{"id":770,"date":"2011-09-01T01:50:58","date_gmt":"2011-09-01T01:50:58","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=770"},"modified":"2011-10-21T12:25:23","modified_gmt":"2011-10-21T12:25:23","slug":"letzte-ausfahrt-spatzennest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=770","title":{"rendered":"Letzte Ausfahrt Spatzennest"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen meines Volontariats durfte ich den Redakteur der WAZ-Stadtteilausgabe Essen-Nord (u. a. mit den bundesweit bekannten Stadtteilen Altenessen, Katernberg, Stoppenberg, Karnap, Vogelheim) vertreten. Ich nahm auch h\u00e4rtere Themen ins Visier &#8211; und schrieb zum Beispiel einen Bericht \u00fcber die Kindernotaufnahme &#8222;Spatzennest&#8220; in Altenessen am 13. November 2007.<\/p>\n<p>Im WAZ-Archiv ist dieser Text <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/staedte\/essen\/nord\/Letzte-Ausfahrt-Spatzennest-id2068409.html\" target=\"_blank\">hier <\/a>zu finden.<\/p>\n<p><strong>Kindernotaufnahme in Altenessen hat Tag und Nacht ge\u00f6ffnet und bietet 20 Kindern Platz. Die kommen \u00fcberwiegend aus dem Essener Norden. \u201eIm S\u00fcden sind die Mauern dicker\u201d, glaubt Leiterin Martina Heuer.<\/strong><\/p>\n<p>Altenessen. Beruhigend wirkt der gemalte Delfin, der von der Wand gr\u00fc\u00dft. Ein kleiner Junge sitzt an einem kleinen Tisch davor und erledigt seine Hausaufgaben. \u201eFertig\u201d, sagt er, steht auf, geht zu seinem Schrank und pr\u00e4sentiert Poster von Kinofilmen. \u201eSimpsons\u201d, \u201eRatatouille\u201d, eben die Hits des Sp\u00e4tsommers.<\/p>\n<div id=\"vtbox\"><\/div>\n<p>Eine Familien-Idylle!? Nein. Der kleine sechsj\u00e4hrige Junge hat schon viel erlebt. Zu viel. Seit einem Jahr schon verbringt er Tag f\u00fcr Tag im \u201eSpatzennest\u201d, der Kindernotaufnahmedes Kinderschutzbundes an der II. Schichtstra\u00dfe in Altenessen. Im Erdgeschoss steht Martina Heuer am Herd. Die Leiterin kocht h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Spagetti stehen heute auf dem Speiseplan. Es ist sehr leise, eigentlich ungewohnt. Warum? Die meisten sind nat\u00fcrlich noch in der Schule. \u201eWir renovieren gerade\u201d, sagt Heuer und \u00fcberpr\u00fcft die Wassertemperatur. Aus einem B\u00fcro wird gerade ein Schularbeitenraum.<\/p>\n<p>Viel kann Martina Heuer erz\u00e4hlen.\u00a0 Es kommen Kinder von Alkoholikern; Kinder, die bei einem schweren Verkehrsunfall Vater und Mutter verloren haben und Kinder, die sexuell misshandelt wurden. \u201eJedes Mal\u201d, verr\u00e4t Martina Heuer, \u201eist es wieder schwer.\u201d Oft werden Kinder von Amt und Polizei gebracht, manchmal klopfen sie auch selbst an. Tag und Nacht. Die meisten kommen aus dem Essener Norden, manchmal auch aus Borbeck oder Kray. Doch eine Tendenz muss das nicht sein. \u201eIm S\u00fcden sind die Mauern dicker\u201d, lautet Heuers mutige Behauptung. Sie schmei\u00dft die Spagetti ins hei\u00dfe Wasser und redet kurz mit dem Zivildienstleistenden. Der braucht ein bisschen Kleingeld f\u00fcr den Bauern, der Obst und Gem\u00fcse anliefert. \u201eWir versorgen uns hier selbst\u201d, sagt Martina Heuer, bezahlt und bittet zu einem kleinen Rundgang.<\/p>\n<p>Sie \u00f6ffnet eine T\u00fcr und pr\u00e4sentiert den Spendenschrank mit Anziehsachen, Handt\u00fcchern, Tornistern, Spielzeug. Oft kommen die Kinder nur mit einer Plastikt\u00fcte in der Hand. \u201eLeider verwechseln uns die Leute oft mit einem Recyclinghof. Wir m\u00fcssen viel wegschmei\u00dfen\u201d,erz\u00e4hlt Martina Heuer. Vor allem Spielzeug wie Puzzle kann das Spatzennest-Team immer gebrauchen. Manche Kinder seien aggressiv, sagt Heuer auf dem Weg in den kleinen Garten. \u201eSie gehen teilweise robust miteinander um. Zu Hause wurde ihnen viel abverlangt, manchmal nehmen sie uns Erwachsene als Stellvertreter. Sie spucken und schlagen.\u201d Drau\u00dfen schlagen nur Hasen. Und zwar Haken. Und sie blicken in die Herbstsonne.<\/p>\n<p>Im Holzschuppen liegen Inliner. Sport ist sehr wichtig. Zwei der Jungen spielen Fu\u00dfball bei einem Altenessener Verein. Noch sind die Spagetti nicht fertig. Im Obergeschoss befinden sich die Schlafr\u00e4ume der Kinder. \u201eManche bleiben eine Woche, manche l\u00e4nger.\u201d Martina Heuer \u00f6ffnet eine Zimmert\u00fcr. Kontakte zu den Eltern sind durchaus vorhanden. \u201eDie meisten Eltern sind einsichtig und Besuchskontakte deshalb m\u00f6glich.\u201d Aber nicht alle. Auch Freundschaften sollen bleiben: Wenn m\u00f6glich besuchen die Kinder weiter ihren Kindergarten und ihre Grundschulklasse \u2013 ob in Kupferdreh oder Katernberg. Offiziell 5,2 Personen k\u00fcmmern sich um den hilfsbed\u00fcrftigen Nachwuchs \u2013 aufgeteilt auf viele halbe Stellen. \u201eNicht \u00fcppig\u201d, sagt Martina Heuer.<\/p>\n<p>Im Delfinraum sitzt der kleine Junge mit den beiden Postern und lacht. \u201eZu Weihnachten\u201d, erz\u00e4hlt er begeistert, \u201ekriege ich bestimmt einen Nintendo.\u201d Im Erdgeschoss sind die Spagetti fertig.\u00a0Gleich ist Schulschluss. Die Spatzennest-Kinder kommen nach Hause. Und haben Hunger. Das ist Alltag an einem nicht allt\u00e4glichen Ort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen meines Volontariats durfte ich den Redakteur der WAZ-Stadtteilausgabe Essen-Nord (u. a. mit den bundesweit bekannten Stadtteilen Altenessen, Katernberg, Stoppenberg, Karnap, Vogelheim) vertreten. 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