{"id":1564,"date":"2011-09-01T12:11:12","date_gmt":"2011-09-01T12:11:12","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1564"},"modified":"2012-02-07T12:36:34","modified_gmt":"2012-02-07T12:36:34","slug":"grunewaldstrase-berlin-steglitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1564","title":{"rendered":"Grunewaldstra\u00dfe, Berlin-Steglitz"},"content":{"rendered":"<p>Am 7. August 2004 begleitete ich den VfL zu einem Ausw\u00e4rtsspiel nach Berlin. Der VfL erreichte am ersten Spieltag der Saison 2004\/2005 ein 2:2. Die Saison mit dem unvergesslichen Edu-Fehler beim 1:1 gegen L\u00fcttich, die Saison, die mit dem Abstieg endete, was niemals h\u00e4tte passieren d\u00fcrfen. Jedenfalls erlebte ich das 2:2 in Berlin an einem wundervollen Sommertag, mit einem Ausflug in meine j\u00fcngere Vergangenheit. Aber lest selbst.<\/p>\n<p><strong>Hier geht es zum Blog-Eintrag:<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste gleich so ein Chinarestaurant kommen. China-Kaiser oder so \u00e4hnlich. Ein ziemlich d\u00e4mlicher Name f\u00fcr ein chinesisches Restaurant, wenn Ihr mich fragt. Und da hinten, gleich hinter der Kreuzung, da ist das Ristorante &#8222;La Fattoria&#8220;. Hat sich nix ge\u00e4ndert hier. Ist blo\u00df 45 Grad w\u00e4rmer. Vor dreieinhalb Jahren stieg ich das letzte Mal im U-Bahnhof &#8222;Rathaus Steglitz&#8220; aus der U9. Schritt ich das letzte Mal \u00fcber den B\u00fcrgersteig der Grunewaldstra\u00dfe. Sah ich das letzte Mal die Hausnummer 27. Zog ich das letzte Mal w\u00e4rmend eine Wollm\u00fctze \u00fcber meine Ohren. Ich habe es nicht vergessen. Ich werde es nicht vergessen. Der Winter rund um den Jahreswechsel 2000\/2001, mit jungen 22 Jahren wollte ich die Welt erobern. Und mehr als das. Im Internet suchte ich nach dem gro\u00dfen Gl\u00fcck; und fand es, bei einer jungen Studentin, geboren in Uelzen, und nun in Berlin. Viermal bin ich hingefahren, einmal als Tagesausflug, dreimal f\u00fcr drei Tage. Viermal so f\u00fchlen, als w\u00fcrde ich nach Hause kommen. Viermal \u00fcberhaupt f\u00fchlen. Umkleidekabinen bei H&amp;M, der Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz, die Mensa der FU, und immer wieder der U-Bahnhof Rathaus Steglitz. Never forget. In diese Zeit fiel mein schlimmstes VfL-Erlebnis, das 0:1 im Pokal gegen Union Berlin, auch das noch. In diese Zeit fiel das Ende. Irgendwie. Sollte irgendjemand mal auf die Idee kommen (wie einst bei Tucholsky) und eine leichte Sommergeschichte \u00e1 la Schloss Gripsholm bei mir in Auftrag geben, ich werde garantiert \u00fcber diesen Winter schreiben. Und es w\u00fcrde eine gute, aber traurige Geschichte.<\/p>\n<p>Ganz bestimmt kein &#8222;Sommernachtstraum&#8220;. Sommer haben wir zwar, aber nachts ist es zurzeit viel zu hei\u00df zum Tr\u00e4umen. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Ein &#8222;Sommernachtstraum&#8220; hie\u00df neulich eine Folge meiner Lieblings-Kinderpuppensendung &#8222;Hallo Spencer&#8220;, die derzeit im Kinderkanal wiederholt wird (&#8218;tschuldigung, sind halt Semesterferien), und Spencer begr\u00fc\u00dft doch immer so sch\u00f6n: &#8222;Hallooo liebe Freunde, von A bis Z, von 1 bis 100, von Norden nach S\u00fcden und von Osten bis Westen &#8211; hier bin ich wieder!&#8220; Und gibt es eine sch\u00f6nere Einleitung f\u00fcr ein neues VfL-Tagebuch, f\u00fcr das vierte auf dieser Homepage? Das letzte Spiel gegen Hannover, diese unvergessliche Begeisterung, das ist erst vor zweieinhalb Monaten gewesen. Unser letztes Spiel in Berlin, dieses wahnsinnig wichtige und fast schon uefacupvorentscheidende 1:1 im M\u00e4rz liegt lediglich f\u00fcnf Monate zur\u00fcck; und doch: es ist alles anders. Fast alles.<\/p>\n<p>Gleich ist nur noch die Uhrzeit, mit der ich morgens M\u00fclheim verlasse. 8.55 Uhr aus dem Haus, 9.05 Uhr mit dem Regionalexpress nach Essen, 9.23 Uhr nach Berlin. Wieder zehn Minuten Versp\u00e4tung. Wie fast immer. Schon seit Tagen plagen mich ganz bestimmte Symptome: zunehmende Schlaflosigkeit, Bauchgrummeln beim Anblick des VfL-Schals, nerv\u00f6ses Rumgezucke beim Erblicken des ARD-Sportschau-Trailers. Und es wird schlimmer von Tag zu Tag. Ein Arzt k\u00f6nnte da nicht helfen. Er h\u00e4tte keinen Rat, kein Rezept, kein Medikament. Es gibt nur eine Diagnose: Der Saisonstart steht vor der T\u00fcr. Zum 42. Mal wird ein deutscher Bundesliga-Meister ermittelt, und wir, wir kleinen Popel vom VfL Bochum wollen der Liga ein weiteres Mal die Nase stopfen. &#8222;It\u00b4s a very very mad world&#8220;. Mit diesen Worten hat mich Michael Andrews per Radio auf die Reise geschickt. Sie begleiten mich wie der feine Duft eines Marzipan-Croissants. Obwohl ich &#8211; ganz nach der Andi-Ausw\u00e4rtsspiel-&#8222;Verfassung&#8220; &#8211; die Zugfahrt mit &#8222;Slave to the wage&#8220; von Placebo beginne. Obwohl ich WAZ und taz lese. Obwohl ich immer mehr Gr\u00fcnde finde, warum alles anders ist. Es ist eine neue Saison, klar. Wir aber sind Uefa-Cup-Teilnehmer. Im letzten Jahr, da fuhr ich mit der Gewissheit nach Berlin, dass wir noch ein paar Punkte bis zur omin\u00f6sen 40 brauchen. Und jetzt? F\u00fcnf Monate sp\u00e4ter haben wir zwar Freier, Fahrenhorst und Hashemian nicht mehr, dar\u00fcber aber viele gute Neuzug\u00e4nge, spielen international, und verdammtnochmal, das muss sich doch im Selbstvertrauen niederschlagen. Und tut&#8217;s auch. &#8222;Wir fahren nirgendwo mehr hin, nur um einen Punkt zu holen&#8220;, br\u00fcllt mir unser Trainer aus der WAZ entgegen. Recht so! Per sms schickt mich Dirk aus M\u00fcnchen &#8222;zum 2:1-Ausw\u00e4rtsdreier&#8220;. Hey, Hertha w\u00e4re fast abgestiegen, wir sind &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; siehe zwei Zeilen vorher. Erkl\u00e4r mir einer die Oddset-Ausw\u00e4rtssieg-Quote 4!? Soll mir recht sein, wenn wir immer noch untersch\u00e4tzt werden. Was anderes, was anderes, was anderes&#8230; genau, ich erlebe Berlin zum ersten Mal im Sommer. Juni, das war bisher das h\u00f6chste der Gef\u00fchle, aber Sommer? Diese Stadt, die auf dieser Homepage bisher so gut behandelt wurde wie keine andere au\u00dferhalb des Ruhrgebiets; macht sie im Sommer einen Unterschied? Und zuletzt, jawohl, es ist mein erster gef\u00fchlter Urlaubstag. Kein Alltag, der mich qu\u00e4lt, keine Uni, die mich mit Vorlesungen nervt. Beim letzten Mal, im M\u00e4rz, da hatte ich meine USA-Reise frisch gebucht. Jetzt steht sie unmittelbar bevor. &#8222;I want to get away, i wanna fly away&#8220;, tr\u00e4llert mir Lenny Kravitz ins Trommelfell, und yes, das ist es. Berlin im August 2004. Ich bin dabei. Ich bin der Andi, sch\u00f6nen guten Tag, ich erobere die Stadt, und nehme drei Punkte f\u00fcr meinen VfL mit. Jawohl! Noch ist die Gegenwart derweil nur der ICE.<\/p>\n<p>Klimatisiert. Neben mir im Zug sitzt ein junges P\u00e4rchen, so um die 18\/19. Die beiden bl\u00e4ttern im Matador, einem Playboy-Verschnitt, und diskutieren lautstark \u00fcber Vorz\u00fcge von bestimmten String-Tangas. Im eher konservativen ICE-Publikum kommt das nat\u00fcrlich besonders gut an. Im Gegensatz dazu ernten die immer mal wieder vorbeitrampelnden VfL-Fans begeisternde Blicke&#8230; Ich bin m\u00fcde. Verschlafe die Strecke zwischen Bielefeld und Hannover. Die Schlaflosigkeit der letzten Tage, jajaja, jetzt muss wieder der ICE herhalten.<\/p>\n<p>Lange habe ich \u00fcberlegt, wie ich mich wohl kleiden soll. Kurze Hose? W\u00e4r ne gute Idee gewesen, nur meine einzig geeignete ist schon total schwei\u00df-versickt. Also lange Hose, aber welches Trikot? Oder nur ein ganz normales T-Shirt? Nun ziert das D\u00e4nemark-EM-Trikot mit &#8222;21&#8220; und &#8222;Madsen&#8220; hintendrauf meinen Oberk\u00f6rper. Das ist pro VfL und doch nicht direkt auff\u00e4llig. 13.20 Uhr. U9 Richtung Rathaus Steglitz. Meine Freunde Tina und Helmut sind grad in Dresden. Dynamo gegen den MSV Duisburg. Spielstand 0:0. Spazieren gehen. Der Berliner Jugend beim nachmitt\u00e4glichen Fu\u00dfballspiel in einem Bolzplatz-K\u00e4fig zuschauen. U9 bis Bundesplatz. S-Bahn Richtung Gesundbrunnen bis Westkreuz. Wieder umsteigen. S-Bahn bis Olympiastadion. Ich spule die Meter automatisch ab, fast ohne Blick auf irgendeinen an den zahlreichen Haltestellen h\u00e4ngenden Pl\u00e4nen. Es ist fast schon meine Stadt (dieser Satz taucht in jedem Berlin-Text auf dieser Homepage auf, tut mir leid&#8230;), dazu noch mein Wetter, und mein Verein spielt.<\/p>\n<p>Und doch lasse ich Steglitz hinter mir. &#8222;Mad World&#8220; von Michael Andrews wieder im Hinterkopf. Verr\u00fcckte Welt. Winter 2000. Minusgrade. Selbe Strecken. Nun: Plus 33 Grad zeigt ein Thermometer an irgendeinem Hochhaus an. Der MSV geht gerade in F\u00fchrung, als ich das Olympiastadion ohne gr\u00f6\u00dfere Komplikationen betrete. Der Umbau ist beendet, vor einer Woche war die gro\u00dfe Neuer\u00f6ffnung, Innenminister Schily pries das Stadion als &#8222;das sch\u00f6nste der Welt&#8220;. Naja, da hat der gute Otto ein wenig hoch gegriffen. Gro\u00df, architektonisch reizvoll; aber eben kein reines Fu\u00dfballstadion, eher f\u00fcr repr\u00e4sentative Zwecke wie eben Pokalendspiel, L\u00e4nderspiele, Olympische Spiele oder Konzerte geeignet. Not more.<\/p>\n<p>Das Bauchgrummeln steigt. Die Spieler kommen. Warmlaufen. Tunnelblick. Jeder Fu\u00dfballer kennt das. Jeder Fu\u00dfballfan kennt das. Der Tunnel. Der Blick geht stur geradeaus. 45.000 Menschen um dich rum, zahlreiche Lautsprecher verk\u00fcnden Werbebotschaften, auf der Anzeigetafel flackern die Aufstellungen, egal. Du schaust durch alle anderen Fans hindurch, f\u00fchlst dich nicht angesprochen, willst nicht angesprochen werden, alle sind dir egal und doch gleichzeitig so wichtig. Du f\u00fchlst dich so alleine wie in einem einsamen Verlie\u00df in Draculas Schloss und doch so geborgen wie in einer gro\u00dfen Gro\u00dfgro\u00dfgro\u00dffamilie. Alltag eines Fu\u00dfballfans. Und vor dem Saisonstart ist das Alltag zum Quadrat. Also alle Emotionen doppelt so schlimm.<\/p>\n<p>Alles anders hatte ich gesagt. An ein paar neue Gesichter muss ich mich wohl noch gew\u00f6hnen. Wobei&#8230; Lokvenc ist der gr\u00f6\u00dfte; also gut zu erkennen. Preu\u00df und Bechmann &#8211; die Blonden, auch leicht. Knavs und Maltritz wird schon schwieriger. Misimovic und Trojan sind auf der Bank. Wow, von 17 Spielern im Kader sind sieben neu. Reife Leistung, Herr Neururer. Die Diskussionen kreisen um das Stromausfall-Spiel zwischen Bremen und Schalke gestern Abend, das 65 Minuten sp\u00e4ter anfing. Ob unsere wohl auch 65 Minuten Anlaufzeit brauchen? Ich nehme nichts mehr wahr. Wer sitzt neben mir? Ich wei\u00df es nicht. Welches Lied l\u00e4uft beim Einmarsch? Okay, &#8222;Nur nach Hause gehn wir nicht&#8220; von Frank Zander, das ist so penetrant nervig, das weckt selbst Tote auf. 15.32 Uhr deutet die Uhr auf der Tafel an. Schiri Merk pustet. Vorhang auf. Willkommen. Geschafft. Zweieinhalb Monate Sommerpause sind vorbei. Geschichte. Endlich abgehakt. Die Leidenszeit hat ein Ende. Mal ehrlich: Die EM war doch nur ein billiger Zeitvertreib im bundesligalosen Juni. Jaaaa. Jaaaa. Jaaaa. Jaaaa. Beide Mannschaften passen das B\u00e4lleken in den eigenen Reihen hin und her. 5. Minute, Freisto\u00df f\u00fcr den VfL aus der Halbposition. &#8222;Wow, da waren wir doch so stark&#8220;, denke ich, denken wir alle. Zdebel l\u00e4uft an und versenkt die Kugel in der Mauer. Und den Nachschuss verst\u00fcmpert er so richtig. Konter. Marcelinho, Steilpass auf Gilberto. Der geht noch zehn Meter und haut das Ding feste rechts unten rein. &#8222;Tooooor&#8220; aus 43.000 Kehlen, der Schall fliegt aus allen Richtungen des Stadions Richtung VfL-Kurve, Richtung Andi, Richtung Trommelfell. Ein Schall, der schmerzt, eine Lautst\u00e4rke, die bei\u00dft wie ein Hund auf Nahrungssuche. &#8222;1:0 Gilberto. Super.&#8220; Mehr bringe ich per sms an meine Freunde nicht raus. Wie vor einem Jahr in Wolfsburg. Die Saison hat noch nicht angefangen, schon haste einen drin. Und das durch einen bl\u00f6den Standardsituationskonter. D\u00e4mlich. D\u00e4mlicher. VfL-Abwehr. Und was folgt, ist katastrophal.<\/p>\n<p>Katastrophaler. Am katastrophalsten. Unsere Taktik funktioniert \u00fcberhaupt nicht. Taktik bedeutet, dass alle zehn Feldspieler dieselbe Ausrichtung erf\u00fcllen. Und das geht bei uns gar nicht gut. Was haben die in der Vorbereitung gemacht? Skat gespielt? Der B\u00f6nig links in der Viererkette ist so nerv\u00f6s, der l\u00e4uft sogar einmal mit dem Ball ins Seitenaus. An Zdebel l\u00e4uft nach dem 0:1 das Spiel v\u00f6llig vorbei. Lasch. Beh\u00e4big. Wenig Laufbereitschaft. Hat der Grippe oder was? Nimm den raus!! Unsere Innenverteidiger Knavs und Kalla sind noch nicht aufeinander abgestimmt. Lokvenc hat \u00fcberhaupt keine Bindung zum Spiel und kriegt keinen Pass. Da stimmt hinten und vorne nix. Nicht mal die taktischen Grunddinge wie das &#8222;Verschieben in Richtung des Balles&#8220; Zum Beispiel Madsen. Der h\u00e4lt den Ball dreimal hoch, und verliert ihn dann wehrlos an Wichniarek. &#8222;Erschreckend&#8220;, funke ich zu Helmut, der mir andersrum mitteilt, dass der MSV noch 1:3 verloren hat. Hihi, dann w\u00e4re eine VfL-Niederlage nicht ganz so schlimm&#8230;<\/p>\n<p>Aber diese VfL-Pleite deutet sich schon nach zehn trostlosen Minuten an. Mit welcher Taktik spielt Neururer eigentlich? 4-4-2? Nee. Vier Mittelfeldspieler auf einer Linie? Quatsch, Wosz ist eindeutig Spielmacher. Also 4-3-1-2? Drei defensive Mittelfeldspieler? Hmm&#8230; daf\u00fcr spielt der Preu\u00df aber rechts ganz sch\u00f6n offensiv. Also wie gewohnt 4-2-1-3? Na, also so offensiv auch nicht. Die Aufgabenverteilung stimmt so wenig, dass Hertha leicht zu einem \u00dcbergewicht im Mittelfeld kommt. Hertha ist nicht stark. Aber wir, wir sind schwach. Wichniarek, Marcelinho und Bobic haben das 2:0 auf dem Fu\u00df, das Marcelinho eine Minute vor der Pause mit seinem zweiten Versuch endlich besorgt. Und wieder: Fehler \u00fcber Fehler. Erst gewinnt Hartmann gegen den drei K\u00f6pfe gr\u00f6\u00dferen Maltritz ein Kopfballduell. Dann marschiert Mazzelinho 20 Meter lang durch die Bochumer Spielh\u00e4lfte; legt sich den Ball f\u00fcnfmal vor, als wolle er sagen: &#8222;Hier, nehmt ihn Euch. Ich will kein Tor schie\u00dfen, heute nicht.&#8220; Doch kein Bochumer st\u00f6rt, und dann scheppert es. Im Winkel. 0:2 zur Pause. Gef\u00fchlt 0:5. In der Kurve sagt keiner was. Selbst ein Werder-Fan, der sich w\u00e4hrend des Spiels geoutet hat, schweigt anstandshalber. Hui, wie schlecht.<\/p>\n<p>Die ganz miesen B\u00f6nig und Zdebel gehen raus, Edu und Bechmann kommen. Wiederanpfiff, und es bleibt schlimm, schlimmer, am schlimmsten. Weiterhin Fehlp\u00e4sse. Missverst\u00e4ndnisse. Taktik wird jetzt klarer. 4-2-1-3. Aber der Bechmann versteckt sich rechts vorn. Nicht, dass er schlechter spielen w\u00fcrde als Freier im letzten Jahr, aber er fordert den Ball nicht. Im Gegensatz zu Preu\u00df, der als einziger der Neuen wenigstens im Ansatz \u00fcberzeugt. 60. Minute, die n\u00e4chste Frechheit von Madsen. Ohne Not verspielt er in der eigenen H\u00e4lfte den Ball. Gilberto allein vor van Duijnhoven, abgewehrt, Nachschuss Marcelinho, Pfosten. Der Matchball f\u00fcr Hertha. Ich trau mich kaum noch, auf den Platz zu sehen. Sch\u00fcttele den Kopf. Schimpfe. Fluche. Sogar auf t\u00fcrkisch, was ich von meinen Galatasaray-Freunden aufgeschnappt habe. Nichts deutet auf einen Sieg. Nichts. Vielmehr droht der letzte Platz am ersten Spieltag. So schwach h\u00e4tte ich uns wirklich nicht erwartet. 0:2. Immer noch. Ich vertreibe mir die Zeit. Gucke in die Luft, drehe D\u00e4umchen, als w\u00fcrde ich &#8222;trallalitrallala&#8220; singen, schaue mich in der Kurve um, sehe das neue Trikot des Ultra-Megafon-Manns, der heute kein Megafon bei sich tr\u00e4gt. Dann 66. Minute, Freisto\u00dfflanke Wosz aus halbrechter Position, Kopfball Kalla, 1:2. Geht&#8217;s? Kaum einer traut sich richtig zu jubeln. Erste Chance, erstes Tor. 65 Minuten Stromausfall bei der VfL-Mannschaft. Bei den Fans. Jetzt wird es laut. Auf einmal. V-F-L, V-F-L, V-F-L. 240 Sekunden sp\u00e4ter. Flanke in den 16er. Friedrich gegen Lokvenc. Harter Zweikampf. Dann pfeift Doktor Merk. Und gibt Elfmeter. Das geht gar nicht. Wir kriegen einen Elfmeter? Seit \u00fcber einem Jahr warten wir darauf. Warum? Keine Ahnung. Foul, Hand, was auch immer. Der Merk wird schon richtig liegen. Madsen, links oben, 2:2. In vier Minuten das Ding auf den Kopf gestellt. Zwei Standardsituationen rei\u00dfen uns raus. Und es ist noch mehr drin.<\/p>\n<p>Hertha liegt jetzt v\u00f6llig am Boden, ist fix und fertig. Aber unsere Jungs belassen es bei einem Unentschieden. Ein Punkt geht mit nach Bochum. Ich schwitze. Hei\u00df. Spannend. Fu\u00dfball. Die erste La-Ola-Welle der neuen Saison. Und Neururer feiert doppelt so sch\u00f6n. Der Jubel der Kurve ist f\u00fcr ihn eine Droge. Er genie\u00dft es, die 1500 Bochumer auf einen Schlag schweigen zu lassen, um dann selbst die Welle anzuzetteln. Mad world. Dortmund hat verloren. Schalke auch. &#8222;Die Nummer eins, die Nummer eins, die Nummer eins im Pott sind wiiir&#8220;. Neue Saison. Aber gewohnte Bilder. Gewohnte Sprechch\u00f6re.<\/p>\n<p>Der Marsch zur\u00fcck zum S-Bahnhof, vorbei an entt\u00e4uscht-berlinernden Berlinern (&#8222;Die Bochumer hatten mehr Saft, wa?&#8220;), gleicht einem Spaziergang durchs Meer. Durch ein Meer an Schwei\u00dftropfen. An meinem ganzen K\u00f6rper suppt es. Es ist noch schlimmer geworden. Das letzte Mal in der Sauna war nichts dagegen. Um 17.40 Uhr betrete ich die S-Bahn. Die aber erst um 17.56 Uhr losf\u00e4hrt. Und dann auch noch ne Viertelstunde braucht. Ich gehe kaputt. Will was trinken. Und nichts ist da. Minute um Minute verrinnt. Meine innere Uhr schmilzt. Es tropft unaufh\u00f6rlich. Wenigstens gibt es die Baustelle zwischen Charlottenburg und Spandau nicht mehr und die S-Bahn f\u00e4hrt durch. 18.10 Uhr, Bahnhof Zoo. &#8222;Mich is der Schwei\u00df ausgegangen&#8220;, w\u00fcrde Herbert Knebel jetzt st\u00f6hnen. Und unsereiner soll jetzt eine Entscheidung treffen. Nehme ich den ICE um 18.55 Uhr oder den um 19.55 Uhr? Was bieten sich f\u00fcr Optionen? Mit der U-Bahn zum Alexanderplatz und dort ein bisschen abh\u00e4ngen? Bis zum Prenzlauer Berg und auf den Stra\u00dfen rumlaufen? Noch einmal zur Grunewaldstra\u00dfe 27, in Erinnerungen w\u00fchlen? Ich entscheide mich f\u00fcr Plan D. Laut mit Helmut \u00fcber die Fu\u00dfballspiele des Nachmittags diskutierend (&#8222;Man haben wir ein Gl\u00fcck gehabt&#8220;) schlurfe ich \u00fcber den Kudamm, genie\u00dfe dabei jede einzelne Pore Berliner Luft. An der Kaiser-Wilhelm-Ged\u00e4chtniskirche spielt eine kleine Band s\u00fcdamerikanische Musik. Der Himmel ist so blau, als h\u00e4tte er sich f\u00fcr Postkarten selbst angemalt. Herr McDonald verkauft mir einen Big Mac und eine gro\u00dfe Cola. Dann ab zum Bahnhof Zoo. Meine Kraft reicht nicht mehr, alles weitere w\u00e4re nur Betrug an meinem K\u00f6rper. Der Berliner Sommer hat mich geschafft. Kapitulation um 18.55 Uhr.<\/p>\n<p>Schnell finde ich einen Sitzplatz und staune \u00fcber die Ruhe im Wagen, bis&#8230; ach du liebe Zeit&#8230; bis in Berlin-Spandau eine 20-k\u00f6pfige (dem L\u00e4rm nach zu urteilen 100-k\u00f6pfige) Judogruppe der SU Witten-Annen zusteigt, die eine Freizeit in Brandenburg hinter sich hat. Dreieinhalb Stunden lang nerven dieselben Wortspiele wie in meiner Kindheit (&#8222;Fischers Fritze&#8230;&#8220;, &#8222;Der Whiskymixer mixt&#8230;&#8220; &#8211; dass es die noch gibt&#8230;), auf Toilette gehende Kinder und leicht \u00fcberreizte Gruppenleiter (nach einer Woche mit dieser Gruppe nur allzu verst\u00e4ndlich). Ich nehme mir wieder zwischen Hannover und Bielefeld meine schlafende Auszeit und beschlie\u00dfe, nicht mehr zum Jahrgangsstufentreffen heute Abend zu gehen. Um zw\u00f6lf, wenn ich da sein k\u00f6nnte, sind sowieso schon alle betrunken.<\/p>\n<p>Lasst mich lieber schwelgen, tr\u00e4umen, brainstormen, romantische Feststellungen notieren, ein n\u00fcchternes Fazit ziehen&#8230; Berlin im August, Berlin im Sommer. Saisonauftakt. Hallo 42. Bundesligasaison. Ich mag es noch genauso wie am ersten Tag. Die Meter im Bahnhof Rathaus Steglitz. Herzbeben. Der Gang ins Olympiastadion. Herzrasen. Die ersten beiden Gegentore. Herzexplosion, vor Wut. Dann Kalla. Dann Madsen. Hormon\u00fcberschuss. Dazu die Hitze. Schwei\u00dfperlen. Ein hei\u00dfer Ausflug. Ein gl\u00fccklich erschwitzter Punkt. Berlin, I love you.<\/p>\n<p>Was ist wohl in der Grunewaldstra\u00dfe 27 zwischen 15.30 Uhr und 17.15 Uhr passiert?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht. Ist auch egal. Ich wei\u00df nur, dass ich wohl nie wieder zur\u00fcckkehren werde. Weil ich es nicht mehr muss.<\/p>\n<p>Aber dass ich heute da war, hat mir dennoch unendlich gut getan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. August 2004 begleitete ich den VfL zu einem Ausw\u00e4rtsspiel nach Berlin. Der VfL erreichte am ersten Spieltag der Saison 2004\/2005 ein 2:2. Die Saison mit dem unvergesslichen Edu-Fehler beim 1:1 gegen L\u00fcttich, die Saison, die mit dem Abstieg &hellip; <a href=\"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1564\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1,126,3,5,7],"tags":[14,192,194],"class_list":["post-1564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-blog-damals","category-fusball","category-vfl-bochum","category-geschichten","tag-berlin","tag-fusball","tag-vfl-bochum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1564"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1565,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1564\/revisions\/1565"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}