{"id":2090,"date":"2011-09-05T14:45:07","date_gmt":"2011-09-05T14:45:07","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=2090"},"modified":"2012-12-05T15:05:38","modified_gmt":"2012-12-05T15:05:38","slug":"dreams-%e2%80%93-8-november-2003-%e2%80%93-vfl-koln-40","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=2090","title":{"rendered":"Dreams \u2013 8. November 2003 \u2013 VfL-K\u00f6ln 4:0"},"content":{"rendered":"<p>Hach, wie gern setze ich mich in meinen DeLorean und reise zur\u00fcck. Zur\u00fcck in den wundervollen Herbst 2003. Unglaubliche neun Jahre ist es her, dass der VfL durch die Bundesliga spazierte. Jetzt steht der VfL am Abgrund. Pleite, 3. Liga, nur noch 8000 Zuschauer. Damals waren es 25 000, immer. Es gab in diesem Herbst nur wundervolle Spiele, zum Beispiel das 4:0 gegen den 1. FC K\u00f6ln. Beim Effzeh sa\u00df zum ersten Mal Marcel Koller auf der Trainerbank. Ich nannte den Blog-Eintrag &#8222;Dreams&#8220; und verpasste dem Text die Unterzeile &#8222;Surreale Tage im Oberhaus der Bundesliga! Beispiel? Raymond Kallas darf sein historisches erstes Tor k\u00f6pfen!&#8220;<\/p>\n<p><strong>So geht der Text vom 8. November 2003:<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal mitten im Schlaf sprinte ich durch Mailand. Oder durch Manchester. Durch Glasgow. Regentropfen fallen vom Himmel, verteilen sich \u00fcberall auf meinem Gesicht. Dann schaue ich extra hoch in die Wolken, um die Tropfen geb\u00fchrend zu empfangen, schmei\u00dfe meine Brille auf den B\u00fcrgersteig und br\u00fclle ganz laut &#8222;YAAAAAAAAAAWP!!!!!&#8220;, ganz wie Todd Anderson im &#8222;Club der toten Dichter&#8220;. Um meinen Hals baumelt mein blau-wei\u00dfer Schal mit dem VfL-Bochum-Wappen drauf und vor meinen Augen laufen Bilder von Champions-League-Spielen. Die Tore, die wei\u00df ich dann im Schlaf ganz genau. Freisto\u00df Oliseh von halbrechts, auf den langen Pfosten, Kopfball Kalla, Unterkante Latte; 1:0, gewonnen. Ob in Mailand, Manchester oder Glasgow. YAAAAAAAAWP! Doch am Morgen, wenn dann der Wecker klingelt, dann blinzel ich kurz und wache in M\u00fclheim auf, in meinem eigenen Bett. Dann sind all die Tr\u00e4ume vorbei, und die Tabelle der Bundesliga fl\u00fcstert mir zu: &#8222;Pssssst&#8230; Andi&#8230;. das ist der VfL Bochum&#8230; der wird niiiiiieeee in der Champions League spielen. Und der Kalla&#8230; der schie\u00dft sowieso nie ein Tor f\u00fcr den VfL!&#8220;<\/p>\n<p>So ist das nach meinen Fu\u00dfball-Tr\u00e4umen. Einen solchen hatte ich heute Nacht &#8211; zugegeben &#8211; nicht. Eigentlich wei\u00df ich gar nicht mehr so genau, was \u00fcberhaupt in meinem Gehirn vorgegangen ist. War es mein Traum-Urlaub in San Francisco? Schnorcheln im \u00e4gyptischen Roten Meer? Eine wundersch\u00f6ne Frau? Null Ahnung. Nur noch die Hintergrundmusik ist h\u00e4ngen geblieben. Passenderweise nat\u00fcrlich &#8222;Dreams&#8220; von den Cranberries.<\/p>\n<p>Traumhaft sch\u00f6n waren die letzten beiden Spiele. 2:0 auf Schalke, 3:0 gegen Dortmund, das wird es so innerhalb einer Woche wohl nie wieder in der Vereinsgeschichte geben. Das ist Kapital 1 des Bochumer Surrealismus, der im Moment die Bundesliga \u00fcberf\u00e4llt. Vor der Saison stufte uns die gesamte Fu\u00dfball-Expertenelite als Absteiger Nummer zwei nach Eintracht Frankfurt ein &#8211; und jetzt? Jetzt haben wir bewiesen, dass es doch geht, mit einem kleinen, aber feinen Familienverein in einem kleinen, aber feinen Stadion; in dem fast jeder jeden noch kennt, oben mitzuspielen. Nun gut, auch bei uns kriegen die Jungs Millionen, das ist schon klar. Aber in den meisten der anderen 17 Klubs kriegen die Spieler Aber-Millionen, und spielen in hochmodernsten, synthetischen, v\u00f6llig unpers\u00f6nlichen Arenen, die ruck, zuck in Konzerts\u00e4le, Veranstaltungshallen umgewandelt werden k\u00f6nnen. Wo bleibt inmitten des Profits das Vereinsprofil? Unser Ruhrstadion steht allenfalls Herbert Gr\u00f6nemeyer zur Verf\u00fcgung. Das nenne ich konsequent!<\/p>\n<p>Meine Fresse, ist das alles surreal. Surreal? Was hei\u00dft das eigentlich, surreal? &#8222;Kunstrichtung, die das Traumhaft-Unterbewusste k\u00fcnstlerisch darstellen soll!&#8220; Na bitte. Traumhaft. Traum. Dream. Willkommen in der Rahmung dieses k\u00fcnstlerisch darstellenden Berichts. Da steht die \u00dcberschrift doch schon fest, bevor ich \u00fcberhaupt losgefahren bin, frohlocke ich um kurz nach halb zwei, als ich mich auf den Weg zum Bahnhof mache, um in die S-Bahn zu h\u00fcpfen. S-Bahn? Genau, richtig gelesen. Die habe ich seit bestimmt f\u00fcnf Jahren nicht mehr in Richtung Bochum benutzt, sondern stets immer brav auf den Regionalexpress gewartet. Der kommt aber aus K\u00f6ln, und die ganzen rot-wei\u00dfen Gei\u00dfb\u00f6cke zu sehen? Nee, das muss nun wirklich nicht sein. Also ab durch Essen-Steele, Essen-Steele Ost, Essen-Eiberg, Wattenscheid-H\u00f6ntrop, und bis Bochum Hauptbahnhof. 14.30 Uhr treffe ich am Ruhrstadion ein, nach der Abhetzerei beim Dortmund-Spiel genie\u00dfe ich das in vollen Z\u00fcgen. Und denke an meine bisherigen K\u00f6ln-Erfahrungen. Mensch, gegen den FC habe ich schon lange nicht mehr gespielt. Letztes Jahr waren die in der zweiten Liga, davor wir; und davor hat der VfL fast alle Spiele verloren, ein paar Jahre lang. Irgendwie waren mir die K\u00f6lner immer unangenehm, und jetzt kommen die auch noch mit nem neuen Trainer. Gef\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4hrlich, w\u00fcrde Fa\u00dfbender sagen. Aber ist doch egaaaaaaaaal, wir k\u00f6nnen doch f\u00fcnf Spiele in Folge verlieren, wir sind der VfL, wir haaaaben doch schon 18 Punkte. &#8222;Surreal&#8220;, schmei\u00dfe ich Gerd mein heutiges Lieblingswort auch mal entgegen. Die K\u00f6lner laufen ein und wir br\u00fcllen laut: &#8222;AB-STEI-GER! AB-STEI-GER!!!&#8220; Aus unseren (!!) M\u00fcndern. Und wieder: &#8222;Surreal!&#8220;<\/p>\n<p>Bruderh\u00e4rzken Thommy ist wieder dabei, hat Kollege Harald mitgebracht, Gerd und ich vermissen allerdings unseren braunbegebrannten Freund Sam, der unentschuldigt fehlt (Setzen! Sechs!); daf\u00fcr ist Heinz-Horst-Dieter-G\u00fcnter (schlagmichtot, ich kenn seinen Vornamen nicht) da. Ein kleiner, circa 170 gro\u00dfer Mann, mit ganz kurzen Haaren, hat immer eine Brille auf und ein Baseball-Cap, ist gekleidet mit Jeans und Jeansjacke und ein genauso treuer Fan wie wir alle. Noch so eine reine Stadionfreundschaft. Au\u00dferhalb der Ostkurve k\u00f6nnte ich mit Heinz-Horst-Dieter-G\u00fcnter nicht einen Satz wechseln. Ich w\u00fcsst nicht wor\u00fcber. &#8222;Ey Jungs&#8220;, pr\u00e4sentiere ich mich als grandioser Mathematiker, &#8222;vier Tore Differenz und wir sind f\u00fcr heute vor Bayern!&#8220;<\/p>\n<p>Die Sonne steht am Himmel, aber tief, sehr tief, denn der Herbst ist gekommen. Das sorgt auf der einen Seite f\u00fcr herbstliche Depressionseuphorie (sp\u00fcrt Ihr sie auch?), andererseits f\u00fcr einen v\u00f6llig verwirrten FC-Torwart Wessels. Kaum hat das Spiel angefangen, hat der Wessels sich zweimal verguckt. Unsere beiden Top-St\u00fcrmer Hashemian in der achten und Madsen in der 15. Minute sind da und netzen zum 1:0 und 2:0 ein. Jaaaaaaa, Riiiiesen-Jubel&#8230; YAAAAAAAAAAAWP!!!! Und es geht alles wieder von vorn los. Wir haben mal wieder richtig mies angefangen; aber unsere Chancenauswertung ist so g\u00f6ttlich. Zwei Angriffe, zwei Sch\u00fcsse, 2:0! &#8222;DER IST SO GUT, DER HASHEMIAN &#8211; DER IST SO GUT!&#8220;, frohlocken wir alle, schlagen ein, und bemerken kaum, dass Heinz-Horst-Dieter-G\u00fcnters Birne brummt. Beim Torjubel zum 1:0 bekam er einen Bierbecher an den Sch\u00e4del. Eine 5-Zentimeter-Risswunde ziert nun seine R\u00fcbe. &#8222;Gehts?&#8220; &#8222;Klar, der Kopf ist noch dran!&#8220; &#8222;Ach&#8220;, br\u00fcllt einer aus den oberen R\u00e4ngen, &#8222;lass dat anne Luft trocknen. Kommt ne Kruste drauf!&#8220; Was danach passiert, ist mit dem Begriff &#8222;Ergebnisverwaltung&#8220; zusammenzufassen. Es ergeben sich grandiose Gegens\u00e4tze. Wir, die wir trotz unserer Serie immer noch (so erscheint&#8217;s mir) untersch\u00e4tzt werden, f\u00fchren die K\u00f6lner vor. Drei Torsch\u00fcsse kriegt der FC zustande, das ist nicht bundesligatauglich. Zeitweilig kommt der FC drei Minuten lang nicht an den Ball, was bei jedem Kurzpass laute &#8222;oooooooohhhhh-HEY&#8220;-Rufe zur Folge hat. Eine Dem\u00fctigung. Langelangelange hat sich keine so schlechte Mannschaft mehr im Ruhrstadion pr\u00e4sentiert (nicht mal Cottbus im letzten oder Schweinfurt im vorletzten Jahr). F\u00fcr eine Mannschaft, die seit einer Woche einen neuen Trainer hat, ist das ein Armutszeugnis. Keiner spricht auf dem Rasen, niemand schnauzt sich an, nicht beim 0:1, beim 0:2, 0:3 und erstmal gar nicht beim 0:4. Wehrlos. Lieblos. Zahllose Flanken ins Niemandsland, unfassbare Missverst\u00e4ndnisse. Uns gen\u00fcgt eine durchschnittliche &#8222;Wir-geben-nur-75-Prozent&#8220;-Trainingsspielleistung, um den FC v\u00f6llig problemlos zu distanzieren.<\/p>\n<p>Doch langweilig wird es aus zwei Gr\u00fcnden nicht. Erstens ist daf\u00fcr ein herrlicher Fan-Gegensatz zust\u00e4ndig. Wir sind alle froh, gl\u00fccklich, und trauen unseren Augen nicht (Stichwort &#8222;surreal&#8220;), die K\u00f6lner ironisieren das Geschehen; stimmen ein bei &#8222;Oh wie ist das sch\u00f6n&#8220;, &#8222;So ein Tag, so wundersch\u00f6n wie heute&#8220; und feiern ihrerseits den Ex-K\u00f6lner Sunday Oliseh. Und der zweite Grund? Eine kleine winzige Episode in diesem Spiel in der 45. Minute und doch eine gro\u00dfe f\u00fcr viele VfL-Fans. Ein ganz normaler Freisto\u00df aus der Halbposition (da sind wir die st\u00e4rkste Mannschaft der Liga, k\u00f6nnte ich schw\u00f6ren), ein Kopfball von unserem Raymond Kalla, dem wir es alle sooo sehr g\u00f6nnen, und der kullert, stolpert, h\u00fcppelt tats\u00e4chlich zum 3:0 ins Eck. DER KALLAAAAA!!!! Surreale Tage im Oberhaus? &#8222;Der Kalla schie\u00dft doch nie ein Tor&#8220;, fl\u00fcstert die Tabelle eigentlich. Nun nicht mehr (und der Sam hat\u00b4s verpasst, hihi!).<\/p>\n<p>In einer objektiv langweiligen, aber subjektiv grandiosen zweiten Halbzeit verfliegt die Schlussphase im Ferrari-Tempo. Stevic streichelt einen Freisto\u00df in den Winkel, in der 87. zum 4:0. Und Abpfiff. Slawo Freier hat nach seiner Verletzung mal wieder gespielt und ist nicht mal aufgefallen; Hashemian wird immer noch nicht solo gefeiert (Vahid, Du hast einfach einen Schei\u00df-Namen zum Feiern, Christiansen war da viel melodischer!), Kalla daf\u00fcr umso mehr. &#8222;Wir wolln Euch tanzen sehn!&#8220;, fordern wir in aller Euphorie, und van Duijnhoven und Oliseh legen einen perfekten Tango aufs Rasen-Parkett. Das ist es, jaaaa, 4:0 gewonnen, es ist nicht zu fassen, es ist nicht zu fassen, es ist nicht zu fassen. Da verkrustet Heinz-Horst-Dieter-G\u00fcnters Risswunde doppelt so schnell. 21 Punkte nach elf Spielen. 13 Punkte Vorsprung vor dem ersten Abstiegsplatz. Kann nicht wahr sein.<\/p>\n<p>Am Schluss, ganz am Schluss, als die Spieler nach dem 4:0-Tanz wieder auf dem Weg in die Kabine sind, hauchen wir alle gemeinsam das gro\u00dfe 1996-er-UEFA-Cup-Lied. &#8222;Uuuuuefa-Cup, uuuuuuefa-Cup, und wir ham das blau-wei\u00dfe Licht bei der Nacht und wir ham das blau-wei\u00dfe Licht bei der Nacht, uuuefa-cuuuup, ueeeeeeefa-cup!&#8220; Aber wir hauchen es nur, ganz leise, damit es m\u00f6glichst schnell wieder im Wind verweht. Denn wir sind der VfL Bochum; und wir alle kommen nervlich mit dieser Tabellensituation nicht wirklich zurecht. Es ist, als ob ein gut verdienender Beamter auf einmal eine Million im Lotto gewinnt. Dabei ist er mit seinem bisherigen Leben hochzufrieden und wei\u00df nicht, wohin mit der Kohle. So geht es uns allen. F\u00fcr heute sind wir also auf Platz f\u00fcnf, und sogar vor dem FC Bayern. Und das am elften Spieltag (und nicht am ersten).<\/p>\n<p>Lasst es uns tats\u00e4chlich nur hauchen, ganz leise. Br\u00fcllen k\u00f6nnen wir es nur zu Hause, im Schlaf.<\/p>\n<p>Und dann vielleicht sogar in &#8222;Old Trafford&#8220; in Manchester, im &#8222;Ibrox Park&#8220; von Glasgow oder im Mail\u00e4nder &#8222;San Siro&#8220;, in den ganz gro\u00dfen Stadien.<\/p>\n<p>Denn tr\u00e4umen, das d\u00fcrfen wir. Und beim VfL sind wir darin ganz besonders gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hach, wie gern setze ich mich in meinen DeLorean und reise zur\u00fcck. Zur\u00fcck in den wundervollen Herbst 2003. Unglaubliche neun Jahre ist es her, dass der VfL durch die Bundesliga spazierte. Jetzt steht der VfL am Abgrund. Pleite, 3. 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