Interview mit Anastacia

Für die Beilage „Wochenende“ in der WAZ und WR führte ich ein Interview mit der Sängerin Anastacia – mein erstes Interview, das ich komplett auf Englisch führte.

Der passende Link: hier.

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Es gibt nicht viel zu sagen …

Zum Zweitliga-Spiel zwischen dem VfL Bochum und dem damaligen Schlusslicht 1. FC Schweinfurt 05 (15. März 2002, 3:1, ich erinnere mich an ein Tor von Thomas Reis kurz vor Schluss) hatte ich in meinem Blog „VfL-Tagebuch“ nicht besonders viel zu sagen…

Rein in den (wirklich sehr kurzen) Text:

Dieses Gewürge hat es nicht verdient, auf dieser Homepage mit mehr als zwei Zeilen erwähnt zu werden. Wirklich nicht.

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Rock am Ring 2003

Insgesamt viermal weilte ich bei Deutschlands größtem Musikfestival „Rock am Ring“ – viermal waren es höchst unterschiedliche Aufenthalte. Im Jahr 2003 fuhr ich nur für einen Tag und eine Nacht, um Metallica zu sehen und schloss mich einer Mülheimer Kleingruppe an, aus der ich nur zwei Personen kannte. Der Tag begannsehr, sehr holprig – und endete mit der Mutter aller Konzerte!

Nun rein in den Text über mein persönliches Rock am Ring 2003:

Und nun sitze ich also im Bus, stütze mein Kinn wie so oft in die Innenseite meiner rechten Hand und starre wie paralysiert aus dem Fenster. Oh man ist das hell. Das wird wohl ein Dauergeblinzel. Nee, Sonnenbrille auf, dann wirds doch gleich angenehmer. „Tut mir leid, die Klimaanlage ist kaputt“, frohlockt der Busfahrer, und mein Kinn rutscht auf die Kante der Fensterbank. Ganz schön schweißsiffig, meine Hand. Mensch, das sind mindestens 58 Grad in diesem verdammten Bus. Und im Radio zupft Suzanne Vega ganz sanft an ihren Gitarrensaiten und haucht „My name is Luca, I live on the second floor. I live upstairs from you. Yes I think you´ve seen me before!“ durch die Lautsprecher mitten in die Hitze. Das T-Shirt versinkt im Schweiß, mein Kopf lehnt am Fenster, die Augen (Hitze macht müde) schließen sich langsam.

Auf der A61 fliegen die blauen Autobahnschilder an mir vorbei. Richtung Bad Neuenahr-Ahrweiler geht´s, dann noch ein Autobahnkreuz für den Weg Richtung Trier. Oder war´s Saarbrücken. Noch ein paar Kilometer, dann wartet der Nürburgring. Ansonsten fahren Schumi eins und zwei dort um die Formel-1-Weltmeisterschaft, doch über die Pfingsttage trifft sich die Jugend der Welt, um Rockbands zuzuhören. Zwei Jahre ist es her, als ich schon einmal die Wiesen der riesengroßen Zeltanlagen mit meiner Anwesenheit beehrte. Jetzt noch einmal die Augen schließen? Und dran denken? Nein. Vergangenheit ist Vergangenheit, Gegenwart ist Gegenwart, und in Gedanken habe ich schon soviel Geld ins Phrasenschwein eingezahlt, dass ich davon einen Vier-Wochen-Urlaub in der Karibik bezahlen könnte. Die 2001-Stimmung behalte ich für mich. Für melancholische Momente in der Einsamkeit.
Meistens im Herbst. Im Winter. Warmer Kakao. Kerzenschein. Verdammte Scheiße ist das HEISS in diesem Bus. Ach so, kein Winter, auf gar keinen Fall, Sommer ist´s. Nürburgring noch neun Kilometer, verrät das Schild, und die ersten Zelte tauchen am Straßenrand auf. Es kommt wieder, dieses Festival-Gefühl. Und auch die Schmerzen sind da, die ich fühlte, als ich an vergangenen beiden Tagen zwischen 0 und 3 Uhr vor dem Fernsehgerät saß und in West 3 den grandiosen Auftritten von Iron Maiden, The Hives, Dave Gahan, Zwan und natürlich Placebo zusah. Ich will auch hin, dachte ich, blickte auf meine Eintrittskarte und wusste: Noch 15 Stunden!
Nein, es ist richtig, dass Du nur einen Tag fährst. Es ist das Körpergefühl, das nicht zu beschreibende, das mir sagt: Diesmal nur anderthalb Tage im Zeichen des Rings. Nicht schon wieder vier Tage voller Strapazen. Tribüne D10. „Hallo Zander! Bin da! Wo muss ich hin?“ „Da, wo wir vor zwei Jahren auch waren!“ Zander, Mit-Abiturient 1997, guter Freund, Urlaubskumpel der unvergesslichen Mallorca- und Zell-am-Gerät-Trips und derjenige mit dem besten Musikgeschmack in meiner näheren Umgebung (mein Bruder mal ausgenommen, aber der gehört ja zur Familie). Zander ist also da. Hat mich per sms an den letzten Tagen über den Stand der Dinge informiert. Über das heiße Wetter, den laufenden Alkohol, die Reisegruppe. Kurz vorgestellt… „Hallo, ich bin Andi!“ Die Namen fliegen mir um die Ohren. Ich kenn nur Jenny, auch von 2001. „Wenn Du Dir die anderen Namen alle gemerkt hast, dann Hut ab!“ Nee, keine Chance. Schlafsack ins Zelt, auf die Straße klettern und schauen.

Nach links. Nach rechts. Zelt neben Zelt. Und HOPPLA, Leiche neben Leiche. Das ist sehr krass. Es gibt drei Arten von Leichen. 1. Die Alkohol-Leichen, 2. Die Sommerwetter-Leichen, 3. Die beides-Leichen, die wirklich halbtot sind und in ein Krankenhaus gehören. Es ist ein erschreckendes Bild. Und doch werden alle zu Hause von einem tollen Wochenende berichten. Und die Worte „heavy“ und „krass“ fallen vermehrt. 75.000 Menschen, oder sogar 100.000 auf einem Fleck. Vier Tage lang. Ich fühle mich, als geriete ich in eine fremde Stadt, ins Ausland. Obwohl sich Zelt an Zelt reiht, und keiner den anderen kennt, entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Ein nur schwer in Worte zu fassendes. Wer zu spät kommt, den bestraft undsoweiter undsoweiter. Das Publikum ist jünger geworden. Ich glaub einige von den Leuten sind noch nicht einmal in der Oberstufe – und doch schon völlig zu. Der Musikfestival-Geruch liegt in der Luft. Eine schon viel zitierte Mischung aus Amsterdamer Coffee-Shops (Joints), Alkohol (die volle Palette, von Bier bis Strohrum), Urin und Kotze. Dazu noch die zahlreichen Lagerfeuer. Im Hintergrund Musik aus Tausenden von Kasi-Toastern. Erinnert Ihr Euch an den Typen aus „TV Total“, der gleichzeitig pisst und kotzt? So einen hab ich gesehen, fast direkt auf der Straße. Das ist so schäbig, dass ich schmunzeln muss. Oh ja, Du hast mir gefehlt, Du Festival. Ich bin wieder der einzige, der sich nicht berauscht. Ich könnte es SCHWÖREN!!! Es scheint ein Ritual für 98 Prozent aller Besucher zu sein. Ein Ritual für die Jugendlichen, ein Ritual für die jungen Erwachsenen. Na klar, ihre Lieblingsmusik wird gespielt, aber einmal aus der Rolle, für vier Tage lang keinen Aufpasser spüren, ob es Lehrer, Eltern oder die Bosse im Betrieb oder Büro sind. Vier Tage lang berauschen, daneben benehmen, alles tun, was sonst verboten ist. Soziologen wie ich haben einen Riesenspaß daran. An den Ursachen und Gründen, warum ein Musikfestival bestens dazu geeignet ist, sich „die Hörner abzustoßen“.
Es ist 14 Uhr. Zehn Minuten gönne ich mir den Ausblick, bis ein Wagen vorfährt, mit einem Typen mit Megaphon. „Zelte absichern, weil Unwetterwarnung“, sind die Worte, die meine Ohren erreichen. Na prima. Kaum da, direkt Unwetter. Nee, noch sind die schwarzen Wolken weit entfernt. Ein Platz im Campingstuhl ist frei. Schnell hingesetzt, neben John und „Jazzman“ (Jessica), die scheinbar ein Teil unserer Gruppe sind. Und total fertig. Jazzman ist heiser, John hört deutschen HipHop. Dann setzt sich irgendein Typ zu uns. Einer, der so zu ist, dass er seinen Namen nicht mehr weiß. Er kommt scheinbar aus Schleswig-Holstein, der Dialekt verrät ihn. Spielt Didgeridoo, und nervt. „Zander, lass uns gehen.“

Ein holpriger Start. Der noch holpriger wird, als ich meine Eintrittskarte in ein festivalobligatorisches Armbändchen umtauschen möchte. 99 Euro hat die Karte gekostet, doch kurzfristig wurden Tagestickets für 60 Euro angeboten. Doch kriege ich die 39 Euro erstattet? Nee. Was für ein Beschiss! Drauf aufs Gelände, auf den Schock erstmal was für die Gesundheit tun, ne gefüllte Festivalpizza und ein Crepe mit Vanillepudding bestellen. Dann noch den Geldbeutel leeren, einen Kapuzenpulli holen, und sich ärgern: Boaaah, bei 35 Grad mit Pulli rumlaufen? Aber Petrus hilft. Der Himmel verdunkelt, und ZACK, ein Gewitterschauer jagt den nächsten. Soviel zum Thema holprig. Die ersten drei Bands „Disturbed“, „Queens of the Stone Age“ und „Deftones“ von 16 bis 19.30 Uhr bekommen wir nur am Rande mit. Mal stört das Gewitter, mal fallen die Mikrofone aus, der Sound ist sowieso ziemlich mies. Was hängen bleibt? Drei Bands, von denen ich nicht viel mehr bemerkt habe als sinnloses auf den Musikinstrumenten Herumgekloppe. Nicht mein Ding.
Es wird voller. „Das ist wohl der Zoo-Effekt!“, ulkt Zander. Das erste Highlight steht an. Oh Mist, es wird wieder heller. Das bedeutet zwar wieder einen Temperaturanstieg und doch schockt Marilyn Manson wohl nur im Dunklen. Erwarte nicht viel von der knapp anderthalbstündigen Show. Einfach mal angucken. Und doch stelle ich nach kurzer Zeit schon fest: Es ist gut. Marilyn Manson. Der Mann, der schocken will, der provozieren will. Der auf einem seiner CD-Cover als Jesus am Kreuz hängt. Er läuft weiß geschminkt über die Bühne. Tritt als Micky Maus vor die Kanzel. Lässt seine Tänzerinnen mit gewagten Kleidern räkeln. Der Mann, dem das Schul-Massaker von Littleton angekreidet wurde, weil die Täter nur seine Musik hörten. Der Mann, der deshalb bei „Bowling for Columbine“ auftrat. Sein Name? Eine Mischung aus Marilyn Monroe und Charles Manson, den gegensätzlichen Symbolen für die USA. Viel habe ich über Manson gelesen, und doch trifft ihn nichts wirklich. Mal ist er ein „leicht depressiver junger Mann“, dann sind seine Platten durchzogen von einem „futuristischen und nihilistischen Trend“, dann sind sie „doch von Leidenschaft dominiert, intelligent, dynamisch und doch mit vielen Facetten.“ Dann ist die Band auch mal wieder eine „Kabarett-Attraktion der Hölle, deren optische Splatter-Maskerade zur Karikatur dient“ und die „Industrial-Metal-Apocalypse“ bietet mit „diabolischer Düsternis und trotzdem viel Musikalität.“ Die einen halten Manson für einen „Clown“, die anderen sehen den „künstlerischen Anspruch“. Einmal Marilyn Manson sehen. Es überzeugt. Es schockt nicht. Und ich bin mir doch nicht sicher, wie es bei einem Großteil seiner jungen Fans ankommt. Provokation?
„We´re all stars now in the dope show“,
singt er und charakterisiert damit die ganze große Menge, die sich vor ihm erhebt und die Hände zum Applaus in die Höhe reckt. Dann noch „Rock is dead“ – „Rock is deader than dead, shock is all in your head, your sex and your dope is all that we fed, so fuck all your protests and put them to bed. God is in the tv.“

Und das bei „Rock am Ring“.

Es ist eine nette Vorspeise, aber nicht mehr. Die Menge wird unruhig. Drückt von hinten nach. Die Sekunden vergehen langsamer und langsamer. 22 Uhr und eine Sekunde… zwei… drei… noch ne Viertelstunde warten, kein Regen mehr, kein Durst mehr, kein Hunger, ich will nur noch die Jungs sehen. Die Ikonen des Heavy Metal. Die WAHREN Ikonen des Heavy Metal. Alice Cooper, Iron Maiden, Manowar, Megadeath, Iron Maiden oder Motorhead waren zwar eher da, sind aber doch nicht mit Metallica zu vergleichen, den Jungs aus San Francisco. Mit der 1983er-Scheibe „Kill ‚em all“ schockten die Vier die harte Gitarrenwelt. Die erste brutal harte Metal-CD der Geschichte, mit „hyperschnellen Maschinengewehr-Riffs, kreischende Highspeed-Soli, filigranen Monsterbaßläufe, Drum-Gepolter, das jeder Großbaustelle lärmtechnisch den Rang abläuft.“ So heißt es in einer Rezension. Es folgten weitere Alben, Klassiker wie „Master of puppets“ und „… and justice for all“ und zu einer 60-minütigen Hymne wurde das schwarze Album, das schlicht „Metallica“ heißt. Es verlieh einer ganzen Generation, nämlich der meinigen, einen Schimmer Hoffnung und bereicherte das Leben. Keine Kinder-Musik mehr wie von den Ärzten oder den Hosen, die zwar auch wichtig ist und mich immer begleiten wird, nein, wer einmal „Nothing else matters“ oder „The Unforgiven“ hört, der weiß, wie toll Musik sein kann.

Metallica fehlen mir noch in der Liste. Der einzig wahre Headliner, den ein Musikfestival haben kann. Als Kirk Hemmett, Lars Ulrich, der neue Gitarrist Rob (heißt er so?) und der unvergleichliche Sänger James Hetfield die Bühne entern, gibt es kein Halten mehr. Zwei Stunden lang fegen die Jungs über die Bühne, rocken, was das Zeug, bieten eine Wahnsinns-Show. Massen an Leuten bewegen 120 Minuten ihre Köpfe headbangend mit 200 km/h auf und ab. Die haben bestimmt in zwei Jahren noch Kopfschmerzen und Schwindelanfälle. Mir wird schon nach 10 Sekunden übel. Egal. Das ist kein Vergleich zu allem, was ich bisher gesehen habe. Obwohl die vier Jungs nur ganz alte und ganz neue Songs spielen. Die Mainstream-Phase in den 90ern, mit den hitparadentauglichen Songs „Until it sleeps“, „Mama said“, „Whiskey in the jar“, „No leaf clover“ und „Fuel“ sparen sie völlig aus. Verzeiht uns, scheinen sie zu rufen, und trommeln stattdessen „Sad but true“ und „Seek and destroy“. Zwei Songs rühren zu Tränen. Natürlich „Nothing else matters“ („Never cared for what they do, never cared for what they know, but I know… so close, no matter how far, couldn´t be much more from the heart, forever trusting who we are, no nothing else matters!“), der einzigen Ballade, die gespielt wird, und das unvergleichliche „One“ von der „… and justice for all“-CD. Eingeläutet mit einem kurzen Feuerwerk wird es eine Bombe. Das ist kein Krach. Das ist Metallica. Hart und doch Waahnsinn. Das ist die Mutter aller Konzerte. Danke, dass ich das miterleben durfte. Dafür allein haben sich die 99 Euro gelohnt. Dankedankedanke.

Als Dessert Moby. Da geht nichts mehr drüber. Oder doch?

Moby bei einem Rock-Festival. Ist das nicht der Techno-Fuzzi? Nein. Eine Stunde sprintet der kleine Mann auf der Bühne hin und her. Und es ist ein unvergleichliches Spektakel, das alle in seinen Bann zieht. Moby, der bekennende Veganer. Der Anti-Alkoholiker. Der sich dafür entschuldigt, dass George Bush US-Präsident ist („Fuck this stupid man!“), der sich über all die Sänger kaputt lacht, die nur „motherfucking…“ und „fuck“ rufen. Der in jedem Stück ein anderes Instrument spielt, mal Keyboard, mal Bongo-Trommel, mal Gitarre, mal gar nichts. Und der verdammt gute Musik macht. Musik zum Nachdenken, Musik zum Tanzen. Ganz toll „Bodyrock“, der „Natural blues“. Zu „We are all made of stars“ wird die Bühne in ein Meer aus kleinen bunten Lichtlein getaucht, die sich mit dem realen Sternenhimmel wunderbar ergänzen. Und zum Ende des Abends und damit des kompletten Festivals begeistert Moby mit einem der fantastischsten Techno-Songs, die jemals geschrieben wurden. „Feeling so real“… Ekstase pur. Superklasse.

Der Tag begann holprig.

Und endete im Traum.

Der Rest ist Geschichte. Von 2.30 Uhr bis 8.45 Uhr pennen. Sehr unruhig. Sehr kalt. Sehr ungemütlich. Aufstehen. Von der Bahn um 13,50 Euro bescheißen lassen (das neue System ist nicht nur blöd, sondern auch noch unlogisch), um 13 Uhr die Haustür in Mülheim aufschließen. War nur 27 Stunden weg. Und fühle mich wie nach einem dreiwöchigen Urlaub.

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Windstille in Warnemünde

Eine meiner verrücktesten Auswärtstouren mit dem VfL führte mich am 22. Februar 2003 in einer Saukälte (Sau!) nach Mecklenburg-Vorpommern zum Bundesliga(!)spiel (damals) zwischen Hansa Rostock und dem VfL Bochum (1:1). Ich verband diese Tour mit einer winterlichen Sightseeing-Tour zum Ostseestrand von Warnemünde und einem Treffen mit einer mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Internetbekanntschaft (das war „in“, damals, 2003) namens Judith, einer Kunststudentin, die ich in den Semesterferien in März danach noch zweimal besuchte. Immer wenn ich das Placebo-Album „Black Market Music“ höre (mit „Slave to the wage“, „Black-eyed“ und „Special K“), muss ich an diese drei Touren denken.

Die Überschrift des Textes lautet „Windstille in Warnemünde – schöne Grüße aus dem Land der Muschelschubser“:

Wem immer ich in den Tagen vor diesem 22. Februar 2003 von meiner Tagesbeschäftigung erzählte, der zog kopfschüttelnd und denscheibenwischerzeigend davon. Alle, wirklich ALLE, die noch einen letzten Funken Vernunft in mir vermuteten, sprachen mir diesen spätestens ab, als in ihren Lauscherchen die Sätze „Ich begleite den VfL nach Rostock“ angekommen waren.

Rostock also. Stadt im Land der Muschelschubser.

Ich gebe zu, ein wenig zweifelte ich selbst an diesem Unternehmen, denn wirklich viele Gründe, warum ich diesen Tagesausflug nicht nur an-kündigen, sondern tatsächlich auch an-treten sollte, gab es nicht. Beispielsweise aus sportlicher Sicht: Wir haben die letzten sechs Spiele gegen Hansa verloren, zudem fehlen gleich fünf Stammspieler, und mit Oliseh, Kalla, Schindzielorz, Wosz und Freier beileibe nicht die unwichtigsten. Beispielsweise aus finanzieller Sicht. 68 Euro plus Eintritt ausgeben, und das für zwei Stunden Fußball und zwei Stunden Aufenthalt? Beispielsweise aus privater Sicht: Mein bester und längster Kumpel Björn feiert heute die Einweihungsparty seiner Wohnung in Essen, mit zig Leuten, die ich jahre-, quatsch jahrzehnte-, quatsch jahrhundertelang nicht gesehen habe. Ich kenne seine neue Freundin noch nicht, und er wird mir mein Leben lang vorhalten, dass ich nicht da war. VfL-Fan Dirk aus München sms-formuliert es noch mit einem positiven Unterton: „Du Wahnsinniger fährst nicht wirklich zur Hansa-Kogge?“ Irgendeiner, ich weiß gar nicht mehr wer, ist da schon drastischer:

– Andi, Du hast schon viele sinnlose Dinge in Deinem Leben getan. Aber das ist wirklich das Sinnloseste!

Sinnlos, dass ich also um 7.45 Uhr mit frisch geduschten und ungekämmten Haaren am Mülheimer Hauptbahnhof auf den Regionalexpress warte. Sinnlos also, dass ich um 7.59 Uhr in den Intercity Richtung Rostock umsteige. Jetzt ist’s zu spät, ich bin drin, pflanze mich auf den reservierten Platz, neben ein Mädel, dass bis Hamburg drinbleibt, von den drei Stunden 2:59 Stunden schläft (und schnarcht) – und somit für schlechtes Gewissen bei jedem Umblättern sorgt (bin ein rücksichtsvoller Mensch, aber bei dem Zuglärm hat die bestimmt sowieso nicht geschlafen). Der Mond versinkt hinter den Hinterhöfen des Ruhrgebiets, die Sonne strahlt die letzten Schneereste in Niedersachsen an wie ein Scheinwerfer die Bands auf der Bühne. *brummbrummbrumm* es vibriert auf dem Tisch vor mir (es=Handy):

– Ich krieg nen Kollaps vor Freude. Hier scheint die Sonne. Vielleicht erlebst Du heute das Meer im letzten Dämmerlicht.

Judith kennt Ihr noch nicht.

Ich auch noch nicht. Und doch irgendwie. Seit zwei Jahren schreiben wir uns sporadisch Mails, und – wie es der Zufall so will – wohnt sie in Rostock, und hat mir versprochen, das Meer in Warnemünde zu zeigen. In der Tat: Am Himmel keine Wolke. Die reflektierten Ozeane verwandeln den Himmel in ein tiefes Blau. Die Red Hot Chili Peppers („Under the bridge“), Oasis („Whatever“), die komplette „Black Market Music“ von Placebo und „Room with a view“ (von der Kuschelrock 3, keine Ahnung, von wem das nochmal war) begleiten mich. Für Unterhaltung sorgt Peter-Jürgen Boock, ein Ex-RAF-Terrorist, mit seiner dokumentarischen Fiktion über die Schleyer-Entführung 1977. Mir fällt auf, dass ich diese Zeit mit dem Mutterkuchen im Innern meiner Mum mitbekommen habe… bis zu meiner Geburt dauerte es im Oktober 1977 nur noch fünf Monate. Die letzten Zeilen des 200-Seiten-Schmökers verschlinge ich punktgenau im Bahnhof von Bad Kleinen. Da war doch was.. vor drei Jahren… GSG 9… RAF… Wolfgang Grams… oder? Hach, ist das stressig im Zug: das Handy vibriert in einer Tour, für Dirk habe ich meinen Namen („Andi“) in „Vriesde-Fanklub“ (unser 58-jähriges Abwehrtalent) umgetauft. Das Buch will gelesen, meine CDs gehört und der Kakao getrunken werden. Aber schön ist’s. Die Sonne blendet. Hoffentlich vergesse ich nicht meine Jacke, wie auf dem Weg nach Stuttgart.

Ich vergesse sie nicht. Es ist soweit, ich lande in Rostock, keine Spur vom in der Nacht verpassten Schlaf (fünf Stunden sind für meine sonstigen Gewohnheiten extrem niedrig), Appetit auf Fußball, Appetit auf Ostsee, Appetit auf Meer, Strand. Das Wetter macht süchtig.

Nicht ganz ohne Vorurteile spaziere ich über den Asphalt Rostocks. Nachwirkungen von Lichtenhagen. Hintergedanken bei jeder Glatze. „War der wohl dabei?“ Inneres Gelächter bei jedem Vokuhila-Oliba (vorne kurz hinten lang mit Oberlippenbart). Ein Sprung ins Ostseestadion – ein schönes Ding. Der rote Feuerball verwandelt die eine Hälfte des Stadions in ein Sonnenstudio, wenn es hier oben im Norden MeckPomms bloß nur nicht zehn Grad kälter wäre als im Rest der Republik. Ich spür nach zehn Minuten in der Kurve meine Füße kaum noch, wie soll ich mich erst in drei Stunden fühlen… *bibber* und ich dachte, Dortmund letzte Woche sei nicht mehr zu toppen. Einen 100.000 Grad heißen Kaffee kippe ich runter wie ein Glas kaltes Wasser nach einem 10-Kilometer-Marsch durch die Wüste. Außer mir haben sich noch 200 Deppen auf nach Rostock gemacht, die wohl auch nix Besseres zu tun haben.

15.04 Uhr, die Spieler betreten zum Aufwärmen (oh ja, das ist wirklich nötig, würde am liebsten mitjoggen, ganz freiwillig) den Rasen. Obwohl ich schon eine halbe Stunde meinen Platz eingenommen habe (es ist komischerweise seeehr übersichtlich um mich rum…), sortiere ich noch immer meine Klamotten. Bei Auswärtsspielen fühle ich mich stets wie ein Schwerverbrecher, diesmal wollte ein Eingangssecuritygorilla sogar den Inhalt meines Portmonees sehen (und ich sehe nicht einmal schnieke aus). Irgendwie frage ich mich jetzt doch: Warum bin ich eigentlich hier? Aufgrund des Spiels wohl kaum. Unsere Aufstellung… Anton Vriesde in der Innenverteidigung, Filip Tapalovic nach monatelanger Verletzung von Anfang an, dazu Marcus-bitte-wer-ist-das-denn Fischer vornedrin. Hüüüüüüüülllfffee!

AC/DC besingen den „Highway to hell“, als Millionen Konfettis aus 14.800 Händen auf den Rasen fliegen, und 22 Spieler kurz vor dem Anpfiff ins Publikum winken. Und mein ganz persönlicher Weg zur Hölle scheint dieses Spiel zu werden. Kalt. Saukalt ist’s. Und schlecht. Sauschlecht spielen wir. Das Spiel scheint abgeschenkt, eine Niederlage in Kauf genommen. Wir haben 29 Punkte, das reicht erstmal, Fans sind sowieso kaum da (nur der Ernst, und der hat laut seiner supertollen Statistik schon Siege genug gesehen), und die besten Leute fehlen. Ich nehm die Leistung echt persönlich, und muss Judith per SMS gestehen, dass sie mit ihrem Tipp (2:0 für Hansa) gar nicht so falsch liegen könnte. Di Salvo schießt in der 29. Minute zum ersten Mal ein. Der fliegende Holländer in unserem Tor muss zweimal ein weiteres Gegentor in höchster Not verhindern (und ich sag noch: er ist zurzeit der Beste in der Liga), und di Salvo schießt ein Abseitstor, das völlig korrekt war. Will jetzt schon zum Meer.

Tja, leider spielt nicht mal die Rostocker Bratwurst um die Meisterschaft mit (wie in „1000 Tipps für Auswärtsspiele“ vollmundig angekündigt). Glaubt diesem eigentlich tollen Buch nicht alles!!! Und es sind noch 45 Minuten in dieser Scheiß-Kälte. Zweite Halbzeit. Christiansen noch immer auf der Bank. NIMM DEN BEMBEN RAUS!!! NIMM DEN BEMBEN RAUS!!! Mein ganz persönlicher Freund (und damit Fahrenhorst-Nachfolger; warum brauchen Fußballfans immer einen, den sie nicht besonders mögen?) spielt wirklich eine Scheiße zusammen wie Frank Heinemann Mitte der 90-er in seinen besten Tagen. Dann endlich… Bemben raus, Christiansen rein, zwei Minuten später Hashemian 1:1. Und „verdient“ muss ich hinzufügen. Denn auch unsere Notelf kann gegen die Kugel treten, sie hübsch laufen und die Rostocker alt aussehen lassen. Mit den alten VfL-Abstiegskampf-Tugenden (Ball nehmen und auf die Tribüne kloppen, und das zweimal pro Minute; naja, ganz so schlimm war’s nicht) retten wir den Punkt ins Ziel, und ich grinse überglücklich wie ein Lotto-Gewinner bei der Scheckeinlösung. Nicht verloren. Gibt’s doch gar nicht.

Die Sonne versinkt allmählich am Horizont, nach einem zehnminütigen Fußmarsch ums Stadion herum bis zur Bushaltestelle (nicht sehr gastfreundlich!) und einer Verabredung mit Judith für 18 Uhr raffe ich erstmal, wo ich überhaupt bin. So weit weg von zu Hause. Dirks sms ist gespeichert: „Du Wahnsinniger!“ Manchmal glaub ich wirklich dran, dass bei mir ne Schraube fehlt. Es gongt 18 Uhr, die Sprüche der Rostocker Fans, was sie mit einem VfL-Fan machen würden, wenn ihnen einer über den Weg läuft, überhöre ich. Am Rostocker ZOB lehnt Judith auf ihrem Fahrrad an einem Straßenschild. Es ist, als würde ich eine ganz alte Freundin treffen. Es geht in die S-Bahn Richtung Warnemünde, Richtung Strand, sie hält ihr Versprechen. In unserem Waggon drei Bochum-Fans, die den ganzen Zug unterhalten. Einer davon ist Jurist, und ruft mir zu: „Du hast bestimmt auch schon gegen das BTM verstoßen!“ BTM? Betäubungsmittelgesetz! Seh ich echt so aus? Ein anderer hält Judith und mich – glaub ich – für ein Paar. Dafür, dass ich sie erst seit 30 Minuten Auge in Auge kenne, nicht schlecht, oder? Die drei sind voll wie Eulen, aber so witzig, dass mir die Tränen kommen. Sie verbringen die Nacht im Hotel in Warnemünde, und ich beneide sie dafür.

Es ist so windstill.

Und sooo schön am Strand, den Sand rund um die Socken spüren (meine Schuhe sind kaputt), kalte Wassertropfen an den Fingern, am Meer entlang sprinten. Ich bereue nichts. Und die sitzen jetzt in Essen, hauen sich bei ner Party den Arsch voll und hören laut Musik. Es ist so windstill. Danke Judith!

Zurück im Zug. 45 Minuten in Hamburg. Frodo und Sam schmeißen den Ring in den Schicksalsberg, Aragorn wird König, die Hobbits kehren ins Auenland zurück, die „Metal Ballads Platinum“ und die – natürlich – „Black Market Music“ verzaubern mein Ohr.

Kennt Ihr das Gefühl, wenn alles, was man sich morgens beim Aufstehen für den optimalen Tagesablauf wünscht, auch wirklich zutrifft? Ich habe mich den ganzen Tag einfach nur sauwohl gefühlt!
Und da sag noch einer, dieser Ausflug wäre ein sinnloser gewesen.

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Dreist gewinnt

Für die Mülheimer Woche berichtete ich im Januar 1996 über das Fußball-Niederrheinpokal-Halbfinale zwischen Rot-Weiß Oberhausen und dem VfB Speldorf (2:0). Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert, die Vorschau aufs nächste Spiel und ein paar Zeilen über Vatan Spor habe ich gekürzt, daher auch das Zeichen (…).

Vielleicht noch dies vorab: In diesem Spiel lümmelte ich mich etwas dreist auf die Pressetribüne. Denn: Wenn ich Ordner bei einem Regionalligisten wäre, hätte ich einen 17-Jährigen ohne Presseausweis, dessen bestes Argument „Ich hab einen Block dabei“ war, nicht hereingelassen.

Okay, ab in den Text.

Sehr gut verkauften sich die Landesliga-Fußballer des VfB Speldorf im Niederrheinpokal-Halbfinale. Beim Regionalligisten Rot-Weiß Oberhausen verlor die Quabeck-Truppe durch einen späten Doppelschlag mit 0:2 (0:0).

Knapp 1200 Zuschauer sahen im Oberhausener Stadion Niederrhein über 90 Minuten eine überlegene RWO-Elf. Doch das von Manfred Rummel trainierte Team spielte viel zu kopflos, um die enge Deckung der Speldorfer zu knacken, die mit Glück, Geschick und guten Leistungen und Keeper Langela und Libero Kannengießer das 0:0 halten konnten. Der dreiklassige Unterschied beider Mannschaften wurde selten deutlich.

Als sich viele Fans schon auf eine Verlängerung vorbereitet hatten, schlugen die Rot-Weißen aber doch noch zu. Torjäger Brent Goulet (87.) und Björn Arens (90.) sorgten spät für den 2:0-Endstand. Der Trainer der Grün-Weißen, Ralf Quabeck, war stolz auf seine Mannschaft: „Wir hatten uns vorgenommen, die Oberhausener so lange wie möglich zu ärgern und nicht unterzugehen. Das ist uns gelungen. Dennoch ist es deprimierend, durch zwei so späte Treffer zu verlieren. Trotzdem muss ich meiner Mannschaft ein Kompliment aussprechen.“ An alter Wirkungsstätte hatte Quabeck die Schulterklopfer auf seiner Seite.

(…)

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