{"id":1357,"date":"2011-09-01T13:02:43","date_gmt":"2011-09-01T13:02:43","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1357"},"modified":"2012-01-06T13:15:13","modified_gmt":"2012-01-06T13:15:13","slug":"perfect-day","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1357","title":{"rendered":"Perfect day"},"content":{"rendered":"<p>Am 28. April 2002 bloggte ich nach dem vorletzten Spieltag der Zweitliga-Saison 2001\/2002 \u00fcber das Fu\u00dfballspiel VfL Bochum gegen Union Berlin (2:1) &#8211; und das geh\u00f6rt eindeutig zu den Top 20 in meiner VfL-Karriere. Der VfL musste unbedingt gewinnen, um noch aufsteigen zu k\u00f6nnen (was eine Woche sp\u00e4ter klappte) &#8211; und dann das: str\u00f6mender Regen, 70 Minuten Unterzahl, der Schiedsrichter nimmt einen Elfmeter gegen den VfL zur\u00fcck &#8211; und das Siegtor f\u00e4llt Sekundenbruchteile vor dem Schlusspfiff. Wahnsinn! Trance! Beides!<\/p>\n<p><strong>Zum Text geht es hier &#8211; und die \u00dcberschrift steht auch direkt in der ersten Zeile:<\/strong><\/p>\n<p>Just a perfect day.<\/p>\n<p>Morgens, kurz vor zehn. Pling, der Wecker springt an. Und t\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier? N\u00f6. Diesmal &#8222;Alles aus Liebe&#8220;, das Hosen-Konzert wirkt nach. Oh man, habe ich einen Brummsch\u00e4del. Du wachst morgens auf und f\u00fchlst Dich wie nach einem 90-min\u00fctigen Fu\u00dfballspiel. Durchgeschwitzt, abgek\u00e4mpft, die Waden schmerzen; was habe ich blo\u00df wieder getr\u00e4umt? Aufstehen, rausschauen, Regen. It\u00b4s a rainy April day &#8211; und die sanfte Musik von U2s &#8222;October&#8220; verdr\u00e4ngt den Brummsch\u00e4del in mir. Das &#8222;Peter-Graulund&#8220;-Trikot habe ich schon vor zwei Tagen an meine Haust\u00fcr geh\u00e4ngt. Seitdem kribbelt\u00b4s im Bauch. Um es mit Pe Werner zu sagen: &#8222;Dieses Kribbeln im Bauch, dass man nie mehr vergisst. Als ob man zuviel Brausest\u00e4bchen isst.&#8220; Okay, sie hat\u00b4s auf Beziehungen bezogen, aber der VfL und ich &#8211; lassen wir das. Auf jeden Fall kribbelt\u00b4s im Bauch. Vielleicht werde ich heute Abend furchtbar entt\u00e4uscht heimkehren. Aus. Vorbei. Kein Aufstieg. Oder himmelhochjauchzend. Hurra, auf Platz drei &#8211; alles selbst in der Hand! Wer wei\u00df das schon? Aber das Wetter verr\u00e4t nix Gutes. Es schifft. In Str\u00f6men. It\u00b4s raining cats and dogs!<\/p>\n<p>Just a perfect day?<\/p>\n<p>Die Minuten bis zum Anpfiff werden weniger und weniger. Das Kribbeln kommt sch\u00fcbeweise; wehenartig, nur (wahrscheinlich, bin keine Frau) nicht ganz so schmerzhaft. Mittagessen bei den Eltern. Sie sind gerade von einem Mallorca-Urlaub heimgekehrt, braungebrannt (Sch\u00f6nen Gru\u00df auch! Braungebrannt! Und drau\u00dfen ist Rock-am-Ring-2001-Wetter)! Sie sind gesund, munter, super erholt, ich freu mich dar\u00fcber. Lauter Fotos fliegen an meinem Auge vorbei; ich glaub, ich find sie sch\u00f6n (bestimmt), muss sie mir aber irgendwann nochmal ansehen. Im NRW-Express treffe ich Bochums ber\u00fchmtesten &#8222;Rolli&#8220;. Ich glaub, dass ich den bei jedem VfL-Heimspiel bisher gesehen habe, und meistens auch im Zug. Er f\u00e4hrt von D\u00fcsseldorf nach Bochum, trinkt sich dabei immer genau eine Dose Pils, \u00fcberzeugt zuweilen mit treffsicheren Analysen, und er hasst &#8211; Frank Fahrenhorst, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Aber gut leiden kann ich den Fahrenhorst eigentlich auch nicht (aus welchen Gr\u00fcnden auch immer). Mein innerer CD-Wechsler tauscht Lou Reeds &#8222;Perfect Day&#8220; gegen das fantastische &#8222;Born Slippy&#8220; von Underworld (ebenfalls aus dem &#8222;Trainspotting&#8220;-Soundtrack); Einstimmung f\u00fcrs Spiel. Drau\u00dfen regnet\u00b4s noch immer; die Wolkendecke wird grauer von Minute zu Minute.<\/p>\n<p>Im Stadion l\u00e4uft &#8222;We\u00b4re going to Ibiza&#8220;, als ich es um 14.10 Uhr betrete. Gut, es l\u00e4uft vor jedem Heimspiel, aber nie schien es unpassender zu sein als heute. Wieviel Uhr es ist, wie schnell die Zeit vergeht, ich habe nicht die geringste Ahnung. Ansonsten erz\u00e4hle ich gern, welche Lieder vor dem Anpfiff laufen (schaut Euch die letzten Spielberichte an), aber heute nicht. Die Spieler kommen, machen sich warm, Rein van Duijnhoven rutscht bei jeder Parade beim Warmmachen zehn Meter weit, so rutschig ist das; das kann ja was werden. 17.500 Zuschauer kommen trotz des Sau-Wetters zur Castroper Stra\u00dfe. Was wird das Spiel wohl ergeben? In 90 Minuten wissen wir alle mehr!<\/p>\n<p>Es ist verkrampft. 2000 Berliner sind da &#8211; und sie sind stimmgewaltig. Puh was wird das wohl. Mir schlottern die Knie, aber allen anderen Bochumern geht es nicht anders. Bestimmt nicht. Stimmbandverknusperung. Anpfiff, geht gut los, Freier \u00fcber rechts, Buckley, 1:0! Raus, nur raus mit der Freude, scream, schrei so laut du kannst, ball die F\u00e4uste als m\u00fcsstest du Mike Tyson eine verpassen. Jaaaaa, wir k\u00f6nnen das noch packen, es sieht wunderbar aus. R-W-O, R-W-O schallt es durch\u00b4s Stadion. Vorbei und vergessen diese j\u00e4mmerliche 1:6-Schmach, wenn Ihr uns zum Aufstieg schie\u00dft, hol ich mir ne RWO-Dauerkarte f\u00fcr die neue Saison. RWO gegen Bielefeld noch 0:0, Mainz gegen F\u00fcrth auch. Soso. Doch halt, was ist das? Der Taschenrechner im Kopf versagt von jetzt auf gleich. Freisto\u00df f\u00fcr Union, Abseitsfalle scheitert, 1:1 Divic. Ja hoppla, damit hatte keiner gerechnet. Niemand. Gute Laune dahin. Stimmung dahin. Peng. Ein hole-in-one, w\u00fcrden die Golfer sagen, eine linke Gerade, die Boxer, ein angeknockter Favorit, wieder die Boxer, einfach ein unvergleichlicher Schock. Mund auf, staunen. That\u00b4s when I reach for my revolver. Es hei\u00dft nur noch &#8222;Eisern Union&#8220; im Ruhrstadion. Jener bitterkalte Dezember-Tag, der wohl auf ewig als der schw\u00e4rzeste Abend in meine VfL-Geschichte eingehen wird, als der damalige Bundesligist VfL beim damaligen Regionalligisten Union im Pokal mit 0:1 verlor, kehrt in mein Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck. Nein, nicht schon wieder Berlin. Das w\u00fcrde zwei weitere Spiele gegen diese Mannschaft bedeuten. Und das muss nun wirklich nicht sein.<\/p>\n<p>Not a perfect day!<\/p>\n<p>Aber es sind ja noch 70 Minuten. Tick tack tick tack. Dann ein langer Pass auf Cristian Fiel, der Mandreko wird doch nicht? Zupfer, Notbremse, ROT, ganz klar. Geht\u00b4s noch? Erst das 1:1, Schock, jetzt die rote Karte. Aufstieg ad\u00e9. Ich wage es nicht, mein Handy in die Hand zu nehmen und die schlechte Kunde in Deutschland zu verbreiten. Das empfinde ich als pers\u00f6nliche Beleidigung. Dieser Mandreko! Kann der seine Flossen nicht bei sich behalten? Ohweiohweiohwei! RWO noch 0:0, Mainz gegen F\u00fcrth auch. Aber was hilft das? Nichts. Wir m\u00fcssen unsere Hausaufgaben machen, hat Peter Neururer allen Journalisten erz\u00e4hlt, die das nicht h\u00f6ren wollten. Aber der VfL stand schon ziemlich oft im Liga-Klassenbuch mit dem Eintrag &#8222;&#8230; ohne Hausaufgaben!&#8220; Und alles ist nur dieser verdammte Mandreko schuld. Halbzeit. Ich gebe auf. Okay, ein bisschen schreien in der zweiten Halbzeit werde ich noch, aber das biegen die nicht mehr. Resignierend wie lange nicht mehr. Nochmal 34 Spiele zweite Liga. Ich halt\u00b4s nicht aus. N\u00e4chstes Jahr K\u00f6ln, Freiburg, St. Pauli. Und Burghausen, schei\u00dfe, auch Rot-Wei\u00df Essen. Vielleicht. Der Regen hat aufgeh\u00f6rt, die Sonne kommt raus, als w\u00fcrde sie der Aufstiegs-Krimi der zweiten Liga pers\u00f6nlich interessieren. Ja spinnt der Neururer? 10 gegen 11 und der nimmt den Libero raus. Reis geht, und es kommt ein St\u00fcrmer. Hashemian! Es passiert was im Minutentakt; lange habe ich eine VfL-Mannschaft nicht mehr so k\u00e4mpfen sehen. Flatsch, die schmei\u00dfen sich in die Zweik\u00e4mpfe als m\u00fcssten sie sich wie Schweine im Dreck suhlen; der Schindzielorz voran, der merkt seinen R\u00fccken vom ganzen Flatschen nicht mehr heute Abend. Reingr\u00e4tschen, und wenns noch ne rote gibt, ist die Devise. 65. Minute, alles ist zu sp\u00e4t? Foul Fahrenhorst an Divic, Elfmeter. Jetzt ist\u00b4s aus. Ein 1:2 aufholen, noch umdrehen und noch gewinnen! Die Spieler sind doch schon halbtot, und k\u00f6nnen kaum noch laufen. Doch halt! Was ist das? Der Schiri joggt zum Assistenten und? Nimmt den Elfer zur\u00fcck! Ja sowas habe ich noch nie erlebt. Die Eisernen k\u00f6nnen\u00b4s kaum glauben. Der Puls von 200 auf 80, auf 200 auf 80. Das ist nicht gesund. Alles dreht sich.<\/p>\n<p>What a crazy day!<\/p>\n<p>Die Fans springen auf, jetzt ist er endlich da, dieser Trance-Zustand, der bisher fehlte. Die Gegentrib\u00fcne springt auf, die Haupttrib\u00fcne auch. V &#8211; f &#8211; L schallt es in einer Tour. Lauter und lauter. Die Spieler feuern die Fans an und umgekehrt. Dann Hashemian; Pfosten. Insgesamt elf Ecken, dieser Schei\u00df-Beuckert f\u00e4ngt aber auch jede ab. Das kann doch alles gar nicht sein. Und immer wieder diese Konter. Divic frei, Fiel frei &#8211; sind die so bl\u00f6d, die Berliner? Das h\u00e4lt doch kein Mensch aus! Ich dachte, das Kribbeln vor dem Spiel sei schon schlimm genug. RWO immer noch 0:0, Mainz gegen F\u00fcrth mittlerweile 1:1. Wir m\u00fcssen gewinnen, wir m\u00fcssen dieses verdammte Ding einfach gewinnen. Doch der angeknockte Boxer kann nicht mehr; Kondition weg, die Spieler traben nur noch. Okay, Schindzielorz, der flutscht immer noch in jeden Ball rein, und Hashemian, ja der wirbelt auch, sogar Peter Graulund darf mitspielen. Was nutzt\u00b4s? 89. Minute &#8211; letzte Ecke, letzte Chance, REIN, LAUF NACH VORNE m\u00f6chte ich dem Bochumer Schlussmann zurufen; doch er w\u00fcrd&#8217;s nicht h\u00f6ren und kann au\u00dferdem selbst kaum noch stehen. Buckley wird schie\u00dfen, bitte besser als zuvor, streng Dich an, konzentrier Dich! Der Ball fliegt, 17.500 K\u00f6pfe verfolgen die Flugbahn, ja Beuckert was macht der denn da? Hat die Kugel, wird leicht bedr\u00e4ngt von Graulund, l\u00e4sst sie wieder fallen, Fahrenhorst, TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOORRRRRR! 89. MINUTE!!!! Spieler rei\u00dfen sich die verdreckten Trikots vom Leib, Ersatzspieler sprinten auf den Platz, Neururer, nicht zu halten, Wosz kommt von der Trib\u00fcne runtergespurtet, alle rauf auf den Platz, rein ins Get\u00fcmmel. In der Kurve ergreifende Szenen wie seit dem Uefa-Cup nicht mehr. Leute umarmen, die man nicht kennt; die Haare durcheinander wirbeln lassen, schreien, was die Stimme hergibt, immer wieder, immer lauter. Der Rest geht unter. RWO 0:0, Mainz 1:1, naja, weiterhin 4. &#8211; aber wir, wir sind noch da. Alle kommen sie zum Jubeln mit in die Kurve. Eine Riesen-Moral. Unglaublich.<\/p>\n<p>Just a perfect day!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 28. April 2002 bloggte ich nach dem vorletzten Spieltag der Zweitliga-Saison 2001\/2002 \u00fcber das Fu\u00dfballspiel VfL Bochum gegen Union Berlin (2:1) &#8211; und das geh\u00f6rt eindeutig zu den Top 20 in meiner VfL-Karriere. 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