{"id":1363,"date":"2011-09-01T11:57:22","date_gmt":"2011-09-01T11:57:22","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1363"},"modified":"2012-01-10T12:34:26","modified_gmt":"2012-01-10T12:34:26","slug":"windstille-in-warnemunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1363","title":{"rendered":"Windstille in Warnem\u00fcnde"},"content":{"rendered":"<p>Eine meiner verr\u00fccktesten Ausw\u00e4rtstouren mit dem VfL f\u00fchrte mich am 22. Februar 2003 in einer Sauk\u00e4lte (Sau!) nach Mecklenburg-Vorpommern zum Bundesliga(!)spiel (damals) zwischen Hansa Rostock und dem VfL Bochum (1:1). Ich verband diese Tour mit einer winterlichen Sightseeing-Tour zum Ostseestrand von Warnem\u00fcnde und einem Treffen mit einer mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Internetbekanntschaft (das war &#8222;in&#8220;, damals, 2003) namens Judith, einer Kunststudentin, die ich in den Semesterferien in M\u00e4rz danach noch zweimal besuchte. Immer wenn ich das Placebo-Album &#8222;Black Market Music&#8220; h\u00f6re (mit &#8222;Slave to the wage&#8220;, &#8222;Black-eyed&#8220; und &#8222;Special K&#8220;), muss ich an diese drei Touren denken.<\/p>\n<p><strong>Die \u00dcberschrift des Textes lautet &#8222;Windstille in Warnem\u00fcnde &#8211; sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe aus dem Land der Muschelschubser&#8220;:<\/strong><\/p>\n<p>Wem immer ich in den Tagen vor diesem 22. Februar 2003 von meiner Tagesbesch\u00e4ftigung erz\u00e4hlte, der zog kopfsch\u00fcttelnd und denscheibenwischerzeigend davon. Alle, wirklich ALLE, die noch einen letzten Funken Vernunft in mir vermuteten, sprachen mir diesen sp\u00e4testens ab, als in ihren Lauscherchen die S\u00e4tze &#8222;Ich begleite den VfL nach Rostock&#8220; angekommen waren.<\/p>\n<p>Rostock also. Stadt im Land der Muschelschubser.<\/p>\n<p>Ich gebe zu, ein wenig zweifelte ich selbst an diesem Unternehmen, denn wirklich viele Gr\u00fcnde, warum ich diesen Tagesausflug nicht nur an-k\u00fcndigen, sondern tats\u00e4chlich auch an-treten sollte, gab es nicht. Beispielsweise aus sportlicher Sicht: Wir haben die letzten sechs Spiele gegen Hansa verloren, zudem fehlen gleich f\u00fcnf Stammspieler, und mit Oliseh, Kalla, Schindzielorz, Wosz und Freier beileibe nicht die unwichtigsten. Beispielsweise aus finanzieller Sicht. 68 Euro plus Eintritt ausgeben, und das f\u00fcr zwei Stunden Fu\u00dfball und zwei Stunden Aufenthalt? Beispielsweise aus privater Sicht: Mein bester und l\u00e4ngster Kumpel Bj\u00f6rn feiert heute die Einweihungsparty seiner Wohnung in Essen, mit zig Leuten, die ich jahre-, quatsch jahrzehnte-, quatsch jahrhundertelang nicht gesehen habe. Ich kenne seine neue Freundin noch nicht, und er wird mir mein Leben lang vorhalten, dass ich nicht da war. VfL-Fan Dirk aus M\u00fcnchen sms-formuliert es noch mit einem positiven Unterton: &#8222;Du Wahnsinniger f\u00e4hrst nicht wirklich zur Hansa-Kogge?&#8220; Irgendeiner, ich wei\u00df gar nicht mehr wer, ist da schon drastischer:<\/p>\n<p>&#8211; Andi, Du hast schon viele sinnlose Dinge in Deinem Leben getan. Aber das ist wirklich das Sinnloseste!<\/p>\n<p>Sinnlos, dass ich also um 7.45 Uhr mit frisch geduschten und ungek\u00e4mmten Haaren am M\u00fclheimer Hauptbahnhof auf den Regionalexpress warte. Sinnlos also, dass ich um 7.59 Uhr in den Intercity Richtung Rostock umsteige. Jetzt ist&#8217;s zu sp\u00e4t, ich bin drin, pflanze mich auf den reservierten Platz, neben ein M\u00e4del, dass bis Hamburg drinbleibt, von den drei Stunden 2:59 Stunden schl\u00e4ft (und schnarcht) &#8211; und somit f\u00fcr schlechtes Gewissen bei jedem Umbl\u00e4ttern sorgt (bin ein r\u00fccksichtsvoller Mensch, aber bei dem Zugl\u00e4rm hat die bestimmt sowieso nicht geschlafen). Der Mond versinkt hinter den Hinterh\u00f6fen des Ruhrgebiets, die Sonne strahlt die letzten Schneereste in Niedersachsen an wie ein Scheinwerfer die Bands auf der B\u00fchne. *brummbrummbrumm* es vibriert auf dem Tisch vor mir (es=Handy):<\/p>\n<p>&#8211; Ich krieg nen Kollaps vor Freude. Hier scheint die Sonne. Vielleicht erlebst Du heute das Meer im letzten D\u00e4mmerlicht.<\/p>\n<p>Judith kennt Ihr noch nicht.<\/p>\n<p>Ich auch noch nicht. Und doch irgendwie. Seit zwei Jahren schreiben wir uns sporadisch Mails, und &#8211; wie es der Zufall so will &#8211; wohnt sie in Rostock, und hat mir versprochen, das Meer in Warnem\u00fcnde zu zeigen. In der Tat: Am Himmel keine Wolke. Die reflektierten Ozeane verwandeln den Himmel in ein tiefes Blau. Die Red Hot Chili Peppers (&#8222;Under the bridge&#8220;), Oasis (&#8222;Whatever&#8220;), die komplette &#8222;Black Market Music&#8220; von Placebo und &#8222;Room with a view&#8220; (von der Kuschelrock 3, keine Ahnung, von wem das nochmal war) begleiten mich. F\u00fcr Unterhaltung sorgt Peter-J\u00fcrgen Boock, ein Ex-RAF-Terrorist, mit seiner dokumentarischen Fiktion \u00fcber die Schleyer-Entf\u00fchrung 1977. Mir f\u00e4llt auf, dass ich diese Zeit mit dem Mutterkuchen im Innern meiner Mum mitbekommen habe&#8230; bis zu meiner Geburt dauerte es im Oktober 1977 nur noch f\u00fcnf Monate. Die letzten Zeilen des 200-Seiten-Schm\u00f6kers verschlinge ich punktgenau im Bahnhof von Bad Kleinen. Da war doch was.. vor drei Jahren&#8230; GSG 9&#8230; RAF&#8230; Wolfgang Grams&#8230; oder? Hach, ist das stressig im Zug: das Handy vibriert in einer Tour, f\u00fcr Dirk habe ich meinen Namen (&#8222;Andi&#8220;) in &#8222;Vriesde-Fanklub&#8220; (unser 58-j\u00e4hriges Abwehrtalent) umgetauft. Das Buch will gelesen, meine CDs geh\u00f6rt und der Kakao getrunken werden. Aber sch\u00f6n ist&#8217;s. Die Sonne blendet. Hoffentlich vergesse ich nicht meine Jacke, wie auf dem Weg nach Stuttgart.<\/p>\n<p>Ich vergesse sie nicht. Es ist soweit, ich lande in Rostock, keine Spur vom in der Nacht verpassten Schlaf (f\u00fcnf Stunden sind f\u00fcr meine sonstigen Gewohnheiten extrem niedrig), Appetit auf Fu\u00dfball, Appetit auf Ostsee, Appetit auf Meer, Strand. Das Wetter macht s\u00fcchtig.<\/p>\n<p>Nicht ganz ohne Vorurteile spaziere ich \u00fcber den Asphalt Rostocks. Nachwirkungen von Lichtenhagen. Hintergedanken bei jeder Glatze. &#8222;War der wohl dabei?&#8220; Inneres Gel\u00e4chter bei jedem Vokuhila-Oliba (vorne kurz hinten lang mit Oberlippenbart). Ein Sprung ins Ostseestadion &#8211; ein sch\u00f6nes Ding. Der rote Feuerball verwandelt die eine H\u00e4lfte des Stadions in ein Sonnenstudio, wenn es hier oben im Norden MeckPomms blo\u00df nur nicht zehn Grad k\u00e4lter w\u00e4re als im Rest der Republik. Ich sp\u00fcr nach zehn Minuten in der Kurve meine F\u00fc\u00dfe kaum noch, wie soll ich mich erst in drei Stunden f\u00fchlen&#8230; *bibber* und ich dachte, Dortmund letzte Woche sei nicht mehr zu toppen. Einen 100.000 Grad hei\u00dfen Kaffee kippe ich runter wie ein Glas kaltes Wasser nach einem 10-Kilometer-Marsch durch die W\u00fcste. Au\u00dfer mir haben sich noch 200 Deppen auf nach Rostock gemacht, die wohl auch nix Besseres zu tun haben.<\/p>\n<p>15.04 Uhr, die Spieler betreten zum Aufw\u00e4rmen (oh ja, das ist wirklich n\u00f6tig, w\u00fcrde am liebsten mitjoggen, ganz freiwillig) den Rasen. Obwohl ich schon eine halbe Stunde meinen Platz eingenommen habe (es ist komischerweise seeehr \u00fcbersichtlich um mich rum&#8230;), sortiere ich noch immer meine Klamotten. Bei Ausw\u00e4rtsspielen f\u00fchle ich mich stets wie ein Schwerverbrecher, diesmal wollte ein Eingangssecuritygorilla sogar den Inhalt meines Portmonees sehen (und ich sehe nicht einmal schnieke aus). Irgendwie frage ich mich jetzt doch: Warum bin ich eigentlich hier? Aufgrund des Spiels wohl kaum. Unsere Aufstellung&#8230; Anton Vriesde in der Innenverteidigung, Filip Tapalovic nach monatelanger Verletzung von Anfang an, dazu Marcus-bitte-wer-ist-das-denn Fischer vornedrin. H\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fclllfffee!<\/p>\n<p>AC\/DC besingen den &#8222;Highway to hell&#8220;, als Millionen Konfettis aus 14.800 H\u00e4nden auf den Rasen fliegen, und 22 Spieler kurz vor dem Anpfiff ins Publikum winken. Und mein ganz pers\u00f6nlicher Weg zur H\u00f6lle scheint dieses Spiel zu werden. Kalt. Saukalt ist&#8217;s. Und schlecht. Sauschlecht spielen wir. Das Spiel scheint abgeschenkt, eine Niederlage in Kauf genommen. Wir haben 29 Punkte, das reicht erstmal, Fans sind sowieso kaum da (nur der Ernst, und der hat laut seiner supertollen Statistik schon Siege genug gesehen), und die besten Leute fehlen. Ich nehm die Leistung echt pers\u00f6nlich, und muss Judith per SMS gestehen, dass sie mit ihrem Tipp (2:0 f\u00fcr Hansa) gar nicht so falsch liegen k\u00f6nnte. Di Salvo schie\u00dft in der 29. Minute zum ersten Mal ein. Der fliegende Holl\u00e4nder in unserem Tor muss zweimal ein weiteres Gegentor in h\u00f6chster Not verhindern (und ich sag noch: er ist zurzeit der Beste in der Liga), und di Salvo schie\u00dft ein Abseitstor, das v\u00f6llig korrekt war. Will jetzt schon zum Meer.<\/p>\n<p>Tja, leider spielt nicht mal die Rostocker Bratwurst um die Meisterschaft mit (wie in &#8222;1000 Tipps f\u00fcr Ausw\u00e4rtsspiele&#8220; vollmundig angek\u00fcndigt). Glaubt diesem eigentlich tollen Buch nicht alles!!! Und es sind noch 45 Minuten in dieser Schei\u00df-K\u00e4lte. Zweite Halbzeit. Christiansen noch immer auf der Bank. NIMM DEN BEMBEN RAUS!!! NIMM DEN BEMBEN RAUS!!! Mein ganz pers\u00f6nlicher Freund (und damit Fahrenhorst-Nachfolger; warum brauchen Fu\u00dfballfans immer einen, den sie nicht besonders m\u00f6gen?) spielt wirklich eine Schei\u00dfe zusammen wie Frank Heinemann Mitte der 90-er in seinen besten Tagen. Dann endlich&#8230; Bemben raus, Christiansen rein, zwei Minuten sp\u00e4ter Hashemian 1:1. Und &#8222;verdient&#8220; muss ich hinzuf\u00fcgen. Denn auch unsere Notelf kann gegen die Kugel treten, sie h\u00fcbsch laufen und die Rostocker alt aussehen lassen. Mit den alten VfL-Abstiegskampf-Tugenden (Ball nehmen und auf die Trib\u00fcne kloppen, und das zweimal pro Minute; naja, ganz so schlimm war&#8217;s nicht) retten wir den Punkt ins Ziel, und ich grinse \u00fcbergl\u00fccklich wie ein Lotto-Gewinner bei der Scheckeinl\u00f6sung. Nicht verloren. Gibt&#8217;s doch gar nicht.<\/p>\n<p>Die Sonne versinkt allm\u00e4hlich am Horizont, nach einem zehnmin\u00fctigen Fu\u00dfmarsch ums Stadion herum bis zur Bushaltestelle (nicht sehr gastfreundlich!) und einer Verabredung mit Judith f\u00fcr 18 Uhr raffe ich erstmal, wo ich \u00fcberhaupt bin. So weit weg von zu Hause. Dirks sms ist gespeichert: &#8222;Du Wahnsinniger!&#8220; Manchmal glaub ich wirklich dran, dass bei mir ne Schraube fehlt. Es gongt 18 Uhr, die Spr\u00fcche der Rostocker Fans, was sie mit einem VfL-Fan machen w\u00fcrden, wenn ihnen einer \u00fcber den Weg l\u00e4uft, \u00fcberh\u00f6re ich. Am Rostocker ZOB lehnt Judith auf ihrem Fahrrad an einem Stra\u00dfenschild. Es ist, als w\u00fcrde ich eine ganz alte Freundin treffen. Es geht in die S-Bahn Richtung Warnem\u00fcnde, Richtung Strand, sie h\u00e4lt ihr Versprechen. In unserem Waggon drei Bochum-Fans, die den ganzen Zug unterhalten. Einer davon ist Jurist, und ruft mir zu: &#8222;Du hast bestimmt auch schon gegen das BTM versto\u00dfen!&#8220; BTM? Bet\u00e4ubungsmittelgesetz! Seh ich echt so aus? Ein anderer h\u00e4lt Judith und mich &#8211; glaub ich &#8211; f\u00fcr ein Paar. Daf\u00fcr, dass ich sie erst seit 30 Minuten Auge in Auge kenne, nicht schlecht, oder? Die drei sind voll wie Eulen, aber so witzig, dass mir die Tr\u00e4nen kommen. Sie verbringen die Nacht im Hotel in Warnem\u00fcnde, und ich beneide sie daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Es ist so windstill.<\/p>\n<p>Und sooo sch\u00f6n am Strand, den Sand rund um die Socken sp\u00fcren (meine Schuhe sind kaputt), kalte Wassertropfen an den Fingern, am Meer entlang sprinten. Ich bereue nichts. Und die sitzen jetzt in Essen, hauen sich bei ner Party den Arsch voll und h\u00f6ren laut Musik. Es ist so windstill. Danke Judith!<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Zug. 45 Minuten in Hamburg. Frodo und Sam schmei\u00dfen den Ring in den Schicksalsberg, Aragorn wird K\u00f6nig, die Hobbits kehren ins Auenland zur\u00fcck, die &#8222;Metal Ballads Platinum&#8220; und die &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; &#8222;Black Market Music&#8220; verzaubern mein Ohr.<\/p>\n<p>Kennt Ihr das Gef\u00fchl, wenn alles, was man sich morgens beim Aufstehen f\u00fcr den optimalen Tagesablauf w\u00fcnscht, auch wirklich zutrifft? Ich habe mich den ganzen Tag einfach nur sauwohl gef\u00fchlt!<br \/>\nUnd da sag noch einer, dieser Ausflug w\u00e4re ein sinnloser gewesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine meiner verr\u00fccktesten Ausw\u00e4rtstouren mit dem VfL f\u00fchrte mich am 22. 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