbstvertrauen. Nur Sicherheitsfußball. Keine Abstimmung in der Defensive. Null Torgefahr. Arbeitsverweigerung. Ohne Zdebel bricht alles auseinander. „Koller raus!“ brüllt der Koller-raus-Mann und einige stimmen ein. „Wen holen wir denn jetzt? Also ich bin für EDE GEYER!“, sagt Lupo. Aua. Geyer. Aua. Die meisten verabschieden sich von Koller. Kurz vor dem Abpfiff schubst ein Erwachsener eine 12-Jährige aus nichtigen Gründen. Wieder ein Handgemenge in der eigenen Kurve, das dritte heute. Ganz schlimme Stimmung. Sam muss schlichten. „Das war mein letztes Heimspiel für eine lange Zeit“, sagt er. In der Hinrunde hat er keine Lust mehr, bis einschließlich April verbringt er dann aus beruflichen Gründen seine Zeit in Brasilien. Keine Lust mehr. Schlimm. Abpfiff. Die Mannschaft kommt, um sich für die nicht vorhandene Stimmung zu bedanken. Und sie erntet nur ganz laute Pfiffe, Tausende Stinkefinger und einige Feuerzeuge. Wosz schmeißt sein Trikot ins Publikum, „Dariusz!“-Rufe, nur ein paar. Und der Rentner in der 308 erzählt von Goa.

Angekommen. Rhein-Ruhr-Zentrum. Die Erinnerungen verdrängen. Den Abend vergessen. Andi, es war nur ein Fußballspiel. Nur ein kleines, schäbiges, mit 1:4 verlorenenes Fußballspiel. „Zweite Liga, tut schon weh“, wie wahr, dieser Sprechchor. Ich fliehe aus der Kälte in die Zaubererwelt. Will aus dem November entfliehen, dem Monat der fußballerischen Enttäuschung. Oder, um es in Anlehnung an Green Day zu sagen:

„Wake me up, when November ends“.

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5. Februar 2003 – VfL-FCK 6:7 n. E. – „Es tut immer noch weh“

So richtig oft erreicht der VfL Bochum im DFB-Pokal nicht das Viertelfinale. Deshalb kann ich mich als jedes einzelne Spiel (es gab in meiner VfL-Karriere nur zwei) und damit an jede einzelne Niederlage (beide peinlich) sehr, sehr gut erinnern. Als der VfL im Februar 2003 auf den 1. FC Kaiserslautern traf, stand der VfL im oberen Mittelfeld der Tabelle, der FCK war das abgeschlagene Schlusslicht. Ich pflegte dieses Spiel „Freilos“ zu nennen und wurde böse überrascht. Von einem langen Schlaks namen Vratislav Lokvenc, der gleich vier der sieben Lauterer Tore erzielte.

So geht der Text, den ich „Es tut immer noch weh“ nannte. Die Unterzeile: „Mirko heißt Gerd und Sam war bei den Backstreet Boys“.

– Es tut immer noch weh, weil nichts mehr geht. Unser Pech: zuviel Glück stand uns im Weg.

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass Liebeslieder auch auf Fußballspiele anzuwenden sind, wie dieses von Rosenstolz: Hier ist er.

Fünf Schüsse. Fünf Schüsse entfernt vom großen weiten Fußball-Universum. Fünf Schüsse noch. Und dann noch ein einziges weiteres Spiel bis zum unvergesslichsten Moment meiner VfL-Karriere, dem Finale in Berlin. Fünf Schüsse bis zum lautesten Jubelschrei ever heared. Fünf Schüsse. Nur fünfmal eine runde, mit Luft gefüllte Leder-Kunststoffkugel in ein 7,32 Meter breites und 2,44 Meter hohes Gehäuse bugsieren. Irgendwie. Noch fünf Schüsse.

Es ist kalt, und schon 120 Minuten liegen hinter mir und noch 22 100 Volldeppen, die an einem Mittwochabend nichts Besseres zu tun haben, als sich ein Fußballspiel zwischen dem Tabellenachten und dem Tabellenletzten der Bundesliga anzuschauen. Eigentlich ne Sache für ne Handvoll Fans auf nem Ascheplatz, aber das Etikett DFB-Pokal verleiht dem Ganzen einen unvergleichlichen Charme. Sogar so viel Charme, dass keine Sau erklären kann, warum das Fernsehen Bayern gegen Köln gezeigt hat (spätestens nach dem 3:0 in der 10. Minute haben bestimmt 75 Prozent der TV-Zuschauer umgeschaltet) und nicht VfL gegen FCK. Viertelfinale. Bemühe die Statistik: Hab bisher vier Spiele Bochum gegen Kaiserslautern gesehen. Alle vier hat Kaiserslautern gewonnen. Ich sollte nicht hingehen.

Und mache es doch. Mit Person Nummer 41, die mich zu einem VfL-Spiel in die Ostkurve begleitet: Mein guter Freund Helmut kommt mit; eigentlich ein MSV-Fan (er hat sogar den blau-weißen Zebra-Schal an, aber unter der Jacke fällt das nicht auf). Aber da es an der Wedau weder ein schönes Stadion noch attraktive Spiele noch Erstliga-Fußball zu sehen gibt, packt ihn die Lederball-Sehnsucht und das Ruhrstadion lockt. Für die fantastische Bochumer Bratwurst kann ich ihn zwar nicht begeistern, aber mit den Jungs im Block P, halbhoch hinter dem Tor, kann er sich direkt anfreunden. Da sind sie alle versammelt, vor allem Gerd und Sam. Gerd? Noch nie gehört? Oooooh doch, habt Ihr! Denn Mirko heißt jetzt Gerd. Schaut nach beim Nürnberg-Spielbericht: Der von mir Mirko getaufte namenlose Stadionkumpel blätterte tatsächlich auf dieser Homepage – und offenbarte sich per e-Mail als Gerd! Nun muss ich mir zwar einen neuen namenlosen Stadionkumpel suchen, aber es ist wirklich sehr nett, nun den richtigen Namen zu kennen. Und Sam? Wer ist Sam? Keine Ahnung, in welchem Spielbericht es genau war, aber irgendwann erwähnte ich einen Afrikaner, der auch immer bei uns steht. Genau, eben Sam. Allerdings ist er kein Afrikaner, sondern Amerikaner, und – HALTET EUCH FEST – er war bei der 1997-er-Deutschland-Tour der Drummer der Backstreet Boys.

– Hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ich es nicht gesehen hätte

erstaunt mich Gerd. Wahnsinn, was für Leute man im Stadion kennengelernt. Nebeneinander ein Richter (Gerd), ein Jurist, Amerikanologe und Drummer (alles Sam), ein Sportlehrer (Helmut), ein Journalist (me) – ja und nicht zuletzt ein promovierender Germanist (Thommy). Mein Bruderherz hat zwar mal wieder Verspätung, trifft aber noch pünktlich zum Anpfiff ein. Gemeinsam harren wir der Dinge, die da kommen mögen, im dicksten Proleten-Pulk. So viel Publikum ist Helmut gar nicht mehr gewohnt… Ist im Ruhrstadion eben doch ganz anders und viel besser als zu Hause vor dem Fernsehschirm..

Pokal. Böse Erinnerungen. Will mal nach Berlin. Hab mir den 31. Mai schon vorsorglich freigenommen. Das würde die komplette deutsche Fußballszene konterkarieren. Unser kleiner VfL Bochum im Pokalfinale. Vielleicht gegen die großen Bayern. Ja und vielleicht noch ein Sieg. Sobald „The final countdown“ läuft, springe ich im Achteck, sobald „We are the champions“ ertönt, ertappe ich mich beim Pokalklau in der Bochumer Geschäftsstelle. Viertelfinale. Der 1.FC Kaiserslautern kommt. Ein Trümmerhaufen-Verein, der so viele Schulden hat, dass das Zahlensystem bald erweitert werden muss. Da sind die „Finanzamt – o-ho – Finanzamt – o-ho-ho-ho“-Rufe aus unserer Kurve nicht nur kreativ, sondern auch äußerst zutreffend. „Ein Freilos“ habe ich dieses Spiel getauft. Noch 90 Minuten bis zu einem überzeugenden Sieg.

– Ich hab auf Bochum getippt, verrät Helmut, warum sein Herz in diesem Spiel auch mal für die richtige blau-weiße Mannschaft schlägt

– Ich hab ne Verabredung nach dem Spiel. Darf also keine Verlängerung geben, ergänzt Thommy.

Na und die VfL-Jungs wollen die beiden doch nicht enttäuschen. Fahrenhorst, 6. Minute, 1:0 für uns. Gestern haben die Bayern den FC Köln mit 8:0 weggefegt, wär doch geil, wenn uns das auch gelingen würde. NUR NOCH NEUN!!! Das hat der Ultra-Typ mit dem Megaphon auch gescheckt und stimmt „Lautern, Lautern, zweiiiiite Liga“-Rufe an. Formsache.

Formsache? Hoppla. Lautern kann Fußball spielen? Unsere Jungs nehmen das zu locker? AAAAAAAAAAAAccccccchtung, der Lokvenc; ja schlafen die denn? 1:1 in der 18. Minute. HAAAAALLLOOO WACH!!! Jungs, das ist DFB-Pokal! Nicht nur wir wollen den Pokal!

Ihr doch hoffentlich auch, oder? Nicht? Wieder Lokvenc, 22. Minute; 1:2!!!

1:2!!!

Kann alles nicht wahr sein. So optimistisch gewesen. Und jetzt? Martinhatdengeilstenschussderwelt Meichelbeck geht, Thomas Reis kommt. Gerd und ich wollten ja immer, dass der auf der linken Seite in der Kette spielt (remember: die alten UEFA-Cup-Tage), aber neeein, Pidder Neururer setzt lieber auf die defensivstärkere Variante. Wenn er meint… aber der Reis ist vorn besser. Kaum ausgesprochen, schlägt´s ein zum 2:2. Torschütze? Reis! Würden die Experten doch häufiger mal die Ostkurve um ihre Meinung bitten. Dass es völlig unverdient ist, weil die Lauterer aus irgendwelchen Gründen doch vor den Ball zu treten imstande sind, wen juckt das schon?

– Hab alles richtig gemacht. Gute Stimmung, ein tolles Spiel, viele Tore, frohlockt Helmut – und ich stimme ihm zu.

Naja, so wirklich gut ist das Spiel in den restlichen 55 Minuten aber nicht mehr. Unterbrochen von einer cheerleadergefüllten Halbzeitpause (die Ostkurven-Stimmung bleibt wohl so lange gespalten, bis die Mädels wieder vom Rasen verschwinden) liegt die Unterhaltung in der Spannung, die Spannung in der Unterhaltung. Ihr könnt´s Euch schon denken. Gerd. Sam. Backstreet Boys. Helmut. Wetten. Thommy.

Und zwischendurch:

V – F – L !!! V – F – L !!!

Je näher das Ende rückt, desto mehr zittert Helmut. Schiri Wack schaut auf die Uhr, pfeift…

… AB! 2:2, Verlängerung.

– Scheiße, Tipp im Arsch! brüllt Helmut.

Und ich? Nochmal 30 Minuten zittern. Packe meine nächste Statistik aus. Hab bislang zweimal ne Verlängerung erlebt, zweimal gewann der VfL. Aber die üble Viertelfinal- und FCK-Statistik überwiegt. Unsere Jungs scheinen k.o. zu sein. Da geht nicht mehr viel. Herr Lokvenc meint diesen Eindruck auch noch bestätigen zu müssen und netzt in der 101. Minute zum 3:2 für Lautern ein. Das war´s. Das Aus. Lähmendes Entsetzen in der Kurve. Keiner kriegt mehr einen Ton raus. Die gute Stimmung ist wie weggeblasen, die Berlin-Reise im Kopf schon storniert. Noch bleiben 16 Verlängerungs-Minuten. Auf einmal ein Zupfer an Christiansen. HEEY!! Ein Pfiff, Elfmeter. Christiansen, Tor – 3:3. Wie die Jungfrau zum Kind. 3:3, es bleibt dabei. Ein glückliches Unentschieden für uns; Lautern war insgesamt besser und hatte die Chancenmehrheit – aber ein toller Pokalfight geht zu Ende; und das Elfmeterschießen muss entscheiden.

– Ich hab doch ne Verabredung!!!!!! Und Deine Serie, Andi… Sieht nicht gut aus, sagt Thommy.

Fünf Schüsse noch.

Ich würd prima als Wackelpudding durchgehen. Ein einziger Stubser genügt, und mein ganzer Körper vibriert. Es knistert vor Spannung. Die Luft bebt. Die Tribüne wackelt. Keiner der 22 000 Zuschauer ist vorzeitig abgehauen. Keiner.

Fünf Schüsse noch.

Unsere fünf Helden habe ich exakt vorhergesagt (hätte ich mal gewettet). Schindzielorz, Reis, Colding, Gudjonsson, Christiansen. Sesi beginnt. Schuss und – GEHALTEN !!! Thommy leih mir Deine Schulter. Und jetzt Harry Koch. Läuft an. Reeeeeeeinnnnn – HÄLT! Fängt alles wieder von vorn an. Thomas Reis. Hat geil gespielt. Sich in die Mannschaft. Und schießt sich ? Wieder raus? !!!! ?!?! Wieder gehalten! Immer noch 0:0. Dann Klose – 0:1. Colding – 1:1. Huuuuh, wir können doch Elfmeter verwandeln. Grammozis – 1:2. Gudjonsson – 2:2. Lokvenc – 2:3, sein viertes Tor heute. Christiansen – 3:3. Bjelica muss verwandeln, dann ist der FCK weiter. Läuft an. Drin. 4:3, also 7:6 für Kaiserslautern. Der Letzte ist heute der Erste. Und mein Traum? Platzt!

Fünf Schüsse waren es bis zum Glück.

Vorbei.

Mit diesem Verein werde ich wohl nie ein Happy End erleben.

– Und tschüss Jungs! Thommy und Mirko-Gerd haben´s eilig. Ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Weg. Einfach nur weg. Große Klappe gehabt, und jetzt? Zum dritten Mal AUS im Viertelfinale. SMS von Björn: „WELTPREMIERE! Das erste Mal ist eine Mannschaft mit einem „Freilos“ ausgeschieden!“ Alle Sprüche werde ich in dreifacher Dosis wieder bekommen. Am 31. Mai werde ich nun doch arbeiten gehen und den genommenen Urlaub zurücknehmen. Dann muss der „goldene Schuss“ warten, bis zum Sommer 2004! Aber dann, ganz bestimmt, habe ich nicht nur eine Hand am Pott, sondern … lasst mich träumen.

Diese Niederlage tut richtig weh.

Zum guten Schluss wieder Rosenstolz.

– Doch Zeit kann grausam sein.
Sie bricht Dein Herz.
Und wird es wieder heil´n! –

DFB-Pokalsieger 2004? Maybe…

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1. April 2002 – VfL-Frankfurt 3:0 – „Christiansen – o-ho!“

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen – so verbrachte ich den Ostermontag 2002, einen Tag nach meinem 24. Geburtstag. Am Mittag schaute ich mir ein Fußball-Landesligaspiel zwischen Vatan Spor Mülheim und Alfa SV Duisburg an – am Abend den Kick des VfL gegen Eintracht Frankfurt. Ich fuhr mit meinem Bruder und einem guten Freund hin, der VfL siegte 3:0, gewann zum siebten Mal in Folge und stieg am Saisonende auf.

Und so geht der Text, den ich „Christiansen – o-ho!“ taufte, mit der Unterzeile „Nie mehr, nie mehr Zweite Liga!“

Es ist lange her, aber heute machte sich endlich einmal wieder so ein Endspiel-Gefühl in meinem Hirn breit. Nein, nein, das ist kein Aprilscherz oder sowas (damit verschone ich Euch an dieser Stelle), es geht halt um sehr viel. Sechsmal gewonnen, auch noch in Folge, aber das ist nix wert, wenn die Frankfurter nicht geschlagen werden. Ja, Frankfurt – das ist auch ein ganz besonderer Gegner. Zwei üble Auswärtsfahrten habe ich in Erinnerung, einmal 0:1, einmal 0:3 – das waren ganz bittere Momente.

Es ist lange her, dass mein Kumpel Marc mit zu einem Bochum-Spiel gekommen ist. Ihr müsst wissen: Marc ist Schalke-Fan – er überließ mir gottseidank seine Dauerkarte beim ersten S04-Spiel in der Arena (ein phantastisches 3:3 gegen Leverkusen) – und er mag Eintracht Frankfurt nicht. Bei einem Schalke-Spiel gegen Frankfurt riss er sich mal die Flosse übel auf und musste lange mit einem ganz schön heftigen Verband rumlaufen…

Es ist leider gar nicht lange her, dass der Regionalexpress Verspätung hatte. Kommt häufiger vor, der Deutschen Bahn AG sei Dank!

Und so treffen wir uns um 19.05 Uhr am ersten Gleis, doch die Bahn fährt erst um 19.30 Uhr ab (normalerweise 19.13 Uhr). Scheiße, das wird ganz schön knapp. Also nochmal sinnieren über mein mittägliches Fuppes-Spiel Vatan Spor Mülheim gegen Alfa SV Duisburg, das 2:0 für Vatan ausging.

– Der Torwart von Vatan hat einen Riesen-Elfer verwandelt
nacherzähle ich das Spiel meinem Bruder Thommy, der auch mitfährt.

Es ist lange her, dass sich Riesenschlangen vor den Kassenhäuschen bildeten. Ich sagte es ja – Endspiel-Stimmung. Ostermontag, Riesenwetter, tolle Serie – ja, das lockt trotz DSF-Liveübertragung selbst die Bochumer Zuschauer an. Ich verhalte mich mal ganz egoistisch und begebe mich Richtung Kurve – Anstoß ist schließlich schon in fünf Minuten. Marc und Thommy müssen noch anstehen.
Sie sollten es bereuen.

Es ist lange her, dass ich „Mein VfL“ und Herbert Grönemeyers „Bochum“ verpasst habe, aber diesmal war so ein Tag. Zum Glück verpasse ich kein Tor. Anstoß. Minute eins, zwei, drei. Dann Freistoß Wosz, Ristau – TOR!!!! Marc und Thommy betreten gerade die Treppe zum Block P. Aus die Maus, Pech gehabt! Gespräche in der ersten Halbzeit unmöglich, obwohl „nur“ 17 500 da sind, ist es ganz schön eng… Das Spiel wird schwächer, die Führung unverdienter. Frankfurt drückt… Bis zur 45. Minute. Rasiejewski foult Christiansen. Im oder außerhalb des Strafraums? Wen juckt´s! Christiansen verwandelt, 2:0 zur Pause.

Endlich, zur Analyse gelange ich neben Marc und Thommy!

– Selbst wenn es 1:0 gestanden hätte, hätte ich „unverdient“ gesagt. Frankfurt war besser.

Beide nicken.

Die zweite Halbzeit beginnt, endlich mit einem 20-minütigen VfL-Feuerwerk. Christiansen erzielt ein sensationelles Tor zum 3:0 – der Käse ist gegessen. Noch ein bisschen feiern. Die Mannschaft, den Trainer und vor allem

– Christiansen, o-ho, Christiansen, o-hoooo.

Es ist lange her, dass ich wirklich ernsthaft das Wort „Aufstieg“ in den Mund genommen habe. Doch diesmal ist es soweit. Nach sieben Siegen in Folge ist träumen erlaubt. Meint auch Kollege Dirk aus München, per SMS-Ticker immer auf dem Laufenden.

Es ist lange her, dass ich den City-Grill ausfallen lassen musste (Kein „Mein VfL“, kein „Bochum“, kein City-Grill – also eigentlich war das nur ein halbes Heimspiel…) – aber diesmal hatte „La Ola“ mit der Mannschaft eindeutig Vorrang. Zehn Minuten nach dem Abpfiff hat Thomas Christiansen seine Interviews gegeben und erhält seine verdienten Ovationen. Beruhigt können Marc, Thommy und ich den Heimweg antreten. Es war wieder mal ein netter Fußball-Abend – und ich habe selbst nach zwei Spielen innerhalb von sieben Stunden (erst Vatan gegen Alfa von 15 bis 16.45 Uhr, dann VfL gegen Eintracht von 20.15 bis 22 Uhr) noch nicht die Nase voll. Ab nach Hause, mit Gänsehaut und einem Grinsen im Gesicht.

Es ist lange her, dass ich nach einem VfL-Glückgefühl keinen Wermutstropfen bekommen habe. Diesmal ist es das Internet, das mir verrät, dass der Schiedsrichter eine Wosz-Tätlichkeit übersehen hat und eine Sperre droht. Na super. Da ist ein Funken der guten Laune wieder weg.

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Neuers brisante Rückkehr

Für DerWesten und die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtete ich über das Bundesligaspiel Schalke 04 gegen Bayern München (0:2).

Zur Einzelkritik der Schalker Spieler geht es hier (geschickt mit dem Schlusspfiff, eine später gekürzte und modifizierte Version steht in der WAZ-Ausgabe Gelsenkirchen). Meine Noten: Fährmann (2,5)-Uchida (5), Höwedes (3), Matip (3), Fuchs (4)-Papadopoulos (5), Kluge (5)-Farfan (5), Raúl (5), Holtby (5)-Huntelaar (5). Eingewechselt: Draxler (5).

Zu einem Text über den ersten Einsatz des finnischen Stürmers Teemu Pukki (mit Stimme), der sowohl online als auch im WAZ-Lokalsport erschien, geht es hier.

Zu den in der Mixed Zone und in der Pressekonferenz gesammelten Stimmen (u. a. Rangnick, Heynckes, Heldt, Matip, Höwedes, Huntelaar etc.) geht es hier.

Wie es so abging bei diesem etwas anderen Spiel, könnt Ihr in diesem YouTube-Video sehen.

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Und die kleine Anna lachte – Stuttgart-VfL – 9. November 2002

Zu dieser Zeit, im November 2002, datete ich Internet-Bekanntschaften, und las zum zweiten Mal in meinem Leben „Fever Pitch“ von Nick Hornby. Und dann begleitete ich den VfL Bochum nach Stuttgart, vergaß meine Jacke in einem ICE, zitterte bis in die Nachspielzeit – um dann mit meinem VfL noch das 2:3 zu kassieren. Buuh! Ich nannte den Blog-Text „Und die kleine Anna lachte“ und verpasste ihm die Dachzeile „Ballfieber. Eine von vielen Geschichten eines Fans“. Und es ist witzig, dass ich jetzt, knapp zehn Jahre später, wirklich – wie im Text prophezeit – ein „Teil des Profigeschäfts – als Sportreporter“ bin und eine Freundin habe.

Aber lest selbst:

– Ich verliebte mich in Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.

Wer diese Worte noch nie gehört oder gelesen hat, dem sei an dieser Stelle ein großer Vorwurf gemacht: Es sind einleitende Worte aus „Fever Pitch“, diesem fantastischen Fußball-Buch von Nick Hornby über Leute wie mich; über solche hemmungslos Irren, die ihren Mannschaften bis nach Pusemuckel hinterherreisen, die auch nach zig Jahren noch jedes Einzelne der zahllosen Spiele nacherzählen können, die so manchen Vornamen von Spielerfrauen kennen undundund. Hornby selbst schildert seine Biographie anhand von Fußballspielen, die er mit Arsenal London erlebte.

Hätte Nick Hornby nicht dieses Buch geschrieben, seid sicher, liebe Freunde, in zehn Jahren wäre das mein Werk gewesen.

Ballfieber. Die Geschichte eines Fans. Auf dem Einband hätte dasselbe gestanden wie bei Hornby. „Die verrückte Geschichte einer lebenslangen Liebe. Ein Fußballfan und sein Verein.“ Und mir wären genauso viele Philosophien über die Lippen gegangen wie Nick Hornby, die Fußballern und Nicht-Fußballern die Emotionen der Fans näher bringen.

Beispiele?

– Viele Fans sind wütend auf ihr Team oder die Anhänger des Gegners – und zwar richtig ausfallend wütend. Ich habe nie ein derartiges Verlangen verspürt; ich will nur allein sein, um nachzudenken, mich ein Weilchen im Selbstmitleid zu wälzen und die Kraft wiederzufinden, die nötig ist, um zurückzukehren und wieder von vorn anzufangen.

– Ich weiß, dass ich im Hinblick auf Rituale besonders blöd bin, aber das war ich schon immer, seit ich angefangen habe, zu Fußballspielen zu gehen, und ich weiß auch, dass ich nicht der einzige bin. Ich kann mich erinnern, dass ich mein Programm immer vom selben Programmverkäufer kaufen und das Stadion immer durch dasselbe Drehkreuz betreten musste. Es hat Hunderte vergleichbarer Kinkerlitzchen gegeben, alle dazu bestimmt, Siege für mein Team für garantieren.

Und folgendes Gefühl einer Niederlagenserie kenne ich auch ganz gut:

– Leuten zu erzählen, dass ich den gesamten Zeitraum dort war, verleiht einem selbst sieben Jahre später in gewissen Kreisen ein soziales Prestige. Letztlich lernte ich in diesem Zeitabschnitt mehr als in irgendeinem meiner fußballerischen Geschichte, dass es für mich ganz einfach nicht zählt, wie schlecht sich die Dinge entwickeln, dass Ergebnisse letztlich nicht viel bedeuten. Es gibt viele Fans wie mich. Für uns ist der Konsum alles; die Qualität des Produkts ist unerheblich.

Nick Hornby. Fever Pitch. Kaufen. Lesen. Die deutsche Fortsetzung habt Ihr grad auf Eurem Bildschirm.

Gut, gelesen hab ich Fever Pitch schonmal, ist aber Ewigkeiten her. Und getreu einem Auswärtsspiel-Ritual (siehe Hornby-Regel…) packe ich immer ein Buch mit ein. Heute soll’s das Kultbuch sein, und ich verstaue es in meinem Rucksack. Wieder was dazu gelernt: Beim 53. Auswärtsspiel setze ich erstmals einen Rucksack ein, samt Buch, Discman, CD´s. Die ersten Zeilen rühren auf, reißen mit, ganz wie eh und je.

Es ist merkwürdig. Meine Augen quillen aus meinem Gesicht hervor, kann sie kaum noch aufhalten vor Müdigkeit. Doch die Morgensonne beißt sich in der Pupille fest, brennt ein klitzekleines Loch ins Hirn. Andi, irgendwann, irgendwann wird alles vorbei sein. Hornby macht pathetisch.

Irgendwann kannst und willst Du es Dir nicht mehr erlauben, einfach mal einen Tag auszubüxen und quer durch Deutschland zu einem Auswärtsspiel zu fahren. Nicht zuletzt, weil das eine Schweinekohle verschlingt. Irgendwann werde ich hoffentlich selbst Teil des Profigeschäfts sein; als Sportreporter. Irgendwann werde ich eine Freundin haben, in die ich mich „magenzusammenreißend“ (Hornby) verlieben werde und mit ihr so manchen Samstag verbringen. Also ist das heutige Spiel in Stuttgart eins von den besonderen. Denn irgendwann: das kann sehr bald sein.

Stuttgart, das Gottlieb-Daimler-Stadion! Danach fehlt nur noch Hamburg, bis ich die großen Stadien Deutschlands abgeklappert habe; aber die AOL-Arena ist Zukunft. Jetzt schaue ich erstmal raus, obwohl ich die Strecke aus dem Effeff kenne. Die Rheinstrecke übertrifft sich diesmal besonders an Schönheit. Der Zug ist leer, gaaaanz leer. Zum ersten Mal bei einem Auswärtsspiel stopfe ich mir die Stöpsel in die Ohren und lasse es sanft erklingen:

– Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt …

Der Rhein ist voller als sonst. Der Novemberregen.

Es ist eine wunderschöne Fahrt, vielleicht die schönste bisher. Grönemeyers „Vollmond“ begleitet mich, Sven Regeners Stimme und Element of Crime; „Every breath you take“ von The Police. Bei soviel Genuss vergesse ich glatt die Regenjacke im Zug. Eine Müdigkeitsattacke überfällt mich zwischen Mannheim und Ludwigshafen. Doch wer dieses Tagebuch aufmerksam verfolgt hat (Auswärtsfahrten nach Mannheim und München), der weiß auch, warum ich genau dort eingeschlafen bin…

45 Minuten habe ich mir gegeben, um die 500.000-Einwohner-Stadt Stuttgart zu erkunden. Also ganz unbekannt ist mir die „Schwaben-Metropole“ nicht. Anno 1999, beim Evangelischen Kirchentag wurde ich von meiner Tübinger Israel-Reisegruppe mitgeschleppt; außerdem war ich im selben Jahr bei der Sonnenfinsternis auch dort und bekam einen Teil der Uni zu sehen.

Im BAEDEKER beschließe ich eine Spaziergangroute, die ich mit erhöhtem Schrittempo bewältigen muss (Regen! Keine Jacke! Selbst schuld!). Tja, viel kann ich nicht sagen, denn in 45 Minuten lässt sich weder das Wesen der Schwaben noch einer ganzen Stadt erkunden. Aber durch Gerhard Mayer-Vorfelder, Erwin Teufel, die CDU und Mercedes-Benz bin ich extrem vorurteilsbehaftet. Und wenn die Leute auch noch so komische Sätze sagen wie „Isch des au die Krischtl wo ich mein das isch!?“ (hab ich wirklich gehört!), uuuuuuuhhh… Aber okay, der Schlossplatz ist im Sommer bestimmt ganz angenehm – und auch das Stadtbild (liegt im Tal und die Häuser sind wie in einem Amphitheater in die Höhe gebaut – schau nach beim norwegischen Bergen).

– Mein samstägliches Unwohlsein war dergestalt, dass ich darauf bestand, beachtliche zwei Stunden vor dem Anstoß im Stadion zu sein. Diesen Tick ertrugen meine Freunde mit Geduld und guter Laune. 45 Minuten vor dem Anpfiff war die Erregung so groß, dass jedwede Kommunikation unmöglich war.

Schreibt Hornby.

Und fragt meine Freunde – bei mir ist es genauso. Zwar nicht ganz so krass, aber eine bis anderthalb Stunden vorher bin ich auch immer auf den Stehstufen zu finden, und eigentlich nur noch für Smalltalk zu gebrauchen. Wenn ich was sage, kann ich mich hinterher meist nicht mehr daran erinnern (upps, jetzt habe ich mich geoutet…). Bratwurst rein, die Voll-Proleten tolerieren, die wie bei jedem Auswärtsspiel wieder da sind, und über die Aufstellung sinnieren. Bisher haben die einen so unverschämt guten Fußball gespielt wie seit UEFA-Cup-Zeiten nicht mehr. Und Stuttgart hat doch unsere Kragenweite! AUSWÄRTSSIEG, AUSWÄRTSSIEG brüllen die Brötchen.

Spiel Nummer 209 meiner VfL-Karriere. Der Anpfiff ist noch nicht ertönt, und schon gibt es Aufreger. Ohne Aufreger und ohne ein wenig Abenteuer wäre ein Fußballspiel nicht ein Fußballspiel und keine Fundgrube für Soziologie-Studenten wie mich. Stuttgarter Security-Affen fischen einen Fan heraus, der eine Rauchbombe zünden will (so scheiße find ich das gar nicht; er steht direkt unter mir). Zudem ist die Behandlung der Gästefans in Stuttgart mehr als diskriminierend. Eingepfercht in einen Käfig unter dem Stadiondach (ich hab mich gefühlt wie der Nymphensittich von meinen Freunden Tina und Helmut) bleibt dem Gast kein Blick auf die überdimensional große Anzeigetafel. Also ist er weder informiert noch nah am Spielgeschehen!

Oh je, dann betritt auch noch „Fritzle“ das Stadion, ein Krokodil; soll wohl das Maskottchen des Haufens sein. Und überhaupt: Warum müssen die an alles ein „-le“ anhängen? Gut, dass der VfL kein Maskottchen hat! Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, so etwas jemals einzuführen. Das ist doch nur was für die Vereine, die nicht genug Merchandising haben können und deren Fans ohne Maskottchen gar nicht so richtig in Stimmung können (Stuttgart, Bayern München, Leverkusen)!

Ihr wollt was über das Spiel hören?

Also die ersten 70 Minuten bibbere und zittere ich. IST DAS KALT OHNE JACKE!!!

Was da auf dem Rasen abgeliefert wird, ist einfach nur total grottig. Miserabel. Was ist bloß mit unseren Jungs los? Nix mehr mit Kurzpass-Spiel, Konterfußball, tollen Toren; der alte Trott! Tipp-Kick – und RAUS! Keine Torchance, nix. Da grenzt es schon an Gottschalksche Entertainment-Qualitäten, dass der Schiedsrichter über der Hälfte der eingesetzten VfL-Spieler die Gelbe Karte unter die Nase hält und wirklich jede Kleinigkeit abpfeift. „Gustl“, ehemaliger VfL-Torwart und jetzt in Stuttgart, wird gefeiert und JA, es gibt auch VfL-Fans in Schwaben. Einer davon ist total voll, steht neben mir und ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt. Schwäbisch UND besoffen ist eine tödliche Mischung. Der Typ beschäftigt sich mit Anna; die ist schätzungsweise acht und erstmals im Stadion. Anna lacht. Immerzu und immerzu.

Wäre ich doch in der „Staatsgalerie“ in die Impressionisten-Ausstellung gegangen.

Dann Christiansen. 1:0.

Hä?

Wie geht das denn?

Ich beschließe, bei einem Sieg entgegen meiner sonst so ausnutzenden Art kein Wort über den VfL zu verlieren. So eine schlechte Leistung kann doch nicht belohnt werden. Kaum den Gedanken zu Ende gedacht – Ganea, 1:1. Meine Jungs sind echt berechenbar. Kaum Hoffnungen gemacht, direkt gibts einen rein.

Dann Schindzielorz. 2:1.

Hä?

Wie geht das denn?

Erst 70 Minuten nix und dann drei Tore in zehn Minuten; unglaublich. Gegenzug. Fahnen wehnen, wie schon die ganze Zeit vorher. Die „Ultras“ scheinen einen Wettbewerb „Wer kann am längsten mit einer Fahne wehen und damit vielen anderen Fans die Sicht verdecken?“ auszutragen. Der Ball fliegt durch die Luft, ein Pfiff, ein Fingerzeig, Elfmeter. Ja warum das denn? Kalla protestiert, Colding auch. Ganea. 2:2. Ja gibt’s denn das?

V – f – B und V – f – L! Jetzt ist Feuer drin.

Letzte Minute. Letzte Flanke.

ABSEITS!!!

Das ist doch ABSEITS!!!!!

Ganea. 3:2.

Verloren.

Ganea. Einer von denen, die 31 Spieltage lang aus zwei Metern das Empire State Building nicht treffen würden, und an drei Spieltagen jeweils drei Tore in einem Spiel schießt. Und heute war einer von diesen drei Spieltagen. Der GANEA!!!

Fünfmal pro Tag (höchstens!) gibt es eine Direktverbindung per IC von Stuttgart nach Mülheim. Ich erwische eine davon; pflanze mich in einen Raucher-Großraumwagen, höre die Hosen.

– Steh auf wenn Du am Boden bist.

Schreibe SMS, sinniere über das Spiel, über diesen saublöden Elfmeter, die möglichen KICKER-Noten für die VfL-Spieler, die Nachspielzeit, die Stadt Stuttgart und mein hoffentlich bald magenzusammenreißendes Leben.

Irgendwann werden Tage wie dieser nicht mehr möglich sein. Dann werde ich der lachenden Anna nicht mehr zuschauen.

Ich werde diese Zeit irgendwann vermissen. Sehr vermissen.
Heute ist mir das bewusst geworden.

Und genau deshalb war der Tag in Stuttgart bei aller Nachspielzeit ein besonders schöner.

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