Erinnerung an Opa

Beerdigungen sind nicht mein Ding. Am Mittwoch, 25. April, stand ich auf dem Friedhof Mülheim-Broich am Grab meines Opas. 83 ist er geworden, eine Biographie würde sich wirklich lohnen; Waisenhaus in Gelsenkirchen, Krieg, letztes Aufgebot, Armut, Sauerland, Bergbau, Essen-Borbeck, Schichtdienst, bester Opa der Welt in Mülheim und für jeden Streich zu haben, Rente.

Es war kein einfacher Tag.

Um an Opa zu erinnern, habe ich einen Text aus meiner „ersten“ Homepage gesucht, einen Tagebuch-Eintrag zu einem Revierderby im Jahr 2002 im Ruhrstadion, vor knapp neuneinhalb Jahren. Diese Zeilen widmete ich meinen Opa, der mich zum Spiel VfL gegen S04 begleitete.

Und nun hinein in den Text, den ich am 17. November 2002 über das Revierderby zwischen Bochum und Schalke (0:2) unter der Überschrift „Tschuldigung Opa“ verfasste:

– Manchmal frag ich mich, wie das Leben denn so wär, wenn es Dich nicht gäbe, nein das wär kein Leben mehr…

MÖÖÖP, falsch.

Da will man einmal mit „Manchmal frag ich mich“ einen Tagebuch-Eintrag beginnen, und direkt verfalle ich in den Text von „Mein VfL“.

So ist das mit den Fußball-Fans.

Nächster Versuch.

Manchmal frag ich mich, wie sich denn Fußball-Profis Woche für Woche neu motivieren können, obwohl sie bereits Hunderte von Spielen bestritten haben. Dabei liegt die Antwort doch auf der Hand: Aus dem selben Grund gehe ich Woche für Woche auf den Fußballplatz. Wir lieben dieses verdammte Spiel, diese besondere Note, die jedes einzelne Duell besitzt, dieses (soziologisch gesehen) explosive Gemisch in der Fankurve, diese pure Entspannung. Ach was, lest einfach meine bisherigen Tagebuch-Einträge, und Ihr wisst, warum auch das 210. VfL-Spiel meiner Karriere ein denkwürdiges war.

Doch es war diesmal nicht nur denkwürdig, sondern gar „besonders“ denkwürdig!

Irgendwie ist diese Saison die der Kultspiele. Tolle Auswärtsfahrten nach Hannover, Leverkusen, München und Stuttgart. Tabellenführer nach Spielen gegen Cottbus und Dortmund, das Dreiviertel-Spiel gegen Hertha – und auch heute war ein kleines Detail anders als im „ganz normalen“ Fußball-Wahnsinn. Denn neben mir in der Kurve stand Alfred, ein älterer Herr, bald 74, um genau zu sein, und seines Zeichens mein Opa. Ganz früher, als ich noch ein kleiner Junge war, zupfte ich meinem Vater jeden Samstag an der Hose: „Papaaaaaa, ich will Bochum gucken!“ Papa hatte aber nicht jede Woche Zeit, sondern lediglich drei-/viermal pro Saison. Aber um mich ruhig zu stellen, nahm Opa mich immer mal wieder mit. Da war ein Heimspiel gegen Karlsruhe, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Ein 18-jähriges Talent namens Mehmet Scholl schoss das einzige Tor zum KSC-Sieg. Oder dieses unvergessene Spiel bei Rot-Weiß Essen, 1992 oder sowas. Das erste und bislang einzige Spiel, in dem ich dicke Krawalle erlebt habe. Opa und ich standen am Rand.

Nun zeigt das Kalender das Jahr 2002 an – und Opa war seit vielenvielenvielen Jahren nicht mehr dabei. Irgendwann bin ich immer allein nach Bochum gefahren, brauchte nicht mehr die Erlaubnis der Eltern. Und die Familienausflüge ins Stadion verliefen im Sand. Nun fragte Opa in letzter Zeit bei Familypartys erstaunlich oft nach dem VfL; und da schenkte ich ihm eine Eintrittskarte – natürlich für das Heimspiel gegen Schalke 04. Und so soll es sein. Opa und ich beim Fußball. Freu mich drauf.

Freu mich da mehr drauf als auf das eigentliche Spiel, dabei sind Derbys wie Bochum gegen Schalke immer Highlights. In den letzten Jahren ging es immer für eine der Mannschaften um die Wurst. 2001 stand Schalke kurz vor dem Titel (und versaubelte ihn beim 1:1 in Bochum am vorletzten Spieltag), und davor hatten wir Bochumer ein Dauer-Abo im Abstiegskampf und brauchten jeden Punkt. Heute? Dritter gegen Achter, alles liegt eng zusammen – aber eigentlich sind beide gut gestartet. Trotz aller Feindschaft, trotz aller feindseliger Sprechchöre, die vermutlich kommen werden, ist doch eins klar: Beide Fangruppen sind froh, dass es endlich wieder VfL gegen S04 heißt. Die Bochumer, weil Derbys das Salz in der Bundesligasuppe sind (3 Euro ins Phrasenschwein!) – die Schalker über ein Auswärtsspiel in der Nähe in einem tollen Stadion.

Hilfe, was für eine lange Vorrede. Dann lieber rein ins Getümmel.
Rein ins S-Bahn-Getümmel. Rein van Duijnhoven. Ob der heute gut hält?

Es ist 15.35 Uhr, von jetzt bis 21 Uhr habe ich frei bekommen. Frei bekommen? Genau, dies ist nämlich das fünfte VfL-Heimspiel hintereinander, das an einem Sonntag stattfindet. Mein Bruder Thommy macht das Comeback des Fußball-Familienausflugs komplett, er kommt aber nach. Alex, ein Kumpel aus alten Mittelstufen-Zeiten, ist auch dabei. Ist schon witzig in so einer Bahn. Da stehen Bochum-Fans, Schalke-Fans, mittendrin sitzt Opa und erzählt Geschichten aus dem Bergbau, in dem er über zehn Jahre als Maurer tätig war. Es sieht bestimmt so aus wie in einem Vorurteils-Schubladenfilm über das Ruhrgebiet. Aber das ist manchmal auch das richtige Leben, wenn ich das mal so pathetisch sagen darf.

Für ein Derby läuft alles recht unspektakulär ab. Die Stimmung ist fair, es gibt keinerlei Berührungspunkte zwischen den Fangruppen. Ich lerne auf Opas Nachfragen die Hinfahrt-Gegebenheiten zum Ruhrstadion von Neuem schätzen.

– Mensch, das geht aber verdammt schnell!
– Opa, hab ich Dich wirklich noch niiie mit der Bahn mitgenommen?
– Nee.

Eine Stunde vor dem Anpfiff geht`s ab in die VfL-Kurve, zurecht so früh, weil es verdammt eng werden soll. Stadionkumpel Gerd hat Alex wiedererkannt.

– Hömma, Du bist doch ein SCHALKER?
– Pssssssssst…

Wow, was für ein Himmelsanblick. „Die Engelchen backen Brötchen“ würde mein Vater jetzt sagen, so glutrot scheint es ins Stadion. Rauchschwaden werden in den Strahlen des Flutlichts sichtbar, und einmal mehr trifft´s die Zeile „Tief im Westen – wo die Sonne verstaubt“ genau. Ein Schalke-Fan hat mir mal erzählt, dass er selbst immer mitsingen würde, nur mit einer klitzekleinen Änderung. Statt „Machst mit nem Doppelpass jeeeeeden Gegner nass“ singt er „Machst… nie die Schalker nass.“ Irre Gefühl jedenfalls. Gestern war Grönemeyer in Köln und hat „Bochum“ live gesungen. Aber nichts gegen die tausendfache Dosis im Stadion. Eigentlich kann ich jetzt schon nach Hause gehen. Opa dabei, meinen Bruder nach ein paar Wochen mal wieder gesehen, und vor ausverkauftem Haus beim Revierderby „Bochum“ gehört. Wenn es einen Preis für die „größte Gefühlsduselei des Moments“ gegeben hätte – er wäre meiner gewesen.

In der knallvollen Kurve gehen immer wieder Leute rein und raus, die tonnenweise Bier anschleppen. Manche hätten am Bierstand stehen bleiben sollen, so oft sind die rein und raus gerannt. Vom Spiel haben die bestimmt nix gesehen.

– Opa, bist Du noch da? Alles klar?
– Jaja, alles klar, Andi.

Ach so, der Ball rollt ja auch noch; der eigentliche Sinn und Zweck des ganzen Nachmittags.

Aber lasst mich dieses Spiel kurz abhandeln. Echtes Derbyfieber in den ersten 25, 30 Minuten. Da spielen wir gut mit, ein Lattenschuss von Christiansen, ein Kopfball von eben diesem und ein Freier-Solo. Hätte 1:0 stehen können. Aber dann kontrolliert Schalke das Spiel. 60 Minuten. Nix mehr ist mit unseren Jungs los, wie weggeblasen die Power, die Offensivstärke der letzten Wochen.

– Mensch, der Buckley, der kann rennen wie der Eggeling früher. Aber der hat wenigstens auch mal Tore geschossen
brüllt ein Fan hinter mir.

Rein ins Spiel. Rein van Duijnhoven muss raus. Auch das noch. Irgendwas am Knie, in der Halbzeitpause kommt Christian „1:6 in Oberhausen“ Vander. Es scheint uns den Rest zu geben. Kurz nach der Halbzeit fälscht Kalla eine Möller-Flanke zum 0:1 ins eigene Tor ab, da war der Vander noch nicht einmal warm. Dann sinnloses Angerenne, nur noch hohe Flanken, massig Fehlpässe. Schon in der 60. Minute ist klar: Da geht nichts mehr. Es wird etwas demütigend, als die Schalke-Fans rufen „Euer Trainer ist ein Schalker“ und „Wir singen: Heimsieg in Bochum!“ Asamoah, 0:2, Ende.

Aber Opa schmeißt noch eine Runde im City-Grill. Thommy nutzt das schamlos aus und füllt seinen Darmtrakt mit einem Jägerschnitzel, Pommes und Salat.

Wir fahren nach Hause, ein Kultspiel ist vorbei. Ein Kultspiel, in dem das Spiel selbst eigentlich den Namen kultig gar nicht verdiente. Aber sowas gibt´s auch im Fußball.

Lieber Opa!

Ich bezweifle, dass Du das jemals liest, weil Du noch nie einen Computer bedient hast und wer weiß, ob wir nochmal zusammen beim Fußball sind.

Trotzdem entschuldige ich mich an dieser Stelle, dass ich Dir keinen Bochumer Sieg präsentieren konnte. Hat trotzdem Spaß gemacht und ich werde das Spiel nicht vergessen. Eigentlich wollte ich mit der Digitalkamera ein Foto von Dir machen und es Dir zu Weihnachten schenken. Aber in all dem Trubel habe ich vergessen, dass ich die Kamera dabei hatte… auch ein gutes Zeichen dafür, wieviel Spaß wir hatten, oder?

Danke!

Dein Andi!

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Vier Stück in Nürnberg – peinlich

Für DerWesten und die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtete ich über das Fußball-Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem FC Schalke 04 (4:1) – ein unspektakulärer Aufenthalt mit einem grauenhaften Spiel, einer langweiligen Anfahrt mit dem ICE am Spieltag (Ankunft zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff), einem Hotel im Nirgendwo in Nürnberg-Langwasser (kein 24-Stunden-geöffnet-McDonalds zu Fuß erreichbar in der Nacht, grrrr), Erinnerungen an mehrere Dates in der Fränkischen Schweiz im Frühjahr 1999 und einem krassen Graupelschauer am Tag danach auf der A3 zwischen Siebengebirge und Bad Honnef. Ohne Unfall überstanden.

Zu meiner Einzelkritik – haargenau auf Zeile geschrieben und mit dem Schlusspfiff an die Redaktionen gemailt – geht es hier („Jones war Schalkes Bester – mit der Note 4“). Meine Noten vorab: Unnerstall (5)-Hoogland (5,5), Papadopoulos (5), Matip (5), Escudero (5)-Höger (5), Jones (4)-Holtby (4,5), Raúl (5), Draxler (5)-Huntelaar (5,5). Eingewechselt: Farfan (5), Pukki (5), Metzelder (-). Vielleicht noch diese Anmerkung: Die Noten von Kicker, Bild und RevierSport waren auch nicht besser…

Die Stimmen zum Spiel („Heldt wirft Schalke-Team kollektives Versagen vor“) – von Stevens, Heldt und Hecking bis Huntelaar, Unnerstall und Metzelder – findet Ihr hier. Abpfiff um 21.50 Uhr, danach dann die übliche telefonische Absprache mit der Redaktion, Pressekonferenz, Mixed Zone, Sportschau-Rest bis 23.30 Uhr, zum Presseparkplatz laufen, Rückfahrt zum Hotel, Rechner hochfahren, Stimmen abtippen, heißt: Dieser Text stand erst weit nach Mitternacht auf dem Portal.

Bleibt noch eine kleine Einstimmung zum Derby gegen Borussia Dortmund („Schalke gibt sich vor dem Derby gegen den BVB kleinlaut“) – und zwar hier. Diese Zeilen entstanden auf Hotelzimmer 352 im „Arvena Park“ bis 1.50 Uhr (ging mit UMTS-Verbindung leider nicht so schnell). Danach sank ich dann hundemüde ins Bett. Ging auch nicht anders. Die Hotelbar schloss um eins. Und ein McDonalds: siehe oben, nicht in der Nähe…

Am Tag danach …

verfasste ich nach der Rückkehr (Frühstück ab 9.30 Uhr, Autofahrt: knapp viereinhalb Stunden) noch dieses „Pro Schalke“ für unsere DerWesten-Rubrik „Pro & Contra“ – oder diesmal: „Pro & Pro“. Denn die Frage lautete: „Wer gewinnt das Derby?“

Mit ein bisschen Derbyplanung – wer, was, wie, wann und, und, und – endete der Nürnberg-Trip. Denn nach dem Spiel… Ihr wisst schon.

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Der unglaubliche Raúl

Für DerWesten und die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtete ich über das Fußball-Bundesligaspiel zwischen dem FC Schalke 04 und Hannover 96 (3:0).

Zur Schalker Einzelkritik („Bestnoten für Raúl und Farfan bei Schalke-Sieg“) – später gekürzt für die Print-Ausgabe – geht es hier. Die Noten vorab: Unnerstall (3)-Uchida (2), Papadopoulos (3), Metzelder (2,5), Escudero (2,5)-Moritz (4), Höger (3)-Farfan (1,5), Raúl (1), Draxler (4)-Huntelaar (3). Eingewechselt: Holtby (-), Pukki (-), Höwedes (-).

Die Stimmen zum Spiel („Schalke-Trainer Stevens lobt seine gesamte Mannschaft“) – von Stevens und Slomka bis Heldt und Huntelaar – findet Ihr hier.

Zauber-Raúl und sein Vertrag – die nächste Episode („Raúl verzaubert Schalke – doch wie lange noch?) – hier!

Holt Schalke Bremens Torwart Tim Wiese? Manager Horst Heldt reagierte genervt, fast sogar ungehalten („Wiese-Spekulation nervt Schalke-Manager Horst Heldt“). Alles zu diesem Thema habe ich hier aufgeschrieben.

Am Dienstag, 3. April 2012, hielt ich auf dem Weg zum Spätdienst um 15 Uhr am Schalker Trainingsgelände in Gelsenkirchen. Zuerst schaute ich mir das Training an und hörte dann Benedikt Höwedes zu.

Dieser Text („Schalke-Kapitän Höwedes glaubt an das Wunder von Bilbao“) erschien auf DerWesten und in der Print-Ausgabe der Gelsenkirchener WAZ.

Außerdem aktualisierte ich die Bildergalerie „Die 10 größten Europapokal-Sensationen“. Zu sehen ist die Fotostrecke hier.

Während der Reise nach Bilbao (Mi./Do., 4./5. April) war ich im Innendienst der Ansprechpartner/Online-Quarterback der beiden reisenden Print-Kollegen. Daher gibt es keine „eigenen“ Zeilen von mir zum Schalke-Aus im Viertelfinale.

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Ausflug nach Sinsheim

Für DerWesten und die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtete ich über das Fußball-Bundesligaspiel zwischen 1899 Hoffenheim und dem FC Schalke 04 (1:1).

Zur Einzelkritik („Nur Schalkes Matip überzeugt in Hoffenheim“) – ausführlich für die Online-Redaktion, etwas gekürzt für die WAZ-Printausgabe – geht es hier. Die Noten vorab: Unnerstall (3,5)-Uchida (5), Papadopoulos (3), Matip (2,5), Fuchs (4)-Jones (3,5), Holtby (4)-Farfan (4), Raúl (3), Draxler (4)-Huntelaar (3). Eingewechselt: Höger (3,5), Obasi (3,5), Marica (-).

Eine Geschichte über das überraschende Comeback von Torwart Lars Unnerstall („Unnerstall ist bei Schalke die große Überraschung“) gibt es hier. Dieser Text erschien als Aufmacher in der WAZ Gelsenkirchen und besteht aus einzelnen Bausteinen, die mein Kollege Manfred Hendriock und ich zusammengesetzt haben.

Ein kurzes Interview mit Chinedu Obasi („Schalke-Stürmer Obasi träumt von der Champions League“), auch für die WAZ Gelsenkirchen, aufgeschnappt in der Mixed Zone, findet Ihr hier.

Die Stimmen zum Spiel („Schalke-Trainer Stevens findet die Leistung enttäuschend“), exklusiv für DerWesten zusammengetragen? Hier! Mit: Stevens, Heldt, Huntelaar, Jones, Unnerstall, Babbel, Starke.

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10. März 2007 – VfL-Borussia Dortmund 2:0 – „Alles Gekas oder was?“

Viel los im März 2007! Ich schaffte es nicht einmal, alles über den letzten Derbysieg einer Mannschaft des VfL Bochum gegen Borussia Dortmund aufzuschreiben. Das holte ich dann im Osterurlaub an der Nordsee in St. Peter-Ording im Hotel „Eulenhof“ nach.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Alles Gekas oder was?“ nannte und mit der Unterzeile „32 Tage nach dem Derby: Aus dem Kurzurlaub in St. Peter-Ording eiligst eingetippte Erinnerungen (am 11. April 2007)“ versah:

Sitze in St. Peter-Dorf. Im Hotel auf Zimmer neun. Schöner Tag. Sonnenschein. 12 Grad im Schatten, gefühlte 18 in der Sonne. Meine Nase ist etwas rot, ja, doch. Unterhalte mich mit meinem Bruder oft über den VfL. Bin immer noch auf dem Leverkusen-Trip, singe immer noch „Theooooofaniiiiis Geeeeeekaaas“. Bayern ist grad aus der Champions League geflogen, wir schreiben den 11. April, wenn Ihr richtig mitgedacht habt.

Es ist Tag 32 nach dem Revierderby.

Sitze in der Sauna, finnisch, 83 Grad. Der Leverkusen-Text ist frisch aus dem Ofen, noch lauwarm, bat meinen Bruder auf mein Einzelzimmer zur Korrektur. Erblickte das kleine Wörtchen „folgt“ auf dem Bildschirm. Unter dem Stichwort „VfL Bochum – Borussia Dortmund 2:0“. Große Emotionen nach einem großen Derby – aber doch Kindergarten gegen das Leverkusen-Erlebnis. Sitze, schwitze, denke an jenen Samstagmittag, an das, was mich am meisten bewegte, an das, was ich noch heute weiß.

Erinnerung 1 – Gesucht: Ultras

Ruhrstadion, 15.21 Uhr. Der Ablaufplan steht präzise im Stadionheft, gibt’s glaub ich auch nur in Bochum. Notiert ist erst „Mein VfL“ (15.21 Uhr), dann die Mannschaftsaufstellung (15.24) und schließlich Grönemeyers „Bochum“ (15.26). Bemerkbar machen sich die Ultras vor dem Anpfiff nie, sie sind höchstens zu erahnen. Erst mit dem Anpfiff beginnt die Show, erst nach der zehnten Spielsekunde postiert sich der Megafon-Mann auf dem Zaun. Ab und zu gibt es eine Plakataktion, was auch immer. Diesmal ist Revierderby, gerade auf Dortmund sind die Ultras besonders heiß. Doch… WO SIND SIE? „Gesucht: Ultras“ lautet das Thema des Tages. Kein Megafon, kaum angesagte Sprechchöre (was wahrlich nicht schlecht ist, sondern zeigt, dass es auch ohne die „Retter“ der Fankultur geht). Nach fünf Minuten postiert sich ein Ersatzmann auf dem Zaun. Gerüchte. Was ist los? Einer, den wir „Professor“ nennen, sagt: „Dämon wurde festgenommen“. Gelernt eins: Der Megafon-Typ heißt Dämon. Gelernt zwei: Es gab Stress mit der Polizei. Schlussfolgerung: Bei den nächsten Spielen wird es ganz heiße All-cops-are-bastards-Diskussionen geben. Des Rätsels Lösung erklärt jemand ganz am Ende des Spiels: Eine große Dortmunder Fangruppe, die mit dem Zug anreiste, wurde von der Polizei an der Ultra-Kneipe in der Innenstadt vorbeigeleitet. Sehr clever, denn es kam (gaaaar nicht vorhersehbar, schlaubyhaft) zu einer wüsten Werferei von Flaschen etc. Reaktion der Polizei: Sie kesselte die Ultra-Kneipe für die Dauer des Spiels ein und nahm einige Werfer mit auf die Wache. Sprich: Der Großteil verpasste das Derby.

Erinnerung 2 – Der Mannschaftsbus

Meine persönliche Beziehung zum Mannschaftsbus begann am Abend vor dem Cottbus-Spiel. Als ich vollbepackt den aus Leipzig kommenden Regionalexpress verließ, sah ich als erstes den VfL-Bus vor einem Hotel am Bahnhof stehen. Diesmal ist ein normaler Samstagmittag, wieder einmal beschließe ich, den Weg zum Ruhrstadion mit dem Auto zurückzulegen, fahre entsprechend früh los. Die Autobahn A40 ist leer, lediglich hinter der Abfahrt „Ruhrstadion“ wird es voller. Und was… was ist… was ist DAS denn? Der VfL-Bus steht fast direkt vor mir. Ich biege ins Parkhaus ein, finde einen sensationellen Smart-Parkplatz im Erdgeschoss, laufe um 14.20 Uhr gemächlich Richtung Ostkurve – als ich auf einmal in eine Gruppe blaubetrainingsanzugter Sportler gerate. Es sind vorneweg: Torwarttrainer Greiber (mit Brille), Drobny, Maltritz, Gekas, alle VfLer, fast alle mit ipod oder ähnlichen Stöpseln im Gehörgang. Irgendjemand fragt: „Was ist mit Euch los?“ Irgendein Spieler antwortet: „Es ging minutenlang weder vor- noch rückwärts. Deshalb sind wir die paar Meter bis zur Kabine gelaufen.“ Autogramme hab ich mir nicht geholt. Aus dem Alter bin ich raus.

Erinnerung 3 – Das Spiel

Bochum gegen Dortmund, das hat IMMER etwas von „klein gegen groß“ und „arm gegen reich“. Der BVB wird in JEDEM VfL-Spiel von den Fans äußerst negativ bedacht („B-V-B-Hurensööhne“), das geht den Trommlern inzwischen zu weit, sie trommeln diesen Spruch meist nach kurzer Zeit nieder. Egal, die Konkurrenz ist jedenfalls riesengroß, die Abneigung noch viel mehr. Als wir Fünfter wurden und der BVB Sechster, war das wie ein Doublegewinn und ein noch größerer Erfolg als der UEFA-Cup-Einzug selbst. Weil: UEFA-Cup schön und gut, aber VOR Dortmund!! Heute als wieder VfL gegen BVB, diesmal ist die Tabellensituation besonders. Wenn wir gewinnen, schubsen wir die Schwarz-Gelben mit in den Tabellenkeller. „Borussiaaaa im Abstiegsjaaaahr“ (gelernt von den Aachenern, die vor einem Jahr „Alemannia im Aufstiegsjahr“ trällerten) ist der Hit des Tages, schon weit vor dem Anpfiff. Die gnadenlose Enttäuschung aus dem Bremen-Spiel schieben wir ganz weit von uns, in Derbys wird nicht gemeckert. Der Spielverlauf ist schnell erzählt: Wir zelebrieren Abstiegskampf in seiner besten Form: kratzen, beißen, treten, spucken, mit einem Drecksack Zdebel in Bestform. Unser Trainer hat sich was getraut, hat Grote links vorn für Trojan aufgeboten (völlig überraschend) und links hinten Meichelbeck für Bönig (von den Fans lange, lange, lange gefordert, „der MARTIN wird’s schon machen“, heißt es) eine Chance gegeben. Das Mittelfeld ist umstrukturiert, Epalle gibt diesmal den zweiten Stürmer, Misimovic – in Bremen gesperrt, diesmal für Dabrowski im Team – muss zentral etwas mehr nach hinten arbeiten, Bechmann und Grote kommen über Außen, Zdebel ist einziger „Sechser“. Offensivoffensiv, der Koller. Ich glaub’s nicht. Die Dortmunder haben viele bekannte Namen auf dem Platz. Weidenfeller im Tor, die Stamm-Viererkette mit Wörns (Ex-Nationalspieler), Metzelder (WM!), Degen (WM für die Schweiz) und Dede, im Mittelfeld mit Kringe, Kehl (WM!), Tinga und Amedick als Misimovic-Bewacher – und Smolarek (WM für Polen)/Valdez (WM für Paraguay) im Sturm. Klingt gut. Doch die Praxis sieht ganz anders aus. Trainer Röber hat scheinbar überhaupt nichts in die Schädel der Spieler hämmern können. Metzelder träumt wohl vom Real Madridschen Handgeld. Er wirkt in Zweikämpfen und Offensivaktionen gehemmt und total abwesend. Wörns ist viel zu langsam. Im defensiven Mittelfeld fehlt Kehl nach sechs verletzten Monaten die Spielpraxis, Amedick ist gegen Misimovic überfordert. Valdez hat im BVB-Trikot noch kein Tor erzielt, Smolarek geht total unter. Schon nach anderthalb Minuten sage ich zu Gerd: „Der Gekas läuft heute viermal allein aufs Tor zu.“ Wir schießen einen völlig verdienten 2:0-Sieg heraus. Zweimal Misimovic auf Gekas, zweimal Tor, zweimal Sirtaki, zweimal Rumhüpferei, ganz oft „Borussia im Abstiegsjahr“, „Theofanis Gekas“, „BVB-Hur…söhne“, „Oh wie ist das schööön“, alles ohne die Ultras. Die Dortmunder ärgern sich über einen Pfostenkopfball von Valdez zwischen 1:0 und 2:0 – Ende. Dachte eigentlich, dass noch torlose Stürmer GANZ BESTIMMT gegen uns treffen. Falsch gedacht. 2:0, gewonnen, nach Magath den zweiten Trainer auf dem Gewissen – der Röber fliegt nach diesem mut- und leidenschaftslosen Auftritt bestimmt morgen raus.

Erinnerung 4 – Die SMS‘

Fast jeder Fußballfan im Ruhrgebiet hat auch einen eigenen Lieblingsverein AUS dem Ruhrgebiet. Es gibt wenige Bochumer, viele Dortmunder, noch mehr Schalker. Auch mein Bekanntenkreis ist voll mit Fans aller Couleur. Mit BVB-Fans spiele ich regelmäßig Fußball in der Soccerhalle, Björn aus Aachen ist auch ein BVBer seit vielen Jahren (als das Westfalenstadion noch einen Rang hatte und „nur“ 42.000 Plätze). Einen SMS-Ticker hat er angefordert. Soll er haben. Und da wäre noch ein hoher Beamter der Stadt Mülheim, den ich beruflich häufig interviewen muss. Vor Saisonbeginn habe ich mit ihm leichtsinnigerweise gewettet, dass der VfL vor dem BVB landet, um eine Pommes mit Currywurst. Seit 24 Spieltagen höre mich mir seine Spitzen an. Doch heute… um 17.19 Uhr geht die erste SMS an… natürlich! „Ich habe es auf arena gesehen und bei der Pommesbude fast die Bestellung aufgegeben“, funkt der Beamte zurück. Sonst: Nur Glückwünsche. „Trink einen für mich mit“, schreibt der WAZ-Volontär. „Großartig! Bin auf einer Taufe und jetzt natürlich allerbestens gelaunt“, tippt Dirk aus München.

Das Wetter stimmte an diesem Nachmittag im März. Genauso wie heute hier an der Nordsee. Mit dem rechten Zeigefinger probte ich die Wassertemperatur. Kalt. Acht Grad. Auf dem Fahrrad fuhren wir mindestens zehn Kilometer durch drei der St. Peter – Stadtteile (Dorf, Bad, Ording). Vorbei. Jetzt ist nach Mitternacht.

Bin lange aus der Sauna zurück. Frisch geduscht. Abgetrocknet. Und die Erinnerungen ans Derby endlich auch verewigt.

Frank Goosen im Kicker über das BVB-Spiel (16.4.2007): „In den letzten Spielen meines Vereins hatte ich völlig unverhofft tatsächlich ein paar Mal Gelegenheit, jene oben beschriebene, süße Art der Langeweile zu genießen. Beim 2:0-Sieg über die Schwarz-Gelben aus der Nachbarstadt etwa, die sich freundlicherweise gar nicht wehrten, so dass man sich die letzte Viertelstunde doch bequem zurücklehnen konnte.“

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