Kalle macht’s

Für die Mülheimer Woche berichtete ich im Frühjahr 1994 über das Landesligaspiel zwischen dem 1. FC Mülheim und dem SV Kray 04 (1:0). Manche Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert, die Vorschau aufs nächste Spiel habe ich an dieser Stelle gelöscht, daher auch das Zeichen (…).

Gut in Form ist Fußball-Landesligist 1. FC Mülheim, dem ein 1:0 (1:0)-Erfolg über Kray 04 glückte.

Ein vor allem kämpferisch starkes Styrumer Löwen-Team sahen 120 Besucher im Ruhrstadion gegen den SV Kray 04. Karl-Heinz Hirtz (15.) war nach glänzender Vorarbeit von Stefan Gelhaar der Schütze des Siegtreffers, der Krayer Carsten Hausschild erhielt vier Minuten vor Schluss nach einem groben Foul an Guido Rißland die rote Karte. Die Löwen hätten den Sack aber früher zubinden müssen, vor allem Hirtz vergab viele Chancen zu einem komfortableren Ergebnis. „Der Sieg hätte höher ausfallen müssen“, stellte auch FCM-Coach Herbert Stoffmehl fest.

(…)

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Und der WDR kam auch

Für das Internetportal revierkick.de (heute RevierSport – deshalb ist der Text auch im RevierSport-Archiv zu finden) berichtete ich im Oktober 2006 über das Oberligaspiel VfB Speldorf gegen TuRU Düsseldorf (0:3).

Zum Text geht es hier.

Dem „Kicker“ lieferte ich mit dem Schlusspfiff das Spielschema – mit Bewertung der Mannschaften.

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Begrabt mein Hirn im Innern eines blau-weißen Fußballs

Ich kann mich so, so gut an dieses Wahnsinnsspiel erinnern. Das kicker-Spielschema hängt noch immer eingerahmt an meiner Wand, viermal 1,5 für Bochumer Spieler. Was für Voraussetzungen: Bei Bayer 04 – dem Champions-League-Finalisten und Vizemeister – zählten gleich fünf Spieler zur Startelf, die sechs Wochen vorher noch im WM-Finale 2002 (!) zum Einsatz kamen (Lucio, Juan, Bernd Schneider, Oliver Neuville, Carsten Ramelow), vor knapp 1,5 Milliarden Menschen am TV-Gerät.

Und dann kommen wir, als Aufsteiger, als Überraschungs-Tabellenführer, führen nach knapp einer Stunde auf einmal 4:1 und Christiansen läuft allein aufs Tor zu. Unfassbare Augenblicke. Bryan Adams reloaded. Der Spiegel verfasste eine Woche nach diesem denkwürdigen Fest sogar ein zweiseitiges Neururer-Porträt. Überschrift: „Tribun der Fankurve“.

Ich nannte meinen Text „Those were the days my friends – I hope they never end … – Begrabt mein Hirn im Innern eines blau-weißen Fußballs“

Gelegentlich, das will ich gerne zugeben, neige ich dazu, die Welt hochphilosophisch zu betrachten und einige Geschehnisse zu sehr zu verallgemeinern. Womöglich ist heute so ein Tag, an dem das wieder der Fall ist. Wenn ich das, was am 17.8.2002 und am 24.8.2002 abgelaufen ist, mit einer Liedzeile zusammenfassen müsste, dann würde ich eine aus Bryan Adams „Summer of 69“ wählen, die da lautet: „Those were the best days of my life!“ „Jetzt übertreib mal nicht“, sprecht Ihr gerade vor Euch hin, obwohl höchstens der Bildschirm zuhört; aber ich frag Euch: Kann es mal abgesehen von Reisen was Schöneres geben? Ich muss echt scharf nachdenken, wie oft ich mich in meinem Leben so gut gefühlt habe wie während dieser 180 Minuten am 17.8. und 24.8. – und nach den Spielen, beim Blick auf die Tabelle, bei den Gesprächen mit den Freunden, bei den Erinnerungen an die Tore. Wie oft habe ich alles um mich herum vergessen und einfach nur das Leben genossen? In solchen Momenten denkst Du nicht daran, dass die Bundesliga eine Schweineliga ist, ein Spielball inmitten geldgieriger Arschgeigen. DEIN Verein, der im Konzert der Geigen noch am saubersten arbeitet (sofern das geht…) zeigt allen den nackten Hintern (variable Ausdrucksweise, gell?) und scheißt sie zu. DER VFL IST TABELLENFÜHRER! Zieht Euch das mal rein. Und ich laufe durch die Welt, als hätte ich gerade 5 Millionen im Lotto gewonnen. Ach was, selbst dann würde ich mich nicht so freuen. Was ist schon Geld gegen Gefühle? Wie gesagt, philosophieren können andere viel besser als ich. Aber ab und an versuch ich’s – und zu Fußball-Philosophie reicht’s allemal!

Wisst Ihr übrigens, wer noch viel besser philosophieren kann als ich? Mein Bruder Thommy! Der hat das schließlich auch mal studiert und entschloss sich, mich nach Leverkusen zu begleiten. Oh ja, Leverkusen – liebe Leute, die Ihr noch nie in dieser rheinischen Metropole wart: Schenkt Euch den Besuch! Diese Stadt ist so unverschämt-unglaublich überflüssig, das gibt’s gar nicht. Macht einen Bogen drum, wenn Ihr nicht grad zum Fußball wollt. Wir wollten zum Fußball; und deshalb ist das Ticket mit dem Zielort „Leverkusen“ im Gehirn mit dem Stempel „genehmigt und nicht moralisch verwerflich“ versehen worden. Obwohl: Hart an der Grenze ist´s schon, nach Leverkusen zu fahren. Vor zwei Jahren, als der VfL 0:1 verlor, da sind Thommy und ich zum Spaß durch die City gelaufen. Außer den (von Tauben) voll geschissenen „Tauben verboten“-Schildern ist uns nicht viel in Erinnerung geblieben. Nur massenhaft Gelächter über lauter Traktorfahrer-Gesichter. Das zur Vergangenheit.

Nun ist es Samstag, 24.8., in meinem schon oft erwähnten Portmonee lagern drei Oddset-Tippscheine, mir gegenüber im Zug sitzt Thommy, der den „Proletenfaktor“ erhöht, und eine 0,5-er-Dose Köpi aus der Hosentasche zieht. Die Hälfte sprüht nach dem Öffnen durch den Zugwaggon – gehobener Zischwert. Auf dem Mülheimer Bahnsteig, da hat Thommy einen ganz bemerkenswerten Satz gesagt, flüstere ich mir selbst zu. „Andi, stell Dir vor, wir führen in der 70. Minute, dann können wir singen: BAYER, BAYER, ZWEITE LIGA!!! Das wärs doch!“ Wir beide lachten neckisch über diesen völlig unrealistischen Scherz und blickten in den Himmel. Huuuuhhh, es regnet, ganz schön unangenehm für einen August-Tag.

Es wird später, knapp 13.30 Uhr, noch zwei Stunden bis zum Anpfiff. „Hunger hab ich“, schreie ich, aber da wir Beamtensöhne sind und alles perfekt geplant haben, ist der Weg zur Pommesbude schon durchorganisiert. Es hat aufgehört zu schiffen und somit brauchen wir nicht auf den Bus zurückgreifen. Im Stadtwald (oder was auch immer wir durchqueren auf dem Weg zum Bahnhof „Leverkusen-Mitte“ – die haben nur den einen Bahnhof… *hihi*, und ich sach noch: Leverkusen ist Weltstadt!) halt ich Eitelbeutel an, fingere in einer meiner Hosentasche nach einem Kamm und gehe mir durch die Haare. „Hab grad zu Hause erst geduscht“, lautet meine unsinnige Begründung. Nervositätsbewältigung?

Ja, da hinten ist sie doch, die Pommesbude. Aber halt, davor hat noch ne neue aufgemacht. „Lass hier bleiben“, entscheidet Thommy, der sich wieder in sein DDR-Trikot geschwungen hat (das zieht der gar nicht mehr aus. Da hab ich ihm ein Spitzengeschenk zum Geburtstag gemacht!). „Einma Jägerwurst Pommes, einma Currywurst Pommes Majo eine Cola“ ordern wir ruhrgebiets-flott an der Theke, und manmanman, wär ich doch im Ruhrgebiet geblieben. Solche dicken Pommes hab ich ja noch nie gesehen. Wat rein muss muss rein, aber nach zehn Pommes folgt die Aufgabe (aber da ist ja auch schon der halbe Teller verdrückt…). „Ich glaub“, mampft Thommy mit vollem Mund, „der Calmund hat den Test hier persönlich gemacht und gesacht: Die müssen so dick sein wie ich!“ Knaller!

Naja, satt geht anders, aber es folgt Teil 2 (nach Fürth im April 2002) der Fortsetzungs-Story „Andi und die Gorillas am Eingang“. Da kommen 22.000 Zuschauer zum Spiel, 3000 aus Bochum, und um 14.10 Uhr stehen maximal 300 vor dem Eingang. Trotzdem gilt es, ein Labyrinth an Eisenstangen zu durchqueren, wie es im Phantasialand nicht vor der Achterbahn zu durchqueren ist. „Ist das bescheuert“, raunzt Thommy die Gorillas an. Recht hat er! Dann der Kartenabreißer, dahinter zwei Bullen und noch ein Security-Idiot.

„TASCHENKONTROLLE“, motzt er rum. Also in Fürth musste ich schon viel ausleeren. Aber diesmal nahezu ALLES. Hätte nur noch gefehlt, dass ich mein Kleingeldfach im Portmonee hätte aufmachen müssen. In einer meiner Taschen (was hab ich auch so viele?) steckt der – oben erwähnte – Kamm. Ich muss ihn ganz rausziehen. „Könnte ja ne Spitze dran sein. Haben wir alles schon erlebt!“, sagt der Typ. Hä? Sie lassen mir zum Glück meine Digitalkamera (könnte doch ne Bombe drin sein, oder?). Das lange Warten beginnt. Die Stimmung im VfL-Block wird besser, doch die Plastik-Fans betreten alle in den 15 Minuten vor dem Anpfiff das Stadion. Das ist echt Wahnsinn.

Thommy wittert eine Art Verschwörungstheorie, dass der Fußball von den Bekloppten und Arbeitern weg in den „Mittelstand“ gehoben werden soll. Daher gebe es a) überwiegend noch Sitzplätze (sind teurer und die Fans brauchen erst kurz vor dem Anpfiff zu kommen), b) tierisch laute Musik (damit vor dem Anpfiff die Sprechchöre nicht zu hören sind und sich Papi und Mami unterhalten können) und c) Security ohne Ende. Aber lasst mich mit Politik in Ruhe, obwohl: Denkt mal drüber nach! Liegt Thommy falsch?

Oh scheiße, jetzt kommt auch noch Dieter Nickles. „Solang der bei Premiere ist“, selbstbewusste ich zu Thommy, „kann ich das auch schaffen!“ Nickles schnappt sich Peter Neururer. Dass wir VfL-Fans clever sind, beweisen wir einmal mehr. Den Sprechchor „Peter Neururer – schalalalala“ stimmen wir erst an, als das Interview läuft und das rote Kameralicht brennt. Das System mit der besseren Außenwirkung ist am VfL nicht vorbei gegangen.

Einmarsch, es geht ab. Unsere „Ziele“ für die kommenden 90 Minuten sind für Thommy und mich klar abgesteckt. Wir wollen einfach nur ein schönes Fußballspiel mit toller Stimmung erleben. Punkt zwei ist schon jetzt erfüllt. Von Bayer kommt (öfter mal was Neues) gar nichts, bei uns ist Party PUR. Dann Simak. 10. Minute. 1:0. „Das war´s wohl“, „Jetzt geht’s rund“. Zwei Reihen vor mir stehen drei Typen mit der Tabelle auf dem T-Shirt. Der VfL ganz oben. Ach hätte ich mir doch auch dieses Ding gekauft. Hab ich aber nicht. Wo soll das enden? 0:4? 0:5? Ich will meinen Kopf in den Händen vergraben und meine Trauerreden für die Telefonate mit meinen triumphierenden Freunden formulieren, dann – HALT – …. hüpfspringbeb, 1:1! „Der Wikinger! Der Wikinger! Der Wikinger!“ schreie ich laut, und auch alle anderen: „WIKINGER-WIKINGER-WIKINGER!“ Thoddi Gudjonsson hats gemacht. Siehe Cottbus: Thommy und ich zeigen uns den berühmten Vogel – 1:1 in Leverkusen. Ja jetzt machts den Jungs richtig Spaß. Die lassen den Ball super laufen, es entwickelt sich ein tolles Spiel, schließlich können auch Schneider, Bastürk und Simak was mit der Kugel anfangen. Aber wir sind besser. „Thommy wir spielen mit“. Nach 25 Minuten: „Andi, die werden das am Ende 1:2 oder 1:3 verlieren, aber allein für die ersten 25 Minuten haben die Riesen-Beifall verdient!“ Thommy, der Super-Pessimist. Denn: Christiansen-Kopfballvorlage, Wosz frei, 2:1 !!!! Verschnaufpause geht nicht. Gudjonsson-Freistoß, Fahrenhorst-Kopfball, 3:1!!! Das gibt es nicht. Ich warte auf den Moment, in dem ich schweißgebadet aufwache und feststelle, dass ich alles nur träume. Würde Thommy nicht neben mir stehen: Ich wüsste nicht, was ich sagen soll. Naja, mehr als die Buchstaben „J“ und „A“ laut hintereinander kriege ich eh nicht raus. Halbzeit. Pausenpfiff. 3000 ungläubige Bochumer Gesichter.

Zweite Halbzeit. „Pass auf, die machen schnell das 2:3 und dann geht’s los“, meint Thommy. Ja Flöte piepen (hab ich auch lang nicht mehr gesagt…)! Es ist eine Lehrstunde, eine Demontage, eine Vorführung. Buckley und Christiansen demütigen die ganze Bayer-Abwehr, 4:1, 60. Minute. 60 Sekunden später ist Christiansen wieder frei. Das muss 5:1, sogar 6:1 stehen. Ja, Toppi, da guckste. Vier Jahre bei uns auf der Bank – und jetzt die schlimmsten Sekunden. Voller Häme prasseln die lauten „Toppi“-Rufe aus dem VfL-Block gen Bayer-Bank. Dann noch „Absteiger“-Gebrülle, und – in der 73. Minute das, was auf dem Bahnsteig um halb eins noch so völlig unrealistisch erschien: „Wir singen BAYER BAYER ZWEITE LIGA!!!!!!!“ Da müssen Thommy und ich uns fast umarmen, und diesmal bin ich wirklich den Tränen ganz ganz nah. 2:4 durch Franca, aber das interessiert keinen mehr. „Walk on, walk on, with hope in your heart, and you´ll never walk alone!“ Abpiff, es ist wahr. Mein dritter Auswärtssieg, den ich je vom VfL in der Bundesliga gesehen habe. Der höchste Auswärtssieg, den ich je gesehen habe. Zum ersten Mal vier Auswärtstore, die ich live gesehen habe. Ein Spiel der Rekorde. Der Rekorde für die Gefühle.

The summer of twothousandandtwo – those were the best days of my life…

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Die Schwaben und der Schiri

Für DerWesten und die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtete ich in der Saison 2010/2011 über das Bundesligaspiel zwischen dem FC Schalke 04 und dem VfB Stuttgart (2:2).

Zur Schalker Einzelkritik mit einem Lob für Christoph Metzelder geht es hier.

Zu einer Geschichte über Stuttgarter Proteste gegen Schiedsrichter Florian Meyer geht es hier.

Zu den Stimmen zum Spiel geht es hier.

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Zeltfestival mit Rio

Über einen Auftritt von Jan Plewka mit dem Rio-Reiser-Programm beim fantastischen Zeltfestival Ruhr an der Drei-Städte-Grenze Bochum/Hattingen/Witten im September 2010 schrieb ich hier.

Der Text erschien nicht nur bei DerWesten, sondern auch in den Lokalausgaben der WAZ Witten und der WAZ Hattingen/Sprockhövel.

Jan Plewka ist eigentlich Sänger bei Selig. Aber schon seit 2005 geht er immer mal wieder mit seinem Programm „Jan Plewka singt Rio Reiser“ auf Tour. Beim Zeltfestival Ruhr bewies Plewka, dass er den Rio-Abend immer noch genießt.

Draußen, vor Zelt drei, toben ein paar Kinder. Spaziergänger sind zu hören, sie prosten sich zu. Drinnen ist alles dunkel. Ein stiller Raum. Eine Stimme. „Stiller Raum, stille Nacht, alles schläft, ich bin wach.“

Moment mal, wer ist das? Wer singt da?

„Jan Plewka singt Rio Reiser“ steht auf den Plakaten beim Zeltfestival Ruhr. Rio? Jan? Nein, das muss Jan Plewka sein. Kratzige Stimme, unverwechselbarer Klang. Sekunden später betritt er das Zelt durch den Hintereingang, die Haare kurz geschoren. Einen Vollbart hat er sich stehen lassen. Ein Mikrofon trägt Plewka nicht. Aber eine Gitarre um den Hals. Er spielt „Halt dich an deiner Liebe fest“ Wow.

Im vierten Lied hebt er die Faust

Der Auftakt eines Auftritts, an dem die Konzert- und Theatergrenzen verschwimmen. Seit 2005 zieht Jan Plewka mit seinem Rio-Abend durchs Land. 2005, acht Jahre nach dem Selig-Aus, war Plewka ein Ehemaliger. Einer, den der Ruhm erdrückt hatte und der sich über kleine Bühnen mit kleinen Bands und mit Rollen als Schauspieler durchs Künstlerleben schlug.

Und eben mit dem Rio-Programm. Im vierten Lied hebt er die rechte Faust, brüllt „Mach ne Faust aus deiner Hand! Keine Macht für Niemand!!!“ Aber noch machen nicht viele mit. Noch wollen die Besucher Plewka nicht in die Ton-Steine-Scherben-Zeit der 70er folgen. Noch nicht.

Jetzt kann der Abend nur brillant werden

Denn schon jetzt ist Plewkas Respekt vor Rio Reisers Musik, vor Rio Reisers Leben zu spüren. Er redet wenig, lässt die Musik, die Texte sprechen. Die Texte aus der bewegten Scherben-Zeit als linke Vorzeigeband in den 70ern, aber auch aus Rio Reisers gemäßigter Solo-Zeit in den 80ern. Plewkas Freude, die Songs seines Idols zu singen, zu brüllen, zu hauchen, ist authentisch.

Wie in früheren Teenie-Zeiten, als er in seiner Heimat in Schleswig-Holstein mit seinen Jugendfreunden am Meer saß und zum Beispiel den „Rauch-Haus-Song“ brüllte. An seinem Rio-Abend folgt die Hymne der Hausbesetzer auf „Keine Macht für Niemand“. Plewka und seine Band „Schwarz-Rote Heilsarmee“ sitzen um ein durch eine schlichte Lampe simuliertes Lagerfeuer, spielen unplugged. Als Plewka den Refrain anstimmt und die meisten Zeltbesucher „Und wir schreien’s laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus!“ mitgrölen, da grinst der Sänger. Da weiß er: Jetzt kann der Abend nur brillant werden.

Jeder Song ein eigenes Theaterstück

So selbstverständlich ist das nicht mehr. Seit Ende 2008 ist Plewka wieder mit Selig auf Tour. Hat in großen Hallen vor Tausenden gespielt und bei Festivals wie „Rock am Ring“ sogar vor Zehntausenden. Doch abgehoben oder gar arrogant wirkt im Zelt an diesem Abend gar nichts. Hier ist er der Jan. Seine Lust, die 18 Rio-Songs auch im sechsten Jahr perfekt zu performen, ist riesig. Er ist aktiv, nutzt nicht nur die komplette Bühne, sondern jeden Zentimeter des Zelts.

Manchmal macht das den Rio-Abend etwas anstrengend, aber auch das nur für wenige Sekunden. Beim Song „Der Turm stürzt ein“ spazieren Plewka und die Musiker unplugged durch die Reihen und sammeln Kleingeld für „Bier für die Rückfahrt“. Beim Instrumental-Part des fantastischen Lieds „Der Traum ist aus“ setzt sich Plewka ins Publikum und schaut fasziniert seiner Band zu. Überragend ist „Unten am Hafen“. Allein hockt Plewka auf einem roten Sofa, hält nur das Akkordeon in der Hand. Da wird das Zelt für zwei Minuten wieder zum stillen Raum. Und das sind nur Beispiele. Jeder Song ist eben ein eigenes Theaterstück.

Romantik in der Dunkelheit

Nach zwei Stunden sitzt keiner mehr. Da gibt’s Ovationen. Die Welt ist ein bisschen friedlicher geworden. In der Dunkelheit wirkt der Kemnader Stausee noch einen Tick romantischer. Fehlt nur noch, dass jemand am Ufer sitzt und auf der Gitarre ein Lied spielt.

Vielleicht hätte jemand Jan Plewka fragen sollen. Der hätte diese Idee gut gefunden.

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