{"id":2314,"date":"2011-09-29T12:51:20","date_gmt":"2011-09-29T12:51:20","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=2314"},"modified":"2013-01-29T13:02:04","modified_gmt":"2013-01-29T13:02:04","slug":"31-januar-2004-vfl-wolfsburg-10-wir-sind-helden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=2314","title":{"rendered":"31. Januar 2004 &#8211; VfL-Wolfsburg 1:0 &#8211; &#8222;Wir sind Helden&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Im ersten R\u00fcckrundenspiel der Saison 2003\/2004 traf der VfL Bochum auf den VfL Wolfsburg &#8211; Endstand 1:0.<\/p>\n<p><strong>Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich &#8222;Wir sind Helden&#8220; nannte &#8211; Unterzeile: &#8222;Vom Winde verweht in der fernen Zukunft&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Nur ungern gebe ich es zu, aber manchmal haben lange Haare auch Nachteile.<\/p>\n<p>Der letzte Tag im Januar ist angebrochen. Auf den Stra\u00dfen schmilzen gerade die letzten Reste des donnerst\u00e4glich gefallenen Schnees. Die \u00c4ste auf den B\u00e4umen tanzen miteinander Walzer. Es ist windig. Es w\u00e4re Herbst, wenn nicht Winter w\u00e4re. Genau vor einem Jahr, beim ersten Spiel 2003 gegen N\u00fcrnberg, da habe ich mich noch als Fu\u00dfball-Junkie bezeichnet. Und ja, am liebsten w\u00fcrde ich diese Passage f\u00fcr diesen Text hier kopieren. Es hat sich nichts ge\u00e4ndert. Ein Sturm drau\u00dfen, Regentropfen am Fenster, Durchzug in der Wohnung, nasse Haare von der Dusche, und die Gewissheit, helau, in ein paar Stunden sehe ich meine Jungs wieder. Es sind unzerst\u00f6rbare Rituale. Die Trikot-Auswahl zwei Tage vor dem Spiel ist komplizierter als das Wahlverfahren f\u00fcr den US-Pr\u00e4sidenten. Jedes einzelne Kleidungsst\u00fcck will Andis ganz eigene Wahlm\u00e4nner auf sich vereinen, sei es das Uwe-Wegmann-Trikot von 1993, oder das von Peter Graulund, oder auch von &#8222;Gustl&#8220;, oder Paul Freier&#8230; Nee, diesmal ist wieder das Raymond-Kalla-Trikot dran. &#8222;Wir schie\u00dfen die Wolfsburger aus dem Stadion&#8220;, trompetet mir unser Trainer aus der WAZ entgegen, w\u00e4hrend ich mir eine Cornflakes\/Haferflakes\/Kakao\/Milch-Mischung in die R\u00fcbe donnere. Lasst mich nochmal die Tabelle auf der Zunge zergehen: F\u00dcNFTER! WIR SIND F\u00dcNFTER!!!!<\/p>\n<p>Es ist die bisher windigste Saison. In Bremen wehte es ein bisschen, gegen Frankfurt ziemlich doll, und das heute, das schl\u00e4gt alles. Die Wortfetzen vom Mann rechts neben mir an der Verkehrsampel gehen nicht am einen Ohr rein und am anderen raus, weil sie so unbedeutend sind, nein, es st\u00fcrmt so sehr. Bahnhof. Viertelvorzwei. Wer wohl kommt? Mit dem VfL ist das wie fr\u00fcher mit dem Ringlokschuppen. Auch wenn ich mal allein zum VfL gehen m\u00fcsste &#8211; irgendeiner aus meinem Kollegenkreis ist immer da. Heute hat sich die komplette Mannschaft angesagt. F\u00fcnf Wochen Winterpause sind auch genug. Mehr ist uns nicht zuzumuten.<\/p>\n<p>Gegen wen spielen wir \u00fcberhaupt? Ist doch egal. Wolfsburg oder so. Mist, der bl\u00f6de Regen fliegt aufgrund des Winds mitten in die Kurve. Gut, dass ich die Brille zu Hause gelassen hab. Mein Stadion steht noch. Mein Stadion. Unser aller Stadion. Zum 176. Mal betrete ich es bei einem Heimspiel, f\u00fchle mich so allm\u00e4hlich wie ein Rekordfan, wohl wissend, dass es noch paar Tausend gibt, die noch bekloppter und noch l\u00e4nger dabei sind als ich. Keine Zeit f\u00fcr Melancholie. Jungs begr\u00fc\u00dfen. Gerd ist da. Er lebt noch, da er seinen Limerick-Vortrag in Dortmund (&#8222;ich steh hier im dortmunder norden\/um mich herum: goldkettchenhorden\/und dealer und diebe\/und k\u00e4ufliche liebe!\/was ist aus dem norden geworden?&#8220;) scheinbar \u00fcberstanden hat. &#8222;Ich war gar nicht da&#8220;, versichert Gerd. Alleeeees klaaaaar. Feige Sau! Thommy hat irgendeinen Kommilitonen getroffen, sie stehen rechts \u00fcber mir. Ja wer kommt denn da von links? Der Kr\u00fcger, oder wie auch immer er hei\u00dfen mag. 30 Minuten noch bis zum Anpfiff, die Musik wird besser. &#8222;Hells bells&#8220; von AC\/DC, und &#8211; ja, wirklich &#8211; &#8222;Zu sp\u00e4t&#8220; von den \u00c4rzten. Zum ersten Mal h\u00f6re ich die goldenen Zeilen &#8222;Warum hast Du mir das angetaaaaan? Ich habs von eineeem Bekannten erfaaaahrn!&#8220; in einem Fu\u00dfballstadion. Und es ist gut. Ich hab richtig Bock auf Fu\u00dfball. Wir alle. Obwohls vom Winde verweht und kalt und waswei\u00dfich noch ist. Wir sind doch alle irgendwie Helden.<\/p>\n<p>Na gut, und die gr\u00f6\u00dften Helden, das sind ja immer noch die elf Kerle, die im blau-wei\u00dfen Trikot rumlaufen. In der Winterpause, da haben die Experten im Land fast nur \u00fcber Dortmund und Schalke geredet. Dortmund, weil der Klub fast pleite ist, und Schalke, weil die den Rest der Liga leerkaufen. &#8222;Die beiden sind die eingeschlafenen Riesen&#8220;, meint unser Trainer. &#8222;Und wir der aufgewachte!&#8220; W\u00e4r das doch wahr. Wie sieht die Realit\u00e4t aus? Bremen kauft uns Fahrenhorst weg, Leverkusen wedelt bei Freier mit dem dicken Scheckbuch, den Oliseh k\u00f6nnen wir wohl auch bald nicht mehr bezahlen. Harte Welt. Es ist aber das Gef\u00fchl, das ich, das wir alle so m\u00f6gen am VfL: Wir alle gegen den Rest der Liga, auch wenn wir grad F\u00fcnfter sind, auch wenn die \u00c4rsche unsere Mannschaft wieder schw\u00e4chen. Wir sind noch da. &#8222;Wie steht es bei K\u00f6ln gegen M\u00f6nchengladbach?&#8220;, fragt einer aus den hinteren Reihen. &#8222;Keine Ahnung, ist Abstiegskampf, interessiert mich nicht&#8220;, antworte ich. F\u00fcr VfL-Fans ist das ein gelungener Witz. Als Frankfurt gegen Bayern ausgleicht, errechnet einer den R\u00fcckstand auf einen Champions-League-Platz. &#8222;Ach h\u00f6r mir mit dem Schei\u00df auf&#8220;, meint jemand. &#8222;Wir wollen doch nicht so bl\u00f6de Gelds\u00e4cke werden!&#8220; Mein Reden.<\/p>\n<p>22 Spieler stehen auf dem Platz, ein Ball ist dabei, und der Wind verarscht sie alle. Knapp 20 800 sind da, die Sportpresse des Landes wird diese Zahl mit einem &#8222;nur&#8220; versehen (ich kann damit leben), wir gr\u00fcnden wieder den Anton-Vriesde-Fanklub und gehen den um uns herum Stehenden tierisch auf den Zeiger. Ja, der Anton, der verhinderte holl\u00e4ndische Nationalspieler (hihi, keine Ahnung, warum der sich nicht gegen Jaap Stam durchgesetzt hat), der hat\u00b4s uns allen angetan. An jeder Szene ist unser Anton irgendwie beteiligt. Und selbst wenn nur der Wosz einen guten Pass gespielt hat (&#8222;Antons Aura!&#8220;). Wir alle zusammen geben wieder eine ganz sch\u00f6n lustige Runde ab, und lachen vor allem sehr \u00fcber Hertha BSC (Gong, 0:1 in Bremen &#8211; Gong, 0:2 in Bremen &#8211; Gong, 0:3 in Bremen; und das innerhalb von zehn Minuten). F\u00fcr unseren pleite gehenden Dortmunder Nachbarn entwerfen wir m\u00f6gliche neue Trainer-Duos, sofern der Sammer fliegt (unser Favorit: Lattek\/Brehme), und &#8211; ach so &#8211; Sport wird ja auch getrieben auf dem Rasen-Rechteck. Eine gro\u00dfe Puuuuuuhhhh-Chance hat der lange Klimowicz f\u00fcr Wolfsburg, der nach zehn Minuten sowas von frei steht, aber den Ball auch sowas von vorbeischiebt&#8230; Gl\u00fcck gehabt! Wie lang sind wir zu Hause ungeschlagen? Seit dem Bayern-Spiel im M\u00e4rz 2003?<\/p>\n<p>Es hat sich \u00fcber den Winter zum Gl\u00fcck nichts ge\u00e4ndert. Die Jungs geben ein unglaublich geschlossenes, kompaktes, intaktes Gebilde ab, genauso wie wir das m\u00f6gen. Die Stimmung ist sehr positiv. Sogar zwei Spieler mit Zweitligaformat (Bemben, Vriesde) schleppen wir durch (naja, okay, Vriesde ist ja eigentlich ein verkappter Weltklasse-Verteidiger). Die St\u00e4rken? Van Duijnhoven im Tor! Ihm kann der Wind nur wenig anhaben, au\u00dfer der Klimowicz-Chance brennt nicht mehr viel an. Dann noch Oliseh im Mittelfeld, der Stratege. Und vorn? Peter Madsen, unbezahlbar. Ein riesiger Einkauf. Der hat wirklich eine unglaubliche Kondition und ein riesiges K\u00e4mpferherz. Irgendwann wird der auch mal einen Elfmeter kriegen, heute klappte das gleich zweimal nicht. Unsere gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke ist auch geblieben: Die Standardsituationen. Bei der f\u00fcnften Ecke von Wosz steht Frank Fahrenhorst endlich frei und k\u00f6pft das 1:0. Das erste VfL-Tor im Jahr 2004, und ich hab\u00b4s gesehen&#8230; Und warum hat Frank getroffen? Sam ist sich sicher: &#8222;Weil der Anton ihm den Weg freigesperrt hat!&#8220; &#8222;Anton-Vriesde-Fu\u00dfballgott-Sprechch\u00f6re&#8220; gehen nicht durch. Leider.<\/p>\n<p>&#8222;Du bist heute so kontrolliert&#8220;, fl\u00fcstert mir Gerd zu. Ja, bin ich diesmal. Ich genie\u00dfe eher im Stillen, schreie nur bei den &#8222;V-F-L&#8212;V-F-L&#8220;-Stakkati mit. Halbzeit. Regen. 1:0. Wir bleiben F\u00fcnfter. Dirk aus M\u00fcnchen gr\u00fc\u00dft den &#8222;belgischen Kommunisten&#8220; Thommy und freut sich \u00fcber die F\u00fchrung. Und die Helden sind nicht m\u00fcde. Wir auf der Trib\u00fcne nicht, die Jungs auf dem Rasen auch nicht. Wolfsburg best\u00e4tigt eindrucksvoll seine Ausw\u00e4rtsschw\u00e4che, leistet sich einige denkw\u00fcrdige Querschl\u00e4ger, und in bester Abstiegskampf-Manier retten wir das 1:0 \u00fcber die Zeit. Zum Einstieg in eine f\u00fcr mich anstrengende (und teure) R\u00fcckrunde wird das volle Programm geboten: Riesige Konterchancen (Paule Freier unterstreicht dabei, dass er seine Bestform wohl noch immer sucht), unn\u00f6tige Gefahren in der eigenen Deckung, dazu noch Applausst\u00fcrme bei Auswechslungen (Wosz) und ein abgefeierter Trainer nach dem Abpfiff (Neururer). Schei\u00df-Wetter, 1:0 gewonnen, drei Punkte geholt, Platz f\u00fcnf verteidigt, eine Menge liebe Leute gesehen, viel gelacht, und am Ende sogar die Currywurst im City-Grill mitgenommen. That\u00b4s what it is for. Ein Spiel, an das ich mich am Saisonende (schau nach beim Hertha-Bericht) beim R\u00fcckblick garantiert nicht als erstes erinnern werde, das aber trotzdem sehr wichtig f\u00fcr mich an diesem Tag war. In zwei Wochen wirds noch wichtiger. Dann kommen endlich die Bayern.<\/p>\n<p>Der Rest des Sp\u00e4tnachmittags geht rasendschnell vorbei. Die Zuganzeige will mir sogar mitteilen, die Zeit sei schon bis zum 16. September 2023 fortgeschritten&#8230; und ein bisschen f\u00fchl ich mich wie bei &#8222;Zur\u00fcck in die Zukunft&#8220;. Was passiert, wenn ich den Regionalexpress verlasse, und der VfL Bochum ist schon dreimal Meister geworden!?! Und ich hab alle Meisterpartys verpasst? Doch ein Blick auf den Block mit der unausgef\u00fcllten Statistik des Handballspiels DJK VfR M\u00fclheim-Saarn gegen HSV D\u00fcmpten holt mich auf den Boden. Ach ja, ich muss ja jetzt noch arbeiten. Muss all die Helden aus meinem Kopf verdr\u00e4ngen. Und muss meine vom Wind v\u00f6llig zerzausten Haare aus meinem Gesicht wegr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Ich sagte ja: Manchmal haben lange Haare auch Nachteile.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten R\u00fcckrundenspiel der Saison 2003\/2004 traf der VfL Bochum auf den VfL Wolfsburg &#8211; Endstand 1:0. 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