{"id":1415,"date":"2011-09-11T23:26:03","date_gmt":"2011-09-11T23:26:03","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1415"},"modified":"2012-01-17T23:37:47","modified_gmt":"2012-01-17T23:37:47","slug":"its-derby-time","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1415","title":{"rendered":"It&#8217;s derby-time"},"content":{"rendered":"<p>Am 10. September 2002 bloggte ich \u00fcber das Revierderby zwischen Tabellenf\u00fchrer VfL Bochum und Titelverteidiger Borussia Dortmund. Nach 90 Minuten stand&#8217;s wie nach einer Sekunde, 0:0, der VfL musste fortan die Spitzenposition mit dem FC Bayern teilen. Zehn Punkte nach vier Spielen in der 1. Bundesliga hatte der VfL vorher nicht und nachher nie wieder. Und unsere Gegner waren u. a. der Meister und der Vize-Meister&#8230;<\/p>\n<p><strong>Ich nannte den Text &#8222;It&#8217;s derby-time! Eine w\u00fcrzige So\u00dfe mit einer Prise Philosophie&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Pssst&#8230; &#8222;Ran&#8220; l\u00e4uft grad bei SAT.1! Bayern gegen 1860, das M\u00fcnchner Derby. &#8222;Teufelskerl Jentzsch&#8220; br\u00fcllt Thomas Herrmann ins Mikrofon, und &#8222;formidable Bayern&#8220;. Oh, ich muss mal kurz zum Telefon, es klingelt. Mein Kumpel Helmut ist dran, morgen fahren wir unsere 30-km-Radtour, alles klar.<\/p>\n<p>&#8211; War Bochum schon bei &#8222;Ran&#8220;<\/p>\n<p>&#8211; War schon!<\/p>\n<p>&#8211; Und?<\/p>\n<p>&#8211; Dortmund besser, hamse gesagt.<\/p>\n<p>&#8211; Aha.<\/p>\n<p>Pssst&#8230;. nicht st\u00f6ren! Muss mich jetzt auf den Text konzentrieren.<\/p>\n<p>Wisst Ihr, jeder Journalist schreibt lieber \u00fcber ein 3:3 als \u00fcber ein 0:0. Manche 0:0-Spiele sind so langweilig, dass Du nicht die geringste Ahnung hast, wie Du dar\u00fcber 80 bis 100 Zeilen verfassen sollst.<\/p>\n<p>Bochum gegen Dortmund &#8211; jawoll, das ist auch 0:0 ausgegangen. Aber ich habe hier den gro\u00dfen Vorteil, keine vorgegebene Zeilenzahl ausf\u00fcllen zu m\u00fcssen. Und zweitens: Es war ein gutes 0:0, ein sch\u00f6nes, schnelles, spannendes.<\/p>\n<p>Doch Schluss mit dem Journalisten-Gefasel!<\/p>\n<p>Und doch, einen goldenen Vergleich muss ich doch noch entwerfen: Fu\u00dfball-Fan zu sein ist genauso schwierig wie Torwart zu sein. Glaubt man Olli Kahn, dann ist er &#8211; selbst wenn er keinen Ball aufs Tor bekommen hat &#8211; immer total kaputt. Das habe mit der Konzentration zu tun, pflegt er in die Mikros zu zwitschern. Aha. Und bei mir? Ich bin &#8211; selbst wenn kein Tor gefallen ist &#8211; nach jedem Spiel total kaputt. Der Nervenkitzel.<\/p>\n<p>Nun ist aber wirklich gut mit Philosophien und ich gew\u00e4hre Euch Einlass in das gro\u00dfe Geb\u00e4ude meines Seelenlebens am 10. September zwischen 18 und 23 Uhr. Oh man, das war ganz sch\u00f6n stressig, kann ich Euch sagen. Erst um 17.15 Uhr noch so ein Interview f\u00fcr die Stadionzeitung des VfB Speldorf mit Fu\u00dfballtrainer Frank Kurth f\u00fchren (in welchem ich meine Technik perfektionierte; ich schaffte es, meine Fragen und die Antworten genau zu protokollieren, ohne zu wissen, wor\u00fcber wir sprechen &#8211; die Gedanken waren halt ganz woanders&#8230;) &#8230; n\u00e4mlich beim VfL. Mit dem Rad von Speldorf nach Hause (f\u00fcr die Nicht-M\u00fclheimer: 5 km), Dariusz-Wosz-Trikot an, Pullover dr\u00fcber (huuuuuu, kalt und regnerisch ist&#8217;s!), ab zum Bahnhof. Treffpunkt 18.05 Uhr.<\/p>\n<p>Und da wartet er schon, der gute alte Postmann, der alte Schul- und Ruderkollege; der Mann, mit dem ich mich unterhalte, obwohl er Stoiber w\u00e4hlt (PFUI!!!); der Mann, mit dem jede Unterhaltung gleich beginnt (der eine: &#8222;Und sonst?&#8220;, der andere: &#8222;Muss!&#8220;). Das nervt uns selbst, aber egal. Neuerdings haben wir ein neues Spielchen erfunden: Im T-Club regelm\u00e4\u00dfig donnerstags in der Turbinenhalle Oberhausen schauen wir uns gegenseitig beim Versagen zu. Er und ich &#8211; zwei Singles auf der Suche nach&#8230; tja, nach was wohl&#8230; k\u00f6nnt Ihr Euch denken! Weil wir eh nix gebacken kriegen, lachen wir \u00fcber uns selbst. Das kann auch ganz komisch sein.<\/p>\n<p>Und mit der Pappnase muss ich also die Zeit beim Spiel verbringen. Drei weitere Karten schlummern in meinem Portmonee, aber Meini, BockBock und eine Freundin von BockBock (also wer das ist, erkl\u00e4r ich Euch an dieser Stelle nicht! Sehr kompliziert!) kommen sp\u00e4ter, denen muss ich wohl die Karten durchs Gitter reinreichen. So eine Spielvorbereitung &#8211; lasst Euch das eine Lehre sein, liebe Noch-Nicht-im-Stadion-Gewesenen &#8211; ist ab und zu richtig anstrengend. Der Regionalexpress ist voll, du musst aufpassen, nicht zwischen die Fanfronten zu geraten, am Bochumer Bahnhof ist &#8222;lieb gucken&#8220; angesagt (viel Polizei); zwischendurch Fahrkarte vorzeigen, mit Postmann Schei\u00dfe reden, dann klingelt das Telefon, SMS kommen an. Hui, was sollste da blo\u00df zuerst machen?<\/p>\n<p>Gut, dass es ins Stadion geht; Stadionkumpel Gerd ist schon da, und die Kurve schei\u00dfe-voll, und das um 18.45 Uhr. Man merkt, der VfL ist wieder wer und das Stadion eine halbe Stunde sp\u00e4ter pickepackevoll. Warum jetzt &#8222;Party Palmen Weiber und n Bier&#8220; l\u00e4uft, verstehe ich zwar nicht (da kommen die Erinnerungen an die Koma-Saufereien auf Malle im Oktober 2000 wieder), aber egal. Die ganze VfL-Songpalette l\u00e4uft; das &#8222;Bochumer Jungenlied&#8220;, &#8222;Wir sind die Fans vom VfL&#8220;, &#8222;VfL &#8211; mein Herz schl\u00e4gt nur f\u00fcr Dich!&#8220; und nat\u00fcrlich &#8222;Bochum&#8220;; J\u00f6rg Wontorra hat es bei &#8222;Ran&#8220; einst als Kultlied gepriesen. &#8222;Machst mit nem Doppelpass JEEEEEDEN Gegner nass, Du und Dein V-F-L!!!&#8220; Zum Gl\u00fcck klappt die Karten\u00fcbergabe reibungslos, kein Ordner hat was dagegen. Mit dem sp\u00e4ter angekommenen Trio zusammenstehen, das ist aber unm\u00f6glich. Bin schon froh, neben Postmann (dessen Nachname &#8222;Post&#8220; ist, das zur Erkl\u00e4rung) wieder anzukommen.<\/p>\n<p>Jetzt soll&#8217;s also losgehen. Nicht mehr Schweinfurt, Reutlingen und Aachen; nicht mehr N\u00fcrnberg und Cottbus &#8211; es ist wirklich Borussia Dortmund. Mit Frings, Kehl, Metzelder, Ewerthon. Auch Jan Koller. Derby-Stimmung. Wir gegen die. Wir Kleinen gegen die Gro\u00dfen. Wir sympathischen Spa\u00df-Fu\u00dfballer gegen die Arroganten, die sich sowieso f\u00fcr was Besseres halten. Getreu dem Motto: &#8222;Mit Dir rede ich erst ernsthaft \u00fcber Fu\u00dfball, wenn Du auch drei Meisterschaften und einen Champions-League-Titel auf Deinem Briefkopf stehen hast!&#8220; Ach wie verabscheue ich diese Mode-Fans. Wir gegen die. Arm gegen Reich. Tabellenf\u00fchrer gegen Deutscher Meister.<\/p>\n<p>Und dann auch noch der Post hinter Dir (&#8222;Und sonst?&#8220;, &#8222;Muss!&#8220;, &#8222;Du Versager!&#8220;, &#8222;Was macht Deine Freundin?&#8220; &#8222;Und Deine?&#8220; &#8222;Lass am Donnerstag im T-Club ein Glas Milch trinken!&#8220; &#8222;Genau!&#8220; &#8211; das sind Unterhaltungen, oder?). Nervosit\u00e4tsbek\u00e4mpfung. Pfiff des Schiedsrichters. Die So\u00dfe des Spiels wird w\u00fcrzig. Viel Pfeffer ist drin. Hat aber auch einen s\u00fc\u00dfen Touch. Will hei\u00dfen: 90 Minuten lang geben die Spieler Gas, schenken sich nichts, graben bei beschissenem Wetter den Rasen um. Wir halten mit, wir halten wirklich mit. Gut, die Chance von Frings (Pfosten-Kopfball), die Chance von Ewerthon. Aber wir&#8230; Christiansen&#8230; och man Thomas. Sechs Mal haste schon getroffen, und heute? 32. Minute, ich hab&#8217;s genau vor mir, versenk die Kugel doch, Du stehst so frei, so blank, so frei. Aber Lehmann h\u00e4lt; die Nachsch\u00fcsse: geschenkt. Halbzeit 0:0, verdient. Wenig Ecken, wenig echte Torchancen, keine Tore, aber pr\u00e4chtige Fu\u00dfball-Unterhaltung.<br \/>\nSo bleibts auch in der zweiten Halbzeit. Kein Zuschauer geht fr\u00fcher,<\/p>\n<p>Post und ich reden gar nicht &#8211; das sind Zeichen f\u00fcr ein spannendes Spiel. Und das ist\u00b4s auch. In allen Videotexten Deutschlands und allen Zeitungen der Welt wird stehen: Ein 0:0 der besseren Sorte, aber beiden Mannschaften fehlte in einem Derby voller Leidenschaft die letzte Konsequenz. Spielnote 3,5 oder 4 oder sowas. Ich zittere mal wieder bis zum Abpfiff. Kalla, Fahrenhorst, stehen alle sicher. Wosz, f\u00fcr mich \u00fcberragend. Freier hat den Dede ab und zu mal ganz sch\u00f6n alt aussehen lassen. Den Koller haste gar nicht gesehen. Also ein paar Personalien kann ich sogar beurteilen. Aber ansonsten bin ich nicht als Journalist da, achte nicht auf Einzelheiten, muss keine Einzelkritik verfassen.<\/p>\n<p>Deshalb lasse ich es ab hier mit dem Spielbericht. 0:0. &#8222;Post, das war ein gelungener Abend!&#8220; Keine Antwort ist auch ne Antwort. &#8222;Lass Currywurst essen gehen!&#8220; Jetzt nickt Post. Das Trio um Meini ist l\u00e4ngst im Auto verschwunden, nach einer kurzen Verabschiedung (&#8222;Hoffe es hat Euch Spa\u00df gemacht!&#8220; &#8222;Ja, hat es!&#8220;) und ab in die Bahn. In der Pommesbude steht die offensichtlich minderj\u00e4hrige Tochter meines t\u00fcrkisch-griechischen Imbissbudenfreundes hinter der Theke &#8211; und der Post findet die auch noch h\u00fcbsch. Gut, ganz schnuckelig, aber naja&#8230; (&#8222;Versager!&#8220;) Der Tag geht allm\u00e4hlich zu Ende. Kaum zu glauben, wir sind immer noch Tabellenf\u00fchrer. Punkt- und torgleich mit Bayern nach vier Spielen. Da h\u00e4tte selbst ich mit meiner gro\u00dfen Schnauze nicht drauf gewettet.<\/p>\n<p>Pssst&#8230;<\/p>\n<p>Das Video ist zur\u00fcckgespult. Ich schau mir das Spiel nochmal an!<\/p>\n<p>Tsch\u00fcssi!<\/p>\n<p>Bis zum n\u00e4chsten Mal!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 10. 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