17. September 2004. 12. Urlaubstag. Philadelphia.

Meinen Sommerurlaub 2004 verbrachte ich mit dem Rucksack auf dem Rücken an der US-Ostküste– in Boston, New York, Philadelphia, Washington. Nicht mein erster Rucksack-Urlaub, aber der erste ganz allein. Während dieser dreiwöchigen Reise führte ich zum ersten Mal ein Online-Tagebuch, das ich von meinem Bruder direkt auf meiner Homepage veröffentlichen ließ. Einige dieser Einträge habe ich “digitally remastered” und veröffentliche sie nun neu.

Dieser hier trug auf meiner “ersten” Homepage die Überschrift “Independence day” und stammt von meinem zwölften Urlaubstag, den ich im touristischen Zentrum Philadelphias verbrachte. Ich übernachtete in einem sehr guten Hotel namens „Comfort Inn“ am Highway – Luxus im Vergleich zu meinem schmierigen Hostel in New York.

Jetzt endlich rein in den Text vom 17. September 2004:

Jede Stunde rast an mir vorbei wie ein ICE mit Tempo 200. In einer Sekunde. Es ist mein erster Tag in Philly und gleich schon mein vorletzter. Es ist mein Gammeltag mit vorgeplantem Filmabend auf dem Zimmer – und ein Tag mit den bedeutendsten amerikanischen Sehenswuerdigkeiten, die es gibt. Heute ist Independence Day.

Das sind also die Zwickmuehlen des Luxus. Unter der Decke ist es so waaaaarm, waehrend der Wind an meiner Fensterscheibe abprallt und so eine herbstliche Kaeltestimmung ausbreitet. Ich recke alles weit von mir, was sechs Naechte lang eingepfercht war. Ich will heute nicht raus in die US-Welt, will liegenbleiben bis mindestens 9.45 Uhr, wie in New York. Aber es lockt ein Fruehstueck. Ein Fruehstuecksbuffet. Das aber nur bis 10 Uhr. Was tun? Um 9.15 Uhr quaele ich mich hoechst widerwillig aus den Federn, suche ein Fernrohr, um die andere Seite des Zimmers zu sehen, und starte den Marathon Richtung Badezimmer. Schnell geduscht, ab zum Fruehstueck. Drei Glaeser O-Saft, zwei Muffins Schoko, ein Croissant und eine grosse Schuessel mit undefinierbar farbigen Cornflakes-Kringeln schlinge ich runter. Hmjamjamjam… Das bringt’s.

Wieder auf dem Zimmer ziehe ich mich um, mein langaermliges Rock-am-Ring-2001-Shirt an (nach ausgiebiger Analyse des Wetterberichts) und nehme mir den „Historic Independence Park“ vor. Gestern lief ich schon dran vorbei, ist nicht weit. Der Wetterkanal deprimiert mich. Bei der 7-Tages-Vorhersage ist ab sofort mein Abreisetag zu sehen. Nun aber los.

Ich spaziere durch die Altstadt (Old Town), und stelle fest, dass Phillys Stadtgeschichte doch recht einfach ist. Jeder braucht sich nur zwei Namen und zwei Daten zu merken: Benjamin Franklin, William Penn, 1776, 1787. Franklin und Penn begegnen jedem – ob Touri oder Einwohner – fast ueberall. Penn gruendete die Stadt und den Staat Pennsylvania, irgendwann im 17. Jahrhundert; und Franklin, Dichter, Politiker und Erfinder, war der bekannteste Einwohner, 100 Jahre spaeter. Ob Statuen, Schilder, Strassennamen – diese beiden sind omnipraesent. Die Daten, sagt mir der Baedeker, den ich unterwegs beim Gehen lese, markieren die Unterzeichnung der Unabhaengigkeitserklaerung (1776) und der Verfassung (1787). Und darum gehts in dem Park. Na das wird ja ein vor Patriotismus triefender Tag.

Zunaechst erblicke ich eine grosse Rasenflaeche, die „Independence Mall“. Zwei, drei Fussballfelder gross, wuerde ich schaetzen. Darauf stehen zwei Haeuser, das „Visitor Center“ (klar) und das „Liberty Bell Center“. Eintritt frei. Ich durchlaufe die unzaehligste Kontrolle des Urlaubs (und wundere mich, dass die Amis das mitmachen, immerhin wird ihnen ueberall im eigenen Land erhebliches Misstrauen entgegengebracht) und stehe in einem eiligst zusammengeschusterten Museum.

Viele Besucher sind fein gekleidet, ist halt ein national heiliger Ort. Die beiden einzigen Multimedia-Angebote sind „out of order“, an der Wand haengen Bilder von beruehmten Personen neben der Unabhaengigkeitsglocke (Martin Luther King, Mandela, Dalai Lama) – und jetzt komme ich! Hurra! Erstmals schlug die Glocke am Tag der Unabhaengigkeitserklaerung, deshalb soll sie – steht daneben – das „Symbol der Welt fuer die Freiheit“ sein. Hae, das war doch schon die Freiheitsstatue!?! Ja was denn nun? Etwas befremdet nehme ich auf der „Mall“ Platz, entspanne, wandere zu Benjamin Franklins Grab um die Ecke. Auch das regt nicht sehr zum traurigen Nachdenken an, denn zehn (!) Meter hinter dem Grab ist ein Geschenkeshop (!!). Dann fuehrt mich mein Weg zur beruehmten „Independence Hall“, dem wohl noch weitgehend original erhaltenen Raum, in dem alles Wichtige unterschrieben wurde. Im „Visitor Center“ erfahre ich, dass auch die „Hall“ fuer lau ist (Hut ab!), man aber doch ein Ticket braucht und durch die Securitykontrolle der Glocke muss. Na suuuuper. Es ist 12.20 Uhr, und mein Einlassticket gilt erst fuer 13.45 Uhr. Eigentlich habe ich Leerlauf. Klassischen Leerlauf. Doch die Zeit rast. Dabei mache ich nichts ausser Rumsitzen. Ich gehe eine Viertelstunde zu frueh zum Treffpunkt vor der „Hall“. Und treffe ein Paerchen aus Oregon an der Westkueste. „You have an accent. Where are you from?“. Oh, sie haben es nicht gleich erkannt. Sie sind auch das erste Mal an der Ostkueste und stellen fest, dass sie fast dieselbe Anreiseentfernung haben wie ich. Haha. Dann beginnt die Fuehrung. Durch zwei Raeume. Einer davon ist DER Raum, erhalten sind unter anderem der Originalstuhl von George Washington (dessen Statue hier auch ueberall rumsteht). Alle knipsen wie verrueckt. Ich will nur ein Pflichtfoto.

Heute vor genau 217 Jahren wurde die Verfassung unterzeichnet, sagt der Erzaehlmensch. Oh nein, das ist auch noch ein besonderer Tag. In der Beilagebroschuere stehen Vorschlaege fuer eine Halbtagstour durch den Park, sogar fuer eine 1- oder 2-Tages-Tour. Keine Ahnung, wie das gehen soll. Mir reichen 45-Netto-Minuten, und ein Spaziergang danach an ein paar anderen netten Haeuslein im georgianischen Stil vorbei. Nur die Warterei und die Kontrollen sind verantwortlich dafuer, dass ich erst gegen 15 Uhr zur relaxten Mittagspause im Comfort Inn eintreffe. Bin schon wieder ueber einen Tag hier. Unbelievable. Unglaublich.

Im Hotel blaettere ich im Stadtplan von Philly. Ich bin im aeussersten Westen der Innenstadt, die vom Delavare River (Westen) und dem Schuykill River (Osten) begrenzt wird. Mein Stadtteil heisst wirklich „Old Town“, koennte aber auch „Touri Town“ heissen. Alle wichtigen grossen Hotels stehen hier; die Infrastruktur ist dementsprechend. Am Fluss liegt die „Waterfront“ mit dem Hafen, der laut Baedeker 100.000 Menschen Arbeit bietet. Philly hat einen eigenen TV-Promokanal. Ich schalte ihn ein. Eine einigermassen huebsche Moderatorin preist Philly als interessante, vielfaeltige Stadt, die alles zu bieten hat. Einen bedeutenden historischen Kern, um den sich die Stadt entwickelte, eine grosse Uni- und Kulturszene, hochklassigen Sport in allen Variationen und eine grosse Shoppingmeile. Ich bekomme nur die Stadtgeschichte und den Tourismus mit. Und zum Teil die einzige, dafuer aber wirklich lebhafte Hauptstrasse Market Street. Die „University City“ (heisst wirklich so) ist am anderen Ende der Stadt, die wichtigsten Arenen (sollen in einem Riesenpark liegen) fuer Football (Eagles), Baseball (Phillies), Basketball (76ers) und Eishockey (Flyers) sind ebenfalls am anderen Ende. Die Phillys bleiben in ihren Vororten wohl eher unter sich, was einen Vor- und einen Nachteil hat. Der Nachteil, klar, ist, dass ich zwar was ueber die Stadt erzaehlen kann, aber kaum ueber das richtige Leben hier (schade, Philly waere in Deutschland immerhin die zweitgroesste Stadt). Der Vorteil ist, dass Philly fuer Neu-Touri-Amerikaner die ideale Einstiegsstadt ist, wie sie fuer mich Boston erst am dritten Tag war. Weil’s eben von allem nur ein bisschen gibt. Sie uebertrifft Boston also in diesem Punkt. Aber nur in diesem. Die Cheers-Town bleibt bisher – muss ich zugeben – auf meiner Spitzenposition. Ich bin schon laenger hier, und mir faellt die Umstellung von der vollen, lauten, WIRKLICHEN Weltstadt New York auf Philly immer noch schwer. Langweilig ist mir aber nicht – warum? Zaehlt drei und drei zusammen: Aufgrund des Hotels und weil die Zeit so verfliegt.

Zwischen 16.25 Uhr und 20 Uhr latsche ich ein zweites Mal fuer heute ueber die Market Street, suche ein Internet-Cafe. Wieder vergeblich. Im Mittelpunkt der Center City (so heisst das hier) ist das Rathaus (die „City Hall“), mit einer (natuerlich) Penn-Statue auf der Turmspitze. Lange Zeit, sagt der Baedeker, durfte kein Haus hoeher sein als diese Turmspitze. Daher mutet die Philly-Skyline eher bescheiden an. Ich finde wieder nur Kinko’s, beeile mich mit dem teuren Eintippen, laufe ein wenig durch das am Center-City-Rand liegende Chinatown, verdruecke aber nicht dort, sondern in derselben Lokalitaet wie gestern ein Philly Cheesesteak. Am Fenster beobachte ich vorbeiziehende Touris.

Die Nachtluft ist warm, ein wenig stickig sogar. Um 20 Uhr biege ich auf den Boulevard ein, ziehe mir am Automaten eine Pepsi. Heute habe ich viel gelernt. Ueber die USA, die Einwohner, die Geschichte – und Philly. Meine anfaengliche Euphorie hat sich ein wenig relativiert. Das wahre Leben der Phillys spielt sich einfach nicht hier ab, nicht in Old Town. Schlecht finde ich die Stadt nicht, keineswegs, aber irgendwie fordert sie das Durchreisen heraus. Der „Historic Park“ liegt verdaechtig nah am Highway (der Autobahn), der ueber die Franklin Bridge (wie koennte sie auch sonst heissen?) fuehrt. Rausfahren, zwei Stunden lebhafte Geschichte, und weiter. Nach New York, vermutlich. Oder Washington.

Fuer mich war der Tag preiswert. Erstmals seit Boston musste ich kein Geld abheben. Hochkonzentriert bin ich immer noch jede Sekunde. Allein fuer sich verantwortlich zu sein in einem ganz fremden Land schlaucht. Im TV nervt die viele Werbung alle zehn Minuten, dafuer kommen parallel meine Lieblingsserien („Seinfeld“, „Cheers“), zwei Filme („Austin Powers 1″,“Kevin allein in New York“), Wahlkampfsendungen (im persoenlichen Vergleich, beurteilt nach Kompetenz, Fuehrungskraft usw., liegt Bush gegen Kerry mit 57:33 vorn; haben die keine Ahnung, oder was?) und ein Baseballspiel (New York Yankees gegen Boston Red Sox 2:3). Ich freue mich, einige Orte in den Sendungen wiederzuerkennen, aergere mich aber, dass jetzt die New Yorker Baseballteams anscheinend jeden Tag ein Heimspiel austragen.Der Wind peitscht auch um 1 Uhr noch gegen das Fenster. Tag 12? Rum. And time flies. Ich kann sie nicht stoppen, sie drueckt und drueckt mich unaufhoerlich gegen das „Ausgang“-Schild meines Trips. Nur noch sechs Nettotage.

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Reisen, Tagebuch | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für 17. September 2004. 12. Urlaubstag. Philadelphia.

Mein Pöppinghausen

Für die WAZ/WR Castrop-Rauxel entwickelte ich das Blog „Mein Castrop-Rauxel“, das – damals einmalig auf waz.de (Vorgängerportal von DerWesten) – unter dem Motto „Mein Castrop-Rauxel“ stand. Ich berichtete täglich über meine Erlebnisse in der „Europastadt im Grünen“ – Teile davon erschienen (mit meinem Foto) auch in der Print-Ausgabe.

Leider sind die Blog-Einträge nicht mehr im DerWesten-Archiv zu finden, weil die Community abgeschaltet wurde.

Dieser Eintrag ist vom 31. Juli 2007:

Pöppinghausen heißt wirklich so, hat 900 Einwohner und liegt seeeehr abgeschieden. Was das mit U2 zu tun hat, erfuhr ich im Nirgendwo.

„Es soll ja auch einige Nicht-Castrop-Rauxeler geben, die meine Zeilen Tag für Tag lesen. Für diejenigen sind meine ersten Sätze des Tages: Es gibt selbst hier viele, viele Stadtteile. Etliche habe ich Euch schon vorgestellt, einige nicht. Da sind Henrichenburg (mit der Autobahnausfahrt der A2), Ickern (folgt morgen), Habinghorst (mit der Langen Straße, siehe “Meine erste Stadtrundfahrt“), Rauxel (mit dem Hauptbahnhof und der Europahalle, da war ich noch nicht), Bladenhorst (mit dem Schloss), Castrop (hier sind die Redaktion und die Altstadt), Schwerin (bin ich bisher nur durchgefahren), Frohlinde (wo isn das?) und Merklinde (an der B 235, grenzt an Dortmund-Bövinghausen).

Und dann ist da noch Pöppinghausen.

Lest Euch bitte zur Einstimmung noch einmal den gestrigen Blog-Eintrag durch. Plattenflicken. Deutsche Meisterschaft. Verfahren. Wartburginsel.
Seid Ihr wieder im Film? Gut!
Ich verlasse die Wartburginsel, biege ab auf die Wartburgstraße und folge einem Schild Richtung Pöppinghausen – ja, jetzt nicht so ungläubig auf den Bildschirm starren – der Stadtteil heißt wirklich so. Im Internet habe ich mich ausgiebig informiert. Und auch eifrig die erfahrenen Kollegen befragt. Ich fahre mitten durch die Natur und merke schnell: Pöppinghausen (ich schreib das so gern) liegt außerhalb. Es ist nicht mehr wirklich Castrop-Rauxel, aber auch noch nicht Herne. Der Stadtteil hat nur 900 Einwohner. Wirklich. Mehr dürfen es nicht werden, Pöppinghausen verfügt über keine Wohnbaulandreserven mehr. Auf dem Stadtplan nimmt Pöppinghausen kaum mehr als wenige Quadratzentimeter ein. Ich wechsle im Auto noch schnell die CD – mir steht der Sinn nach “Where the streets have no name” von U2 (warum wohl?) – und denke an meine Worldwideweb-Recherche vom Vormittag. Eine Internetseite des WDR verrät, dass ein Ahnherr namens Poppo dem Dorf zu seinem Namen verhalf. Na ob das wohl stimmt… Im Frühmittelalter soll er der Gründer oder Dorfälteste der Siedlung gewesen sein. Eine Siedlung, das ist Pöppinghausen bis heute. Der Redakteur erzählte erstaunliche Dinge: “Es gibt dort keine Einkaufsmöglichkeit.” Vor vielen Jahren schloss der letzte Supermarkt. Die Einwohner müssen nach Habinghorst fahren. Mit dem Bus ist Pöppinghausen sehr schwer zu erreichen. Eine Kneipe gibt es auch nicht mehr. Die letzte ging vor ein paar Jahren K.o. und ist inzwischen längst in eine Wohnung umfunktioniert. Selbst Kabelfernsehen gab es hier nicht. In Zeiten von Sat-TV und DVB-T ist wenigstens das kein Nachteil mehr.

Mittlerweile habe ich das Ortsschild erreicht und biege ab in den Ringelrodtweg. Ich suche einen kleinen Teich hinter dem Umspannwerk in der Nähe des Rhein-Herne-Kanals. Es bleibt noch ein wenig Zeit, über meine Recherchen nachzudenken. Auf der städtischen Homepage führt ein Link zu Gesprächen des “Zukunftsprojektes Castrop-Rauxel”. “Der dörfliche und ländliche Charakter des Ortsteils wird überstimmend als besondere Qualität benannt. Wald, Felder und die Lage am Kanal machen das Einzigartige aus. Die Abgeschiedenheit wird von vielen geschätzt, aber auch kritisch betrachtet. Weil der Ortsteil “am Ende der Welt” liegt und sehr klein ist, haben viele das Gefühl, dass ihr Ortsteil nur der Wurmfortsatz von Habinghorst sei und deshalb oft von der Politik nicht ernst genommen werde”, steht dort zum Beispiel. Am Ende der Welt also. Im WDR-Artikel heißt das Wort “Kuhkaff”.

Was gibt es denn nun in Pöppinghausen außer Umspannwerk und Wohnhäusern? Ein Jugendzentrum, einen eingruppigen Kindergarten (aufgefüllt mit Kindern aus Herne), eine Kirche (die aber nur noch für Hochzeiten genutzt wird) und den Sportplatz von SuS Pöppinghausen (Spitzen-Vereinsname). Der Platz ist in Sichtweite, als ich die maximal marode Wewelingstraße befahre und befürchte, dass mein Auto in irgendeinem Schlagloch versinkt.

Vor dem Sportplatz muss ich liiiiiiinks ganz scharf um die Kurve, wurde mir gestern so mitgeteilt. Gesagt, getan. Ich biege ab, mein Auto freut sich mit, durchquere eine Tor-Einfahrt und lande tatsächlich an einem Teich. Wahnsinn, das sieht hier wirklich unglaublich idyllisch aus. Es ist ein toller Ort, um Ruhrgebietsfeinde zu beruhigen. 22.000 Quadratmeter Wasser, große Bäume ringsum, dazu noch grüne Wiesen und vor allem: Ruhe. Grenzenlose, endlose Ruhe. Kein Auto stört. Keine Autobahn. Kein Fußgängerzonen-Gebrüll. Ein Anglerverein aus Recklinghausen, der sich Früh Auf 80 nennt, hat sich hier niedergelassen und fischt regelmäßig Hechte, Zander und Schleie aus dem ruhigen Wasser. “Der Teich ist bestimmt 4,30 Meter tief. Ich habe das noch nie getestet”, sagt Vorstandsmitglied Uwe Unger. Gemeinsam mit seinen Vereinskollegen hat er ein Insektenhotel gebaut und am Rand des Teichs auf einer großen Wiese aufgebaut. Ein Insektenhotel mit Holz, Ziegelsteinen und Ästen für Käfer, Spinnen und Fliegen. Ich trinke eine Cola, lasse mir ausgiebig das etwas andere Hotel-Konzept erklären (es gibt keine Sterne, keinen Portier, keinen Zimmerservice – und doch gefällt’s den “Touristen“) und reise schließlich weiter.
Der Rhein-Herne-Kanal durchquert Pöppinghausen – und als ich daran denke, fällt mir etwas ein, was ich noch vergessen habe: Hier in diesem kleinen Vorörtchen gibt es einen gut frequentierten Yachthafen, wenigstens das. Bezeichnend: Dieser Hafen ist über die A42-Ausfahrt “Herne-Horsthausen” bestens zu erreichen. Hier ist nirgendwo. Where the streets have no name. Hier ist irgendwie Herne, aber auch Castrop-Rauxel und ein Klub aus Recklinghausen ist hier heimisch. Auf dem Rückweg befahre ich noch einmal nahezu alle Straßen des Stadtteils, kurve extra langsam mit 20 km/h herum. Wohnbebauung, sonst nichts. Spielt sich hier das wahre Leben in aller Abgeschiedenheit ab? Ist das hier die Chillout-Zone Castrop-Rauxels? Oder ist’s hier einfach nur öd und leer? Die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.

Ende der Nachhilfestunde zu Pöppinghausen. Aber noch nicht Ende des Unterrichts.

Morgen geht’s nach Ickern in den Nordosten der Stadt.“

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Castrop-Rauxel, Ruhrgebiet, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Mein Pöppinghausen

Mein Samstag

Für die WAZ/WR Castrop-Rauxel entwickelte ich das Blog „Mein Castrop-Rauxel“, das – damals einmalig auf waz.de (Vorgängerportal von DerWesten) – unter dem Motto „Mein Castrop-Rauxel“ stand. Ich berichtete täglich über meine Erlebnisse in der „Europastadt im Grünen“ – Teile davon erschienen (mit meinem Foto) auch in der Print-Ausgabe.

Leider sind die Blog-Einträge nicht mehr im DerWesten-Archiv zu finden, weil die Community abgeschaltet wurde.

Dieser Eintrag ist vom 30. Juli 2007:

Pfffschschpffffschschpfff… okay, mein erstes Wort der Woche ist eigentlich kein Wort. Aber wer während einer Radtour wegen eines Plattens halten muss, der kennt dieses Geräusch zu genau. In Castrop-Rauxel fand die deutsche Meisterschaft im Plattenflicken statt. Und ich war mittendrin.

„Heute ist Samstag.
Was könnte ich heute für herrliche Dinge unternehmen!? Mein VfL Bochum bestreitet heute ein Testspiel gegen Borussia Mönchengladbach (und wird gewinnen, natürlich!), der Simpsons-Film ist endlich, endlich in den Kinos, in meiner Heimatstadt Mülheim läuft ein Reggae-Festival und das Wetter erst… Wobei: So doll sieht’s gar nicht aus und deshalb steuere ich mein Auto gar nicht einmal so schlecht gelaunt durch die Bewölkung Richtung Autobahn.

Wie sieht es wohl in Castrop-Rauxel am Wochenende aus? Okay, sooo typisch ist das diesmal nicht, immerhin sind noch Ferien und die Innenstadt wird nach wie vor ausgestorben sein. Aber in der Innenstadt halte ich mich heute auch gar nicht auf. Der erste Termin, den ich mir notiert habe, lautet: “Deutsche Meisterschaft im Plattenflicken”.

Das Ganze soll stattfinden auf der Wartburginsel. Ein Redakteur hat mir am Freitag den Weg erklärt. Er stellte sich mit mir vor den Stadtplan und sagte: Da und da und da – und dann bist du da. Ich bin gespannt. Nach einer kurzen Fahrt über die A 2 lande ich auf der Henrichenburger Straße. Ja und dann? “I’m a Mülheim man in Castrooop”, trällere ich frei nach Sting – und bin froh, dass mich keiner hört. Ich biege ab in eine Querstraße und lande auf der Wartburgstraße. Kann ja so falsch nicht sein. Aber wohin jetzt? Ich fahre blind nach links und rechts und stehe schließlich auf einem riesigen, aber leeren Parkplatz vor einem großen Geschäft. Keiner steht mehr vor der Imbissbude und die Mitarbeiter packen schon zusammen. “Ähem”, setze ich an. “Wo isn hier die Wartburginsel?” “Oh, ganz einfach”, antwortet ein junger Mann. “Wieder zurück auf die Hauptstraße, dann rechts und kurze Zeit später wieder rechts. Einen ganz kleinen Weg hinunter. Du musst aufmerksam fahren.” Okay, dann fahre ich eben aufmerksam, obwohl ich vor lauter rechts und links kaum noch klar denken kann. Trotz allem: Straße und Weg finde ich in Rekordgeschwindigkeit. Ich parke mein Auto zwischen Stock und Stein.

Nach einer deutschen Meisterschaft sieht es hier wirklich nicht aus. Ist aber nicht schlimm. Denn Plattenflicken ist keine Trendsportart und nicht einmal auf dem Weg dorthin. Denn es ist eine Schöpfung von Andrea Friese aus dem Castrop-Rauxeler Fahrradgeschäft “Zweirad Sümpelmann”. Zweifellos eine gute Idee. Langsam nähere ich mich der “Wettkampfstätte” – das ist der Außenbereich der Gaststätte “Inselterrassen”. Scheinbar trainiert der Ruderverein Rauxel in der Nähe, denn die Ruderinnen und Ruderer sind deutlich in der Überzahl. 20 Teilnehmer, ein paar Fans und… sogar zwei Kamerateams! Kellnerinnen schleppen Teller mit Currywurst/Pommes/Majo und ein paar Bierchen. Moderator Jan Plonka beobachtet die ersten Flicker.

20 Teilnehmer – macht fünf Runden á vier Personen, die Sieger erreichen das Finale. So weit, so einfach. Doch: einfach? Jedem stehen ein paar Utensilien zur Verfügung. Das sind ein löchriger Schlauch, ein Eimer Wasser (um das Loch im Schlauch zu entdecken), Kleber, Flicken, eine Felge und natürlich eine Luftpumpe. Erste Aufgabe: flicken. Zweite Aufgabe: aufpumpen. Dritte Aufgabe: 5 Minuten warten. Runde eins geht vorbei. In Runde zwei versuchen Malte, Leonie, Mike und Oliver ihr Glück. Mikes bester Kumpel trägt ein großes Schild “Du schaffst es Mike”. Der trägt eine Sonnenbrille. “Mein Doping”, sagt Mike. Jan Plonka entgegnet: “Ich glaube, das ist die einzige dopingfreie Veranstaltung mit Fahrrädern.” Mike ist schnell fertig, erklärt seine schnelle Runde zu einem “Quickie-Flick”. Danach hilft er Leonie. “Da nutzt er die Chance”, sagt der Moderator, “zu einem kleinen Flirt.” Es ist eine sehr kurzweilige Veranstaltung. Wirklich! Zwischendurch erklärt Andrea Friese, wie sie auf den Geistesblitz kam: “Ich hatte selbst einen Platten.” In Runde fünf verspricht jemand, die anderen “in Grund und Boden zu flicken”. Doch nur zwei Minuten später muss der kleinlaut gestehen: “Kleber und Flicken wollen nicht halten.” Nach anderthalb Stunden ist’s geschafft. Die Finalteilnehmer stehen fest.

Das entscheidende Zeitfahren der Tour de France läuft parallel. Doch in der Pause zwischen Vorrunde und Endpump kommt niemand auf die Idee, zum TV-Gerät zu rennen. Warum das Gelbe Trikot, wenn es auch der Goldene Schlauch sein kann? Es wird ernst. Ein Fernsehteam hat Mike zum Favoriten erklärt und ihn verkabelt. Die Sonnenbrille trägt er nicht mehr. Es ist einfach zu bewölkt. Auf die Plätze, fertig, flick! Schiedsrichter Marcel Schwandt eröffnet das Finale mit einem Startklingeln. Mike ist schnell abgeschlagen. “Mein Doping fehlt”, sagt er. Um den Sieg pumpen Alexander Lücke, Trainer des Rudervereins, und Andres Martinez. Alexander Lücke hat Erfahrung mit Rädern. Am Streckenrand fährt er oft parallel zu seinen Schützlingen – und zu oft liegen Scherben im Weg. Andres Martinez ist “nur” Hobby-Mountain-Biker. Er ist mit geballter familiärer Unterstützung anwesend. Seine Eltern sowie seine zwei Geschwister drücken die Daumen. Ein Zweikampf bis zum letzten Lufthauch.

Alexander Lücke ist schneller. Er schraubt den Reifen zu, hebt die Hand, legt die Luftpumpe weg. Gewonnen. Die Ruderer jubeln, erster Preis ist nicht nur der Schlauch, sondern auch ein Mountain-Bike. “Jungs, ihr könnt stolz sein auf euren Trainer”, brüllt Jan Plonka. Der geschlagene Andres Martinez schaut etwas bedröppelt. Doch fünf Minuten sind’s noch. Noch vier, drei, zwei, eins. Und? Der Schiri muss die Ruderfraktion enttäuschen. Der Reifen ist wieder platt. Das Aus für Alexander. Andres hingegen hat ohne Fehl, Tadel und Doping geflickt. Erster Platz, Goldener Schlauch, neues Fahrrad. “Endlich”, sagt er, “mein altes war schon drei Jahre alt.” Papa Santiago klatscht begeistert in die Hände. 21 Jahre ist Andres alt und bald Werkzeugmacher. Als sich alles beruhigt hat, zieht Andrea Friese Bilanz. “Eine runde Sache”, sagt sie. Ob es 2008 eine zweite Auflage gibt, will sie in Ruhe entscheiden.

So war das mit den Plattenflickern.

Danach ging mein Samstagmittag noch weiter. Aber für heute habe ich Euch schon genug Zeilen zugemutet.

Von Pöppinghausen erzähle ich Euch dann morgen.“

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Castrop-Rauxel, Ruhrgebiet, Weitere Texte | Verschlagwortet mit | Kommentare deaktiviert für Mein Samstag

Schalkes Blamage in Gladbach

Für DerWesten, den Mantel-Sport von WAZ und WR sowie die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtete ich über das Bundesligaspiel Borussia Mönchengladbach gegen FC Schalke 04 (2:1).

Die Schalker Einzelkritik ist hier zu finden.

Die Stimmen zum Spiel gibt es hier.

Einen Text über den „traumhaften Einstand von Lucien Favre“ gibt es hier – dieser Text wurde im WAZ/WR-Mantel gedruckt.

Einen Text über Manuel Neuers Kritik gibt es hier.

Veröffentlicht unter Allgemein, FC Schalke 04, Fußball, Gelsenkirchen, Mönchengladbach | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für Schalkes Blamage in Gladbach

Ans Ende denken wir zuletzt

Der Blog-Eintrag, den Ihr unten steht, ist berühmt geworden. Wirklich. Am 20. April 2003 bloggte ich über das Bundesligaspiel zwischen dem VfL Bochum und dem VfB Stuttgart, kein ganz unwichtiges, wie alle, die damals daran beteiligt waren (Fans, Spieler, Trainer Neururer), noch heute bestätigen werden. Mit einer weiteren Niederlage wäre der Abstieg wohl kaum zu verhindern gewesen.

Der VfL gewann nach 0:1-Rückstand und Balakov-Pfostenschuss noch 3:1, vor allem, weil Stuttgarts Torwart „Gustl“ Ernst, ein Ex-Bochumer, böse patzte. Das erwähnte ich in diesem Text, der daraufhin im Rahmen der Lesereihe „Wir waren die Nummer zwei“ von „Gustl“ höchstselbst gelesen wurde. Eine Erwähnung gab’s auch in der Tageszeitung „Rheinpfalz“.

Der Text trägt die Überschrift „Ans Ende denken wir zuletzt – Gustl ist ein Bochumer, wir Ernstens müssen zusammenhalten“ und geht so:

Macht das der Nachname?

Macht das die Sympathie?

Telefon klingelt, 11.35 Uhr, uaaaaah bin ich noch müde, gähne so vor mich hin. Ostersonntag, keine Eier suchen, schnell ab zum Family-Osteressen, nee, vorher noch Bruder zurückrufen. Thommy weilt in Brüssel, wird da auch bleiben, und nicht mit zum Spiel kommen. Na toll. „Wirst was verpassen, Du Depp“, brülle ich ihm zu, und er stimmt ein in den Möchtegern-Jubelchor: „Andi, ich habe ein unheimlich gutes Gefühl, kann das selbst gar nicht erklären.“ Wir beide sind uns einig, dass der „Gustl“ mindestens einen entscheidenden Fehler macht. „Gustl – wer ist das denn?“, werden die Nicht-Bochumer unter Euch wissen wollen. Gustl heißt Thomas Ernst (ja richtig, genauso wie mein Bruder), war fünf Jahre Torwart beim VfL, einer der sympathischsten Spieler, die jemals im Ruhrstadion vor den Ball getreten haben; hält aber seit einem Jahr in Stuttgart. Zusammen mit „Gustl“ (sein Spitzname, logisch) hat mein Bruder mal eine Lesung gemacht, mit Fußballtexten, in der Uni Bochum; total irre. „Gustl ist uns wohl gesonnen“ – und die ganze Ostkurve denkt bestimmt genauso…

Noch sechs Stunden bis zum Anstoß. Noch fünf. Noch vier. Undsoweiter. Mit zitternden Händen sitze ich vor dem Computer, zocke das Spiel bei „Sensible Soccer“ nach, verliere 0:3 (hab sowieso noch nie ein Tor geschossen), was für ein Omen. Rufe meinen Kumpel Helmut an, er kommt mit. Wir waren gestern zusammen bei Rheinfire in Düsseldorf, wirklich witzig, und komplettieren heute das Oster-Sportwochenende.

Höre 1Live, die Sportfreunde Stiller. Hab sie letztes Mal zitiert beim Bielefeld-Spiel, 0:3 verloren, noch ein schlechtes Omen. Sammle die schlechten Omen. Warum nur? Um mein saumäßig gutes Gefühl auszugleichen? „Das sind so Spiele“, orakelte Straßenbahnfahrer Stephan unter der Woche, „weisse Andreas. Die ne gute Serie, wir ne schlechte. Und beide reißen.“ So seh ich´s auch. Ein Spiel, dass schon vor einer Woche begonnen hat. Sportfreunde Stiller? Sie singen „Wer, wenn nicht wir? – Wo wenn nicht hier? Wann, wenn nicht jetzt – Ans Ende denken wir zuletzt“ Ist zwar teilweise ziemlich schlecht bei Rio Reiser geklaut, aber wer? Wo? Wann? Nicht ans Ende denken. Keine zweite Liga. Zitternde Hände. Schweißnass. Spiel rückt näher. Viele Stuttgarter sind dabei. Helmut schickt eine SMS an seine Freundin Tina: „Andreas nervös“. Oh ja, und wie. Thommy sitzt in Brüssel vor dem Internet-Live-Ticker, hat Anrufe während des Spiels angekündigt. Ob ich drangehen werde? Gerd, der Richter, kommt, ganz schön schnieke angezogen. Ist ne halbe Stunde vor dem Anpfiff noch ganz schön leer; was soll’s, am Ende werdens doch stolze 25.000! Hab meine Sonnenbrille dabei („Siehst aus wie Puck die Stubenfliege“ – danke Gerd!) Stimmt, Gerd. War bei seiner Schwiegermutter essen. Der ist so fein angezogen, am liebsten würd ich ne Bratwurst verdrücken und zuuuuufällig Senf und Ketchup schlabbern. Sam – auch da, mit intelligenter Brille auf, könnte glatt als Manager durchgehen. Gerd nimmt´s locker, Sam ist mindestens genauso nervös wie der Stadionsprecher (wirkt betrunken) und ich – und Helmut? Der ist mir zu neutral, bangt nur um seine Wetten. Gustl läuft sich warm, wird mit donnerndem Applaus begrüßt, unsere wissen, was die Stunde geschlagen hat. Abstiegsplatz? Befreiungsschlag? Der Tabellenzweite kommt. „Von denen hab ich noch nie was gehalten. Die Qualität beider Mannschaften ist gleich“, posaune ich mutig heraus. Alle machen den Scheibenwischer.

Wieder mal nervös. Wie mal zittern die Hände. Ich wiederhole mich seit ein paar Wochen. Ist aber auch spannend, diese Bundesliga. Und vollkommen erschrocken drehen wir uns alle schon nach fünf Minuten weg. Gerd, Sam, Helmut, ich, alle. Grauenvoll, einfach nur grauenvoll. Verwirrend die Taktik (mit drei Mann hinten, Oliseh als Abwehrchef; Freier mal rechts, mal links; Wosz umgekehrt; Christiansen und Hashemian nicht sortiert), alle laufen kreuz und quer über den Platz und passen im Sekundentakt fehl. Hiiiiiilfe! Die Stuttgarter lassen das Bällchen flott laufen, Helmut nötigt mir schon nach wenigen Minuten eine Korrektur ab („Jaja, die sind ja doch gar nicht so schlecht“). Kevin Kuranyi trifft zum 0:1 (27.) – meine Fresse steht der frei – und Balakov nagelt das Ding gnadenlos an den Außenpfosten (keine fünf Minuten später). Ein bitterer Abend kündigt sich an.

„Man, damit der Gustl einen Fehler machen kann, muss der doch zumindest an den BALL KOMMEN!“, brülle ich laut, und er erhört uns. Ein harmloser Rückpass, Gustl versucht sich als Maradona (konnte er noch nie), Hashemian, 1:1. Aus dem Nichts, unverdient. Ein fixer Anruf aus Brüssel, „Riesenfehler Gustl“, schreie ich durchs Fon. Halbzeit 1:1, sowas kann ein Spiel drehen, es entscheiden. Puuh, durchatmen, noch alles drin. Leverkusen gegen Schalke auch 1:1. Helmut zerbricht sich den Kopf von VfB-Trainer Magath, würde Gustl auswechseln („Was meinste, was der zu hören kriegt vor der Kurve hier“)! Gustl bleibt. Wird hämisch angefeuert. „Gustl machs nochmal“, „Gustl ist ein Bochumer“, „Einmal Bochum – immer Bochum – heyhey“

Anpfiff. Schweißnasse Hände, immer noch – V-f-L, V-f-L – Spiel ist offen. Ein schönes Fußballspiel, ein spannendes, da ist alles drin. Helmut bereut´s als neutraler Zuschauer in keiner Sekunde, macht irre Spaß. Flanke Balakov, Kopfball Ganea, VAN DUIJNHOVEN hält (keine Ahnung wie, der muss Krakenarme haben), Kalla rettet per Fallrückzieher. Bleibt beim 1:1, das Glück scheint heute auf unserer Seite zu sein. Da geht was.

18.36 Uhr, 66. Minute… van Duijnhoven am Ball, schlägt ihn nach vorn, Hashemian stoppt ihn, legt ihn an der halben Stuttgarter Abwehr vorbei, strammer Schuss, links unten, TOOOOOOOOOOOOOOOOOOR, jawolljawolljawoll, Helmut wie neutral-angewurzelt, Andi obenauf, Gerd obenauf, Sam obenauf, alle so kreuz und quer wie unsere Jungs in der ersten Halbzeit. 2:1! Wir haben sie im Sack!

18.37 Uhr, 67. Minute… „und der Torschütze… unser Hubschrauber… mit der Nummer 16… VAHID!“ „HAAAAASHHHEEEEMIAAANNN!!!!!!!!!“ Anzeigetafel… „BILD TICKER… 1. BUNDESLIGA… Bayer Leverkusen – Schalke 04 1:2!“ JAAA!

18.38 Uhr, 68. Minute… Freistoßpfiff, Oliseh auf Linksaußenposition… Flanke, weeiiit weeeiit in den Strafraum, Christiansen, imaginär mitköpfen, mach ihn mach ihn… JAAAAA!!! 3:1, unglaublich unglaublich unglaublich.

Das Ding gedreht, das Ding ist gelaufen. Okay, Balakov mit noch einem Lattenschuss, aber wir haben’s gepackt. 34 Punkte, vier vor Leverkusen, die sogar noch 1:3 verlieren, der Rest ein Freudentaumel. „Oh wie ist das schön“ und „Wir sind stolz auf unser Team“ nach langer langer Zeit mal wieder. Erstmals leichte „Hubschrauber“-Sprechchöre, der Trainer kommt trotz Aufforderung diesmal nicht. Macht nichts. Anruf Thommy… „Also wenn der Balakov das Ding in der ersten Halbzeit reinmacht!“

So schön ist Fußball. Super-Wetter, sehenswertes (wirklich) Spiel (bestimmt Spielnote 2 oder 2,5), drei Punkte für den VfL, eine nette Unterhaltung mit Stuttgart-Fans im Regionalexpress zurück (die sich von ihren Fan-Kollegen auf dem Gleis gegenüber – „Bochum ist ein Judenklub“-Sprechchöre, böses Foul – eindeutig abgrenzen), ganz neutral, ohne jede Wertung – alle haben das Spiel so gesehen wie wir… Gustl hat´s gedreht – siehe oben; der Name verbindet wirklich, wir haben’s gleich gewusst. Einmal VfL – immer VfL – wie wahr. Ein perfekter Tag klingt aus in Mülheims bester Pizzeria (Pizza Pasta), Mülheims bester Eisdiele (Rizzardini) und im T-Club bei ner 80er-Jahre-Party, in dem mich Blacks „Wonderful life“ beglückt.

Und doch muss ich an die Sportfreunde Stiller denken. „Wer, wenn nicht wir? – Wo wenn nicht hier? Wann, wenn nicht jetzt? Ans Ende denken wir zuletzt!“ Kein Gedanke mehr ans Ende.

Jetzt packen wir´s! 100 Pro!

Veröffentlicht unter Allgemein, Blog - damals, Bochum, Fußball, Ruhrgebiet, VfL Bochum, Weitere Texte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für Ans Ende denken wir zuletzt