{"id":3494,"date":"2012-02-28T01:29:41","date_gmt":"2012-02-28T00:29:41","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=3494"},"modified":"2013-10-31T01:42:15","modified_gmt":"2013-10-31T00:42:15","slug":"24-februar-2007-vfl-aachen-22-ks-choice-hilft-extrem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=3494","title":{"rendered":"24. Februar 2007 &#8211; VfL-Aachen 2:2 &#8211; &#8222;K&#8217;s Choice hilft extrem&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Am 24. Februar 2007 schaute ich mir in der Bundesliga (!) &#8211; sechs Jahre sp\u00e4ter, als dieser Text entsteht, nahezu unvorstellbar &#8211; das Spiel zwischen VfL Bochum und Alemannia Aachen an. Endstand: 2:2. Kein Spiel, an das ich mich noch erinnern werde, wenn ich einmal Rentner bin.<\/p>\n<p><strong>Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich &#8222;K&#8217;s Choice hilft extrem&#8220; nannte und mit der Unterzeile &#8222;Spiele zwischen Bochum und Aachen sind immer extrem. 90 Minuten zwischen Regen und Sonne, Euphorie und Schubsereien. Das Resultat: Wir fallen von Platz 14 auf 15 zur\u00fcck&#8220; versah:<\/strong><\/p>\n<p>Erst scheint die Sonne. Dann regnet&#8217;s. Erst feuern alle an. Dann gibt es Schubsereien. Erst f\u00fchren wir 1:0. Es folgt der Ausgleich. Dann f\u00fchren wir 2:1. Es folgt der erneute Ausgleich.<\/p>\n<p>Spiel der Extreme.<\/p>\n<p>Bochum.<\/p>\n<p>Sich vor einem Bundesligaspiel morgens anzuziehen, hat etwas Ritualhaftes. Mein Wohnzimmer wird in dieser Phase zu einer Umkleidekabine, meine Socken zu Stutzen, meine Jeans zu einer Fu\u00dfballhose. Das VfL-Trikot trage ich sowieso. Im Sommer offen, im Winter drunter. Stelle mir vor, in der VfL-Kabine zu sitzen. Neben Der-spielt-immer-den-Ball-Zdebel und all den anderen. Koller spricht, der Trainer. Aufstellung, Formation bei Standards, Taktik, Gegner. Meine Schuhe sitzen wie angegossen. Stollen haben sie nur in meiner Fantasie. Zuschn\u00fcren, aufstehen und rausgehen. Wichtig ist auffem Platz. Ritual.<br \/>\nAachen kommt heute. Wieder einmal m\u00fcssen wir nach einem guten Ausw\u00e4rtsspiel nachlegen, sicher bin ich nicht, wie es ausgeht. Wird es wie so oft in meinen 15 VfL-Jahren? Wenn wir eine Chance haben, uns abzusetzen, verstreicht sie zu 99 Prozent. Im Auto hin: K&#8217;s Choice. Believe. 20.000 Seconds. &#8222;Cocoon Crash&#8220; ist schon eine gute CD. Egal, wie gut oder schlecht es dir geht; egal, wie aufgedreht oder deprimiert du bist, diese Scheibe bringt dich ins Erdgeschoss zur\u00fcck, f\u00fchrt dich auf eine gr\u00fcne Wiese, bringt dir eine Sonnenbrille und l\u00e4sst dir einen Wind um die Nase wehen. F\u00fchlst dich wie im New Yorker Central Park, im Boston Common, im Englischen Garten M\u00fcnchen, wo auch immer. Halbst\u00fcndige Ruhe. Es regnet auf der Bahn. Leicht.<\/p>\n<p>14.30 Uhr, Zeitplan optimal eingehalten, rein ins Stadion. Aachen also, schwarz-gelb. Abstiegskampf. Beide Mannschaft sind punktgleich, haben die gleiche Tordifferenz, absolut gleichstark. Eigentlich ein Unentschieden-Spiel. An die Hinrunde erinnere ich mich nur \u00e4u\u00dferst ungern. 1:2 verloren, v\u00f6llig unverdient, wir waren 88 Minuten lang feld\u00fcberlegen. In den beiden anderen fielen beide Gegentore. Pech. Auf dem anderthalbst\u00fcndigen R\u00fcckweg habe ich nicht mal Musik geh\u00f6rt. Na gut, nur, weil ich die &#8222;Cocoon crash&#8220; nicht dabei hatte. Nur &#8222;Believe&#8220; h\u00e4tte meine Laune noch retten k\u00f6nnen. Aachen. Immer Spiele der Extreme. Zu Hause zwei klare Siege (5:0, 5:3), eine haushohe Niederlage vor einem Jahr (1:4). Ausw\u00e4rts auf dem Tivoli sind wir zweimal aufgestiegen. Die Aachener Torh\u00fcter kommen schon 50 Minuten vor dem Anpfiff zum Warmlaufen, dann die Feldspieler samt Co-Trainer Erik Meijer, der den Pfiffen des Stadions mit einem freudigen Winkewinke begegnet.<\/p>\n<p>Meine Jungs sind &#8211; bis auf Sam &#8211; alle vertreten. Das Ultra-Bl\u00e4ttchen liegt auch diesmal in meinen H\u00e4nden, Unterhaltung mit Gerd, er hat nach der Lekt\u00fcre die gleichen Eindr\u00fccke wie ich. Die &#8222;Staatsmacht&#8220; z\u00e4hlt, die Choreographie, was die G\u00e4ste-Fans so machen. Siehe oben. Zwei Dinge \u00fcberraschen mich diesmal: Mit Fanis (gemeint ist Gekas) wird diesmal sogar ein Spieler erw\u00e4hnt, und die Unterst\u00fctzung aller Fans in Bielefeld gelobt. W\u00e4hrend wir uns dar\u00fcber unterhalten, wird Zdebel auf der Videoleinwand gezeigt &#8211; auch er lobt die Fans. Hurra. Die &#8222;Almauftrieb&#8220;-Schals, vor einer Woche noch f\u00fcr lau, kosten jetzt zehn Euro, als &#8222;Fanartikel des Spieltags&#8220;. Bravo. Mist, wollte mir noch eine Karte f\u00fcrs Wolfsburg-Spiel holen. Verpennt, leider. 15.26 Uhr, &#8222;Tief im West\u00f6\u00f6\u00f6h\u00f6\u00f6\u00f6n&#8220; br\u00fcllt Gr\u00f6nemeyer. G\u00e4nsehaut auch beim 323. Spiel, Adrenalin, hoffentlich h\u00f6rt das nie auf. Sp\u00fcre meine Socken (also die Stutzen), meine Jeans (also meine Fu\u00dfballhose). Habe die Videofunktion meines Handys entdeckt. Ab der letzten Strophe (ab &#8222;Du bist das Himmelbett f\u00fcr Tauben&#8220;) zeichne ich die Atmosph\u00e4re live auf &#8211; damit ich etwas greifbar habe, falls ich einen Euphorieschub brauche, gute Laune, Gr\u00f6ltherapie.<\/p>\n<p>Die Sonne steht tief. Ganz tief. Im Westen. Zdebel gewinnt die Seitenwahl. Zuerst spielen wir auf unsere Kurve, damit Drobny nicht in die Sonne schauen muss. Warm ist&#8217;s. Vermisse meine in K\u00f6ln\/Bonn verloren gegangene Jacke kein St\u00fcck. Das Spiel ist &#8211; selbstverst\u00e4ndlich &#8211; ausgeglichen. Wir sind zwar ganz leicht feld\u00fcberlegen, aber noch nicht zwingend genug. In Minute 26 st\u00fcrmt B\u00f6nig \u00fcber links auf und davon. Die Sonne ist inzwischen hinter dicksten Wolken verschwunden, egal. Flanke auf den zweiten Pfosten, suuuper, wusste nicht, dass der B\u00f6nig so etwas kann, Dabrowski k\u00f6pft den Ball zur\u00fcck an den F\u00fcnfmeterraum, Gekas steht v\u00f6llig frei und macht&#8217;s per Flugkopfball. SUPER herausgespielt, GROSSER Jubel, eine F\u00dcHRUNG, das ist das, was wir brauchen. Tanzeinlagen auf der Trib\u00fcne w\u00e4hrend der &#8222;Sirtaki&#8220;, laute &#8222;Gekas! Gekas! Gekas!&#8220;-Rufe, herrlich. FUSSBAAAAAALLL!!! Halten. Das 1:0 blo\u00df halten. Selbstverst\u00e4ndlich klappt das nur ein paar Minuten lang. B\u00f6nig verst\u00fcmpert links hinten erb\u00e4rmlich den Ball, Aachens R\u00f6sler lupft den Ball aufs Tor, aber so schwach, dass Drobny den Ball sicher halten MUSS. Hey, den halt ICH sogar. Doch Drobny l\u00e4sst die Kugel fallen, Fehler, Ibisevic staubt ab, 1:1. Da deutete NICHTS drauf hin. NICHTS! SCHEISSE!!! Stadionkumpel Gerd erh\u00e4lt eine sms von einem Kumpel, der arena in der Bochumer Bar &#8222;Threesixty&#8220; guckt. &#8222;Kauft euch endlich einen vern\u00fcnftigen Torwart&#8220;, steht drin. Spott. Zurecht. Pausenpfiff 1:1. Gleich beginnt&#8217;s zu regnen.<\/p>\n<p>Die Aachener kommen schon nach acht Minuten wieder auf den Platz, Erik Meijer spricht mit jedem Spieler (was hat der Frontzeck eigentlich f\u00fcr eine Funktion? Pr\u00fcgelknabe?). Jeder im Stadion wei\u00df: Jetzt ist Abstiegskampf. Es nieselt, regnet, Wind, heftig, selbst wir in der \u00fcberdachten Ostkurve werden nass. Jede Gr\u00e4tsche endet erst nach zwanzig Metern, es macht jedem Spieler richtig, richtig Spa\u00df, das ist zu sehen. Ecke f\u00fcr uns, kurz ausgef\u00fchrt, Misimovic auf Trojan. Flanke in den Strafraum, abgewehrt, Epalle steht am Sechzehner, undurchsichtig, doch pl\u00f6tzlich zappelt das Netz! TOOOOOR! 2:1! Epalle jubelt, feiert mit einem Handstand-\u00dcberschlag und Salto hintendran. Die Aachener protestieren wegen einer angeblichen Abseitsposition, der Schiri gibt das Tor. Schalalalalalalalala!! Halten!!! 52. Minute. Es regnet und regnet und regnet. Vier Minuten sp\u00e4ter der Schock. Auf einmal steht Lehmann 20 Meter vor unserem Tor ganz frei und schlenzt den Ball an den rechten Innenpfosten, halbhoch. Drin. Wieder Jubel gegen\u00fcber. SCHEISSE. Kann nicht wahr sein. Aachen st\u00fcrmt weiter. Zwei Minuten sp\u00e4ter k\u00f6pft Dum an die Latte. Gl\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fcck!<\/p>\n<p>Wechselbad geht weiter, Stimmung ist \u00fcberall aufgeladen. Auf dem Zaun hat sich au\u00dfer dem Megafon-Mann noch ein zweiter aus dem Ultra-Umfeld postiert. Er wird etwas bel\u00e4chelt und provoziert. Auf einmal steigt er ab vom Zaun und will sich mit einem \u00e4lteren Fan aus meinem Umfeld pr\u00fcgeln. Provokationen, Schubsereien, schlichten, ein Ordner kommt. Mittlerweile ist&#8217;s wieder trocken, auf dem Rasen passiert nur noch wenig, beide Mannschaften sind scheinbar zufrieden mit dem Punkt. Abpfiff, aus, vorbei, zweimal in Folge ungeschlagen, doch was hei\u00dft das schon? Hamburg gewinnt, Mainz gewinnt, Cottbus gewinnt. Wieder nur auf Platz 15.<\/p>\n<p>In einer leisen Vorahnung sage ich direkt nach dem Abpfiff: Das war&#8217;s.<\/p>\n<p>Schnell fl\u00fcchte ich aus der Kurve. Wieder nicht nachgelegt. Brause \u00fcber die A40. H\u00f6re K&#8217;s Choice. I&#8217;m not an Addict. 20.000 Seconds. Etwas umgedichtet: &#8222;20.000 Seconds since I left and I&#8217;m still counting.&#8220; Fl\u00fcchte in den Central Park. Zu Hause, w\u00e4hrend der Sportschau, weicht die Skepsis wenigstens etwas Realit\u00e4t. Wenn wir absteigen, sind wir erstens zu Hause abgestiegen (zu viele Spiele verloren) und zweitens gegen Aachen. F\u00fcnf Punkte verschenkt!! F\u00dcNF!! Die k\u00f6nnen fehlen. Am Ende. Umkleidekabine Wohnzimmer. Hole die Mineralwasser-Flasche, kippe sie mir ins Gesicht. Schn\u00fcre die Schuhe auf, ziehe das Trikot aus. Lege meinen Kopf in beide H\u00e4nde. Bin traurig. Unentschieden.<\/p>\n<p>Noch ist&#8217;s nicht vorbei. F\u00fcnf Spiele m\u00fcssen wir noch gewinnen.<\/p>\n<p>H\u00f6chstens. N\u00e4chste Woche in Bremen wird&#8217;s wohl nichts, unsere schwarze Serie dort &#8211; noch nie gewonnen in drei Jahrzehnten &#8211; kennt schlie\u00dflich jeder. F\u00fcr mich ist es das 100. Ausw\u00e4rtsspiel meiner VfL-Karriere. Hundertmal reisen, hundertmal G\u00e4stekurve, hundertmal Kontrollen, hundertmal Polizisten, hundertmal den VfL repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Ich freu mich drauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 24. Februar 2007 schaute ich mir in der Bundesliga (!) &#8211; sechs Jahre sp\u00e4ter, als dieser Text entsteht, nahezu unvorstellbar &#8211; das Spiel zwischen VfL Bochum und Alemannia Aachen an. Endstand: 2:2. 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