Ratz fatz schrammel schrammel Applaus

Drei Tage vor Weihnachten 2004 besuchte ich in der Düsseldorfer Philipshalle ein Doppelkonzert der Bands Ash aus Großbritannien und Sportfreunde Stiller aus München.

Rein in den Blog-Eintrag:

„Noch drei Tage bis Weihnachten. Andi, versetz dich in die Lage zurück. Ein ganzes Jahr ist vorbei, ein Jahr voller Uni, voller Arbeit, voller Urlaub. Voller USA, voller Finnland. Heute ist der letzte anstrengende Tag. Nur noch dieses Konzert, dann nach Hause, und dann erst einmal entspannen. Ruhig zurücklehnen und nichts tun.
72 Tage nach Weihnachten. Anfang März 2005. Der VfL Bochum steht, genauso wie anno dazumal, auf dem 16. Platz der Fußball-Bundesliga. Ach was wünschte ich damals noch… mehr Punkte, bessere Zeiten, bessere Leistungen. In der Uni bin ich immer noch keinen entscheidenden Schritt vorwärts gekommen. Nehme es mir jeden Tag vor, und doch. Flugtickets für den Sommerurlaub sind mittlerweile gebucht. Die Lücken auf meiner Konzertseite sind immer noch da. Die Fantastischen Vier, Helge Schneider und die Sportfreunde Stiller. Werd sie füllen. Ganz langsam füllen.
Seit 72 Tagen habe ich drei ganz lange Mega-sms eingespeichert. Enthalten sind die originale Playlist und verschiedene Notizen. Anmerkungen zum Konzert, zu den Sportfreunden. Lasst sie mich durchgehen.

* * *

Kollege Brandhoff war da, aufgrund seiner Hattinger Herkunft auch der „Hügelländer“ genannt. Er arbeitet genauso wie ich für die WAZ. Gesehen habe ich ihn nicht. Geschrieben hat er Folgendes:
„Die Sportfreunde Stiller haben die Spielzeit 2004 erfolgreich beendet. Ihre Platte „Burli“ kletterte in diesem Jahr zeitweise bis auf Platz zwei der deutschen Album-Tabelle, und beim Saisonfinale in der Philipshalle wurden sie von 6000 Fans frenetisch gefeiert.
Das Vorspiel bestreiten Ash. Die Briten gehen mit ihrem grandiosen Gitarren-Gepläster gleich in die Vollen. Und das Aufwärmprogramm wirkt: Die Menge ist heiß, sie verlangt nach ihren „Sportis“.
Anpfiff 21.16 Uhr. Die Sportfreunde setzen sofort alles auf eine Karte. Sie wollen ein frühes Tor, und sie treffen im Dreierpack: „Ein kleiner Schritt“, „Lauth anhören“ (inspiriert vom ehemaligen 1860-Stürmer Benjamin Lauth) und „Auf der guten Seite“ – 3:0!
Die Mannen aus München halten sich aber auch in der Folgezeit nicht mit kontrollierter Offensive auf, sie stürmen mit Mann und Maus. Sänger und Gitarrist Peter Brugger (ein Bayern-Fan) über Links-, Bassist Rüdiger Linhof (ein 1860-Fan) über Rechtsaußen- und Schlagzeuger Florian Weber (ebenfalls Löwen-Fan) macht als hängende Spitze Druck durch die Mitte. Mannschaftlich geschlossen spielen sie ihren Stiefel herunter, lassen sich auch von zwischenzeitlichen „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“-Gesängen nicht irritieren. „Siehst du das genauso?“ – 4:0; „Dirk, wie ist die Luft dort oben?“ (inspiriert von Basketball-Superstar Dirk Nowitzki) – 5:0; „Komm schon“ – 6:0!

Es läuft rund. Und als dann auch noch Ash-Frontmann Tim Wheeler eingewechselt wird, drehen sie so richtig auf. „Ich, Roque“ (inspiriert von Bayern-Stürmer Roque Santa Cruz) wird zum Abräumer des Abends. Sie bündeln die Kräfte und erzielen innerhalb von fünf Minuten so viele Treffer, dass man sie gar nicht mehr zählen kann – die Fans sind aus dem Häuschen.

Selbst als die „Sportis“ in der Nachspielzeit ein bisschen bei Oasis klauen und „Wonderwall“ zum Besten geben, treffen sie ins Schwarze. Die La-Ola-Welle schwappt durch die Halle, die Begeisterung findet keine Grenzen mehr.

Auch „Ein Kompliment“, eigentlich nur eine Standardsituation für die Bayern, wird zum Volltreffer. Es läuft und läuft und läuft. Und die 6000 hüpfen, singen und klatschen.

* * * *

Draußen ist es kalt. So kalt, dass ich meine Jacke anziehen muss, was ich vor Konzerten eigentlich nur recht ungern mache, da das entweder mit mehr Aufwand – Jacke wegbringen, Geld bezahlen und hinterher im Gewühl wieder abholen – verbunden ist, oder aber verdammt lästig ist. Ich bin genau pünktlich und erwische einen Stehplatz in der Mitte der Mitte. Ganz kurz überlege ich – immerhin steht „freie Platzwahl“ auf der Eintrittskarte – ob ich mich zur Feier des Tages, quasi als vorweggenommenes Weihnachtsgeschenk von mir an mich selbst, sogar setzen soll, doch ich verwerfe den Gedanken. Gesessen habe ich schon bei den Fantas. Ich schnalle mir meine Jacke um und warte auf Ash. Warte nicht mehr lange. „Ash“ aus Irland sind gemeinsam mit „Franz Ferdinand“ aus Schottland und dem Iren David Gray die bekannteste und beste Vorband, die ich in meiner Konzert-Statistik notieren darf. Sie betreten die Bühne, und lassen 40 Minuten lang einen Kracher dem nächsten folgen. Es geht ratz fatz ratz fatz, schrammel schrammel, Kopf nach oben Kopf nach unten, Arme in die Luft, klatschen klatschen ratz fatz ratz fatz, Applaus, Applaus, und vorbei. Super! Genial! Vor allem bei „Girl from mars“ und „Shining light“!

Nach Ash will ich nach Hause gehen. Besser geht´s kaum.

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Aber ich bleibe. Allein, um meine Popkultur-Serie für diese Homepage zu vervollständigen und zu beenden? Nein… denn die ersten beiden CDs der Sportfreunde habe ich bei mir im Schrank liegen, und solche Klassiker wie „Wellenreiten“ oder „Tage wie dieser“ höre ich mir immer mal wieder gerne an. Die neueste CD „Burli“ fehlt in meinem Besitz. Und das mit Grund. Die Sportfreunde sind eine Konsensband geworden. Eine Band, die als linksalternative Alternative in den Hinterhöfen und Kellern des Südens begann, sich unter anderem mit „Wellenreiten“ in der Beliebtheitsskala der Insider nach oben katapultierte, und da auch zu bleiben schien. Und besser auch geblieben wäre. Denn gegen den Ansturm des Mainstreams kamen die Sportfreunde nicht an, und ließen sich von allerlei Marketingstrategen überrollen. Das ganze Band-Konzept, die meisten Texte, die Songtitel, all das wirkt seitdem so verdammt durchkonstruiert. Es ist so durchschaubar, dass „Burli“ sogar das „Pro 7-Album des Monats“ war (oder war es SAT 1? Oder sogar beide?). Und wer diesen zweifelhaften Fernsehpreis einmal gewonnen hat und wessen CD deshalb in Werbepausen zwischen „Galileo“ und „Taff“ angepriesen wird, der sollte seine Berufsauffassung schleunigst hinterfragen. Die Sportis haben das scheinbar nicht getan.
Sie kommen aus München. Okay, kann jedem passieren. Sänger Peter ist Bayern-Fan. Unverzeihlich. „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“, heißt es direkt nach dem ersten Lied. Die Sportis sind ein bisschen cleverer als zum Beispiel Virginia Jetzt! Deshalb spielen die einen vor 500 im KKC und die anderen vor 6000 in der Philipshalle. Musikalisch ist der Unterschied nicht so groß – nur stehen die einen auf Fußball. Ein großer Vorteil. Für den Kommerz.

All das macht die Sportis unbeliebt. Vermutlich bei der „Hamburger Schule“ um Tocotronic, Die Sterne, Blumfeld, Tomte und Kettcar – die irgendwo auch mal „Hamburger Musik-Mafia“ genannt wurde. Nicht nur der geographische Unterschied ist auffällig. Auch der Anspruch ist ein anderer, natürlich. Die Worte „Bayern-Fan“, „München“ und „Kommerz“ passen nun einmal und sind eine sehr ungünstige Konstellation.

Die Sportfreunde verstehen es perfekt, auf der Klaviatur der Medien und der alternativen Kultur zu spielen. Marketingkonzept eins a, wie ich schon einmal sagte. Die Konzerte sind optimal durchorganisiert. Mit fester Textreihenfolge (okay, die hat jeder Musik-Künstler, aber die meisten sind doch spontan und variabel, das scheint mir hier schwierig; einmal verliest sich Peter sogar; peinlich peinlich), mit einer einstudierten Coverversion von Oasis‘  „Wonderwall“, die wohl in jeder Halle läuft, dem Anhängsel „Ich war noch niemals in New York“ an den witzigen Song über Dirk Nowitzki. Nowitzki, oh ja, das ist noch so einer dieser Marketingtricks. Schreibe einen Song über Deutschlands berühmtesten Basketballspieler, nenne einen Titel mit einem völlig anderen Inhalt „Ich, Roque“ und lasse den gleichnamigen Bayern-Spieler im Video auftreten, und füge an den Titel „Laut anhören“ noch ein „(h)“ für den gleichnamigen 1860-Spieler an – und schon sind Dir Schlagzeilen, das Interesse von Millionen Fußballfans und neue Käufer garantiert. Da waren findige Manager am Werk, die das Alternative dieser Band komplett im Konsum haben verschwinden lassen. Die Klamotten sind nicht mehr passend, sondern trendy. Der eigentlich recht süffisante Text von „Ich, Roque“ („Doch nur einem gebühren diese Worte, ein Privileg der ganz besonderen Sorte, kein Wort zu niemandem, wie ich zocke, ich sag´s nur meinem Fanblock: Ich Roque“) geht ein wenig hinter dem Lächeln des Nationalspielers aus Paraguay unter. Ist süffisant das richtige Wort? Oder wäre Selbstironie angebrachter?

Es passiert nichts Spektakuläres, zwei Stunden lang. Aber es funktioniert. Es funktioniert so sehr, dass die zu Beginn von der langen Tour schlapp wirkenden Jungs, die nicht müde werden zu betonen, dies sei „ihr letztes Konzert für eine längere Zeit“ sukzessive aufblühen und kurz vor Schluss genauso wie die Halle richtig abgehen. Beim finalen „Spitze“ (auch das: prima konzipiert, eignet sich für alle Presse-Überschriften, jedes Fazit und ist ein ähnlich gutes Abschlusslied wie „Schönen Gruß und auf Wiedersehen“ bei den Toten Hosen) hüpfen und springen sie genauso mit wie alle Zuschauer. Dann ists vorbei. Getreu dem Motto „Aufhören, wenn’s am schönsten ist“. Mitgewippt, ja sogar mitgesungen bei manchen Songs habe ich auch. Schließlich spielen die Sportis, trotz aller Kritik, immer noch grob die Musik, die ich ganz gerne mag. Aber aus Punk ist Pop geworden. Popkultur. Deutschsprachige. „Wir sind Helden“, „Die Ärzte“, „Die Toten Hosen“, „Die Fantastischen Vier“, „Mia“, „Virginia Jetzt!“ und die ganzen nachäffenden Newcomer („Juli“, „Silbermond“) lassen grüßen.

Wenn das doch nicht alles vom Konsum geprägt wäre, ach wenn die Band nicht regelmäßig in der Bravo oder wo auch immer auftauchen würde. Dann wäre das Konzert vermutlich im KKC und nicht in der Philipshalle gewesen. Die Sportis sind gar nicht dumm, der Song „1. Wahl“ ist zum Beispiel eine tolle Selbstironie (hier passt das Wort ganz bestimmt) und im Gegensatz zu Virginia Jetzt! kriegen sie sogar (wenn auch platte) politische Statements hin (Peter: „Bush? Sehr traurig!“).

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Vielleicht bin ich auch nur ein wenig überempfindlich, was Bands angeht, die den Sprung in die große breite Masse geschafft haben. Vielleicht schon. Denn immerhin gibt es einige Zeilen, die untrennbar mit den Sportis verbunden sind, etwa aus „Ein Kompliment“ („Ich wollte Dir nur mal eben sagen, dass Du das Größte für mich bist!“), Geld hin oder her. Bei mir bleibt ein fader Beigeschmack, aber ich scheine der einzige der 6000 zu sein.

Es war ein etwas anderer Vor-Vor-Vor-Weihnachtsabend. Mit einem sensationell krachenden Auftritt von Ash, und einem nicht minder energiegeladenen der Sportfreunde. Doch die sind in den meisten Plattenläden eben nicht mehr bei „Indie“ oder „Alternative“ einsortiert, sondern ganz normal unter „Rock und Pop“. Kettcar oder Tocotronic würde das nicht passieren.

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Auftrag ausgefüllt. Die sms sind abgearbeitet.

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Die Welt steht still

Am 22. März 2003 bloggte ich über vier frühlingsnovellenartige Tage in Rostock und das Bundesligaspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem VfL Bochum. Die Wolfsburger siegten 2:0 – doch die Welt dachte viel mehr an den zweiten Golfkrieg, der zu dieser Zeit ausbrach. Neben meiner Lieblingsplatte zu dieser Zeit – „Black Market Music“ von Placebo – hörte ich auch „Die Welt steht still“ von Jan Delay in der Endlosschleife. Wie das Spiel in der hässlichen VW-Stadt lief, weiß ich nicht mehr. Und doch ist diese Tour in ihrer Gesamtheit eine der denkwürdigsten meiner VfL-„Karriere“.

Der Blog-Eintrag trägt die Überschrift „Die Welt steht still – Es ist Krieg und ich ärger‘ mich über zwei Monate Abstiegskampf“:

Es ist Krieg.

Es ist Krieg im Irak. Aus irgendwelchen Gründen schmeißen die USA Bomben auf den Irak, Menschen werden sinnlos sterben. NEIN! Hört auf damit!

Es ist Krieg, und den Beginn bekomme ich in Rostock mit, tief in der Nacht. Die paar Tage Erholung bei Kunststudentin Judith (die ich auch im Rahmen der Spiele in eben Rostock und auch Bremen schon zweimal besuchte) haben mir sehr gut getan; und ehrlich – auch wenn mir das keiner von Euch glauben wird – ich hatte nicht vor, zum Spiel Wolfsburg gegen VfL Bochum zu fahren. Entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten habe ich mir diesmal keine Eintrittskarte geholt, eigentlich wollte ich schon am Freitag, 21. März, gen Ruhrpott abdüsen.

Es ist Krieg und Jan Delay singt mein Mottolied für die mittleren-März-Frühlingsbeginns-Tage. „Die Welt steht still“ näselt er durch die Lautsprecher. Immer und immer wieder.

Und die Welt steht wirklich still an diesem Samstagmorgen. Es deutet sich ein wunderbarer Tag an. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, die Sonne strahlt in grellen Farben. Es wirkt, als hätte jemand eine Atombombe auf Deutschland geworfen und lediglich ein paar Schaffner, Lukas´se (Lokomotivführer) und ich hätten überlebt. Außer den Zuggeräuschen ist nichts zu vernehmen; kein Ton, keine Stimme. Auf den Straßen Mecklenburg-Vorpommerns fährt kein Auto, auf den Seen dreht keine Ente ihre Runde. Zum Glück muss ich in den vier Stunden Zugfahrt von Rostock bis Wolfsburg viermal umsteigen, ansonsten wäre idie Einschlafgefahr ziemlich groß!
Was erwartet mich? In Schwerin, Ludwigslust, Wittenberge und Stendal ist mein Aufenthalt nicht lang genug, um die Städte zu erkunden. Also Wolfsburg. Der BAEDEKER bietet mir nur wenige Stichpunkte auf einer Dreiviertelseite – und das bei einer Stadt mit 123.000 Einwohnern. Das alles zusammengemengt mit Vorurteilen (Erzählungen von meinem Bruder Thommy und weiteren Personen) ergibt ein ganz finsteres Bild. Wolfsburg gleich Leverkusen?

Also bin ich doch wieder beim Auswärtsspiel. Man scheiße ich wollte es doch nicht. Nächste Woche ist doch sowieso spielfrei, dann hätte ich den Mist sogar für insgesamt zweieinhalb volle Wochen vergessen. Doch jetzt erwischt mich der Abstiegskampf mit voller Breitseite; direkt am Bahnhof, als mir die „Hurra hurra die Bochumer sind da“-Rufe entgegen schallen. Wolfsburg hat insgesamt nur zehn (!) Schließfächer am Bahnhof, mist, muss ich meinen ganzen Krempel zum Stadion mitschleppen. Im Bahnhofskiosk liegt eine BILD von Freitag. „Tötet Saddam!“ steht in roten Lettern darauf, Schriftgröße 90 oder so. Ach ja, es ist Krieg.

Ich war schonmal hier in Wolfsburg beim Fußball. Noch im alten Stadion am „Elsterweg“. Da waren wir im Februar 2001 Tabellenletzter und Rolf Schafstall bestritt sein erstes Spiel als VfL-Trainer. Acht Verteidiger standen in unserem Kader und alle acht haben gespielt. Der „gute alte Schafstall-Beton“ unkten wir damals auf der Stehtribüne und hofften auf ein 0:0. Was wurde es? Ein 0:0! Das witzigste 0:0 meiner bisherigen Fußball-Karriere, zweifelsohne.

Oh ja, das sind Erinnerungen, aber die haben unweigerlich mit Abstiegskampf zu tun. Das neue Stadion, die „VW-Arena“, taucht inmitten von ehrfürchtigen Gedanken an alte Zweitliga-Ängste am Horizont auf. Es liegt nur wenige Wosz-Pässe vom alten entfernt. Prima, die haben eine Gepäckaufbewahrung, wenigstens das, und Tausende von F-Jugendlichen begegnen mir auf dem Weg. Eine Aktion anscheinend, um das Stadion wenigstens mit 20.000 Zuschauern zu füllen. Das bringt den Wolfsburgern den Sprechchor „Eure Fans sind alle unter zwölf“ einbringt. So falsch ist´s nicht. Vielleicht knacken die auf diesem Weg im Jahr 2030 die 5000-Dauerkarten-Marke.

Überhaupt VfL Wolfsburg. Ich ignoriere diesen Klub so sehr, dass ich überhaupt keine Lust habe, meine Abneigung hier noch groß zu begründen. Wenige Stichpunkte reichen aus: reiner Firmenklub, lebt nur durch Finanzspritzen des großen Stadtsponsors (VW), wenig Fans (weil keine Tradition), eine Millionentruppe (freiwillig geht keiner nach Wolfsburg) und dazu ist Wolfsburg ne Scheiß-Stadt. Zurück in die zweite Liga – bitte schön! Für über 50 Millionen Euro hat VW dem VfL wenigstens ein ganz nettes Stadion auf ein Brachgelände gebaut, allerdings ist es so verdammt schuppig in dem Gebäude, dass alle fünf Minuten irgendjemand „Mach doch mal das Fenster zu“ brüllt und ich froh bin, einen Tag nach Frühlingsbeginn meine Winterpudelmütze in der Jacke verstaut zu haben (purer Zufall!).

Darf ich wieder einen Blick auf meine Serien werfen?

Halt, Telefon läutet. Mama ist dran, oh verdammt, hatte vergessen allen Mülheimern mitzuteilen, dass ich erst Samstagabend und nicht schon Freitag (wie ursprünglich gedacht) heimkehre, da wird mein Anrufbeantworter überquillen; aber jaja, ich lebe noch.

Also Bratwurst rein ins Maul, Serien ins Hirn!

Sieben Auswärtsspiele ohne Sieg, drei Niederlagen in Folge, sechs Spiele insgesamt ohne Sieg, von den letzten 13 Spielen nur zwei gewonnen. Alles finster, vor allem, als die Spieler gegen 15 Uhr zum Aufwärmen den Platz betreten. Da ich in Rostock war, bin ich über Aufstellung und Personalsorgen völlig uninformiert, aber so krass war´s lang nicht mehr. Gerade einmal zwei Profis sitzen auf der Auswechselbank (Hashemian, Fiel), ansonsten: alles verletzt. Zu meinem Entsetzen läuft sich Sergej-Kampfsau-Mandreko ebenso warm wie mein persönlicher Freund Michael Bemben. Das Spiel ist für mich schon verloren, bevor es angefangen hat. Egal wie es ausgeht, ich weiß jetzt schon, dass unser Trainer vor dem nächsten Spiel gegen Kaiserslautern sieben Änderungen vornehmen wird: Kalla, Fahrenhorst, Reis, Oliseh, Schindzielorz, Wosz und Hashemian rein.

Das kann wieder mal heiter werden; und wird es auch. Wieder versucht es unser Trainer mit Manndeckung (Tapalovic gegen Maric, Meichelbeck gegen Präger, Colding gegen Petrov), daher dirigiert (!) Anton Vriesde (!!) als Libero (!!!!) unsere Abwehr. Das hab ich in der F-Jugend aber mindestens genauso gut gekonnt, denn etwas anderes als die Kugel zweimal hochzuhalten, um sie dann mit 150 km/h auf die Tribüne zu pfeffern, fällt dem guten Anton, der wohl doch in der Regionalliga besser aufgehoben war, nicht ein. Wenigstens gewinnt er ab und an nen Zweikampf (um ihn nicht völlig durch den Kakao zu ziehen). Meine speziellen Freunde Bemben und Mandreko, die im defensiven Mittelfeld wirbeln (wo sonst Schindzielorz und Oliseh werkeln – uaaaahhh, welch Vergleich), beweisen einmal mehr, dass sie in der Bundesliga nichts zu suchen haben. Kein Wunder, dass unsere offensiven (Gudjonsson, Buckley, Christiansen, Freier) keine Pässe bekommen und auch nicht die geringste Lust auf Fußball verspüren.
Daher grenzt die erste Halbzeit verdächtig nah an Arbeitsverweigerung. Wir Fans müssen uns mit witzigen Sprüchen warm halten. Zuerst trifft es einen Schlagersänger, der „Olé Ola“ zum Besten gibt (Schlagersänger – ist das jetzt Mode in Stadien? Bitte nicht!) und der „Du machst Dich lächerlich“ abbekommt. Dann trifft es sehr zu meiner Freude die Stadt Wolfsburg und den dortigen VfL („Wolfsburg ist ne tote Stadt – heyheyhey“, „Neues Stadion – keine Stimmung – SCHEISS VW!“, „Ihr seid nur ein Alibi-Verein“ – ich kann nur nochmal auf meine Wolfsburg-Gehässigkeiten hinweisen) und weiterhin den Fanclub „Die Treuen“, die sich im Gegensatz zu uns auf dem Oberrang sitzend aufhalten und ihren Club-Geburtstag feiern.

Das gibt von uns „unten“ ein „Happy Birthday“-Ständchen. Inmitten des dicksten Gesangs fällt dann das 0:1. Schon in den ersten 20 Minuten hatte Wolfsburg drei Hundertprozenter, und seit der zweiten davon schaut sowieso kaum noch ein Blau-Weißer auf den Rasen. Das 0:1 ist ein Tor, das nur wir kassieren können. Karhan schießt, Maric fälscht ganz blöd ab, drin. Das bringt unsere (wie in Bremen) so durcheinander, dass direkt das nächste Scheiß-Tor hintendran fällt. Diesmal schläft unsere komplette Abwehr, so dass selbst ROY PRÄGER (der sonst NIE trifft) einmal jubeln darf. Das Ganze zum 2:0 in der 31. Minute. Biliskov erhöht gar auf 3:0 (34.), doch der Schiedsrichter erkennt das Tor nach langer Überlegungsphase nicht an (die „Tor“-Musik lief schon im Hintergrund). Nach dieser Szene wird’s selbst uns Sängern zu viel, und wir halten den Mund.

Das geht auch in Halbzeit zwei so weiter, als alles entschieden ist und sich die Wolfsburger nur noch den Ball zuspielen und uns auch ein paar Spielanteile gönnen. „Wir sitzen tief in der Scheiße, heyheyhey“ – dieser Song findet Anklang bei so manchem, genauso wie „Reißt Euch den Arsch auf!“ Dass die „Ultras“ die altbekannten Sprüche „Wir sind Bochumer und ihr nicht“ und „Wir haben die Schnauze voll“ auspacken, ist für mich unverständlich. Immerhin haben wir SIEBEN Verletzte, und bemüht haben die Jungs sich zumindest in der zweiten Halbzeit. Peinlich wird’s nur, als uns selbst in den letzten acht Minuten kein Tor gelingt, als Wolfsburgs Stürmer Klimowicz im Tor steht. Der etatmäßige Schnapper Reitmeier (der 39 wurde, auch gegen diesen Rentner gelang uns kein Tor) hatte sich verletzt. Tja, 0:2, dabei bleibt’s, die Spieler wollen uns zuwinken, werden aber gnadenlos niedergepfiffen. Ich warte darauf, dass die „Ultras“ bald streiken. Wär mal ne Idee.

Bleibt die Rückfahrt. Ich könnte so viele Fotos von Wolfsburg schießen, um zu beweisen, warum ich diese Stadt nicht mag (ihr wisst schon, kleine Gehässigkeiten). Wenigstens die Pizza schmeckt. Im Radio läuft „Only Time“ von Enya, der 11.September-Song, der den Krieg wieder ein wenig näher in meine Realität rückt. Im ICE gen Heimat sitzen die paar Jungs, die mit preiswerten Bahntickets – dem sogenannten BOZ-Fanexpress – unterwegs sind. Alles dieselben Leute wie immer, und stets ist es ein Highlight, die Gutverdienenden im ICE mit den besoffenen Fußballfans in Konfrontation zu sehen. „Ekelhafte Proleten“ stottert eine 65-Jährige vor sich hin, bis sie sich in ihr Pelzmäntelchen schmiegt und in die erste Klasse abwandert. Ein weiterer erzählt jedem ICE-Gast, dass Sunday Oliseh ihm die Hand geschüttelt hat („Die Niederlage is mir soooo egal. Der hat gesagt: Et wird allet wieder juuut. Abba auf nigerianisch!“). Ich grinse in mich hinein.

Dann steht die Welt ganz still.

Trost hab ich heute nicht nötig. Denn ursprünglich wollte ich eigentlich gar nicht nach Wolfsburg.

Dann tut´s auch nicht so weh.

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Speldorfer Form wird besser

Für die Mülheimer Woche berichtete ich im August 1995 über das Fußball-Niederrheinpokalspiel zwischen dem VfB Speldorf und dem RSV Mülheim (7:0). Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert. Ab (…) wurde der Text mit einer Vorschau aufs nächste Spiel fortgesetzt, die ich nicht mitkopiere:

Das Fußball-Landesligateam des VfB Speldorf steht in der nächsten Pokalrunde. Im ersten Pflichtspiel unter der Regie des neuen Trainers Ralf Quabeck konnten die Grün-Weißen vor 150 Besuchern am Blötter Weg den lokalen Konkurrenten RSV Mülheim mit 7:0 (2:0) besiegen.

In der ersten halben Stunde tat sich der haushohe Favorit gegen den Kreisligisten sehr schwer. Die Speldorfer Offensivkräfte konnten sich gegen die konsequente Abwehr der Rasensportler nicht in Szene setzen. Im Gegenteil: Durch Abstimmungsprobleme in der Abwehr hatte sogar der Außenseiter kleinere Möglichkeiten. Bezeichnend, dass der erste VfB-Treffer durch Maertin (31.) nach einem Torwartfehler fiel. Die Gäste aus Heißen bauten jedoch nach dem Rückstand von Minute zu Minute ab und gingen schließlich mit 0:7 unter.

Der Klassenunterschied wurde aber erst in der zweiten Halbzeit deutlich. Die weiteren Treffer für den VfB erzielten der glänzend aufgelegte Holger Maertin (53./75.), Oliver Vössing (36.), Jens Koppenborg (66.), Ulf Zengerle (73.) und Jörg Bruckmann (86.).

(…)

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Magaths meisterliche Wolfsburger

Für den WAZ-Hauptsport berichtete ich während meines Volontariats über das Bundesligaspiel Arminia Bielefeld gegen VfL Wolfsburg (0:3) in der Saison 2008/2009.

Zum Text geht es hier.

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Zug abgefahren

Im April 1995 berichtete ich für die Mülheimer Woche über das Fußball-Landesligaspiel ASV Wuppertal gegen VfB Speldorf (2:1). Ich war gerade 17 geworden und fuhr (kein Führerschein!) mit zwei Kollegen aus der Speldorfer A-Jugend mit Bus und Bahn nach Wuppertal. Ohne vrr.de (ohne Internet überhaupt!) ein ziemlicher Akt, wir suchten uns die Strecke via Kursbuch (!) heraus… Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert. Ab (…) wurde der Text mit einer Vorschau aufs nächste Spiel sowie ein paar Zeilen über den 1. FC Mülheim fortgesetzt, die ich nicht mitkopiere.

Die beiden Mülheimer Fußball-Landesligisten VfB Speldorf und 1. FC Mülheim steckten vor der Saison ihre Ziele fest. Die Speldorfer wollten aufsteigen, die Löwen den Klassenerhalt schaffen. Fünf Spieltage vor Schluss der laufenden Saison sieht es so aus, als ob beide Teams ihr Ziel nicht erreichen werden.

Die von Hans-Günter Bruns trainierten Speldorfer müssen es sich jedoch selbst zuschreiben, dass der Rückstand auf Tabellenführer Borussia Wuppertal durch die 1:2 (1:1)-Niederlage im Spitzenspiel beim ASV Wuppertal auf drei Punkte angewachsen ist. Trotz des frühen Rückstandes – Ernst Cebula hatte bereits nach drei Minuten die 1:0-Führung für den ASV erzielt – waren die Grün-Weißen über die gesamte Spielzeit die bessere Mannschaft, glichen durch Jens Koppenborg aus (23.) und hatten zahlreiche Chancen zu weiteren Toren, auch als Oliver Vössing (31.) durch eine Gelb-Rote Karte sein Team so lang dezimierte, bis auch ASV-Torjäger Marius Korpilla (25 Saisontreffer!) die Ampelkarte sah (43.). Beim Stand von 1:1 staunten viele der 800 Besucher über die spielerisch und kämpferisch glänzende Leistung der Speldorfer. Viele Wuppertaler Fans schwärmten: „Die beste Mannschaft der Landesliga!“ oder „Ein schmeichelhaftes Remis für den ASV“. Doch wie der Fußball so ist, in der 88. Minute nutzte Reiner Schmahl die einzige ASV-Chance der zweiten Halbzeit zum 2:1-Siegtreffer. Viel mehr als „Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen“, brachte der sichtlich traurige VfB-Coach Bruns nach dem Schlusspfiff auch nicht heraus. Seine Mannschaft verlor sowohl den Anschluss an die Tabellenspitze als auch den zweiten Tabellenplatz, der eventuell zur Teilnahme an Relegationsspielen zum Aufstieg berechtigt. Der lang ersehnte Wiederaufstieg in die Verbandsliga ist also – trotz beständig guter Leistungen in dieser Saison – eher unwahrscheinlich. (…)

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