{"id":1343,"date":"2011-09-01T12:10:43","date_gmt":"2011-09-01T12:10:43","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1343"},"modified":"2012-01-05T12:47:24","modified_gmt":"2012-01-05T12:47:24","slug":"da-schweigen-die-sohne-mannheims","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1343","title":{"rendered":"Da schweigen die S\u00f6hne Mannheims"},"content":{"rendered":"<p>Am 9. M\u00e4rz 2002 bloggte ich \u00fcber meine Fahrt zum Ausw\u00e4rtsspiel des VfL Bochum bei Waldhof &#8211; verdammte Schei\u00dfe ja &#8211; Mannheim. Der VfL siegte 2:1 und stieg sp\u00e4ter in die Bundesliga auf. Der Text sorgt noch heute (wirklich!) f\u00fcr Reaktionen per Mail. Zehn Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p><strong>Der Text:<\/strong><\/p>\n<p>Freitag, 13.20 Uhr. Verst\u00e4ndnislosigkeit regierte die Personen, die mich an jenem Tag mit SMS, Mails oder Anrufen begl\u00fcckten.<\/p>\n<p>&#8211; Wo f\u00e4hrst Du hin? Nach Mannheim? Spinnst Du?<br \/>\n&#8211; Oh ja, ich spinne! Und wie!<\/p>\n<p>Es ist mal wieder Zeit f\u00fcr ein Ausw\u00e4rtsspiel. Hab ne wichtige Klausur bestanden &#8211; da darf ich mir auch mal was g\u00f6nnen. Also Mannheim. Wieder so eine beruhigende Statistik: Bochum hat zehnmal dort gespielt, aber noch nie gewonnen. Eine Frage der Gewohnheit. Und geht es wirklich um Gewinnen und Verlieren?<\/p>\n<p>Um 16.52 Uhr werde ich den Hauptbahnhof betreten, Ansto\u00df 19 Uhr. Prima, dann bleibt noch ein wenig Zeit, um durch die Stadt zu gondeln. Zu diesem Zweck lagern zwei kopierte Seiten aus dem Baedeker &#8222;Deutschland&#8220; \u00fcber Mannheim in der Innentasche meiner Jacke. Vollgestopft ist diese. Mit einem kleinen Buch, meinem Portmonee, dem VfL-Bochum-Schal, dem Fotoapparat, meinem Block (der darf niemals fehlen). Ich f\u00fchle mich wie eine F\u00fcnf-Kilo-Hantel. Einsteigen. T\u00fcren schlie\u00dfen. Vorsicht an der Bahnsteigkante. Am Tag halten drei, vier, f\u00fcnf IC\u00b4s in M\u00fclheim; und einer davon f\u00e4hrt doch glatt durch bis Mannheim; der Stadt, die mir vorher nur durch die gleichnamigen &#8222;S\u00f6hne&#8220; (Musik) und Fu\u00dfballtrainer Klaus &#8222;NPD&#8220; Schlappner bekannt war.<\/p>\n<p>Mein reservierter Sitzplatz ist tats\u00e4chlich noch frei. Wagen 9, Platz Nummer 22, am Fenster, Nichtraucher. Meine Jacke h\u00e4ngt flugs an einem Haken, der soeben gekaufte Wuppi Zimt verschwindet ebenso schnell in den Kurven meines Darms. Fix noch ein, zwei Schl\u00fcckchen Kakao hinterher schl\u00fcrfen, dann das Kinn auf der rechten Hand abst\u00fctzen und rausschauen. Die Landschaften fliegen vor\u00fcber. Ruhrpott. Eifel. Rheinland. Loreley. Die Bahnh\u00f6fe auch. Duisburg, D\u00fcsseldorf, K\u00f6ln, Bonn, Koblenz, Mainz. Leute steigen ein und aus, Handys bimmeln. Diese Ger\u00e4usche nenne ich weder &#8222;laut&#8220; noch &#8222;leise&#8220;. Auch nicht &#8222;hektisch&#8220; oder &#8222;durcheinander&#8220;. Sondern &#8222;zugkauderwelschisch&#8220;.<\/p>\n<p>Am Bahnhof Bilder, die ein Gedicht nicht beschreiben kann. Frauen springen aus den Waggons; h\u00fcbsche, h\u00e4ssliche, kleine, gro\u00dfe; werden von ihren Liebsten am Gleis abgeholt. K\u00fcsse, erst kurz, dann leidenschaftlich, lange Umarmungen. M\u00e4nner verlassen den Zug, Frauen sprinten entgegen. Umarmungen. K\u00fcsse. Ich beobachte die Szenen. Neid? Irgendwie schon. Da war doch was, im Winter 2000. Blo\u00df nicht zu viel Melancholie. Ein Blick auf den VfL-Schal und das Lampenfieber beginnt wieder.<\/p>\n<p>Noch zwanzig Minuten bis zur Ankunft in Mannheim. Und ich habe bereits etwas gelernt. Es gibt tats\u00e4chlich eine Stadt, die bei der Einfahrt in den Bahnhof einen h\u00e4sslicheren Eindruck vermittelt als M\u00fclheim: n\u00e4mlich LUDWIGSHAFEN. Also sowas gibt&#8217;s gar nicht. Eingepfercht in ein sch\u00e4big-dreckiges Geb\u00e4ude zwischen Firmen, Ruinen, Hochh\u00e4usern und einer Autobahn. Da hat sich Helmut Kohl eine richtig schmucke Heimatstadt ausgesucht.<\/p>\n<p>Hmm, nun also Mannheim.<\/p>\n<p>Der Bahnhof ist nach dem Motto &#8222;Wer nicht konsumiert fliegt raus&#8220; angelegt. Das gef\u00e4llt mir schon mal gar nicht. Alles super-neu, frisch gewischt, Sicherheitsbeamte all\u00fcberall, prima, das belegte Baguette kostet 2,55 Euro. Kann sich keine Sau leisten. Nur Mannheimer. Ich krame den Stadtplan hervor, beschlie\u00dfe meine einst\u00fcndige Route und stapfe los. Die ersten Leute, die mir begegnen, tragen alle eine mehr oder weniger gepflegte Kurzhaarfrisur, Springerstiefel und Deutschland-Schals. Spitzen-Eindruck, wirklich! Wie war das noch mit Klaus Schlappner und der NPD?<\/p>\n<p>Vorbei am Wasserturm, h\u00fcbschh\u00fcbsch, soll das Wahrzeichen sein. Wie bitte? Mannheim hat 325.000 Einwohner? Mehr und mehr wird mir deutlich, dass ich diese Stadt unter-\u00fcbersch\u00e4tzt habe. Die Innenstadt ist schachbrettartig angelegt. Und \u00fcberhaupt dort f\u00e4ngt das Problem dieser Stadt an: Schon im 17. Jahrhundert wollten antike Karpovs und Kasparows oberschlau sein und verpassten der Stadt eine monotone Fassade, auf die nur die lokalpatriotischen Einwohner stolz sind. Ein christlich-konservativer Geruch weht durch die C4- und F5-Felder. Auf der einen Seite prosten sich die Nazis zu, auf der anderen Seite alternativt sich Xavier Naidoo mit seinen Jungs durch seine ach so christlichen Texte. Richard von Weizs\u00e4cker liest in einer Buchhandlung (und nicht Gysi). Na klar. Die Uni liegt im und um das Schloss. Feudal sieht das aus; aber irgendwie unsympathisch. Das Selbstbewusstsein einer Stadt l\u00e4sst sich leicht an der Anzahl der Sicherheitskr\u00e4fte ablesen. W\u00e4hrend in M\u00fclheim Bullen eher seltener auf der Schlossstra\u00dfe abh\u00e4ngen, wimmelt es in Mannheim vor Security-, Bundesgrenzschutz- und Polizeibeamten. Aber manchmal &#8211; und wenn ich das schon sage, dann k\u00f6nnt ihr das schon glauben &#8211; kann man verdammt froh sein, dass die gr\u00fcnen Jungs da sind. Mit langen Haaren an einer 15er-Gruppe Nazis vorbei marschieren. Holla die Waldfee.<\/p>\n<p>&#8211; Armageddon kommt oder ist in vollem Gange<\/p>\n<p>lautet ein Song von Naidoos &#8222;S\u00f6hnen Mannheims&#8220;. Kein Wunder, dass er so eine Zeile schreibt. Wenn er aus dieser Stadt kommt.<\/p>\n<p>Schachmatt.<\/p>\n<p>Da vergeht mir sogar der Appetit und ich werde wohl erst im Stadion die W\u00fcrstchenbude bem\u00fchen. Ab in die Bahn. Ach du Schei\u00dfe! Eben genannte Nazis setzen sich nat\u00fcrlich GENAU in meine Bahn. Der einzige Waldhof-Trommler der Stadt vertrimmt sein Musik&#8220;ger\u00e4t&#8220;. Zw\u00f6lf lange Minuten dauert es, begleitet von Spr\u00fcchen wie &#8222;Deutschland den Deutschen, Ausl\u00e4nder raus&#8220;, &#8222;Bochumer Judenschweine schalalalala&#8220;, &#8222;Schwarz-blaues Mannheim gibt alles f\u00fcrs Vaterland&#8220;. Mir kommt es hoch. Schnell raus der Bahn. Ganz schnell raus.<\/p>\n<p>Ab ins Stadion. 5.100 kommen insgesamt, 250 davon aus dem Ruhrpott. Hier f\u00fchlst Du Dich wohl, hier kann ich endlich meinen Schal um meinen Hals legen; tut gut, ist frisch geworden. Ausw\u00e4rtsspiel. Wieder ne SMS:<\/p>\n<p>&#8211; Merkst Du eigentlich noch?<\/p>\n<p>Ja, ich merke noch. Sehr gut sogar. Die &#8222;Ultras&#8220; sind auch da. Als der &#8222;Capo&#8220; mit seinen Sprechch\u00f6ren beginnt, schallt es von oben &#8222;1-2-3-Oberk\u00f6rper frei&#8220;, weil jene Witzfigur sich gerne mal des T-Shirts entledigt &#8211; und wenn das Thermometer minus f\u00fcnf Grad anzeigt. Der Typ macht genau das &#8211; und alle haben ihren Spa\u00df. \u00dcberhaupt Spa\u00df. Okay, 1:0 f\u00fcr Mannheim &#8211; da kommste schon ins Gr\u00fcbeln. Schei\u00dfe &#8211; soviel Kohle vernagelt, wieder ne Niederlage. Doch dann nippst Du kurz an der Cola &#8211; und innerhalb von 45 Sekunden steht es 2:1 f\u00fcr Bochum. Christiansen. Wosz. Wer sonst? Dann h\u00e4lt Rein van Duijnhoven noch einen Elfmeter. Alles drin in H\u00e4lfte eins.<\/p>\n<p>In der zweiten Halbzeit stelle ich einmal mehr fest, dass mich dieser Verein noch einmal umbringen wird. 45 Minuten Gezittere und &#8222;Dickhaut hau die Kugel auf die Trib\u00fcne&#8220;-Geschreie &#8211; ohhimmelarschundzwirn muss das denn immer sein? Aber am Ende geht\u00b4s gut aus. 2:1, drei Punkte, 36 Euro bei Oddset gewonnen. Da schie\u00dft einem schnell die Diebels-Werbung durch den Kopf!<\/p>\n<p>&#8211; Ein sch\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6ner Tag, die Welt steht still, ein sch\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6ner Tag!<\/p>\n<p>Die Mannschaft kommt. La Ola!<\/p>\n<p>&#8211; Rein van Duijnhoven, schalalalalala.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Bahnhof. Keine Nazis mehr. Die S\u00f6hne Mannheims schweigen.<\/p>\n<p>ICE Richtung Mainz, dann EC bis K\u00f6ln, dann RE bis M\u00fclheim. Ich bemerke einen harten Gegenstand in meiner rechten Hosentasche. Was habe ich noch einmal f\u00fcr ein Buch eingesteckt?<\/p>\n<p>Oh ja, Kurt Tucholskys &#8222;Schloss Gripsholm&#8220;.<\/p>\n<p>Ich wage einen dreist\u00fcndigen Trip in die Urlaubswelt Schwedens; in eine sommerliche Liebesgeschichte, an einen Ort, den ich am 7.9.2001 zu meinem &#8222;Happy Place&#8220; auserkoren habe. Der Zauber der Erz\u00e4hlung \u00fcberf\u00e4llt mich. Fast ein Fall f\u00fcr XY. Buchstabe f\u00fcr Buchstabe saugt sich in meinem Gehirn fest wie ein Blutegel an der Haut. Das Herz bebt. Die Gef\u00fchle leiden mit. Niemand sollte eine Liebesgeschichte lesen, wenn er solo ist. Das macht nicht mehr melancholisch, sondern nur noch depressiv. Aber die Sucht ist da.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;So still, wie es jetzt ist, so sollte es \u00fcberall und immer sein, Lydia &#8211; warum ist es so laut im menschlichen Leben?&#8220; &#8211; &#8222;Meinen lieben Dschung, das findest du heute nicht mehr &#8211; ich wei\u00df schon, was du meinst. Nein, das ische woll ein f\u00fcr allemal verl\u00f6scht&#8230;&#8220; &#8211; &#8222;Warum gibt es das nicht&#8220;, beharrte ich. &#8222;Immer ist etwas. Immer klopfen sie, oder sie machen Musik, immer bellt ein Hund, marschiert dir jemand auf dem Kopf herum, klappen Fenster, schrillt ein Telefon &#8211; Gott schenke uns Ohrenlider. Wir sind unzweckm\u00e4\u00dfig eingerichtet.&#8220; &#8211; &#8222;Schwatz nicht&#8220;, sagte die Prinzessin. &#8222;H\u00f6re lieber auf die Stille!&#8220;<br \/>\nEs war so still, dass man die Kohlens\u00e4ure in den Gl\u00e4sern singen h\u00f6rte. Br\u00e4unlich standen sie da, ganz leise setzte sich der Alkohol ins Blut. Whisky macht sorgenfrei. Ich kann mir schon denken, dass sich damit einer zugrunde richtet.<br \/>\nWeit in der Ferne l\u00e4utete eine Glocke, wie aus dem Schlaf geschreckt, dann war alles wieder still. Wei\u00dfgrau lag unser Haus; alle Lichter waren dort erloschen. Die Stille w\u00f6lbte sich \u00fcber uns wie eine unendliche Kugel.<\/p><\/blockquote>\n<p>1.13 Uhr, M\u00fclheim Hauptbahnhof.<\/p>\n<p>Hey &#8211; Bochum hat gewonnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 9. M\u00e4rz 2002 bloggte ich \u00fcber meine Fahrt zum Ausw\u00e4rtsspiel des VfL Bochum bei Waldhof &#8211; verdammte Schei\u00dfe ja &#8211; Mannheim. 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