{"id":2188,"date":"2011-09-09T12:41:25","date_gmt":"2011-09-09T12:41:25","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=2188"},"modified":"2013-01-09T12:56:55","modified_gmt":"2013-01-09T12:56:55","slug":"25-september-2004-vfl-bremen-14-willkommen-zu-hause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=2188","title":{"rendered":"25. September 2004 &#8211; VfL-Bremen 1:4 &#8211; &#8222;Willkommen zu Hause&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>An dieses Spiel erinnere ich mich noch gut. Es war &#8211; erstens &#8211; mein erstes Jet-Lag-Spiel. Nach meiner ersten USA-Tour (Ostk\u00fcste, von Boston bis Washington) landete ich morgens um sechs Uhr in D\u00fcsseldorf und verbrachte die Stunden bis f\u00fcnfzehndrei\u00dfig damit, nicht einzuschlafen. Und es war &#8211; zweitens &#8211; das letzte Pflichtspiel vor dem dramatischen Uefa-Cup-Aus gegen Standard L\u00fcttich. Es gibt auch noch drittens: Meine ganze Familie begleitete mich ins Ruhrstadion. Kam nicht oft vor.<\/p>\n<p>Den Text nannte ich &#8222;Willkommen zu Hause&#8220;, die Unterzeile lautet: &#8222;Das mehr als verpatzte Vorspiel f\u00fcr die gro\u00dfe UEFA-Cup-Sause am Donnerstag&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich &#8222;Willkommen zu Hause&#8220; nannte:<\/strong><\/p>\n<p>Nein, Andi, nicht einschlafen. Nicht wegnicken. Drei Stunden noch; na gut, vier vielleicht mit dem Abendessen anschlie\u00dfend. Dann darfst Du endlich ins Bett. Endlich ins flauschig warme Deckchen sinken, im Palast der Tr\u00e4ume versinken, die Augen werden schweeeeer&#8230; Nein, Andi, nicht einschlafen. Es ist alles so ungewohnt. Drei Wochen stapfte ich \u00fcber amerikanische B\u00fcrgersteige. \u00dcber die von Boston. Von New York City. Von Philadelphia. Von Washington. Und nun ist mein Flugzeug kaum drei Stunden gelandet, und schon stehe ich im Ruhrstadion, reibe mir meine m\u00fcden Augen. Weil sie m\u00fcde sind, und weil ich&#8217;s nicht fassen kann. Mensch, ich hab doch noch Urlaub. Aber neben mir all meine Stadionfreunde; Gerd, Kr\u00fcger (der belustigt uns alle mit einem verbundenen und geschienten Mittelfinger, sieht superwitzig aus), aaaaah, da hinten kommt ja auch der Sam. Und meine ganze Familie ist auch dabei. Bochum gegen Bremen, das ist so eine Art Symbolspiel f\u00fcr die Ernstens. Das haben wir uns schon so oft gemeinsam angesehen wie kein anderes Spiel. Sie sind alle da, und doch blicke ich mich um, blicke in den &#8222;Unsere gro\u00dfe Liebe&#8220;-Schal meines Vordermanns, und kann&#8217;s nicht glauben. Vor nicht einmal 15 Stunden, Andi, da warst du 6000 Kilometer entfernt, hast am Dulles International Airport in Washington einen Doppelcheeseburger bei Burger King bestellt. Und nun hast du noch nicht mal so viel Hunger, um eine der leckeren Stadionbratw\u00fcrste an deinem &#8222;Happy Place&#8220; zu ordern.<\/p>\n<p>Luft. Stadionluft. Ich atme tiiiief ein, husthust, jaja, stimmt, hier wird ja deutlich mehr geraucht als in den USA. Nicht einschlafen, Andi&#8230; nee, so langsam gehts. &#8222;Was habe ich verpasst, Jungs?&#8220; Gespr\u00e4che \u00fcber das Dortmund-Spiel, das 2:2. \u00dcber die Pfiffe gegen Oliseh. &#8222;Bochum hatte nie einen besseren Spieler als mich&#8220;, hat er gesagt. Gro\u00dfm\u00e4ulig regen wir uns \u00fcber diese anma\u00dfende Unversch\u00e4mtheit auf, und kleinlaut geben wir zu, dass er damit nicht ganz unrecht hat. Und doch hat er durch seine ganzen Interviews ziemlich viel Porzellan zerschlagen. Genug Oliseh. Diskussionen \u00fcber den verschossenen Madsen-Elfer. Ich erz\u00e4hle meine Geschichte, dass ich in New York grad in einem Internet-Cafe mit Pudelm\u00fctze sa\u00df &#8211; und keiner scheint&#8217;s zu glauben. \u00dcber L\u00fcttich. Den UEFA-Pokal. Das R\u00fcckspiel, den Donnerstag. &#8222;Auf meiner Dauerkarte steht Block N&#8220;, sagt Gerd. &#8222;Ich muss in den H-Block&#8220;, f\u00fcgt Sam hinzu. Na super, also werden wir drei am Donnerstag in den verschiedensten Ecken des Ruhrstadions Platz nehmen m\u00fcssen. Thommy erz\u00e4hlt seine mehr als lustige Geschichte von und mit Anton Vriesde. Beim Spiel in L\u00fcttich, bei dem Thommy mich gl\u00e4nzend vertrat, stand unser ehemaliges, an dieser Stelle oft und zurecht gew\u00fcrdigtes Abwehrtalent direkt hinter meinem Bruder. Ein supergeiles MP3-Interview mit Extragr\u00fc\u00dfen an seinen gr\u00f6\u00dften Fan Sam und ein sensationelles Foto mit Thommy sind neben dem 0:0 das zweite Ergebnis dieses denkw\u00fcrdigen Abends. Anton Vriesde. Tse, da stellt der sich in die Bochumer Fankurve, obwohl er mehr oder weniger sanft aussortiert wurde. Uefa-Cup. Am Donnerstag. F\u00fcnf Tage noch bis zum Spiel, an das ich auch in den Staaten oft denken musste. Eins der wichtigsten der Vereinsgeschichte. Und ich werde dabei sein. F\u00fcnf Tage. Nicht einschlafen Andi. Nicht einschlafen. Heute ist Bremen da. Die Vorspeise? Einspielen? Untergehen?<\/p>\n<p>Mein Ziel ist ein anderes als bei allen anderen 258 VfL-Spielen meiner bisherigen Bundesligakarriere. Ich will einfach nur nicht einschlafen (um das zum 1000. Mal zu verdeutlichen, aufgrund des Jet-Lags BIN ICH ABER AUCH verdammt m\u00fcde). Mein Bruder strahlt wie Manuel Andrack nach einem gelungenen Witz von Harald Schmidt, weil er mit einem &#8222;Thomas Ernst&#8220;-Schal ruml\u00e4uft, den ich ihm bei ebay f\u00fcr einsfuffzig ersteigert habe. Mensch, das sieht aber auch zu geil aus. Die Bremer laufen sich warm. Frank Fahrenhorst wird gefeiert. &#8222;FAHNE!!! FAHNE!!!&#8220; &#8222;FAAAAAAHNE ist ein Boooochumer!!&#8220; Tja, der Mann ist das gr\u00f6\u00dfte Problem, das wir bisher haben. Weil er n\u00e4mlich nicht mehr das blau-wei\u00dfe, sondern gr\u00fcn-wei\u00dfe Trikot tr\u00e4gt. Meine Mum ist zum ersten Mal seit dem sensationellen Dortmund-Spiel wieder dabei; mein Dad war noch l\u00e4nger nicht mehr im Ruhrstadion. Sie schauen sich um. Hat sich was ge\u00e4ndert? Jepp, die Anzeigetafel. Wir haben einen guten Stehplatz erwischt, alle k\u00f6nnen gut sehen. Es ist kurzweilig, genauso wie der Urlaub. Mein Gedanke streift nur kurz &#8222;Shrek 2&#8220;, den Film, den ich mir im Flieger von Washington bis Amsterdam auf Niederl\u00e4ndisch ansehen musste. Das ist erst ein paar Stunden her. Gestern, ja gestern wanderte ich noch durch Adams-Morgan, Georgetown, war in der N\u00e4he des Wei\u00dfen Hauses. Und nun? Andi, Urlaub ist vorbei, konzentrier dich auf Bremen. Ich h\u00e4tte es mir leichter vorgestellt. Nach-Urlaubs-Melancholie?<\/p>\n<p>Anpfiff. Vier Spiele verpasst. Vier Unentschieden verpasst. Noch keine Pflichtspiel-Niederlage in diesem Jahr kassiert. Bei uns spielt Bechmann erstmals von Anfang an. Neururer setzt auf die \u00fcbliche 4-2-1-3-Taktik. Bremen ist nicht wirklich konstant gestartet, habe ich mir aus meinen Internetsessions in den USA gemerkt. Eine dicke Klatsche gab&#8217;s zum Auftakt in der Champions League &#8211; und auch in der Bundesliga fluppt&#8217;s noch nicht richtig. Auf geht&#8217;s. Stimmung ist solide. Bin wach. In der ersten Halbzeit passiert nicht viel. Aber auch nicht so wenig, dass ich den Jet-Lag sp\u00fcren w\u00fcrde. Ich bin wach, gehe mit, klatsche mit, feuere mit an, rei\u00dfe Witzchen mit meinen Kollegen, zum Beispiel \u00fcber die komische Aufblasklapphandaktion des heutigen Tagessponsors (man, wie dumm), stelle fest, dass Gerd sehr sp\u00f6ttisch und eher schlecht gelaunt ist (warum eigentlich?), unterhalte mich mit Sam \u00fcber seine wirklich interessierten Erfahrungen mit Washington. Er hat da mal ein Jahr gewohnt und ich \u00e4rgere mich tierisch, ihn nicht vorher nach seinen Eindr\u00fccken befragt zu haben. Unterhaltungen, Unterhaltungen, Unterhaltungen, zwischendurch ein Blick auf die Eltern, ob alles okay ist; und hoppla, Halbzeit. Vom Spiel hab ich gar nicht viel mitgekriegt.<\/p>\n<p>Pause. Die Cheerleader kommen; &#8222;Rusty&#8220; nicht mehr. Der Darsteller der Lok aus &#8222;Starlight Express&#8220; sang vor dem Spiel irgendsoeinen Song, und das ganze Stadion hat gefeiert. Lokalpatriotismus hei\u00dft das wohl. Ich schw\u00f6re, ab sofort mehr auf das Spiel zu achten. Auf Taktik, auf Einzelkritik, auf Chancen. Andi, \u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fcben f\u00fcr die Arbeit, du musst wieder reinkommen in den Rhythmus. Aufpassen!! Aufpassen!! Aufpassen!! Wiederanpfiff. Bremen hat gewechselt. Klose spielt jetzt f\u00fcr den gelb-rot-gef\u00e4hrdeten Valdez. Ach ja, stimmt, da war doch in der ersten Halbzeit mal ein Spielerget\u00fcmmel, aus dem der Valdez mit der gelben Karte hervorging. Stimmt ja. Und jetzt ist Pfeffer drin. Der VfL hat M\u00fche, das Tempo mitzugehen. Bremen lauert geduldig auf Fehler. Einen macht Zdebel in Minute 54. Konter, Borowski, 0:1. Maaaaaan, ich sag&#8217;s ja, Bremen ist unser Super-Angstgegner. Ich selbst hab nur gegen Bayern eine schlechtere Bilanz. Und von Sekunde zu Sekunde bin ich erschrockener. Der verletzte Madsen fehlt \u00fcberall. Er fehlt als torgef\u00e4hrlicher St\u00fcrmer und vor allem als flei\u00dfiger Defensivarbeiter. In Minute 62 muss Wosz raus, nach einem Zusammensto\u00df mit Pasanen nach einem Kopf(!)ballduell. Ohne den ebenso flei\u00dfigen Wosz ist gar keiner mehr flei\u00dfig. Alle traben, beh\u00e4big, nicht engagiert genug, keine Kondition? Thommy lobt nicht einmal mehr seinen Lieblingsspieler Maltritz (der Name fiel in der von mir kaum beachteten ersten Halbzeit ziemlich h\u00e4ufig in meiner Umgebung). Die Viererkette ist doch eigentlich dieselbe wie im Vorjahr. Colding, Kalla, B\u00f6nig. Und Knavs statt Fahrenhorst. Macht es dieser eine Wechsel aus? Wir haben schon fast so viele Heimgegentore in drei Spielen wie in der kompletten letzten Saison&#8230;!!! Der Knavs wird nie mein Liebling. Die Ostkurve murrt, die Haupttrib\u00fcne schon viel l\u00e4nger. Block A muss schon die Initiative ergreifen und laut &#8222;V-F-L! V-F-L!&#8220; br\u00fcllen. Bechmann spielt schwach, genauso Preu\u00df. Und Lokvenc zieht sich den Unmut von allen zu. Gegen Ismael und Fahne Fahrenhorst gewinnt er keinen Zweikampf, nicht mal ein Kopfballduell. Und weil seine Spielweise sehr statisch und unbeweglich aussieht, bringt er nicht mal einen Pass an den Mann. Das ist schwach. Das ist wirklich schwach. Und die Erkl\u00e4rung, dass es gegen den Double-Gewinner des Vorjahres gilt, ist eine ziemlich d\u00fcrftige.<\/p>\n<p>65. Minute, Standardsituation. Vielleicht wieder so ein Kr\u00fcmeltor. Trojan flankt, Knavs k\u00f6pft wundersch\u00f6n&#8230; TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOORRRRRR! SCHALALALAAAAAAAAAAAAAlalalalalalalaaaaaaaaaaaa!!! Man, ist das unverdient. 1:1, ausgerechnet der Knavs, sollte es wieder zu einem Punkt reichen? Diese Standards rei\u00dfen uns immer raus, und nach vier Spielen Pause feiere und br\u00fclle ich aus vollster Ekstase mit. Kaum ausgebr\u00fcllt, Gegenzug, Klose, 1:2. Und da war es wieder, diese Bremen-Krankheit. Der Rest ist eine Demontage. Gut, Kalla k\u00f6pft nach Trojan-Freisto\u00df aus derselben Distanz an die Latte, aber das ist die einzige Szene, in der wir \u00fcberhaupt noch einmal die Mittellinie \u00fcberschreiten. Das ist Aufgabe. Keine Arbeitsverweigerung, aber schon Lustlosigkeit. Bei uns gibts die nicht. &#8222;Und wir gewinnen, und wir gewinnen, und wir gewinnen am Donnerstaaaaaag!!!&#8220; F\u00fcnf Tage noch, dann z\u00e4hlts. &#8222;L\u00dcTTICH KANN KOMMEN!!!!&#8220; 1:2? Egal! Klose setzt kurz vor Schluss sogar noch das 1:3 drauf. Macht nix, unsere Jungs denken halt auch schon am Donnerstag. Und jeder hat mal einen schlechten Tag. Ein paar VfLer wollen fr\u00fcher gehen. &#8222;Geeeeegen L\u00fcttich wolln wir Euch nicht seeeeeehn!&#8220;, hallt&#8217;s durch unser Rund, und bei manchen kommt die Botschaft an. Klose setzt sogar noch das mittlerweile verdiente 4:1 drauf, und bevor es eine Packung gibt, verzichtet der Schiedsrichter auf die eigentlich zwingend notwendige l\u00e4ngere Nachspielzeit und pfeift lieber p\u00fcnktlich ab. Eine Leistung der Marke &#8222;unter aller Sau&#8220;, schwache Leistungstr\u00e4ger (bis auf van Duijnhoven und Wosz), mehr als dumme Fehler, und das gegen eine superstarke Bremer Mannschaft. Sollte uns die Doppel- und Dreifachbelastung doch schaden? Angst geht um im Ruhrstadion. Bei mir. Selbstgespr\u00e4che. Im DFB-Pokal sind wir raus, in der Bundesliga erst ein Sieg nach sechs Spielen, und der war nicht einmal verdient. Stell dir vor, wir verlieren gegen L\u00fcttich oder spielen nur unentschieden? Dann ist die ganze Saison schon am 1. Oktober total im Arsch!!! &#8222;Ach Andi, das war vielleicht gar nicht schlecht&#8220;, meint Thommy. &#8222;Die haben heute gesehen, dass man nicht immer nur mit Gl\u00fcck und Standardsituationen weiterkommt. Das wird schon!&#8220;<\/p>\n<p>Ausnahmsweise bin ich pessimistischer als er. Sieben Punkte nach sechs Spielen &#8211; ziemlich wenig. Gerd und Sam haben fast fluchtartig den Ort des Debakels verlassen. Tief entt\u00e4uscht. Meine Eltern gehen mit einem Sack voll Erinnerung nach Hause und werden die heute Abend erst noch sortieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>1:4 gegen Bremen. Manmanman. Und daf\u00fcr habe ich meinen Urlaub extra so ausgerichtet, dass ich am Samstagmittag wieder da bin. Ich h\u00e4tte noch einen Tag bei 30 Grad in Washington verbringen k\u00f6nnen. Mit einem Sonnenbad vor dem Lincoln Memorial. Aber nein, ich bin dem gefolgt, was der Schal meines Vordermanns beschreibt: &#8222;Gro\u00dfe Liebe!&#8220; Herzlich Willkommen zur\u00fcck in Deutschland, Andi! Wenigstens bin ich nicht eingeschlafen&#8230; das Spiel war also nicht ganz nutzlos.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Tage noch.<\/p>\n<p>Ab sofort z\u00e4hlt nur noch L\u00fcttich. Nur noch L\u00fcttich!!! Wir packen es. Wir packen es. Wir packen es. Ich bin ganz sicher.<\/p>\n<p>&#8222;Und wir gewinnen &#8211; und wir gewinnen &#8211; und wir gewinnen am Donnerstaaaaaaaaag!&#8220;<\/p>\n<p>Nerv\u00f6s bin ich schon jetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An dieses Spiel erinnere ich mich noch gut. Es war &#8211; erstens &#8211; mein erstes Jet-Lag-Spiel. 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