Was zählt

Am 22. Dezember 2002 gönnte ich mir schon kurz vor dem Heiligen Abend ein Weihnachtsgeschenk – und zwar eine Eintrittskarte für das Konzert der Toten Hosen in der Arena Oberhausen. Ich gebe zu, mich an diesem Abend in einer sehr melancholischen Stimmung befunden zu haben…

So bloggte ich darüber:

Müde, verschwitzt, durstig und zugedröhnt pflanze ich mich vor den Bildschirm, vor die Tastatur; schließe die Digitalkamera an, schleiche zur Anlage, schmeiße eine CD in den Ofen, setze den Kopfhörer auf. Ziehe vorher den Pullover und das T-Shirt aus. „Bis zum bitteren Ende“ steht darauf, in weiß auf schwarz,, und jawohl, jetzt ist das bittere Ende für das Shirt gekommen. Ab in die Waschmaschine mit Dir! Oh je, ist da wohl ein Tinitus im Anmarsch? Nöö, bestimmt nicht, alles nur Nachwirkungen eines musikalischen Genusses. Müde, verschwitzt, durstig und zugedröhnt. Wo ist die Wasserflasche? Ansetzen und *schluckschluckschluck*

Sehe die Lichter noch vor mir. Wie sie rot blinken, orange, blau, sogar weiß. Höre einzelne Wortfetzen aus den verschiedensten Liedern. Danke Ihr Hosen, für diesen Gröl-Faktor, diesen erneuten Ausflug in die Vergangenheit. Lust am Erinnern, Lust an der Vergangenheit, aber noch viel mehr Lust an der Gegenwart. Und in der Zukunft erst recht. Will mehr Hosen-Konzerte hören. Mein Gott, was bin ich heiser. Und wieder diese Fortwetzen (na da hätt ich FAST das richtige Wort getroffen…).

– Madeleine, ich bin keiner, der sein Herz schnell verliert. Aber ich glaub, wir passen gut, das hab ich gleich beim Tanzen gespürt. Ich will diiiiiiich, ich will diiiiiich, aber nicht bevor ich weiß: Gibt es irgendwelche Nazis in Deinem Bekanntenkreis? („Madeleine (aus Lüdenscheid)“)

Wie geil das aussieht, aus der Tribünensicht, wenn sich die Massen in die Lüfte schweben, und klatschen. Nein, nicht mal im Takt, aber im Takt ist doch eh scheiße.

– Tod oder Freiheit soll auf unserm Grabstein stehn („Bonnie und Clyde“)

Wie geil das aussieht, wenn Tausende von Feuerzeugen anspringen.

– Es kommt die Zeit O-HOOO, in der das Wünschen wieder hilft („Wünsch Dir was“)

Wie geil das ist, hemmunglos mitzuschreien, und trotzdem sein eigenes Geschreie nicht zu hören.

– Und alles nur, weil ich Dich liebe, und ich nicht weiß, wie ich´s beweisen soll („Alles aus Liebe“)

Wie geil das ist, mit jedem Lied gewisse Ereignisse zu verbinden. Und wenn es nur das April-Konzert ist.

– Es gibt soviel auf dieser Welt…. … ich würde niiie zum FC Bayern München gehen! („Bayern“)

Wie geil das ist, mal wieder guten alten Rock zu hören. Die Hosen-Punkrock-Anfänge. Macht Spaß, nicht aggressiv.

– Geil „The little drummer boy“, noch nie live gehört, „und die Jahre ziehen ins Land… und wir trinken immer noch ohne Verstand…“ (okay, ich hab wohl ein wenig zu viel Verstand); „kein Alkohol ist auch keine Lösung“ (für mich schon, aber mitsingen tu ich´s trotzdem…); ein Cover von „Westerland“ (Campino: „Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr auf Schmusesongs steht, hätte ich mich drauf eingestellt“ – und stimmt direkt danach „Alles aus Liebe“ an).

Wie geil das ist, wenn zweieinhalb Stunden so vorbeigehen, als seien es nur 15 Minuten gewesen.

Höre immer noch Hosen-Lieder. Müde ja, verschwitzt nicht mehr, durstig – nee, auch nicht mehr. Und zugedröhnt? Joaaa, mein Ohr schmerzt immer noch.

Remember the other storys.

Story 1: Einen richtigen Hosen-Fan kenne ich; den wilden Gilden; auch Martin im richtigen Leben genannt. Unter geschätzten 7000 Zuschauern lief mir Gilde selbstverständlich über den Weg; doch ziemlich, formulieren wir es positiv, betrunken und daher nicht mehr so richtig in der Lage, seine Stimme zu regulieren. Ich denke nicht, dass es die Leute um uns rum interessiert hat, dass er seinen Namen auf meiner Homepage entdeckt hat (er war mal mit beim Bochum-Auswärtsspiel)…

„Mein Kollege hat gesagt, er hätte noch nie ne Homepage gesehen, auf der so viel geschrieben wurde.“

Kompliment oder nicht? Egal.

Story 2: Meiner Oma (fast 90) habe ich übrigens versucht zu erzählen, dass ich zum Konzert der „Toten Hosen“ gehe. So richtig gescheckt hat sie das glaube ich nicht… erst als ich die „Toten Hosen“ eine „Kapelle“ genannt habe (die Worte „Band“, „Gruppe“ und „Orchester“ konnte sie nicht wirklich zuordnen), wusste sie ansatzweise, was ich mache… hihi, die „Toten Hosen“ als „Kapelle“; wenn die das lesen würden!

Story 3: So viele Leute wie heute hat Campino wohl noch nie gegrüßt. Krieg die alle gar nicht mehr zusammen. Auf jeden Fall war wohl die Mannschaft von Fortuna Düsseldorf da (ihr wurde das Lied „Steh auf wenn Du am Boden bist“ gewidmet; warum wohl?) Ach, da muss ich was zu Gilde nachtragen, ein echter Fortune (die spielen nur noch in der 4. Liga, für diejenigen, denen das nicht bekannt ist). Trotz des Alkohols merkte er noch eine Sache süffisant an: „Also wenn alle, die hier ein Fortuna-Trikot tragen, wirklich Fortunen sind, dann würde es uns wohl kaum so schlecht gehen!“ Unrecht hat er wohl nicht…

Story 4: Und was noch? Die Auflösung einiger Rätsel. Zum Beispiel, warum Campino „Nur zu Besuch“ geschrieben hat. Weil nämlich Weihnachten vor zwei Jahren seine Mutter gestorben ist. Oder wie „Weihnachtsmann vom Dach“ entstand. Einst in Berlin half Campi mal als Weihnachtsmann aus, und bekam an jeder Tür einen Schnaps geschenkt. Am nächsten Tag durfte er nicht mehr den Nikolaus spielen…

„Weihnachtsmann vom Dach“?

– Frohe Weihnacht, ich hoffe es geht Euch gut. Seid nicht böse über meine Flucht.

Irgendwie ist alles geschmückt. Die Mülheimer Innenstadt, alle Wohnungen, das gesamte Centro. Wohltuend farbig und ablenkend wirkt die Arena. Kaum weihnachtliche Stimmung, dabei ist es übermorgen soweit. Geschenke, dickes Essen, die ganze Familie beisammen. Bin nicht so der Weihnachtstyp. Geschenk-unkreativ; freu mich drüber, dass ich immer lange schlafen kann. In diesem Jahr nehme ich das Wort „fest“ sehr wörtlich. Am 21. ne Geburtstagsparty, am 22. das Hosen-Konzert, am 24. der Ringlokschuppen, am 25. eine 80-er-Party in der Turbinenhalle. Zwischendurch ein bisschen Family. Wish me a merry christmas…

So richtig weihnachtlich zumute ist mir nur, als Kuddel seine Version von „Still Still Still“ vorträgt… (wer´s kennt, der weiß, warum mein Magen in diesem Augenblick sehr warm wurde…).

Und was zählt nun?

– Weil nur die Liebe zählt, weil nur die Liebe zählt
plärren die Hosen in einem ihrer neusten Lieder. Das zählt wirklich. Kann ich bestätigen. Nur wie ist das mit Fußball und der Liebe? Man verliebt sich, ohne den Hintergedanken, mit wie viel Schmerz und Zerrissenheit das verbunden ist. Warum ich das gerade hier schreibe, werdet Ihr vermutlich nicht verstehen.

Ich jedenfalls danke den Hosen für die wundervolle Ablenkung und einen genialen Abend!

Doch nun seid nicht böse über meine Flucht.

Nicht mehr verschwitzt, durstig und zugedröhnt.

Aber müde.

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Erneute Gala des Spitzenreiters

Für die Mülheimer Woche berichtete ich im September 1995 über das Landesligaspiel zwischen dem VfB Speldorf und dem SV Kray 04 (5:2). Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert. Ab (…) wurde der Text mit einer Vorschau aufs nächste Spiel und ein paar Zeilen über Vatan Spor fortgesetzt, die ich nicht mitkopiere:

Ein äußerst erfolgreiches Wochenende haben die beiden Mülheimer Fußball-Landesligisten hinter sich. Spitzenreiter VfB Speldorf präsentierte 450 Fans beim 5:2 (2:0)-Sieg über den SV Kray 04 eine erneute Gala-Show. (…)

Mit Maas, Hoffterheide (beide verletzt), Bruckmann, Zeller (beide gesperrt) und Zengerle (Urlaub) musste der Speldorfer Coach Ralf Quabeck gleich fünf Spieler ersetzen und dazu kam noch der Angstgegner an den Blötter Weg – keine guten Voraussetzungen für das Spitzenspiel. Doch von der ersten Sekunde an boten die Grün-Weißen ihren Fans ein Zuckerstückchen nach dem anderen. Dass nach Holger Vössings Gelb-Roter Karte (35.) nur noch zehn Speldorfer auf dem Platz standen, fiel gar nicht weiter auf. Die Treffer markierten Dirk Roenz (2), Frank-Dieter Baur, Holger Maertin und Thomas Hintzen zur zwischenzeitlichen 5:0-Führung. Erst als in den letzten Minuten die Luft ausging, trafen Köllmann (85.) und Lübner (90.) zum 2:5-Endstand. Der äußerst glückliche Trainer Quabeck war restlos begeistert von seinem Team. Sein einziger Vorwurf: „Wir haben noch viel zu viele Torchancen ausgelassen.“

(…)

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Der erste Punkt

Für die Mülheimer Woche berichtete ich im September 1995 über das Landesligaspiel zwischen Vatan Spor und Fortuna Bredeney (2:2). Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert. Ab (…) wurde der Text mit einer Vorschau aufs nächste Spiel und ein paar Zeilen über den VfB Speldorf fortgesetzt, die ich nicht mitkopiere:

Im Heimspiel gegen Fortuna Bredeney gelang dem Fußball-Landesligisten Vatan Spor beim 2:2 (0:0) gegen zwar der erste Punktgewinn, doch richtig glücklich war am Spielende keiner. (…)

200 Fans von Vatan Spor rauften sich die Haare. Nach einem spannenden und hitzigen Match gegen Fortuna Bredeney war nur ein 2:2 herausgesprungen. Cafer Dogru (51./Foulelfmeter) hatte Vatan in Führung gebracht, nach Uwe Erlebachs Ausgleich (71.) brachte Ertan Örs sein Team erneut in Führung (75.). Kurz vor Schluss jedoch kassierten die Akteure von Trainer Dirk Pusch durch Frank Bast noch den unnötigen Ausgleich. Beim Schlusspfiff standen aber nur noch 18 Spieler auf dem Feld: Der (zu) konsequent pfeifende Referee Thölen (Wuppertal) hatte drei Gelb-Rote (Cumcu, Fidan, Stevanovic) und eine Rote Karte (F. Korytowski) ausgesprochen. (…)

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73,15 Euro! Zu viel!!

Während Michael Ballack die deutsche Fußball-Nationalelf am 16. Juni 2008 bei der EM gegen Österreich zum 1:0 und damit ins Viertelfinale schoss, weilte ich in der Düsseldorfer LTU-Arena und erfüllte einen langjährigen Wunsch: ein Bruce-Springsteen-Konzert! Dafür bezahlte ich 73,15 Euro, knapp 140 Mark!

Hier geht es zum Blog-Eintrag:

„73,15 Euro.

Schaue auf die Eintrittskarte, immer und immer wieder. Sitze im Auto meiner Freunde Alex und Näddelie auf dem Beifahrersitz, wir fahren die Autobahn A 52 entlang. Heute Abend spielt Österreich gegen Deutschland bei der Fußball-Europameisterschaft, es ist das Spiel, über das alle reden. Das jeden Tag im WAZ-Hauptsport – mein derzeitiger Arbeitsplatz – auf mehreren Seiten abgefahren wird. Das im Radio auf jedem Sender pausenlos auf- und abgenudelt wird. Das von den Fernsehsendern… Ihr wisst schon. Vorgestern funkte Alex mich an, fragte mich, ob wir die Tickets nicht bei Ebay verscheuern sollen, damit wir uns das Spiel anschauen können. Ich hab abgeraten, weil ich mich nicht acht Monate auf ein Konzert freue, um es dann zwei Tage vorher zu canceln.

73,15 Euro.

Dafür will ich aber auch was sehen.

Wo geht’s lang? Heute hielt ich mich den ganzen Tag in den Räumen der Journalistenschule Ruhr in Essen auf, danach nach Hause, umziehen, online schauen, wo’s lang geht (Beschreibung auf der Homepage der LTU-Arena: A 3/A 52/A 44 Richtung Düsseldorf, dann ist’s ausgeschildert, also sehr präzise), dann die Abholkolonne, jetzt die Autobahn. Der Blick auf die Eintrittskarte. Die Suche nach einem Parkplatz. Die Überlegung, ob ich schon einmal in der LTU-Arena war (ja, beim American Football). Die Unterhaltung, wie sinnlos dieser Bau ist. Ursprünglicher Baugrund: Olympia-Bewerbung 2012, WM-Bewerbung 2006, WM-Pressezentrum 2006 (Düsseldorf wurde nichts davon), American Football mit Rheinfire (gibt’s nicht mehr) und baldiger Erstliga-Fußball mit Fortuna Düsseldorf (Fortuna spielt immer noch Dritte Liga). Fortuna spielt ab und zu vor mehr als 7000 Zuschauern und das ein oder andere große Konzert findet hier statt (wenn die Schalke-Arena ausgebucht ist).

Heute ist so ein Tag.

73,15 Euro.

‚S ist Open-Air-Wetter. Die Sonne scheint, das Dach der Arena ist geöffnet (stand auf der Homepage, ist auch so). Warum gehe ich überhaupt zum „Boss“? Ich höre Springsteen eigentlich gar nicht. Gut, ich habe zwei CDs (davon eine „Best Of“) und ein paar Songs sind auf ein paar meiner Sammel-CDs. Aber man, der BOSS! Einer der ganz Großen der Rockmusik (der ganz Großen!), der Einfluss auf viele, viele folgende Generationen hatte. Songs von Springsteen wurden mit dem Oscar ausgezeichnet („Streets of Philadelphia“), mit etlichen Grammys, sind Klassiker („Hungry Heart“, „Glory Days“, „Human Touch“, „Born to Run“). Und da wäre natürlich noch „Born in the USA“, der laut Musikexpress am meisten missverstandene Song der Musikgeschichte. Denn der Text ist nicht etwa patriotischer Quatsch, sondern äußerst kritisch. Als Reagan den Song für Wahlkampfzwecke missbrauchen wollte (in den 80-ern), ließ Springsteen das unterbinden. Seine aktuellste 2007er-Scheibe „Magic“ erhielt übrigens im vorhin erwähnten „Musikexpress“ vier oder fünf Sterne (weiß es nicht mehr so genau) und gilt als „Meisterwerk“. Und das 34 Jahre nach dem ersten Album.

Wir laufen einmal ums Stadion rum, die Bahnhaltestelle heißt „Messe/Stadion“ (merk ich mir für die kommende Bundesligasaison, denn Leverkusen trägt hier ein paar Heimspiele aus), suchen Block „144“. Der liegt im Oberrang, wir sitzen fast unterm Dach. Die Bühne ist weit, weeit, weeeit entfernt, es scheint aber Leinwände zu geben. Hier gibt es keinerlei Möglichkeit, irgendwo auf ein Fernsehgerät zu blicken, deshalb besorge ich mir gleich zwei SMS-Ticker. Man kann ja nie… Alex hatte extra drei Tickets nebeneinander geordert. Leider liegt aber zwischen Alex und Näddelie auf der einen und mir auf der anderen Seite der Aufgang. Blöd. Die Nachbarn sind aber ganz nett, macht also nix. 19.15 Uhr, noch ’ne knappe Dreiviertelstunde. Alex sagt: „Ich bin selten so unvorbereitet in ein Konzert gegangen.“ Und ich stelle fest: Bei mir ist es eigentlich genauso.

73,15 Euro.

Ich will was dafür sehen!!!

Erinnere mich wieder daran, weil eine „Google“-Recherche vor ein paar Tagen während eines Spätdienstes meine Komplettvorbereitung war. Und da sah ich, dass die Springsteen-Fans schon bei der vergangenen Tour über Ticketpreise bis zu 100 Euro ärgerten. Ist aber egal, die Stadien, die Springsteen bespielt, sind sowieso ausverkauft. Angebot/Nachfrage, so etwas klappt in den USA. Und auch in Deutschland. Die Fans kommen aus Mainz (so wie meine Nachbarn) und etliche gar aus den Niederlanden. Die stürmen in Gruppen unseren Block und brüllen laut: „HOL-LAND, HOL-LAND“!!! Wie auch immer. Habe mir also nur ein paar wenige Details aus dem Wikipedia-Eintrag gemerkt:

Allein in den USA hat Bruce Springsteen mehr als 60 Millionen Alben verkauft, er ist einer der erfolgreichsten Rockmusiker überhaupt. Seine Songs haben meist das US-Alltagsleben zum Thema. Seine politische Einstellung ist demokratisch, bei Wahl 2004 unterstützte er Kerry und nahm gegen Bush Stellung. Seine Fans nennen ihn den „Boss“, genauso wie die Mitglieder seiner legendären „E Street Band“.

Kurz nach 20 Uhr, es ist noch hell, deshalb will der „Licht-Aus-Effekt“ nicht wirklich zünden. Der erste Eindruck: Der Typ wird im September 59 Jahre alt. 59!!! Und hat sich erstaunlich gut gehalten. Der Wahnsinn. Die Kamera fährt durch die Menge, mein Blick auch, über 45 sind – so meine Einschätzung – nur die wenigsten. Erstaunlich viele im Studentenalter hängen hier ‚rum. Springsteen und die Jugend.

Den ersten Song „Jackson Cage“ kenne ich nicht. Und bekomme auch nicht die Chance, ihn kennenzulernen. Nach zwei Minuten knallen die Sicherungen ‚raus. Die Leinwände fallen aus, auch die meisten Lautsprecher. Nur auf der anderen Seite des Stadion scheint noch einer zu funktionieren. In Wien hat das Österreich-gegen-Deutschland-Spiel noch nicht begonnen, Alex schaut aber schon interessiert rüber. Ist schon was passiert? Nein.

73,15 Euro.

Schaue noch einmal auf die Eintrittskarte, als ich aufs Klo muss. Ton ist ja raus. Dreiundsiebzigzehn. Kein Ton.

Und keine Vorband. Das fällt mir jetzt gerade auf. Nicht einmal ein „Special Guest“ für den Preis. Gleich zwei Minuspunkte auf einmal. Achte während der ersten Songs auf die Lightshow, auch die ist äußerst unspektakulär. „E Street Band ist 100 percent live“, sagt Springsteen gut gelaunt. Lied drei geht gut auf die Zwölf. Heißt „Radio Nowhere“, noch nie gehört, ist – nach ausgiebiger Internet-Recherche der Titelsong von „Magic“. In der Abschlusssequenz von „Radio Nowhere“ knallen die Sicherungen ein zweites Mal durch. Jetzt sind Pfiffe zu hören, laute Pfiffe, die dann durch „Zugabe“-Rufe abgelöst werden, als die E Street Band die Bühne kurzzeitig verlässt.
Springsteen spielt „Radio Nowhere“ glatt nochmal, schön ist’s. Von Song zu Song fühle ich mich sichtlich wohler, Springsteen hat Musiker aller Kategorien dabei, von einer Geigerin bis zum Saxophonisten und ich erwische mich dabei, wie ich von Sekunde zu Sekunde mehr mitwippe (wenn die Bühne nicht so weit entfernt wäre, würde ich eventuell sogar aufstehen und tanzen), vergnügt bis begeistert Springsteens gute Laune verfolge und bewundere, dass er mit 59 noch so drahtig ist und pausenlos von rechts nach links und von vorn nach hinten läuft. Kompliment. Dumm nur, dass ich keins der Lieder mitsingen kann, die Springsteen in den ersten anderthalb Stunden spielt und nur „Because the Night“ schon mal gehört habe. Deshalb gehe ich sogar zweimal auf Klo (zwei 0,5-Liter-Colas in 45 Minuten…) gehe. Während eines Konzertes. Ich gebe dem Konzert die Note „3+“, es ist aber trotzdem eine emotionale Angelegenheit, weil Alex alle drei Minuten mit seinem langen Arm den Aufgang überwindet und an meinem Ärmel zupft, um zu fragen, ob sich schon etwas in Wien ereignet hat.

Nein, hat sich nicht. Sehr lange nicht. Bekomme mit, dass Gomez aus einem Meter Entfernung eine Riesenchance verballert hat, dass die Trainer Hickersberger und Löw auf die Tribüne verbannt wurden. Mitten in der Dämmerung die beruhigende Nachricht, die das halbe Stadion per SMS bekommt, wie durch ein Riesenraunen zu erfahren ist. Ballack hat einen Freistoß in den Winkel gedonnert („Monsterfreistoß“, schreibt der eine tickernde Arbeitskollege, „sehr schönes Tor“ der andere), 1:0, Deutschland ist im Viertelfinale. Als die Sonne ein roter Ball ist, stimmt Springsteen „The River“ an.

Übersetzt endet das Stück mit dem Satz „Oder was ist es dann, was mich immer wieder runterzieht zum Fluss? Dabei ist der schon lange ausgetrocknet“ und Springsteens Mundharmonika-Einlage. Herrlich schön. Er soll es mit einem Straßenmusiker auf Kopenhagens Einkaufsstraße „Stroget“ ganz spontan gespielt haben. Legende?

Erst in der Verlängerung des Konzerts ab der 91. Minute wird’s auch für mich spannender. Nacheinander haut Springsteen etliche Klassiker ‚raus (wenngleich Alex, Näddelie und ich auf „Born in the USA“ warten). „Born to run“, „Glory days“, „Dancing in the dark“ – ja, das ist Atmosphäre, das ist Stadionrock, dafür bin ich hier. Jetzt noch „Born in the USA“ und jeder einzelne Cent hat sich gelohnt. Aber zum Abschluss, als gleich zweimal per SMS der Endstand „1:0“ bestätigt wird, läuft „American Land“. Haut gut rein, aber danach ist Ende. Inzwischen ist es stockfinster, die Atmosphäre wäre perfekt, aber Bruce Springsteen, der „Boss“, verlässt uns ohne seinen größten Hit. „Das ist“, sagt Alex, „wenn AC/DC ohne Thunderstruck geht.“ Ich verschwinde wie J.D. in einen Tagtraum. Wie Metallica ohne „One“, wie Nena ohne „99 Luftballons“, wie Mando Diao ohne „Down in the past“, wie Arctic Monkeys ohne „Fluorescent Adolescent“. Das macht’s auch nicht besser. In dem Moment fällt mir ein, dass ich auch gern „Human Touch“, „Streets of Philadelphia“ und „Tougher than the Rest“ gern gehört hätte. Bruce, also bitte.

Durch den Stau verschwindender Rocker und hupender Fußballfans schleichen wir zurück, benötigen für die paar Kilometer bis Mülheim knapp eine Stunde (sonst 25 Minuten). Alex schläft ein bisschen, weil er krank zu werden scheint (nicht wegen des Konzerts), Näddelie sitzt am Steuer und sagt: „Also ich bin enttäuscht.“ Ich denke darüber nach, erinnere mich an die durchaus schöne, harte Rockmusik, an Springsteens Lust und Laune.

Aber für 73,15 Euro?

Erstens: keine Vorband, zweitens: Tonprobleme während der ersten drei Songs, drittens: keine überragende Lightshow, viertens: ohne drei der größten Hits, der geilsten Evergreens. Und dafür dann auf Österreich gegen Deutschland verzichtet, auf einen geilen Fußball-Abend im „Schrägen Eck“. Das sind gleich viereinhalb extreme Minuspunkte. Für zwanzig Euro hätte ich keinen Mucks gegen dieses Konzert gesagt.

Aber für 73,15 Euro?

Nein.

Naja, aber wenigstens habe ich den „Boss“ gesehen. Wieder einen Klassiker auf meiner musikalischen „To-do“-Liste abgehakt. Alles glory days. Aber manche mehr, manche weniger.

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Interview mit Max Eberl

Für die Sonderbeilage „Mein Verein“ interviewte ich in meiner Anfangszeit als DerWesten-Redakteur Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl.

Zum Interview geht es hier.

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