{"id":883,"date":"2011-09-03T15:11:59","date_gmt":"2011-09-03T15:11:59","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=883"},"modified":"2011-10-21T15:18:57","modified_gmt":"2011-10-21T15:18:57","slug":"wo-das-licht-warmer-scheint","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=883","title":{"rendered":"Wo das Licht w\u00e4rmer scheint"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Am 6. Oktober 2007 arbeitete ich schon seit drei Monaten nicht mehr in M\u00fclheim. Einen Text durfte ich dann aber doch noch f\u00fcr die WAZ-Lokalredaktion schreiben &#8211; im Rahmen der Serie &#8222;M\u00fclheim gastronomisch&#8220; wurde ein Aufmacher \u00fcber einen Abend in meiner Stammkneipe &#8222;Zum Schr\u00e4gen Eck&#8220; in M\u00fclheim-Eppinghofen verlangt.<\/span><\/span><\/p>\n<p>Ich wurde &#8211; zugegeben &#8211; sehr romantisch&#8230;<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8222;Ein normaler Dienstagabend, kurz vor neun. Fu\u00dfball l\u00e4uft. Champions League, Stuttgart gegen Barcelona. Zu Hause gucken ist unm\u00f6glich, kommt nur im Pay-TV. Wird Zeit f\u00fcr einen Besuch in der Stammkneipe. Die T\u00fcr aufdr\u00fccken, ganz sanft. Hier ist es, das &#8222;Schr\u00e4ge Eck&#8220; an der Klopstockstra\u00dfe, eine ganz normale Eckkneipe, wie sie immer seltener werden in M\u00fclheim. Das Schr\u00e4ge Eck: Dat is Eppinghofen pur.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8222;Psst&#8220;, sagt jemand, &#8222;Bazza greift an.&#8220; Bazza hei\u00dft Barcelona. Warum richtig aussprechen, wenn&#8217;s auch einfach geht!? In einer Kneipe leise: haha und drauf gepfiffen! Erst die Leute begr\u00fc\u00dfen. Die Stammg\u00e4ste, die in den letzten Jahren zu W\u00fcrfelfreunden geworden sind. Zu Dartkumpanen. Zu Billard-Kontrahenten. Der erste Weg f\u00fchrt zum Wirt, der im &#8222;Schr\u00e4gen Eck&#8220; Zarko Pulic hei\u00dft. Manche sprechen ihn richtig aus, also &#8222;Dscharrko&#8220;, manche einfach &#8222;Jacko&#8220;. &#8222;Hallo Dscharrrko&#8220;. Der antwortet stets: &#8222;Hallo mein lieber Freund.&#8220; Das passende Getr\u00e4nk steht bereit. Er kennt seine Stammg\u00e4ste.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Lust auf Fu\u00dfball gucken, aber auch Lust auf Billard. Ein Euro gleich ein Spiel. &#8222;Hier wird nach Zarkos Regeln gespielt.&#8220; &#8222;Ach so&#8220;, sagt Micha, der Gegner. Hier ist die Vornamen-Welt. Nachnamen interessieren nicht. &#8222;Where everybody knows your name&#8220;, hei\u00dft es im Titelsong der US-Serie &#8222;Cheers&#8220;. Passt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Micha erkundigt sich, wie Zarkos Regeln sind und st\u00f6\u00dft. Klick und Klack macht&#8217;s auf dem Tisch. Dieser Ger\u00e4uschpegel. . . Billardkugeln hier, die Dudelei des Dartautomaten dort, die Stimme des Kommentators im Hintergrund. Am Nebentisch wird gar nicht geredet. Doch, halt, jetzt ganz kurz. &#8222;Pik Solo&#8220;, sagt Conny &#8211; keine Ahnung, wie sein richtiger Vorname lautet. Ach sooo, hier wird Skat gekloppt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Halbzeit im Fu\u00dfball, ein Billardspiel vorbei. An der Theke hocken Wanna und Bernd. &#8222;Wir&#8220;, sagt Wanna jedem, der an der Theke vorbei zum Klo geht, &#8222;wir haben zusammen auf dem Schulhof gespielt.&#8220; Dann deutet er auf Bernd. &#8222;Und heute hier nach zehn Jahren wiedergetroffen.&#8220; Die T\u00fcr geht auf, jemand br\u00fcllt laut &#8222;TAXIIII!&#8220; Wanna steht auf, nimmt seine Jacke, bezahlt seinen Deckel und geht. &#8222;Tsch\u00fcss Wanna, mein lieber Freund&#8220;, sagt Zarko, der Wirt. Der Kommentator analysiert &#8222;Bazza spielt sehr, sehr provokant, sehr, sehr l\u00e4ssig.&#8220; Dann f\u00e4llt das erste Tor, das zweite, 2:0. F\u00fcr Bazza. &#8222;Maaaan&#8220;, hei\u00dft&#8217;s laut. Eigentlich gibt es hier nur Gladbach-, Schalke-, BVB- und Bochum-Fans. Heute sind alle f\u00fcr Stuttgart. Vergeblich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Das Spiel ist vorbei, eine Minute sp\u00e4ter betritt Kl\u00e4usken den Raum. Zarko stellt den Fernsehton leise, erf\u00fcllt nun jeden Musikwunsch. &#8222;Another brick in the wall&#8220; von Pink Floyd ist der erste. Ja, das weckt Erinnerungen. Jede Altersgruppe ist vertreten, von 18 bis 70. Die Skatrunde kloppt weiter. &#8222;Jacko, machze &#8218;ma noch n&#8216; R\u00fcndken&#8220;, br\u00fcllt Conny quer durch den Raum. Und Jacko zapft vier Pils.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Die 70er sind angesagt, zum Beispiel &#8222;Bobby Brown&#8220; von Frank Zappa. Dann die 80er. &#8222;Sex Bomb&#8220; von Tom Jones. &#8222;Kl\u00e4usken, sie spielen dein Lied&#8220;, br\u00fcllt Micha aus dem Hintergrund. Gel\u00e4chter an der Theke. Kl\u00e4usken, 67, schmunzelt mit, fl\u00fcstert dann aber lieber: &#8222;Spiel doch &#8218;mal Musik f\u00fcr &#8217;nen alten Mann.&#8220; Zarko wei\u00df genau, was sein Stammgast h\u00f6ren will und wenige Sekunden sp\u00e4ter ert\u00f6nt &#8222;For the good times&#8220; von Kenny Rogers aus den Lautsprechern. Kl\u00e4usken singt leise mit, haucht den Refrain &#8222;Lay your head on my pillow. . .&#8220; Er schlie\u00dft seine Augen, zieht an einer Zigarette, pustet den Rauch in die Luft, nimmt einen Schluck aus seinem Bierglas und haucht weiter: &#8222;Hear the whisper of the raindrops, beating soft against the window.&#8220; Alle lauschen and\u00e4chtig. Kneipen-Romantik.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Kurz nach zw\u00f6lf ist es inzwischen, wieder so ein Eckkneipen-Abend, der ruck, zuck vorbei geht. Kurz nach Mitternacht schmettert John Denver &#8222;All my bags are packed. . .&#8220;, den Rest kennt jeder. &#8222;I&#8217;m leaaaaving on a jetplane&#8220;, br\u00fcllen alle, ob 18 oder 70. Und Zarko mittendrin!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Auf die Uhr schauen. Ups, kurz vor eins. &#8222;Gute Nacht Freunde&#8220; in die Runde br\u00fcllen. Wie hat Reinhard Mey noch gedichtet: &#8222;. . . dass man von drau\u00dfen meint, dass in euren Fenstern das Licht w\u00e4rmer scheint.&#8220; Sieben Euro auf dem Deckel, einmal Billard f\u00fcr einen Euro. Das ist doch billig.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Die einen schunkeln nach Hause. Treffen Lutz und Wilfried vor der T\u00fcr. Die kommen gerade. Um eins. Die Nacht in der Eckkneipe hat begonnen.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 6. Oktober 2007 arbeitete ich schon seit drei Monaten nicht mehr in M\u00fclheim. 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