{"id":887,"date":"2011-09-02T15:20:42","date_gmt":"2011-09-02T15:20:42","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=887"},"modified":"2011-10-21T15:26:43","modified_gmt":"2011-10-21T15:26:43","slug":"die-popbeauftragte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=887","title":{"rendered":"Die Popbeauftragte"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Irgendwann im Oktober 2007 steuerte ich meinen Smart Richtung M\u00fcnster. Im dortigen Prinzipalsaal bereitete sich Sarah Kuttner auf eine Lesung vor. Ich durfte sie vorher f\u00fcr den WAZ-&#8222;Mantel&#8220; interviewen, f\u00fcr die Seite &#8222;Menschen&#8220;.<\/span><\/span><\/p>\n<p>Wir trafen uns im sehr kleinen K\u00fcnstler-Vorbereitungsraum des Prinzipalsaals, sa\u00dfen gemeinsam nur bei Kerzenlicht auf der Couch, ich war &#8211; als ganz frischer Volo &#8211; etwas nerv\u00f6s. Einen Text habe ich doch noch hinbekommen.<\/p>\n<p>Und zwar diesen hier am 27. Oktober 2007:<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8222;Es klack, klack, klackt im Prinzipalsaal in M\u00fcnster. In Schuhe mit hohen Abs\u00e4tzen hat Sarah Kuttner ihre kleinen F\u00fc\u00dfe gepresst, die Zehenn\u00e4gel rot lackiert. In 45 Minuten wird sie hier aus ihrem aktuellen Buch &#8222;Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart&#8220; lesen. Sie setzt sich auf einen Stuhl auf der B\u00fchne. &#8222;Ich hab&#8216; hier ganz viel Kram auf dem Tisch. St\u00f6rt das? Bin ich auch zu sehen?&#8220; Ja, ja, ja. Lichtprobe f\u00fcr die Queen des Schnellsprechens, f\u00fcr eine der umstrittensten Figuren der Popkultur.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Noch 40 Minuten. Probe vorbei. Sie ist die Sarah, siezen unm\u00f6glich. Die Zeit bis zum Auftritt verbringt die 28-J\u00e4hrige in einem kleinen Zimmer in der ersten Etage, mit Blick auf den Saal. S\u00e4fte, Wasser, eine Dose Red Bull stehen auf einem Tisch. Sarah setzt sich auf eine Couch, kramt eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche. Vor 80 000 moderierte sie im August in Rostock das &#8222;Deine Stimme gegen Armut&#8220;-Konzert. In M\u00fcnster werden&#8217;s 500, im Zimmer ist sie allein. Der Saal f\u00fcllt sich, Sarahs Fans sind \u00fcberwiegend unter 30. Ist sie, die 1,60 Meter kleine Plaudertasche, eine Leitfigur?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Sie zieht lang an ihrer Zigarette. &#8222;Ich hab&#8216; mir das nicht ausgesucht&#8220;, sagt sie. Bei Viva und MTV bestimmte die Sarah zwischen 2001 und 2006 die Trends der alternativen Jugend mit. Doch jetzt? &#8222;Ich bewege mich in einem musikalischen D\u00e4mmerschlaf.&#8220; Die Ballade &#8222;Hey there Delilah&#8220; von den Plain White T&#8217;s h\u00f6rte sie neulich im Radio, kaufte sich den Song im Internet. Und stellte erst dann fest, dass er seit Wochen in den Charts ganz oben steht. Sarah ist im Moment raus aus dem Gesch\u00e4ft. Im August 2006 lief ihre eigene Show bei MTV aus. Sie h\u00e4lt sich au\u00dferhalb des Bildschirms fit. Auf B\u00fchnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Denn trotz ihrer TV-Abstinenz ist sie popul\u00e4r. Pop. &#8222;Ich bin so Pop, wie man Pop sein kann. Und weniger indie als alle glauben.&#8220; Indie hei\u00dft Independent, das steht f\u00fcr kreative Ausdrucksformen aller Art. Sarah kann kreativ reden. Schlagfertig quatschen, labern. Labern und labern und sabbeln und immer schnell, schneller, am schnellsten. Ist die Kamera aus oder liegt eine Etage zwischen dem Publikum und Sarah, \u00fcberlegt sie, was sie sagt. Zieht an der n\u00e4chsten Zigarette vor der Antwort. &#8222;Ich mache erst wieder TV, wenn ich glaube, dass es gut wird &#8211; ich bin da pingelig&#8220;, sagt sie. Sie taucht vergleichsweise selten auf. Zum Beispiel wenn es um ihr Buch geht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Das ist kein Roman, sondern eine Kolumnensammlung. &#8222;Eine ganz gute S-Bahn- und Klo-Lekt\u00fcre.&#8220; Sagt Sarah selbst. Es geht um Mode, Musik, Menschen. Sie redet viel von Liebeskummer, von eigenen Erfahrungen &#8211; nennt aber keine Namen. Sie ist privat, aber nicht pers\u00f6nlich. Es bleibt oberfl\u00e4chlich, meist ohne Tiefsinn. Sie verstelle sich vor der Kamera nicht. Nur wenn es ihr pers\u00f6nlich schlecht ginge . . .<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Schlecht kommt bei Sarah das Ruhrgebiet weg. &#8222;Liegt Mannheim dort? Mir ist das Ruhrgebiet egal.&#8220; Am 30. Oktober liest sie in der Essener Zeche Carl und verschwindet schnell wieder. Zur\u00fcck nach Berlin, in ihre Heimat. &#8222;Ich bin froh, dass wir die Loveparade abgegeben haben.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Wir hei\u00dft Berlin. Geboren ist die Tochter des Radioreporters J\u00fcrgen Kuttner 1979 im Osten Berlins, in einem &#8222;intellektuell-alternativen Elternhaus&#8220;. Kolumnen \u00fcber diese Zeit w\u00fcrde sie nicht hinbekommen. Weil sie sich nicht f\u00fcr eine Romanschreiberin h\u00e4lt. Und weil sie kaum noch Erinnerungen hat. Nur eine &#8211; an den Fr\u00fchst\u00fcckstisch einer Freundin. &#8222;Mir lief einmal&#8220;, erz\u00e4hlt sie, &#8222;vom Toast der Honig runter. Da habe ich gesagt: Der l\u00e4uft nach Hamburg.&#8220; Der Vater ihrer Freundin schaute b\u00f6se. &#8222;H\u00f6chstens nach Dresden&#8220;, sagte er. &#8211; &#8222;Dabei haben die West-Fernsehen geguckt.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Zu sehen ist sie erst einmal nicht. Aber ab 9. November zu h\u00f6ren &#8211; mit ihrem Vater in der Radiosendung &#8222;Kuttner und Kuttner&#8220; im RBB. Die beiden reden \u00fcbers Leben. Reden hat sie beliebt gemacht. Und unbeliebt. &#8222;50 Prozent finden mich top. Die andere H\u00e4lfte hasst mich aus Leidenschaft. Ich wei\u00df nicht, was ich gemacht habe, habe es nie drauf angelegt. Ich bin nicht unanst\u00e4ndig gekleidet, ich provoziere nicht bewusst.&#8220;<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Noch f\u00fcnf Minuten. Sie dr\u00fcckt die letzte Zigarette aus, setzt ihre Sarah-\u00d6ffentlichkeits-Popmine auf, klackt Richtung B\u00fchne. Der Prinzipalsaal ist pickepackevoll. Bis auf den letzten Platz.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Spot an.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann im Oktober 2007 steuerte ich meinen Smart Richtung M\u00fcnster. Im dortigen Prinzipalsaal bereitete sich Sarah Kuttner auf eine Lesung vor. Ich durfte sie vorher f\u00fcr den WAZ-&#8222;Mantel&#8220; interviewen, f\u00fcr die Seite &#8222;Menschen&#8220;. 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