Meine erste Stadtrundfahrt

Für die WAZ/WR Castrop-Rauxel entwickelte ich das Blog „Mein Castrop-Rauxel“, das – damals einmalig auf waz.de (Vorgängerportal von DerWesten) – unter dem Motto „Mein Castrop-Rauxel“ stand. Ich berichtete täglich über meine Erlebnisse in der „Europastadt im Grünen“ – Teile davon erschienen (mit meinem Foto) auch in der Print-Ausgabe.

Leider sind die Blog-Einträge nicht mehr im DerWesten-Archiv zu finden, weil die Community abgeschaltet wurde.

Dieser Eintrag ist vom 26. Juli 2007:

„Helft mir, heute wurde ich von der Polizei abgeholt… Keine Sorge, ich habe keine Bank überfallen. Es war eine abgesprochene Fahrt auf Castrop-Rauxeler Autobahngebiet.

“ … helft mir alle, ich bin heute von der Polizei abgeholt worden. Und saß hinten in diesem großen grünen Wagen. Und konnte nicht raus!!!
Neeein, keine Sorge. Ich habe keine Bank überfallen, nein, ich bin nicht als Kleindieb in der Altstadt aufgefallen, nein, ich habe mit meinem Auto keine Dummheiten angestellt. Es war alles ein “gewolltes” Polizei-Manöver.

Okay, der Reihe nach!

Schon gestern Abend erfuhr ich, dass ich heute einen etwas anderen Anfahrtsweg wählen muss. Nicht über die A 40 und die B 235 soll es gehen. Sondern über die nördliche Variante der Anfahrt. Über die A 2. An der Stadtgrenze zwischen meiner Heimatstadt Mülheim und Duisburg fahre ich also zu Beginn der Fahrt am Autobahnkreuz Kaiserberg auf die A 3. In Oberhausen teilt sie sich in A 2 und A 3. Ich nehme die “Zwei” und faaahre und faaaahre und faaaaahre. Es ist dreispurig und die Strecke ziiiiieht sich. Nacheinander fliegen die Ausfahrten an mir vorbei. “Oberhausen-Königshardt”, “Bottrop”, “Kreuz Bottrop”, “Gladbeck-Ellinghorst”, “Essen/Gladbeck”, “Gelsenkirchen-Buer” (hier geht’s doch zur Arena ab, zu einem Fußballverein, aber zu welchem? Mir fällt’s gerade nicht ein…), “Herten”, “Kreuz Recklinghausen”, “Recklinghausen-Süd”, “Recklinghausen-Ost” und dann ENDLICH folgt “Henrichenburg”.

Direkt an der Ausfahrt liegt ein Imbiss. Dort warten die Polizisten Christoph Becker und Uwe Senkel. Der eine – Becker – ist Verkehrssicherheitsberater des Polizeipräsidiums Münster, der andere – Senkel – arbeitet beim Verkehrsdienst der Autobahnpolizei. Die beiden liefern eine Live-Reportage. Sie fahren auf der A2 zwischen der Castrop-Rauxeler Auffahrt “Henrichenburg” und dem inzwischen stillgelegten Rastplatz “Hohenhorst” auf und auf der anderen Seite wieder ab und kontrollieren Reisebusse. Eine halbe Stunde stehen wir auf der A2 Richtung Duisburg zunächst am Fahrbahnrand in einer Einbuchtung. Weil kein Bus kommt. Eigentlich ungewöhnlich an einem Nachmittag kurz vor Ferienende. Becker und Senkel erklären das Konzept. “Man darf nicht vergessen, dass ein Bus ein sicheres Reisemittel ist”, sagt Becker. “Aber es gibt ein riesiges Gefahrenpotenzial.” Seit dem 1. Januar ist es Pflicht, einen Beckengurt anzulegen. Das wissen nur wenige. Bei den Kontrollen geben die Beiden nicht nur Tipps, sondern prüfen auch den Busfahrer, die Reifen und den allgemeinen Zustand.

Wir warten und warten und warten. Christoph Becker schaut immer wieder in seinen Außenspiegel. Nichts. Ich überlege, wie viele Autobahnen das Castroper Stadtgebiet eingrenzen. Im Norden die A 2, in der Mitte die A 42, im Süden die A 40. Das ist wirklich sehr übersichtlich und leicht zu merken. Ausfahrten mit dem Stadtnamen gibt es nur drei, alle an der A 42, nämlich “Castrop-Rauxel-Bladenhorst”, “Castrop-Rauxel” und “Kreuz Castrop-Rauxel-Ost”. Da hat wohl jede andere Ruhrgebiets-Stadt einen besseren Wert… Die B 235 verbindet jedenfalls alle Autobahnen und ist so etwas wie die Hauptschlagader der Stadt. Das habe ich jetzt geschnallt.

Wir sitzen immer noch im Polizeiwagen. Kommt jetzt endlich ein Bus?? Plötzlich tritt Christoph Becker auf das Gaspedal. “Da is’ einer”, sagt er. Becker überholt einen Bus aus “PE” (heißt Peine), drückt auf den Knopf, der das “Bitte folgen“-Schild auf dem Wagen blinken lässt. Es geht auf den Rastplatz. Busfahrer Gerd Förster öffnet die Tür. Becker ruft laut “Hallo zusammen” und beruhigt die Reisegruppe. Es ist eben “nur” eine ganz normale Kontrolle. Die Gruppe kommt aus Braunschweig und besteht aus 6- bis 12-jährigen Kindern, die den “Movie Park” in Bottrop-Kirchhellen sehen wollen. Christoph Becker redet ruhig und verteilt Flyer. “Wir wollen, dass Sie sicher reisen! Ihre Sicherheit liegt uns am Herzen!”, steht drin. Uwe Senkel befragt den Busfahrer, überprüft den Führerschein, die Scheibe mit den Angaben der Lenkzeiten und die Reifen. “Alles vorbildlich”, sagen beide nach ein paar Kontrollminuten. “Die Polizei ist sehr zufrieden.”

Der Bus fährt weiter, die Kinder freuen sich nicht nur auf den Movie Park, sondern auch darüber, dass sie zu Hause in Braunschweig eine schöne Polizei-Geschichte erzählen können. Wir fahren wieder zurück zur Pommesbude, zu den dort geparkten Autos. “Wir wollen in die Köpfe der Leute rein”, sagt Christoph Becker. Vor allem die Anschnallpflicht ist ihm sehr wichtig. Und dass jeder Mitreisende vor der Abfahrt den Bus überprüft – auf Reifenprofil, Gesamtzustand, Alter. “Im Notfall die Polizei rufen”, ergänzt Uwe Senkel.

Ja, auch die Autobahnen zählen zur Stadt, und auch die dürfen bei meiner “Expedition durch Castrop-Rauxel” nicht fehlen. In Richtung Redaktion, also in die Altstadt, fahre ich natürlich über die B 235. Aber erstmals aus der anderen, also nördlichen, Richtung. Und jetzt begreife ich noch viel mehr über die Struktur der Stadt. Ich durchquere zunächst Henrichenburg, dann geht’s durch Habinghorst, vorbei an Industrie und Feldern. Schließlich weist ein Schild den Weg zum “Hauptbahnhof” – diese Tour steht mir noch bevor. Ein paar Ampeln später folgt dann die Altstadt. Rein in die Wittener Straße, wie immer parken am Brückenweg. In der Konferenz erzähle ich von meinem Vormittag. 26 Tage Volontär – und schon im Polizeiwagen…
Jetzt fahre ich nach Hause und gucke “Popstars”. Mit dem tanzenden Schüler Mehdi aus Castrop-Rauxel. Diese Stadt verfolgt mich sogar bis auf die Couch!

PS: Auch heute hörte ich wieder von einem Zitat über Castrop-Rauxel. Ein Kollege rief mich deshalb sogar an. Fips Asmussen, der immer so fuuuurchtbar schlechte und platte Dönekes von sich gibt, soll einmal gesagt haben: “Wenn du in Castrop-Rauxel einatmest, dann spuckst du Briketts aus.”
Noch so einer, der ein bisschen Nachhilfe nötig hat.“

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Vatan klebt das Pech an den Stiefeln

Für die Mülheimer Woche berichtete ich im September 1995 über das Landesligaspiel zwischen Vatan Spor und dem SV Kray 04 (0:1). Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert. Ab (…) wurde der Text mit einer Vorschau aufs nächste Spiel und ein paar Zeilen über den VfB Speldorf fortgesetzt, die ich nicht mitkopiere:

Zwei Fußball-Weisheiten treffen momentan auf den Mülheimer Fußball-Landesligisten Vatan Spor zu: „Wer unten steht, hat die Seuche an den Füßen“ und „Erst hatten sie kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu“. Gegen den SV Kray 04 kassierte die Truppe von Dirk Pusch durch einen Gegentreffer in der Nachspielzeit mit 0:1 (0:0) die sechste Saisonniederlage. (…)

16 Ecken, sechs hundertprozentige Torchancen und die überlegene Spielweise reichten dem Vatan-Team nicht, um im Spiel gegen den SV Kray 04 drei Punkte einzufahren. Vor allem Osman Cicekdal hätte den Gast im Alleingang erschießen können. Dass am Ende vor 120 Besuchern im Ruhrstadion sogar noch der sicher geglaubte eine Punkt verspielt wurde, lag an einem krassen Abwehrfehler von Libero Kilic. Er verlor den Ball, so dass der Krayer Köllmann allein aufs Tor zulief. Seinen Schuss konnte Manndecker Bozkurt noch abwehren, doch gegen den Nachschuss von Gordon Ribnikar war kein Kraut gewachsen – 0:1! Durch diese Niederlage behielt Vatan Spor den vorletzten Platz.

(…)

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Mit 399 anderen bei Kettcar im Zakk

Im winterlichen Brüssel im Dezember 2002 spielte mir mein Bruder Thommy eine CD der neuen Band „Kettcar“ aus Hamburg vor, damals noch verdammt unbekannt. Ich war sofort mehr als begeistert und fuhr am 13. Januar 2003 nach Düsseldorf, um mir die Band im „Zakk“ (dort sah ich am Todestag von Papst Johannes Paul II. auch noch Tocotronic) anzuschauen.

Zum Blog-Eintrag? Hier:

„Es ist Ende Dezember 2002, kurz vor Silvester, ein Jahr neigt sich dem Ende entgegen, und es regnet in Belgien. Ununterbrochen prasseln die Tropfen aufs Dach, auf den Bürgersteig, auf die Sandkörner am Strand. Melancholische Momente, gleichzeitig schön und doch einsam. Oostende im Winter. Andi vorneweg an der Nordsee, dahinter Thommy (mein Bruder) und seine Freundin Marrit. Ein Bild wie gemalt. Ab gehts in den Zug zurück nach Brüssel, müde und träge. Bis der CD-Player anspringt und Thommy seine neueste Errungenschaft präsentiert:

– wollt ich leben und sterben wie ein toastbrot im regen?
wie ein betrunkener hund im zorn ohne grund?
die erinnerungssplitter liegen herum.
ich tret rein. –

„Thommy, was is´n das für geile Musik?“ „Hat mir Dirk aus München geschickt. Kettcar! Das IM TAXI WEINEN ist zurzeit mein absolutes Lieblingsstück!“

Die CD springt vier Stücke weiter, da begrüßt uns eine kurze Klaviereinleitung mit einer soliden Gitarre im Hintergrund.
– na dann herzlichen glückwunsch. noch ein ganz kleines stück jungs.
das böse fiese leben erdrückt uns.
(…)
aber irgendwie ist es doch besser im taxi zu weinen als im vrr-bus, oder nicht? –

Noch stark verzaubert von den Takten macht Thommy die Stimmung komplett: „Am 13. Januar spielen die in Düsseldorf. Sollen wir dahin gehen?“ Ich kenne die Band gerade einmal acht Minuten – und sage direkt zu. Ist zwar Uni und Arbeit vorher, aber egal. Für Kettcar schaff ichs.

Zwei Wochen später.

Die Lieder gehen mir nicht aus dem Kopf, die Debüt-CD „du und wieviel von deinen Freunden“ ziert einen meiner CD-Ständer. Die „Repeat“-Taste muss herhalten, vor allem für „Landungsbrücken raus“ und eben jenes „Im Taxi weinen“. Thommy hat inzwischen für den Abend abgesagt (tsetsetse, nichts wurde es mit dem Geschwister-Abend. Irgendsoeine Dissertationsarbeit ging vor; völlig unverständlich … also wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Doktortitel und einem Abend mit Kettcar und mir … *g*), und keiner außer mir kennt Kettcar (Frage an den WAZ-Redakteur Thomas Richter: „Kennst Du Kettcar“; „Yo, bin ich mit fünf Jahren mal gefahren!“ Das war die Standard-Antwort). 13. Januar, morgens weiß ich noch nicht, wo ich abends sein werde. Verschlafen. Uni. Müde. Aber doch: Ich muss die einfach sehen. Keine Ahnung, wo das Zakk liegt, einfach durchfragen. Treffe ein junges Pärchen aus Köln, die das Zakk auch nicht kennen. Zu dritt Detektiv spielen. Ui, komische Gegend, aber YEPP da ist´s.

Nix los in dem Laden. „Sind Kettcar wirklich so unbekannt?“ frage ich die beiden. „Also in Köln wars voll“, antworten sie. Wie lange das Konzert wohl dauern wird? Das Repertoire umfasst schließlich nur zwölf Stücke…!?!

Als Dritter betrete ich um 19.05 Uhr die Halle, keiner ist da. Erst allmählich füllt sich der Raum, spannend, all die Partygäste zu beobachten. Die Vorband kommt – und geht nach ner halben Stunde. „Sometree“ aus Hannover, kaum zu verstehen, weil ziemlich laut. Egal, wegen „Sometree“ bin ich nicht hier. Noch ein bisschen warten, und um 21.10 Uhr betritt KETTCAR die Bühne. Fünf Kerle, darunter ein Gitarrist, der so aussieht wie Thomas Gsella (mein Bruder Thommy weiß jetzt Bescheid – schöne Grüße, Junge!) und eben Marcus Wiebusch, der Sänger und Songwriter. 70 verträumte Minuten warten auf mich und all die anderen, obwohl die Musik nicht wirklich zur Melancholie verleitet wie beispielsweise bei Element of Crime. Dafür ist es zu – wie soll ich das nennen? – gitarrenlastig. Aber die Melodien bleiben trotzdem abwechslungsreich, schlicht schön. Zudem lohnt es sich, den Texten zuzuhören – und auch so mancher Erläuterung von Marcus Wiebusch über die Entstehung. Beispielsweise „Balkon gegenüber“: „Das ist eine zu 25 Prozent wahre Geschichte. Morgens habe ich viele Flaschen auf dem Balkon gegenüber gesehen. Die Geschichte dazu ist ausgedacht!“ Beispielsweise „Volle Distanz“. „Das ist über meine einzige Kneipen-Schlägerei, in die der Sänger von TOMTE verwickelt war.“  Beispielsweise „Lattenmessen“: „Jeder, der mit 15 in einer Fußballmannschaft war, weiß wie der Titel gemeint ist“ (war ich in einer so langweiligen Mannschaft?) Beispielsweise „Landungsbrücken raus“. „Ein Lied über unsere Heimatstadt Hamburg.“

Ja, „Landungsbrücken raus“. Das war mein eindeutiger Höhepunkt.
– an den landungsbrücken raus, dieses bild verdient applaus
und noch 200 meter und jetzt geht der fallschirm auf.
jetzt geht der fallschirm auf, na dann herzlich willkommen zuhaus
und ein letztes mal winken und ich bin raus –

Ein rockiger, und doch ruhiger – ein euphorischer und doch trauriger – ein stimmungsvoller und doch sanfter Abend geht vorbei; mit Gitarristen, die nicht zwanzig Instrumente zur Verfügung haben, sondern nur zwei. Die nicht Helfer beanspruchen, die ihnen die Geräte stimmen und anreichen; die nur einen Quadratmeter zum Abrocken haben. Schade, dass das schon relativ kleine „Zakk“ nicht einmal richtig voll war. Diese Band hätte mehr Zuschauer verdient gehabt – und sie wird in Zukunft auch mehr Fans anziehen. Ganz sicher. Und dann gehen Thommy und ich gemeinsam hin (gell, Bruderherz?)

Die Erinnerungssplitter liegen rum.

Ich tret rein.

Bitte lasst mich diesen Abend noch einmal zurückspulen.“

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Bitter sweet symphony

Am 12. April 2003 begleitete ich den VfL zu einem Auswärtsspiel nach Berlin. Der VfL verlor trotz 49-minütiger Überzahl mit 0:1 bei der Hertha und rutschte in den Abstiegskampf – und an diesem Tag wollte nichts wirklich gelingen, nicht einmal Verabredungen.

Der Text trägt die Überschrift „Bitter sweet symphony – Frösche zerreißen die Nervenstränge und Sprechchöre saugen die Fußball-Lust aus dem Hirn …“ und geht so:

Geigenmusik dringt via Trommelfell in jede Windung meines Gehirns ein. Ein rot geschriebener Kurzsatz mit dem Inhalt „230 km/h“ blinkt auf dem Elektrodisplay des Zuges auf, und eine Stimme, die Richard Ashcroft von der Band „The Verve“ gehört, flüstert mir „It´s a bitter sweet symphony, but that´s life“ ins Ohr.

Ich bin gern in Berlin.

In keiner anderen Stadt außerhalb des Ruhrgebiets habe ich mehr Zeit verbracht. Nicht mal in Köln. Zum ersten Mal im Juni 1994, im Rahmen einer Klassenfahrt mit der 10. Klasse. Besoffene Lehrer, die den selbst gewählten Zapfenstreich überschreiten, wippen im uralten Aufzug, „quartern“ (ein Spiel für Insider), Blue Curacao/O-Saft; Erinnerungen, die niemand vergisst. Ein Besuch am Potsdamer Platz. Eine brach liegende Fläche; unbebaut. Große Pläne für eine ferne Zukunft. Reste der Mauer stehen noch.

Meine Güte, was habe ich in diesem Jahr ein Glück mit dem Wetter bei den Auswärtsspielen. Sensationell blauer Himmel in Wolfsburg, sensationell blauer Himmel in Rostock, sensationell blauer Himmel in Berlin – und diesmal stimmen zusätzlich auch noch die Temperaturen. Der Frühling kommt; sprecht’s aus – wer wars, Mörike? – „Frühling lässt sein blaues Band, wieder flattern durch undsoweiter“.

Was für ein Tag. Und ich würd am liebsten 85 Prozent der Bochumer VfL-Mannschaft verprügeln. So sauer bin ich. Man wie peinlich!!!

– It´s a bitter sweet symphony, but that´s life, tönt´s in meinem Ohr.

Erst ein Spiel habe ich überhaupt im Kalenderjahr 2003 verpasst, nämlich das 0:2 in Cottbus. Nee, das musste nun wirklich nicht sein. Ansonsten: Der VfL spielt und Andi ist dabei. Vielleicht bin ich höchstpersönlich dafür verantwortlich, dass der VfL die mieseste Rückrundenmannschaft ist… Berlin hätte ich – wie ich glaube – aber selbst dann mitgenommen, wenn ich 2003 noch kein Spiel gesehen hätte.

Ich bin gern in Berlin.

So ein Auswärtsspiel beginnt nicht immer erst am Morgen des jeweiligen Anpfiffs. Dieses hier zum Beispiel fand seinen Auftakt bereits drei Tage zuvor mit einem ganz simplen Telefonat. Stephan hat bei mir angerufen, ein „Mülheimer Straßenbahnfahrer“ (so hat er sich auch gleich auf meinem Anrufbeantworter verewigt, nicht etwa mit dem Vornamen…), den ich schonmal im oder auf dem Weg zum Ruhrstadion oder einfach nur in einer Bahn in Mülheim treffe. Wusste gar nicht, dass der meine Nummer hat. Ist auch wurscht, denn 15 Minuten „Lacherei“ (Stephans Lieblingswort) und eine Verabredung später („Andreas, ich bin auch in Berlin. Sehen uns in der Kurve!“) stellten wir unseren eigenen Spiel-Fahrplan auf. „Andi also ich sach ma: montachs da jeht dat ja noch. Das alte Spiel ist grad vorbei, das neue noch weit weg. Dienstach geht’s dann ganz langsam los, ab Mittwoch beginnt das Kribbeln, ab Donnerstach kommen die schweißnassen Hände. Freitachs läufste dann nur noch auf und ab. Oder?“ Stimmt irgendwie.

Ich bin gern in Berlin.

Ob es wohl ein Vorteil ist, dass ich schon oft hier war? Ob ich deshalb mehr von dieser Stadt sehe? Hab mich auch mit meinem Bruder Thommy verabredet, der zufälligerweise an diesem Tag einen literaturwissenschaftlichen Vortrag in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hält. Kaum einmal in Berlin, direkt zwei Verabredungen. Thommy hat mal in Berlin gewohnt, direkt im Stadtbezirk Prenzelberg, 1998. Hab ihn besucht. Geile Zeit. Ein Jahr später waren wir wieder dort; zum Hertha-gegen-Bochum-Spiel. Thommy hat zudem Freunde getroffen. Auch eine geile Zeit, trotz 1:4-Klatsche. Und dann noch eine Freundin, die ich dort mal hatte, und mich im Winter 2000/2001 ein paar Mal lockte. Diese Zeiten sind präsent. Bei jedem Schritt. Erinnere mich an die Leute, mit denen ich am Reichstag war, durchs Brandenburger Tor sprintete, aus dem Bahnhof Zoo marschierte. Wenn ich eine Stadt außerhalb Essens zum Studieren suchen würde; meine Wahl wäre ohne zu zögern Berlin.

Einer der berühmtesten Söhne Berlins begleitet mich durch die ICE-Fahrt, nämlich Rudi Dutschke, der so allmählich einen gewissen Grad von Idolhaftigkeit für mich entwickelt, da uns doch ein paar kleine Dinge verbinden. Seine Tagebücher sind grad erschienen, und auch wenn ich um Längen nicht so theoriefest bin wie er… Hut ab.

Der Discman dudelt die Placebo-CD „Black Market Music“ rauf und runter, die ein ständiger Begleiter meiner Tagestouren geworden ist. Morcheeba kommt mit der elfenstimmigen Sängerin nicht durch. Etwas härteres muss in den Compactdisctoaster. Rase mit 216 Sachen durch die ostdeutsche Prärie. „Drei Punkte wären super. Achte mal auf den Stadionsprecher“, funkt Dirk per sms aus dem fernen München rüber. Steige ich schon in Charlottenburg aus? Joaa, könnt ich tun, mach ich auch. Vorher keine Späßkes in der Innenstadt, direkt das feine Fußballvergnügen im Olympiastadion.

Ich bin gern in Berlin.

Irgendwann muss die Scheißserie reißen. Wir dürfen nicht absteigen. Werde durchsucht. In der Wiederholungsschleife des Olympiastadions (geiles Wetter ist übrigens) läuft der Satz „Liebe Fußballfreunde – aufgrund der Umbauarbeiten blablabla“, Rest hab ich vergessen. Mächtig viele Kräne stehen hier; ich glaub, die wollten die Kanzleramtsgeräte nicht verschrotten und haben die einfach nur verlegt. Ja wer ist das denn? Ein Mann spitznamens „Locke“ nimmt vor mir Platz. Locke erweist sich als typischer VfL-Fan, der erstens schon anderthalb Stunden vor Spielbeginn meckert und zweitens jegliche Hoffnung auf einen Punktgewinn aufgegeben hat. Das Stadion wird bestimmt mal ein Knaller, wenn es komplett fertig ist. Und doch bleibt die Aura des Nationalsozialismus immer da. Dort, wo sich Adolf 1936 grüßen ließ, ist jetzt ne Baustelle.

Habe nicht mehr die bisherigen Tage in Berlin vor Augen. Sondern die letzten Auswärtsspiele. 1:4 in Dortmund, 1:1 in Rostock, 0:2 jeweils in Bremen und Wolfsburg. Lange nicht gewonnen; warum bin ich überhaupt hier? Die immer währende VfL-Sinnesfrage. Oh ja, da kommt der Schmerz wieder, Dezember 2000, 0:1 im Pokal bei Union Berlin, bis jetzt bitterste Niederlage in meiner VfL-Karriere. Geiles Wetter, ob ich wohl ein bisschen braun werde?

Ich bin gern in Berlin. It’s a bitter sweet symphony.

Die Spieler laufen ein, sich warm, und Locke weiß schon, wer Schuld sein wird. „Ohhhh, der Gefahrenhorst, wenn ich den schon seh!“ Erst bei der Aufstellung merkt er, dass der nicht mal auf der Bank ist. „Boooo, der Oliseh, schau mal, wie ein Balletttänzer läuft der sich warm. Und der Vriiiesde – Neururer: morgen biste weg!“ Einlaufen, hab den Titel des Hintergrundsongs schon vergessen, die Hände schwitzen schon. Ich merke: Heute wird’s ein krasses Spiel. Es verlangt mir alles ab. Ein Frosch hat sich in meinen Körper geschlichen, hüpft einerseits vom einen Ende zum anderen, und zerreißt andererseits meine Nervenstränge. Meine Sitznachbarn gucken schon blöd, meine Zitterei ist echt auffällig, bei jedem Hertha-Angriff. Und davon gibt es verdammt viele. Eine Großchance folgt der nächsten; glücklicherweise haben wir einen Torwart drin. Bereits nach 20 Minuten halten alle VfL-Fans die Klappe. Unfassbar schlecht. Es bleibt beim 0:0, ein Fußball-Wunder. Und noch eins deutet sich an: van Burik fliegt vom Platz, 41. Minute. 49 Minuten Überzahl, teile ich Dirk mit, das muss doch was geben. Auch Mama, die in der Halbzeitpause einfach so mal anruft, kriegt das zu hören. Das Zittern geht weiter. Klasse, wie der Stadionsprecher „Hertha“ ausspricht, und genauso wie er „Paule“ ruft und die Kurve „Beinlich“ antwortet. Dirk hat recht.

Pause aus. Die Frösche sind immer noch da, schaue mich um, drehe mich nach vorn und hinten, zerknülle die Stadionzeitung. Gudjonsson schießt vorbei, erste Ecke für uns erst in der 55. Minute, ist das schlecht, wir spielen, als hätten wir zwei Mann weniger und nicht einen mehr. Eine Erlösung irgendwie die 62. Minute. Flanke Goor, Schindzielorz verschätzt sich, Dardai volley; 1:0 für Hertha. Ich hab´s doch gewusst. Der Rest ein peinliches Gewurschtel wie in Bremen und Wolfsburg. Das grenzt schon sehr nah an Verarschung, tja, und fast hätte der Christiansen sogar noch einen gemacht in der 86. Minute. Ein Freistoß an den Pfosten, ich hätte gekotzt vor Glück. Doch die Zahl der Fans, die langsam von den oberen Sitzreihen nach unten schlendern, um den Spielern ihre Meinung zu geigen, wird kurz vor dem Abpfiff immer größer, und ich bin darunter. Natürlich Abpfiff. 0:1. Wieder verloren. Ein weiterer Sargnagel auf die mieseste Auswärtsbilanz, die ein Fußballfan in Deutschland hat. Freier, Kalla, Oliseh: alle verletzt. Schwieriges Restprogramm. Pfiffe. Ein Mann mehr. Fast 50 Minuten lang. Und wer hat den Schnüff, um sich bei den Fans zu bedanken? Colding, van Duijnhoven! Die beiden, die als einzige alles gegeben haben. Abgerutscht auf Platz 15. Und die Olympia 2012 geht nach Leipzig. Nicht in den Ruhrpott.

Ostkurven-Kumpel Gerd (der Richte!) sitzt in Düsseldorf auf der Kö und ist völlig entgeistert, wie er per SMS mitteilt: „Ich trinke auf die Ungerechtigkeit der Welt!“ Das würde ich auch liebend gern tun, und begegne doch nur den Resten der Friedensdemo, die in der Innenstadt 15.000 Menschen anlockte. Steige in den 200er-Bus, der via Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor fährt. Beobachte die Menschen, spüre dieses Berlin-Feeling. Feeling der Stadt, der Menschen, meiner Erinnerungen. Etwas Besonderes. Würde so gern einen Abgesang auf diesen miesen Tag machen. Zu geiles Wetter. Zu geile Stadt.

Ich bin gern in Berlin. Bitter sweet symphony im Ohr.

Na klar, eindeutig ein Vorteil, dass ich Berlin-Erfahrung habe. Kenne die Bahnverbindungen aus der Westentasche. Das „Ernst“-Trikot ist an, das Foto für die Titelseite der Homepage im Kasten. Laufe zum Kanzleramt, dem Pariser Platz, „Unter den Linden“ entlang, blicke in den Dunst der Dämmerung und der Siegessäule entgegen, fahre via Potsdamer Platz zum Zoo zurück, telefoniere mit Thommy, zweimal, dreimal, viermal, schimpfe über den VfL. Höre nebenbei aus dem CD-Recorder jugendlicher Demonstranten „Wir müssen hier raus! Das ist die Hölle! Wir leben im Zuchthaus“ aus der wilden Zeit von Ton-Steine-Scherben. Berlin-Feeling. Thommys Vortrag war ein Erfolg. Diskussion dauerte länger als gedacht, sagt er. Rede ihm ein schlechtes Gewissen ein, hihi. Zoo, 19.57 Uhr. Dutschke erzählt vom Leben mit dem Schuss im Hirn, Widerstand, Revolution, Marx, Trotzki, seinem Sohn Hosea, seine Frau.

Ich bin gern in Berlin gewesen.

Thommy habe ich nicht gesehen.

Und Stephan auch nicht.

But that´s life.

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Hauboldt trifft – 0:1

Für die Mülheimer Woche berichtete ich im September 1995 über das Landesligaspiel zwischen Vatan Spor und dem FC Kray (0:1). Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert. Ab (…) wurde der Text mit einer Vorschau aufs nächste Spiel und ein paar Zeilen über den VfB Speldorf fortgesetzt, die ich nicht mitkopiere:

Weiterhin viel Pech hat Landesliga-Neuling Vatan Spor. Am siebten Spieltag kassierte die Truppe von Trainer Dirk Pusch die fünfte Niederlage trotz zahlenmäßiger und spielerischer Überlegenheit: Der FC Kray siegte im Ruhrstadion mit 1:0 (1:0). (…)

Als Peter Hauboldt in der 30. Minute den Führungstreffer für den FC Kray erzielte, wusste Fred Frütel – Geschäftsführer von Vatan Spor – sofort Bescheid: „Das war das einzige Tor, was wir heute gesehen haben“, gab er bekannt. Zu diesem Zeitpunkt sprach aber nichts dafür, dass dieses Tor spielentscheidend war.

Vatan spielte nämlich vor 180 Zuschauern überlegen, hatte die klar besseren Torchancen und war 70 Minuten in Überzahl – die Krayer Spieler Kühn (20.) und Karadeniz (90.) hatten Gelb-Rot beziehungsweise Rot gesehen. Dass Frütel am Ende doch Recht behalten sollte, lag an dem fehlenden Glück im Abschluss und der Tatsache, dass gegen die clever agierende Krayer Deckung zu kopflos gespielt wurde. Nach 90 Minuten jedenfalls stand das Pusch-Team mit leeren Händen da. (…)

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