23. August 2007 – VfL-Hamburger SV 2:1 – „19 Stunden Ewigkeit“

Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey… Für 19 Stunden übernahm der VfL am 23. August 2007 die Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga – nach einem 2:1 über den Hamburger SV.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „19 Stunden Ewigkeit“ nannte – Dachzeile „Wie sagte der erfahrene VfL-Fan Lupo? ,In 30 Jahren habe ich noch nie erlebt, dass die Stimmung am dritten Spieltag so gut war!'“

Lupo kommt von hinten, von der Seite, wo auch immer. Es ist so laut, verflucht verdammt vergeil, einfach geil laut, alle 25 000 Bochumer sind noch im Stadion, applaudieren. Lupo, der Rest von Lupos Fanklub, Sam, Nicole, meine Arbeitskollegin Nancy, Gerd, Gerds Frau, zum ersten Mal seit vier, fünf Jahren im Stadion. Applaus für dieses Hamma-Spiel, Applaus! „In dreißig Jahren“, brüllt Lupo, damit sein Satz überhaupt mein Gehör findet („SPITZENREITER, SPITZENREITER, HEY HEY“ schreien wir im Stakkato), „in DREISSIG Jahren habe ich noch nie erlebt, dass die Stimmung am dritten Spieltag so gut war. IN DREISSIG JAHREN!“ Sagt’s, hebt seine Arme, klatscht und klatscht und klatscht bis die Hände schmerzen. Unser Lieblingsschlager heißt wie am Ende der vergangenen Saison „soooo gehn die hamburger, die hamburger gehn so… SOOOO GEHN DIE BOCHUMER, DIE BOCHUMER GEHN SO!!!“ Zehn Minuten nach dem Schlusspfiff kommt unser Trainer Marcel Koller in die Kurve. Es ist die Pointe der letzten zwölf Monate. Nach dem dritten Spieltag der vergangenen Saison, nach dem 0:1 gegen Cottbus, wünschten wir Koller zurück auf den Arbeitsmarkt, verfluchten unseren Trainer, kreischten mit hochrotem Kopf „KOLLER RAUS!“, immerzu und immerzu. Und jetzt wird er gefeiert.

Man, heute hänge ich irgendwie durch. Zum ersten Mal, seit ich Volontär an der Journalistenschule Ruhr bin. Und dann wurde gestern Abend auch noch meine EC-Karte eingezogen. Aufzustehen fällt mir heute enorm schwer, schon wieder 100 Kilometer nach Castrop-Rauxel fahren! Aber erst einmal zur Sparkasse, meine Karte wiederholen, denn überzogen habe ich mein Konto ausnahmsweise nicht. DEFINITIV nicht. Gehe zum Schalter und nach einigen Telefonaten erfahre ich, dass meine Kontodaten in den USA aufgetaucht sind. Ja suuuuuper, wahrscheinlich ’ne Kartendublette, Konto leergefegt. Moooaaaaahhhh, möchte einfach nur in die Tischkante beißen. Morgens um elf steht mir der Sinn gar nicht nach Fußball, dabei habe ich heute Morgen noch extra eine Tüte gepackt. Mit dem neuen Trikot mit dem Epalle-Schriftzug, mit meiner Digitalkamera, mit einem Deo – droht heute warm zu werden – und mit meinem VfL-Schal. Gehe ja arbeiten, in Stadionkluft darf ich in Castrop-Rauxel nun wirklich nicht antanzen. Haue einmal kurz gegen das Polster auf dem Beifahrersatz, mir geht das Leben gerade tierisch auf den Zeiger, suche eiligst die Pop&Wave-CD und fliehe in die 80er. Fliehe in Gedanken in die Party „Wilde 30“, die zweiwöchentlich im Schuppen stattfindet. Lied eins ist Alphavilles Burner „Big in Japan“, Lied drei das fantastische „Nowhere Girl“ von einer Band namens B-Movie. A40 bis Dortmund-Lütgendortmund, Castrop-Rauxel, EC-Karte weg, scheiße, Fußball-Stimmung?

Der Tag geht unerwartet schnell vorbei. Pöble ein wenig den BVB-Fan in unserer Redaktion an, indem ich ihn immer und immer wieder als „Schlusslicht“ bezeichne (yeah), verschicke kurz vor 18 Uhr ein paar sms, um zu hören, wer alles aus meinem Stadion-Freundeskreis aufläuft. Bin erstaunlich entspannt. Vier Punkte nach zwei Spielen ist für VfL-Verhältnisse eine sensationelle Bilanz. „Und trotzdem“, unkt der BVB-Kollege, „kriegt ihr das Stadion nicht ausverkauft…“ Die Ironie in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Ich finde 30 000 Zuschauer ziemlich gut, zumal wir es ehrlich meinen und nicht solche Modefans sind wie die in Lüdenscheid-Nord. Genug der Gehässigkeiten gewechselt, ihr seht: Mein Niveau war auch schon höher, muss eben doch noch reinfinden in diese Saison. Mein Anfahrtsweg ist heute mal ein ganz anderer. Nicht aus Mülheim, sondern hey, umgekehrt. Andere Richtung, andere Seite. Um kurz vor halbsieben ist die A40 unfassbar leer, kein Feierabendverkehr, kein Fußballverkehr. Zur Einstimmung lege ich eine CD in den Auto-CD-Radio-Schlitz, die ich einst für die USA-2004-Ostküsten-Urlaub brannte. Lied eins: Grönemeyers „Bochum“, Lied zwei: Thomas D.’s „Rückenwind“. Bleiben wir bei Lied eins…

Bin heute wieder mit Nancy verabredet, die schon beim Stuttgart-Heimspiel in der vergangenen Saison im Ruhrstadion weilte. Angesteckt mit dem Fußballvirus, helau. Treffpunkt 19.15 Uhr an der Straßenbahn-Haltestelle „Ruhrstadion“. Es ist schon der Wahnsinn, wie viele Leute ich mittlerweile kenne. Ich stehe etwa zehn Minuten neben dem Typen, der alle zwanzig Sekunden „SCHALS FÜR FÜNF EURO“ brüllt (und das wahrscheinlich den ganzen Abend, das wäre ja mal eine spannende Live-Reportage…). Der „Professor“ kommt vorbei – das ist der, der wirklich JEDES Spiel sieht – und damit meine ich auch Freundschaftsspiele auf den Dörfern. „Mattes“ heißt er wohl, denn auch er wird zwischendurch mehrfach gegrüßt. Er erzählt lustige Geschichten vom Cottbus-Auswärtsspiel vor einer Woche. „In vielen Bundesligastadien werden Leute mit Thor-Steinar-Klamotten nicht hereingelassen“, sagt er. *Exkurs: Laut Wikipedia wurde aus Antifa- und Zeitungskreisen Thor Steinar vorgeworfen, eine „Designermarke von und für Rechte“ zu sein*. In Cottbus trugen laut Professor die Ordner Thor Steinar… Zweites Gesprächsthema: die aktuelle Stadionzeitung. Mist, mein Exemplar liegt noch zu Hause im Briefkasten. „Haste die Kolumne von Goosen gelesen?“ „Nee.“ „Der kleine Sohn hat gesagt, wer so spielt wie in Cottbus und dann mit 2:1 gewinnt, der wird deutscher Meister.“ Da müssen wir beide laut lachen. Bochum-Fan zu sein, ist schon herrlich. „Jung, schüss nä“, sage ich nach zwei Minuten big-talk. Er geht noch ins „1848“ im Stadioncenter, die Kneipe, die nur bei VfL-Spielen öffnet. Der Professor haut ab, da kommen schon weitere Leute vorbei. Winkewinke hier, „Und sonst?“/“Muss“ dort. Mitglieder des TSV Heimaterde Mülheim, die ich aus läääängst vergangenen WAZ-Sport-in-Mülheim-Tagen kenne, brüllen dem Schal-Verkäufer „AM HAUPTBAHNHOF KOSTEN DIE NUR VIER“ zu. Fußball! Geil! Die Bahnen fahren an und ab, aus allen Richtungen. Nancy kommt gegen 19.20 Uhr.

Geil, Fußball, geil, vier Punkte, geil, EC-Mist vergessen, schönes Wetter – das ist nicht normal in diesem sogenannten Sommer – alle Stadionfreunde sind da. „Die kenne ich seit vielen Jahren“, sage ich zu Nancy, „aber die Vornamen kenne ich nur von den wenigsten.“ Der von Gerd ist mir natürlich geläufig. Unser promovierte Richter läuft kurz nach Nancy und mir mit großem Gefolge auf – unter anderem mit seiner Frau, die sich sonst nie im Stadion sehen lässt. Aber wenn der HSV kommt… Ich kündige Gerd als „ewig motzenden Vollproll“ an. Er nimmt’s hin. Die Atmosphäre ist seltsam ausgelassen. Es ist immer noch höchst ungewöhnlich für den VfL Bochum, eine Saison nicht auf einem Abstiegsplatz zu beginnen, sondern angenehm sorglos. Wir können heute nur gewinnen! Unser neuer Stadionsprecher Michael Wurst („Ich weiß nicht, wie es Euch geht, ich habe richtig BOCK!“) wird zur Bock-Wurst, kreischt die Aufstellung ins Mikrofon, macht seine Sache aber wirklich gut. Sam und Nicole kommen wie immer eigentlich pünktlich eine Minute vor dem Anpfiff, nachdem wir uns bei Grönemeyers Bochum die Seele aus dem Leib gesungen haben. „Wie wir hier reingekommen sind, das ist nichts für Deine Seite“, sagt Sam. Also schweige ich an dieser Stelle, aber ich sag nur soviel: Es ist eine mehr als typische und sympathische Sam-Geschichte.

Das Wiedersehen ist so herzlich, die Themen so vielfältig, dass wir den Anpfiff fast verpassen. Unser Trainer hat – so gut war das Cottbus-Spiel… – auf drei Positionen umgestellt. Gut, Rechtsverteidiger Concha ist verletzt, dafür spielt Pfertzel erstmals. Unsere komplett trantütige linke Seite ist aber ausgetauscht. Für Meichelbeck (links hinten) spielt Bönig und für Grote (links in der Mitte) Fuchs. Der HSV hat, wie ich feststelle, keine so schlecht besetzte Mannschaft und ist seit Stevens‘ Amtsantritt die punktbeste Mannschaft der Liga. Mit Rost, mit Kompany und Mathijsen, mit Atouba und de Jong, mit van der Vaart und Zidan. Die erste Halbzeit wird komplett torchancenarm, aber dennoch spannend, kurzweilig und gutklassig. Wir Tribünentrainer stellen schnell fest, dass sehr lange eine VfL-Mannschaft nicht mehr so fit, agil, spritzig und giftig wirkte – wobei: Die halbe Hamburger Mannschaft musste vor genau zwei Tagen noch in Länderspielen auflaufen… sicherlich kein Nachteil! Unsere Abwehr steht 1a. „Der Maltritz“, sagt Gerd, „also was aus dem Maltritz geworden ist…“ Mich beeindruckt Dabrowski, okay, technisch nicht der Fußball-Gott, aber er kriegt jeden Kopfball und präsentiert sich toll im Stellungsspiel. Zdebel ist eigentlich nur damit beschäftigt, van der Vaart zu foulen. Nach dem gefühlt zehnten gibt’s die verdiente Gelbe Karte. Epalle ist vorn unser Supermann. Obwohl eigentlich verletzt, ist er nur ganz schwer vom Ball zu trennen. Dagegen gehen Sestak, Bechmann und Fuchs ein wenig unter. Richtig gefährlich wird’s, als Zidan vier unserer Abwehrspieler stehen lässt, aber ans Außennetz schießt (34.). Und richtig lustig, als van der Vaart in unserer Kurve eine Ecke schießen möchte (39.), aber von fliegenden Bechern und lauten „Vaaaalencia“-Rufen davon abgehalten wird. Wir diskutieren derweil auf der Tribüne, ab wann Sam sich diskriminiert fühlt und was er zum Fall Weidenfeller/Asamoah (für die Nicht-Fußballer: Weidenfeller soll „schwarzes Schwein“ gesagt haben und wurde drei Spiele gesperrt. Weidenfeller weist die Vorwürfe aber zurück) zu sagen hat. „Im alltäglichen Leben“, sagt Sam, „kommen Diskriminierungen oft vor.“ Nancy achtet fast ein bisschen mehr auf die Menschen drumherum als auf den rollenden Ball selbst. Wir bereiten uns in Minute 44 schon auf die Halbzeit vor, analysieren alle in unserem Block: „Wir spielen richtig, richtig gut“, als Bönig noch einen Einwurf links fast an der Eckfahne bekommt. Ein weiter Bönig-Einwurf, Dabrowski verlängert (wieder einmal Kopfballduell-Sieger), Epalle verlängert (Kopfballduellsieger gegen de Jong), Sestak steht freiiii, TOOOOOOOOOOOORRRRRRRRRRRR!! Halbzeitpfiff sofort, Ovationen und Riesenapplaus schon jetzt.

Nach 15 Minuten Erholungspause mit den Cheerleadern, Dariusz Wosz samt Ankündigung seines Abschiedsspiels (mit Rein van Duijnhoven, Rest ging im Jubel unter) und Erzählungen von Sam über Schnorcheln in Key West in Florida (die Sau! *ääh, war das jetzt diskriminierend, nee, oder?*) beginnen wir fulminant in der zweiten Halbzeit, die an Sprechchören, Spannung, Grätschen, Fouls und Schweiß so ziemlich alles zu bieten hat. Naja, Chancen weiterhin nicht wirklich, aber das ist ein Spiel, in dem das nichts ausmacht. Bönig verpasst in Minute 52 sein allererstes Tor für den VfL. Nach einem tollen Konter und einem Bechmann-Pass scheitert er völlig freistehend an Rost. Das wär’s gewesen. Das MUSS das zweinull sein. In der 60. Minute gibt es endlich die lang erwartete Rote Karte. An der Mittellinie fällt Kompany Bechmann so hart, dass der einen Meter hoch in die Luft fliegt, sich einmal dreht und zwei Meter weiter aufklatscht. Ob das aber wirklich Rot war? Keine Schwalbe, aber auch keine Notbremse und kein grobes Foul – ich glaub, der Bechmann ist nur spektakulär gesegelt. Egal, Kompany tritt gegen die Werbebande, ist extrem angefressen. In Überzahl MÜSSEN wir das gewinnen. Wieder die Pflicht, wieder das Wort MUSS. Sam brüllt dem Kompany nur „Schwarzes Schwein“ hinterher. Irgendwie hat das was.

Die Sekunden vergehen so langsam, warum muss das nur immer so spannend sein… Standards gibt es auf beiden Seiten, kein Wunder bei diesem mittlerweile wirklich harten Spiel. Nur langsam flammen die „So geeehn die Hamburger… und SO GEHN DIE BOCHUMER!“-Tanzrunden auf, als Zdebel – einen Tritt von Gelb-Rot entfernt – für Imhof weichen muss. „Mehr Schweizer aufs Feld“, brüllt Sam sehr ironisch (und diskriminierend, hihi), ein negatives UUUUuuuuuhhh-Raunen geht durchs Publikum, dem Imhof traut hier niemand etwas zu. Einwurf Bönig, Imhof bekommt eine Sekunde nach seiner Einwechslung den Ball, schiiiiiiieß, schiiiiiiiiiieß, schiiiiiiiiiiiiieß, 22 Meter Entfernung, schiiiiiiiiieß, flieg Bälleken flieg, drin. Ich hör nix mehr. Drin. Ich bin taub für diesen kurzen, kleinen Moment, der eigentlich die Ewigkeit bedeuten müsste. Hüpfe, irgendwie, schweige, irgendwie, kann es nicht glauben. Imhof, der kann doch eigentlich gar nicht schießen, und jetzt… Winkel… 2:0. Gewonnen. Nur noch ein paar Minuten zu spielen. „Ich hab doch gesagt: MEHR SCHWEIZER aufs Feld“, brüllt Sam. Abklatschen mit der ganzen Belegschaft. „Spitzenreiter, Spitzenreiter HEY HEY!“ Party people, geh mir weg mit Love Parade in Essen, heute ist die echte, die wirkliche, die höchstpersönliche Liebesparade, hier in Bochum, hier beim VfL! 2:0 gegen den HSV!!! Erster Platz für 19 Stunden! Da brennt nix mehr aaannn… scheiße, was ist das? Sestak foult Jarolim eindeutig, Elfer. Van der Vaart läuft an, Tor, 1:2. Noch sechs Minuten. „Muss man in diesem VEREIN IMMER ZITTERN????“, brüllt einer aus dem Fanklub. Ja, müssen wir wohl. Doch nichts passiert mehr. 2:1. Sieg. Ein fantastischer Fight, ein großartiger Kampf, ein stimmungsvoller Abend.

Wie ging nochmal der erste Absatz?

Lupo kommt von hinten, von der Seite, wo auch immer. Es ist so laut, verflucht verdammt vergeil, einfach geil laut, alle 25 000 Bochumer sind noch im Stadion, applaudieren. Lupo, Sam, Nicole, meine Arbeitskollegin Nancy, Gerd, Gerds Frau, zum ersten Mal seit vier, fünf Jahren im Stadion. Applaus für dieses Hamma-Spiel, Applaus, und dann kommt auch noch Lupo. „In dreißig Jahren“, brüllt er, damit sein Satz überhaupt mein Gehör findet („SPITZENREITER, SPITZENREITER, HEY HEY“ schreien wir im Stakkato), „in DREISSIG Jahren habe ich noch nie erlebt, dass die Stimmung am dritten Spieltag so gut war. IN DREISSIG JAHREN!“ Sagt’s, hebt seine Arme, klatscht und klatscht und klatscht bis die Hände schmerzen. Unser Lieblingsschlager heißt „soooo gehn die hamburger, die hamburger gehn so… SOOOO GEHN DIE BOCHUMER, DIE BOCHUMER GEHN SO!!!“ Zehn Minuten nach dem Schlusspfiff kommt unser Trainer Marcel Koller in die Kurve. Es ist die Pointe der letzten zwölf Monate. Nach dem dritten Spieltag der vergangenen Saison, nach dem 0:1 gegen Cottbus, wünschten wir Koller zurück auf den Arbeitsmarkt, kreischten mit hochrotem Kopf „KOLLER RAUS!“, immerzu und immerzu. Und jetzt wird er gefeiert.

Laufen zurück zum Parkhaus, bedienen uns bei den Coke-Zero-für-noppes-Kisten. Bringe Nancy mit dem Smart zu ihrem am Riemker Markt geparkten Auto. Sie darf ruhig häufiger mitkommen…

Bild-Online titelt: „Irre! Bayern muss Bochum jagen!“ Zu Hause fotografiere ich die Tabelle.

Wir haben’s verdient!

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11. August 2007 – VfL-Bremen 2:2 – „Atemlos“

„Summer of 07“ lässt sich nicht so gut brüllen wie „Summer of 69“, aber das „Those were the best days of my life“ lässt sich fraglos auf diese Tage übertragen. Am 2. Juli 2007 begann ich mein Volontariat an der Journalistenschule Ruhr – die wichtigste und beste Entscheidung, die ich in meinem Berufsleben getroffen habe. Ich verbrachte in diesem wichtigen Punkt meines Lebens viel, viel Zeit in der großartigen Mülheimer Kneipe „Zum Schrägen Eck“ und erlebte dort legendäre Abende – und lernte nicht zuletzt im Spätsommer 2007 meine Frau kennen.

Natürlich besuchte ich weiter die Spiele des VfL – und eine außergewöhnliche Saison begann am 11. August 2007 mit einem Heimspiel gegen Werder Bremen. Im Rahmen des Volontariats arbeitete ich gerade in Castrop-Rauxel und genau dort schlug der VfL zu dieser Zeit immer das Kurz-Trainingslager vor Heimspielen auf. Ich wollte eine Reportage live aus dem Hotel schreiben – doch der VfL blockte ab. Schade.

Hier geht es zum Blog-Eintrag – die Überschrift lautete „Atemlos“, die Dachzeile: „90 prachtvolle Fußball-Minuten – alle, wirklich alle sind gekommen, selbst Krüger – völlig unverhofft drehen wir einen 0:2-Rückstand – so kann es in allen Belangen weitergehen“

Jeden Tag steigt die gute Laune. Das schlechte Wetter: scheißegal. Im Auto immer nur harte Gitarrenmusik, mit melodischen Klängen, „Always your way“ von My Vitriol, Erinnerungen an die vergangene Saison mit Limp Bizkits „Livin it up“, der kompletten Blink-182-CD. Jaaaa, es geht los! Fußball! Kann es kaum noch erwarten! Sommerpause, die schlimmsten Tage des Jahres, jeder Tag ohne Fußball saugt etwas Lebensfreude aus dem Körper. Jetzt ist es 20.55 Uhr am Samstag, 11. August. Seit fünf Stunden und 25 Minuten rollt der Ball wieder. Die vergangene Saison ist Geschichte, der achte Platz abgehakt. All die Auswärtserlebnisse, die Siege in Hamburg und Frankfurt, zu Hause gegen Schalke: Kommando Schublade. FUSSBALL!!! Und dann dieser Auftakt… aber lest selbst!

Bin ja seit dem 1. Juli im Volontariat an der Journalistenschule Ruhr. Castrop-Rauxel ist meine erste Station. Eine Redaktion voller Fußballfans. Einer ist Hardcore-VfL-Anhänger (okay, nicht ganz so hardcore wie ich, jedenfalls kann er keine 31 Spiele in der vergangenen Saison bieten), wir haben uns schon fürs Pokalfinale verabredet. Der nächste: BVB-Fan, buuuh! Tag für Tag nervten wir die Nicht-Fußballer in der Redaktion mit Diskussionen rund um Wörns, Epalle, Ribery, Bayern, Bochum, Schalke undsoweiter. Ich nervte am meisten: „Hey Jungs! Fußball! Morgen! VfL! Es geht los!“ Atemlose Spannung, immer wieder klickte ich auf die VfL-Homepage, auf die Kicker-Seite. Dauerkarte seit über einem Jahrzehnt – und doch kann ich nicht genug kriegen von dieser Sportart, diesem Nervenkitzel, Grönemeyers „Bochum“. Bin nur ein halber Mensch in der Sommerpause, ein emotionsloser Klumpen, wenn ich mich nicht über eine Niederlage ärgern (das ist der Regelfall) oder über einen triumphalen Sieg freuen kann. In meinen Blog-Einträgen taucht seit Tagen immer das Wort „Fußball“ irgendwo auf. Mit dem VfL hatte ich in der vergangnen Woche auch beruflich zu tun. Telefonierte mehrfach mit der Öffentlichkeitsabteilung, doch diese Episode verschweig ich lieber… Gestern Abend, als ich gegen 17.55 Uhr die Redaktion in der Castrop-Rauxeler Altstadt verließ und über die B 235 Richtung A 40-Auffahrt „Lütgendortmund“ brauste, kam mir der Mannschaftsbus entgegen. Bundesliga 2007/2008. Es ist soweit.

Samstagmorgen, 11 Uhr. Belebe alle Rituale neu. Die Rituale, die ich drei Monate lang (DREI!) zwangsweise in den Kühlschrank verbannen musste. Fein säuberlich hole ich mein Trikot aus dem Schrank. Habe mir vor zwei Wochen das neue mit dem „kik“-Logo bestellt und mit Epalles Namenszug und der Nummer „10“. „kik“ ist unser neuer Hauptsponsor, zugegeben, das ist nicht nur verdammt billig, sondern sieht auch noch so aus. Aber nach drei Jahren wird es nun einmal Zeit für ein neues Shirt in meinem Schrank. Hole das Trikot raus, nehme die Digitalkamera aus der Schublade, lege die Batterien noch für die Zeit bis zur Abfahrt in den Akku. Mein Schal baumelt um meinen Hals, seitdem ich die Dusche verlassen habe. Die Stadionzeitung kam schon gestern, ich platziere sie zärtlich auf dem Trikot, damit ich an sie denke. Noch kurz den Videotext checken, welche Spiele sonst noch heute sind… aha, Bayern gegen Rostock, was für ein Geschenk der DFL. Pah! Das Brimborium rund um das Eröffnungsspiel zwischen Stuttgart und Schalke war auch mehr als peinlich, mit Nationalhymne, dem Satz „Ich erkläre die Saison für eröffnet“ – den der DFL- und BVB-Präsident Rauball sprechen durfte. Eine eigentlich unzumutbare Aufblähung und Glorifizierung! Egal! Ich ziehe das Trikot an, schlüpfe in die Schuhe, und ja, da ist es wieder, dieses Gefühl, ich würde auch in der Bochumer Umkleidekabine sitzen. Was wird Koller wohl sagen? Immerhin kommt heute Werder Bremen! Vor einem Jahr kam Grönemeyer, sang „Bochum“, brüllte mit uns die Aufstellung und wir verloren vor ausverkauftem Haus glorreich mit 0:6. Ein unvergessliches Erlebnis. Gegen keinen anderen Verein ist unsere Bilanz so mies. Aber wenn wir die Bremer schlagen, dann heute! Na klar ist das auch typisch Bochumer Zweckoptimismus, aber unsere Vorbereitung war sehr gut und die der Bremer sehr schlecht. Zudem fehlen Werder gefühlt 20 Spieler. Da geht doch was! Da geht doch was! Da geht doch was! Treffe bei „icq“ eine Studienfreundin. Ich erzähle nur vom VfL und der Bundesliga. In meinem Kopf gibt es nichts anderes mehr. Wie an jedem Spieltag: Aufstehen, Gehirn raus, Fußball rein, Ende.

Verabschiede mich bei „icq“ mit den Worten „Ich fahre jetzt los. Hier halte ich es sowieso nicht mehr aus.“ Da ist es 13.20 Uhr, und eigentlich noch um Längen zu früh. Macht nix. Hab die richtige CD gestern schon zurechtgelegt, als ich nachts aus dem „Schrägen Eck“ heimkehrte. Mit „Bochum“ eröffne ich die Saison 2007/2008. Auto anlassen, „Tief im Westeeeeeen“, abbiegen auf die Mülheimer Aktienstraße, „wo die Sonne verstaaaaaaauuuubbt“, in Winkhausen auf die A 40, „Bochum ich komm aus dir, Bochum ich häng an dir“, die Autobahn ist leer, „auf deiner Königsallee finden keine Modenschaun statt“, Abfahrt Bochum-Ruhrstadion, „machst mit nem Doppelpass jeeeeeeeeeden Gegner nass, Du und Dein V-F-L“. Parkhaus, dritte Etage, der Anpfiff rückt näher. Nichts ist weg vom Zauber der Liga, vom Zauber der Sportart, nichts kann mir diesen Tag versauen. Alle haben sich angesagt, von Sam über Gerd bis zu… ach jedem eigentlich. Auch mein Arbeitskollege Timo und dessen Freundin Silke aus Bayern kommen erstmals ins Ruhrstadion. Was für ein Tag! Die Regenwolken pausieren, die Sonne scheint, ideales Fußballwetter. IDEAL!

Ich lasse die Dauerkarte abknipsen – und bin endlich wieder zu Hause. Der erste Gang: zum Bratwurststand. Der zweite: Richtung Block P. Treppenstufe für Treppenstufe hinauf, die Sonne blendet schon etwas, nur noch wenige Schritte, wenige Höhenmeiter, und: WELT, DA BIN ICH! Gerd steht schon auf unserem Stammplatz, noch 60 Minuten bis zum Anpfiff, und er ist sehr nüchtern. Konzentriert liest er das Blättchen der Ultras, das ultrische Wort zum Saisonauftakt. Werfe auch einen Blick hinein, studiere die Zeilen zum 1:0-Pokalerfolg in Dresden. Das „ACAB – All Colours are beautiful – Bochum-Fans gegen Rassismus“-Plakat wurde von der Dresdner Polizei verboten, was die Ultras mit dem Satz „Daumen hoch für die Staatsmacht!“ kommentieren. Erwähnenswert weiterhin: „Eigentlich schon lächerlich wenige Bochumer vor Ort, was zurecht von Dresdner Seite mit ,Warum seid ihr Huren so wenig‘ quittiert wurde.“ Aha. Kritik üben die Ultras am VfL4Fun-Stadionfest vor und nach dem Spiel gegen Galatasaray Istanbul – und das gar nicht einmal falsch. „Merkwürdig, dass man zwischen Playstationtruck, Playmobilstand, Wii-Arena und dem Harry-Sandwich-Kletterturm kaum noch den eigentlichen Sinn von VfL4Fun wiederfand, nämlich die Präsentation einheimischer Sportvereine. So fand eigentlich nur eine völlig austauschbare Werbeveranstaltung statt, die mit Bochum soviel zu tun hatte wie Wattenscheid mit Bundesliga.“ Der Anpfiff ist nicht nicht ertönt und schon diskutieren wir wieder über Fans, Fanklubs, Vereinsstruktur, ich berichte von meinen Telefonaten mit der Öffentlichkeitsabteilung. Selbst Krüger kommt (erfahrene Leser dieser Seite wissen Bescheid), Timo und Silke finden mich ruck, zuck – und ich freue mich, den Beiden die komplette Geschichte von Verein und Stadion erzählen darf. Die Spieler laufen sich warm, das Stadion ist fast ausverkauft, bei uns spielen drei Neue. Lastuvka im Tor, Concha rechts in der Viererkette und Sestak im Sturm. Werder ist zwar ersatzgeschwächt, hat aber trotzdem eine ganz manierliche Startmannschaft, zum Beispiel mit Naldo, Mertesacker, Fritz, Rosenberg, Sanogo und vor allem: Diego. Sam und seine Frau Nicole tanzen kurz vor dem Anpfiff an, ebenso der Fanklub aus Herne. Oléééééééééé, es ist angerichtet! Grönemeyers „Bochum“ kommt besser als je zuvor, selbst Timo lässt sich ein „Beeindruckend“ abringen, dabei ist er eigentlich Fan der SpVgg Erkenschwick!

15.30 Uhr, Anpfiff, Blick zum Himmel, einmal kurz DANKE sagen, zu wem auch immer, High-Five mit Gerd und Sam, viel Glück für die nächsten 34 Spiele wünschen. Und unsere Jungs legen mit einem unglaublichen Affenzahn los. Das ist nicht mehr Pressing, das ist Forechecking, wir greifen die Bremer fast an ihrem eigenen Strafraum an. Epalle schießt knapp vorbei, Grote flankt auf die Latte, dazu noch zwei Ecken, die Stimmung ist gut, sehr gut bis überragend gut. „Auf geht’s Bochum schießt ein Toooooooor, schiiiiiiiießt ein Tor für uuuuuuuuns.“ Diese Mannschaft begeistert, diese Mannschaft kämpft, ist engagiert, ehrgeizig, klasse. „Zum ersten Mal glaube ich“, sagt Gerd, „dass Koller seine Idee von Fußball umgesetzt hat.“ Doch wie die Schachfiguren auf dem grünen Rechteckbrett verteilt sind, überrascht doch ein wenig: Torwart (Lastuvka), Viererkette (Concha, Yahia, Maltritz, Meichelbeck) und die beiden Abräumer im defensiven Mittelfeld (Zdebel, Dabrowski), auch Grote spielt seinen üblichen Part links im Mittelfeld. Aber wie sind Epalle, Sestak und Bechmann verteilt. Sestak spielt den Grote-Part auf der rechten Seite – Bechmann und Epalle teilen sich die Stelle in und hinter der Spitze. Das Ganze mit vielen Rotationen, sehr schnell, sehr kampfstark. Bravo! So schwach und vor allem behäbig wie heute habe ich die Bremer lange nicht gesehen, sie sind weder spielfreudig noch besonders motiviert. Ein, zwei Ecken, dazu noch wenig inspirierte Torschüsse – mehr bekommt Werder nicht auf die Reihe. Ab der 25. Minute verflacht’s ein wenig, wir verlangsamen das Spiel. Zdebel sieht obligatorisch seine erste Gelbe Karte der Saison, worauf wir einen Tipp wagen. Sam und ich tippen auf 12, Gerd auf 15. Eins habe ich Timo schon beigebracht: „Ich dachte, dass der Zdebel immer den Ball spielt…“ Haha. Es läuft auf eine torlose Halbzeit hinaus, bis, ja bis Meichelbeck den Ball auf der linken Seite zu kurz auf Lastuvka zurückspielt. Sanogo sprintet dazwischen, fällt, Elfmeter. Der hat den doch NIIIIEMALS berührt. DAS GIBT’S DOCH NICHT! So gut gespielt, so toll angefangen, und dann DAS! Diego verwandelt zum 0:1, es läuft wie immer gegen Bremen. Wieder werden wir verlieren. Kurz vor der Pause: Ein Freistoß für Bremen von links, Diego flankt, Sanogo gewinnt das Kopfballduell gegen Yahia, Lastuvka springt ins Leere, 0:2, jawoll. „Das ist unser Todesstoß“, sagt Sam. „Sind wir halt Letzter. Rollen wir eben das Feld von hinten auf.“ Und noch was: „Nach 30 Minuten dachte ich noch: Ein 0:6 wird es wohl diesmal nicht. Aber die zweite Halbzeit dauert sehr lange 45 Minuten…“ Es schmerzt aber nur ein bisschen, denn dieser Auftritt unserer Mannschaft macht Mut. Mutig, aber einfach nur dumm präsentiert sich Bremens Torwart Tim Wiese auf dem Weg in die Kabine. Schon während der ersten Hälfte ließ er nichts unversucht, uns VfL-Fans zu provozieren – beim Gang in die Kabine legt er sich mit Maltritz an. Beide müssen zurückgehalten werden.

Zweite Halbzeit, aufmunternder Applaus, aber so richtig glaubt niemand mehr an die Mission Impossible. Anpfiff, auf einmal Sestak frei: Schuss, abgeblockt, Nachschuss, TOOOOOOOOOORRRRR!!! BIERDUSCHE!!! KLASSISCHE BIERDUSCHE!!! Nass von oben bis unten! TOOOOOR!!! EINS ZU ZWEI!!! Jetzt noch! Bremen ist geschockt! Wir legen nach! Dabrowski gewinnt einen Zweikampf gegen Naldo an der rechten Eckfahne, eine Klasseflanke, Bechmann ist frei, der Bechmann, der Bechmann, bleib ruhig Junge, bleibt ruhig, Tunnel, Beini, Tunnel, Beini, Beini, Beini, TOOOOOOOOOOOOOORRRR!!! GEDREHT!!! GEDREHT!!! 2:2! IN WORTEN: ZWEIZWEI! Tolles Spiel, hin und her, 0:2-Rückstand gegen Werder gedreht, jetzt gewinnen wir noch! 41 Minuten verbleiben. Beide Mannschaften spielen auf Sieg, beide erarbeiten sich noch viele Standards und einige Chancen. Die besseren hat Werder, doch dreimal rettet Lastuvka in höchster Not, zuletzt in der 92. Minute gegen Schindler und Mertesacker. Klasse! Schiri Kircher pfeift, Ende 2:2, guter Anfang. Da sind sich alle einig. Die Mannschaft muss geschlossen zur „La Ola“ antreten, zum „So geeehn die Bochumer“ tanzen. So kann es noch 33 Spiele weitergehen.

Der erste Spieltag ist vorbei. Das Bauchkribbeln ist weg, die Nervosität besiegt, der erste von 40 Punkten eingefahren, kann wieder atmen. Timo, Silke und ich trinken noch eine Cola in der Fankneipe im Stadioncenter, schauen uns die Pressekonferenz mit den Traineranalysen an. Fans beider Mannschaften trinken friedlich nebeneinander, Tenor: gerechtes Ergebnis. Ich spaziere gemächlich zurück zum Parkhaus, genieße die vielen Bilder, die vielen Momente, die ich schon so oft gesehen habe. Im Parkhaus stehen die Autos, es macht mir nix.

Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt… läuft die Bundesliga wieder. Endlich.

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Erfolgreiches Comeback von Huub Stevens

Für DerWesten und die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtete ich über das Europa-League-Gruppenspiel zwischen dem FC Schalke 04 und Maccabi Haifa (3:1).

Zur Einzelkritik der Schalker geht es hier („Fuchs war gegen Maccabi Haifa bester Schalker“) – dieser Text musste mit dem Schlusspfiff an die Redaktionen gemailt werden, genau „auf Zeile“ geschrieben. Meine Noten: Fährmann (4)-Höger (4), Höwedes (3,5), Metzelder (2,5), Fuchs (2)-Matip (5), Holtby (4)-Farfan (2,5), Raúl (3,5), Draxler (2)-Huntelaar (3). Eingewechselt: Papadopoulos (3), Jurado (2), Jones (-).

Zu einer Geschichte über das Comeback von Jermaine Jones („Jones will es auf Schalke „allen beweisen“) geht es hier.

Zu einem kurzen Text mit einem ganz kurzen, in der Mixed Zone aufgeschnappten Interview mit Christian Fuchs („Erster Doppelpack für Schalkes Christian Fuchs“) geht es hier.

Die gesammelten Stimmen zum Spiel (Stevens, Heldt, Höwedes, Metzelder, Fuchs, Jones) – aufgezeichnet in der Mixed Zone und bei der Pressekonferenz – könnt Ihr hier finden.

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26. Oktober 2004 – VfL-Gladbach 3:0 – „Das Feuer ist zurück“

Am 26. Oktober 2004 bestritt der VfL Bochum sein 1000. Bundesligaspiel – und holte beim 3:0 drei Punkte gegen Borussia Mönchengladbach.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Das Feuer ist zurück“ nannte – mit der Dachzeile: „Das 1000. Bundesligaspiel für den VfL – und die Statistik freut sich über drei weitere Punkte und drei weitere Tore“:

Fan des VfL Bochum zu sein, ist nicht leicht. Nun gut, das ist keine allzu große Neuigkeit, schon gar nicht nach den Tausenden von Definitionsversuchen an dieser Stelle… aber seitdem ich diese Homepage nun „betreibe“, gab es immer positive Ereignisse und Erlebnisse zu berichten. Kaum etwas Deprimierendes. Nur eine einzige schlechte Serie, und die war aufgrund von einer unheimlichen Verletzungsmisere auch noch erklärbar. Doch in den letzten Wochen merkte ich, warum ich diesen Verein so schätzen und lieben gelernt habe. Gescheitert im DFB-Pokal, knapp, unglücklich, unverdient. Gescheitert im UEFA-Pokal, knapp, unglücklich, unverdient. An heftigen Zusatzeinnahmen vorbeigeschrammt, knapp, unglücklich, unverdient. In der Liga ganz weit unten, nach dem 0:3 in Wolfsburg sogar erstmals unter Neururer auf einem Abstiegsplatz, und das knapp, unglücklich, unverdient, weil uns in diesem Jahr schon drei korrekte Treffer aberkannt wurden, die zusammen vier Punkte gebracht hätten. Gescheitert. Allüberall. Und nun muss ich all den Hohn und Spott ertragen, den ich zweieinhalb Jahre in aller Überheblichkeit über den Rest der Fußballwelt um mich herum ausschüttete. „Aha, sind wir also doch endlich Tabellennachbarn“, unken die Fans des zurzeit auf einem fast schon unheimlichen Zweitliga-Höhenflug schwebenden MSV Duisburg. Und Gerd schickte schon eine sms mit dem Inhalt: „Na spitze, so eine Saison mit langem Abstiegskampf hatten wir schon lang nicht mehr.“ Es ist nicht leicht, Fan des VfL Bochum zu sein. Vor allem in diesen Tagen.

Es ist spät abends im Herbst. Das bedeutet eigentlich an der Straßenecke zwischen Oktober und November mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Nebel, Wind und Nieselregen. Es regnet nicht, der Wind ist nur schwach, und eine Nebelwolke hat sich auch nicht über das Ruhrstadion gelegt. Aber doch: Es ist ein Herbsttag, um 18.45 Uhr, und an der Castroper Straße strahlt nur das Ruhrstadion hell. Wie lange schon warten wir auf ein waschechtes Flutlichtspiel? Der Duft der Bratwurst wirkt abends wie der Duft eines glänzend komponierten Joint in einem Amsterdamer Coffeeshop und nicht nur wie der Duft einer Bratwurst. Die Kohlensäurebläschen in der Cola streben abends nicht einfach nur nach oben, sie scheinen miteinander Walzer zu tanzen. Wenn Ihr einen sucht, der ein Plädoyer für Freitagabendspiele in der Bundesliga halten soll: Ich bin Euer Mann. Im Bus vom Hauptbahnhof zum Stadion – so eine Scheiße, die U-Bahn-Röhre ist immer noch gesperrt – höre ich per Discman zur Feier des Tages „Footballs coming home“ von den Lightning Seeds, ignoriere die lauten „Bochumer Frauen, ficken und verhauen“-Sprechchöre von grün-schwarz gekleideten Fans, die danach noch ein „Ohne Bullen habt Ihr keine Chance“ nachlegen. Was ist bloß los mit dem VfL? Ich kann diese Frage nicht mehr hören. Das ist eigentlich die Standardfrage an mich nach jedem Spiel, und in den letzten beiden Jahren beantwortete ich sie auch immer fröhlich, freundlich und gern. Aber im Moment geht mir die Frage einfach nur auf den SACK! Jaaaaa, wir sind Vorletzter! Jaaaaa, es droht wieder Abstiegskampf. Jaaaa, wir spielen im Moment den größten Mist zusammen. Angekommen am Ruhrstadion. Das Flutlicht brennt.

Solche Abendspiele haben den Vorteil, dass der Tag schon rum ist, und jeder einzelne Fan mit einer ganzen Ansammlung von aktuellen Erlebnissen ins Stadion geht. 30 975 aufgeladene Gefühlsknubbel sind heute da; vermutlich ist es das, was die Abendspiele neben der Dunkelheit so auszeichnet. Am Samstag oder Sonntag sind alle Fans gerade einmal ausgeschlafen oder immer noch verkatert… wochentags stehen alle voll im Saft, sind hellwach, konzentriert, bereit, lauter zu werden als sonst. Ich habe noch die Stadionzeitung des VfB Speldorf im Kopf, die ich heute Morgen erstellen musste, für das Freitagspiel gegen Viktoria Goch (nochmal Flutlicht, hurra), und vor allem das Germanistik-Seminar zum „Spracherwerb“ an der Uni, in dem es unter anderem über „melodisches Brabbeln“ geht. Ein netter Begriff, den ich glatt aufgreifen kann, um das Geschehen in der Stunde vor dem Anpfiff zu beschreiben. Gerd ist auch schon da. Jeder von uns verschlingt eine Bratwurst, und ab geht es auf den Stammplatz. Sam kommt auch, sogar mit seiner Frau, Krüger ist sowieso da, und um 19 Uhr traue ich meinen Augen nicht. 1000 Spiele leuchtet auf der Anzeigetafel auf, und stiiiiiiimmt, heute feiert der VfL ja Jubiläum!?! Und von links nach rechts werden unsere alten Helden nacheinander interviewt. Thomas Kempe, Ata Lameck, Dieter Bast, Peter Közle und Rob Reekers. Herrlich. Alle werden beklatscht, gefeiert. „Közle, zieh das Trikot an“, möchte Gerd sogar anstimmen. Aber er lässt’s.

Man, das ist heute ein gar nicht mal so unwichtiges Spiel… wenn wir verlieren, sind wir vermutlich Letzter, haben schon den Anschluss an die einstelligen Plätze, an denen wir so gern schnuppern würden, verloren. Oh neeein, bloß das nicht. Aber heute ist Borussia Mönchengladbach zu Gast. Keine andere Mannschaft habe ich so oft gegen den VfL spielen sehen. Und die Gladbacher sind ein saukomisches Volk. Jahr für Jahr bezahlen sie bei uns in Bochum den absolut gemeinen „Top-Zuschlag“ für das in den meisten Fällen nahezu ausverkaufte Abstiegsderby und meist holen sie sich zum Dank dafür noch eine unverdiente Niederlage ab. Auch heute sind wieder mehrere Tausend Gladbacher da. Und sie sind besser gelaunt als wir. Kurz vor dem Anpfiff leuchtet noch einmal die Zahl „1000“ auf der Videowand auf. Ich habe 171 Spiele gesehen. Nur einen Bruchteil.

Die Spieler laufen ein. „In BLAU“, ruft Sam, als er die Trikots unserer Mannschaft erblickt. „Dann kann ja nichts schiefgehen.“ Zuletzt war Weiß unsere Heimfarbe. Zuerst auf die Ostkurve… fertigmachen zum Jubeln?!? Das Spiel wird keins, das in die Annalen meiner VfL-Fan-Geschichte eingeht. Oh nein, wirklich nicht. Es ist 90 Minuten lang „intensiv“ (Scheiß-Wort für einen Fußballbericht, aber das trifft’s nun einmal am besten), hart umkämpft, bietet unendlich viele Kopfballduelle und Zweikämpfe, doch in den ersten 75 Minuten sind gelungene Spielzüge über mehr als drei Stationen die Seltenheit. Aber was erwarte ich?

Der Reihe nach. Anpfiff. Die ersten Minuten vergehen. Es ist ein anderer „Zug“ in der Mannschaft. Die Spieler attackieren früher, sind aggressiver in den Zweikämpfen. Egal, ob Lokvenc, Maltritz oder Meichelbeck. Meichelbeck? Jooo, der spielt für den jungen Matip. Nach seinem enttäuschenden Debüt hockt der arme Marvin jetzt erst einmal wieder auf der Tribüne. Doch auch die Borussia hält dagegen. Fouls, Unterbrechungen und eine Rauchbombe im Borussia-Block. Pfui! Spielnote vier, Kampfnote zwei. So schaut’s aus. In Minute 18 der erste Aufschrei. Einen Ulich-Kopfball kratzt van Duijnhoven mit Ach und Krach von der Linie. Puuh, durchatmen. Bis zur Grundlinie oder in den Fünf-Meter-Raum dringt keine Mannschaft entscheidend vor. Bei uns zimmert Misimovic (auch der darf von Beginn an spielen) zweimal knapp vorbei, und auch Gladbach hat zwei gute Weitschusschancen. Dann ein Schock für uns, in Minute 29. Kalla muss raus, unser einziger noch verbliebener Innenverteidiger. Dann müssen es Meichelbeck und Maltritz alleine richten. Klappt bis zur Pause gut. 0:0. Die Stationettes kommen. Soso, also 1000 Bundesligaspiele. Das verpflichtet. Die VfL-Fans, die beim letzten Heimspiel durch die Lokvenc-Kritik viel Kredit verspielten, machen einiges wieder gut: Bei mir und beim Wratislaff. „Lokvenc“-Sprechchöre hallen mehrfach durchs weite Rund, wenn die immer besser gelaunten Gladbacher mal nicht die Lauteren sind. Halbzeit 0:0. Die Stationettes bilden wie immer zum Abschluss ihres Mini-Tanzes eine „VfL“-Formation.

Noch 45 Minuten. 45 Minuten Zeit bis zum ersten Heimsieg. 45 Minuten alles geben, rennen, kämpfen, brüllen. Gegenseitig hangeln wir uns das Seil bis zu den drei Punkten hinauf; man, das ist ein JUBILÄUMSSPIEL, und solche Spiele gewinnt „man“ gefälligst. Noch 45 Minuten. Noch eine Halbzeit. Misimovic nach zwei Minuten – vorbei. Startschuss?

Startschuss! Das Spiel bleibt erst zerfahren, nur selten blitzt die technische Stärke der beiden Mannschaften auf. Minute 54. Lokvenc lässt den Ball mit dem Kopf kurz auf Preuß abprallen, zwei Drehungen, ein Schuss, Kampa fällt wie ne Bahnschranke, EINS ZU NULL!!!! YEEEEEEEEEES!!!!! Schicke eine sms zum Urlauber Dirk in die USA. Freude auf zwei Kontinenten über ein Tor. Über ein blödes Tor nach einem individuellen Fehler. Erleichterung. Erster Heimsieg in dieser Saison? Fünf Minuten später. Strasser foult Lokvenc. Gelb-Rot für Strasser, und ich klatsche doppelt so laut. Denn dieser Luxemburger ist einer der letzten aus der Fußball-Generation der Arschlöcher. Der Mann ist so unsympathisch, dass sich Krusty der Clown weigern würde, ihn zu belustigen. Strasser, wenn der nicht gerade in deiner eigenen Mannschaft spielt, dann ist er der Todfeind jedes Fans. Unfair, nicht einsichtig, stets tretend und laut meckernd. Und jetzt muss er gehen. Tschüss!

Die Gladbacher wirken k.o.; und das nach 60 Minuten. Mittlerweile lässt sich auch Gerd auf die „Lokvenc“-Sprechchöre ein, und ach, wie wär ein Tor jetzt doch schön und passend? Aber 1:0… das Gefühl kenne ich. Die mitlaufende Uhrzeit auf der Videowand vergeht nicht und vergeht nicht. „Der bringt doch wohl nicht den Edu“, ruft jemand von oben. Ein bisschen Ironie klingt in seiner Stimme. Die Gladbacher lassen aus irgendwelchen Gründen nach. Sie kommen nicht mehr richtig in die Zweikämpfe, und Konterchancen gibt es gar nicht mehr. Führung und Überzahl, brennt da noch was an? Nein, vor allem dank unserer Abwehr. Martin Meichelbeck macht als Abwehrchef wohl das beste Spiel in seiner Zeit beim VfL. Jede Grätsche sitzt, fast jeden Zweikampf bestreitet er erfolgreich. Hut ab! Erstmals erntet er ganz laute „Martin Meichelbeck – schalalalalalala“-Sprechchöre. Gerd und ich wollen die „Erste Runde Budapest… Europapokal!!“-Nummer anstimmen – sind nur noch fünf Punkte, wenn wir gewinnen – doch das wird missverstanden. Oh jee, der Lüttich-Schock sitzt doch noch. Und die Gladbacher? Die sagen nüscht. Gar nüscht.

Fünf Minuten vor Schluss ist der Tag für sie vollends gelaufen. Nach einem ganz ganz üblen Schnitzer von Korzynietz netzt Wosz zum 2:0 ein. YEEEEEEES, UUUUUUHHHHHH, TOOOOOOR!!! Madsen packt sogar noch das viel zu hohe 3:0 drauf, nach Flanke des lange zu Unrecht nicht berücksichtigten Thoddi Gudjonsson, und so haben wir sogar noch einen Kantersieg zu sehen bekommen.

Der Rest ist die Versöhnung zwischen Fans und Mannschaft. Zwischen zwei sich kurzzeitig fremden Gruppen, die sich zwei Jahre lang super verstanden, und nun fast getrennte Wege gingen. Ein wichtiger Sieg in einem packenden, aber nicht sehr niveauvollen Fußballspiel. 45 Minuten dauert die Busfahrt auf den völlig überfüllten Straßen bis zum Hauptbahnhof. Wäre ich doch gelaufen. Im Bus sehen sich zwei nach ein paar Wochen mal wieder :“EEEEEYYY, Du SITTICH!“, brüllt der eine zur Begrüßung. Gute Idee… mach ich morgen auch mal.

Ich höre mir noch einmal die letzten Takte von „Footballs coming home“ an. Dahinter nochmal „Bochum“ von Grönemeyer. Heute kriege ich selbst nach dem Abpfiff noch Gänsepelle, so schön klingt das. Ich glaube, den Lüttich-Schock habe ich jetzt verdaut. Denn das Spiel brachte zwar keine neuen Erkenntnisse über die taktische Entwicklung des Fußballs in Gegenwart und Zukunft.

Aber es brachte etwas anderes: nämlich mein Feuer zurück!

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31. Januar 2004 – VfL-Wolfsburg 1:0 – „Wir sind Helden“

Im ersten Rückrundenspiel der Saison 2003/2004 traf der VfL Bochum auf den VfL Wolfsburg – Endstand 1:0.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Wir sind Helden“ nannte – Unterzeile: „Vom Winde verweht in der fernen Zukunft“

Nur ungern gebe ich es zu, aber manchmal haben lange Haare auch Nachteile.

Der letzte Tag im Januar ist angebrochen. Auf den Straßen schmilzen gerade die letzten Reste des donnerstäglich gefallenen Schnees. Die Äste auf den Bäumen tanzen miteinander Walzer. Es ist windig. Es wäre Herbst, wenn nicht Winter wäre. Genau vor einem Jahr, beim ersten Spiel 2003 gegen Nürnberg, da habe ich mich noch als Fußball-Junkie bezeichnet. Und ja, am liebsten würde ich diese Passage für diesen Text hier kopieren. Es hat sich nichts geändert. Ein Sturm draußen, Regentropfen am Fenster, Durchzug in der Wohnung, nasse Haare von der Dusche, und die Gewissheit, helau, in ein paar Stunden sehe ich meine Jungs wieder. Es sind unzerstörbare Rituale. Die Trikot-Auswahl zwei Tage vor dem Spiel ist komplizierter als das Wahlverfahren für den US-Präsidenten. Jedes einzelne Kleidungsstück will Andis ganz eigene Wahlmänner auf sich vereinen, sei es das Uwe-Wegmann-Trikot von 1993, oder das von Peter Graulund, oder auch von „Gustl“, oder Paul Freier… Nee, diesmal ist wieder das Raymond-Kalla-Trikot dran. „Wir schießen die Wolfsburger aus dem Stadion“, trompetet mir unser Trainer aus der WAZ entgegen, während ich mir eine Cornflakes/Haferflakes/Kakao/Milch-Mischung in die Rübe donnere. Lasst mich nochmal die Tabelle auf der Zunge zergehen: FÜNFTER! WIR SIND FÜNFTER!!!!

Es ist die bisher windigste Saison. In Bremen wehte es ein bisschen, gegen Frankfurt ziemlich doll, und das heute, das schlägt alles. Die Wortfetzen vom Mann rechts neben mir an der Verkehrsampel gehen nicht am einen Ohr rein und am anderen raus, weil sie so unbedeutend sind, nein, es stürmt so sehr. Bahnhof. Viertelvorzwei. Wer wohl kommt? Mit dem VfL ist das wie früher mit dem Ringlokschuppen. Auch wenn ich mal allein zum VfL gehen müsste – irgendeiner aus meinem Kollegenkreis ist immer da. Heute hat sich die komplette Mannschaft angesagt. Fünf Wochen Winterpause sind auch genug. Mehr ist uns nicht zuzumuten.

Gegen wen spielen wir überhaupt? Ist doch egal. Wolfsburg oder so. Mist, der blöde Regen fliegt aufgrund des Winds mitten in die Kurve. Gut, dass ich die Brille zu Hause gelassen hab. Mein Stadion steht noch. Mein Stadion. Unser aller Stadion. Zum 176. Mal betrete ich es bei einem Heimspiel, fühle mich so allmählich wie ein Rekordfan, wohl wissend, dass es noch paar Tausend gibt, die noch bekloppter und noch länger dabei sind als ich. Keine Zeit für Melancholie. Jungs begrüßen. Gerd ist da. Er lebt noch, da er seinen Limerick-Vortrag in Dortmund („ich steh hier im dortmunder norden/um mich herum: goldkettchenhorden/und dealer und diebe/und käufliche liebe!/was ist aus dem norden geworden?“) scheinbar überstanden hat. „Ich war gar nicht da“, versichert Gerd. Alleeeees klaaaaar. Feige Sau! Thommy hat irgendeinen Kommilitonen getroffen, sie stehen rechts über mir. Ja wer kommt denn da von links? Der Krüger, oder wie auch immer er heißen mag. 30 Minuten noch bis zum Anpfiff, die Musik wird besser. „Hells bells“ von AC/DC, und – ja, wirklich – „Zu spät“ von den Ärzten. Zum ersten Mal höre ich die goldenen Zeilen „Warum hast Du mir das angetaaaaan? Ich habs von eineeem Bekannten erfaaaahrn!“ in einem Fußballstadion. Und es ist gut. Ich hab richtig Bock auf Fußball. Wir alle. Obwohls vom Winde verweht und kalt und wasweißich noch ist. Wir sind doch alle irgendwie Helden.

Na gut, und die größten Helden, das sind ja immer noch die elf Kerle, die im blau-weißen Trikot rumlaufen. In der Winterpause, da haben die Experten im Land fast nur über Dortmund und Schalke geredet. Dortmund, weil der Klub fast pleite ist, und Schalke, weil die den Rest der Liga leerkaufen. „Die beiden sind die eingeschlafenen Riesen“, meint unser Trainer. „Und wir der aufgewachte!“ Wär das doch wahr. Wie sieht die Realität aus? Bremen kauft uns Fahrenhorst weg, Leverkusen wedelt bei Freier mit dem dicken Scheckbuch, den Oliseh können wir wohl auch bald nicht mehr bezahlen. Harte Welt. Es ist aber das Gefühl, das ich, das wir alle so mögen am VfL: Wir alle gegen den Rest der Liga, auch wenn wir grad Fünfter sind, auch wenn die Ärsche unsere Mannschaft wieder schwächen. Wir sind noch da. „Wie steht es bei Köln gegen Mönchengladbach?“, fragt einer aus den hinteren Reihen. „Keine Ahnung, ist Abstiegskampf, interessiert mich nicht“, antworte ich. Für VfL-Fans ist das ein gelungener Witz. Als Frankfurt gegen Bayern ausgleicht, errechnet einer den Rückstand auf einen Champions-League-Platz. „Ach hör mir mit dem Scheiß auf“, meint jemand. „Wir wollen doch nicht so blöde Geldsäcke werden!“ Mein Reden.

22 Spieler stehen auf dem Platz, ein Ball ist dabei, und der Wind verarscht sie alle. Knapp 20 800 sind da, die Sportpresse des Landes wird diese Zahl mit einem „nur“ versehen (ich kann damit leben), wir gründen wieder den Anton-Vriesde-Fanklub und gehen den um uns herum Stehenden tierisch auf den Zeiger. Ja, der Anton, der verhinderte holländische Nationalspieler (hihi, keine Ahnung, warum der sich nicht gegen Jaap Stam durchgesetzt hat), der hat´s uns allen angetan. An jeder Szene ist unser Anton irgendwie beteiligt. Und selbst wenn nur der Wosz einen guten Pass gespielt hat („Antons Aura!“). Wir alle zusammen geben wieder eine ganz schön lustige Runde ab, und lachen vor allem sehr über Hertha BSC (Gong, 0:1 in Bremen – Gong, 0:2 in Bremen – Gong, 0:3 in Bremen; und das innerhalb von zehn Minuten). Für unseren pleite gehenden Dortmunder Nachbarn entwerfen wir mögliche neue Trainer-Duos, sofern der Sammer fliegt (unser Favorit: Lattek/Brehme), und – ach so – Sport wird ja auch getrieben auf dem Rasen-Rechteck. Eine große Puuuuuuhhhh-Chance hat der lange Klimowicz für Wolfsburg, der nach zehn Minuten sowas von frei steht, aber den Ball auch sowas von vorbeischiebt… Glück gehabt! Wie lang sind wir zu Hause ungeschlagen? Seit dem Bayern-Spiel im März 2003?

Es hat sich über den Winter zum Glück nichts geändert. Die Jungs geben ein unglaublich geschlossenes, kompaktes, intaktes Gebilde ab, genauso wie wir das mögen. Die Stimmung ist sehr positiv. Sogar zwei Spieler mit Zweitligaformat (Bemben, Vriesde) schleppen wir durch (naja, okay, Vriesde ist ja eigentlich ein verkappter Weltklasse-Verteidiger). Die Stärken? Van Duijnhoven im Tor! Ihm kann der Wind nur wenig anhaben, außer der Klimowicz-Chance brennt nicht mehr viel an. Dann noch Oliseh im Mittelfeld, der Stratege. Und vorn? Peter Madsen, unbezahlbar. Ein riesiger Einkauf. Der hat wirklich eine unglaubliche Kondition und ein riesiges Kämpferherz. Irgendwann wird der auch mal einen Elfmeter kriegen, heute klappte das gleich zweimal nicht. Unsere größte Stärke ist auch geblieben: Die Standardsituationen. Bei der fünften Ecke von Wosz steht Frank Fahrenhorst endlich frei und köpft das 1:0. Das erste VfL-Tor im Jahr 2004, und ich hab´s gesehen… Und warum hat Frank getroffen? Sam ist sich sicher: „Weil der Anton ihm den Weg freigesperrt hat!“ „Anton-Vriesde-Fußballgott-Sprechchöre“ gehen nicht durch. Leider.

„Du bist heute so kontrolliert“, flüstert mir Gerd zu. Ja, bin ich diesmal. Ich genieße eher im Stillen, schreie nur bei den „V-F-L—V-F-L“-Stakkati mit. Halbzeit. Regen. 1:0. Wir bleiben Fünfter. Dirk aus München grüßt den „belgischen Kommunisten“ Thommy und freut sich über die Führung. Und die Helden sind nicht müde. Wir auf der Tribüne nicht, die Jungs auf dem Rasen auch nicht. Wolfsburg bestätigt eindrucksvoll seine Auswärtsschwäche, leistet sich einige denkwürdige Querschläger, und in bester Abstiegskampf-Manier retten wir das 1:0 über die Zeit. Zum Einstieg in eine für mich anstrengende (und teure) Rückrunde wird das volle Programm geboten: Riesige Konterchancen (Paule Freier unterstreicht dabei, dass er seine Bestform wohl noch immer sucht), unnötige Gefahren in der eigenen Deckung, dazu noch Applausstürme bei Auswechslungen (Wosz) und ein abgefeierter Trainer nach dem Abpfiff (Neururer). Scheiß-Wetter, 1:0 gewonnen, drei Punkte geholt, Platz fünf verteidigt, eine Menge liebe Leute gesehen, viel gelacht, und am Ende sogar die Currywurst im City-Grill mitgenommen. That´s what it is for. Ein Spiel, an das ich mich am Saisonende (schau nach beim Hertha-Bericht) beim Rückblick garantiert nicht als erstes erinnern werde, das aber trotzdem sehr wichtig für mich an diesem Tag war. In zwei Wochen wirds noch wichtiger. Dann kommen endlich die Bayern.

Der Rest des Spätnachmittags geht rasendschnell vorbei. Die Zuganzeige will mir sogar mitteilen, die Zeit sei schon bis zum 16. September 2023 fortgeschritten… und ein bisschen fühl ich mich wie bei „Zurück in die Zukunft“. Was passiert, wenn ich den Regionalexpress verlasse, und der VfL Bochum ist schon dreimal Meister geworden!?! Und ich hab alle Meisterpartys verpasst? Doch ein Blick auf den Block mit der unausgefüllten Statistik des Handballspiels DJK VfR Mülheim-Saarn gegen HSV Dümpten holt mich auf den Boden. Ach ja, ich muss ja jetzt noch arbeiten. Muss all die Helden aus meinem Kopf verdrängen. Und muss meine vom Wind völlig zerzausten Haare aus meinem Gesicht wegräumen.

Ich sagte ja: Manchmal haben lange Haare auch Nachteile.

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