{"id":1821,"date":"2011-09-01T12:14:12","date_gmt":"2011-09-01T12:14:12","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1821"},"modified":"2012-08-07T12:28:09","modified_gmt":"2012-08-07T12:28:09","slug":"bochum-wir-haben-ein-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1821","title":{"rendered":"Bochum, wir haben ein Problem!"},"content":{"rendered":"<p>Am 16. Oktober 2004 berichtete ich f\u00fcr mein VfL-Blog unter der \u00dcberschrift &#8222;Bochum, wir haben ein Problem&#8220; \u00fcber das Fu\u00dfball-Bundesligaspiel zwischen dem VfL und dem Schlusslicht Hansa Rostock. Es war das erste Heimspiel &#8222;danach&#8220;. Nach dem unaussprechlichen Aussetzers eines brasilianischen Noch-Schalkers gegen eine belgische Mannschaft. Ich reiste danach in den Urlaub, nach Skandinavien, schlenderte durch Turku in zerissenen Jeans, um zu vergessen. Doch ich verga\u00df nicht. Und dann das. Bochum spielte schlecht, verlor 0:1, ich verfasste als Vorspann die Zeile &#8222;Erfolg ist verg\u00e4nglich &#8211; dem Fu\u00dfball-Orgasmus vor f\u00fcnf Monaten folgen das Nichts und ein Nachmittag zum Sch\u00e4men&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Hier geht es zum Text:<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcnf Monate ist es her, dass ich mich freudestrahlend, siegestrunken, \u00fcbergl\u00fccklich und fassungslos an diesen Computer setzte und die Zeilen &#8222;Wir sind im UEFA-Cup&#8220; verewigte. Zwei Jahre lang war diese Homepage eine einzige Partyorgie, ein verbaler Fu\u00dfballorgasmus, ein fortlaufender. Elf Pflichtspiele und einen Sommer sp\u00e4ter hocke ich auf meinem h\u00f6henverstellbaren Schreibtischstuhl, habe mich nach ganz unten gedr\u00fcckt, ganz so, wie es meine Gem\u00fctsverfassung momentan will, und mir sprudeln die Worte wieder heraus. Aber diesmal bin ich nicht freudestrahlend. Nicht siegestrunken. Nicht \u00fcbergl\u00fccklich. Aber doch fassungslos.<\/p>\n<p>Es ist das erste Mal, dass ich das Ruhrstadion nach &#8222;dem&#8220; Spiel betrete. &#8222;Dem&#8220; Spiel, dessen Name wir alle nicht mehr aussprechen wollen. In den letzten Tagen, in den letzten zweieinhalb Wochen habe ich Abstand gebraucht. Musste Zeit f\u00fcr mich gewinnen. Es klingt danach, als sei ich von der Liebe meines Lebens verlassen worden, und ein bisschen was davon hatte dieser Moment auch. Er hat so weh getan. So weh, dass mich dieses Tor in &#8222;diesem&#8220; Spiel bis in meine Tr\u00e4ume verfolgt hat. Ich an der Stelle von Edu, und ich haaaaauuuuu den Ball weg, bis zum Hauptbahnhof, bis nach Essen, bis nach M\u00fclheim, der Ball fliiiiiegt, und wir sind weiter. Ich wusste eine Sekunde sp\u00e4ter, dass ich diesen Moment in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Ein Moment, den mir niemand mehr nimmt. Was ist da nur passiert? Deprimiert schlich ich durch Turku, durch Stockholm, durch M\u00fclheim. Ab und zu h\u00e4misch beklatscht, meist aber bemitleidet. Bitter, so bitter. Das &#8222;Bochum&#8220;-Lied von Gr\u00f6nemeyer h\u00f6re ich eigentlich selten bis nie zwischen den Heimspielen. Zur Aufmunterung h\u00f6rte ich es in den letzten Tagen t\u00e4glich. Und das dreimal.<\/p>\n<p>Okay, Neubeginn.<\/p>\n<p>Der &#8222;worst case&#8220;, der gr\u00f6\u00dfte anzunehmende Unfall, das Schlimmste ist eingetreten. Raus aus dem UEFA-Pokal. Raus aus dem DFB-Pokal. Und in der Bundesliga stehen wir weit unten. Eigentlich k\u00f6nnen wir schon mit der Planung f\u00fcr 2005\/2006 beginnen, absteigen werden wir wohl nicht. Es sei denn, ja es sei denn, wir schaffen nochmal&#8230; aber dann m\u00fcssen wir heute damit anfangen. Heute, gegen Rostock, den Tabellenletzten, den vermutlich sicheren ersten Absteiger dieser Saison. Voller Tatendrang ziehe ich mein Kalla-Trikot \u00fcber den Kopf, stopfe meine Digitalkamera in die rechte Hosentasche, und motiviere mich selbst, die Spieler, den Trainer, alle VfL-Fans: &#8222;LOS!!! HEUTE!!!&#8220; Muss das bescheuert aussehen. Huch, was ist das denn? Die aktuelle Stadionzeitung &#8222;Mein VfL&#8220; f\u00fcr das heutige Spiel steckt in meinem Briefkasten. Merkw\u00fcrdig. Ist das \u00fcblich f\u00fcr Mitglieder? Wenn ja: Warum kriege ich die heute zum ersten Mal? Mitglied bin ich schon etwas l\u00e4nger! Egal. Gutes Omen? Schlechtes Omen? Gar kein Omen. Sortier dich, Andi, sortier dich. Wof\u00fcr war das UEFA-Pokal-Aus gut, frage ich mich im Regionalexpress. Ich \u00fcberlege und denke nirgendwof\u00fcr. Dass wir alle wieder auf dem Boden der Tatsachen sind, ist zwar korrekt, aber wer will schon auf dem B\u00fcrgersteig der Tatsachen herumlaufen? Wo es doch in schwindelerregenden H\u00f6hen so sch\u00f6n ist! Der Bochumer Hauptbahnhof ist eine Baustelle. Wie der VfL. Und im U-Bahn-Tunnel wird auch gebaut. Erstmals geht es mit Sonderbussen zum Stadion. Und der scheint einen Umweg \u00fcber M\u00fclheim zu nehmen. Das dauuuuert und dauuuuert. Endlos. 30 Minuten sp\u00e4ter hocke ich in der Kurve, mit einer Bratwurst in der Hand. Das Stadion steht noch. Deprimiert sind wir alle geblieben. Viele empfangen ihre Kurvenkollegen (ich auch) mit dem Satz &#8222;Wir konnte deeeer blo\u00df \u00fcber den Ball treten?&#8220; Es verfolgt uns alle. Es ist keine leichte Zeit f\u00fcr die Stadt Bochum. Der VfL scheint wieder da anzukommen, wo er ein paar Jahrzehnte verbrachte &#8211; und dem Opel-Werk droht die Schlie\u00dfung. Es ist eine traurige Atmosph\u00e4re. Auf den Pupillen der meisten Zuschauer ist die Anzeigetafel vom UEFA-Cup-Spiel mit dem &#8222;1:1&#8220; zu erkennen. Und im Sinn haben viele das Opel-Werk. Einige Mitarbeiter dieser Firma kommen auch zum VfL, und solidarisch ist auch der Rest. &#8222;Bochum ohne Opel ist wie der VfL ohne Ball&#8220;, steht auf einem Plakat, &#8222;Gemeinsamer Kampf um jeden Arbeitsplatz&#8220; auf einem anderen. 4000 von 10.000 sollen abgebaut werden, von den Zulieferfirmen ganz zu schweigen. Im Opel-Werk l\u00e4uft ein Streik, und wir br\u00fcllen laut &#8222;Opel! Opel! Opel!&#8220;<\/p>\n<p>Keine leichte Zeit.<\/p>\n<p>Das &#8222;Bochum&#8220;-Lied kommt zur rechten Zeit. Die Melodie bohrt sich fest im Kopf, obwohl sie schon 1000-mal mein Gehirn erreichte, meine Sinne streichelte. &#8222;Tief im Westeeeeeen&#8230;.&#8220;, eiert Gr\u00f6nemeyer durch die Lautsprecher. Und es vers\u00f6hnt ein wenig. Mit der Ungerechtigkeit der Fu\u00dfballwelt. Mit dem Herbstwetter. Ach mit waswei\u00dfich. So richtig aus sich raus geht niemand heute. Zumindest zu Beginn. Dass fast 25.000 Zuschauer da sind, ist f\u00fcr mich ohnehin ein Wunder. Folgt eine Trotzreaktion? Es w\u00e4re zu sch\u00f6n. So k\u00f6nnen wir uns nicht aus dem internationalen Gesch\u00e4ft verabschieden. Doch wie lange dauert die erneute R\u00fcckkehr? Nicht an dieses Spiel denken. Nicht! &#8222;Andi, wir wollten doch nicht dar\u00fcber reden&#8220;, sagt Stadionkumpel Sam zu mir, und JA, er hat Recht. Aber, by the way: Wie konnte der Edu da \u00fcber&#8230;!?! Neeeein&#8230; Rostock, unser Angstgegner. Ein offensives Spiel k\u00fcndigt sich an. Beide Trainer setzen auf drei St\u00fcrmer. Bei uns spielt Peeeeeeeeter Madsen wieder &#8211; Preu\u00df muss raus. Und Meichelbeck vertritt den verletzten Knavs in der Abwehr. &#8222;Ich hab&#8220;, unkt Sam, &#8222;ein verdammt gutes Gef\u00fchl, dass die das klar gewinnen.&#8220; Doch nichts passiert. Dieses eine Gegentor in diesem einen Spiel scheint unseren Jungs die F\u00e4higkeit, gepflegt Fu\u00dfball spielen zu k\u00f6nnen, zerst\u00f6rt zu haben. Kaum ein Pass findet einen Abnehmer. Die Bem\u00fchungen, einen Zweikampf zu gewinnen, enden zwar oft im Erfolg &#8211; aber genauso oft verschwindet der Ball danach im Niemandsland. Langsam, beh\u00e4big, schlecht. Die Rostocker haben Platz, nutzen den Raum f\u00fcr ihr gutes Kombinations- und Direktspiel. Und haben eine Chance nach der anderen. Oft verschr\u00e4nke ich meine beiden Arme, noch \u00f6fter halte ich mir die flache rechte Hand vor die Augen. Will nicht mehr hingucken. Ist es wieder da, das Abstiegsgespenst? Schaut es mal wieder vorbei in Bochum, hat es geklingelt, ganz nach dem Motto &#8222;ich wollte mal wieder alte Bekannte auf nen Kaffee besuchen?&#8220; Im Moment machen alle Fehler. Der Trainer, die Spieler, auch die Fans.<\/p>\n<p>LAUT UND NOCH LAUTER m\u00fcsste es in dieser Lage werden, doch immer leiser wird es. Rostock vergibt eine Riesenchance nach der anderen. Zweimal rettet S\u00f6ren Colding auf der Torlinie, was Sam zum Satz &#8222;Wenigstens auf der Linie sind alle gut&#8220; treibt. Dass es zur Pause 0:0 steht, ist so gl\u00fccklich, dass die Mannschaft in der Kabine ein Rubbellos freirubbeln sollte. Gewinn an einem solchen Tag garantiert. Wir schauen uns ratlos an. Verstehen die Welt nicht mehr. Was ist da los? Wenigstens lassen wir uns die Laune nicht verderben. &#8222;H\u00e4ngt sie auf die schwarze Sau&#8220;, br\u00fcllen Unverbesserliche, und Sam schaut \u00fcber seine Schulter und meint l\u00e4ssig: &#8222;Jaja, immer auf die Schwarzen.&#8220; Ganz gro\u00df. In der Halbzeitpause beim Torwandschie\u00dfen hat Sponsor Novoferm ein elektrisches Garagentor ausgelobt. Habe ich auch noch nicht geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Jetzt, auf die eigene Kurve, jetzt m\u00fcsste es doch gehen. V-F-L, V-F-L, WEEEEN LIEBEN WIIIIIR??? V-F-L !!!!! Jaaa, br\u00fcllt, noch lauter, doch die Stimme versagt. Genauso wie den Spielern die F\u00fc\u00dfe zu versagen scheinen. Das Wetter versagt auch ein bisschen. Mal Regen. Mal Sonne. Man Petrus: Jetzt ENTSCHEIDE dich doch mal endlich! &#8222;Bochum, wir haben ein Problem!&#8220;, stellt Sam messerscharf fest, irgendwann in einer langweiligen Sekunde zwischendurch, als ich Gerd frage, ob er f\u00fcr sein Haus in Bochum-Dahlhausen, das er im November bezieht, IKEA-M\u00f6bel kauft. In Minute 75 passierts. Rade Prica h\u00e4lt aus gesch\u00e4tzten 58 Metern drauf, und drin. 0:1. Hochverdient, l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, wie erwartet Riesenpfiffe. Und ausgerechnet der in den letzten Jahren konstanteste, unser heute bester Mann, patzt. Im Moment l\u00e4uft alles schief und schr\u00e4g. Zwei Jahre nur Gl\u00fcck gehabt, und jetzt dreht sich der Wind. Jetzt knallt uns die volle Pech-Breitseite mitten ins Gesicht. Mitten ins Tor trifft Prica. Genau in die Mitte. Und das nichtmal feste. Doch van Duijnhoven zeigt null Reaktion. Einen klareren Torwartfehler gibt es nicht. Der Rest geht in Pfiffen unter. Gut, eine Chance nach einer Ecke f\u00fcr Madsen gibt es noch, aber er wollte den negativen Unterton dieses Textes nicht zerst\u00f6ren. Einer ist scheinbar schuldig f\u00fcr diese Pleiten, Pech und Pannenserie: Vratislav Lokvenc. Jede ungl\u00fcckliche Aktion unseres neuen St\u00fcrmers wird kritisch be\u00e4ugt, jeder Fehlpass, jede verungl\u00fcckte Chance mit w\u00fctenden Beschimpfungen begleitet. Der Mann gibt alles, aber er hat kein Gl\u00fcck. Er ist ein wenig langsam, statisch, unbeweglich, aber er meint es doch nicht b\u00f6se!! Au\u00dferdem hat er es schwer. Fast alle P\u00e4sse kommen auf Halsh\u00f6he und st\u00e4ndig wird er von zwei Gegenspielern umringt. Hart. Nach dem x-ten Ballverlust br\u00fcllt die halbe Kurve &#8222;LOKVENC RAUS!&#8220; und das un\u00fcberh\u00f6rbar laut. Ich sch\u00e4me mich. Mit einem Hammer m\u00f6chte ich mich in den Boden hauen, als w\u00e4re ich in einen Asterix-Comic verpflanzt worden. Was soll das? Einen eigenen Spieler auspfeifen? So etwas ist wirklich das Allerletzte! &#8222;LOKVENC! LOKVENC!&#8220;, br\u00fcllt sogleich die andere H\u00e4lfte der Kurve, und kurzzeitig bef\u00fcrchte ich eine Schl\u00e4gerei in blau-wei\u00df. Lokvenc stolpert nur noch mehr herum. Er tut mir leid. Das hat er nicht verdient, obwohl er &#8211; wie gleichwohl alle anderen auch &#8211; einen unertr\u00e4glichen Mist auf dem Rasen produziert hat. &#8222;Das gibt Abstiegskampf&#8220;, zieht der vor dem Anpfiff noch unglaublich optimistische Sam sein eigenes Fazit. Nat\u00fcrlich bleibt es beim f\u00fcr Bochum noch schmeichelhaften 0:1 in diesem Grottenkick.<\/p>\n<p>Erfolg ist verg\u00e4nglich, w\u00fcrde der Literat zigarettenrauchend und Kaffee trinkend auf seinem Laptop verewigen. Aber ich bin keiner. Vor f\u00fcnf Monaten, da haben wir alle &#8222;Europa wir kommen! Europa wir haben&#8217;s geschafft!&#8220; gesungen. Vor f\u00fcnf Monaten hat es Lokvenc mit seinem Tor f\u00fcr Kaiserslautern gegen Dortmund erst erm\u00f6glicht, dass wir im UEFA-Cup spielen. Und jetzt scheint alles kaputt. Bochum in Liga zwei, Opel weg. Eine Beerdigung ist gegen diese Stimmung eine Comedyshow. Auf der 30-min\u00fctigen Busfahrt zur\u00fcck zum Hauptbahnhof reagieren viele panisch, reden von Burghausen, Aue, zweiter Liga. Wir haben erst sieben Punkte, richtig, aber es sind noch 26 Spieltage! 26!!! Erfolg ist im Fu\u00dfball wohl verg\u00e4nglicher als anderswo.<\/p>\n<p>&#8222;Tief im Westeeeeeen&#8220;, klingt von weither, aus irgendeinem Lautsprecher am Hauptbahnhof, aus irgendeiner Kneipe, in Richtung Andis Trommelfell.<\/p>\n<p>So bitter und traurig klang es lange nicht mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16. 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