{"id":2146,"date":"2011-09-18T13:23:03","date_gmt":"2011-09-18T13:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=2146"},"modified":"2012-12-28T13:34:51","modified_gmt":"2012-12-28T13:34:51","slug":"27-september-2003-gladbach-vfl-22-alles-aus-dem-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=2146","title":{"rendered":"27. September 2003 &#8211; Gladbach-VfL 2:2 &#8211; &#8222;Alles aus dem Nichts"},"content":{"rendered":"<p>Der unten stehende Text hat etwas Historisches. Denn er beschreibt meinen allerletzten Aufenthalt im legend\u00e4ren B\u00f6kelberg-Stadion in M\u00f6nchengladbach! Das Spiel zwischen der Borussia und dem VfL Bochum endete &#8211; unspektakul\u00e4r &#8211; 2:2, aber wegen einiger R\u00fcckblicke ist der Text doch ganz lesenswert.<\/p>\n<p><strong>Hier ist der Blog-Eintrag, den ich &#8222;Alles aus dem Nichts&#8220; nannte und mit der Unterzeile &#8222;Andis Abschied vom 70er-Charme des B\u00f6kelbergs &#8211; an einem merkw\u00fcrdigen Nachmittag&#8220; nannte:<\/strong><\/p>\n<p>Fu\u00dfballer sind ja manchmal Sprach-Romantiker. Guckt Euch mal Nick Hornby an. Oder lest Euch das Buch &#8222;Verr\u00fcckt nach Fu\u00dfball&#8220; von zahlreichen Stehplatz-Autoren durch. Naja, oder, h\u00fcstelh\u00fcstel, schaut Euch Euren Andi an, dem auch mal das eine oder andere lederkugelherzende Wort rausrutscht. Aber ein solch linguistischer Leckerbissen wie &#8222;STIEL DU FOTZE!&#8220;, darauf k\u00f6nnen nur intellektuelle \u00c4stheten kommen. &#8222;Stiel Du Fotze&#8220;. Hilfe, wo bin ich denn gelandet?<\/p>\n<p>Meine erste Begegnung mit dem Gladbacher B\u00f6kelberg liegt schon eine ganze Weile zur\u00fcck. Es war im Oktober 1994, also genau vor neun Jahren, als ich mit meinem Bruder erstmals die Stehstufen dieses legend\u00e4ren Stadions mit dem Charme der 70er betrat. Netzer, Vogts, Heynckes, Hacki Wimmer; sie alle gruben hier den Rasen um, als ich noch nicht einmal ansatzweise im Bauch meiner Mutter an ihren K\u00f6rpers\u00e4ften nuckelte. Keine Ahnung, wie oft die &#8222;Elf vom Niederrhein&#8220; (heutiger Fan-Song mit leicht knatternd-nervendem M\u00f6chtegern-Ohrwurm-Unterton) die deutsche Meisterschaft gewann, aber ja, wirklich, es war in diesem Stadion. Umgebaut wurde seitdem nix, irgendwann in den 80ern stellten irgendwelche schlauen F\u00fcchse ein Denkmal mit den K\u00f6rpern von Netzer, Wimmer und Vogts in die Innenstadt; und seitdem hechelt der Verein den gehobenen Anspr\u00fcchen hinterher. Einmal Pokalsieger sind die Gladbacher seitdem geworden &#8211; sonst haben sie nichts gewonnen. Na das ist auch nicht mein Problem. Jedenfalls sind die Anspr\u00fcche der Gladbacher so hoch, dass sie glauben, ein 60 000-Frau-und-Mann-Stadion, das direkt nebenan entsteht, w\u00e4re gerade gut genug. Na klar hat Gladbach viele Fans, aber im Schnitt werden niiiiemals mehr als 35 000 kommen. Niiiiemals! Tja, und wer dann noch mit dieser Mannschaft auf den neunten Platz kommen will, der geh\u00f6rt endg\u00fcltig in die Psychatrie f\u00fcr hemmungslos Optimistische.<\/p>\n<p>Aber was will ich eigentlich damit sagen?<\/p>\n<p>In dieser Saison spielt die Borussia letztmals am B\u00f6kelberg. Und genauso letztmals stehe ich also an diesem 27. September 2003 auf den Stehstufen der S\u00fcdtrib\u00fcne, Block 34. Es ist immer noch so steil und so gef\u00e4hrlich, dass ich erneut meine Schienbeinschoner und Schulterpolster vermisse. Viermal habe ich mit Bochum schon hier gespielt. Ein Sieg, ein Unentschieden, zwei Niederlagen &#8211; und die fielen mit 2:6 und 1:7 auch noch ziemlich heftig aus. Apropos 1:7: Das war eben jenes erste Spiel in Gladbach, im Oktober 1994. Der Kreis schlie\u00dft sich.<\/p>\n<p>Damals war Thommy, mein Bruder, auch dabei. Ich wei\u00df noch: J\u00fcrgen Gelsdorf sa\u00df noch auf der Bank, und keine zwei Wochen sp\u00e4ter flog der mit einem 150-km\/h-Arschtritt raus. Toppi kam, aber Bochum musste trotzdem wieder in Liga zwei runter. Aber das ist l\u00e4ngst vorbei. Auf der Hinfahrt geht es an Rheinhausen vorbei, an Viersen, zwischendurch Krefeld, der Zug ist voll, Marrit (Thommys Freundin) begleitet uns bis kurz vors Stadion. Aber rein? Nee, darauf hat sie keine Lust. Sie \u00e4rgert sich ein wenig \u00fcber die am Bahnhof hektisch werkelnde Polizei, aber geschenkt. F\u00fcr erfahrene Stadion- und Demobesucher ist das bitterer Alltag. Tschuldigung, bitterster Alltag. Erstmals seit langer, langer, langer Zeit oder vielleicht sogar erstmals \u00fcberhaupt fahre ich mit dem VfL in der 1. Bundesliga zu einem Ausw\u00e4rtsspiel und bin Favorit. &#8222;Es ist geradezu peinlich, wenn wir das nicht gewinnen&#8220;, ist der bestimmende Gedanke. Gladbach hat viermal in Folge verloren, dazu noch den einen Trainer (Lienen) etwas unsanft durch den n\u00e4chsten (Fach) ersetzt. Wir stehen &#8211; siehe Hertha-Spiel &#8211; mitten im mittelsten Mittelma\u00df. Mein Telefon wird mal wieder zu einer vibrierenden Kommunikationsmaschine. Dirk aus M\u00fcnchen teilt per SMS mit, dass er &#8222;bei Oddset eine saubere 2 gesetzt hat&#8220;. Marc, ein Kollege aus M\u00fclheim, m\u00f6chte wissen, ob der VfB Speldorf den Trainer Kurth schon rausgeschmissen hat (Antwort: &#8222;Nee!&#8220;). Sam ruft an, und wir verabreden uns f\u00fcrs Stadion, und Thommy, der mit Marrit noch ein wenig l\u00e4nger durch die niederrheinische Metropole schlenderte, m\u00f6chte wissen, wo wir uns genau befinden. &#8222;Hinter dem Tor, zehn Meter links vom linken Pfosten, am Zaun. Und pass auf! Ist ganz sch\u00f6n steil hier!&#8220; Ein Ausw\u00e4rtsspiel mit Sam &#8211; das ist nun wirklich eine Premiere.<\/p>\n<p>Bis zum Anpfiff sinds noch ein paar Minuten. Sam erz\u00e4hlt, wie er von VfL-Manager Dieter Meinhold mit einem der franz\u00f6sisch sprechenden Profis verwechselt wurde: &#8222;Ich bin mit meinem Hyundai am Ruhrstadion vorgefahren und wollte eigentlich nur parken, um mir ne Gladbach-Karte zu holen. Auf einmal haben die mich bis auf den Spielerparkplatz durchgewunken. Bin dann ausgestiegen &#8211; und dann kam der Meinhold und hat &#8222;BONJOUR&#8220; zu mir gesagt.&#8220; Hihi&#8230; kennt der seine eigenen Spieler nicht. L\u00e4sst ja tief blicken. Die Gladbacher Mannschaft ist an Namenlosigkeit nicht zu \u00fcberbieten. Unser Trainer wird derbe ausgepfiffen, weil er den Gladbacher Trainerwechsel als &#8222;unseri\u00f6s zum Quadrat&#8220; bezeichnet hat. Die ULTRAS z\u00fcnden eine Rauchbombe nach der n\u00e4chsten und f\u00fchlen sich toll. Auch hier: geschenkt. Mittlerweile w\u00e4re es ein Gewinn, wenn sich die Ultras aufl\u00f6sen, oder mal was wirklich originelles einfallen lassen w\u00fcrden. Jeder der 18 Bundesligaklubs (au\u00dfer Freiburg vielleicht&#8230;) hat jetzt einen dieser Fanklubs. Die Choreographien sind gleich, die Spr\u00fcche sind gleich, die Feinde sind immer die lokalen Nachbarn, irgendein Einpeitscher sitzt mit Megaphon auf dem Zaun, ausw\u00e4rts werden Rauchbomben gez\u00fcndet. LEUTE, SEID KREATIV! Ihr f\u00fchlt Euch doch immer so toll! Lasst Euch was einfallen!!! &#8222;Und wo ist der Rest von Euch? Aufm Eierberg?&#8220; lautet ein Gladbacher Transparent. Das z\u00e4hlt mal wieder zur Rubrik &#8222;Fu\u00dfball-Sprachromantik&#8220;, l\u00f6st aber doch einen gewissen Schmunzel-Reflex aus. Sam antwortet: &#8222;Wir haben wenigstens ein Rotlicht-Viertel&#8220;, andere stimmen etwas trotzig &#8222;Bochum-Eierberg, schalalalala&#8220; an.<\/p>\n<p>Gebt&#8217;s zu: Als Ihr auf das Ergebnis und die L\u00e4nge des Textes geguckt habt, da sprang Euch bestimmt der Gedanke: &#8222;Man, war das ein geiles Spiel! Vier Tore! Und so viele Zeilen!&#8220; ins Hirn. Nee, war&#8217;s aber nicht. Es war ein absolut merkw\u00fcrdiges Gegurke, mit einer Mannschaft, die froh sein kann, wenn sie mit Gl\u00fcck 15. wird (Gladbach) und einer anderen (Bochum), die es in keiner Phase verstand, die Unf\u00e4higkeit des Gegners auch nur ansatzweise auszunutzen.<\/p>\n<p>Alle vier Tore fallen aus dem Nichts, die beiden Torh\u00fcter Stiel und van Duijnhoven m\u00fcssen nicht einmal ernsthaft eingreifen. NICHT EINMAL!!! Die besonderen Ereignisse beschr\u00e4nken sich darauf, dass wir (Sam hatte noch zwei Freunde dabei) in f\u00fcnf Minuten eine Joghurt-Gum-T\u00fcte leerfegen und dass Sam zwei Brezel verdr\u00fcckt. Das ist&#8217;s auch schon. &#8222;Man wie schlecht&#8220;, sagt Thommy immerzu.<\/p>\n<p>Halbzeit eins: Spiel f\u00e4ngt an; Thoddi Gudjonsson patzt am gegnerischen 16er, l\u00e4uft dann 70 Meter neben seinem Mann (Sverkos) her, bis Oliseh ein Einsehen hat und den Sverkos derbe von den Beinen holt. Hmm&#8230; leider in Strafraumn\u00e4he das ganze, zack, Elfmeter, van Lent, 1:0. Wow, keine f\u00fcnf Minuten hat es gedauert, bis der Gegner das Selbstbewusstseins-Oberwasser hat. In den restlichen 40 Minuten der ersten Halbzeit \u00e4rgere ich mich schwer dar\u00fcber, keinen Schlafsack bei mir zu tragen. Unser Mittelfeld ist nicht vorhanden. Gudjonsson patzt am laufenden Meter, Zdebel und Oliseh sind gar nicht zu sehen, an Wosz l\u00e4uft das Geschehen vorbei. Da f\u00e4llt sogar der Vriesde, der f\u00fcr Fahrenhorst in der 15. Minute eingewechselt wird, nicht negativ auf. Und das bei Gladbach&#8230; einer Mannschaft, die zwar engagiert zu Werke geht, es nicht hinbekommt, den Ball \u00fcber drei Stationen unfallfrei laufen zu lassen. Ein Tipp-Kick-Spiel. Langer Ball, abgewehrt ins Seitenaus. Einwurf, Zweikampf verloren. Ball in die andere H\u00e4lfte schlagen. Und von vorn, unglaublich hohe Fehlpassquote. Keine Bewegung, keine Spritzigkeit, Grottenkick. Spielnote 5, glatt.<\/p>\n<p>Und das schlimme: In der zweiten H\u00e4lfte geht das genauso weiter. Dann Freisto\u00df Oliseh, 60. Minute oder so, ich hab jedenfalls schon den Abpfiff herbeigesehnt, Momo Diabang mit dem Fu\u00df, 1:1. Wie aus dem Nichts Teil 2. Es ist ein &#8222;Es hat keinen Sieger verdient&#8220;-Spiel. Und es ist ein 1:1-Spiel. Dann Freisto\u00df Oliseh, selbes Spielchen, Kopfball Madsen, 1:2, ne Minute vor Schluss. Und wir haben noch gewitzelt: &#8222;Stellt Euch vor, jetzt machen die den rein und wir gewinnen das Dingen!&#8220; Tja, das Dingen ist so gut wie gewonnen, aaaaber unser Abwehrtalent Anton Vriesde ist nunmal auf dem Platz. Der ist in der 93. Minute bei van Lents 2:2 das Ende einer grandiosen Fehlerkette. Zun\u00e4chst passt der ansonsten beste Bochumer Kalla ohne Not zur\u00fcck auf van Duijnhoven (Fehler 1), dann nagelt der den Ball v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig ins Seitenaus (Fehler 2). Dann l\u00e4sst irgendeiner, vermutlich Colding, den Ketelaer ungehindert flanken (Fehler 3) und schlie\u00dflich steht Vriesde falsch (Fehler 4). Vier Fehler innerhalb von 20 Sekunden. Es passt zum Spiel. Nichts geht, irgendwie und Fehler \u00fcber Fehler \u00fcber Fehler. Auch auf den R\u00e4ngen gehts 90 Minuten lang recht leise zu. Und doch, tja und doch nimmst Du einen Punkt mit.<\/p>\n<p>Abpfiff. Tsch\u00fcss B\u00f6kelberg. Nach Hause. Regionalexpress. Eine verkrachte Existenz treffen. Von ihr sagen lassen, wir h\u00e4tten &#8222;unsere F\u00fc\u00dfe in Tretstellung&#8220;. Mag nicht dr\u00fcber nachdenken. Mitgef\u00fchl. Umsteigen in Duisburg. Text fertigmachen. Und das schnell. Jetzt geh ich n\u00e4mlich ins &#8222;Pulp&#8220; nach Duisburg, meine &#8222;Abhol-Kolonne&#8220; kommt in f\u00fcnf Minuten. Das 2:2 feiere ich dabei nicht. Ausw\u00e4rts einen Punkt geholt und mit nichts und niemandem zufrieden. Merkw\u00fcrdig!<\/p>\n<p>Darauf eine Cola!<\/p>\n<p>Tsch\u00f6kes!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der unten stehende Text hat etwas Historisches. Denn er beschreibt meinen allerletzten Aufenthalt im legend\u00e4ren B\u00f6kelberg-Stadion in M\u00f6nchengladbach! 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