{"id":1927,"date":"2011-09-21T11:00:51","date_gmt":"2011-09-21T11:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1927"},"modified":"2012-09-21T11:17:24","modified_gmt":"2012-09-21T11:17:24","slug":"wake-me-up-when-november-ends-vfl-aachen-14-18-november-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1927","title":{"rendered":"Wake me up when November ends &#8211; VfL-Aachen 1:4 &#8211; 18. November 2005"},"content":{"rendered":"<p>Zu Beginn zitiere ich aus dem Text: &#8222;Es ist kalt in diesen Tagen!&#8220; Oh ja, das wei\u00df ich noch, auch sieben Jahre sp\u00e4ter. Der VfL spielte schlecht in der Hinrunde 04\/05, hatte mehrfach in der Nachspielzeit unversch\u00e4mtes Gl\u00fcck &#8211; und lie\u00df sich dann vom sp\u00e4teren Mit-Aufsteiger Aachen mit 4:1 aus dem Stadion schie\u00dfen &#8211; der Beginn der schwierigen Beziehung zwischen dem Publikum des VfL und Trainer Marcel Koller. Ich schaute in einer Freitagnacht nach dem Spiel &#8222;Harry Potter und der Feuerkelch&#8220; im Rhein-Ruhr-Zentrum und tr\u00e4umte von Goa. Deshalb die \u00dcberschrift &#8222;Wake me up when November ends&#8220; &#8211; in Anlehnung an einen Green-Day-Song. Die Dachzeile bezog sich mehr auf das f\u00fcrchterliche Fu\u00dfballspiele: &#8222;,25 Jahre alles falsch gemacht&#8216; sagte er unmittelbar nach dem 0:3.<\/p>\n<p><strong>So geht der Text:<\/strong><\/p>\n<p>In der 308 stehen sich zwei Personen gegen\u00fcber. Der eine ist ungef\u00e4hr 1,70 Meter gro\u00df, tr\u00e4gt einen Vollbart und hat nicht mehr viele Haare auf dem Kopf. Die Frisur erinnert stark an George aus &#8222;Seinfeld&#8220;. Der andere wirkt erheblich j\u00fcnger, um die 40, tr\u00e4gt eine Brille, ist 1,80, aber sonst aufgrund einer VfL-M\u00fctze und eines VfL-Schals kaum erkennbar. In meine Finger kehrt langsam, ganz langsam das Leben zur\u00fcck. Es ist kalt in diesen Tagen. Und die Beiden unterhalten sich \u00fcber Goa. &#8222;Also wenn ein Ort auf der gesamten Erde das Paradies ist&#8220;, sagt der Rentner. &#8222;Dann ist es Goa.&#8220; Die Fahrt vom Ruhrstadion bis zum Hauptbahnhof dauert drei Minuten. Nur drei Minuten. Aber es sind die drei Minuten, in denen die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung des ganz miesen Spiels wie ein Fliegenschiss erscheint. Der Rentner erz\u00e4hlt von Goa, von Sri Lanka, von Syrien, der T\u00fcrkei, von Reisen, Sonne, von seiner Scheidung, von gekauften und wieder verscheuerten Halbedelsteinen. Ausfl\u00fcge in eine bessere, sch\u00f6nere, sonnigere Welt.<\/p>\n<p>Bei &#8222;Mr Chicken&#8220; bestelle ich einen Chickenburger XXL. Essen, quatsch fressen gegen den Frust. Nach und nach betreten Alemannia-Fans den Laden, bestellen ebenso die Men\u00fcs und br\u00fcllen fortw\u00e4hrend &#8222;Ausw\u00e4rtssieg! Ausw\u00e4rtssieg!&#8220;, und es ist ihnen nicht einmal zu verdenken. Ich blicke mich um, sehe in die Gesichter der Angestellten dieses Fast-Food-Restaurant-Verschnitts und beschlie\u00dfe, dass dieser Laden nicht einmal ann\u00e4hernd die City-Grill-Nachfolge-Kriterien erf\u00fcllt. Im Stadion, vor einer halben Stunde, da habe ich einen vor mir stehenden ganz alten Ur-Bochumer gefragt, ob der City-Grill irgendwo wiederer\u00f6ffnet hat. Er wusste es nicht. Schlechte Karten. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende meldet sich die Stimme, die den Rest des bisher so verkorksten Abends retten will. &#8222;Harry Potter und der Feuerkelch&#8220; ist mit ein paar Leuten angesagt, im Cinemaxx im Rhein-Ruhr-Zentrum. Beginn 22.30 Uhr, Treffpunkt kurz davor. Ein Ausflug in die Fantasiewelt von Hogwarts. Die Suche nach einem Zaubertrick gegen miese Fu\u00dfballfan-Laune. Der Chickenburger ist gar nicht einmal schlecht.<\/p>\n<p>In der S-Bahn treffe ich Tobias, den einst anonymen Briefeschreiber aus M\u00fclheim, und noch so einen Typen, der immer mit Stra\u00dfenbahnfahrer Stephan abh\u00e4ngt. &#8222;Wo is&#8217;n der Stephan?&#8220; &#8222;Ach der Stephan, der ist noch in der Kneipe und trinkt zwei, drei Pilschen. Wir sind schon w\u00e4hrend des Spiels dahin gegangen. Nach dem 0:3 hatten wir keine Lust mehr. Ich w\u00e4r auch geblieben, muss aber zu einer Party nach Essen-Eiberg.&#8220; Der Stephan trinkt. Nur so ist das eigentlich zu ertragen. Ein Blick auf die Tabelle. Einmal 1:4 verloren, schon geht es runter von eins auf f\u00fcnf. Dirk aus M\u00fcnchen, der gerade von seiner Hochzeitsreise aus Australien zur\u00fcckgekehrt ist, will Ergebnis und Spielverlauf wissen. &#8222;Ganz schlimm! 1:4, Pr\u00fcgeleien in der eigenen Kurve, Feuerzeuge gegen die eigene Mannschaft. Welcome back in Germany! Sch\u00f6nen Abend w\u00fcnscht: Koller Raus&#8220; tippe ich mit meinen aufgetauten Fingern auf der kleinen Handy-Tastatur. Gerd meldet sich, der Stadionkumpel, der seit ein paar Monaten nicht mehr da war. Er sa\u00df w\u00e4hrend des Spiels im Flieger nach Bangkok. Da w\u00e4re ich auch gern. Am Essener Hauptbahnhof steige ich aus, ziemlich fr\u00fch f\u00fcr meine Verh\u00e4ltnisse. Noch eine halbe Stunde bis zu Harry Potter, Hagrid, Hogwarts, Hermine. Eine halbe Stunde bleibt zur Spielanalyse, eine halbe Stunde, in der ich im Keller des Hauptbahnhofs auf die U18 warte.<\/p>\n<p>Es f\u00e4ngt so gut an. 19 Uhr am Freitagabend, das hat Vor- und Nachteile. Vorteil ist nat\u00fcrlich eindeutig das Fluchtlichtspiel-Feeling, Nachteil ist die fr\u00fche Zeit. Heute bin ich p\u00fcnktlich aus der Redaktion und stehe bequem unter 21.000 Zuschauern in der Ruhrstadion. Zwei Wochen hat unser Trainer Zeit gehabt, um unser ins Stolpern geratene Topteam auf richtigen Formkurs zu bringen. Skov-Jensen steht im Tor, der Mann, der aussieht, als w\u00fcrde er jeden an der Theke unter den Tisch trinken. Und auf Grote setzt er, links offensiv. Das ist ja mutig. Von unseren f\u00fcnf Bochumer Galionsfiguren van Duijnhoven, Colding, Zdebel, Meichelbeck und Wosz spielt keiner. Egal. Wir sind auch so gut genug. Sam und Nicole kommen unmittelbar vor dem Anpfiff, auch der witzige Fanklub, in dessen Mitte ich mich stets aufzuhalten pflege, ist komplett vertreten. Die Weichen f\u00fcr einen erfolgreichen und obendrein witzigen Zweitliga-Abend sind gestellt, eindeutig. Anpfiff, 61 Sekunden sp\u00e4ter, 0:1. &#8222;Frei, freier, Meijer&#8220;, spottet MSV-Fan Helmut per sms. Was f\u00fcr ein saubl\u00f6des Tor. Alle schlafen und schon ist es passiert. &#8222;KOLLER RAUS!&#8220;, br\u00fcllt derjenige, der dieses Ritual seit dem ersten Heimspiel pflegt. Und hintendran: &#8222;Wir ham den schlechtesten Trainer! SCHLECHTESTEN TRAINER!&#8220; Diesmal widerspricht niemand. Abwinken. 14. Minute, Reghecampf frei, 0:2.<\/p>\n<p>Entsetzen. &#8222;Wir wollen Euch k\u00e4mpfen sehen! Wir haben die Schnauze voll!&#8220; Und die n\u00e4chste sms: &#8222;Willkommen in der Krise!&#8220; DARIUSZ! DARIUSZ! wird gefordert und DARIUSZ! kommt in Minute 34. Halbzeit 0:2, eine Halbzeit, die unter die Kategorie &#8222;Arbeitsverweigerung&#8220; f\u00e4llt. Das 0:4 auf St. Pauli war ein Ausrutscher, das 1:1 gegen Paderborn Pech, das 0:3 in Siegen die erste Krise in der Liga. Jetzt wird aus dem Ganzen aber ein Trend und alle in der Ostkurve erinnern an sich die drei knappen 1:0-Erfolge. &#8222;Da hatten wir doch auch den Papst in der Tasche! Stellt Euch vor, ohne die drei sp\u00e4ten Tore h\u00e4tten wir sechs Punkte weniger&#8220;, sagt jemand, als der Schiedsrichter zum Pausentee bittet. Ein f\u00fcrchterlich lautes Pfeifkonzert. Was ist blo\u00df los? Was ist mit den Spielern? Was ist mit Koller, dessen Nagelprobe ganz sch\u00f6n nach hinten losgeht? Was ist mit dem Wetter los, das uns ganz \u00fcbel kalte Temperaturen beschert? Und was mit uns panikmachenden Fans? Was ist los mit uns? Hat die letzte Saison solche Nachwirkungen? Als wir alle uns zu lange zu sicher und zu gut f\u00fchlten? Dieser verdammt unn\u00f6tige Abstieg? Unten bei den Ultras geht es rund. Ein paar Leute verm\u00f6beln sich, in der eigenen Kurve. Schlimme Sache das. Lupo kommt wieder, einer aus dem Fanklub, der um mich herum steht. Lupo erz\u00e4hlt von einer weiteren Schl\u00e4gerei irgendwo in den Katakomben. Die Nerven liegen blank.<\/p>\n<p>Zweite Halbzeit, hoffentlich wird es besser, die Stimmung ist kaum noch zu ertragen. Und das bei einer Mannschaft, die wochenlang an der Tabellenspitze stand! Aachen, wie es singt und lacht, Bochum, wie es zusammenkracht. F\u00fcnf passable Minuten mit zwei Riesenchancen macht Pla\u00dfhenrich bei einem Eckenkonter der simpelsten Art zunichte. Ganz einfach l\u00e4sst sich unsere Abwehr vernaschen, 0:3, die Entscheidung. Aachen spielt clever, offensiv und nutzt unsere Fehler gnadenlos, gnadenloser, am gnadenlosesten aus. Pfiffe, laute Pfiffe, Feuerzeuge, Becher fliegen. &#8222;Williiiiiiiiii&#8220; wird gefeiert, die landgrafende und sich warmlaufende Aachener Kultfigur. Diskussion \u00fcber die schlechtesten Heimspiele, die wir im Ruhrstadion gesehen haben, wieder einmal. &#8222;Und wieder stellen wir fest&#8220;, sagt einer aus dem Fanklub. &#8222;25 Jahre alles falsch gemacht.&#8220; Imhof verk\u00fcrzt auf 1:3, aber niemand jubelt. Noch zwanzig Minuten, geht noch was? Edu, die personifizierte Verunsicherung, steht zwei Minuten sp\u00e4ter FREIIII, hat alles auf dem Fu\u00df und scheitert kl\u00e4glichst. Die letzte Chance vertan, das war&#8217;s. Schlaudraff darf sich beim 4:1 die Ecke aussuchen und schie\u00dft die Laune total in den Keller. Desolat. Peinlich. Kein System. Kein Selbstvertrauen. Nur Sicherheitsfu\u00dfball. Keine Abstimmung in der Defensive. Null Torgefahr. Arbeitsverweigerung. Ohne Zdebel bricht alles auseinander. &#8222;Koller raus!&#8220; br\u00fcllt der Koller-raus-Mann und einige stimmen ein. &#8222;Wen holen wir denn jetzt? Also ich bin f\u00fcr EDE GEYER!&#8220;, sagt Lupo. Aua. Geyer. Aua. Die meisten verabschieden sich von Koller. Kurz vor dem Abpfiff schubst ein Erwachsener eine 12-J\u00e4hrige aus nichtigen Gr\u00fcnden. Wieder ein Handgemenge in der eigenen Kurve, das dritte heute. Ganz schlimme Stimmung. Sam muss schlichten. &#8222;Das war mein letztes Heimspiel f\u00fcr eine lange Zeit&#8220;, sagt er. In der Hinrunde hat er keine Lust mehr, bis einschlie\u00dflich April verbringt er dann aus beruflichen Gr\u00fcnden seine Zeit in Brasilien. Keine Lust mehr. Schlimm. Abpfiff. Die Mannschaft kommt, um sich f\u00fcr die nicht vorhandene Stimmung zu bedanken. Und sie erntet nur ganz laute Pfiffe, Tausende Stinkefinger und einige Feuerzeuge. Wosz schmei\u00dft sein Trikot ins Publikum, &#8222;Dariusz!&#8220;-Rufe, nur ein paar. Und der Rentner in der 308 erz\u00e4hlt von Goa.<\/p>\n<p>Angekommen. Rhein-Ruhr-Zentrum. Die Erinnerungen verdr\u00e4ngen. Den Abend vergessen. Andi, es war nur ein Fu\u00dfballspiel. Nur ein kleines, sch\u00e4biges, mit 1:4 verlorenenes Fu\u00dfballspiel. &#8222;Zweite Liga, tut schon weh&#8220;, wie wahr, dieser Sprechchor. Ich fliehe aus der K\u00e4lte in die Zaubererwelt. Will aus dem November entfliehen, dem Monat der fu\u00dfballerischen Entt\u00e4uschung. Oder, um es in Anlehnung an Green Day zu sagen:<\/p>\n<p>&#8222;Wake me up, when November ends&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Beginn zitiere ich aus dem Text: &#8222;Es ist kalt in diesen Tagen!&#8220; Oh ja, das wei\u00df ich noch, auch sieben Jahre sp\u00e4ter. Der VfL spielte schlecht in der Hinrunde 04\/05, hatte mehrfach in der Nachspielzeit unversch\u00e4mtes Gl\u00fcck &#8211; und &hellip; <a href=\"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1927\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1,126,45,3,6,5,7],"tags":[200,192,195,194],"class_list":["post-1927","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-blog-damals","category-bochum","category-fusball","category-ruhrgebiet","category-vfl-bochum","category-geschichten","tag-bochum","tag-fusball","tag-ruhrgebiet","tag-vfl-bochum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1927","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1927"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1927\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1928,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1927\/revisions\/1928"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1927"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1927"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1927"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}