{"id":1412,"date":"2011-09-01T22:48:12","date_gmt":"2011-09-01T22:48:12","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1412"},"modified":"2012-01-17T23:11:16","modified_gmt":"2012-01-17T23:11:16","slug":"begrabt-mein-hirn-im-innern-eines-blau-weisen-fusballs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1412","title":{"rendered":"Begrabt mein Hirn im Innern eines blau-wei\u00dfen Fu\u00dfballs"},"content":{"rendered":"<p>Ich kann mich so, so gut an dieses Wahnsinnsspiel erinnern. Das kicker-Spielschema h\u00e4ngt noch immer eingerahmt an meiner Wand, viermal 1,5 f\u00fcr Bochumer Spieler. Was f\u00fcr Voraussetzungen: Bei Bayer 04 &#8211; dem Champions-League-Finalisten und Vizemeister &#8211; z\u00e4hlten gleich f\u00fcnf Spieler zur Startelf, die sechs Wochen vorher noch im WM-Finale 2002 (!) zum Einsatz kamen (Lucio, Juan, Bernd Schneider, Oliver Neuville, Carsten Ramelow), vor knapp 1,5 Milliarden Menschen am TV-Ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Und dann kommen wir, als Aufsteiger, als \u00dcberraschungs-Tabellenf\u00fchrer, f\u00fchren nach knapp einer Stunde auf einmal 4:1 und Christiansen l\u00e4uft allein aufs Tor zu. Unfassbare Augenblicke. Bryan Adams reloaded. Der Spiegel verfasste eine Woche nach diesem denkw\u00fcrdigen Fest sogar ein zweiseitiges Neururer-Portr\u00e4t. \u00dcberschrift: &#8222;Tribun der Fankurve&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Ich nannte meinen Text &#8222;Those were the days my friends &#8211; I hope they never end &#8230; &#8211; Begrabt mein Hirn im Innern eines blau-wei\u00dfen Fu\u00dfballs&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Gelegentlich, das will ich gerne zugeben, neige ich dazu, die Welt hochphilosophisch zu betrachten und einige Geschehnisse zu sehr zu verallgemeinern. Wom\u00f6glich ist heute so ein Tag, an dem das wieder der Fall ist. Wenn ich das, was am 17.8.2002 und am 24.8.2002 abgelaufen ist, mit einer Liedzeile zusammenfassen m\u00fcsste, dann w\u00fcrde ich eine aus Bryan Adams &#8222;Summer of 69&#8220; w\u00e4hlen, die da lautet: &#8222;Those were the best days of my life!&#8220; &#8222;Jetzt \u00fcbertreib mal nicht&#8220;, sprecht Ihr gerade vor Euch hin, obwohl h\u00f6chstens der Bildschirm zuh\u00f6rt; aber ich frag Euch: Kann es mal abgesehen von Reisen was Sch\u00f6neres geben? Ich muss echt scharf nachdenken, wie oft ich mich in meinem Leben so gut gef\u00fchlt habe wie w\u00e4hrend dieser 180 Minuten am 17.8. und 24.8. &#8211; und nach den Spielen, beim Blick auf die Tabelle, bei den Gespr\u00e4chen mit den Freunden, bei den Erinnerungen an die Tore. Wie oft habe ich alles um mich herum vergessen und einfach nur das Leben genossen? In solchen Momenten denkst Du nicht daran, dass die Bundesliga eine Schweineliga ist, ein Spielball inmitten geldgieriger Arschgeigen. DEIN Verein, der im Konzert der Geigen noch am saubersten arbeitet (sofern das geht&#8230;) zeigt allen den nackten Hintern (variable Ausdrucksweise, gell?) und schei\u00dft sie zu. DER VFL IST TABELLENF\u00dcHRER! Zieht Euch das mal rein. Und ich laufe durch die Welt, als h\u00e4tte ich gerade 5 Millionen im Lotto gewonnen. Ach was, selbst dann w\u00fcrde ich mich nicht so freuen. Was ist schon Geld gegen Gef\u00fchle? Wie gesagt, philosophieren k\u00f6nnen andere viel besser als ich. Aber ab und an versuch ich&#8217;s &#8211; und zu Fu\u00dfball-Philosophie reicht&#8217;s allemal!<\/p>\n<p>Wisst Ihr \u00fcbrigens, wer noch viel besser philosophieren kann als ich? Mein Bruder Thommy! Der hat das schlie\u00dflich auch mal studiert und entschloss sich, mich nach Leverkusen zu begleiten. Oh ja, Leverkusen &#8211; liebe Leute, die Ihr noch nie in dieser rheinischen Metropole wart: Schenkt Euch den Besuch! Diese Stadt ist so unversch\u00e4mt-unglaublich \u00fcberfl\u00fcssig, das gibt&#8217;s gar nicht. Macht einen Bogen drum, wenn Ihr nicht grad zum Fu\u00dfball wollt. Wir wollten zum Fu\u00dfball; und deshalb ist das Ticket mit dem Zielort &#8222;Leverkusen&#8220; im Gehirn mit dem Stempel &#8222;genehmigt und nicht moralisch verwerflich&#8220; versehen worden. Obwohl: Hart an der Grenze ist\u00b4s schon, nach Leverkusen zu fahren. Vor zwei Jahren, als der VfL 0:1 verlor, da sind Thommy und ich zum Spa\u00df durch die City gelaufen. Au\u00dfer den (von Tauben) voll geschissenen &#8222;Tauben verboten&#8220;-Schildern ist uns nicht viel in Erinnerung geblieben. Nur massenhaft Gel\u00e4chter \u00fcber lauter Traktorfahrer-Gesichter. Das zur Vergangenheit.<\/p>\n<p>Nun ist es Samstag, 24.8., in meinem schon oft erw\u00e4hnten Portmonee lagern drei Oddset-Tippscheine, mir gegen\u00fcber im Zug sitzt Thommy, der den &#8222;Proletenfaktor&#8220; erh\u00f6ht, und eine 0,5-er-Dose K\u00f6pi aus der Hosentasche zieht. Die H\u00e4lfte spr\u00fcht nach dem \u00d6ffnen durch den Zugwaggon &#8211; gehobener Zischwert. Auf dem M\u00fclheimer Bahnsteig, da hat Thommy einen ganz bemerkenswerten Satz gesagt, fl\u00fcstere ich mir selbst zu. &#8222;Andi, stell Dir vor, wir f\u00fchren in der 70. Minute, dann k\u00f6nnen wir singen: BAYER, BAYER, ZWEITE LIGA!!! Das w\u00e4rs doch!&#8220; Wir beide lachten neckisch \u00fcber diesen v\u00f6llig unrealistischen Scherz und blickten in den Himmel. Huuuuhhh, es regnet, ganz sch\u00f6n unangenehm f\u00fcr einen August-Tag.<\/p>\n<p>Es wird sp\u00e4ter, knapp 13.30 Uhr, noch zwei Stunden bis zum Anpfiff. &#8222;Hunger hab ich&#8220;, schreie ich, aber da wir Beamtens\u00f6hne sind und alles perfekt geplant haben, ist der Weg zur Pommesbude schon durchorganisiert. Es hat aufgeh\u00f6rt zu schiffen und somit brauchen wir nicht auf den Bus zur\u00fcckgreifen. Im Stadtwald (oder was auch immer wir durchqueren auf dem Weg zum Bahnhof &#8222;Leverkusen-Mitte&#8220; &#8211; die haben nur den einen Bahnhof&#8230; *hihi*, und ich sach noch: Leverkusen ist Weltstadt!) halt ich Eitelbeutel an, fingere in einer meiner Hosentasche nach einem Kamm und gehe mir durch die Haare. &#8222;Hab grad zu Hause erst geduscht&#8220;, lautet meine unsinnige Begr\u00fcndung. Nervosit\u00e4tsbew\u00e4ltigung?<\/p>\n<p>Ja, da hinten ist sie doch, die Pommesbude. Aber halt, davor hat noch ne neue aufgemacht. &#8222;Lass hier bleiben&#8220;, entscheidet Thommy, der sich wieder in sein DDR-Trikot geschwungen hat (das zieht der gar nicht mehr aus. Da hab ich ihm ein Spitzengeschenk zum Geburtstag gemacht!). &#8222;Einma J\u00e4gerwurst Pommes, einma Currywurst Pommes Majo eine Cola&#8220; ordern wir ruhrgebiets-flott an der Theke, und manmanman, w\u00e4r ich doch im Ruhrgebiet geblieben. Solche dicken Pommes hab ich ja noch nie gesehen. Wat rein muss muss rein, aber nach zehn Pommes folgt die Aufgabe (aber da ist ja auch schon der halbe Teller verdr\u00fcckt&#8230;). &#8222;Ich glaub&#8220;, mampft Thommy mit vollem Mund, &#8222;der Calmund hat den Test hier pers\u00f6nlich gemacht und gesacht: Die m\u00fcssen so dick sein wie ich!&#8220; Knaller!<\/p>\n<p>Naja, satt geht anders, aber es folgt Teil 2 (nach F\u00fcrth im April 2002) der Fortsetzungs-Story &#8222;Andi und die Gorillas am Eingang&#8220;. Da kommen 22.000 Zuschauer zum Spiel, 3000 aus Bochum, und um 14.10 Uhr stehen maximal 300 vor dem Eingang. Trotzdem gilt es, ein Labyrinth an Eisenstangen zu durchqueren, wie es im Phantasialand nicht vor der Achterbahn zu durchqueren ist. &#8222;Ist das bescheuert&#8220;, raunzt Thommy die Gorillas an. Recht hat er! Dann der Kartenabrei\u00dfer, dahinter zwei Bullen und noch ein Security-Idiot.<\/p>\n<p>&#8222;TASCHENKONTROLLE&#8220;, motzt er rum. Also in F\u00fcrth musste ich schon viel ausleeren. Aber diesmal nahezu ALLES. H\u00e4tte nur noch gefehlt, dass ich mein Kleingeldfach im Portmonee h\u00e4tte aufmachen m\u00fcssen. In einer meiner Taschen (was hab ich auch so viele?) steckt der &#8211; oben erw\u00e4hnte &#8211; Kamm. Ich muss ihn ganz rausziehen. &#8222;K\u00f6nnte ja ne Spitze dran sein. Haben wir alles schon erlebt!&#8220;, sagt der Typ. H\u00e4? Sie lassen mir zum Gl\u00fcck meine Digitalkamera (k\u00f6nnte doch ne Bombe drin sein, oder?). Das lange Warten beginnt. Die Stimmung im VfL-Block wird besser, doch die Plastik-Fans betreten alle in den 15 Minuten vor dem Anpfiff das Stadion. Das ist echt Wahnsinn.<\/p>\n<p>Thommy wittert eine Art Verschw\u00f6rungstheorie, dass der Fu\u00dfball von den Bekloppten und Arbeitern weg in den &#8222;Mittelstand&#8220; gehoben werden soll. Daher gebe es a) \u00fcberwiegend noch Sitzpl\u00e4tze (sind teurer und die Fans brauchen erst kurz vor dem Anpfiff zu kommen), b) tierisch laute Musik (damit vor dem Anpfiff die Sprechch\u00f6re nicht zu h\u00f6ren sind und sich Papi und Mami unterhalten k\u00f6nnen) und c) Security ohne Ende. Aber lasst mich mit Politik in Ruhe, obwohl: Denkt mal dr\u00fcber nach! Liegt Thommy falsch?<\/p>\n<p>Oh schei\u00dfe, jetzt kommt auch noch Dieter Nickles. &#8222;Solang der bei Premiere ist&#8220;, selbstbewusste ich zu Thommy, &#8222;kann ich das auch schaffen!&#8220; Nickles schnappt sich Peter Neururer. Dass wir VfL-Fans clever sind, beweisen wir einmal mehr. Den Sprechchor &#8222;Peter Neururer &#8211; schalalalala&#8220; stimmen wir erst an, als das Interview l\u00e4uft und das rote Kameralicht brennt. Das System mit der besseren Au\u00dfenwirkung ist am VfL nicht vorbei gegangen.<\/p>\n<p>Einmarsch, es geht ab. Unsere &#8222;Ziele&#8220; f\u00fcr die kommenden 90 Minuten sind f\u00fcr Thommy und mich klar abgesteckt. Wir wollen einfach nur ein sch\u00f6nes Fu\u00dfballspiel mit toller Stimmung erleben. Punkt zwei ist schon jetzt erf\u00fcllt. Von Bayer kommt (\u00f6fter mal was Neues) gar nichts, bei uns ist Party PUR. Dann Simak. 10. Minute. 1:0. &#8222;Das war\u00b4s wohl&#8220;, &#8222;Jetzt geht&#8217;s rund&#8220;. Zwei Reihen vor mir stehen drei Typen mit der Tabelle auf dem T-Shirt. Der VfL ganz oben. Ach h\u00e4tte ich mir doch auch dieses Ding gekauft. Hab ich aber nicht. Wo soll das enden? 0:4? 0:5? Ich will meinen Kopf in den H\u00e4nden vergraben und meine Trauerreden f\u00fcr die Telefonate mit meinen triumphierenden Freunden formulieren, dann &#8211; HALT &#8211; &#8230;. h\u00fcpfspringbeb, 1:1! &#8222;Der Wikinger! Der Wikinger! Der Wikinger!&#8220; schreie ich laut, und auch alle anderen: &#8222;WIKINGER-WIKINGER-WIKINGER!&#8220; Thoddi Gudjonsson hats gemacht. Siehe Cottbus: Thommy und ich zeigen uns den ber\u00fchmten Vogel &#8211; 1:1 in Leverkusen. Ja jetzt machts den Jungs richtig Spa\u00df. Die lassen den Ball super laufen, es entwickelt sich ein tolles Spiel, schlie\u00dflich k\u00f6nnen auch Schneider, Bast\u00fcrk und Simak was mit der Kugel anfangen. Aber wir sind besser. &#8222;Thommy wir spielen mit&#8220;. Nach 25 Minuten: &#8222;Andi, die werden das am Ende 1:2 oder 1:3 verlieren, aber allein f\u00fcr die ersten 25 Minuten haben die Riesen-Beifall verdient!&#8220; Thommy, der Super-Pessimist. Denn: Christiansen-Kopfballvorlage, Wosz frei, 2:1 !!!! Verschnaufpause geht nicht. Gudjonsson-Freisto\u00df, Fahrenhorst-Kopfball, 3:1!!! Das gibt es nicht. Ich warte auf den Moment, in dem ich schwei\u00dfgebadet aufwache und feststelle, dass ich alles nur tr\u00e4ume. W\u00fcrde Thommy nicht neben mir stehen: Ich w\u00fcsste nicht, was ich sagen soll. Naja, mehr als die Buchstaben &#8222;J&#8220; und &#8222;A&#8220; laut hintereinander kriege ich eh nicht raus. Halbzeit. Pausenpfiff. 3000 ungl\u00e4ubige Bochumer Gesichter.<\/p>\n<p>Zweite Halbzeit. &#8222;Pass auf, die machen schnell das 2:3 und dann geht&#8217;s los&#8220;, meint Thommy. Ja Fl\u00f6te piepen (hab ich auch lang nicht mehr gesagt&#8230;)! Es ist eine Lehrstunde, eine Demontage, eine Vorf\u00fchrung. Buckley und Christiansen dem\u00fctigen die ganze Bayer-Abwehr, 4:1, 60. Minute. 60 Sekunden sp\u00e4ter ist Christiansen wieder frei. Das muss 5:1, sogar 6:1 stehen. Ja, Toppi, da guckste. Vier Jahre bei uns auf der Bank &#8211; und jetzt die schlimmsten Sekunden. Voller H\u00e4me prasseln die lauten &#8222;Toppi&#8220;-Rufe aus dem VfL-Block gen Bayer-Bank. Dann noch &#8222;Absteiger&#8220;-Gebr\u00fclle, und &#8211; in der 73. Minute das, was auf dem Bahnsteig um halb eins noch so v\u00f6llig unrealistisch erschien: &#8222;Wir singen BAYER BAYER ZWEITE LIGA!!!!!!!&#8220; Da m\u00fcssen Thommy und ich uns fast umarmen, und diesmal bin ich wirklich den Tr\u00e4nen ganz ganz nah. 2:4 durch Franca, aber das interessiert keinen mehr. &#8222;Walk on, walk on, with hope in your heart, and you\u00b4ll never walk alone!&#8220; Abpiff, es ist wahr. Mein dritter Ausw\u00e4rtssieg, den ich je vom VfL in der Bundesliga gesehen habe. Der h\u00f6chste Ausw\u00e4rtssieg, den ich je gesehen habe. Zum ersten Mal vier Ausw\u00e4rtstore, die ich live gesehen habe. Ein Spiel der Rekorde. Der Rekorde f\u00fcr die Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>The summer of twothousandandtwo &#8211; those were the best days of my life&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kann mich so, so gut an dieses Wahnsinnsspiel erinnern. Das kicker-Spielschema h\u00e4ngt noch immer eingerahmt an meiner Wand, viermal 1,5 f\u00fcr Bochumer Spieler. 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