Urlaub im Krachgarten

In der Düsseldorfer Philipshalle durfte ich für den Kulturteil der WAZ über das Solo-Konzert des Ärzte-Gitarristen Farin Urlaub berichten – am 22. November 2008, im Rahmen meines Volontariats.


Ärzte-Gitarrist Farin startet seine Solo-Tour in der Düsseldorfer Philipshalle. Mit elf Musikern und verstärktem Ska-Sound begeistert er 5500 Fans.

Ganz in Schwarz steht er auf der Bühne der Philipshalle, die Gitarre um den Hals. „Die Welt macht dich rasend”, stimmt Ärzte-Gitarrist Farin Urlaub an, die Menge tobt, jubelt, trampelt, klatscht, ist textsicher bei „Nichimgriff”, der ersten Single aus Urlaubs drittem Solo-Album.
Neben Urlaub stehen nicht seine Ärzte-Begleiter Bela B. und Rodrigo Gonzales, sondern elf andere Musiker. Elf! 5500 Zuschauer wissen das. Sie begeben sich in den „Krachgarten”, so heißt Urlaubs dritte Solo-Tour mit dem FURT – Farin Urlaub Racing Team. In Düsseldorf geht die Tour los. Hier ist er nicht Farin Urlaub, sondern eher Jan Vetter, wie er eigentlich heißt. Der Jan Vetter, der sein Privatleben abschottet, der immer etwas geheimnisvoll geblieben ist, der Farin Urlaub für sich als Kunstfigur definiert. Vor Vetter/Urlaub steht eine Tasse Tee, nach jedem dritten Song nippt der bekennende Anti-Alkoholiker daran. Egal wie laut es gerade ist.
Hier steht einer auf der Bühne, der seine Band als sein „Baby” betrachtet. Konzerte der Ärzte leben vom verbalen, albernen Schlagabtausch zwischen Farin, Schlagzeuger Bela und Bassist Rodrigo. In der Philipshalle ist der Spot nur auf den großen Blonden gerichtet. Er redet nicht viel. Geht zwischendurch zur Technik, weil er mit „dem Gitarrensound nicht einverstanden ist”, wie er mitteilt. Die Fans verzeihen das, vertreiben sich zwei Minuten mit „La Ola” die Zeit. Urlaub beschränkt sich auf wenige Witze, lässt so manchen Spaßtext wie „Ich gehöre nicht dazu” und „1000 Jahre schlechten Sex” für sich sprechen – was das Konzert nicht schlechter macht. Ganz im Gegenteil.
Denn obwohl er wie bei den vorherigen Touren mit dem Racing-Team komplett auf Ärzte-Songs verzichtet, muss er die Menge nicht von seinen Solo-Qualitäten überzeugen. Nicht jeder Song ist wie bei den Ärzten entweder eine komplette Hüpfnummer oder eine Schwenkt-das-Feuerzeug-Ballade. Der Ska-Sound, der Urlaubs Solosongs einen komplett eigenen Anstrich verpasst, animiert zu manchem Hüftschwung. Sogar von Urlaub selbst, was bei Ärzte-Konzerten höchst selten passiert. Der Einsatz der vier Bläser mit Posaune, Trompete und zwei Saxofonen ist zum Beispiel bei „Ich gehöre nicht dazu” und „Am Strand” fein abgestimmt, die vier Background-Sängerinnen geben allen Liedern mehr Tiefe. Höhepunkte des Abends sind „Ok”, die laute Hymne für alle Verlassenen. Doch nicht nur die brüllen: „Ja es geht mir beschissen, ja es ist wegen dir.” Der Song geht einfach verdammt ins Ohr. Und dann noch „Zehn”, das Urlaubsche Live-Erlebnis, bei dem 5500 auf Kommando springen.
Bei den politischen Songs muss Urlaub keine Kommandos geben. Er ist ein Linker. Einer, der die kritischen Zeilen in „Krieg” und „Der ziemlich okaye Popsong” betont. Einer, der die Menge beim naiv-zynischen „Lieber Staat” Zeilen wie „Ohne Mist, bleib genau so, wie du bist, ich tätowier mir deine Flagge ins Gesicht, ich bin so schrecklich stolz auf dich” mitgrölen lässt. Der zuschaut, wie sich Fans jeden Alters beim Pogo anspringen – und der dann sein blitzeblankes Lächeln auspackt und einen Schluck Tee genießt.
Kann er auch. Am Schluss fragt Urlaub „Hat es euch gefallen?” Und die Menge tobt, jubelt, trampelt, klatscht nach genau zwei Stunden und 28 Songs ein letztes Mal. Farin hätte nicht fragen müssen.

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