12. April 2002 – VfL-MSV 3:0 – „Die schwere Geburt“

23 Tage vor der unglaublichen Aufstiegsparty 2002 in Aachen stand der MSV Duisburg dem VfL im Weg. Wenn Bochum gegen Duisburg spielt, sind das Feiertage in meinem Freundeskreis – so auch diesmal, auch wenn mich niemand begleitete. Denn für die Zebras, trainiert von Litti, ging´s um nichts mehr. Dementsprechend ernst nahm der VfL das Spiel, wartete geduldig auf die Chancen und siegte am Ende verdient mit 3:0.

Und so geht der viel gelesene Text, den ich „Die schwere Geburt“ nannte – versehen mit der Unterzeile „Tja meine Zebra-Freunde … war wohl nix!“

Wenn das viel, gern und oft gebrauchte geflügelte Wort der „schweren Geburt“ nicht nur bildlich gemeint, sondern auch noch sachlich korrekt ist… manoman, jetzt kann ich Frauen noch besser verstehen, warum die Stunden im Kreißsaal nicht gerade als die angenehmsten gelten. Der Sieg lag schwer im Bauch, schwer im Magen, die Minuten verrannen und verrannen; diese verflixten Tore fielen einfach nicht. 58 quälende Minuten dauerte es, dann, ja dann endlich… 1:0 und alles nahm seinen Lauf.

Doch halt! Es wäre fahrlässig, erst beim 1:0 einzusetzen, wenn es um das Spiel VfL gegen MSV geht. Nein. Gerade dieses Spiel hat eine besondere Vorgeschichte. Wenn Ihr aufmerksam meine VfL-Statistik verfolgt habt, dann wisst ihr, dass ich kein Spiel so oft sah wie VfL gegen MSV. Meistens kam dabei ein unvergleichliches Gegurke heraus, aber naja… aus meinem Bekanntenkreis gehören (aus welchen Gründen auch immer) einige dem Zebrastall an, und schon oft mutmaßte ich, dass ich alle fünf treuen MSV-Fans persönlich kenne (gehen da mehr hin?)! Jedes Jahr, in dem der VfL und der MSV derselben Liga angehören, ist daher ein Festjahr. Es gibt zwei Highlights, die jeweiligen Spieltage werden schon Monate vorher rot umkreist, die Termine dick eingetragen. Diesmal also der 12. April. Die SMS kursieren schon seit mehreren Wochen. Selbst wenn ich es wollte; ich könnte Euch nicht sagen, wie oft ich den Spruch „Wir versauen Euch den Aufstieg“ gehört und gelesen habe. Hätte ich Strichliste geführt, selbst ein frisch gekaufter 1000-Blatt-Stapel hätte nicht gereicht. Na wie dem auch sei. Die Umfrage vor 14 Tagen ergab, dass vielevieleviele Leute mitkommen wollten. Das Präteritum ist mit Absicht gewählt. Denn weder mein Bruder Thommy (zog eine Harry-Rowohlt-Lesung vor…), noch Zander (flog lieber mit Freundin nach Mallorca…), noch mein Onkel (ich vergaß, ihn anzurufen…), noch Arbeitskollege Marcus (feierte den 1. Geburtstag seines Sohnes…), noch Marc+Freundin (DJ bei einer Mallorca-Party) noch Tina+Helmut (beruflich verhindert), noch Kollege Alex von der Post (weilt in Köln) usw. waren tatsächlich am Start (Anmerkung: In der Kurve traf ich nicht mal die üblichen Gesichter…) Also traf mich wieder das Schicksal eines einsam-treuen Bekloppten. Damit wären wir dann bei der üblichen Bahn-Hinreise, die diesmal eine selten gewordene Besonderheit bereit hielt: Der NRW-Express kam aus Duisburg – sprich: war voller Zebra-Fans. Also lieber mal die Schnauze halten… Friedlich sahen die Jungs in meinem Abteil jedenfalls nicht aus.

Na dann mal rein ins Stadion: Um 18.10 Uhr ist es noch leer; ist aber auch ne Scheiß-Zeit, um 19 Uhr müssen die meisten noch schuften oder kommen gerade erst nach Hause. 15 500 werden es dann doch noch – und je näher das Saisonende rückt, desto mehr steigt mein Adrenalinspiegel. Das Zittern hat dann nichts mehr mit der Kälte zu tun, sondern mit der Anspannung. Ich gebe es zwar nur ungern zu – aber genauso lang, wie ich große Töne spucke (mit Vorliebe: „Wir hauen Euch sowieso die Bude voll“) habe ich einen Riesenbammel vor diesem verflixten Spiel. Diese Duisburger sind zu allem fähig, vor allem im Ruhrstadion. Ich weiß zu gut, dass dieses Spiel für viele MSV-Fans das Auswärtsspiel des Jahres ist und alle ganz besonders heiß nach Bochum kommen.

Meine Befürchtungen werden bestätigt. Siehe oben. Schwere Geburt. Mühsamer von Minute zu Minute. Es tut teilweise richtig weh, mit anzusehen, wie vergeben und dumm doch die Bochumer Bemühungen sind. Um es mal analytisch in einem Satz formulieren: Die erste Halbzeit ist scheiße-langweilig. Um es aufzudröseln: Die Duisburger schaffen es mit dem klassisch-modernen und gut umgesetzten 4-4-2-System, die Bochumer in Schach zu halten. Die Zebras spielen verhalten, bauen das Spiel langsam auf, lassen Bochum kommen. Aber dann das typische 4-4-2: Hinten dicht stehen, die Stürmer übergeben. Dann die Räume erst eng machen, mit allen Spielern Richtung Ball verschieben, dann – nach Balleroberung – mit langen Pässen Räume öffnen, schnell und direkt nach vorne spielen. Das alles mit einer gehörigen Portion Zweikampfstärke und mit weiten Drsek-Einwürfen gewürzt ergibt – ratlose Bochumer Angsthasen, denen kaum mehr einfällt, als den Ball dauernd irgendeinem Duisburger in die Füße zu spielen. Peter Neururer versucht´s mit der antiquierten Manndeckung; Fahrenhorst folgt Ebbers zum Beispiel auf Schritt und Tritt. Naja, richtig modern ist´s nicht, dafür aber die Offensivtaktik mit drei Stürmern. Wenn´s wenigstens was bringen würde. „Nichts geht“ hätte Boris Becker in seinen besten Zeiten in einer ähnlichen Leistungssituation gebrüllt. Als der Schiedsrichter zum Pausentee bittet, bibbere ich immer noch vor Anspannung. Meine 15 000 Kollegen zittern nicht, pfeifen aber aus voller Überzeugung. Und ich sagte noch: Riesen-Schiss. Halbzeit zwei beginnt; die SMS „Sieht nicht gut aus. Duisburg ist klar besser“ versende ich nur an meinen VfL-Kollegen Dirk nach München. Den Duisburgern verschweig ich diesen Anlass zur Schadenfreude. Und das ist gut so.

Denn in der 58. Minute – und hiermit sind wir wieder beim Berichtsbeginn angekommen – versenkt Hashemian die Kugel zum 1:0. Verdient? Naja, Duisburg hatte zwar die bessere und modernere Spielanlage, war aber doch zu defensiv eingestellt. Als der MSV versucht, offensiver zu werden, geht das gehörig nach hinten los. Christiansen zum ersten, zum zweiten; dazu noch weitere Chancen. Ein Super-Slawo-Freier, dazu Thomas-Seitfallzieher-Christiansen – 3:0. Superduper.

Jaaa, hipphipphurra, jetzt kann ich endlich die (ich gebe zu, schon vorbereitete) SMS „Ein virtuelles Taschentuch an meine Zebra-Freunde. Wir sehen uns höchstens noch im DFB-Pokal… Nie mehr 2. Liga“ an die MSV-Fans in meinem Freundeskreis verschicken. Welch Freude!

Die Rückfahrt in einem mit MSV-Fans prallgefüllten NRW-Express überstehe ich dann auch noch. Die Verspätung beträgt zwar 15 Minuten, aber es sind halt Fußball-Fans… „Ein Wagen voller Eishockey-Fans wäre mir lieber. Da habe ich wenigstens meine Ruhe“, grummelt der Schaffner vor sich hin. Geh doch in Rente, Du Langweiler! Zwei Rollstuhlfahrer sezieren das Spielgeschehen – der eine mit VfL-, der andere mit MSV-Schal. Ein versöhnliches Bild, da fallen die paar Dutzend Vollidioten nicht auf, die nur Unsinn in der Birne haben.

Mir ist´s eh schnurz. Leider muss ich nur jetzt nach Fürth fahren. Das hat mein Engelchen mit meinem Teufelchen auf der Schulter so abgesprochen. Aber das nächste ist mein 200. VfL-Pflichtspiel. Da ist eine weite Auswärtsfahrt doch gerade gut genug, oder?

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28. Januar 2010. 7. Urlaubstag. San Francisco.

Im Januar 2010 bereiste ich mit dem Rucksack die US-Westküste und sah mir Seattle im pazifischen Nordwesten sowie San Francisco und Los Angeles in Kalifornien an. Traumhaft! Ein Tagebuch führte ich nicht “live”, sondern “nur” in einer Word-Datei. Deshalb sind diese Zeilen noch nirgendwo erschienen. Es war ein sehr intensiver zweieinhalbwöchiger Trip, da ich ohne meine Liebste, sondern ganz allein reisen musste und in dieser Zeit mein schwer kranker Onkel starb, 10.000 Kilometer entfernt.

Am 28. Januar 2011, meinem siebten Reisetag, spazierte ich in San Francisco über die Golden Gate Bridge – Lebenstraum erfüllt. Ich nannte diesen Eintrag „DIE GRENZENLOSE FREIHEIT”:

Über den Wolken muss die Freiheit grenzenlos sein? Womöglich. Aber sie ist es auch bei einem Spaziergang über die Golden Gate Bridge.

Die Stadt San Francisco wäre selbst dann eine einzigartige Sehenswürdigkeit, wenn sie noch den Naturzustand hätte. Wenn kein Mensch jemals hier gewesen wäre. Die Bucht auf der einen Seite, der Pazifik auf der anderen und dazwischen 40 Hügel garantieren spektakuläre Ausblicke an jeder Ecke. Aber was die Einwohner San Franciscos in all den Jahrzehnten aus dem natürlichen Rohmaterial geschaffen haben, ist auch so beeindruckend, so überwältigend, so schön. An meinem ersten vollen Tag hier habe ich mir eine Menge davon angeschaut. Eine Menge.

Morgens will ich mich als allererstes eigentlich um mein Busticket nach Hollywood kümmern. Stehe deshalb extra sehr früh auf, dusche, bin enttäuscht über das angebotene Frühstück im Hostel (auf dem Herd in der Küche steht eine Pfanne – und auf dem Tisch daneben Pfannkuchenteig, wenigstens ist der kostenlos) – und gehe um kurz vor halbzehn los. Schaue zum Himmel und stelle fest: Hammer! Traumwetter! Blauer Himmel! Sonnenschein! Wer will denn da die Zeit mit Bustickets vertrödeln?

usa_homepage131_tag5waytogoldengate14andiIch jedenfalls nicht! Ich schaue auf die Stadtkarten, die ich habe (so einige: Lonely Planet, Baedeker, Auslage im Hostel), erblicke die unterschiedlichsten Stadtviertel (die ich alle sehen will), aber klar ist: Der Weg ist das Z… ich schreib’s nicht weiter, kostet sonst fünf Euro. Die Golden Gate Bridge ist der große Aufhänger dieser Reise, und Golden Gate will ich sehen. Jetzt. Sofort. Kann’s nicht erwarten, auch noch bei dem Wetter. Das ist Adrenalin, das ist Euphorie, das ist Entspannung, das ist Urlaub, ein bisschen von allem. Jaaaaa. Lebensträume erfülle ich mir nicht jeden Tag. Und deshalb sind die Emotionen kurz davor ganz besonders.

Ich beschließe, standesgemäß mit einem Cable Car die Tour von meiner Heimat im belebten Union-Square-Hotel-District bis zur Küste zurückzulegen. Von da ist’s noch ein kleiner Fußmarsch bis zur Brücke. Kaufe für 20 Dollar einen Drei-Tage-Pass des örtlichen VRR-Verschnitts und werde die Powell-Hyde-Linie bis zur Endhaltestelle benutzen. Die Fahrt ist ein Traum. Ich weiß, kein normaler Einwohner von San Francisco wird noch mit einem Cable Car fahren (eine Single-Fahrt kostet fünf Dollar), aber an jeder Straßenkreuzung gibt’s eine Sicht auf die Hügel, die Hollywood schon für so viele Verfolgungsjagden nutzte. Schnell wird auch die Bucht mit der Insel Alcatraz am Horizont sichtbar. Gleich. Gleich bin ich da. Am Ziel.

Der/das Nordkapp, die Brooklyn Bridge, das Weiße Haus, der Eiffelturm – solche Bauwerke waren Ziele. Aber keins stand in meiner „Da will ich hin“-Liste so weit oben wie die Golden Gate Bridge. Jeder, der mir, wenn ich zurückkehre, antwortet: Och, ist doch langweilig – den lache ich aus. Das ist nicht langweilig. Das ist traumhaft. Das ist die Freiheit. San Francisco schläft noch, als ich um kurz nach 10 Uhr die Küste erreiche. In Deutschland ist’s gerade 19 Uhr – und es schneeregnet, wie mir meine Liebste am Telefon berichtet. Ich mache sie neidischer von Tag zu Tag, was schmerzt. Ich kann die Brücke schon sehen.

Puh, ist aber doch noch ganz schön weit. Ich sehe, wie jemand in der kalten Bucht schwimmt (brrr…) und frage mich: Miete ich mir ein Rad oder laufe ich das kurze Stück? Ich laufe! Kopfhörer ins Ohr, die feinste Musik, die mein iphone hergibt („Everlong“, „Where is my mind“ und so) und los. Schon nach ein paar Metern entdecke ich ein Schild mit der Aufschrift „6 km“. Huii. Die Straße am Strand entlang heißt „Marina“. Hier sieht nichts so belebt aus wie am Union Square. Das ist relaxtes Strandfeeling. Ein paar Schilder weisen auf Volleyballfelder (und -verbote) hin und sonst sind um diese Uhrzeit wenige Touristen und viele Fitnessfreaks unterwegs. Viele Hunde aller Rassen und massig Jogger. Stimmt, gibt keine bessere Kulisse auf der ganzen Welt. Da würde selbst ich zum begeisterten Jogger werden. Die „Marina“ führt in den kleinen Stadtteil „The Presidio“, der kurz vor der Golden Gate liegt. „Presidio“ heißt nichts weiter als „Militärposten“, und deshalb besteht der Teil überwiegend aus Garten und ein bisschen Schnickschnack, der Touris wie mich vor dem anstrengenden Spaziergang über Golden Gate (hätte ich nicht doch eher radeln sollen *schwitz* ?) ablenkt. Nach Abermillionen Fotos ist die Brücke bei „Fort Point“ (filmisch verewigt von Hitchcock in „Vertigo“ 1958) ganz, ganz nah. Muss nur noch viele Treppen hinaufsteigen und …

… DA … DA! DAAAAAAAAA!!!

Meter für Meter erfülle ich den Traum. Diesen Traum. Vergesse die sechs Kilometer, die schon in meinen Knochen stecken, den Schweiß. Das Ziel ist erreicht. Da. Alles andere, was jetzt noch kommt, Zugabe. Der Blick geht rein in die San Francisco Bucht, auf die Insel Alcatraz, auf die Skyline mit der berühmten Transamerica Pyramid. Bleibe stehen, immer mal wieder, schalte mein iphone aus, weil ich den Verkehr der sechs Spuren hören möchte. Und den Wind, der vom Ozean in die Bucht weht und jeden Fußgänger mitzureißen droht. Nach 2,4 Kilometern bin ich am Nordende der Brücke angekommen, dem „Vista Point“. Abermals ein sensationeller Ausblick. Ich setze mich hin, lese im Baedeker die wichtigsten Fakten und die Entstehungsgeschichte der Brücke nach. Es ist schon zwischen halbeins und eins, verdammt, hab noch so viel Programm.

Schweren Herzens entscheide ich mich, husthust, für 35 Dollar ein Zwei-Tages-Ticket bei einem dieser eigentlich unsäglichen Hop-on-hop-off-Doppeldecker-Busse zu kaufen. Scheiße touristisch, aber jetzt einfach die schnellste und praktischste Variante. Ich hoppe auf, und wir fahren an der Ozeanseite zurück. Der Pazifik! Die Felsen!

Die Pflanzen bei „The Presidio“. Golden Gate. Ich glaube es erst, wenn ich zu Hause bin und mir die Fotos anschaue, die mich vor dieser Brücke zeigen. Im absoluten Schnelldurchgang will ich nun die nächsten Must-looks dieser Stadt abhaken. Ich fahre mit dem Bus bis zu „Fisherman’s Wharf“, einem Vergnügungsviertel als Verlängerung der „Marina“. Früher, ganz früher, verkauften die Fischer dort am frühen Morgen den Fang der Nacht. Heute ist der Wharf ein mieses Happening für Pauschal-Touristen. Unverzichtbare Sehenswürdigkeiten an jeder Straßenseite werden vorgegaukelt, doch von den Museen – sagen alle Reiseführer – ist höchstens das Aquarium sehenswert. Selbstredend sind alle wichtigen Fressketten und Souvenirshops hier vertreten (samt Neonwerbung), was dieses Viertel zwar bunter, aber nicht besser macht. Ich schaue mir am „Pier 39“ an, wie die berühmten Seelöwen von San Francisco um die Wette brunzen – und gucke schonmal, wo morgen das Schiff nach Alcatraz ablegt. Pier 33. Danach verschwinde ich schnell wieder, hoppe on.

Und wieder off im Stadtviertel „North Beach“. Ganz früher lebten dort die italienischen Fischer, ein kleines bisschen hat italienische Kultur überlebt, rund um den zentralen „Washington Square“ sieht alles recht hip und schick aus. Ich halte mich trotz des guten Wetters dort nur kurz auf und steige hoch zum Coit Tower, der einen ganz netten Blick auf Wharf, Alcatraz und Bucht bietet. Naja, wieder zwei Kilometer mehr gelaufen (auch noch krass bergauf), aber ganz umsonst war’s nicht. Da ich die Muskelkater ohnehin haben werde, setze ich meine Tour zu Fuß fort. Mehr geht in meinen Schädel ohnehin kaum rein, aber ein bisschen was nehme ich noch mit. Zum Beispiel einen kleinen Touch „Chinatown“ – eins der größten der Welt außerhalb Chinas. Ich spaziere bis zum „Financial District“ mit der stilbildenden „Transamerica Pyramid“. Ägypten im 21. Jahrhundert. Zwischen den Hochhäusern liegt die Endhaltestelle der Cable-Car-Linie „California Street“.

Ich steige ein und lasse mich wieder einen Hügel hinauf kutschieren. Steige um in die Powell-Hyde-Linie und bin gegen 16.30 Uhr wieder am Union Square. Glücklich.

Schaue mich um. Habe inzwischen meinen iphone-Kopfhörer komplett geplättet. Was liegt näher, als im original Apple-Store Nachschub zu holen!? Ich entscheide mich gegen die 129,99-Dollar-Ohrstecker – und nehme die 29,99-Dollar-Variante. Gäb’s bei ebay oder bei billiger.de günstiger. Aber hey: Apple! Store! Am Union Square suche ich ein bisschen Ruhe. Trinke ein Wasser. Blättere in den Reiseführern. Prüfe, ob ich mich an alles noch erinnern kann. Stelle dann fest, dass die Lombard Street gar nicht so weit entfernt liegt. Also rein ins Cable Car und wieder die Hügel hinauf Richtung Küste. An der „Lombard“ steige ich aus und gehe die weltberühmte Serpentinen-Straße hinunter. Leider sind die Pflanzen noch nicht bunt. Leider! Als ich nach heute insgesamt zwölf Kilometern zu Fuß wieder in der Cable Car zurück Richtung Union Square fahre, ist es schon lange dunkel.

It’s a beautiful day.

Einkaufen muss ich noch. Morgen zum Frühstück gibt es einen Chocolate-Chip-Muffin und stilles Evian-Wasser. Aufstehen muss ich recht früh, um pünktlich um 10.15 Uhr am Alcatraz-Pier-33 zu stehen. Dick bepackt gehe ich zum Italiener, freue mich des Lebens, bestelle einmal Lasagne und eine Diet-Coke (0,5 Liter für 1,75 Dollar) und schaue mir die Fotos auf meiner Digitalkamera noch einmal an. Union Square, Cable Car, Marina, Presidio, Golden Gate, Fisherman’s Wharf, Pier 39, Coit Tower, North Beach, Washington Square, Chinatown, Financial District, Transamerica Pyramid, Lombard Street. San Francisco ist auch bebaut ein einziges großes Fotomotiv. Eine der Top-Sehenswürdigkeiten auf der ganzen Welt. Die schönste Stadt der USA – da gibt es nicht den geringsten Zweifel. Weitere spannende Stadtviertel und bekannte Museen habe ich noch nicht einmal gesehen. Was macht San Francisco aus? Die Mischung aus Natur, Metropole und Kalifornien. Die lockere Risikofreude der Bewohner – schließlich steht jede Sekunde ein schweres Erdbeben bevor. Und die beispiellos tolerante Bevölkerung erst. Na klar liegt das an der Geschichte der Stadt, an den 60ern, als Janis Joplin und die Grateful Dead in der Stadt wohnten. Als der „Summer of love“ im Stadtteil Haight-Ashbury stattfand. Als sich Bob Dylan und Jimi Hendrix hier sehen ließen. Als von San Francisco die Anti-Vietnamkrieg-Bewegung ausging. Na klar liegt das an der Akzeptanz der Homosexuellen-Bewegung, die vor allem in den Stadtvierteln The Castro und The Mission sichtbar sein soll. Doch nicht nur dort gibt es Regenbogenfarben.

Das Leben des ersten bekennenden schwulen Stadtrats Harvey Milk wurde erst 2008 verfilmt („Milk“ mit Sean Penn). Seit 1956 hat San Francisco keinen republikanischen Präsidentschaftskandidaten mehr mehrheitlich gewählt. Und als einzige Metropole in den USA hat San Francisco den Besitz von Handfeuerwaffen ohne Schein verboten. „Be sure to wear some flowers in your hair“. Ja, da habe ich es doch noch geschrieben. Wäre die Welt doch überall so friedlich.

Weit nach 21 Uhr schließe ich kaputt, übermüdet, aber nicht hungrig und durstig, mein Hostelzimmer auf. Es dauert nicht lang, bis ich in einen ganz, ganz tiefen Schlaf sinke. Und träume. Von diesem Tag. Aber das werde ich nicht nur heute.

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27. Januar 2010. 6. Urlaubstag. Seattle. San Francisco.

Im Januar 2010 bereiste ich mit dem Rucksack die US-Westküste und sah mir Seattle im pazifischen Nordwesten sowie San Francisco und Los Angeles in Kalifornien an. Traumhaft! Ein Tagebuch führte ich nicht „live“, sondern „nur“ in einer Word-Datei. Deshalb sind diese Zeilen noch nirgendwo erschienen. Es war ein sehr intensiver zweieinhalbwöchiger Trip, da ich ohne meine Liebste, sondern ganz allein reisen musste und in dieser Zeit mein schwer kranker Onkel starb, 10.000 Kilometer entfernt.

Am 27. Januar 2011, meinem sechsten Reisetag, flog ich von Seattle nach San Francisco. Ich nannte diesen Eintrag „WITH OR WITHOUT FLOWERS IN MY HAIR“

Meine Fresse schwitze ich. So habe ich zuletzt im Jahrhundert-Sommer geschwitzt, als ich bei 40 Grad das VfL-Spiel gegen den HSV gesehen habe. Hammerhart. Dass das wirklich so hügelig ist in San Francisco. Ham-mer! Un-glaub-lich! Nein, ich singe noch nicht Scott McKenzie. Nicht heute. Ich will erzählen, wie die drei Kapitel meines heutigen Tages aussahen.

Kapitel 1. Die letzten Momente in Seattle.

usa_homepage24_tag2andivorspaceneedleAm frühen Morgen verschwindet die Skyline Seattles im Nebel, als ich gegen halbzehn in der Link Light Rail Richtung SeaTac-Airport sitze, mich frage, ob ich alles eingepackt habe und sehr traurig bin. Eine freundliche Stimme (nicht so mechanisch wie bei uns) sagt die einzelnen Haltestellen an, ein zweites Mal geht es quer durch Downtown (mit den ersten fünf Stationen kann ich nun sogar etwas anfangen) und dann durch Vororte wie „Mount Baker“, „Rainier Beach“, „Columbia City“ und „Othello“.

Viel abgewinnen kann ich diesen Flecken zwischen Straßenbahn und Freeway immer noch nicht, aber direkt an der A40 stehen ja auch nicht die schönsten Häuser Essens. Nach der „Tukwila International Boulevard Station“ sattele ich auf. „Next stop SeaTac-Airport“, sagt die junge Dame, „doors to my left.“ Ich gestehe, ein bisschen nervös, ja sogar angespannt zu sein. Bin ich pünktlich? Klappt alles mit dem Check-In? Was erwartet mich in San Francisco? Kann mich nicht erinnern, in Vietnam mit einem solchen Bauchgrummeln von Station zu Station gereist zu sein. Werd älter, ich sag’s ja.

Aber alles passt wunderbar, die Kontrollen hier in Seattle sind so viel entspannter als in Frankfurt. Anderthalb Stunden vor der geplanten Abflugzeit sitze ich (jetzt gerade) am Gate N1, blicke in die Sonne auf das „Alaska Airlines“-Schild (Alaska!!). Und im TV präsentiert Steve Jobs auf CNN gerade das „ipad“, die nächste Apple-Revolution. Wenn ich in fünf Jahren noch einmal dieses Tagebuch durchlese, lache ich vermutlich darüber und halte selbst ein solches Ding in der Hand, aber jetzt gerade ist’s eine große Nummer. Bild.de schreibt seit Tagen drüber, auch der Spiegel, wir und die anderen. Wie witzig, dass die Präsentation live in San Francisco stattfindet, die Stadt, in der ich in vier Stunden landen werde. Hätte ich ja fast noch arbeiten können, wenn ich das gewusst hätte.

Der Duft von Burger King steigt mir in die Nase, als ich noch ein letztes Mal über die Zeit hier in Seattle nachdenke. „Excellent“ habe ich auf die obligatorische „How are you?“-Frage am Vormittag geantwortet. Die Liebste hat sehr gefehlt. Hätte ich etwas anders entscheiden sollen? Ein anderer Hotel-Standort vielleicht? Nein, ich denke nicht. Für die Sehenswürdigkeiten gibt es kaum einen besseren Ort, obwohl – keine Frage – es sehr schwierig ist, in einer solchen Hotelkette coole Leute kennenzulernen. Abends ist auch tote Hose und Einheimische halten sich an der Space Needle, in den Museen, in Downtown, am Pioneer Square oder an der Waterfront auch nicht wirklich auf. Aber ich wollte das alles sehen, habe das auch geschafft, bin viel gelaufen. Und zu einem kleinen Abstecher ins In-Viertel Capitol Hill

hat es ja doch gereicht. Als zuweilen schissiger Alleinreisender bin ich sowieso nicht wirklich der Partygänger. Typfrage.

Der pazifische Nordwesten bietet so viele andere Typen als Florida. Hier ist es jung, mild und es gibt kein Disneyland, Springbreak in Fort Lauderdale oder die pralle Sonne in Miami Beach. In der Elliott Bay beträgt die Wassertemperatur das ganze Jahr über maximal zehn Grad. Baden ausgeschlossen. Witzig, dass ich ursprünglich überlegt habe, die zwei Wochen in Florida zu verbringen. Das wäre die falsche Entscheidung gewesen, definitiv. Seattle würde ich gern noch einmal wiedersehen. Vielleicht als Startpunkt einer Great-Lakes-Coast-to-Coast-Tour. Von Seattle dann nach Vancouver – und über die Rockies, den Lake Winnipeg, Lake Erie, Lake Michigan, Chicago und die Niagara Falls nach Montreal. Gern wäre ich auch zu den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver gereist. Die beginnen ja schon in drei Wochen. Und Seattle rüstet sich ein bisschen. Die Stadt will auch ein paar Touristen abgreifen, da Vancouver genauso weit von Seattle entfernt ist wie Frankfurt vom Ruhrgebiet. Aber die Stadt putzt sich nicht etwa besonders heraus. Hat sie auch nicht nötig. In der „Seattle Times“ (die jeden Morgen – Luxus – an meiner Türklinke hing) gab’s neulich einen Aufmacher, dass jeder Amerikaner seinen Reisepass mitnehmen muss, wenn er nach Kanada will. Mehr auch nicht.

Und jetzt werde ich vor dem Abflug meine Liebste anrufen, hab ich versprochen und will ich auch – und dann warten, bis die „Boarding Time“ beginnt. Im Flieger schaue ich mir die San-Francisco-Unterlagen an. Am Airport bin ich dann wieder nervös, angespannt, bekomme Bauchgrummeln. Wie ist das Einreiseverfahren, wenn ein Inland-Flug hinter mir liegt? Kommt mein dicker Rucksack an? Wie lange dauert das alles? Wie komme ich zu meinem Hostel?

Ach, das wird schon. Stelle gerade fest: „Werd älter“ trifft’s doch nicht so ganz. War’s einfach nur nicht mehr gewöhnt.

Kapitel 2. Flug.

„Warten, bis die „Boarding Time“ beginnt“, habe ich geschrieben. Und das war ein ziemlich langes Warten. Als ich mein Netbook gerade zugeklappt hatte, als ich gerade das erste Tages-Kapitel abgeschlossen hatte, meldete sich ein Mitarbeiter von „Alaska Airlines“ und sagte irgendetwas (nicht verstanden, schlechte Soundanlage). Auf jeden Fall änderte sich die „Boarding Time“ von „11.50 am“ auf „1.15 pm“. Super. Verlassen habe ich Seattle dann schließlich um 14.15 Uhr, 20 Minuten später sollte der Flieger eigentlich landen. Auf Sitzplatz 24A verbringe ich nun die 90 Minuten bis zur Ankunft. Wir fliegen über die komplette Westküste, das Wetter ist nach wie vor blendend, fast die ganze Zeit gibt’s die perfekte wolkenlose Aussicht auf Berge, Wasser und Wüste. Nur über San Francisco Downtown liegt leider eine Wolkendecke, so dass ich auf einen Blick auf die Golden Gate Bridge noch bis morgen werde warten müssen. Ziemlich genau 16 Uhr ist es, eine Stunde vor der Dämmerung, als ich erstmals in meinem Leben kalifornischen Boden betrete. Bis zur Gepäckausgabe, der „Baggage Claim“, ist es nicht weit, mein Rucksack kommt auch ruck, zuck – da muss ich jetzt nur noch auf die Einreisekontrolle und den Zoll warten.

Warten?

Nein! Bei Inlandsflügen gibt es keine Kontrollen. Das ist mir neu. Für Inlandsflüge gibt es scheinbar ein Extraterminal. Du holst deine Tasche ab und gehst raus, ohne einmal deinen Reisepass zu zeigen. Krassomat. Muss schon sagen, dieser Flughafen ist – trotz seiner Größe – perfekt organisiert. Zur Air-Train-Haltestelle geht’s drei Etagen nach oben, dann zwei Minuten bis zur Bahn-Haltestelle. Noch schnell 8,10 Dollar für eine Fahrt abdrücken (Meilen billiger als eine Taxifahrt) und rein ins BART.

Nicht Simpson. BART gleich Bahn.

Kapitel 3. San Francisco.

Ich merke schon jetzt, um 16.30 Uhr, dass ich heute nicht alt werde. Erstens werde ich erst eingecheckt haben, wenn es stockdunkel ist, zweitens war’s heute morgen früh. Schade, weil meine Zeit hier begrenzt ist, aber gegen meinen Körper gewinne ich nur selten. Nach der Abfahrt sehe ich aus dem Fenster, dass wir scheinbar durch South San Francisco düsen. „The Industrial City“ nennt sich dieser Stadtteil. Wir fahren noch an weniger perlenartigen Vororten wie „Daly City“ vorbei und die finsteren Bahnhöfe machen eher Angst als Mut. Als es dämmert, erreiche ich meine Zielstation „Powell Street Station“ direkt am Union Square im Zentrum von Downtown. Wow.

San Francisco. Flowers. Hair. Going. Direkt vor der Haltestelle hat eine Gang ihre Soundmachine aufgestellt und hüpft zu Hip-Hop-Beats. Eine Cable-Car hat gerade ihre End-Haltestelle erreicht. Ich bleibe stehen und staune.

Auch über die Berge der Stadt. Dass San Francisco hügelig ist, habe ich überall gelesen. In jedem Reiseführer steht das. Aber so hügelig? Das ist dann doch etwas sehr hart! Ich sattele 20 Kilo auf meinen fast 32 Jahre alten Rücken und laufe Block für Block ab. Das Stadtviertel „Union Square“ grenzt an das zwielichtigste Nuttenviertel San Franciscos, „The Tenderloin“. Gerade in Dämmerung und Dunkelheit, sagt selbst der Lonely Planet, sollte jeder Tourist hier besonders achtsam sein. Bin ich auch.

Ohne mich zu verlaufen und ohne ausgeraubt zu werden, klopfe ich in der Dunkelheit an die Tür des „Amsterdam Hostels“, wieder in einer Taylor Street. Ist so eine Lonely-Planet-Empfehlung. Auch für diese Entscheidung habe ich zu Hause ewig gebraucht. Wieder eine Kette – oder diesmal ein Hostel? Ich habe mich für die hippere Hostel-Gegend entschieden. Mal schauen, was hier so geht. Das Amsterdam Hostel hat jedenfalls, wie ich erfahre, eine Küche, ein TV-Raum, sogar einen „Movie Room“. Leider ist auch hier scheinbar nichts los. Ich höre gar nichts, als ich mein Zimmer betrete.

Und staune, als ich es sehe. Eigentlich dachte ich an „Shared WC“, aber ich habe ein Riesenbett, TV, Kühlschrank, Mikrowelle, Badezimmer, Toilette – für den gleichen Preis. Nebensaison, ich sag’s ja. Ich recke einmal kurz meine müden Knochen und trockne meine verschwitzte Haut und breche – obwohl es schwer fällt – noch einmal auf. Um am Geldautomaten erstmals ein paar Dollar zu ziehen, um ein bisschen was zu knabbern einzukaufen und um mich in der Union-Square-Gegend ein bisschen umzusehen. Naja, etwas essen muss ich auch noch. Eine amerikanische Pizza wird’s, wieder ist sie exzellent – hat aber viel Knoblauch geladen. Während ich langsam Stück für Stück verdrücke, senden CNN, ABC und Fox „The State of the Union“, Präsident Obamas jährliche Ansprache im Kapitol an die amerikanische Bevölkerung. Es ist seine erste. Egal, in welchen Laden ich schaue, ob in meinen eigenen oder die benachbarten. Hier interessiert sich niemand dafür. Nur ich. Komisch.

Den Tag beende ich schon um kurz nach 20 Uhr. Nein, ich gehe nicht in den Movie Room, in den TV-Raum. Ich sinke auf mein Bett, schaue Obama zu Ende und dann Serena Williams im Halbfinale der Australian Open und schlafe.

Morgen sehe ich Golden Gate. Yeah!!!

Aber erst morgen. Heute bin ich noch without flowers in my hair.

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Die Popbeauftragte

Irgendwann im Oktober 2007 steuerte ich meinen Smart Richtung Münster. Im dortigen Prinzipalsaal bereitete sich Sarah Kuttner auf eine Lesung vor. Ich durfte sie vorher für den WAZ-„Mantel“ interviewen, für die Seite „Menschen“.

Wir trafen uns im sehr kleinen Künstler-Vorbereitungsraum des Prinzipalsaals, saßen gemeinsam nur bei Kerzenlicht auf der Couch, ich war – als ganz frischer Volo – etwas nervös. Einen Text habe ich doch noch hinbekommen.

Und zwar diesen hier am 27. Oktober 2007:

„Es klack, klack, klackt im Prinzipalsaal in Münster. In Schuhe mit hohen Absätzen hat Sarah Kuttner ihre kleinen Füße gepresst, die Zehennägel rot lackiert. In 45 Minuten wird sie hier aus ihrem aktuellen Buch „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ lesen. Sie setzt sich auf einen Stuhl auf der Bühne. „Ich hab‘ hier ganz viel Kram auf dem Tisch. Stört das? Bin ich auch zu sehen?“ Ja, ja, ja. Lichtprobe für die Queen des Schnellsprechens, für eine der umstrittensten Figuren der Popkultur.
Noch 40 Minuten. Probe vorbei. Sie ist die Sarah, siezen unmöglich. Die Zeit bis zum Auftritt verbringt die 28-Jährige in einem kleinen Zimmer in der ersten Etage, mit Blick auf den Saal. Säfte, Wasser, eine Dose Red Bull stehen auf einem Tisch. Sarah setzt sich auf eine Couch, kramt eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche. Vor 80 000 moderierte sie im August in Rostock das „Deine Stimme gegen Armut“-Konzert. In Münster werden’s 500, im Zimmer ist sie allein. Der Saal füllt sich, Sarahs Fans sind überwiegend unter 30. Ist sie, die 1,60 Meter kleine Plaudertasche, eine Leitfigur?

Sie zieht lang an ihrer Zigarette. „Ich hab‘ mir das nicht ausgesucht“, sagt sie. Bei Viva und MTV bestimmte die Sarah zwischen 2001 und 2006 die Trends der alternativen Jugend mit. Doch jetzt? „Ich bewege mich in einem musikalischen Dämmerschlaf.“ Die Ballade „Hey there Delilah“ von den Plain White T’s hörte sie neulich im Radio, kaufte sich den Song im Internet. Und stellte erst dann fest, dass er seit Wochen in den Charts ganz oben steht. Sarah ist im Moment raus aus dem Geschäft. Im August 2006 lief ihre eigene Show bei MTV aus. Sie hält sich außerhalb des Bildschirms fit. Auf Bühnen.

Denn trotz ihrer TV-Abstinenz ist sie populär. Pop. „Ich bin so Pop, wie man Pop sein kann. Und weniger indie als alle glauben.“ Indie heißt Independent, das steht für kreative Ausdrucksformen aller Art. Sarah kann kreativ reden. Schlagfertig quatschen, labern. Labern und labern und sabbeln und immer schnell, schneller, am schnellsten. Ist die Kamera aus oder liegt eine Etage zwischen dem Publikum und Sarah, überlegt sie, was sie sagt. Zieht an der nächsten Zigarette vor der Antwort. „Ich mache erst wieder TV, wenn ich glaube, dass es gut wird – ich bin da pingelig“, sagt sie. Sie taucht vergleichsweise selten auf. Zum Beispiel wenn es um ihr Buch geht.

Das ist kein Roman, sondern eine Kolumnensammlung. „Eine ganz gute S-Bahn- und Klo-Lektüre.“ Sagt Sarah selbst. Es geht um Mode, Musik, Menschen. Sie redet viel von Liebeskummer, von eigenen Erfahrungen – nennt aber keine Namen. Sie ist privat, aber nicht persönlich. Es bleibt oberflächlich, meist ohne Tiefsinn. Sie verstelle sich vor der Kamera nicht. Nur wenn es ihr persönlich schlecht ginge . . .

Schlecht kommt bei Sarah das Ruhrgebiet weg. „Liegt Mannheim dort? Mir ist das Ruhrgebiet egal.“ Am 30. Oktober liest sie in der Essener Zeche Carl und verschwindet schnell wieder. Zurück nach Berlin, in ihre Heimat. „Ich bin froh, dass wir die Loveparade abgegeben haben.“

Wir heißt Berlin. Geboren ist die Tochter des Radioreporters Jürgen Kuttner 1979 im Osten Berlins, in einem „intellektuell-alternativen Elternhaus“. Kolumnen über diese Zeit würde sie nicht hinbekommen. Weil sie sich nicht für eine Romanschreiberin hält. Und weil sie kaum noch Erinnerungen hat. Nur eine – an den Frühstückstisch einer Freundin. „Mir lief einmal“, erzählt sie, „vom Toast der Honig runter. Da habe ich gesagt: Der läuft nach Hamburg.“ Der Vater ihrer Freundin schaute böse. „Höchstens nach Dresden“, sagte er. – „Dabei haben die West-Fernsehen geguckt.“

Zu sehen ist sie erst einmal nicht. Aber ab 9. November zu hören – mit ihrem Vater in der Radiosendung „Kuttner und Kuttner“ im RBB. Die beiden reden übers Leben. Reden hat sie beliebt gemacht. Und unbeliebt. „50 Prozent finden mich top. Die andere Hälfte hasst mich aus Leidenschaft. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe, habe es nie drauf angelegt. Ich bin nicht unanständig gekleidet, ich provoziere nicht bewusst.“
Noch fünf Minuten. Sie drückt die letzte Zigarette aus, setzt ihre Sarah-Öffentlichkeits-Popmine auf, klackt Richtung Bühne. Der Prinzipalsaal ist pickepackevoll. Bis auf den letzten Platz.

Spot an.“

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Oh wie ist das schön!

Am 5. Mai 2002 bloggte ich über das Zweitliga-Spiel zwischen Alemannia Aachen und dem VfL. Der VfL siegte nach denkwürdigen 90 Minuten mit 3:1, überholte in letzter Sekunde den FSV Mainz 05 und stieg in die Bundesliga auf. Dieses Spiel gehört zu meinen „Top 5“ in bisher 24 Jahren VfL, vielleicht sogar zu den „Top 5“ der Vereinsgeschichte. Ein unglaublicher, unfassbarer Tag.

Den Text zum Spiel nannte ich „Unbelievable – Oh wie ist das schön!“ – und so geht er:

Jetzt, da ich diese Zeilen hellschwarz auf hellgelb (Layout meiner ersten Homepage, Anmerkung im Januar 2012) auf dem Bildschirm verewige, ist es acht Stunden her. Ich bin alleine, laufe in der Wohnung auf und ab. Keine Stimmen, die mir ins Ohr brüllen, keine Arbeitskollegen, die sich nach meinem Befinden erkundigen. Nur die Bilder vom Videoband, viel mehr noch die Bilder in meinem Kopf und ich. Es kommt höher und höher, eine Träne kullert meine Wange herunter; langsamer und langsamer rinnt sie über meine Haut. Meine Hand formt sich zur Faust, und genau JETZT habe ich es begriffen. Aufgestiegen! WIR SIND WIEDER DA! Es ist wirklich wahr, was ich zum 16.48 Uhr erlebt, was ich gefühlt habe. Das Spiel vorbei, herzinfarktgefährdet, 3:1 gewonnen. Und dann die goldene Nachricht vom Nebenmann. Der verharrt, erstarrt, drückt den Radio-Kopfhörer durch sein Ohr bis zum Trommelfell. Dann strapaziert er seine Stimmbänder wie nie zuvor: „AUUUUUUS! AUUUUS!!! 3:1 FÜR UNION!!!!!!“ JAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!! JAAAAAAAAAAAA!!!!

Hüpfen, hochspringen, Sergej Bubka Konkurrenz machen!!! Kommt in meine Arme, allesamt! Ich umarme den Nebenmann mit dem Radio, den Vordermann mit dem Schnäuzer, den anderen Nebenmann, der mehrfach den Sanitäter holen wollte, weil er kurz vor dem Nervenkollaps stand. Die Tore öffnen sich, rauf auf den Rasen, auf den goldenen Rasen, der uns die 1. Liga brachte. Hier werde ich so schnell nicht mehr hinkommen; tschüss Aachen, wir haben´s gepackt! Wie Beckenbauer 1990 in Rom schlurfe ich übers grüne Geläuf.

Durchquere es im Quadrat, nehme Platz auf der Trainerbank, springe auf, spaziere von Eckfahne zu Eckfahne. Die Hände sind ganz tief in der Hosentasche vergraben, ich spüre nur noch, dass mein Handy im Sekundentakt vibriert. Meine Gedanken sind ganzganzganzganz weit weg. Woanders, in einer anderen Galaxie. Mein 202. Bochum-Spiel; eins, dass in die Geschichte eingeht als das mit dem größten Nervenkitzel, als das mit dem schönsten Aufstieg. Die Mannschaft kommt nochmal raus, Peter Neururer, gezeichnet von einer tränenreichen und feucht-fröhlichen Kabinenparty, strippt vor den Fans, entledigt sich seines Aufstiegs-T-Shirts – das wird ne ganz lange Nacht in Bochum. Nur widerwillig verlasse ich den Ort des Triumphes. Zurück zum Bahnhof. Ich glaub im Bus sitzen nur Aachener. Egal. Ich lese zahlreiche SMS. Alle gratulieren, sogar die Duisburger Fans, die seit Monaten sticheln. Mein Bruder Thommy ruft an, aus Hannover, dort hält er eine Lesung.

– Ist es wahr, was ich hier gerade eben gehört habe?

Ja, ist es. Ich versuche, alle Ereignisse in einer Minute zu rekonstruieren. Meine Gedanken überschlagen sich vor Glück, es sprudelt alles nur so aus mir heraus. Dass ich bei Oddset gewonnen habe, zum sechsten Mal in Folge; selbstverständlich! In Trance führe ich zwei dienstliche Gespräche, heiser, im blauen Himmel fliegend, mich in der Sonne bratend, mit einer schönen Frau liebend; sprich: immer noch in der anderen Galaxie. Ich arbeite noch zwei Stunden, irgendwie, mein Trikot bleibt an, mein Schal bleibt um, jeden, den es gar nicht interessiert, konfrontiere ich mit meinem unbeschreiblichen Gefühl, es ist schließlich lange her, dass ich so richtigrichtig glücklich war.

Tja, um 10.25 Uhr war das noch gar nicht so klar. Da waren es noch vier Stunden und 35 Minuten bis zum Anpfiff und ich verließ gerade meine Wohnung!

Mülheim, 10 Grad, strömender Regen, die Frisur hält. Oh je, das erinnert stark an das Union-Berlin-Spiel. Der April ist zwar vorbei, aber das Wetter lässt dennoch enorm zu Wünschen übrig. Okay, wenn das Spiel so ausgeht wie letzte Woche, kann ich damit leben. Aber wer gibt mir die Garantie? Wie es um meine Gefühle steht? Die Zweifel wachsen. Wir sind zwar punktgleich mit Bielefeld und nur einen hinter Mainz, aber  istdoch so unrealistisch. Das ist kein Kribbeln mehr im Bauch, das sind schon Bauchschmerzen. Als ob ich das Guten-Morgen-Müsli mit längst verschimmelter Milch verspiesen hätte. Der Regen durchnässt meine Lockenpracht, meine Trekking-Schuhe – die ich erstmals seit dem Nordkapp-Urlaub trage – schützen meine Füße vor der Nässe. Meine Brille ist voller Regentropfen. Ich sehe aus wie eine schlechte Karikatur eines Nachwuchs-Cartoonisten. Im Regionalexpress um 10.46 Uhr hocken wenige Bochumer – es ist noch früh. Huh, denen geht’s ähnlich wie mir, nämlich nicht sonderlich gut. Zweckoptimismus nennt man das wohl. Auch die „Lacherei“, wie mein VfL-Kumpel Stefan immer sagt, ist nicht so wie sonst. Gut, dass Alster (Pils/Fanta) für einen Bochumer „Leberverarschung“ ist, das habe ich noch nie gehört und zaubert ein Lächeln auf meinen Lippen hervor. Aber für den Schmunzler der Zwei-Stunden-Fahrt muss der Schaffner sorgen, der bei der Einfahrt nach Leverkusen Mitte über die Lautsprecher bekanntgibt: „Jetzt bitte ich alle Fahrgäste aufzustehen – und eine Gedenkminute für Bayer Leverkusen 04 einzulegen!“ Sensationeller Spruch! Die Uhr schlägt 12.50 Uhr, Aachen Hauptbahnhof, ein paar von den Bochumern sind doch lauter geworden, die „Ostwestfalen-Idioten“-Sprechchöre feiern ein unverhofftes Revival. Ohjemine, es pisst immer noch in Strömen, ich glaub, Petrus hat ne ziemlich üble Blasenentzündung. Das Miteinander mit den Aachener Fans ist wirklich phantastisch. Sie geleiten uns durch die Innenstadt, am Stadttheater vorbei, zum Bushof. Das dauert zu Fuß geschlagene 15 Minuten, und einen Eindruck von Aachen konnte ich nicht sammeln. Vielmehr war ich bemüht, den Regen von meinen Haaren fernzuhalten. Rein in den Bus, ab zum Stadion, schnell ein Würstchen essen; beim Frühstück habe ich nicht ganz so viel runtergekriegt.

Einen Stehplatz suchen, finden, und die Gedanken sortieren. Wie war das noch mit Tabellensituation? Wenn die unentschieden machen und wir… ach scheiß drauf! Wir müssen gewinnen und dann mal schauen.
Die Spieler kommen zum Warmlaufen, Applaus. Die Aachener Fans jubilieren schon jetzt: „Die Alemannia wird niemals untergehen“ und dann immer wieder „Bochum – Bochum – 2. Liga“, „Schade Bochum alles ist vorbei!“ Und niemand vermag zu widersprechen. Dariusz Wosz, wieder dabei, und Christiansen veranstalten schon weit vor dem Anpfiff jenes Arm-Gefuchtel, das den Fans symbolisieren soll: Gebt alles! Wir werden es auch tun! Und schwuppdiwupp sortieren 5000 der 8000 Bochumer ihre Radios und Handys, besorgen sich Ergebnis-Informanten, und da laufen sie ein. Das Spiel beginnt, 15.01 Uhr, und jetzt ist klar: Wenn jetzt Abpfiff wäre, wären wir raus. Berlin gegen Mainz 0:0, Bielefeld gegen Ahlen 0:0, Aachen gegen Bochum 0:0.

Es geht nicht gut los. Angriffswirbel der Aachener, der Daun wird zum besten Bochumer Abwehrspieler, vernagelt drei Chancen in zehn Minuten. 15.10 Uhr – Mist, Bielefeld 1:0. 15.15 Uhr – gelbe Karte Schindzielorz. 15.23 Uhr – gelb-rote Karte Schindzielorz! Lähmendes Entsetzen. 8000-facher Schlaganfall am Aachener Tivoli. Siehe Union-Berlin-Spiel! Wieder ein früher Platzverweis. Alles ist vorbei! Soll ich lieber schon jetzt nach Hause fahren und mir weiteren Ärger ersparen? Bielefeld gegen Ahlen 2:0, oh je, auf die könnnen wir wohl nicht mehr setzen. Die Idioten steigen auf. Also alles auf „EISERN UNION“! Letzte Woche waren die ja auch gar nicht so schlecht. 15.26 Uhr; Colding im Strafraum, FOUL! Elfmeter!!! Christiansen läuft an, verlädt Straub, DRIN!!! 1:0! Christiansen sprintet direkt weiter, raus, Dickhaut kommt rein! Schon jetzt das Ergebnis sichern. Aachen ist verunsichert, wir setzen nach. Buckley auf Freier, 2:0! Das Ding ist gelaufen, der Käse gegessen, der Drops gelutscht, das Kaugummi gekaut, das Schnitzel gebraten. Der Dreier ist im Sack, doch von ausgelassener Kirmes-Stimmung keine Spur. Zu dünn ist der Faden, an dem ein möglicher Aufstieg hängt. Und noch sind wir auf Platz vier.

Es wird putzmunter auf dem Platz. Bediako von Aachen fliegt nach einem Boeing-747-Foul an Wosz vom Platz. Meine Fresse, der kam mit einem Tempo angeflogen, meiomei. Neururer und Berger prügeln sich fast, die Nerven liegen sowas von dermaßen blank. Halbzeit. Die Bilanz: drei Tode gestorben.

16.02 Uhr, der Stadionsprecher verkündet die Uhrzeit, als der Schiri zum Showdown bittet. In der Pause haben zwei Alemannia-Fans ihren Frauen Heiratsanträge übers Mikro gemacht (und die haben sogar mit „JA“ geantwortet; vor so einer Menschenmenge ist ein Antrag wirklich Erpressung…). Um mir die Zeit zu vertreiben, habe ich an schöne Frauen gedacht, an solche, die wenig reden, an solche, die gar nicht reden, an solche, die viel reden; habe festgestellt, dass ich der lebende Gegenbeweis für solche Sätze wie „Es kommt immer dann, wenn du gar nicht damit rechnest“ bin. Indes: Es hilft nur wenig. Das Realität ist weiß auf grün, rund auf eckig. Keine 120 Mal habe ich nach der „einundzwanzig“-Methode die Sekunden gezählt, da klingelt’s; im falschen Tor. Caillas 1:2. Tod Nummer vier. Ahlen hat auf 1:2 aufgeholt, aber wen juckt das schon. Um mich herum das blanke Grausen. Alle 30 Sekunden brüllt jemand „1:0 für UNION BERLIN“ und ständig will einer alle verarschen. Tod Nummer fünf!

Führen die wirklich, oder nicht? Aachen wirft alles, aber auch alles nach vorn. Der van Duijnhoven hält internationale, nein welt-, nein galaxieklasse. Zwei Dinger, die selbst der Kahn nicht hält, fischt der aus dem Giebel. 2:1, aber wie lange noch? JUNGS, HALTET DURCH, BITTE! Um die Situation zu beruhigen (und die eigenen unglaublich-dummen Komplexe abzureagieren) zünden Idioten aus dem Ultra-Kreis zwei Rauchbomben. Der Schiri droht mit Abbruch, Wosz klettert auf den Gitterzaun. 2:1 für uns, Bielefeld führt 3:1, ist durch. Berlin gegen Mainz 0:0. „Schade Bochum alles ist vorbei“ hallt es durchs Rund, ja sogar „Bochum wir hören nichts!“ „Aachen wir sagen nichts“ will ich antworten. Ich kann nicht reden. Kriege keinen Ton raus. Tod Nummer sechs.

Immer wieder: Augen zu, wegdrehen, durchatmen. Weitere Herzinfarkte hinnehmen! Und dann diese Sekunde um 16.23 Uhr. Einer der zahlreichen Radio-Männer schreit laut auf: „1:0 für Berlin! 1:0 für Berlin! 1:0 für Berlin!“, immer wieder von vorne. Der Jubel kennt keine Grenzen. Ersatzspieler springen auf und ab. V – f – L, V – f – L ! Steht auf für den V – f – L ! Kann das die Möglichkeit sein? Und wir führen noch! Sieben Minuten später jubeln die Schwarz-Gelben. Sogar der Stadionsprecher will da mithalten. „Zwischenergebnis aus der 2.Bundesliga: Berlin gegen Mainz 1:1“ brüllt er. Und wieder „Schade Bochum alles ist vorbei“. Wer glaubt jetzt noch an das Wunder? Immerhin, die Mannschaft wird besser. Meichelbeck für Ristau, Toplak für Buckley. Dann ein Konter über Wosz, Freier marschiert auf und davon, 3:1! Wir haben’s gepackt, der Dreier ist unser. Jetzt noch Union Berlin. Bittebittebittebittebittebitte! Tod Nummer sieben!

Der Blick zu den Radioleuten. Was ist los? „Hab nur die Käsesender drauf“ charakterisiert einer die holländischen Funkstationen. „Läuft nur Musik“ schreit ein anderer, „Wer will denn was über die Scheiß-Dortmunder hören“, trompetet der nächste. Nichts und wieder nichts. Es wird 16.32 Uhr, 16.33 Uhr, 16.34 Uhr. Sekunden verrinnen, die imaginäre Sanduhr fließt schneller und schneller. Jemand durchbricht die Stille: „HURRAAAAAAAAAAAAAAAAAA! 2:1 IN BERLIN!!!!!!!“ Die Nachricht macht so schnell die Runde wie ein Feuer in einem staubtrockenen Wald nach einem Hochsommer. Haltet durch, Union! Haltet durch! Die Ersatzspieler drehen am Rad, umarmen sich, genauso wie die Dortmunder vor dem Gewinn der Meisterschaft, V – f – L, V – f – L ! Dann die Gewissheit: 3:1 für Union Berlin – wir sind aufgestiegen. 16.48 Uhr: zwei kurze und ein langer Pfiff – AUS!

AUFSTIEG!

So ist´s gewesen! Die Zeilen sind hellschwarz auf hellgelb auf den Bildschirm gebannt. Soeben habe ich alle anderen Tagebucheinträge aus dieser Saison nochmal überflogen – und obwohl die Erinnerung natürlich noch frisch ist, kann ich ohne Frage behaupten: Das war der mit Abstand schönste Aufstieg – noch nie habe ich so sehr mitgezittert, meine ganze Umgebung in meine Emotionswelt eingeweiht. Bin nach Mannheim gefahren, nach Bielefeld, nach Fürth, nach Aachen. Vom Nervenkostüm her war ich der Calmund von Bochum, wenngleich ich doch ein paar (hundert) Kilo weniger wiege… „Oh wie ist das schön! Sowas hat man lange nicht gesehen!“ und „So ein Tag so wunderschön wie heute!“ rufe ich in mich hinein (und nicht laut heraus; die Nachbarn schlafen!) Es ist ruhig geworden um mich herum. Listening to the sound of silence. Ich schecke es. Wir haben es geschafft. Wir sind wieder da. Nicht Burghausen, nein, Bayern München kommt ab dem 10. August ins Ruhrstadion. Feeling so real. Ein nicht endender Orgasmus. Einer nach dem anderen, immer wieder. Unbelievable!

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