20. Oktober 2007 – Bochum-FC Bayern 1:2 – „Seppel-Francks Sause“

Wieder mal ein Heimspiel gegen den FC Bayern, diesmal am 20. Oktober 2007, wieder eine Niederlage, diesmal mit 1:2.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Seppel-Francks Sause“ nannte und mit der Unterzeile „Also Ribéry: Sowas habe ich noch nie gesehen… Und sonst ist alles wie immer gegen Bayern: Riesen-Vorfreude, und nach dem Abpfiff so schnell wie möglich alles vergessen“ versah:

Es beginnt am Freitagmorgen. Fährst hin zur Arbeit, schiebst wie immer eine neue CD in den Player. Diesmal ein „Blindflug“, heißt: eine unbeschriftete. Die fliegt irgendwo auf der Ablage im Smart herum. Lied eins: „Sing“ von Travis, bestimmt schon einmal irgendwo erwähnt auf dieser Homepage, ist eine ältere CD. „But if you sing, siiiiing, sing“ *pause* „Sing, siiiiiiing, sing!“ Singe etwas, werde morgen singen, werde „Bochum“ singen. Rituale, wöchentlich. Da die ganze Welt weiß, dass ich VfL-Fan bin, fragen mich die bundesligaunkundigen Bekannten und Arbeitskollegen stets kurz vor Samstag, fümpfzehndreißich „Gegen wen spielt Bochum?“ Diesmal antworte ich ganz pflichtbewusst „Bayern München!“ und ernte danach fürchterlichste Sympathie. „Schlagt die mal“, heißt es dann – doch ein Schmunzeln folgt direkt danach. But if you sing. Freitag, Arbeitstag, kurz vor dem Wochenende. Noch ein paar Stunden überleben. Je näher der Anpfiff rückt, je häufiger ich auf das Spiel angesprochen werde, desto sicherer werde ich, dass nur wir das Spiel gewinnen können. Diese bekloppten Bayern. Okay, sie haben 70 Millionen Euro investiert, okay, sie sind noch ungeschlagen, okay, Ribéry und Toni verdienen zusammen soviel wie unser kompletter Kader – aber das ist FUSSBALL! Da geht alles! Und wir werden die Mannschaft sein, die Bayern stürzt. Ganz sicher. „Jetzt mal ehrlich“, fragt der Kollege Freitagmittag in der Kantine des Essener WAZ-Haupthauses, „wie geht’s aus?“ „Ganz klar 2:1 für uns“, sage ich.

Der Freitagabend wird noch einmal richtig Rockshow. Cottbus gegen Duisburg bei Freunden gucken, danach noch kurz bei „Deep Blue Sea“ reinzappen und tierisch erschrecken, als Samuel L. Jackson von einem mutierten Hai gefressen wird, danach der Freundin eines Freundes um kurz nach Mitternacht zum Geburtstag gratulieren und schließlich bis halb vier ins „Freeland“. But if you sing. Viel reden. Auch über Fußball. Bayern. War Länderspielpause. Und solche freien Wochenenden sind echt nix für echte Fußballer. Verschenkt ohne 15.30 Uhr. Wie oft haben wir nicht hintereinander gewonnen? Sechsmal? Egal. Schlafe ein, wache auf, spät, aber nicht zu spät, schmeiße mich unter die Dusche, in die Stadionklamotten, hole die Stadionzeitung aus dem Briefkasten, lese sie an – bin inzwischen sogar davon überzeugt, dass wir souverän mit 3:1 gewinnen und setze mich um 13.15 Uhr in den Smart, weil ich es ohnehin gar nicht mehr aushalte. Brülle bei „Sing“ richtig laut mit, an den roten Ampeln schauen die anderen Autofahrer bedröppelt, frei nach dem Motto „Was gehtn bei dem ab?“ Bekomme während der Hinfahrt drei sms. „Viel Erfolg gegen die Seppels“, funkt ein Volo-Kollege, BVB-Fan, gerade auf dem Weg nach Leverkusen. Wunderbar, das Wort „Seppels“ hatte ich vor geraumer Zeit aus meinem Sprachzentrum verbannt. Es feiert für heute ein grandioses Comeback. VfL-Fan Dirk aus München schreibt: „Wenn Du heute im Stadion bist: 2-1 fänd ich angemessen.“ Wenn ich im Stadion bin, haha. Richter Gerd, den ich sowieso gleich sehen werde, funkt: „Hmmm, sitze bei Sonne und blauem Himmel in der Straßenbahn, hab erstmals an den ipod gedacht, knall mich mit meiner „Laut“-Kollektion zu und glaube, Alter: wir haun die weg heut.“ Spitze, diese sms leite ich direkt an meinen Volo-Kollegen und Dirk weiter… fleißiges Hin und Her, Spitzenplatz unten im Parkhaus, Schal umlegen, sing, siiiiiiing, sing, gute Laune, Antwort um kurz nach zwei vom BVB-Fan: „Ganz groß, ich wünsch es euch! Nachdem mir der Ordneraffe fast mein Nasenspray gezockt hätte, bin ich jetzt auch endlich drin. Chemieschweine raus!“ Der Ticketshop hat geöffnet, die Schlange ist überschaubar, ich nutze die noch genug verbleibende Zeit, um Karten für die Auswärtsspiele in Berlin und Duisburg zu kaufen. Drei sms hin, drei her, viele kleine Kinder im roten Bayern-München-Trikot laufen neben ihrem oft gelangweilten Vater her – die Eindrücke der letzten 20 Jahre bestätigen sich. 50 Prozent aller Bayern-Fans gehen eben noch zur Grundschule. Die Fußballfanpubertät endet eben erst mit dem zehnten Lebensjahr.

Karten gekauft, rein in die Kurve, halbdrei. Suuuuperwetter. Sonne, blauer Himmel, wie es Gerd gerade schon schrieb. Zeit vergeht schnell, Unterhaltungen über dies und das, Stadionkram wie immer, lest nach bei allen weiteren Texten, die in diesem VfL-Blog stehen. Kinnlade runter bei der Aufstellung des FC Bayern. Kahn, Lahm und Sagnol fehlen, die halbe Abwehr. Und trotzdem stehen auf dem Platz: Ribéry, Klose und Toni, zusammen 45 Millionen Euro Ablöse, bisher gemeinsam 18 Saisontore in neun Spielen und eine endlose Zahl an Vorlagen. In der Innenverteidigung die südamerikanischen Nationalspieler Lucio und Demichelis, rechts die 21-jährige deutsche Hoffnung Jansen, im Mittelfeld ergänzen Mark van Bommel – gekommen aus Barca – sowie der türkische Nationalspieler Altintop und Brasiliens Selecao-Kicker Zé Roberto die Mannschaft. Auf der Bank die WM-Stars Podolski und Schweinsteiger sowie mit Sosa ein 10-Millionen-Euro-Mann und mit Schlaudraff ein weiterer deutscher Elitekicker. Was für eine Truppe. WAS FÜR EINE TRUPPE! Ein kleiner Bayern-Fan hat sich mitten in die VfL-Kurve verirrt und sitzt auf dem mittleren Zaun. Das macht uns alle fertig. „Kann doch nicht sein!“ Aber was tun? Einen achtjährigen Steppke vom Zaun runterholen, bevor das die Ultras erledigen? Der Vater kommt selbst drauf… Unser Maskottchen des Tages, fünf Jahre alt, tippt 5:0 für den VfL. Selten so gelacht, aber doch ganz großer Sport.

But if we sing. Siiiiiiiiing. Wir singen „Bochum“, erst zum dritten, vierten oder fünften Mal überhaupt kommt die letzte Liedzeile pünktlich mit dem Einlaufen. „Machst mit ’nem Doppelpass jeeeeeeeeden Gegner nass, Du und Dein VFL!“ brüllen wir den Bayern entgegen, 31.000 Zuschauer, ausverkaufte Hütte, Feiertag, weil die Bayern da sind. Koller hat wieder fleißig umgebaut, das wird ganz langsam zu einem Problem. Jede Woche zwei bis vier Änderungen: Gut kann das nicht sein. Diesmal spielt der italienerfahrene Pfertzel links für Bönig. Schröder ersetzt im Mittelfeld den rippenbrüchigen Dabrowski auf der zweiten „Sechser“-Position. Den stämmigen Mieciel hat Koller – trotz der guten 2/2-Bilanz – auf die Bank verbannt, dafür soll’s der laufstarke Epalle versuchen. Für Ilicevic ist Grote dabei, verdient nach einem starken U21-Länderspiel während der Woche. Die „goldenen Elf“, die das Spiel gewinnen, sind: Lastuvka, Concha, Maltritz, Yahia, Pfertzel, Zdebel, Schröder, Sestak, Grote, Bechmann und Epalle. Auf geht’s Bochum schießt ein Tooooooooor.

Munterer Beginn, Bechmann schießt den Ball zur Eckfahne in der zweiten Minute, wir erarbeiten uns eine Ecke in der sechsten Minute. Es läuft. Von Bayern kommt nix. In Minute zehn schnappt sich Grote an der Mittellinie den Ball. Er lässt den lustlos trabenden van Bommel locker stehen, umspielt Lell, danach auch noch Lucio, Altintop grätscht ins Leere, 20 Meter vor dem Tor, Grote schlenzt und TRAUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUMTOOOOOOR!!!! YEAH! Yeah! Let me sing. Siiiiiiiiiiiing, und diesmal: „Lalalalalaaaaaaaaaaaaa“, unser Torjingle kommt gut. Schalalalala. „Torschütze: DENNIS“ „GROTE!“ „DENNIS!“ „GROTE!“ Es steht weiß auf blau auf der Anzeigetafel: Wir führen 1:0 gegen den FC Bayern München. Doch nach elf Minuten war’s das mit dem VfL. Bis zum Schluss beginnt eine unglaubliche Fußballtrickserei von und mit Franck Ribéry. Sowas – und glaubt mir, ich bin fußballtechnisch weit herumgekommen – habe ich noch nie gesehen. Wie ein kleiner Mann in der Lage ist, mit dem Ball umzugehen, selbst in höchstem Tempo noch zentimetergenaue Pässe zu spielen, sich instinktiv immer richtig zu bewegen, das ist ganz, ganz große Klasse. Würde er nicht bei Bayern spielen, hätten wohl selbst alle Bochumer applaudiert. Zum Glück sind die Bayern heute nicht in Form. Unsere Top-Innenverteidiger Maltritz und Yahia haben den hochgelobten „besten Sturm Europas“ mit Luca Toni und Miroslav Klose super im Griff. Okay, die Bayern drücken, Chancen gibt es aber lediglich aus der Entfernung. Altintops Freistoß aus 25 Metern Entfernung fischt Lastuvka aus dem Eck. Van Bommel und Klose schießen jeweils zehn Zentimeter daneben. Okay, das einsnull wird von Sekunde zu Sekunde schmeichelhafter, zumal überhaupt keine Entlastung unserer Jungs kommt, unsere Viererkette bolzt einfach nur den Ball möglichst weit in die Bayern-Hälfte. In der 35. Minute isses dann leider soweit. Pfertzel verliert auf unserer linken Abwehrseite den entscheidenden Zweikampf gegen Klose, der passt flach, aber blind in die Mitte. Ribéry schaltet instinktiv und verlängert das Leder mit der Hacke in Richtung „langes Eck“. Die Kugel kullert und kullert und kullert, Lastuvka purzelt hinterher, Tor. 1:1. Verdient, keine Frage, aber auf diese Art und Weise doch ärgerlich. Auf geht’s Bochum schießt ein Tor?? 1:1, dabei bleibt es bis zur Halbzeit. Die Pause bietet uns ein interessantes Schauspiel. Pünktlich zum Aktionstag „Zeig dem Rassismus die Rote Karte“ betreten ein VfL- und der Joel-Epalle-Fanklub den Rasen. Und halten das Transparent „VfL-Fans gegen Rassismus“ in die Höhe. Schön.

1:1, dabei bleibt es auch nach der Halbzeit. Die Überlegenheit der Bay… äh Seppels wird erdrückender von Sekunde zu Sekunde – aber scheißegal, es passiert nichts. Lastuvka ist ausnahmsweise sehr sicher bei Flanken. Bayern-Trainer Hitzfeld hat die Schnauze voll und wechselt. Es kommen Schweinsteiger und Podolski. So will Koller bestimmt auch einmal wechseln können. Die Stimmung wird immer ruhiger, gespannter, ja, auch relaxter irgendwie. Bejubelt wird Rostocks 1:1 gegen Schalke 04, dabei ist das unfassbar dämlich, denn schließlich ist Rostock ein Konkurrent. Schalke nicht. Keine Zeit für Aufregung. Den Bayern fällt nicht mehr fiel ein, außer Ribéry anzuspielen. Aber in Minute 80 reicht das auch. Ribéry kommt über rechts wieder einmal bis zur Grundlinie durch, ein Rückpass, Schweinsteiger stupst den Ball Richtung Tor. DOCH WAS MACHT LASTUVKA DA? Er lässt das Kullerbälleken passieren. 1:2, scheißdreckscheißdreck, scheißemistdreck. Objektiv ist das natürlich hochverdient, obwohl die Bayern nicht einmal ein überzeugendes Spiel liefern – aber subjektiv natürlich höchst unglücklich. Wenn Lastuvka da nicht patzt, holen wir den Punkt. Ganz sicher! Bezeichnend, wie die Bayern das 2:1 über die Zeit schaukeln. In den letzten fünf Spielminuten hält Ribéry im Alleingang den Ball an der Eckfahne. Mal gibt’s eine Ecke, dann wieder ein Foul, unglaublich, was der Mann kann. Der Block A, der dieses Schauspiel hautnah miterlebt, schmeißt Feuerzeuge, Bierbecher – das bringt uns eine fette Strafe, aber Ribéry nicht aus der Ruhe. Abpfiff, verloren, zum siebten Mal in Folge ohne Sieg. Abstiegsplatz, weil eben Rostock gegen Schalke 04 den einen Punkt über die Zeit rettet.

Bleibe noch ein wenig stehen in der Kurve. Gerd verzieht sich schnell und sofort, wird seine „Laut“-Kollektion auf der Rückfahrt nicht mehr benötigen. Ich schaue auf den Rasen. Sekunden, Minuten. Dennis Grote wird zum „Knaller des Tages“ ernannt, zurecht, der einzige richtig helle Moment unserer Mannschaft in diesem Spiel. Wie immer gegen die Bayern.

Die kommen hierhin, geben dir ein Leckerchen, indem sie ein Tor kassieren und gewinnen am Ende doch schmutzig und humorlos. Tja. Fahre nach Hause, verlebe den Abend im beim Kulinarischen Abend im „Schrägen Eck“. Mag nicht mehr reden über dieses Spiel. Es ist doch verrückt. Gerade wenn du gegen die Bayern spielst, kribbelt’s besonders im Bauch ab Freitagmorgen. Aber direkt nach dem Abpfiff willst du vom Spiel nix mehr wissen. Let me sing, siiiiiing, sing. Und zwar jetzt folgenden Refrain: „Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen“. So isses.

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5. Oktober 2007 – Dortmund-Bochum 2:1 – „Maximal-Parks-Brutal-Niederlage“

Wenn ich heute gefragt werde, auf welche berufliche Zeit die summerofsixtyninige Zeile „Those were the best days of my life“ zutrafen, dann wohl am ehesten auf dieses zweite Halbjahr im Jahr 2007. Am 1. Juli 2007 begann mein Volontariat an der Journalistenschule Ruhr, ich lernte vieles neu, ja, sogar neue Freunde kennen. Freundschaften, die bis heute halten. Mit BVB-Fan Felix traf ich mich sogar am Rande des Spiels BVB gegen VfL, Anfang Oktober, Endstand 2:1 für Schwarzgelb.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Maximal-Parks-Brutal-Niederlage
oder: Hätte ich doch weiter mit Tönnies geredet“ nannte und mit der Unterzeile „Die ,Top 5 der dümmsten Niederlagen meiner VfL-Geschichte‘ muss ich neu zusammenstellen. Denn dieses Spiel gehört ab sofort dazu“ versah:

Lasst mich überlegen, nachts um drei. „Im Keller“ sind wir gelandet, eine Studidisko in Dortmunds Mitte, höre zum hunderttausendsten Mal in den letzten drei Monaten „Ruby“ von den Kaizer Chiefs, macht diesmal nix, in dieser Lautstärke ist’s extrem erträglich. Die Tanzfläche ist gut gefüllt, zumeist mit Erstsemestern, fühle mich etwas zu alt. Hinter dem DJ-Pult hängt ein Trikot von Borussia Dortmund, ein Tanzend… äh Taumelnder trägt ein Dede-Dress, bin verärgert, brülle „Ruby Ruby Ruby Rubyyyy!“ und es ist vergessen. Vergessen? Nein, doch nicht. Lasst mich überlegen, was waren die Top 5 in der Liste der dümmsten Niederlagen meiner VfL-Geschichte? Da war 1992 dieses 1:2 unter Osieck in Uerdingen. Kalt, November, Regen, unnötige Gegentore, und dann dieser Elfmeter, den unser heutiger Co-Trainer Funny Heinemann in der Nachspielzeit verschoss. Osieck sprach von den „Imponderabilien des Fußballs“. Sein Anfang vom Ende in Bochum im ersten Abstiegsjahr. Und wir brüllten alle „Osieck ist an allem schuld“. Ärgernisfaktor 1000, selbstverständlich, schon oft zitiert auf dieser Homepage, beim 0:1 im DFB-Pokal-Viertelfinale bei Union Berlin. Beim damaligen REGIONALLIGISTEN Union Berlin. Minus 10 Grad, Berlin-Köpenick in einer dunklen Dienstagnacht, Tor in der Nachspielzeit. Wohl ewig auf Platz eins dieser Top 5. Denk schon zu lange nach, „Books from Boxes“ von Maximo Park läuft, rücke der Tanzfläche etwas näher, beschließe dann: Das heutige Spiel, BVB gegen VfL am Freitag, 5. Oktober, Endstand 2:1, gehört auch auf diese Liste.

Freitag, 5. Oktober, ein weiterer Tag in meinem Volontariat, ein weiterer Tag in der Stadtteilredaktion Essen-Nord, ein historischer Tag. Wenigstens ein bisschen. Alles geht schnell rum, Schal und Trikot liegen in meinem Auto – liefe ich so im Haupthaus der WAZ herum, oweiowei… Um 16.45 Uhr verabschiede ich mich, aber nicht, um schon nach Dortmund zu heizen. Um 17 Uhr steht ein Termin an, beim SV Schonnebeck, tief in Essens Norden. Fahre quer durch die Stadt, suche ein wenig herum, fahre um zehn nach fünf auf den Parkplatz der Sportanlage „Schetters Busch“, die gibt’s schon seit langer, langer Zeit. Der SV ist gerade Erster in der Landesliga, hat bisher nur gegen Galatasaray Mülheim verloren. Am ersten Spieltag. Gesprächsort ist das Vereinshaus, und wer sitzt da am Tisch? Michael Tönnies, der ist Sportlicher Leiter. „Michael wer?“, fragen diejenigen von Euch, die sich nicht in der Vereinsgeschichte des MSV Duisburg Anfang der 90er auskennen. Tönnies ist einer der großen Zebra-Helden – und er hat einen dicken Klecks im Bundesliga-Geschichtsbuch als Schütze des „schnellsten Hattricks aller Zeiten“. Drei Tore in sechs Minuten, beim 6:2 gegen den KSC – ein Spiel mit insgesamt fünf Tönnies-Toren. In Liga zwei holte er in einem MSV-Aufstiegsjahr die Torjägerkanone – er schoss 29 Tore. Jetzt sitze ich Michael Tönnies gegenüber und rede über Landesliga. Sage der Runde direkt am Anfang, dass ich Karten für Dortmund gegen Bochum habe, ziehen das Ding schnell durch. Was für ein Tag.

Fahre noch ein bisschen durch die Ruhrgebiets-Prärie, quer durch Essens Norden, durch Gelsenkirchen-Feldmark – diesen Stadtteil kannte ich bisher noch gar nicht – ab auf die… tja… welche Autobahn soll ich nehmen? Habe die Wahl zwischen A2, A40 und A42. Entscheide mich für die letzte Variante. Fahre noch nicht zum Stadion, sondern direkt zu einem Mit-Volontär. Der ist großer Borussen-Fan, schreibt bei schwatzgelb.de mit, ein zugegeben höchst bekanntes Internetportal. Wir haben uns zwar zuletzt angefeindet und angepöbelt, aber egal. ‚S geht über die 42 und dann die A45 bis „Dortmund-Hafen“. Danach weiß ich nicht mehr weiter… Rufe ihn an, und den restlichen Weg schleust er mich quer durch Dortmund-Dorstfeld und Dortmund-Mitte. Doch ganz schön groß, dieser Laden. Also Dortmund.

Quatschen noch ein wenig über Fußball, wir beide sind äußerst fußballfrustriert. „Mach dir keine Sorgen“, sagt er. „Wenn wir Standards bekommen, passiert garantiert nix.“ Mir fällt noch ein: Mit Weidenfeller im Tor hat der BVB bisher jedes Spiel verloren. „Bei uns“, sagt er dann noch, „fehlen noch einige. Frei, Petric, Degen, Valdez.“ Da werden wohl ein paar Amateure auflaufen. „Dortmund steht mehr unter Druck“, stelle ich fest. „Wenn wir verlieren, ist’s relativ wurscht. Aber bei euch…“ Laufen los gegen 19.15 Uhr, mit insgesamt vier Personen, Fußweg etwa zehn Minuten, bewege mich auf die Gästekurve zu. Vor einem Jahr, da kam ich spät, traf auf eine lange Schlange vor dem Stadion, betrat es zwei Minuten vor dem Anpfiff beim Einlaufen. Diesmal ist alles anders. Kaum jemand wartet vor den Toren, die Taschenkontrollen sind die laschesten, die ich seit knapp fünf Jahren erlebt habe. Ich muss keinen Schlüssel zeigen, keine Kamera, kein Handy. Sieht so aus, als würden die Dortmunder auf Gesichtskontrolle setzen, das wäre ja mal ein völlig neues Konzept. Ich wette trotzdem mit mir selbst: Das gibt bestimmt eine richtig fette Rauchbombe! Hunger.

Schnell mal anstellen. Der Typ vor mir bestellt eine Currywurst, doch die gibt es beim BVB natürlich nicht. Auf der Speisekarte stehen Bratwurst, Bockwurst, Schweineschnitzel im Brötchen und – achtung – „Steak“. Ich glaub sogar, mich an „Putensteak“ erinnern zu können. Habe ich mich da verlesen??? Bestelle im Bang-Boom-Bang-Style „Eine Brat“ und stapfe in Block 61. Die Borussen haben die Stehplätze in der Gästekurve ausgebaut, bravo, in den vergangenen Jahren war es kaum auszuhalten. Im Vergleich zur vergangenen Saison ist’s hier – trotz Revierderby – sehr gastfreundlich, ich bin sehr erstaunt. Sehr. Mein Respekt vor der Südtribüne des BVB hält sich diesmal in Grenzen, ist schon mein siebtes Auswärtsspiel hier. In keinem anderen Stadion habe ich persönlich eine so schlechte Bilanz. Ein Unentschieden, fünf Niederlagen – die dann meist auch noch hoch. Heute, natürlich, heute wird alles anders. Wie vor jedem Auswärtsspiel sage ich das. Wir gewinnen, wir gewinnen, wir gewinnen.

Halt, ganz so unwahrscheinlich ist das nicht. Bei uns fehlt nur Epalle. Bei Dortmund spielen Njambe, Brzenska, Nöthe, Kringe und Kruska von Anfang an. Dazu noch Null-Punkte-Weidenfeller im Tor, Oma Wörns in der Innenverteidigung. Klimowicz ist auch nicht mehr die Rakete vorn im Sturm. Bleiben einzig Dede, Tinga und Federico und halbwegs überdurchschnittliche Bundesligaspieler. Aber Tinga und Federico sind bei den Dortmundern auch sehr umstritten. „Wir wolln Euch kämpfen sehen“, brüllt die Südtribüne. Vor dem Anpfiff. So viel zum Thema „Stimmung beim BVB“. Präsident Reinhard Rauball stapft für jeden sichtbar kurz vor dem Anpfiff quer über den Rasen, um dem Borussen-TV für die Anzeigetafel ein Interview zu geben. Fast wie Duisburgs Hellmich. Altegoer kommt nur alle fünf Jahre auf den Rasen. Herrlich zurückhaltend. Beim Einlaufen enthüllt der BVB-Hauptsponsor ein überdimensionales Trikot vor der Südtribüne. Das ist so unglaublich peinlich, dass selbst einige Dortmunder pfeifen.

Kaum hat das Spiel begonnen, ist bei uns alles weg. Alles futsch. Gleich drei Leute haben einen Ticker angefordert, innerhalb kürzester Zeit schwindet die Leistungsfähigkeit meines Akkus von zwei auf einen Balken (von sechs). „Brutalstmögliche Leistung“ fällt mir zu dem ein, was meine Jungs da produzieren. Null Torgefahr, Fehlpässe ohne Ende. Wir müssen einfach nur 20 Minuten ohne Gegentor überstehen, dann pfeift dieses Pulverfass Westfalenstadion – sagt selbst der Mit-Volontär-Schwatzgelbe – von ganz allein. Aber wir machen alles, damit der BVB seine Formkrise besiegt. Typisch VfL. „Hast Du eine Krise, musst du nur gegen Bochum spielen“. Eine Bundesliga-Bauernregel. Nach knapp 25 Minuten haben wir’s dann endlich geschafft. Zdebel verursacht in Strafraumnähe unglaublich unnötig einen Freistoß. Dede schlenzt, Wörns köpft, Lastuvka pariert sensationell, aber Tinga kriegt den „Rebound“, sprich: den Abstauber und netzt zum 1:0 ein. 70.000 Leute jubeln sehr laut, die Befreiung ist zu spüren. Scheiße!

SCHEISSESCHEISSESCHEISSE!!! Und dann auch noch eine STANDARD! Wie hieß es noch vor dem Anpfiff: „Da musst du dir keine Sorgen machen.“ Genau. Erst danach werden wir etwas besser. Unsere erste gute Szene in Minute 38. Sestak sestakt sich über die rechte Seite durch, schnippt den Ball auf Mieciel. Der steht an der rechten Strafraumecke blank und trifft ins lange Eck. Wieder ’ne Bierdusche, wieder ein TOOOOOR! 1:1! Erst jetzt wird die Laune bei 5.000 Bochumern richtig gut. „Auf geht’s Bochum schießt ein Toooor“, lautet der Spruch aus Unter- und Oberrang. In den sieben Minuten vor der Pause bestimmt nur eine Mannschaft das Tempo. Der VfL. Drei Ecken bekommen wir, Ilicevic läuft nach links nach rechts nach links. Nach der dritten köpft Maltritz gefährlich, ein Dortmunder schlägt das Ding von der Linie. Jetzt ist das 1:1 verdient! Kein hochklassiges, aber ein spannendes Revierderby.

Zweite Halbzeit, der BVB spielt auf unsere Kurve, wir auf die Südtribüne. Obwohl es Unentschieden steht, ziehen sich die Dortmunder ganz, ganz weit zurück. Unsere Innenverteidiger Maltritz und Yahia schieben sich schon in der gegnerischen Hälfte den Ball hin und her – und kein Schwarz-Gelber greift an. KEINER! Die verbarrikadieren ihren Strafraum. Unfassbar! Sestak ist das alles egal. Er umdribbelt die unbeweglichen Dortmunder Abwehrspieler nach Belieben und wird in Minute 53 von Wörns unsanft gelegt. Wörns hatte schon Gelb. Heißt: Gelb-Rot. Elf gegen Zehn! BVB-Trainer Doll reagiert, bringt eine Minute später Robert Kovac. Als der Stadionsprecher den Kovac ankündigt, gibt es Pfiffe von 65.000. 1:1, Überzahl, unruhiges Publikum. Wir haben die im Sack! Wir MÜSSEN die drei Punkte einfach holen. Wir sind empirestatebuildinghoch überlegen. Ballbesitz in Halbzeit zwei liegt gefühl bei 95:5 für uns. Die Dortmunder kloppen den Ball nur nach vorn. Da steht Klimowicz, bewegt sich aber kaum. Sprich: Maltritz bekommt den Ball, auch mal Yahia – und wir bauen neu auf. Eine Struktur in unserem Angriffsspiel ist allerdings nicht zu erkennen. Einen Bechmann-Schuss kann Weidenfeller nicht festhalten. Das ist alles – na gut, ein paar ungefährliche Standards kommen noch dazu. Erst in der 71. Minute betritt der BVB erstmals in der zweiten Halbzeit gefährlich unsere Spielhälfte. Kringe flankt lang, aber der Ball geht sicher ins Aus. Geht ins Aus? Was macht der Concha?? Vor einer Woche noch hochgelobt, will Concha den Ball zu Lastuvka köpfen. Das misslingt – und Concha nickt den Ball zur Ecke ins Aus. Wieder ein unnötiger Standard. Die Ecke kommt in die Mitte, jemand von uns verlängert ans Strafraumeck. In Halbzeit eins stand auf diesem Fleckchen Mieciel und traf, jetzt nimmt Federico den Ball direkt und nagelt das Ding unter die Latte. 2:1. Jetzt ein Foto von der Bochumer Kurve *klick* 5.000 Münder stehen offen, 2.000 Hände klatschen gegen die eigene Stirn. Man ist das dumm. „Aaaaaaaaaaaahhhhh“, schreibt Sam, den ich mit einem VfL-Ticker versorge. Danach wieder das alte Spiel: Überlegen ist nur der VfL, der BVB verteidigt mit allen Mitteln. Allein in der Schlussphase kassiert der BVB drei Gelbe Karten, vor allem Dede räumt auf. Ein Ding kriegen wir aber noch. In der Nachspielzeit. 93. Minute, gleich ist das Gezittere endlich vorbei. Eine Flanke, Yahia köpft, auf die Latte. Zehn Sekunden später: aus. Schluss. „Dümmste Niederlage aller Zeiten“, smse ich in die Republik. Akku: leer.

Verharre noch fünf Minuten auf meinem Stehplatz, rühre mich nicht ein einziges Mal, nicht ein Körperteil. Zittere etwas, vor Wut auf meine eigene Mannschaft. Die BVB-Fans in meinem Handy-Adressbuch schreiben hämische Nachrichten, versuchen mich telefonisch zu erreichen. Ich gehe nicht dran. Verlieren, okay. Hab ich schon oft. Aber BITTE NICHT SO! Wie war das noch? Schwach bei Standards! Die beiden Gegentore? Standards! Null-Punkte-Weidenfeller! Und jetzt? Drei-Punkte-Weidenfeller! Alle wichtigen Dortmunder verletzt! Aber? Der BVB gewinnt! Den Dede kann ich nicht leiden! Und dann? Wird Dede von den Dortmundern zum „Spieler des Tages“ gekürt. Das sind zu viele Schmerzen auf einmal, ich verlasse diesen schrecklichen Ort. Zieht Euch das rein: Sieben Spiele in Dortmund gesehen. Ein Unentschieden, sechs Niederlagen. Sechs! Warum muss der VfL Bochum in der Bundesliga immer erst einmal pro Saison Letzter gewesen sein, bevor Spieler, Trainer und Verantwortliche wach werden? WARUM? Jetzt kommen die Bayern, dann haben wir’s mit dem letzten Platz wohl endlich geschafft.

Halb vier in der Nacht. „Im Keller“ laufen jetzt die Arctic Monkeys. Will dieses Spiel vergessen. Will nicht mehr an die Top 5 denken.

Es klappt nicht ganz.

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Schalke zwischendurch

Schrieb ich, dass ich freie Tage abbauen will/soll? Für einen Kollegen bin ich am Samstag, 12. November, dann doch eingesprungen und habe den Innendienst übernommen – allerdings am saumäßigsten Sporttag des Jahres. Nix war los. Nix. Länderspielpause eben, und nicht mal ne Transferperiode oder tolle Testspiele. Zu allem Überfluss sind Innendienste am Samstag ohnehin eine einsame Angelegenheit, da sich die Print-Kollegen nicht in der Redaktion aufhalten und ihre Online-Texte „nur“ mailen.

Deshalb bestand der Tag überwiegend aus viiielen Mails, den ersten Entwürfen für den Dezember/Januar-Dienstplan (nervt!), einigen Telefonaten und dem Drittliga-TV-Live-Spiel Preußen Münster gegen Arminia Bielefeld (0:0!!!) im WDR. Ich musste die Leistungen der Schalker Nationalspieler zusammenschreiben, um überhaupt ein Schalke-Thema aufs Portal zu bekommen – und zwar hier. Gemeinsam mit unserem BVB-Reporter Thorsten Schabelon verfasste ich nach telefonischer Absprache die Einordnung von Marcel Schmelzers Verletzung – hier.

Höhepunkt des Tages war eindeutig die Hinfahrt – mit dem Smart im herbstlichen November-Sonnenschein über die halbe A42 von Castrop-Rauxel bis Essen-Nord – quer durch Herne und Gelsenkirchen. Ich liebe das Ruhrgebiet.

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So tickt Hans Sarpei

Exklusiv für die DerWesten-Videoserie „Blitzinterview“ traf ich mich in der Länderspielpause mit Schalke-Profi Hans Sarpei am Schalker Trainingsgelände. An der Kamera: Christian Ruhnau.

Zum Konzept „Blitzinterview“: Die Interviewten müssen sich zu Gegensatzpaaren äußern (z. B. bei Hans Sarpei „Magath oder Mandela“ – dieses Paar ist eine meiner besseren Ideen in 18 Jahren Journalismus) – die Gespräche dauern nicht länger als zwei bis drei Minuten, so auch hier.

Zum Video geht es hier.

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Der große königsblaue Formcheck

Obwohl ich in der Länderspielpause (7. bis 17. November) eigentlich ein paar freie Tage abbauen wollte/sollte, habe ich nicht nur Hans Sarpei interviewt, sondern auch eine große Schalke-Zwischenbilanz nach 20 absolvierten Pflichtspielen gezogen – Basis für die Analyse sind die Durchschnittsnoten der Spieler, von Spitzenreiter Unnerstall bis zu Schlusslicht Marica. Dabei musste ich feststellen, dass ich erstaunlich viele königsblaue Spiele gesehen habe bisher…

Zur Analyse geht es hier – verpackt in eine Fotostrecke mit den bisher schönsten Schalker Fotos der Saison.

… und ab jetzt werden wieder freie Tage abgebaut …

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