Pflichtsieg!

Für die Mülheimer Woche berichtete ich im Oktober 1995 über das Landesligaspiel zwischen dem VfB Speldorf und Sterkrade 06/07 (4:1). Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert. Ab (…) wurde der Text mit einer Vorschau aufs nächste Spiel und ein paar Zeilen über Vatan Spor fortgesetzt, die ich nicht mitkopiere:

(…)

Der alte und neue Tabellenführer VfB Speldorf hatte sich mit einem seiner stärksten Verfolger, Sterkrade 06/07, auseinanderzusetzen. Vor der guten Kulisse von 650 Zuschauern gewannen sie dieses Spitzenspiel derart souverän mit 4:1 (3:0), dass man sich – zumindest nach der Vorstellung in der ersten Halbzeit – fragen muss, ob diese Mannschaft überhaupt noch ein Spiel verlieren wird. (…) In den Jubel über die Treffer der überragenden Spieler Dirk Roenz (2), Holger Maertin und Jens Koppenborg sowie den gehaltenen Elfmeter von Torwart Frank Langela mischte sich noch die Genugtuung, dass bis auf den Langzeitverletzten Martin Hoffterheide der Kader wieder komplett zur Verfügung steht.

(…)

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Neuers erstes Spiel danach

Für DerWesten und die WAZ-Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtete ich über das Bundesligaspiel FC Schalke 04 gegen 1. FC Kaiserslautern (0:1) in der Saison 2010/2011.

Zur Schalker Einzelkritik („Note 5 für Pliatsikas und Hao“) geht es hier.

Zu einer Geschichte über Manuel Neuers „Empfang“ geht es hier.

Die Stimmen zum Spiel findet Ihr hier.

Ein exklusiver Online-Text über den Ausschluss Manuel Neuers aus der Fan-Gruppierung „Ultras Gelsenkirchen“ steht hier – er erschien zwei Tage nach dem Kaiserslautern-Spiel.

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Wie am ersten Tag

Man, was war ich nervös. Nie vorher (und nie nachher) gab ich so viel Geld für eine Konzertkarte aus – und nie vorher (aber oft nachher) sah ich die Helden meiner Jugend – drei Jungs, die sich auf der Bühne „Die Ärzte“ nennen – live. Und das auch noch bei einem intimen Konzert in der Kulturfabrik Krefeld, auf einer Klubtour unter dem Namen „Nackt unter Kannibalen“.

Ich bloggte dies hier:

Eine Band, die meine Kindheit versüßte, habt Ihr auf dieser Homepage schon kennengelernt. Doch nicht nur die viel gerühmten Toten Hosen aus Düsseldorf zählten zu den Helden des Grundschul-Andis, nein, vielmehr waren die „Ärzte“ aus Berlin diejenigen, die sogar noch über den „Hosen“ in meinen internen Jubel-Charts rangierten und sogar per Poster meine Pinnwand zierten (eher als die Mannschaft des VfL Bochum!). Die „Ärzte“ aus Berlin, rebellisch, anders. Unvergessene Momente, als mein Bruder erste Musikkassetten mit Songs wie „Zu spät“ und „Wie am ersten Tag“ mitbrachte, und mein Vater zweifelnd in der Kinderzimmertür stand. Er – Beamter beim Jugendamt – war natürlich bestens über die Untersuchungen der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ informiert. Wir hörten trotzdem. Die „Ärzte“ aus Berlin. Sie fehlen noch auf meiner Live-Liste. Ich habe viele Konzerte gesehen und einiges erlebt. Und nun? Nun geht es nach Krefeld, und offiziell spielt die Combo „Nackt unter Kannibalen“. Die Insider (oder besser: die eingefleischtesten Fans – so wie ich einer bin) wissen, dass die selbst ernannte „beste Band der Welt“ dahinter steckt. Auf ihre alten Tage wollen Jan Vetter (alias Farin), Dirk Felsenheimer (alias Bela) und Rodrigo Gonzales (alias Rodrigo Gonzales) noch einmal in kleinen Klubs unter Pseudonym vor wenig Fans spielen.

Nervöser als sonst betrete ich die Konzert-Location. Zuletzt waren es „Kettcar“ in Düsseldorf, „nur“ mit der Vorfreude auf etwas Unbekanntes, davor die „Hosen“ in der Arena Oberhausen – da weiß man, was man hat. Schon bevor das Konzert beginnt, ist es supereng, total warm und der Schweiß läuft Stirn und Wangen hinunter. Hab zuletzt wenig Sport gemacht. Zurecht. Die ganzen Kilos werd ich mit Leichtigkeit an diesem Konzertabend los. Gibts eine Vorband? Gar nicht drauf geachtet. Nee, gibts nicht, meint mein Nebenmann. Die Masse ist sehr heterogen. Ich zähle zu den Älteren. Vorn stehen die 16- bis 20-Jährigen mit Bierpullen und Augenrändern (Karnevals-Nachwirkungen) und bereiten sich auf seichten Pogo vor, die Älteren haben sich nach hinten verzogen. Da will ich eigentlich auch hin, doch irgendwie lasse ich mich in die Mitte drängen. Scheiße, da werd ich um ein paar blaue Flecken nicht herum kommen. Auch lang nicht mehr gehabt. Handy rausholen. Wie viel Uhr ist es? 20.15 Uhr. Kein Netz. Umso besser. Werd ich wenigstens nicht gestört. Licht geht aus. Spotlight an. Drei Kerle betreten die Bühne. Sie sinds. Farin links an der Gitarre. Mit schwarz gefärbten Haaren. Vor 15 Jahren waren die noch grellblond. Bela der Tätowierte an den Drums. Und Rod. Es rockt. Es rockt ohne Ende ab. „Kopfüber in die Hölle“ wird zuerst getrümmert, hüpfen, hüpfen, hüpfen, von vorn bis hinten, stoß mit meinem Vordermann zusammen. Autsch das gibt ne Beule. 700 Fans werden zweieinhalb Stunden abfeiern.

Und es nicht immer leicht haben. Denn ein „Ärzte“-Konzert, das hörte ich schon vorher und wurde bestätigt, begeistert und strapaziert doch gleichzeitig die Nerven. Diese Typen wirken zuweilen unglaublich alternativ, und im nächsten Moment wie arrogante Arschlöcher. Es ist eine altbekannte Tatsache, dass die „Ärzte“ während Ihrer Auftritte unheimlich viel labern. Bestimmt viermal witzeln Farin und Bela miteinander, ohne dass es irgendeinen juckt. Da muss Rod schon mal nachhaken: „Hört mal Jungs, das interessiert hier keinen!“ Ist ihnen aber schnuppe. Zu Beginn ihrer Zeit, Anfang der 80-er, wollten sie noch die Welt revolutionieren, drehten die Verstärker bis zum Anschlag auf und schrammten auf der Gitarre rum, bis sie den Geist aufgab. Jeder Auftritt ein Genuss. Und nun? Nun begrüßt Farin die Menge mit den Worten: „Hallo. Wir sind die Ärzte aus Berlin. Ich hoffe, Ihr seid gut drauf, denn Bela ist krank und Rod und ich haben keine Lust!“ Die Menge jubelt. Meint er bestimmt nicht ernst. Oder?

Was für ein Witzbolzen. Zuweilen scheint sich Farin – mittlerweile 40 und auch schon mit Solo-Album auf der Visitenkarte – zu amüsieren, darüber, dass sich noch so viele Mädchen und Teenager unter den Fans befinden; spätestens nach dem dritten BH, der auf die Bühne fliegt. „Und nun kommt ein Lied von damals“, brüllt er ins Mikro. Um anzufügen: „Gebt mir ein D“ (die Menge: „D!!!“). „Gebt mir ein amals“ (die Menge: „AMALS!!!“). „Und das macht?“ (die Menge: „DAMALS!!!“) „Ihr seid so verflucht schlau!“ Der sitzt. Auf der Bühne erlauben sich die Drei alles. Sogar als absolut nervenden „running gag“ ein Panflöten-Stück von einem George wasweißich, das den ganzen einstündigen Zugabenblock begleitet. Doch niemand pfeift, obwohl die von Rod auf Keyboard geklimperten Takte stets übelst gleich klingen. Fast wie Harald Schmidt auf SAT.1. So lange sich keiner beschwert, immer weiter, immer weiter… In Krefeld sind sowieso nur die Eingefleischten. „Wenn Ihr heute Abend von einem Stück träumt, dann von dem Panflötenstück. Und wir sind das schuld“, so beginnt die Verabschiedung nach der letzten Zugabe. Mit der Ergänzung: „Die Ärzte haben alles gegeben. Und ihr habt als Publikum Eure Sache sehr gut gemacht. Wir hatten Spaß. Vor allem mit einem Stück.“ Und Farin spielt nochmal die Panflöte auf Keyboard an.

Hat das irgendwas dekonstruktivistisches (keine Ahnung, ob dieses Wort hier wirklich passt, aber ich versuch’s…)? Nee, weil das irgendetwas mit „kritisch“ zu tun hat. Und kritisch sind die Ärzte gar nicht mehr. Alle drei haben vermutlich längst Millionen auf dem Konto, und lassen das auch raushängen. Punk nur noch auf dem (Noten-)Papier. Fehlt nur noch, dass sie voller Inbrunst „Ich bin reich“ spielen. „Jede vierte Mail“, verrät Farin bei irgendeiner seiner Laberattacken, „die wir bekommen, trägt den Inhalt: Früher wart Ihr besser, ganz anders, punkiger.“ Und fügt hinzu: „Wozu gibt es die „Delete“-Taste? Dann steht da noch der Satz: Vor dem Kommerz!“ „Oh ja, der Kommerz“, schreit Bela aus dem Hintergrund und schmeißt Drumsticks in die Menge. „Ach man gewöhnt sich so schnell an die S-Klasse.“ Gelächter auf der Bühne. Und unten in der Menge. Ist doch scheißegal, wieviel die verdienen. Hauptsache Paaaadiiieeee. Punk, ursprünglich auch politische Bewegung. Tagespolitik bei den „Ärzten“? Es bleibt inhaltsleer. „Schrei nach Liebe“ – der Song gegen Nazis – wird nicht gespielt; in „Friedenspanzer“ wird die Zeile „wenn Brüder und Schwestern sich wieder hassen“ in „wenn die Amis wieder hassen“ umgewandelt – und das hinterher selbstverständlich hervorgehoben, von wegen „die Tagespolitik eingebunden“ und so! Die „Ärzte“, das ist die Band, die fast so viele „Best of“-Alben herausgegeben hat wie „normale“. Da war die „Ist das alles? 13 Höhepunkte“ von 1987, die „Live“-CD von 1990, die „Die Ärzte früher“ von 1993, die „Das Beste von früher nach kurz bis jetze“ von 1994, die „Gib mir Deine Seele – LIVE“ von 1999 und schließlich die „Rock´n´Roll-Realschule“ im Rahmen der „MTV-Unplugged“-Reihe aus dem Dezember 2002. Ärzte überall. Und die Kohle fließt und fließt. Sollten sie irgendwann diesen Text lesen, würden sie vermutlich nur müde lächeln, und auf ihr pralles Bankkonto schauen. Mal sind sie Helden, und mal Diebe. Und doch mag sie noch genauso wie am ersten Tag und find bei aller Kritik den Abend total klasse. Eben weil ich ein ganz Eingefleischter bin. Der alle CD´s zu Hause hat. Verrückt, oder?

Macht es den drei Jungs überhaupt noch Spaß? Nach 20 Jahren auf der Bühne immer wieder dieselben Lieder singen? Bei allen Zweifeln kann ich diese Frage doch bejahen. Es sind die Höhepunkte, die mir, den anderen und auch den dreien selber unter die Haut gehen. Wenn alle Fans die Hände in die Höhe recken, klatschen, was das Zeug hält, und hüpfen, so hoch sie können. Konzert-Ekstase. Höhepunkte wie „Wie am ersten Tag“ („Hey Du bleib stehen, ich weiß, wohin Du gehst, Du brauchst nicht so zu tun, als ob Du nicht verstehst… Du bist auf dem Weg zu Ihr, sie gehörte mal zu mir… usw.“), ein Mix aus „Westerland“ und „Elke“ (die Melodie des einen Songs gemixt mit dem Text des andern) und natürlich „Zu spät“ („Eines Tages werd ich mich rächen, ich werd die Herzen aller Mädchen brechen, dann bin ich ein Star, der in der Zeitung steht – dann tut es Dir leid, doch dann ist es zu spät!“). Von jedem einzelnen Lied kenne ich alle Silben, und singe sie voller Inbrunst mit. Ungeahnt gut ab gehen auch Songs wie „Friedenspanzer“, „Du willst mich küssen“, „Käfer“ und „Alleine in der Nacht“. Ein richtiger Flop ist nicht dabei. Leise wird’s nur – siehe oben, bei den Mono- und Dialogen. Ein begrenztes Programm ist den „Ärzten“ beim besten Willen nicht vorzuwerfen. Schaut nach in der Setlist – aus jedem Album wurde fast die gleiche Anzahl an Songs gespielt. Ein „Ärzte“-Rundblick über das bisherige Schaffen.

Der 4. März 2003 wird als unvergesslicher Tag in meine Lebensgeschichte eingehen. Zweifelsohne. Sicherlich hat das den Grund, dass ich den 4.3.03 ohnehin zum rot markierten Datum erheben wollte, denn normalerweise hätte der VfL an diesem Tag im DFB-Pokal-Halbfinale gestanden (wenn nicht dieses blöde Elfmeterschießen gewesen wäre, verdammt!). Aber das „Ärzte“-Konzert dient als mehr als guter Ersatz. Unvergesslich auch der Preis für die Eintrittskarte. Nie vorher und auch (versprochen!) nie wieder nachher werde ich so viel Geld bei „ebay.de“ für eine Eintrittskarte bezahlen. Zu guter letzt sind die Emotionen mit Sicherheit zu vergleichen mit denen bei den „Hosen-Konzerten, wenngleich die Bands äußerst wenig gemeinsam haben. Die Hosen: Fußball, Düsseldorf, Alkohol. Die Ärzte: Hassen Fußball, Berlin, Versautes. Gut, die Musik klingt ähnlich. Aber das wärs schon.
Ich glaube Bela aufs Wort, wenn er sagt: „Wir sind zurzeit die einzigen Superstars Deutschlands“ – in Anspielung auf die elende RTL-Show. Sie haben das Geschäft verstanden. Ihr Etikett früherer Tage behalten, und die Kohle immer weiter vermehrt. Und vermehrt. Und vermehrt. Da können sie es sich auch mal erlauben, in zehn kleineren Hallen für eine ganz kleine Gemeinde zu singen.

Und ich danke Ihnen dafür.“

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Meine Kirmes, Teil zwei

Für die WAZ/WR Castrop-Rauxel entwickelte ich das Blog “Mein Castrop-Rauxel”, das – damals einmalig auf waz.de (Vorgängerportal von DerWesten) – unter dem Motto “Mein Castrop-Rauxel” stand. Ich berichtete täglich über meine Erlebnisse in der “Europastadt im Grünen” – Teile davon erschienen (mit meinem Foto) auch in der Print-Ausgabe.

Leider sind die Blog-Einträge nicht mehr im DerWesten-Archiv zu finden, weil die Community abgeschaltet wurde.

Dieser Eintrag ist vom 20. September 2007:

18 Tage nicht in Castrop-Rauxel – dann komm’ ich wieder und was sehe ich? Die Herbstkirmes in der Altstadt! Lecker, lecker, lecker!

„Komisch. Es ist wie das Gefühl, nach einem dreiwöchigen Urlaub die heimische Wohnung zu betreten. Oder nach der Sommerpause das erste Bundesligaspiel des VfL Bochum zu besuchen. 18 Tage betrat ich nicht mehr Castrop-Rauxel. Mehr als die tägliche Lektüre der WAZ-Ausgabe bekam ich nicht mit vom Leben in der Stadt, die mir ans Herz gewachsen ist. Den Weg über die Autobahn finde ich noch, weiß sogar noch, wo die Blitzer stehen. Ich könnte zum Dichter werden und Verse unter dem Titel „Coming home” oder „Zu Hause” kreieren, Musik: Blues.
Was ist passiert in Castrop-Rauxel, was geschieht heute, wo darf ich hin? Diese Entscheidung fällt schnell: Herbstkirmes! Habe noch keinen Blick in die Altstadt gewagt am heutigen Tag. Dann wär’s mir sofort aufgefallen. Lese noch schnell meinen Blog-Eintrag über die Castroper Gastronomie-Familie Wachsmann auf der Cranger Kirmes. . . okaaaay, fertig! Und los. Ja jetzt bin ich aber richtig gespannt!
Laufe die Obere Münsterstraße entlang, sonst nur, um belegte Brötchen und Schoko-Croissants zu holen. Süß ist auch das, was sich jetzt hier abspielt. „Schlemmerhaus” heißt das erste Gebäude, das verdammt nach Kirmes aussieht. Wow, es geht also schon hier los. Ich dachte, dass sich die Kirmes auf den Marktplatz beschränkt. Könnte jetzt schon so viel in mich reinwuchten. Bratwurst, Zuckerwatte, Currywurst, Schokobanane, Backfisch. Hurra, eine Crepe-Bude. „Einmal mit weißer Schokolade bitte.” Zweifuffzig kostet der Spaß. Schmeckt. Gut.

Stehe mitten auf dem Marktplatz. Sonst parken hier Autos, jetzt blicke ich mich um, sehe viele Buden, aber mittags um drei noch nicht viele Besucher. Die meisten stehen – welch Wunder – am Breakdance No. 2, der Klassiker unter allen Mir-wird-übel-ich-hätte-gerade-doch-noch-nichts-essen-sollen-Geräten. „Der Renner, auch in diesem Jahr”, haben mich die Kollegen schon vorgewarnt. Mein Kirmesherz schlägt höher, auch wenn es natüürlich nur ein Rummel im Miniminiformat ist. Eine Formulierung fällt mir ein, ich hebe sie für den Zeitungstext auf. „Die Herbstkirmes hat so viel mit Crange zu tun wie. . .” Lest selbst nach!

Crepe zu Ende gegessen, der Losverkäufer langweilt sich, Auto-Scooter fahren will auch noch niemand. „Es läuft wie immer”, sagt der Verkäufer. Ach, was hat mir dieser Geräuschpegel gefehlt. Jugendliche flüstern, schreien und lachen an der einen Ecke, Familien werfen Dosen, die Breakdance-Gondeln sausen im Orkantempo vorbei – und überall der Kirmes-Techno, vornehmlich Pop-Schlager a´ la „Das rote Pferd” oder Techno a´ la Scooter. Scooter, immer wieder Scooter. Utzutzutzutz, gebrannte Mandeln kitzeln die Nase. Leeecker.

Marktplatz, war das etwa schon alles? Nein, in Richtung Stadtgarten stehen auch noch ein paar Buden. Die Herbstkirmes ist klein, aber größer, als ich dachte. 2007 fehlen – erfahre ich von einem Verkäufer – sogar noch zwei Fahrgeschäfte. „Glücksreis” nennt sich ein Stand. Auf einem Schild auf dem Tisch steht „Ihr Name auf einem Reiskorn”. Aha. Der Renner sind Simpsons-Plüschfiguren. Homer und Bart fürs Regal. Beim Dosenwerfen kosten drei Wurf zwei Euro. Teuer. Das letzte klassische Fahrgeschäft heißt „New York Höllentaxi” und klack-klackert wie eine U-Bahn. Nenas „99 Luftballons” dröhnen aus dem Lautsprecher. Hast Du etwas Zeit für mich, dann schreibe ich einen Text für Dich! Der Kirmes-Biergarten wirbt mit Altbierbowle, Berliner Weiße und Weißbier.

Ich zweifle, kämpfe, will zuschlagen – und doch kann mich keine Versuchung besiegen. Gemütlich schlendere ich zurück zur Redaktion, vorbei an Wiener Mandeln und frisch gehackten Kokosnüssen. Mir fallen viele Sachen ein, die fehlen, von der Achterbahn bis zum Riesenrad, dem Kirmesboxen und dem Kamelrennen. Erfahrene Cranger könnten die Liste wahllos ergänzen.

Sammeln. Und telefonieren. So richtig unumstritten ist die Herbstkirmes bei aller Tradition nicht. Die Einzelhändler der Altstadt sind strikt dagegen. Erzählen, dass der Umsatz sinkt, dass die Herbstkirmes keinen Stellenwert mehr hat. Die Kirmesbesucher wünschen sich mehr Geräte, halten sie aber für „besser als nichts”. Der Organisator der Stadt betrachtet die Kirmes als Erfolg, die Schausteller sind mehrheitlich zufrieden. Einen alternativen Standort gibt es laut Organisator nicht.
Alle prallen aufeinander. Die Texte werden schön. Kirmes schreibt sich wie von allein.

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20. September 2004. 15. Urlaubstag. Washington.

usa-7-andi-und-das-kapitolMeinen Sommerurlaub 2004 verbrachte ich mit dem Rucksack auf dem Rücken an der US-Ostküste– in Boston, New York, Philadelphia, Washington. Nicht mein erster Rucksack-Urlaub, aber der erste ganz allein. Während dieser dreiwöchigen Reise führte ich zum ersten Mal ein Online-Tagebuch, das ich von meinem Bruder direkt auf meiner Homepage veröffentlichen ließ. Einige dieser Einträge habe ich “digitally remastered” und veröffentliche sie nun neu.

Dieser hier trug auf meiner “ersten” Homepage die Überschrift “Meter machen” und stammt von meinem 15. Urlaubstag, den ich in Washington DC verbrachte. Ich übernachtete in einem Einzelzimmer in der städtischen Jugendherberge, 15 Fuß-Minuten vom Weißen Haus entfernt.

Jetzt endlich rein in den Text vom 20. September 2004:

Es war ein exzellenter Tag. Ein Tag, an den ich mich bestimmt mein Leben lang zurueckerinnern werde. Was nicht heisst, dass ich DC zu meiner Lieblingsstadt erkoren haette, das wohl kaum… nein; das Wetter, die Emotionen, die Gedanken, die Eindruecke, mein durchgezogenes Programm: Das Puzzle des 20. September passte einfach perfekt.

Keine Ahnung, wie es Euch geht, aber bei mir hatte sich vor diesem Urlaub ein irgendwie unnahbares USA-Bild aufgebaut. Wie viele Filme, wie viele Serien, die in diesem Land spielen, habe ich mir Tag fuer Tag angesehen, und Sammelsurien von Bildern in mich aufgenommen. Eine ganz andere Welt. Ganz anders? Als ich meine Aeuglein frueh am Morgen aufkneife, faellt mir sofort – warum auch immer – das Wort „entmystifiziert“ ein. In diesem Zusammenhang trifft es voll zu.

Ja, das nenn ich doch mal einen Sommertag. Vorgestern, ach wer denkt schon noch an vorgestern!?! Minutenlang stehe ich am Fenster, vor dem Duschen, nach dem Duschen, und ich finde nicht die fisseligste Wolke.

Am Fruehstueckstisch entwickle ich meinen Tagesplan neu. Nix mit U-Bahn fahren, bei dem Wetter wird alles zu Fuss erkundet, so lange das auch dauern mag. Wer weiss, wie lange ich in Europa wieder auf einen solchen Traumtag warten muss? Doch Fruehstueck… wo isn hier das Fruehstueck? Jemand deutet auf einen einzigen Tisch. Darauf stehen zwei Kannen Kaffee, mehrere O-Saft-Paeckchen und zwei Pappkisten mit Muffins drin. Das ist alles. Mager, aber es ist eben eine Jugendherberge.

Auf, Andi, auf zu einem nochmal ganz neuen und anderen Tag. Let’s go!

Auch Washington ist schachbrettartig angelegt, so ist das nun einmal in den USA. Das faellt mir als erstes auf, als ich von der 11. Strasse – also der Jugendherberge – in die 10., 9., 8. usw. laufe. Die Ost-West-Achsen tragen Buchstaben, die Nord-Sued-Strassen Zahlen. Aber halt! Als ich noch eine Querstrasse ueberquere, Richtung Kapitol spazierend, meinem ersten Tagesziel, stosse ich auf die Pennsylvania Avenue. Stimmt, die gibt es ja auch noch. Ich lasse mich aufklaeren, vom Baedeker, von Schautafeln, von Eindruecken. Als der erste Praesident George Washington gemeinsam mit dem Architekten L’Enfant die Hauptstadt entwarf, ging es nicht nur um Standorte fuer das Weisse Haus und das Kapitol. Die Stadt sollte das Land auch moeglichst gut und pompoes repraesentieren. Also durchschneiden nach L’Enfants Plan nun mehrere Avenues das Schachbrett, und muenden in grosse Plaetze. Auch den Baustil legten L’Enfant und Washington fest. Angelehnt ans antike Athen und ans antike Rom entstanden prachtvolle Palaeste. Je mehr ich auf der Pennsylvania Avenue voranschreite, mit dem Weissen Haus im Ruecken, desto mehr… schwitze ich … nee, das auch, aber desto mehr schuettele ich den Kopf. Links und rechts masslos uebertriebene Regierungsgebaeude und vor mir das Kapitol (ja richtig, dieses und das Weisse Haus liegen an derselben Strasse; geplant natuerlich). Kapitol, Sitz des US-Kongresses, mit der weltberuehmten Riesenkuppel. Gewaltig, riiiiesig, aber schoen? „Was massen die sich hier an?“, ist mein erster Gedanke. Das alles ist eine Spur zu gross, zu gewagt, unpassend fuer diese Stadt, sprich: groessenwahnsinnig. Hey, wir sind Menschen, wollen alle friedlich zusammenleben; sind da solche Angebergebaeude noetig?

Die Bibliothek „Library of Congress“ (Anmerkung an meinen Bruder: 100 Millionen Buecher!) und das oberste Gericht „Supreme Court“, ebenfalls auf dem „Capitol Hill“ genannten Huegel, sehen genauso aus. Breite, lange Treppen, viele Saeulen, Marmor, Prunk. Spontan kommt mir in den Sinn, womit ich Kapitol und Supreme Court bisher immer verband; naemlich mit einer Folge der Serie „Eine schrecklich nette Familie“, in der Al Bundy mit seiner Gruppe „No Ma’am“ nach Washington zieht, um gegen die Absetzung seiner Lieblingsserie „Psycho Dad“ zu demonstrieren. Ueberall rennen aalglatte, dauertelefonierende Anzugtraeger rum. Ach, die koennen mich alle mal. Ich leg mich auf eine Bank auf dem „Capitol Hill“, schliesse die Augen und…!?! Sonne, herrlich!

Vor mir liegt ein langer Marsch, der die ganze zweite Tageshaelfte beanspruchen wird. Egal, das Wetter ist geil genug. Als Naechstes kommt der „West Potomac Park“ am anderen Ende der Innenstadt Washingtons. Der Schweiss prickelt auf meiner Haut, so dass ein kleiner Film entsteht, und ich muss dauernd husten. Die Luft in DC ist heute schlecht. Ueberall wird gebaut. Gebaut. Gebaut. Gebaut. Fast an jeder zweiten Strassenecke scheint ein Kran zu stehen, der unendlich viel Staub in die Gemaeuer und Luft pustet. Husthust. Der Tag ist einfach sensationell schoen. Nach 20 Brutto-Fussminuten erreiche ich das „Washington Monument“, das weithin sichtbar ist. Logisch, bei 183 Metern Hoehe ist es das groesste „Ding“ der Stadt. Besteigbar ist es aber erst wieder 2005. Ist ne Baustelle gerade… Vor dem Weissen Haus schiesse ich die Pflichtfotos (das liegt auf der Strecke) und beschliesse, mich gar nicht erst auf die Suche nach einer moeglichen Besichtigungstour zu machen. Diesen geilen Tag (Sonneeee!) will ich nicht mit Warteschlangen und Klimaanlagen verbringen!! Ich lege mich laengs auf die Wiese vor dem Weissen Haus, benutze meine Tasche als Kopfkissen, schalte „Believe“ von K’s Choice ein und lasse die Welt eine Scheibe sein. Momente, die ich liebe.

Kurz vor Sonnenbrandgefahr wandere ich weiter. Heute „mache ich Meter“, so heisst das im Fussballjargon. Mache Meter wie der Sesi Schindzielorz in seinen besten VfL-Zeiten. Im „West Potomac Park“ am gleichnamigen Fluss stehen ich und Massen an Eichhoernchen vor dem „Reflecting Pool“. Irgendwie habe ich mich darauf am meisten gefreut. Ich schreite gemaechlich die 600 Meter entlang, in Richtung „Lincoln Memorial“; denke an den Film „Forrest Gump“, wie Tom Hanks alias Forrest durch den Pool seiner grossen Liebe (verflixt, wie heisst sie noch gleich?) entgegensprintete. Hab Tausende von Menschen vor Augen, die im Wasser und daneben stehen in der 60-ern gegen Rassismus demonstrieren. Und hab Martin Luther King im Ohr, der hier seine „I have a dream“-Rede hielt.

Ich schreite die Stufen zum Memorial hinauf (nicht fuer den Schalke-Mittelfeldspieler, sondern fuer den US-Praesidenten Abraham Lincoln, in dessen Amtszeit die Abschaffung der Sklaverei fiel), erblicke das Schild „Quiet! Respect please!“… und Respekt floesst der sechs Meter hohe Lincoln schon ein. Aber hallo. Im totalen Schatten hockt er in einer Art Tempel (uebertrieben natuerlich) und schaut streng in Richtung Reflection Pool und Washington Monument. Nach ein paar Minuten mache ich kehrt, fotografiere noch kurz ein Paerchen aus Frankfurt. Unterhaltung. Klingt schon geil, wenn ich sage „Aehem, ich war schon in Boston, New York und Philadelphia…“ Die beiden haben nur zwei Wochen Florida zu bieten und beantworten meinen Hurrikan-Entsetzensblick mit einem „War nicht so lustig!“ Endlich darf ich mich in meinem Urlaub mal an einen Pool legen. Ich tu’s!

Auch die grossen Parkanlagen mit viel Gruen, viel Wasser (angelegte Seen, Wasserfaelle und Brunnen en masse) waren geplant. Die Memorials – eins nach dem anderen – kamen sukzessive hinzu. Beim „Vietnam Memorial“ erschrecke ich. An zwei Staenden wird „US Army“-Zeugs in allen Varianten verkauft; es stehen Geldsammelbehaelter mit der Aufschrift „Save the troops“ davor; und die werden fleissig gefuellt. Von den vielen Tafeln mit den Namen aller US-Gefallenen in diesem sinnlosen Krieg: Patriotismus. Salutierende Veteranen, trauernde Menschen in USA-Shirts. „Respect please!“ Was waere passiert, haette ich mein Vietnam-Trikot getragen? Also darauf kann ich gar nicht!

Unter dem Geleitschutz des gigantisch blauen Himmels klappere ich auch das Koreakrieg-, das Roosevelt- und das Jefferson-Memorial (zwei weitere Ex-Praesidenten) ab; mal am Potomac River entlang, mal am angelegten Ableger „Tibal Basin“. Es ist so gruen, dass ich’s hier schoen finde und viele Joggstrecken entdecke (und Jogger natuerlich). Ich lasse mich zum Sonnen nieder, vor dem Jefferson-Memorial. Die Minuten verrinnen, es schlaegt schon 17.10 Uhr, und trotz der vielen Kilometer bin ich keine Spur kaputt. Nur etwas durstig.

Hier zu leben ist bestimmt seltsam. In einer Stadt mit so einer exorbitant hohen Verbrechensrate, voellig uebertriebenem Prunk (ich muss es nochmal sagen), miesem Lobbyismus (Stichwort „Watergate“, moechte nicht wissen, was hier sonst noch passiert), keinem Flair und viel Security – aber auch in der politisch bedeutendsten Stadt der Welt, mit vielen schoenen Gruenflaechen, historisch wichtigen Hausern und bestimmt intellektuellem Kulturangebot.

Immer wieder setze ich mich auf dem Rueckweg hin, lese, entspanne, wechsle die CD. Einem Halt bei „Kinko’s“ folgt noch ein geldsparender bei Maeckes und schon in der Dunkelheit der Nacht erreiche ich die Herberge. Zehn Stunden nonstop unterwegs. So langsam spuer ich’s doch.

Aber das war es wert. Es wirkt, als wuerde ich in diesen Tagen den Lohn bekommen fuer all die Muehe, all die Vorarbeit in den letzten sieben Monaten. Mit einem zufriedenen, mueden Grinsen im Gesicht gehe ich schlafen. Viel sehen, kritisch reflektieren, entspannen, das alles gewuerzt mit Superwetter – das nenne ich einen exzellenten Urlaubstag. Siehe Beginn.

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