{"id":989,"date":"2011-09-01T13:03:27","date_gmt":"2011-09-01T13:03:27","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=989"},"modified":"2011-11-07T13:15:17","modified_gmt":"2011-11-07T13:15:17","slug":"989","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=989","title":{"rendered":"Brechtian Punk Cabaret"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Zum ersten und bisher einzigen Mal weilte ich am 9. M\u00e4rz 2005 im Geb\u00e4ude 9 in K\u00f6ln-Deutz, zehn Fu\u00dfminuten vom Bahnhof K\u00f6ln-Messe\/Deutz und damit auch von der Lanxess-Arena und der Messe entfernt (sp\u00e4ter veranstaltete mein Bruder dort noch eine Lesung, aber an diesem Abend musste ich arbeiten). Dieses Konzert der Bostoner Band &#8222;The Dresden Dolls&#8220; war ein Experiment. Ich kannte nur ein Lied der Dolls, fand das Band-Konzept ganz gut (Musikrichtung &#8222;Brechtian Punk Cabaret&#8220;) und wollte mal was wagen. Also kaufte ich eine Karte und fuhr hin. Und bereute es nicht.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p>Rein in meinen Blog-Eintrag:<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8222;Auf meinem Handr\u00fccken prangt ein unleserlicher Aufdruck. Der Eingang liegt ein paar Meter hinter mir, und ein Typ, an dessen Aussehen ich mich nicht mehr erinnere, dr\u00fcckt den Stempel grad zum n\u00e4chsten Mal ins Stempelkissen. Leise tapse ich vorw\u00e4rts, wie ein kleiner Entdecker auf Weltreise. Ich schaue an die W\u00e4nde, sehe, wie der Putz abbl\u00e4ttert, erblicke das eine oder andere Graffiti. Ich habe ein bisschen Angst, und ich wei\u00df nicht einmal wieso, aber es ist kein negatives Angstgef\u00fchl. Ich bin neu hier, neu in K\u00f6ln-Deutz, neu in dieser Musikrichtung, und ich glaube, das &#8222;Geb\u00e4ude 9&#8220; in K\u00f6ln-Deutz ist eins, das ich au\u00dferhalb des Konzerts nicht wirklich besuchen w\u00fcrde. Vor zehn Minuten noch, da telefonierte ich mit meinem Bruderherz Thommy, diskutierte \u00fcber die miserable Leistung des VfL Bochum beim Spiel gegen Schalke 04, wanderte an den zahlreichen H\u00e4usern der K\u00f6lner Messe vorbei, suchte und fand die Deutz-M\u00fclheimer Stra\u00dfe. &#8222;Deutz, das ist ja nicht wirklich K\u00f6ln. Das ist ja die andere Rheinseite&#8220;, erkl\u00e4rte mir der Ex-K\u00f6lner Thommy, warum er vom &#8222;Geb\u00e4ude 9&#8220; noch nie etwas geh\u00f6rt hat. Ich erblickte das Schild &#8222;Geb\u00e4ude 9&#8220;, verabschiedete mich von Thommy, der mir mitteilte, dass &#8222;Good day&#8220; zurzeit zu seinen Lieblingssongs geh\u00f6rt, und betrat einen Hinterhof. Ein stinknormaler Hinterhof eines Lagergeb\u00e4udes, einer Lagerhalle, was wei\u00df ich. Musik dr\u00f6hnte hinter einer Wand hervor, etwa schon die Vorband? Rein ging es &#8211; und zack, da bin ich nun.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Ich betrete den sehr spartanisch ausgestatteten Konzertsaal und beobachte die verschiedensten Leute. Mit schwarzen Haaren, hellen, gef\u00e4rbten, gar keinen, langen, Haaren mit Zopf, junge Menschen, alte Menschen, wandelnde T\u00e4towierungen, massiv gepiercte, bunt angezogene, ganz ins schwarz gekleidete, klasse klasse klasse, diese Atmosph\u00e4re gef\u00e4llt mir. Ein P\u00e4rchen vor mir knutscht pausenlos, w\u00e4hrend die Vorband &#8222;The surreal funfair&#8220; gerade ihre letzten Takte spielt, links fragt jemand eine Frau nach ihrem Hauch von nichts, das sie (nicht) an ihrem K\u00f6rper tr\u00e4gt. Ich sehe mit meiner Jeans, den abgenutzten Chucks und meinem gr\u00fcnen Pulli schon relativ &#8222;spie\u00dfig&#8220; aus, doch das ist kein Ort, um in irgendwelche Stereotypen zu verfallen, das ganz gewiss nicht. Es ist noch ein bisschen Zeit, bis die &#8222;Dresden Dolls&#8220; kommen. Meine Angst ist l\u00e4ngst gewichen. Gewichen f\u00fcr die Melancholie, die ich schon lange nicht mehr erleben durfte. Es ist eine Erinnerung an mein nicht vorhandenes Studentenleben. So viele junge Menschen, so viele alternative Menschen, so viele Menschen, die mit dem Alltagsleben vermutlich noch nichts zu tun haben, die durch die Welt reisen, die sich spontan treffen k\u00f6nnen, keine Termine und Verpflichtungen haben. Das Konzert hat noch gar nicht angefangen, und schon spiele ich mein (achtung, ich klaue gerade bei Judith Herrmann) &#8222;Stell dir vor, wer im richtigen Leben was ist und was macht&#8220;-Spiel. Mit meinem vom ganzt\u00e4gigen Stehen schon arg angeschlagenen R\u00fccken lehne ich mittlerweile an einer Wand. Die &#8222;Dresden Dolls&#8220; sind nicht in Sicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Wer ist das \u00fcberhaupt? Wer sind die &#8222;Dresden Dolls&#8220;? Wie bin ich daran gekommen? W\u00e4hrend ich und die paar Hundert anderen noch immer warten, drehe ich an meiner Gedankenuhr. Aufmerksam geworden bin ich, als ich irgendwann nachts kurz vor dem Schlafen gehen auf MTV zappte. Ich glaube, es war eine Sendung mit Markus Kavka. Er k\u00fcndigte eben diese Band an, mit ihrem neuesten Titel &#8222;Coin-operated boy&#8220;, und dieser Song haute mich schlichtweg aus den Schuhen. Eine v\u00f6llig neue Musik, die ich noch nicht einzusch\u00e4tzen in der Lage war. Noch nie habe ich so schnell eine CD bestellt. Das Lied war keine zwei Sekunden vorbei, da lag das Album schon in meinem Amazon-Warenkorb. Als ich den Button &#8222;Bestellung abschicken&#8220; l\u00e4ngst geklickt habe, fallen mir noch viele weitere Gr\u00fcnde auf, diese Band zu lieben, bevor ich \u00fcberhaupt das Album geh\u00f6rt habe. Die &#8222;Dresden Dolls&#8220; kommen aus Boston, meiner Favourite-Stadt in den USA, und ein Amazon-Rezensent gibt etwas verschleiert und unklar zu Protokoll, die Dresden Dolls h\u00e4tten &#8222;die Bostoner Club- und Kunstszene-Welt geh\u00f6rig durcheinander gew\u00fcrfelt.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Zwanzig nach neun. Licht aus; der herrliche Moment des Wartens, bevor die Stars die B\u00fchne betreten. Die Stars, das sind in diesem Fall zwei Personen. Ich vergesse l\u00e4ngst, wo ich bin, wer da neben mir steht, es gibt nur noch mich und die Musik. Amanda Palmer schnappt sich das Mikro und setzt sich ans Piano, Brian Viglione pflanzt sich vor die Drums. Beide mit kalkwei\u00df geschminkten Gesichtern, Brian oben ohne, aber mit Hut. Sie haut sanft in ihre Tasten und singt &#8222;So you don\u00b4t want to hear about my good song?&#8220; Mit &#8222;Good Day&#8220; beginnt ein 90-min\u00fctiger Traum, ein 90-min\u00fctiger Ausflug in die 20er Jahre des Kurt Weill, in die abgefahrenste Variante des Punkrock, in die geschminkte Realit\u00e4t, in fantastische Musik, tolle Melodien. Sie ist Pianistin, er Schlagzeuger &#8211; und das auch noch gelernt, kommt selten vor im heutigen Musikgesch\u00e4ft. Sie hat mal in Deutschland studiert, spricht auch ein wenig die Sprache. Die Performance der beiden auf der B\u00fchne, allein die ist schon ein Erlebnis. Geschminkt wie ein Pantomime vollf\u00fchrt Brian Viglione die eine oder andere ulkige, aber sinn machende Verrenkung und spielt mit den Nerven und Empfindungen des Publikums, genauso wie Amanda Palmer das allein mit ihrer Stimme schafft. Stark, abwechslungsreich gibt sie sich. Mal laut br\u00fcllend, mal leise hauchend, fast fl\u00fcsternd, mal ganz brav, mal verrucht, mal glasklar, mal geheimnisvoll bis zum geht-nicht-mehr, ihre Texte sind mal ironisch, witzig, dann wieder \u00e4ngstlich. Alles an den &#8222;Dresden Dolls&#8220; ist Kunst, ob das Booklet der CD oder nur die Website. Geht weg mit Eurem Einheitsbrei, das hier ist ganz anders. Das hier nennt sich Punk und verzichtet ganz auf Saiteninstrumente. Keine Gitarren, kein Bass. Wozu auch? Drums und Pianos reichen, richtig und vern\u00fcnftig eingesetzt und mit einer Superstimme gepaart, v\u00f6llig aus. An Halloween, ausgerechnet, haben sich Amanda und Brian in Boston kennengelernt, verriet mir ein Artikel zur Entstehungsgeschichte der Band. Beide einte von Beginn an das Interesse und die Vorliebe f\u00fcr die &#8222;Kunst und Kultur der 20er Jahre in Deutschland&#8220;, die Bilder von Liebermann, eben die Musik von Weill, das epische Theater von Brecht. &#8222;Brechtian Punk Cabaret&#8220; nennen sie ihre Musikrichtung, na wenn das kein Begriff ist, der erst einmal ein sekundenlanges Nachdenken erfordert. Brechtian Punk Cabarat. Wow. Das Dialektische soll sich im Namen widerspiegeln. &#8222;Dresden&#8220; als der Inbegriff der Zerst\u00f6rung im 2. Weltkrieg, &#8222;doll&#8220; (hei\u00dft \u00fcbersetzt &#8222;Puppe&#8220;) als Inbegriff des Zerbrechlichen.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Die &#8222;Dresden Dolls&#8220; hangeln sich von Lied zu Lied, von Tempowechsel zu Tempowechsel, von H\u00f6hepunkt zu H\u00f6hepunkt. Auf &#8222;Good day&#8220; folgt das grandiose &#8222;Missed me&#8220;. Ob &#8222;Half jack&#8220; oder eben &#8222;Coin-operated boy&#8220;, jene fantastische Singleauskopplung &#8211; Applaus! Es ist kein Konzert, in dem viel getanzt oder im Rhythmus geklatscht wird. Es ist ruhig, aber nicht langweilig. Aufregend, aber entspannt. &#8222;Weimarer Klassik schl\u00e4ft mit Punk&#8220;, stand in einer Rezension. So ist das wohl. Musik geht auch ohne viele Instrumente.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Das ist genau das, was ich an diesem Tag noch gebraucht habe. Etwas ganz anderes, etwas neues, dass meinen Alltag erg\u00e4nzt, ein wenig auf den Kopf stellt. Dass mit meinem Alltagsleben nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Die letzten Zugaben sind nur noch ein Traum. Amanda Palmer interpretiert zun\u00e4chst die &#8222;Seer\u00e4uber-Jenny&#8220; aus der Dreigroschenoper. &#8222;Und das Schiff hat acht Segel&#8230;&#8220; Und dann folgt noch ein Brel-Chanson, den sich auch David Bowie schon ausborgte. &#8222;In the port of Amsterdam&#8220;. &#8222;In the port of Amsterdam \/ There&#8217;s a sailor who drinks \/ And he drinks and he drinks \/ And he drinks once again \/ He&#8217;ll drink to the health \/ Of the whores of Amsterdam \/ Who&#8217;ve given their bodies \/ To a thousand other men \/ Yeah, they&#8217;ve bargained their virtue \/ Their goodness all gone \/ For a few dirty coins \/ Well he just can&#8217;t go on \/ Throws his nose to the sky \/ And he aims it up above \/ And he pisses like I cry \/ On the unfaithful love&#8220;, hei\u00dft es in den letzten Zeilen, und bei &#8222;And he drinks and he drinks&#8220; werde ich fast schwach. Um mich herum sind alle mittlerweile auf Beck\u00b4s umgestiegen, und zum ersten Mal, seitdem ich auf trockenem Fu\u00df lebe, versp\u00fcre ich das dringende Verlangen nach einem Pils. Es w\u00fcrde diesen Abend toppen, dieses Erlebnis. Ich bleibe stark und verlasse ohne einen Tropfen Alkohol um Punkt 23 Uhr das &#8222;Geb\u00e4ude 9&#8243;, bin aber um einige Erfahrungen reicher. Heute Abend bin ich keinen Schritt umsonst gegangen.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum ersten und bisher einzigen Mal weilte ich am 9. M\u00e4rz 2005 im Geb\u00e4ude 9 in K\u00f6ln-Deutz, zehn Fu\u00dfminuten vom Bahnhof K\u00f6ln-Messe\/Deutz und damit auch von der Lanxess-Arena und der Messe entfernt (sp\u00e4ter veranstaltete mein Bruder dort noch eine Lesung, &hellip; <a href=\"https:\/\/andreasernst.com\/?p=989\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1,126,121,9],"tags":[197],"class_list":["post-989","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-blog-damals","category-konzerte","category-musik","tag-musik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/989","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=989"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/989\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":992,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/989\/revisions\/992"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=989"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=989"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=989"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}