25. September 2004 – VfL-Bremen 1:4 – „Willkommen zu Hause“

An dieses Spiel erinnere ich mich noch gut. Es war – erstens – mein erstes Jet-Lag-Spiel. Nach meiner ersten USA-Tour (Ostküste, von Boston bis Washington) landete ich morgens um sechs Uhr in Düsseldorf und verbrachte die Stunden bis fünfzehndreißig damit, nicht einzuschlafen. Und es war – zweitens – das letzte Pflichtspiel vor dem dramatischen Uefa-Cup-Aus gegen Standard Lüttich. Es gibt auch noch drittens: Meine ganze Familie begleitete mich ins Ruhrstadion. Kam nicht oft vor.

Den Text nannte ich „Willkommen zu Hause“, die Unterzeile lautet: „Das mehr als verpatzte Vorspiel für die große UEFA-Cup-Sause am Donnerstag“.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Willkommen zu Hause“ nannte:

Nein, Andi, nicht einschlafen. Nicht wegnicken. Drei Stunden noch; na gut, vier vielleicht mit dem Abendessen anschließend. Dann darfst Du endlich ins Bett. Endlich ins flauschig warme Deckchen sinken, im Palast der Träume versinken, die Augen werden schweeeeer… Nein, Andi, nicht einschlafen. Es ist alles so ungewohnt. Drei Wochen stapfte ich über amerikanische Bürgersteige. Über die von Boston. Von New York City. Von Philadelphia. Von Washington. Und nun ist mein Flugzeug kaum drei Stunden gelandet, und schon stehe ich im Ruhrstadion, reibe mir meine müden Augen. Weil sie müde sind, und weil ich’s nicht fassen kann. Mensch, ich hab doch noch Urlaub. Aber neben mir all meine Stadionfreunde; Gerd, Krüger (der belustigt uns alle mit einem verbundenen und geschienten Mittelfinger, sieht superwitzig aus), aaaaah, da hinten kommt ja auch der Sam. Und meine ganze Familie ist auch dabei. Bochum gegen Bremen, das ist so eine Art Symbolspiel für die Ernstens. Das haben wir uns schon so oft gemeinsam angesehen wie kein anderes Spiel. Sie sind alle da, und doch blicke ich mich um, blicke in den „Unsere große Liebe“-Schal meines Vordermanns, und kann’s nicht glauben. Vor nicht einmal 15 Stunden, Andi, da warst du 6000 Kilometer entfernt, hast am Dulles International Airport in Washington einen Doppelcheeseburger bei Burger King bestellt. Und nun hast du noch nicht mal so viel Hunger, um eine der leckeren Stadionbratwürste an deinem „Happy Place“ zu ordern.

Luft. Stadionluft. Ich atme tiiiief ein, husthust, jaja, stimmt, hier wird ja deutlich mehr geraucht als in den USA. Nicht einschlafen, Andi… nee, so langsam gehts. „Was habe ich verpasst, Jungs?“ Gespräche über das Dortmund-Spiel, das 2:2. Über die Pfiffe gegen Oliseh. „Bochum hatte nie einen besseren Spieler als mich“, hat er gesagt. Großmäulig regen wir uns über diese anmaßende Unverschämtheit auf, und kleinlaut geben wir zu, dass er damit nicht ganz unrecht hat. Und doch hat er durch seine ganzen Interviews ziemlich viel Porzellan zerschlagen. Genug Oliseh. Diskussionen über den verschossenen Madsen-Elfer. Ich erzähle meine Geschichte, dass ich in New York grad in einem Internet-Cafe mit Pudelmütze saß – und keiner scheint’s zu glauben. Über Lüttich. Den UEFA-Pokal. Das Rückspiel, den Donnerstag. „Auf meiner Dauerkarte steht Block N“, sagt Gerd. „Ich muss in den H-Block“, fügt Sam hinzu. Na super, also werden wir drei am Donnerstag in den verschiedensten Ecken des Ruhrstadions Platz nehmen müssen. Thommy erzählt seine mehr als lustige Geschichte von und mit Anton Vriesde. Beim Spiel in Lüttich, bei dem Thommy mich glänzend vertrat, stand unser ehemaliges, an dieser Stelle oft und zurecht gewürdigtes Abwehrtalent direkt hinter meinem Bruder. Ein supergeiles MP3-Interview mit Extragrüßen an seinen größten Fan Sam und ein sensationelles Foto mit Thommy sind neben dem 0:0 das zweite Ergebnis dieses denkwürdigen Abends. Anton Vriesde. Tse, da stellt der sich in die Bochumer Fankurve, obwohl er mehr oder weniger sanft aussortiert wurde. Uefa-Cup. Am Donnerstag. Fünf Tage noch bis zum Spiel, an das ich auch in den Staaten oft denken musste. Eins der wichtigsten der Vereinsgeschichte. Und ich werde dabei sein. Fünf Tage. Nicht einschlafen Andi. Nicht einschlafen. Heute ist Bremen da. Die Vorspeise? Einspielen? Untergehen?

Mein Ziel ist ein anderes als bei allen anderen 258 VfL-Spielen meiner bisherigen Bundesligakarriere. Ich will einfach nur nicht einschlafen (um das zum 1000. Mal zu verdeutlichen, aufgrund des Jet-Lags BIN ICH ABER AUCH verdammt müde). Mein Bruder strahlt wie Manuel Andrack nach einem gelungenen Witz von Harald Schmidt, weil er mit einem „Thomas Ernst“-Schal rumläuft, den ich ihm bei ebay für einsfuffzig ersteigert habe. Mensch, das sieht aber auch zu geil aus. Die Bremer laufen sich warm. Frank Fahrenhorst wird gefeiert. „FAHNE!!! FAHNE!!!“ „FAAAAAAHNE ist ein Boooochumer!!“ Tja, der Mann ist das größte Problem, das wir bisher haben. Weil er nämlich nicht mehr das blau-weiße, sondern grün-weiße Trikot trägt. Meine Mum ist zum ersten Mal seit dem sensationellen Dortmund-Spiel wieder dabei; mein Dad war noch länger nicht mehr im Ruhrstadion. Sie schauen sich um. Hat sich was geändert? Jepp, die Anzeigetafel. Wir haben einen guten Stehplatz erwischt, alle können gut sehen. Es ist kurzweilig, genauso wie der Urlaub. Mein Gedanke streift nur kurz „Shrek 2“, den Film, den ich mir im Flieger von Washington bis Amsterdam auf Niederländisch ansehen musste. Das ist erst ein paar Stunden her. Gestern, ja gestern wanderte ich noch durch Adams-Morgan, Georgetown, war in der Nähe des Weißen Hauses. Und nun? Andi, Urlaub ist vorbei, konzentrier dich auf Bremen. Ich hätte es mir leichter vorgestellt. Nach-Urlaubs-Melancholie?

Anpfiff. Vier Spiele verpasst. Vier Unentschieden verpasst. Noch keine Pflichtspiel-Niederlage in diesem Jahr kassiert. Bei uns spielt Bechmann erstmals von Anfang an. Neururer setzt auf die übliche 4-2-1-3-Taktik. Bremen ist nicht wirklich konstant gestartet, habe ich mir aus meinen Internetsessions in den USA gemerkt. Eine dicke Klatsche gab’s zum Auftakt in der Champions League – und auch in der Bundesliga fluppt’s noch nicht richtig. Auf geht’s. Stimmung ist solide. Bin wach. In der ersten Halbzeit passiert nicht viel. Aber auch nicht so wenig, dass ich den Jet-Lag spüren würde. Ich bin wach, gehe mit, klatsche mit, feuere mit an, reiße Witzchen mit meinen Kollegen, zum Beispiel über die komische Aufblasklapphandaktion des heutigen Tagessponsors (man, wie dumm), stelle fest, dass Gerd sehr spöttisch und eher schlecht gelaunt ist (warum eigentlich?), unterhalte mich mit Sam über seine wirklich interessierten Erfahrungen mit Washington. Er hat da mal ein Jahr gewohnt und ich ärgere mich tierisch, ihn nicht vorher nach seinen Eindrücken befragt zu haben. Unterhaltungen, Unterhaltungen, Unterhaltungen, zwischendurch ein Blick auf die Eltern, ob alles okay ist; und hoppla, Halbzeit. Vom Spiel hab ich gar nicht viel mitgekriegt.

Pause. Die Cheerleader kommen; „Rusty“ nicht mehr. Der Darsteller der Lok aus „Starlight Express“ sang vor dem Spiel irgendsoeinen Song, und das ganze Stadion hat gefeiert. Lokalpatriotismus heißt das wohl. Ich schwöre, ab sofort mehr auf das Spiel zu achten. Auf Taktik, auf Einzelkritik, auf Chancen. Andi, üüüüüüüben für die Arbeit, du musst wieder reinkommen in den Rhythmus. Aufpassen!! Aufpassen!! Aufpassen!! Wiederanpfiff. Bremen hat gewechselt. Klose spielt jetzt für den gelb-rot-gefährdeten Valdez. Ach ja, stimmt, da war doch in der ersten Halbzeit mal ein Spielergetümmel, aus dem der Valdez mit der gelben Karte hervorging. Stimmt ja. Und jetzt ist Pfeffer drin. Der VfL hat Mühe, das Tempo mitzugehen. Bremen lauert geduldig auf Fehler. Einen macht Zdebel in Minute 54. Konter, Borowski, 0:1. Maaaaaan, ich sag’s ja, Bremen ist unser Super-Angstgegner. Ich selbst hab nur gegen Bayern eine schlechtere Bilanz. Und von Sekunde zu Sekunde bin ich erschrockener. Der verletzte Madsen fehlt überall. Er fehlt als torgefährlicher Stürmer und vor allem als fleißiger Defensivarbeiter. In Minute 62 muss Wosz raus, nach einem Zusammenstoß mit Pasanen nach einem Kopf(!)ballduell. Ohne den ebenso fleißigen Wosz ist gar keiner mehr fleißig. Alle traben, behäbig, nicht engagiert genug, keine Kondition? Thommy lobt nicht einmal mehr seinen Lieblingsspieler Maltritz (der Name fiel in der von mir kaum beachteten ersten Halbzeit ziemlich häufig in meiner Umgebung). Die Viererkette ist doch eigentlich dieselbe wie im Vorjahr. Colding, Kalla, Bönig. Und Knavs statt Fahrenhorst. Macht es dieser eine Wechsel aus? Wir haben schon fast so viele Heimgegentore in drei Spielen wie in der kompletten letzten Saison…!!! Der Knavs wird nie mein Liebling. Die Ostkurve murrt, die Haupttribüne schon viel länger. Block A muss schon die Initiative ergreifen und laut „V-F-L! V-F-L!“ brüllen. Bechmann spielt schwach, genauso Preuß. Und Lokvenc zieht sich den Unmut von allen zu. Gegen Ismael und Fahne Fahrenhorst gewinnt er keinen Zweikampf, nicht mal ein Kopfballduell. Und weil seine Spielweise sehr statisch und unbeweglich aussieht, bringt er nicht mal einen Pass an den Mann. Das ist schwach. Das ist wirklich schwach. Und die Erklärung, dass es gegen den Double-Gewinner des Vorjahres gilt, ist eine ziemlich dürftige.

65. Minute, Standardsituation. Vielleicht wieder so ein Krümeltor. Trojan flankt, Knavs köpft wunderschön… TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOORRRRRR! SCHALALALAAAAAAAAAAAAAlalalalalalalaaaaaaaaaaaa!!! Man, ist das unverdient. 1:1, ausgerechnet der Knavs, sollte es wieder zu einem Punkt reichen? Diese Standards reißen uns immer raus, und nach vier Spielen Pause feiere und brülle ich aus vollster Ekstase mit. Kaum ausgebrüllt, Gegenzug, Klose, 1:2. Und da war es wieder, diese Bremen-Krankheit. Der Rest ist eine Demontage. Gut, Kalla köpft nach Trojan-Freistoß aus derselben Distanz an die Latte, aber das ist die einzige Szene, in der wir überhaupt noch einmal die Mittellinie überschreiten. Das ist Aufgabe. Keine Arbeitsverweigerung, aber schon Lustlosigkeit. Bei uns gibts die nicht. „Und wir gewinnen, und wir gewinnen, und wir gewinnen am Donnerstaaaaaag!!!“ Fünf Tage noch, dann zählts. „LÜTTICH KANN KOMMEN!!!!“ 1:2? Egal! Klose setzt kurz vor Schluss sogar noch das 1:3 drauf. Macht nix, unsere Jungs denken halt auch schon am Donnerstag. Und jeder hat mal einen schlechten Tag. Ein paar VfLer wollen früher gehen. „Geeeeegen Lüttich wolln wir Euch nicht seeeeeehn!“, hallt’s durch unser Rund, und bei manchen kommt die Botschaft an. Klose setzt sogar noch das mittlerweile verdiente 4:1 drauf, und bevor es eine Packung gibt, verzichtet der Schiedsrichter auf die eigentlich zwingend notwendige längere Nachspielzeit und pfeift lieber pünktlich ab. Eine Leistung der Marke „unter aller Sau“, schwache Leistungsträger (bis auf van Duijnhoven und Wosz), mehr als dumme Fehler, und das gegen eine superstarke Bremer Mannschaft. Sollte uns die Doppel- und Dreifachbelastung doch schaden? Angst geht um im Ruhrstadion. Bei mir. Selbstgespräche. Im DFB-Pokal sind wir raus, in der Bundesliga erst ein Sieg nach sechs Spielen, und der war nicht einmal verdient. Stell dir vor, wir verlieren gegen Lüttich oder spielen nur unentschieden? Dann ist die ganze Saison schon am 1. Oktober total im Arsch!!! „Ach Andi, das war vielleicht gar nicht schlecht“, meint Thommy. „Die haben heute gesehen, dass man nicht immer nur mit Glück und Standardsituationen weiterkommt. Das wird schon!“

Ausnahmsweise bin ich pessimistischer als er. Sieben Punkte nach sechs Spielen – ziemlich wenig. Gerd und Sam haben fast fluchtartig den Ort des Debakels verlassen. Tief enttäuscht. Meine Eltern gehen mit einem Sack voll Erinnerung nach Hause und werden die heute Abend erst noch sortieren müssen.

1:4 gegen Bremen. Manmanman. Und dafür habe ich meinen Urlaub extra so ausgerichtet, dass ich am Samstagmittag wieder da bin. Ich hätte noch einen Tag bei 30 Grad in Washington verbringen können. Mit einem Sonnenbad vor dem Lincoln Memorial. Aber nein, ich bin dem gefolgt, was der Schal meines Vordermanns beschreibt: „Große Liebe!“ Herzlich Willkommen zurück in Deutschland, Andi! Wenigstens bin ich nicht eingeschlafen… das Spiel war also nicht ganz nutzlos.

Fünf Tage noch.

Ab sofort zählt nur noch Lüttich. Nur noch Lüttich!!! Wir packen es. Wir packen es. Wir packen es. Ich bin ganz sicher.

„Und wir gewinnen – und wir gewinnen – und wir gewinnen am Donnerstaaaaaaaaag!“

Nervös bin ich schon jetzt.

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Bochum, Fußball, Ruhrgebiet, VfL Bochum, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für 25. September 2004 – VfL-Bremen 1:4 – „Willkommen zu Hause“

21. April 2006 – VfL-Burghausen 1:2 – „Nie mehr zweite Liga“

Eigentlich ist mit Überschrift („Nie mehr zweite Liga“), Unterzeile („Haben wir wirklich gegen Wacker Burghausen verloren?“) und Unterzeile zwei („Noch 3 Spiele bis zur 1. Bundesliga!“) alles gesagt. Deshalb besteht auch heute – im Januar 2013, also fast sieben Jahre danach – der Spielbericht aus dem Wort „folgt“.

Ich weiß noch, dass wir wirklich gegen Wacker Burghausen verloren haben (siehe Unterzeile eins) und nach dem Spiel den Burghausener Torwart Uwe Gospodarek mit Ovationen gefeiert haben. Er bekam vom „Kicker“ die Note 1 und war der Mann des Spieltages in der 2. Bundesliga. Fragt mich aber nicht nach den Torschützen…

Also hier noch einmal der vollständige Blog-Eintrag:

folgt

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Bochum, Fußball, Ruhrgebiet, VfL Bochum, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für 21. April 2006 – VfL-Burghausen 1:2 – „Nie mehr zweite Liga“

17. April 2006 – Aachen-VfL 0:2 – „Beautiful day“

Am 17. April 2006 stieg der VfL Bochum zum fünften und bislang letzten Mal in die Fußball-Bundesliga auf – und zum zweiten Mal in Aachen. Doch diesmal war’s kein besonders aufregendes, weil erwartbares Ereignis.

Ich bloggte über dieses „Aufstiegsspiel“, gab dem Text die Überschrift „Beautiful day“ und die Unterzeile „DIE TOP DREI: 1. „Nie meeeeeeeeeehr Zweite Liga!“ 2. „Und schon wieder aufgestiegen, VfL!“ 3. „1. Liga – Williiiii ist dabei““

Im Videorekorder liegt seit ein paar Tagen nur eine Kassette. Sie ist schon vier Jahre alt, ein bisschen zerkratzt, doch die mit schwarzem Edding auf dem weißen Kassettenrücken verewigte Aufschrift „VfL-Aufstieg 2005“ leuchtet unmissverständlich. Jeden Tag, wenn ich in dieser Saison auf meinem Lieblingssessel vor dem Fernseher hockte, schaute ich auf meine Kassettenwand – und wenn mir ganz mulmig oder langweilig war, wenn ich ganz furchtbar deprimiert oder frustriert war, dann schob ich sie ins Fach und schwelgte in Erinnerungen. 5. Mai 2002, Aachen, Tivoli. Das Wetter ist mies. Wir müssen gewinnen, Mainz muss bei Union Berlin verlieren. Für Union geht es leider um nichts mehr. 9000 Bochumer fahren mit, die Hoffnungen sind gering. Nach kurzer Zeit fliegt Schindzielorz vom Platz, überall steht’s 0:0. Dann gehen wir in Führung, mit 2:0, am Ende steht es 3:1, doch in Berlin rührt sich gaaanz laaange nichts. 9000 Herzinfarkte. Pro Minute. Irgendwann fallen in Berlin zwei Tore, zum 1:0 und 1:1. Und in der 82. Minute die Entscheidung: 2:1 für Union! Wir haben es geschafft. Der letzte Aufstieg war der schönste, der dramatischste.

Und so verbrachte ich in der letzten Woche meine Abende vor dem TV-Gerät, nahm den VfL-Schal vom Fenster, das er sonst ziert, roch daran und erschnüffelte Zigaretten, Rauchbomben, Paderborn, Ahlen, die Provinz. Es sind nur noch fünf Spiele bis zur Ersten Liga. Nur noch fünf.

Nur noch ein paar Stunden. Ein paar. Morgens früh, auf EinsLive, hat eine Frau ihren Freund betrogen und direkt danach läuft „Don’t look back in anger“ von Oasis. Bin zu müde, um das zu kapieren, speichere das im Hinterkopf, spule mein übliches Programm ab. Frühstücken, Zähne putzen, blabla. Die Videokassette läuft heute Morgen nicht, die Aufnahmen würde ich doppelt sehen. War ein langer Abend gestern, der bei der All-you-can-drink-Party im Mülheimer Freeland endete. Kostete 29 Euro der Spaß, ich bezahlte als ausschließlicher Cola-Trinker nur 15. Sechs Cola und zwei Mineralwasser zwang ich meine Kehle hinunter, und der Koffein-Überfluss wirkt noch nach. Nehme ich eine Tasche mit? Ja, nehme ich! Mist, Discman fällt aus. Batterien sind alle und der Kopfhörer funktioniert auch nicht mehr. Welches Buch lese ich auf der Fahrt? Ich stapfe – Blick auf die Uhr… noch fünf Minuten Zeit… – durch mein Arbeitszimmer, blicke an die Bücherwand. Was für die Uni? Nee, heute ist Ostermontag, Feiertag, FREIER Tag… Was Anspruchsvolles? Eine Biographie? Etwas Theorie vielleicht? Der Blick fällt in die „gaaaanz seichte Unterhaltung“-Ecke und ich schaue auf die sechs Harry-Potter-Bände.

Harry Potter und der Orden des Phönix.

Hab ich noch nicht gelesen. Ist für heute genau das Richtige. Erst eintauchen in die Welt von Hogwarts, dann in den Jubel am Tivoli. Erst mitleiden mit Harry, Ron und Hermine, dann zittern mit Bechmann, Edu und Dariusz. Naja, passt nicht wirklich. Lenkt aber ab. Ist heute der Tag der Tage? Ich schultere meine Tasche und spaziere in Richtung Hauptbahnhof. Die Fahrtstrecke habe ich mir schon gestern notiert und auf einem kleinen Zettel in meinem Portmonee verstaut. Regionalexpress bis Mönchengladbach. Dort umsteigen Richtung Aachen. Das Wetter ist nicht gut. Mal Sonne, mal Regen, mal Wind – April eben. Meine Haare sind ganz zerzaust und wehen durchs Gesicht, hoffentlich habe ich ans Haargummi gedacht. Schnell anhalten, in der Tasche kramen, genau, da ist’s. Ich binde mir die Haare zusammen, sehe den einfahrenden Zug, sprinte die letzten Meter und die Treppe zum fünften Gleis hoch und rein.

Noch ist kein VfL-Fan im Zug.

Einen Sitzplatz zu finden, ist nicht schwer. Man, keine Zweifel mehr. Wir haben zwölf Punkte Vorsprung. Und 21 Tore. Da GEHT NICHTS MEHR SCHIEF. Und heute können wir nur gewinnen. Die Aachener sind schon seit gestern durch. Sie haben die ganze Nacht gefeiert, die Sau rausgelassen, gesoffen, sind noch voll, haben zig Promille. Das wird ein Fußballfest, ein schönes. Gähn, noch bin ich müde, leicht koffeinzittrig und krame den Harry-Potter-Band zur Zeitüberbrückung hervor. In Ruhe fahren, vorbereiten. Noch wenige Stunden bis zum Aufstieg. Noch klappe ich das Buch nicht auf… noch will ich … ach, ohne Musik macht das nicht so viel Spaß. Denke an gestern Abend, als „Volare“ kam, dachte ich an Freiburg, als „Love Generation“ zum ersten Mal lief, an Siegen, und beim zweiten Mal „Love Generation“ an sowieso die ganze Saison. Das war gestern. Nun kommt heute. Heute. VfL. Aachen. Ab nach. Die sind schon durch. Wir brauchen einen einzigen, winzigen Punkt.

Harry Potter ist bei den Dursleys und vertreibt ein paar Dementoren. Er wird weitergeleitet zum Grimmauldplatz zwölf in London, zum Hauptquartier des Phönixordens. Ich lese und vergesse für ein paar Minuten den runden Ball, der große Teile meines Lebens bestimmt. Zwischendurch durchfahre ich Krefeld, steige in Mönchengladbach um und tuckere durch Großstädte wie Erkelenz, Hückelhoven-Baal, Übach-Palenberg und Geilenkirchen bis Aachen-West. Mittlerweile ist Harry nach Hogwarts zurückgekehrt und ich hab die Professoren Umbridge und Raue-Pritsche kennengelernt. „Nächster Halt: Aachen-West“, ertönt. Don’t look back in anger. Stadt des Aufstiegs 2006.

Und des Aufstiegs 2007.

Ein etwas abruptes Ende des Texte, das gebe ich zu. Anscheinend wurde ich unterbrochen, sorry dafür.

SIGHTSEEING-TOUR – TOURISMUS-ANDI

Aachen

In Aachen wohnte knapp neun Jahre lang mein bester Kumpel Björn, weshalb ich mehr als einmal dort weilte.

Über Aachen: An einem solchen Tag mit Daten über eine Stadt zu kommen, mag vielleicht ein wenig unangebracht erscheinen. Naja, ich mach’s trotzdem. Nun denn, was sagt denn der Baedeker? 245 000 Einwohner, westlichste Stadt Deutschlands und historisch eine der wichtigsten Städte Europas. Aachen liegt in einem Drei-Länder-Eck (Deutschland, Belgien, Niederlande) in einem waldumkränzten Talkessel an den Ausläufern der Eifel und der Ardennen. Die Stadt ist Sitz der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) und besitzt das größte Klinikum Europas. Die Stadt vergibt jedes Jahr seit 1949 den „Internationalen Karlspreis zu Aachen“ für Verdienste um die Verständigung und die internationale Zusammenarbeit in Europa. Ein wichtiges Ereignis ist auch der alljährlich im Reitstadion im Stadtteil Soers ausgetragene CHIO, ein internationales Reit-, Spring- und Fahrturnier, das sogenannte „Wimbledon der Reiterei“. Über die Stadtgrenzen hinaus beliebt sind die „Aachener Printen“, eine Art Honigkuchen.

Geschichte: Mit dem Ausbau zur Residenzstadt unter Karl dem Großen (742 bis 814) wurde Aachen zum Zentrum des Reiches und nach der Heiligsprechung des Kaisers 1165 zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas. Seit der Krönung Ottos I. zum deutschen König (936) blieb Aachen für 600 Jahre der Krönungsort der Könige sowie Tagungsort zahlreicher Reichstage und Kirchenversammlungen.   Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt zum überwiegenden Teil zerstört; beim Wiederaufbau nach 1945 wurden jedoch die bedeutenden Kulturdenkmäler wiederhergestellt.

Stadtbild: Die meisten der historisch bedeutenden Baudenkmäler sind in der hübschen, fußgängerfreundlichen Innenstadt mit ihren vielen Plätzen und Brunnen versammelt. Die Stadt wird stark von Studenten geprägt.

Eigene, kurze Anmerkungen: Aachen ist eine Großstadt und liegt doch im Niemandsland. Die Fahrten nach Köln dauern mit Auto oder ÖPNV mindestens 45 Minuten, ins Ruhrgebiet noch viel länger und auch Brüssel liegt 45 Minuten entfernt. Die Stadt ist eine Studentenstadt, aber doch eben keine klassische, da Aachen eher mit Medizinern (Uni-Klinik) und Ingenieuren (RWTH) vollgestopft ist als mit Geisteswissenschaftlern. Und die große „Öscher“ Karnevalstradition (der „Orden wider den tierischen Ernst“ ist zumindest bei Politikern der begehrteste in Deutschland) mitsamt der katholischen Dom-Umgebung verleihen der Innenstadt einen leicht konservativen Anstrich. Aachen ist wichtig, Aachen hat Geschichte, Aachen hat Sehenswürdigkeiten – aber Aachen ist keine Stadt, in der ich länger leben könnte.

Fahrten:

– um darzustellen, in welch provinzieller Umgebung sich Aachen befindet und woher die Fans kommen, folgt nun der ausführliche Verlauf meiner Fahrten –

HINFAHRT – Regionalexpress von Mülheim bis Mönchengladbach Hbf (12.51 bis 13.40) über Duisburg Hbf – Rheinhausen – Krefeld-Uerdingen – Krefeld Hbf und Viersen.

Dann umsteigen in den Regionalexpress von Mönchengladbach bis Aachen-West (13.49 bis 14.38) über (Achtung!) Rheydt Hbf – Erkelenz – Hückelhoven-Baal – Lindern – Geilenkirchen (Fan-Hochburg) – Übach-Palenberg und Herzogenrath.

RÜCKFAHRT – Regionalbahn von Aachen-West bis Mönchengladbach Hbf (23.43 bis 0.36) über Kohlscheid – Herzogenrath – Übach-Palenberg – Geilenkirchen – Lindern – Brachelen – Hückelhoven-Baal – Erkelenz – Herrath – Wickrath und Rheydt Hbf.

S-Bahn „S 8“ von Mönchengladbach Hbf Richtung Wuppertal bis Düsseldorf Hbf (0.54 bis 1.27) über Mönchengladbach-Lürrip – Korschenbroich – Kleinenbroich – Büttgen – Neuss Hbf – Neuss Am Kaiser – Neuss Rheinparkcenter – Düsseldorf-Hamm – Düsseldorf Völklinger Straße – Düsseldorf-Bilk und Düsseldorf Friedrichstadt

S-Bahn „S 1“ von Düsseldorf Hbf bis Mülheim Hbf (1.55 bis 2.34) über Düsseldorf-Wehrhahn – Düsseldorf-Zoo – Düsseldorf-Derendorf – Düsseldorf-Unterrath – Düsseldorf Flughafen – Angermund – Duisburg-Rahm – Duisburg-Großenbaum – Duisburg-Buchholz – Duisburg-Schlenk – Duisburg Hbf und Mülheim-Styrum

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Fußball, VfL Bochum, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für 17. April 2006 – Aachen-VfL 0:2 – „Beautiful day“

7. April 2006 – VfL-Siegen 3:1 – „Love Generation“

An diesem Tag interessierte mich fast alles mehr als das Fußballspiel zwischen dem fast aufgestiegenen VfL Bochum und den Sportfreunden Siegen, an das ich mich heute – im Januar 2013 – kaum noch erinnern kann. Es war der Tag, an dem ich bei der Party zum letzten Schultag der Mülheimer Abiturienten auf der Bühne stand, an dem sich Bundestrainer Klinsi Klinsmann für Jens Lehmann entschied und diese Nachricht die erste in der 20-Uhr-Tagesschau war. Ich bloggte trotzdem über das Spiel, nannte den Text „Love Generation“ und verpasste ihm die Unterzeile „Wieder 90 Minuten überstanden – und das am letzten Schultag und dem T-Day.“

Und der Gegner?

Drei Jahre später spielten die Sportfreunde Siegen am Blötter Weg beim VfB Speldorf. Mein Verein siegte 1:0.

Hier geht es zum Blog-Eintrag mit der Überschrift „Love Generation“:

Mein Portmonee ist ganz schön dick geworden. Mal kurz aussortieren. Wie witzig… Das Horoskop aus der BILD-Zeitung vom 31. März… Ich weilte in Paderborn und dieses Glanzstück deutscher Zeitungskunst wartet in meiner Geldbörse auf Beachtung. Was steht denn drauf? „Die Sterne heute: Was auf ein angenehmer Wochenausklang: Der Stier-Mond sorgt mit einem ruhigen Tempo dafür, dass man einiges schafft, ohne sich dabei zu hetzen. Mit Venus, die den Stier regiert, kommen auch die schönen Seiten des Lebens nicht zu kurz: Ein Flirt, ein köstliches Essen, perlende Musik – das sind alles Attribute für einen sinnlichen Abend.“

Sinnlich war das Ding in Paderborn allemal. Weiterlesen! „Heute Geburtstag? Abwarten ist nicht Ihr Ding – oft preschen Sie zu schnell vor – und fallen auf. Saturn lehrt sie 2006 das Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Wenn Sie bei einem kreativen Projekt Geduld und Ausdauer zeigen, wird sich diese Vorgehensweise bezahlt machen. Ab November werden Sie ein Jahr lang vom Glücksplaneten Jupiter begünstigt: Dann ist der Zeitpunkt gekommen, um wieder vorne mitzumischen.“ Soso. Scheißegal, blödes Horoskop. Zerknüllen und weglegen. Ich streife mir mein Abi-T-Shirt über, schnüre mir einen Pullover um, verstaue den VfL-Schal in meiner Arbeitstasche und raus geht’s.

„Jetzt geht’s raus!“ – heute Morgen noch erfuhr ich von dieser neuen, nicht gerade kreativen Idee der Bochumer Marketing-Abteilung. Dafür, dass wir sechs Spieltage vor Schluss kaum noch eingeholt werden können, tendiert die Euphorie in und um das Ruhrstadion gen „Null“. Ich muss erst ein einmal arbeiten. Ein Blick auf den Redaktions-Kalender, da steht 8. April. Morgen beginnen die Osterferien – das heißt: letzter Schultag. Das heißt noch mehr: letzter Schultag der Abiturienten!!! Langsam lasse ich mich auf einem Schreibtischstuhl nieder und blicke auf die Unterschriften. Von „Mama, s‘ René hat Abi“, „Alles Gute Anne“, „tric bei einer Live-Reportage“ bis zu „Heute ist der 18.4.97 und ich hab bestanden – Jan!“ Als ob es gestern gewesen wäre: Mein Kumpel Jan bestand damals die praktische Führerscheinprüfung und pinnte erstmal auf mein Shirt. Bis heute habe ich es nicht gewaschen, es stinkt ohne Ende, hat unendlich viele gelbe Bierflecken – Kult eben.

In Mülheim treffen sich die Abi-Jahrgänge jedes Jahr von 12 bis 15 Uhr auf dem Viktoriaplatz mitten in der Innenstadt, und auch diesmal sind viele Hundert betrunkene 19-/20-Jährige versammelt, um zu „Geile Zeit“ von Juli und all den weiteren Party-Knallern zu tanzen und zu saufen. Wir, die freien Mitarbeiter der WAZ, müssen leider den Pokal für unseren „Abi-Motto-Wettbewerb“ überreichen – keine leichte Aufgabe. Der DJ erledigt das für uns aber perfekt. Die Karl-Ziegler-Schule gewinnt mit „Pimp my Abi“ (naja) und beim Blick von der Bühne auf die Masse kommen mir all die Bilder wieder vor mein inneres Auge. Der eigene Abi-Scherz, der eigene Abi-Film, die Arbeit am Abi-Buch und der letzte Schultag. Morgens treffen, Bier trinken, „Time to say good-bye“ hören – zu 93 der 95 Mit-Abiturienten habe ich keinen regelmäßigen Kontakt. Was haben wir hier auf dem Viktoriaplatz für eine Party veranstaltet… Der Karl-Ziegler-Typ wünscht sich „Am Zuckerwattestand“ von André Markus, das Stufen-Lied scheinbar. Der DJ nimmt’s hin und fängt die Stimmung hinter mit Bob Sinclars mittlerweile nervender Hymne „Love Generation“ wieder auf. Für uns ist die Arbeit erledigt. Ich ziehe meinen Pullover an und tippe auf der Tastatur der Redaktion herum. Die Musik ist bis in unsere Räume zu hören.

Ich erreiche alle telefonischen Ansprechpartner schnell und schaffe es um 17.55 Uhr in den Regionalexpress. Heute gibt es ein großes Wiedersehen. Mein MSV-Kumpel Helmut kommt mit, um sich an die Zweite Liga zu gewöhnen. Und Sam ist aus Sao Paulo zurückgekehrt und feiert seine 2006-Premiere – mitsamt seiner Frau Nicole! Und das in einem so unwichtigen Spiel… Es ist voller vor dem Ruhrstadion als sonst, aber eben keine „Bundesliga – wir kommen!“, sondern „Hoffentlich ist es bald vorbei“-Atmosphäre. Um die Spannung wenigstens etwas hochzuhalten, hat unser Trainer den „Kampf um Platz eins“ ausgerufen. Nach Aachen geht es erst nächste Woche, das heute ist nicht mehr eine Pflichtübung. Sam und Nicole kommen tatsächlich, wenigstens in unserer Kleingruppe ist die Stimmung wirklich entspannt und gut. Wir erzählen viel, diskutieren über Klinsis Entscheidung pro Lehmann am „T-Day“, dem Tag der Torwart-Entscheidung. „Der Kahn hält in dieser Pingpongliga, die international keine Rolle mehr spielt, und das nicht einmal gut. Und der Lehmann spielt Woche für Woche gegen die Besten der Welt“, bringt es Gerd auf den Punkt. Jaja, ist schon gut so. Das Spiel interessiert uns wirklich nur absolut am Rand.

Und das zurecht. Ganz selten in meiner bisherigen VfL-Karriere habe ich erlebt, dass sich meine Mannschaft nicht gegen einen Sieg wehren kann. Siegen beginnt besser, baut aber zwischen der 15. und 20. Minute zweimal richtig große Scheiße. Erste Szene: Nach einer Zwetschge-Ecke köpft ein Siegener (!) auf das eigene (!!) Tor, und dort steht ein weiterer Siegener auf der Linie (!!!) und klärt mit einem fantastischen Reflex (!!!!) per Hand (!!!!). Ganz klar: Rot für den Siegener Weikl und Elfmeter. Zwetschge verwandelt! Kurze Zeit später, Freistoß aus Linksaußenposition. Jeder VfLer ahnt, dass Zwetschge den Ball in die kurze Ecke zieht. Nur Siegens Torwart Masic nicht. Der patzt schön und fliegt mit dem Ball ins Netz. Chancenverhältnis 0:0, Spielstand 2:0, dazu Überzahl. Bis zum Schlusspfiff ist das Spiel ätzend langweilig, weil wir gar nichts mehr machen außer Ball und Gegner an der Nase herumzuführen. Helmut findet das Ganze „nicht wirklich zweitligareif“, macht aber dem VfL keinen Vorwurf. Zu allem Siegener Überfluss fällt das 0:3 durch ein blödes Eigentor nach Bönig-Vorlage. Dann werden zwei Bechmann-Tore zu Unrecht wegen Abseits nicht anerkannt und Fabio Junior verstolpert zwei sensationelle Chancen. Ein 4:0, 5:0, 6:0 wäre jetzt möglich. Doch der gute Fabio kommt eben gar nicht in Tritt. Kurz vor Schluss verkürzt Akwuegbu auf 1:3; wie auch immer.

Ein Spiel, an das ich mich in zwei Wochen kaum noch erinnern kann, geht vorbei. Und ein Aufschrei der Erleichterung geht um 20.46 Uhr durchs Ruhrstadion. Wieder 90 Minuten geschafft. Noch fünf Spiele, dann sind wir raus, dann sind wir wieder da. Mein Abi-T-Shirt stinkt jetzt auch noch nach Fußballstadion. „Love Generation“ läuft nach dem Abpfiff, während ich die Treppenstufen in Richtung Bahnhaltestelle hinuterstapfe. Beim City-Döner in Mülheim klingt der Abend aus – am Ende geht es noch ab ins Freeland, zu schlechter House-Musik. Keine Ahnung, warum ich mir das in regelmäßigen Abständen gebe, weil ich mit dieser Musik rein gar nichts anfangen kann. Ich treffe Tobi, der zuletzt sechs Wochen in Australien weilte (Urlaub!) und in Bochum studiert. „Wie ist es ausgegangen?“, fragt er. „Dreieins“, sage ich. „Langweilig. Hast nix verpasst.“ Beim Hinausgehen vernehme ich ein paar Takte aus der „Love Generation“-Melodie. Wird Zeit, dass ich das Abi-Shirt endlich ausziehe. Am Horizont erblicke ich den Zeitungswagen. Was, ist es schon kurz nach vier?

Jetzt geht’s rein. Ins Bett. Und träumen. Von der Ersten Liga. Hintergrundmusik diesmal „Love Generation“; das war wirklich Musiküberflutung heute. Und träumen vom letzten Schultag 1997. Ja ich weiß, es war ’ne geile Zeit. Trifft aber nur auf die Abiphase zu. Und garantiert nicht auf die Zweitliga-Saison 2005/2006.

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Bochum, Fußball, Ruhrgebiet, VfL Bochum, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für 7. April 2006 – VfL-Siegen 3:1 – „Love Generation“

14. September 2001. 12. Urlaubstag. Nordkapp, Norwegen.

Meinen Sommerurlaub 2001 verbrachte ich in Skandinavien. Oh weia, zehneinhalb Jahre ist das schon wieder her… Gemeinsam mit meinem Grundschulkumpel Björn (Grüße!) fuhr ich im September des Jahres vier Wochen lang durch Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen – mit dem Höhepunkt “Nordkapp”. Während dieser vierwöchigen Reise führte ich ein Tagebuch – ein paar Einträge tippte ich für meine “erste” Homepage ab. Einige dieser Einträge habe ich “digitally remastered” und veröffentliche sie nun neu.

Dieser hier trug auf meiner “ersten” Homepage die Überschrift “Der Weg ist das Ziel” und stammt von meinem Tag am Nordkapp. Am 14. September 2001 erfüllte ich mir einen großen Wunsch.

 

Jetzt endlich rein in den Text vom 14. September 2001:

Habt Ihr Lebensträume?

Na klar, jeder hat das. Der eine will mal einen Ferrari besitzen, der nächste eine Deutsche Meisterschaft mit dem VfL Bochum feier … und so weiter. Niemand hat nur einen Lebenstraum, sondern mehrere. Genug der Definition.

Für mich hat sich ein großer Traum heute erfüllt; einer, der ganz oben auf der Liste stand. Einmal das Nordkapp sehen, an der nördlichsten Spitze Europas stehen. Ich erinnere mich, dass ich, als ich 10 war, mit großen Augen den Erzählungen meines Onkels Uwe lauschte, der Dias vom Nordkapp vorführte. Seitdem dachte ich ständig, ja fast in jeder freien Minute an dieses Fleckchen Erde im Norden Norwegens.
Heute war ein ganz, ganz besonderer Tag in meinem Leben. Intensiv, ganz intensiv. Spür diesen Hauch, diesen Lufthauch, der dir durch Haare, Nase und um die Ohren weht, blicke auf das Eismeer. Die gesamte Welt liegt hinter dir, nur noch das Ewige Eis am Horizont.

12.38 Uhr! Da ist er, der Globus. So oft in Reiseführern gesehen, so oft drüber diskutiert, so oft darüber gelesen. Da ist er. Nicht zu glauben! Ich habe es geschafft. Lasse die Gedanken kreisen. So stelle ich mir den Moment vor dem Tod vor. Dein ganzes bisheriges Leben läuft vor deinem inneren Auge ab. Der Felsen selbst ist nicht weiter besonders, keine Frage, aber diese Momente, diese Gefühle, diese Kraft, die der Anblick verleiht – wenn mir in meinem echten Sterbebett in hoffentlich ganz ganz vielen Jahren die wichtigsten Momente im Kopf begegnen, wird der Schritt zum Nordkapp-Felsen nicht fehlen. Es ist unbeschreiblich schön, einen Traum zu erfüllen.

Für unseren Urlaub bedeutet dieser besondere Tag den Gipfel, das Ziel. Ohne Nordkapp wäre die Reise nicht zustande gekommen. Seit Februar reden wir über diesen 14. September, trompeten es in die Weltgeschichte, egal, ob es die Leute interessiert oder nicht. Die Vorfreude… keiner konnte sie nachempfinden, keiner!

Nun sind wir da. Am Ziel.

Welcher Depp hat behauptet, das Nordkapp sei keine Reise wert? Glatte Lüge. Wir schlagen ein, einmal, zweimal. Gib mir fünf. Wir stellen fest, dass wir super sind, alles richtig gemacht haben. Das reicht an Eigenlob. Unser Wetterglück wird allmählich unheimlich. In allen Planungsrunden rechneten wir mit Regenjacke und Bodenfrost. Nun ist es trocken und wir haben 13,5 Grad. Wie war das noch mit den Tüchtigen?

Ich könnt Euch noch stundenlang erzählen, wie besonders dieser Tag war. Nachfühlen kann es niemand. Wenn mir nicht in den letzten Monaten die Tränen ausgegangen wären, ich hätte hemmungslos geflennt wie ein Baby nach der Geburt.

Fünf Stunden verbringen wir am Nordkapp, unser Zeltplatz liegt 10 Kilometer südlich. Ja, Süden. Dort geht es wieder hin. Ab sofort kann es regnen, mir egal. Am Nordkapp war’s schön. Nun fahren wir wieder Mülheim entgegen, so schlimm das klingt. Der Blick beim Postkarten schreiben schweift über das Polarmeer. Auf dem Papier stehen Namen aus dem Alltag, die Gedanken sind woanders. Nun sind wir da. Wahnsinn!

Es ist unser vierter Tag im Nichts. Ein Mensch, der’s nicht gesehen hat, kann sich das nicht vorstellen. In Skarsvag steht unser Zelt und drumherum: Nichts, null, zero. Der Besitzer hat sich früh verzogen, andere Camper gibt es um diese Jahreszeit nicht. Ein Auto kommt nicht vorbei, Tiere und Bäume Fehlanzeige. Hier ist nichtser als nichts.

We are real nowhere men!

Die Welt könnte untergehen, es würde uns nicht treffen. Hier ist nicht die Welt. Es ist still, selbst ein einzelner Grashalm, den der Wind zum Tanzen bringt, würde ein Echo hinterlassen.

Es ist einfach faszinierend. Erst Nordkapp, dann Zelten im Nichts. Abenteuer! Meine Worte werden schwach, meine Sprache reicht für die vielen Bilder nicht aus.

Eigentlich soll man aufhören, wenn es am Schönsten ist. Dieser Fall tritt nun ein. 12 Tage voller Highlights liegen hinter uns, genauso wie der nominelle Höhepunkt, das Nordkapp. Doch noch fahren wir nicht nach Hause. Keinesfalls. Erst in 16 Tagen kehren wir heim, nicht mal die Hälfte ist rum. Ganz Norwegen werden wir noch bereisen, keine Ahnung wie es wird. Die Fjorde liegen noch so weit weg. Ich verschwende keinen Gedanken daran. Genauso wie an zu Hause. Nicht nur 3100 Kilometer liegen dazwischen, sondern Welten. Ihr könnt mich alle mal!

Schade, dass ich morgen gehen muss. Der 14.9.2001 bleibt tief in mir. Niemand nimmt ihn mehr. Doch mein Weg geht weiter.

Denn der Weg ist das Ziel!

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Reisen, Tagebuch | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für 14. September 2001. 12. Urlaubstag. Nordkapp, Norwegen.