{"id":2317,"date":"2011-09-29T13:09:44","date_gmt":"2011-09-29T13:09:44","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=2317"},"modified":"2013-01-29T13:22:14","modified_gmt":"2013-01-29T13:22:14","slug":"26-oktober-2004-vfl-gladbach-30-das-feuer-ist-zuruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=2317","title":{"rendered":"26. Oktober 2004 &#8211; VfL-Gladbach 3:0 &#8211; &#8222;Das Feuer ist zur\u00fcck&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Am 26. Oktober 2004 bestritt der VfL Bochum sein 1000. Bundesligaspiel &#8211; und holte beim 3:0 drei Punkte gegen Borussia M\u00f6nchengladbach.<\/p>\n<p><strong>Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich &#8222;Das Feuer ist zur\u00fcck&#8220; nannte &#8211; mit der Dachzeile: &#8222;Das 1000. Bundesligaspiel f\u00fcr den VfL &#8211; und die Statistik freut sich \u00fcber drei weitere Punkte und drei weitere Tore&#8220;:<\/strong><\/p>\n<p>Fan des VfL Bochum zu sein, ist nicht leicht. Nun gut, das ist keine allzu gro\u00dfe Neuigkeit, schon gar nicht nach den Tausenden von Definitionsversuchen an dieser Stelle&#8230; aber seitdem ich diese Homepage nun &#8222;betreibe&#8220;, gab es immer positive Ereignisse und Erlebnisse zu berichten. Kaum etwas Deprimierendes. Nur eine einzige schlechte Serie, und die war aufgrund von einer unheimlichen Verletzungsmisere auch noch erkl\u00e4rbar. Doch in den letzten Wochen merkte ich, warum ich diesen Verein so sch\u00e4tzen und lieben gelernt habe. Gescheitert im DFB-Pokal, knapp, ungl\u00fccklich, unverdient. Gescheitert im UEFA-Pokal, knapp, ungl\u00fccklich, unverdient. An heftigen Zusatzeinnahmen vorbeigeschrammt, knapp, ungl\u00fccklich, unverdient. In der Liga ganz weit unten, nach dem 0:3 in Wolfsburg sogar erstmals unter Neururer auf einem Abstiegsplatz, und das knapp, ungl\u00fccklich, unverdient, weil uns in diesem Jahr schon drei korrekte Treffer aberkannt wurden, die zusammen vier Punkte gebracht h\u00e4tten. Gescheitert. All\u00fcberall. Und nun muss ich all den Hohn und Spott ertragen, den ich zweieinhalb Jahre in aller \u00dcberheblichkeit \u00fcber den Rest der Fu\u00dfballwelt um mich herum aussch\u00fcttete. &#8222;Aha, sind wir also doch endlich Tabellennachbarn&#8220;, unken die Fans des zurzeit auf einem fast schon unheimlichen Zweitliga-H\u00f6henflug schwebenden MSV Duisburg. Und Gerd schickte schon eine sms mit dem Inhalt: &#8222;Na spitze, so eine Saison mit langem Abstiegskampf hatten wir schon lang nicht mehr.&#8220; Es ist nicht leicht, Fan des VfL Bochum zu sein. Vor allem in diesen Tagen.<\/p>\n<p>Es ist sp\u00e4t abends im Herbst. Das bedeutet eigentlich an der Stra\u00dfenecke zwischen Oktober und November mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Nebel, Wind und Nieselregen. Es regnet nicht, der Wind ist nur schwach, und eine Nebelwolke hat sich auch nicht \u00fcber das Ruhrstadion gelegt. Aber doch: Es ist ein Herbsttag, um 18.45 Uhr, und an der Castroper Stra\u00dfe strahlt nur das Ruhrstadion hell. Wie lange schon warten wir auf ein waschechtes Flutlichtspiel? Der Duft der Bratwurst wirkt abends wie der Duft eines gl\u00e4nzend komponierten Joint in einem Amsterdamer Coffeeshop und nicht nur wie der Duft einer Bratwurst. Die Kohlens\u00e4urebl\u00e4schen in der Cola streben abends nicht einfach nur nach oben, sie scheinen miteinander Walzer zu tanzen. Wenn Ihr einen sucht, der ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Freitagabendspiele in der Bundesliga halten soll: Ich bin Euer Mann. Im Bus vom Hauptbahnhof zum Stadion &#8211; so eine Schei\u00dfe, die U-Bahn-R\u00f6hre ist immer noch gesperrt &#8211; h\u00f6re ich per Discman zur Feier des Tages &#8222;Footballs coming home&#8220; von den Lightning Seeds, ignoriere die lauten &#8222;Bochumer Frauen, ficken und verhauen&#8220;-Sprechch\u00f6re von gr\u00fcn-schwarz gekleideten Fans, die danach noch ein &#8222;Ohne Bullen habt Ihr keine Chance&#8220; nachlegen. Was ist blo\u00df los mit dem VfL? Ich kann diese Frage nicht mehr h\u00f6ren. Das ist eigentlich die Standardfrage an mich nach jedem Spiel, und in den letzten beiden Jahren beantwortete ich sie auch immer fr\u00f6hlich, freundlich und gern. Aber im Moment geht mir die Frage einfach nur auf den SACK! Jaaaaa, wir sind Vorletzter! Jaaaaa, es droht wieder Abstiegskampf. Jaaaa, wir spielen im Moment den gr\u00f6\u00dften Mist zusammen. Angekommen am Ruhrstadion. Das Flutlicht brennt.<\/p>\n<p>Solche Abendspiele haben den Vorteil, dass der Tag schon rum ist, und jeder einzelne Fan mit einer ganzen Ansammlung von aktuellen Erlebnissen ins Stadion geht. 30 975 aufgeladene Gef\u00fchlsknubbel sind heute da; vermutlich ist es das, was die Abendspiele neben der Dunkelheit so auszeichnet. Am Samstag oder Sonntag sind alle Fans gerade einmal ausgeschlafen oder immer noch verkatert&#8230; wochentags stehen alle voll im Saft, sind hellwach, konzentriert, bereit, lauter zu werden als sonst. Ich habe noch die Stadionzeitung des VfB Speldorf im Kopf, die ich heute Morgen erstellen musste, f\u00fcr das Freitagspiel gegen Viktoria Goch (nochmal Flutlicht, hurra), und vor allem das Germanistik-Seminar zum &#8222;Spracherwerb&#8220; an der Uni, in dem es unter anderem \u00fcber &#8222;melodisches Brabbeln&#8220; geht. Ein netter Begriff, den ich glatt aufgreifen kann, um das Geschehen in der Stunde vor dem Anpfiff zu beschreiben. Gerd ist auch schon da. Jeder von uns verschlingt eine Bratwurst, und ab geht es auf den Stammplatz. Sam kommt auch, sogar mit seiner Frau, Kr\u00fcger ist sowieso da, und um 19 Uhr traue ich meinen Augen nicht. 1000 Spiele leuchtet auf der Anzeigetafel auf, und stiiiiiiimmt, heute feiert der VfL ja Jubil\u00e4um!?! Und von links nach rechts werden unsere alten Helden nacheinander interviewt. Thomas Kempe, Ata Lameck, Dieter Bast, Peter K\u00f6zle und Rob Reekers. Herrlich. Alle werden beklatscht, gefeiert. &#8222;K\u00f6zle, zieh das Trikot an&#8220;, m\u00f6chte Gerd sogar anstimmen. Aber er l\u00e4sst&#8217;s.<\/p>\n<p>Man, das ist heute ein gar nicht mal so unwichtiges Spiel&#8230; wenn wir verlieren, sind wir vermutlich Letzter, haben schon den Anschluss an die einstelligen Pl\u00e4tze, an denen wir so gern schnuppern w\u00fcrden, verloren. Oh neeein, blo\u00df das nicht. Aber heute ist Borussia M\u00f6nchengladbach zu Gast. Keine andere Mannschaft habe ich so oft gegen den VfL spielen sehen. Und die Gladbacher sind ein saukomisches Volk. Jahr f\u00fcr Jahr bezahlen sie bei uns in Bochum den absolut gemeinen &#8222;Top-Zuschlag&#8220; f\u00fcr das in den meisten F\u00e4llen nahezu ausverkaufte Abstiegsderby und meist holen sie sich zum Dank daf\u00fcr noch eine unverdiente Niederlage ab. Auch heute sind wieder mehrere Tausend Gladbacher da. Und sie sind besser gelaunt als wir. Kurz vor dem Anpfiff leuchtet noch einmal die Zahl &#8222;1000&#8220; auf der Videowand auf. Ich habe 171 Spiele gesehen. Nur einen Bruchteil.<\/p>\n<p>Die Spieler laufen ein. &#8222;In BLAU&#8220;, ruft Sam, als er die Trikots unserer Mannschaft erblickt. &#8222;Dann kann ja nichts schiefgehen.&#8220; Zuletzt war Wei\u00df unsere Heimfarbe. Zuerst auf die Ostkurve&#8230; fertigmachen zum Jubeln?!? Das Spiel wird keins, das in die Annalen meiner VfL-Fan-Geschichte eingeht. Oh nein, wirklich nicht. Es ist 90 Minuten lang &#8222;intensiv&#8220; (Schei\u00df-Wort f\u00fcr einen Fu\u00dfballbericht, aber das trifft&#8217;s nun einmal am besten), hart umk\u00e4mpft, bietet unendlich viele Kopfballduelle und Zweik\u00e4mpfe, doch in den ersten 75 Minuten sind gelungene Spielz\u00fcge \u00fcber mehr als drei Stationen die Seltenheit. Aber was erwarte ich?<\/p>\n<p>Der Reihe nach. Anpfiff. Die ersten Minuten vergehen. Es ist ein anderer &#8222;Zug&#8220; in der Mannschaft. Die Spieler attackieren fr\u00fcher, sind aggressiver in den Zweik\u00e4mpfen. Egal, ob Lokvenc, Maltritz oder Meichelbeck. Meichelbeck? Jooo, der spielt f\u00fcr den jungen Matip. Nach seinem entt\u00e4uschenden Deb\u00fct hockt der arme Marvin jetzt erst einmal wieder auf der Trib\u00fcne. Doch auch die Borussia h\u00e4lt dagegen. Fouls, Unterbrechungen und eine Rauchbombe im Borussia-Block. Pfui! Spielnote vier, Kampfnote zwei. So schaut&#8217;s aus. In Minute 18 der erste Aufschrei. Einen Ulich-Kopfball kratzt van Duijnhoven mit Ach und Krach von der Linie. Puuh, durchatmen. Bis zur Grundlinie oder in den F\u00fcnf-Meter-Raum dringt keine Mannschaft entscheidend vor. Bei uns zimmert Misimovic (auch der darf von Beginn an spielen) zweimal knapp vorbei, und auch Gladbach hat zwei gute Weitschusschancen. Dann ein Schock f\u00fcr uns, in Minute 29. Kalla muss raus, unser einziger noch verbliebener Innenverteidiger. Dann m\u00fcssen es Meichelbeck und Maltritz alleine richten. Klappt bis zur Pause gut. 0:0. Die Stationettes kommen. Soso, also 1000 Bundesligaspiele. Das verpflichtet. Die VfL-Fans, die beim letzten Heimspiel durch die Lokvenc-Kritik viel Kredit verspielten, machen einiges wieder gut: Bei mir und beim Wratislaff. &#8222;Lokvenc&#8220;-Sprechch\u00f6re hallen mehrfach durchs weite Rund, wenn die immer besser gelaunten Gladbacher mal nicht die Lauteren sind. Halbzeit 0:0. Die Stationettes bilden wie immer zum Abschluss ihres Mini-Tanzes eine &#8222;VfL&#8220;-Formation.<\/p>\n<p>Noch 45 Minuten. 45 Minuten Zeit bis zum ersten Heimsieg. 45 Minuten alles geben, rennen, k\u00e4mpfen, br\u00fcllen. Gegenseitig hangeln wir uns das Seil bis zu den drei Punkten hinauf; man, das ist ein JUBIL\u00c4UMSSPIEL, und solche Spiele gewinnt &#8222;man&#8220; gef\u00e4lligst. Noch 45 Minuten. Noch eine Halbzeit. Misimovic nach zwei Minuten &#8211; vorbei. Startschuss?<\/p>\n<p>Startschuss! Das Spiel bleibt erst zerfahren, nur selten blitzt die technische St\u00e4rke der beiden Mannschaften auf. Minute 54. Lokvenc l\u00e4sst den Ball mit dem Kopf kurz auf Preu\u00df abprallen, zwei Drehungen, ein Schuss, Kampa f\u00e4llt wie ne Bahnschranke, EINS ZU NULL!!!! YEEEEEEEEEES!!!!! Schicke eine sms zum Urlauber Dirk in die USA. Freude auf zwei Kontinenten \u00fcber ein Tor. \u00dcber ein bl\u00f6des Tor nach einem individuellen Fehler. Erleichterung. Erster Heimsieg in dieser Saison? F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter. Strasser foult Lokvenc. Gelb-Rot f\u00fcr Strasser, und ich klatsche doppelt so laut. Denn dieser Luxemburger ist einer der letzten aus der Fu\u00dfball-Generation der Arschl\u00f6cher. Der Mann ist so unsympathisch, dass sich Krusty der Clown weigern w\u00fcrde, ihn zu belustigen. Strasser, wenn der nicht gerade in deiner eigenen Mannschaft spielt, dann ist er der Todfeind jedes Fans. Unfair, nicht einsichtig, stets tretend und laut meckernd. Und jetzt muss er gehen. Tsch\u00fcss!<\/p>\n<p>Die Gladbacher wirken k.o.; und das nach 60 Minuten. Mittlerweile l\u00e4sst sich auch Gerd auf die &#8222;Lokvenc&#8220;-Sprechch\u00f6re ein, und ach, wie w\u00e4r ein Tor jetzt doch sch\u00f6n und passend? Aber 1:0&#8230; das Gef\u00fchl kenne ich. Die mitlaufende Uhrzeit auf der Videowand vergeht nicht und vergeht nicht. &#8222;Der bringt doch wohl nicht den Edu&#8220;, ruft jemand von oben. Ein bisschen Ironie klingt in seiner Stimme. Die Gladbacher lassen aus irgendwelchen Gr\u00fcnden nach. Sie kommen nicht mehr richtig in die Zweik\u00e4mpfe, und Konterchancen gibt es gar nicht mehr. F\u00fchrung und \u00dcberzahl, brennt da noch was an? Nein, vor allem dank unserer Abwehr. Martin Meichelbeck macht als Abwehrchef wohl das beste Spiel in seiner Zeit beim VfL. Jede Gr\u00e4tsche sitzt, fast jeden Zweikampf bestreitet er erfolgreich. Hut ab! Erstmals erntet er ganz laute &#8222;Martin Meichelbeck &#8211; schalalalalalala&#8220;-Sprechch\u00f6re. Gerd und ich wollen die &#8222;Erste Runde Budapest&#8230; Europapokal!!&#8220;-Nummer anstimmen &#8211; sind nur noch f\u00fcnf Punkte, wenn wir gewinnen &#8211; doch das wird missverstanden. Oh jee, der L\u00fcttich-Schock sitzt doch noch. Und die Gladbacher? Die sagen n\u00fcscht. Gar n\u00fcscht.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Minuten vor Schluss ist der Tag f\u00fcr sie vollends gelaufen. Nach einem ganz ganz \u00fcblen Schnitzer von Korzynietz netzt Wosz zum 2:0 ein. YEEEEEEES, UUUUUUHHHHHH, TOOOOOOR!!! Madsen packt sogar noch das viel zu hohe 3:0 drauf, nach Flanke des lange zu Unrecht nicht ber\u00fccksichtigten Thoddi Gudjonsson, und so haben wir sogar noch einen Kantersieg zu sehen bekommen.<\/p>\n<p>Der Rest ist die Vers\u00f6hnung zwischen Fans und Mannschaft. Zwischen zwei sich kurzzeitig fremden Gruppen, die sich zwei Jahre lang super verstanden, und nun fast getrennte Wege gingen. Ein wichtiger Sieg in einem packenden, aber nicht sehr niveauvollen Fu\u00dfballspiel. 45 Minuten dauert die Busfahrt auf den v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten Stra\u00dfen bis zum Hauptbahnhof. W\u00e4re ich doch gelaufen. Im Bus sehen sich zwei nach ein paar Wochen mal wieder :&#8220;EEEEEYYY, Du SITTICH!&#8220;, br\u00fcllt der eine zur Begr\u00fc\u00dfung. Gute Idee&#8230; mach ich morgen auch mal.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re mir noch einmal die letzten Takte von &#8222;Footballs coming home&#8220; an. Dahinter nochmal &#8222;Bochum&#8220; von Gr\u00f6nemeyer. Heute kriege ich selbst nach dem Abpfiff noch G\u00e4nsepelle, so sch\u00f6n klingt das. Ich glaube, den L\u00fcttich-Schock habe ich jetzt verdaut. Denn das Spiel brachte zwar keine neuen Erkenntnisse \u00fcber die taktische Entwicklung des Fu\u00dfballs in Gegenwart und Zukunft.<\/p>\n<p>Aber es brachte etwas anderes: n\u00e4mlich mein Feuer zur\u00fcck!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. Oktober 2004 bestritt der VfL Bochum sein 1000. Bundesligaspiel &#8211; und holte beim 3:0 drei Punkte gegen Borussia M\u00f6nchengladbach. Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich &#8222;Das Feuer ist zur\u00fcck&#8220; nannte &#8211; mit der Dachzeile: &#8222;Das 1000. 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