Mai 2004. Trier.

Im Frühling 2004 zog mein Bruder nach Trier. Ich besuchte ihn kurz nach seinem Einzug ab dem 12. Mai 2004, wir verlebten ein paar schöne Tage an der Mosel – und zweieinhalb Wochen nach dem Einzug schrieb ich auf meiner „ersten“ Homepage das hier:

Mittlerweile ist es schon wieder zweieinhalb Wochen her, dass ich meine Füße durch Trier bewegte, dass ich mir einen Eindruck von der über 2000 Jahre alten Stadt machte, in der Karl Marx seine ersten Gehversuche unternahm. Ja, zweieinhalb Wochen ist es her. Inzwischen – um genau zu sein gestern – hat es sogar schon meine Eltern zu einem Tagesausflug nach Trier verschlagen, und ohjeeee, ich hatte ihnen doch eine kleine „Anleitung“ versprochen, bevor sie losfahren…

… nun gut, dann hole ich das eben nach!

Also, los geht´s…

Heute; heute ist es also soweit. Am 12. Mai 2004 hat mein Bruder Thommy den nächsten Bahnhof seines Lebens angefahren. Erst Mülheim, Berlin, Bochum, Leuven, Köln und Brüssel, dann wieder ein Umweg über Mülheim, und nun also Trier. „Mein Umzug nach Trier ist in weiten Teilen abgeschlossen“, heißt es in einer Mail. „Meine Bude liegt zu Fuß drei Minuten von der Mosel, fünf Minuten vom Eintracht-Stadion und sieben Minuten von der Porta Nigra, der wohl größten Attraktion des Städtchens, entfernt. Der Blick vom Schreibtisch streift auf die gegenüber liegenden Moselfelsen, und seit ich hier angekommen bin scheint sonderbarerweise nahezu durchgehend die Sonne. Die Bücherregale sind wieder eingeräumt, die Möbel aufgebaut, die ersten zwei Wochen an der Uni bewältigt, das dortige Arbeitszimmer halbwegs eingerichtet – das Leben kann neu beginnen“, schreibt er. Noch zwei Tage, und ich werde mir ansehen, wo und wie er mindestens in den nächsten anderthalb Jahren bis zum Spätsommer 2005 seine Zeit verbringen wird.

Trier… da war doch was? Genau… Siebte Klasse, Juli 1991. Ein 13-jähriger Andi und 30 andere Idioten vom Gymnasium Mülheim-Broich befinden sich in der heißesten Phase des Jahres in der Jugendherberge von Morbach, irgendwo da, wo keiner wohnen will. Zwei Lehrer sind noch dabei, eine namens Dymke, die sich nur mit Tonleitern und dem Klavier auskennt, und einer – er heißt tatsächlich so – mit dem Namen „Kalender“, Typ Schulclown, eigentlich Sportlehrer, aber bei uns (erfolg- und meist ratlos) in Mathe an der Tafel. Juli 1991, siebte Klasse, das Schuljahr ist fast zu Ende, und wir quälen uns auf schier endlosen Spaziergängen. Durch Morbach, durch den Wald, über einen „Trimmdichpfad“ und sogar bis Bernkastel-Kues. Ich weiß nur noch, dass ich pausenlos und immer wieder „Wind of change“ von den Scorpions gehört habe. Stimmt, Juli 1991, die Wiedervereinigung war noch gar nicht so lange her. Während der Hinfahrt, da hielten wir in Luxemburg, und ein Tagesausflug führte uns wohin? Richtig, nach Trier. Viel habe ich von dem damaligen Trip nicht mehr behalten. Wie das so ist, halten sich 13-Jährige in fremden Städten nur dort auf, wo sie sich ohnehin schon auskennen… Kaufhof, CD-Läden undsoweiterundsofort. Auf der Porta Nigra sind wir gewesen und haben auf Leute runtergespuckt. Vor dem Dom haben wir Malern beim Dom-Malen zugeschaut. Und in den Kaiserthermen haben wir uns gefragt, wo denn das Wasser ist. Erst spät schnallten wir, dass das vor 2000 Jahren mal Thermen waren. Geführt wurden wir von Andi, dem Sohn unserer begleitenden Musiklehrerin, und das was ich – und viele meiner Klassenkameraden – am dicksten in Erinnerung habe, ist der laut ausgebrüllte Ruf „WIR WINKEN ANDI DÜMMKE!!!“ von unserem L“ee“rer „Kalle“ Kalender, als wir im Bus zurück nach Morbach aufbrachen. „Kalle“  fuchtelte wild mit den Händen, es sollte wohl ein Winken sein, und wir drehten uns laut lachend weg. Wann immer ich bis jetzt das Wort Trier hörte, rief ich sofort „WIR WINKEN ANDI DÜMMKE!!!“, ohne dass mein Gegenüber wusste, worum es geht.

Bisher.

 

Im Moselstadion Trier im Mai 2004.

Mittlerweile sitze ich im Zug, es ist der 14. Mai, ein sonniger Freitag, und da fällt mir ein, dass ich auch mit Thommy schon einmal in Trier war. Im Sommer 2000 nämlich, als wir von Leuven ins pfälzische Erfweiler zu einem Familientrip mit den Eltern fuhren. Wir legten zum Gyros verputzen einen Zwischenstopp ein. Aber nur 30 Minuten, nicht länger… nun ist es also wieder soweit. Was erwarte ich? Eine kleine, verschlafene Stadt? Eine alte Stadt? Eine Uni-Stadt, voller Leben? Die Bahnfahrt ist ein echtes Highlight. Es ist eine der schönsten deutschen Zugstrecken, und das könnt ihr mir ruhig glauben, denn ich bin schon ziemlich viel Zug gefahren in diesem blöden Land. Du fährst so nah am Wasser entlang, so nah, dass du am liebsten eine Runde schwimmen würdest, um am nächsten Bahnhof wieder einzusteigen. Du fährst an einer Weinklitsche nach der anderen vorbei, die heißen Traben-Trarbach oder Kobern-Gondorf, in der du am liebsten selbst einen Rotwein nach dem nächsten in dich reinschütten würdest, um dann auf einen Weinberg zu klettern und von der Spitze auf die Welt herabzublicken. Es ist eine der Strecken, die wahrscheinlich seit 30 Jahren gleich aussehen. Und nun also Trier. 20 Minuten dauert der Fußweg vom Hauptbahnhof bis zu Thommys Wohnung. Viel ist nicht los an diesem Freitagmittag. Ich werfe meinen Rucksack in die Bude und wundere mich über deren Größe (soviel Platz hatte der noch nie).

Dann marschieren wir los. Laufen links, laufen rechts und laufen dem Moselstadion entgegen. War ja klar, dass Thommy mich zunächst zum hiesigen Fußballstadion leitet. Es liegt mitten in einer Wohngegend, es könnte der Heimspielort vom VfB Speldorf oder von Vatanspor Mülheim sein. „Wie soll das hier bloß aussehen, wenn der 1. FC Köln oder Rot-Weiß Essen mit ihren wilden Horden hier ankommen?“, frage ich. Ich möchte es nicht wissen. In der Tat braucht Thommy nur fünf Minuten, und – oh Wunder – alles ist offen. Wir betreten den Rasen und veranstalten witzige Foto-Sessions. Wir betreten die Haupttribüne und würden am liebsten die Sitze des Eintracht-Aufsichtsrats zerstören. Wir beobachten eine Leichtathletin, die einsam ihre Runden dreht. Wenn ich hier wohnen würde, würde ich meine Jogging-Karriere fortsetzen. Sport treiben in einem echten Profifußballstadion – wie geil…! PLUSPUNKT! Nebenan kickt die Jugend, auf zwei weiteren Rasen- und einem Kunstrasenplatz. Paradiesisch. Familiär. Gemütlich. Und die spielen nächstes Jahr gegen Köln. Frankfurt. Diese „großen“ Unternehmen, mit WM-Stadien. In Trier trainiert Paul Linz. Einer, der im Telefonbuch steht.

Drei Minuten weiter liegt die Mosel, welche die Stadt durchquert. Welche der Stadt Touristen bringt. Auf der Mosel schippert die „Traben-Trarbach“, ein Boot, das Omis und Opis bei Kaffee und Kuchen von Weinort zu Weinort kutschiert. Im Sommer ist es hier bestimmt schön. Im Sommer? Sommer ist eigentlich immer, denn in keiner anderen Region Deutschlands sind die Temperaturen so gut wie hier. „Hab ich in den paar Tagen hier schon gemerkt“, sagt Thommy und lacht. Keine Frage, ein weiterer PLUSPUNKT. Trier hat nur 105.000 Einwohner, also knapp 70.000 weniger als Mülheim. Und doch ist Mülheim nur eine von vielen Städten in NRW, und Trier hat im Moseltal einen Metropolen-Charakter. Es ist wie mit Kaiserslautern. 35 Minuten drumherum, ob mit dem Zug oder mit dem Auto: Nischt! Null! Zero! Ein Städtchen für sich, ein Völkchen für sich. Eine eigene Welt, mit einer Tageszeitung, die „Trierischer Volksfreund“ heißt. Es ist so verdammt wenig los am Freitagmittag, dass mich das schon wieder stört. Bin nun einmal ein Großstadtkind. Aber schön ist es hier. Hinter der Mosel strecken sich grüne Bäume in den Himmel.

Wir legen einen Zwischenstopp ein, in Thommys Wohnung, und ziehen dann weiter. Bis zur Porta Nigra. Heute werde ich nicht raufgehen, hab das ja schon 1991 gemacht. Bis zum Marktplatz, dem malerischen. Am Dom vorbei. An noch ein paar anderen Kirchen vorbei, die bestimmt überaus sehenswert sind. Und am Karl-Marx-Haus vorbei. Der gute alte Karl. Hier hat er gewohnt, gelebt, ist aufgewachsen, bevor es ihn nach Bonn, Berlin, Brüssel, London und Paris weiterschlug. Thommy hat ein Buch in der Hand. Eine Hilfe für Erstsemester-Studenten in Trier – mit kurzer Einführung in die 2000-jährige Stadtgeschichte, was die Römer alles angestellt haben, mit der Erklärung, dass Marx der geliebteste und meist gehasste Sohn der Stadt ist. Wie es wohl ist, hier zu studieren?

Es ist so ruhig hier. So ruhig, dass es fast schon eine Beleidigung wäre, in der Innenstadt eine WG zu gründen. Es ist aber zu ruhig, um das Etikett einer „Studentenstadt“ zu gewinnen. „Die Uni liegt außerhalb“, erklärt Thommy. Und dort soll es auch einige Studihäuser geben. Überhaupt fällt von der Uni in der City wenig auf. Das ist auch ganz klar, reime ich mir zusammen. Die meisten Studenten wohnen entweder direkt an der Uni oder kommen ohnehin aus den umliegenden Dörfern. Die fahren bestimmt am Wochenende nach Hause. Am meisten geht in der Stadt wohl am Dienstag und Mittwoch ab. Vermutlich. Es ist so ruhig, gemütlich, schön, nett, dass ich fast schon beim Denken einschlafe. Kein Wunder, dass Marx zum Studieren weggegangen ist. Wie will Thommy das nur anstellen? Hier eine Doktorarbeit schreiben? An der Uni Trier ein Seminar leiten? Ich brauche meine Abwechslung, brauche meine Freunde, brauche das Großstadt-Feeling im Ruhrgebiet, das „fliehen können“ nach Bochum, Essen, Oberhausen. Trier ist für mich Urlaub. Ich kann einen Tag bleiben, zwei, drei, vier, na vielleicht eine Woche. Aber dann würd ich zurück wollen. Zurück in mein Leben.

Aber heute macht es tierisch viel Spaß, mit Thommy durch einige Studentenkneipen zu ziehen. Wir gehen ins sehr nette „Astarix“ (gegenüber vom Karl-Marx-Haus) mit geiler Musik. Dann landen wir in der „Idealbank“, einem Laden, der in einem ehemaligen Bankgebäude entstanden ist. Das sind zwei Kneipen, die für mich „Stammkneipen“-Potenzial hätten. Unterhaltungen mit Thommy sind selten. Sie kommen meist nur außerhalb von NRW zustande; innerhalb haben wir meist zu viel zu tun für eine ruhige Minute. Ich genieße Trier. Und kritisiere es im nächsten Moment. So ist das. „Den Eltern gefällt das bestimmt hier“, beschließen wir beide im Einklang. Zum Abschluss gehen wir essen in einem richtig leckeren Restaurant, das Kartoffelgerichte en masse zubereitet. Himmlisch.

In der Nacht schlafe ich durch. Kein Wunder, denn (das Wort habe ich bisher erst 1000-mal erwähnt) es ist soooo ruhig. Der Wecker zerstört die Idylle. „Talkin´ bout a revolution“, dröhnt´s aus dem Radio.

Zwei Wochen ist es her, das ich im Zug sitzend Trier verließ. Und – siehe oben – meine Eltern waren mittlerweile auch schon da. „Genau wie Du gesagt hast: Wir sind begeistert“, hat meine Mum erzählt. „Beschaulich, überschaubar, Moseltal, Zentrum, gemütliche Cafés und Sonne pur. Porta Nigra, Konstantin-Basilika, Kurfürstliches Palais, Judengasse, Amphitheater, Unigelände… das haben wir uns angesehen. Allein schon die Fahrt durch die wunderschöne Landschaft ist beeindruckend. Die Wohnung von Thomas ist auch optimal.“

Heeeeeeeyyyy, die haben ja mehr von Trier gesehen als ich. Aber sie mochten es. Ich hab´s doch gleich gewusst.

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