Ihr werdet es schon sehen

Am 20. März 2002 fuhr ich nach der Arbeit zum Zweitligaspiel zwischen dem VfL Bochum und dem SSV Reutlingen (3:1) – und danach bloggte/berichtete ich das hier:

Nicht zum ersten Mal behaupte ich an dieser Stelle, dass die „Liebe“ zu einem Fußballverein absolut vergleichbar mit einer Beziehung ist. Und wie in jeder Beziehung auch, stellt sich auch nach ein paar Jahren „Ehe“ mit einem Klub eine gewisse Routine ein. 20.3.2002, heute wartet das 196. Spiel meiner VfL-Karriere auf mich. Ich möchte Euch an meiner Routine teilhaben lassen!

Und nun ist es also mal wieder soweit – der Hebel in meinem Kopf liegt noch auf Arbeit, VfB Speldorf, Stadionzeitung, einem Interview mit Trainer Axel Benzinger. Die Uhr zeigt 17.25 Uhr, „Mensch ich muss los. Tschüss Marcus, ich hau ab; Laptop musst Du zusammenbauen“. Scheiße, Schal vergessen, schnell zurück und zum Bahnsteig spurten. 500 Meter habe ich Zeit, um den Hebel umzulegen. Dazu bedarf es nur einer einzigen Tat: Den Schal um den Hals legen. Getan. Erledigt. Was habe ich grad noch getan? Stadionzeitung? Hä? Hat funktioniert. Das Lampenfieber steigt.

Wie vor jedem Heimspiel der Gang zur Bahnsteigkante. „In wenigen Minuten fährt ein… Regionalexpress von Düsseldorf nach Bielefeld über Essen, Wattenscheid, Bochum, Dortmund“… Halthalthalt, so weit will ich doch gar nicht. Bochum reicht mir. Voll ist der Zug immer, ob abends oder mittags, ob wochentags oder am Wochenende. Hatte ich jemals einen Sitzplatz vor Essen Hauptbahnhof? Ich weiß nicht. Bevor ich anfange, die Eindrücke aus dem Zug zu schildern, schaue ich lieber auf die Uhr. 17.54 Uhr, der Zug fährt in Bochum ein. Die Gedanken kreisen beim letzten Spiel, beim folgenden Spiel. Wen werde ich wohl in der Kurve treffen? Spielt Colding wieder? Wer muss dafür weichen?

Mit verbundenen Augen könnte ich mittlerweile vom fünften Gleis bis zur U-Bahn-Haltestelle im Bochumer Hauptbahnhof finden. Treppe runter, links, 200 Meter geradeaus, dann ne Treppe runter, dann um die Kurve, dann Treppe runter, dann noch ne Kurve und auf die 308 Richtung Gerthe warten. So einfach ist das. Die kommt meist sofort. Die U-Bahn-Anbindung ist in Bochum so perfekt wie nirgends sonst in der Bundesliga. Das Ruhrstadion liegt perfekt. Haltestelle Planetarium. Dann das Ruhrstadion. RAUS!

18.05 Uhr – Rein in die Kurve. Halt, noch ein Zwischenstopp beim Würstchenstand. Immer wieder. Ich könnte pleite sein, für diese Bratwurst würde ich betteln. Nun aber hinauf. Seit zwei Jahren schon stehe ich etwa an der gleichen Stelle, Block P rechts, direkt hinter dem Tor, halbhoch. Da ist Gerd, der Typ, der so ausschaut wie Mirko Dickhaut, der Afro-Amerikaner Sam, der mich einmal zum schmunzeln brachte, als er mit ein paar VfL-Fans einstimmte, die den Afrikaner Bachirou Salou mit den „uh-uh-uh“-Rufen zu beleidigen versuchten. Die schauten blöd – und schwiegen. Man grüßt sich mittlerweile, schlägt ein bei Toren. Und weiß doch nichts über Beruf und Biographie des anderen.

18.45 Uhr – der Stadionsprecher kommt raus. „Mein VfL“ – „VfL, mein Herz schlägt nur für Dich. Wir werden immer zu Dir stehen, VfL – mein VfL!“ Schals hoch. Die Aufstellung: „Mit der Nummer 1 – Reeeeeeein…“ „VAN DUIJNHOVEN !!!“

18.55 Uhr – „Bochum“ von Herbert. „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt“. Immer wieder ein ganz großer Moment… Die Mannschaften laufen ein, während die Zeile „Machst mit nem Doppelpass jeeeden Gegner nass, Du und Dein VfL“ läuft. Passt!

Das Spiel läuft…. zwar ziemlich fade an, der VfL braucht 20 Minuten, aber danach wird ziemlich schnell klar, dass das ein souveräner Dreier wird. 1:0 Freier, 2:0 Buckley. Die üblichen SMS Richtung München zu Kumpel Dirk, sowie zu diversen Duisburg-Fans, um diesen das Maul zu stopfen (solange Bochum führt!) Nochmal das übliche Gezittere nach dem 1:2 in der 73. Minute, aber dann Hashemian, 3:1, und um 20.47 Uhr steht’s fest. Bochum ist wieder dran am dritten Platz! Es war eins von den sportlich durchschnittlichen Heimspielen. Ein biederer Gegner, Reutlingen, eine von den Mannschaften, die nie Bundesliga spielen werden und in zwei/drei Jahren wieder in der Regional- bzw. Oberliga verschwinden. Sportlich nix wildes, KICKER-Spielnote drei. Apropos drei: soviel Punkte gibts für den VfL; und jeder Sieg löst im Kopf eine beruhigende Befreiung aus. Wow, wir alle haben es geschafft. Ein Gemeinschaftsgefühl, obwohl ich den Ball nicht berührt habe. Ein lauter Sprechchor: „2010 – ihr werdet es schon sehen: wir holen den U-U-EFA-Cup und wir werden deutscher Meister!!!“

20.55 Uhr – La Ola mit der Mannschaft, dann rein in die volle Bahn und zurück zum Hauptbahnhof. Um 21.27 Uhr kommt der Regionalexpress, da bleibt immer noch genug Zeit für den guten alten „City Grill“ gegenüber vom Bochumer Hauptbahnhof. Der Inhaber – vermutlich Grieche – kennt mich schon gut, und macht die „PommesCurrywurstMajo“ (Phosphatstange Pommes Schranke) von ganz allein. Schmeckt immer wieder. Ne Cola dabei, ach geben se gleich zwei. Rein in die Bahn, das Spiel Revue passieren lassen, Tabellen ausrechnen. Und zurück gen Mülheim.

So sieht mein ganz normaler VfL-Alltag aus, der von der ersten bis zur letzten Sekunde etwa 4 1/2 Stunden dauert. Langweilig, wird mancher von Euch sagen. Das hätte der auch in drei Zeilen machen können, nach dem Motto: 1) Regionalexpress von Mülheim bis Bochum nehmen, 2) Straßenbahn 308, 3) Bratwurst im Stadion, Grönemeyers „Bochum“, „Mein VfL“, 4) Spiel gucken, 5) Mit der 308 bis Hauptbahnhof, 6) City-Grill, 7) Mit dem Regionalexpress von Bochum bis Mülheim.

Aber jetzt schaut mal auf Eure Beziehung: Auch ihr könntet Sachen finden, die immer wieder passieren. Und wird Euch dabei jemals langweilig?

Nee. So ist das, wenn man von einer Art „Liebe“ spricht…

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Sensation verpasst

Exklusiv für DerWesten berichtete ich über das DFB-Pokal-Spiel zwischen dem VfB Speldorf und Rot-Weiß Oberhausen (0:3).

Zum „Nachdreher“ geht es hier.

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Bochum, wir haben ein Problem!

Am 16. Oktober 2004 berichtete ich für mein VfL-Blog unter der Überschrift „Bochum, wir haben ein Problem“ über das Fußball-Bundesligaspiel zwischen dem VfL und dem Schlusslicht Hansa Rostock. Es war das erste Heimspiel „danach“. Nach dem unaussprechlichen Aussetzers eines brasilianischen Noch-Schalkers gegen eine belgische Mannschaft. Ich reiste danach in den Urlaub, nach Skandinavien, schlenderte durch Turku in zerissenen Jeans, um zu vergessen. Doch ich vergaß nicht. Und dann das. Bochum spielte schlecht, verlor 0:1, ich verfasste als Vorspann die Zeile „Erfolg ist vergänglich – dem Fußball-Orgasmus vor fünf Monaten folgen das Nichts und ein Nachmittag zum Schämen“.

Hier geht es zum Text:

Fünf Monate ist es her, dass ich mich freudestrahlend, siegestrunken, überglücklich und fassungslos an diesen Computer setzte und die Zeilen „Wir sind im UEFA-Cup“ verewigte. Zwei Jahre lang war diese Homepage eine einzige Partyorgie, ein verbaler Fußballorgasmus, ein fortlaufender. Elf Pflichtspiele und einen Sommer später hocke ich auf meinem höhenverstellbaren Schreibtischstuhl, habe mich nach ganz unten gedrückt, ganz so, wie es meine Gemütsverfassung momentan will, und mir sprudeln die Worte wieder heraus. Aber diesmal bin ich nicht freudestrahlend. Nicht siegestrunken. Nicht überglücklich. Aber doch fassungslos.

Es ist das erste Mal, dass ich das Ruhrstadion nach „dem“ Spiel betrete. „Dem“ Spiel, dessen Name wir alle nicht mehr aussprechen wollen. In den letzten Tagen, in den letzten zweieinhalb Wochen habe ich Abstand gebraucht. Musste Zeit für mich gewinnen. Es klingt danach, als sei ich von der Liebe meines Lebens verlassen worden, und ein bisschen was davon hatte dieser Moment auch. Er hat so weh getan. So weh, dass mich dieses Tor in „diesem“ Spiel bis in meine Träume verfolgt hat. Ich an der Stelle von Edu, und ich haaaaauuuuu den Ball weg, bis zum Hauptbahnhof, bis nach Essen, bis nach Mülheim, der Ball fliiiiiegt, und wir sind weiter. Ich wusste eine Sekunde später, dass ich diesen Moment in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Ein Moment, den mir niemand mehr nimmt. Was ist da nur passiert? Deprimiert schlich ich durch Turku, durch Stockholm, durch Mülheim. Ab und zu hämisch beklatscht, meist aber bemitleidet. Bitter, so bitter. Das „Bochum“-Lied von Grönemeyer höre ich eigentlich selten bis nie zwischen den Heimspielen. Zur Aufmunterung hörte ich es in den letzten Tagen täglich. Und das dreimal.

Okay, Neubeginn.

Der „worst case“, der größte anzunehmende Unfall, das Schlimmste ist eingetreten. Raus aus dem UEFA-Pokal. Raus aus dem DFB-Pokal. Und in der Bundesliga stehen wir weit unten. Eigentlich können wir schon mit der Planung für 2005/2006 beginnen, absteigen werden wir wohl nicht. Es sei denn, ja es sei denn, wir schaffen nochmal… aber dann müssen wir heute damit anfangen. Heute, gegen Rostock, den Tabellenletzten, den vermutlich sicheren ersten Absteiger dieser Saison. Voller Tatendrang ziehe ich mein Kalla-Trikot über den Kopf, stopfe meine Digitalkamera in die rechte Hosentasche, und motiviere mich selbst, die Spieler, den Trainer, alle VfL-Fans: „LOS!!! HEUTE!!!“ Muss das bescheuert aussehen. Huch, was ist das denn? Die aktuelle Stadionzeitung „Mein VfL“ für das heutige Spiel steckt in meinem Briefkasten. Merkwürdig. Ist das üblich für Mitglieder? Wenn ja: Warum kriege ich die heute zum ersten Mal? Mitglied bin ich schon etwas länger! Egal. Gutes Omen? Schlechtes Omen? Gar kein Omen. Sortier dich, Andi, sortier dich. Wofür war das UEFA-Pokal-Aus gut, frage ich mich im Regionalexpress. Ich überlege und denke nirgendwofür. Dass wir alle wieder auf dem Boden der Tatsachen sind, ist zwar korrekt, aber wer will schon auf dem Bürgersteig der Tatsachen herumlaufen? Wo es doch in schwindelerregenden Höhen so schön ist! Der Bochumer Hauptbahnhof ist eine Baustelle. Wie der VfL. Und im U-Bahn-Tunnel wird auch gebaut. Erstmals geht es mit Sonderbussen zum Stadion. Und der scheint einen Umweg über Mülheim zu nehmen. Das dauuuuert und dauuuuert. Endlos. 30 Minuten später hocke ich in der Kurve, mit einer Bratwurst in der Hand. Das Stadion steht noch. Deprimiert sind wir alle geblieben. Viele empfangen ihre Kurvenkollegen (ich auch) mit dem Satz „Wir konnte deeeer bloß über den Ball treten?“ Es verfolgt uns alle. Es ist keine leichte Zeit für die Stadt Bochum. Der VfL scheint wieder da anzukommen, wo er ein paar Jahrzehnte verbrachte – und dem Opel-Werk droht die Schließung. Es ist eine traurige Atmosphäre. Auf den Pupillen der meisten Zuschauer ist die Anzeigetafel vom UEFA-Cup-Spiel mit dem „1:1“ zu erkennen. Und im Sinn haben viele das Opel-Werk. Einige Mitarbeiter dieser Firma kommen auch zum VfL, und solidarisch ist auch der Rest. „Bochum ohne Opel ist wie der VfL ohne Ball“, steht auf einem Plakat, „Gemeinsamer Kampf um jeden Arbeitsplatz“ auf einem anderen. 4000 von 10.000 sollen abgebaut werden, von den Zulieferfirmen ganz zu schweigen. Im Opel-Werk läuft ein Streik, und wir brüllen laut „Opel! Opel! Opel!“

Keine leichte Zeit.

Das „Bochum“-Lied kommt zur rechten Zeit. Die Melodie bohrt sich fest im Kopf, obwohl sie schon 1000-mal mein Gehirn erreichte, meine Sinne streichelte. „Tief im Westeeeeeen….“, eiert Grönemeyer durch die Lautsprecher. Und es versöhnt ein wenig. Mit der Ungerechtigkeit der Fußballwelt. Mit dem Herbstwetter. Ach mit wasweißich. So richtig aus sich raus geht niemand heute. Zumindest zu Beginn. Dass fast 25.000 Zuschauer da sind, ist für mich ohnehin ein Wunder. Folgt eine Trotzreaktion? Es wäre zu schön. So können wir uns nicht aus dem internationalen Geschäft verabschieden. Doch wie lange dauert die erneute Rückkehr? Nicht an dieses Spiel denken. Nicht! „Andi, wir wollten doch nicht darüber reden“, sagt Stadionkumpel Sam zu mir, und JA, er hat Recht. Aber, by the way: Wie konnte der Edu da über…!?! Neeeein… Rostock, unser Angstgegner. Ein offensives Spiel kündigt sich an. Beide Trainer setzen auf drei Stürmer. Bei uns spielt Peeeeeeeeter Madsen wieder – Preuß muss raus. Und Meichelbeck vertritt den verletzten Knavs in der Abwehr. „Ich hab“, unkt Sam, „ein verdammt gutes Gefühl, dass die das klar gewinnen.“ Doch nichts passiert. Dieses eine Gegentor in diesem einen Spiel scheint unseren Jungs die Fähigkeit, gepflegt Fußball spielen zu können, zerstört zu haben. Kaum ein Pass findet einen Abnehmer. Die Bemühungen, einen Zweikampf zu gewinnen, enden zwar oft im Erfolg – aber genauso oft verschwindet der Ball danach im Niemandsland. Langsam, behäbig, schlecht. Die Rostocker haben Platz, nutzen den Raum für ihr gutes Kombinations- und Direktspiel. Und haben eine Chance nach der anderen. Oft verschränke ich meine beiden Arme, noch öfter halte ich mir die flache rechte Hand vor die Augen. Will nicht mehr hingucken. Ist es wieder da, das Abstiegsgespenst? Schaut es mal wieder vorbei in Bochum, hat es geklingelt, ganz nach dem Motto „ich wollte mal wieder alte Bekannte auf nen Kaffee besuchen?“ Im Moment machen alle Fehler. Der Trainer, die Spieler, auch die Fans.

LAUT UND NOCH LAUTER müsste es in dieser Lage werden, doch immer leiser wird es. Rostock vergibt eine Riesenchance nach der anderen. Zweimal rettet Sören Colding auf der Torlinie, was Sam zum Satz „Wenigstens auf der Linie sind alle gut“ treibt. Dass es zur Pause 0:0 steht, ist so glücklich, dass die Mannschaft in der Kabine ein Rubbellos freirubbeln sollte. Gewinn an einem solchen Tag garantiert. Wir schauen uns ratlos an. Verstehen die Welt nicht mehr. Was ist da los? Wenigstens lassen wir uns die Laune nicht verderben. „Hängt sie auf die schwarze Sau“, brüllen Unverbesserliche, und Sam schaut über seine Schulter und meint lässig: „Jaja, immer auf die Schwarzen.“ Ganz groß. In der Halbzeitpause beim Torwandschießen hat Sponsor Novoferm ein elektrisches Garagentor ausgelobt. Habe ich auch noch nicht gehört.

Jetzt, auf die eigene Kurve, jetzt müsste es doch gehen. V-F-L, V-F-L, WEEEEN LIEBEN WIIIIIR??? V-F-L !!!!! Jaaa, brüllt, noch lauter, doch die Stimme versagt. Genauso wie den Spielern die Füße zu versagen scheinen. Das Wetter versagt auch ein bisschen. Mal Regen. Mal Sonne. Man Petrus: Jetzt ENTSCHEIDE dich doch mal endlich! „Bochum, wir haben ein Problem!“, stellt Sam messerscharf fest, irgendwann in einer langweiligen Sekunde zwischendurch, als ich Gerd frage, ob er für sein Haus in Bochum-Dahlhausen, das er im November bezieht, IKEA-Möbel kauft. In Minute 75 passierts. Rade Prica hält aus geschätzten 58 Metern drauf, und drin. 0:1. Hochverdient, längst überfällig, wie erwartet Riesenpfiffe. Und ausgerechnet der in den letzten Jahren konstanteste, unser heute bester Mann, patzt. Im Moment läuft alles schief und schräg. Zwei Jahre nur Glück gehabt, und jetzt dreht sich der Wind. Jetzt knallt uns die volle Pech-Breitseite mitten ins Gesicht. Mitten ins Tor trifft Prica. Genau in die Mitte. Und das nichtmal feste. Doch van Duijnhoven zeigt null Reaktion. Einen klareren Torwartfehler gibt es nicht. Der Rest geht in Pfiffen unter. Gut, eine Chance nach einer Ecke für Madsen gibt es noch, aber er wollte den negativen Unterton dieses Textes nicht zerstören. Einer ist scheinbar schuldig für diese Pleiten, Pech und Pannenserie: Vratislav Lokvenc. Jede unglückliche Aktion unseres neuen Stürmers wird kritisch beäugt, jeder Fehlpass, jede verunglückte Chance mit wütenden Beschimpfungen begleitet. Der Mann gibt alles, aber er hat kein Glück. Er ist ein wenig langsam, statisch, unbeweglich, aber er meint es doch nicht böse!! Außerdem hat er es schwer. Fast alle Pässe kommen auf Halshöhe und ständig wird er von zwei Gegenspielern umringt. Hart. Nach dem x-ten Ballverlust brüllt die halbe Kurve „LOKVENC RAUS!“ und das unüberhörbar laut. Ich schäme mich. Mit einem Hammer möchte ich mich in den Boden hauen, als wäre ich in einen Asterix-Comic verpflanzt worden. Was soll das? Einen eigenen Spieler auspfeifen? So etwas ist wirklich das Allerletzte! „LOKVENC! LOKVENC!“, brüllt sogleich die andere Hälfte der Kurve, und kurzzeitig befürchte ich eine Schlägerei in blau-weiß. Lokvenc stolpert nur noch mehr herum. Er tut mir leid. Das hat er nicht verdient, obwohl er – wie gleichwohl alle anderen auch – einen unerträglichen Mist auf dem Rasen produziert hat. „Das gibt Abstiegskampf“, zieht der vor dem Anpfiff noch unglaublich optimistische Sam sein eigenes Fazit. Natürlich bleibt es beim für Bochum noch schmeichelhaften 0:1 in diesem Grottenkick.

Erfolg ist vergänglich, würde der Literat zigarettenrauchend und Kaffee trinkend auf seinem Laptop verewigen. Aber ich bin keiner. Vor fünf Monaten, da haben wir alle „Europa wir kommen! Europa wir haben’s geschafft!“ gesungen. Vor fünf Monaten hat es Lokvenc mit seinem Tor für Kaiserslautern gegen Dortmund erst ermöglicht, dass wir im UEFA-Cup spielen. Und jetzt scheint alles kaputt. Bochum in Liga zwei, Opel weg. Eine Beerdigung ist gegen diese Stimmung eine Comedyshow. Auf der 30-minütigen Busfahrt zurück zum Hauptbahnhof reagieren viele panisch, reden von Burghausen, Aue, zweiter Liga. Wir haben erst sieben Punkte, richtig, aber es sind noch 26 Spieltage! 26!!! Erfolg ist im Fußball wohl vergänglicher als anderswo.

„Tief im Westeeeeeen“, klingt von weither, aus irgendeinem Lautsprecher am Hauptbahnhof, aus irgendeiner Kneipe, in Richtung Andis Trommelfell.

So bitter und traurig klang es lange nicht mehr.

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Rock am Ring 2005

Viermal weilte ich bei Rock am Ring – alle vier Aufenthalte waren sehr, sehr verschieden. Im Jahr 2005 war ich allein am Ring – übernachtete aber nicht auf einem der vielen Zeltplätze. Mein damals in Trier wohnender Bruder Thommy (mit dem Auto knapp eine Stunde entfernt) holte ich mich jede Nacht gegen 1 Uhr ab. Riesenvorteile: Ich lag um 2 Uhr auf der warmen Gästematratze, konnte sieben, acht Stunden am Stück schlafen und am nächsten Morgen heiß und hygienisch perfekt duschen. Am frühen Nachmittag (ab 12, 12.30 Uhr) fuhr ich (selbstverständlich nach einem ausgiebigen Frühstück) mit dem Zug und Bus via Koblenz zum Ring zurück, das dauerte von Haustür zu Bühne etwa zweieinhalb Stunden (vor 15 Uhr geht’s nicht los). Mein mit Abstand luxuriösester Aufenthalt am Ring – und ich kann das beurteilen, da ich die andere Seite auch erleben musste. Ohne Dusche, ohne Schlaf, Matsch, Schweiß, Dreck, Müll …

Auf meiner „ersten“ Homepage beließ ich es bei den Playlists der Bands und vielen Fotos. Eine RaR-Zusammenfassung verfasste ich nicht. „Gerettet“ habe ich meine „Top 10“ von Rock am Ring 2005:

1. Kettcar: „Balu“ (Sänger Markus Wiebusch am Ende des Konzerts ganz allein, fast in Tränen aufgelöst, auf der Bühne. Unfassbare Momente!)

2. Green Day: „Boulevard of broken dreams“ (ohne jede Frage der Höhepunkt des ersten Tages)

3. Weezer: „Island in the sun“ (Da war es noch warm, fast heiß sogar, und es passte so perfekt!)

4. REM: „Everybody hurts“ (Im Gegenteil dazu der alte Kuschelrock-Klassiker, natürlich im strömenden Regen bei unglaublicher Atmosphäre vorgetragen)

5. Mando Diao: „Down in the past“ (Was für ein Auftritt! Der größte Hit des Jahres 2005 direkt am Anfang des Konzerts. Sowas schüttelt durch!)

6. Tocotronic: „Hi Freaks“ (kann ich nicht begründen, aber bei dem Song habe ich mich am richtigen Fleck gewühlt)

7. Adam Green: „Carolina“ (das entspricht am ehesten dem Green’schen Musikstil und kam am Ring ziemlich klasse rüber; Adams schönster Titel ist meiner Ansicht nach aber „Emily“)

8. Die Toten Hosen: „Wünsch Dir was“ („Es kommt die Zeit… ooooooooo—hooooooooo …“ Ein wahnsinniges Live-Erlebnis und meine letzte Erinnerung an Rock am Ring 2005)

9. The Hives: „Walk idiot walk“ (Die Hives sollte jeder Rocker wirklich mal live gesehen haben, und „Walk idiot walk“ ist derzeit mein liebster Hives-Song)

10. Billy Idol: „Jump“ (Eine Coverversion, die ich nicht glaubte, bei Rock am Ring 2005 hören zu dürfen. Aber Billy Idol sei Dank)

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Luzt auf Ruhrpott

Im Rahmen meines Volontariats durfte ich im Juli 2008 den Oberhausener WAZ-Sportredakteur vertreten. Dabei verfasste ich ein Porträt über Felix Luz, Zugang des Zweitliga-Aufsteigers Rot-Weiß Oberhausen.

Im DerWesten-Archiv ist der Text hier zu finden.

Das Training ist schon etwas länger zu Ende. Nach und nach verlassen die Spieler des Zweitliga-Neulings Rot-Weiß Oberhausen die Umkleide, schleichen zum Parkplatz, steigen in ihre Autos und fahren davon. „Der Felix kommt gleich”, ruft jemand. Als einer der letzten verlässt Felix die Kabine. Die Haare glatt gekämmt und nass, in der Mitte gescheitelt. Er trägt eine weiße Baseballkappe auf dem Kopf, Apfelschorle in der Hand. Felix Luz, 1,86 Meter groß. Er ist der Stürmer, der RWO zum Klassenerhalt schießen soll.

Oberhausen also. Der Ruhrpott ist die fünfte Station in der Karriere des 26-Jährigen. Eine Karriere, in der er schon oft an Kreuzungen stand, sich aber nicht immer für den richtigen Weg entschied. Er spricht unüberhörbar einen schwäbischen Dialekt, ist auskunftsfreudig. Vor allem, wenn es um den VfB Stuttgart geht. Dort stand er in der Fankurve, zum VfB wechselte er 1997 in die B-Jugend. In eine hochtalentierte Mannschaft. Mit Markus Miller im Tor, dem heutigen KSC-Keeper. Außerdem mit Tobias Rathgeb, Michael Fink, Andreas Hinkel und. . . Kevin Kuranyi. Das Sturm-Duo hieß Kuranyi/Luz.

Oberhausen also. Der Ruhrpott. Hier spielt auch Kuranyi, sein ehemaliger Sturmpartner. Der Kontakt brach nie ab, die Handy-Nummer des berühmten Schalker Nationalspielers hat er gespeichert. „Das Ruhrgebiet kenne ich von Besuchen bei Kevin, der ja auch hier spielt”, sagt Luz. Seit Juli 2005 treffen die Sturmpartner nicht mehr gemeinsam. Kuranyi zog nach Gelsenkirchen, Luz nach Hamburg. „St. Pauli war ein Glücksfall für mich. Der Verein hat mich geprägt”, sagt Luz. Der richtige Weg. So richtig durchsetzen konnte er sich beim VfB nie. Er saß in einem UEFA-Cup-Spiel auf der Bank, spielte beim damaligen Trainer Felix Magath vor – mehr nicht. Und am Millerntor? Der kampf- und kopfballstarke Stürmer ließ sich mitreißen von der ganz eigenen Stimmung an der Reeperbahn, erzielte in anderthalb Jahren in 49 Regionalligaspielen 13 Tore. Und in fünf DFB-Pokalspielen drei. St. Pauli zog ins Halbfinale ein, scheiterte erst mit 0:3 an den Bayern. Luz war wer. Doch wohin des Weges? Angebote hatte er viele. Am besten war das des 1. FC Köln. Doch St. Pauli ließ den erfolgreichen Stürmer nicht weg. „Natürlich war ich ein bisschen enttäuscht. Ich wollte unbedingt in den Profifußball”, sagt er. Und er wollte zu viel. Nach der Hinrunde der Saison 06/07 zog es ihn zum FC Augsburg in die 2. Bundesliga. Die Aufstiegschancen von St. Pauli waren zu gering – bei neun Punkten Rückstand. Der richtige Weg? St. Pauli stieg doch noch auf, Luz kam in Augsburg aber selten über die Rolle des Jokers hinaus. „Ein Fehler war’s sicherlich nicht. Obwohl’s nicht so lief, war es eine Erfahrung.” In St. Pauli war Luz der Held, in Augsburg einer von vielen. In St. Pauli ging es in der Kabine auch mal locker zu, in Augsburg wurde professionelles Verhalten verlangt. Immer. Wohin des Weges jetzt?

Oberhausen also. Der Ruhrpott. Hier ist er angekommen, der einstige DFB-Pokalheld, dem Stuttgart und St. Pauli am Herzen liegen. Er will Oberhausen nicht als Karriere-Sprungbrett Richtung Bundesliga nutzen. Deshalb hat er einen Zwei-Jahres-Vertrag unterzeichnet. Er weiß, dass er der bekannteste Neue ist. Weiß, was die Fans erwarten. „Der Umgang in der Mannschaft ist locker, das ähnelt St. Pauli.” Er selbst ist bescheiden: „Ich will erst einmal ein Spiel machen und optimal wäre es natürlich, gleich Tore zu machen. Dann mir einen Stammplatz erarbeiten.” Der richtige Weg? Nach drei Testspielen hat Luz drei Tore auf seinem Konto. Es sind nur Tests, aber schon jetzt sehen die Fans: Wir haben nicht mehr nur Terranova und Kaya vorn. Sondern noch einen. Einen, der nicht den Helden spielt. Der über sich selbst sagt, dass er kein Selbstdarsteller sei. Darf er auch nicht sein.

Hier in Oberhausen. Im Ruhrpott.

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