{"id":1214,"date":"2011-09-02T11:00:13","date_gmt":"2011-09-02T11:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1214"},"modified":"2011-11-25T12:38:02","modified_gmt":"2011-11-25T12:38:02","slug":"trainer-mit-revolverschnauze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1214","title":{"rendered":"Trainer mit Revolverschnauze"},"content":{"rendered":"<p>In der Saison 2003\/2004 war Trainer Mohamed Ali Abdelhafid vom damaligen Bezirksligisten Vatan Spor M\u00fclheim mein Ansprechpartner Nummer eins. Er \u00fcbernahm bei einem Verein, der ernsthaft \u00fcber ein Insolvenzverfahren nachdachte und monatelang keinen Spieler mehr bezahlt hatte, eine mit zwei, drei Routiniers (die ihre beste Zeit hinter sich hatten) verst\u00e4rkte U20. Doch er f\u00fchrte seine Mannschaft mit sehr ausf\u00fchrlichen (bis zu zweieinhalb Stunden!) und harten Trainingseinheiten (bis zu sechs pro Woche &#8211; in der siebten Klasse) zum Aufstieg &#8211; mit am Ende 19 Punkten Vorsprung. Der Fu\u00dfball, den er in der Bezirksliga spielen lie\u00df, war f\u00fcr Amateurverh\u00e4ltnisse zu dieser Zeit revolution\u00e4r, leider bei einem Skandalklub wie Vatan, der drei Jahre zuvor einen der ber\u00fchmtesten Spielabbr\u00fcche verursacht hatte und skeptisch be\u00e4ugt wurde. Auf den Fu\u00dfball achtete niemand. Pech f\u00fcr Abdelhafid.<\/p>\n<p>Durch den charismatischen Trainer mit den mehr als ungew\u00f6hnlichen Methoden im Umgang mit der Mannschaft und an der Seitenlinie (siehe Text)\u00a0 lernte ich Begriffe\/Systeme wie &#8222;Pressing nach au\u00dfen&#8220;, &#8222;Viererkette&#8220; (mit Raumdeckung, damals noch mehr als un\u00fcblich im Manndecker-Deutschland), &#8222;doppeln&#8220;, &#8222;Chancen kreieren&#8220;, &#8222;Dominanz\/Ballbesitz&#8220;, &#8222;One-Touch-Fu\u00dfball&#8220;, &#8222;hoch stehen&#8220;, &#8222;alle m\u00fcssen mitarbeiten&#8220;, &#8222;Torwart muss mitspielen k\u00f6nnen&#8220;, &#8222;Konditionsst\u00e4rke und Schnelligkeit aller Spieler sind wahnsinnig wichtig&#8220;, &#8222;einstudierte Spielz\u00fcge&#8220;, &#8222;alle Spieler sollten f\u00fcr mehrere Positionen ausgebildet werden&#8220; etc. erst richtig auch in der Praxis kennen &#8211; vor Klopp, Tuchel und van Gaal. Legend\u00e4r sind Geschichten, dass Abdelhafid Gastspieler einfach nur im 100-Meter-Lauf testete. Waren sie nicht schnell genug, mussten sie wieder gehen. Nach 13 bis 15 Sekunden&#8230;<\/p>\n<p>Auch die Regeln im Umgang mit der Mannschaft waren genauso neu wie umstritten: 1. Wer eine Trainingseinheit verpasst, spielt nicht von Beginn an (ob junger, alter, billiger, teurer, kranker, verletzter Spieler), 2. Wer zu sp\u00e4t zum Treffpunkt erscheint, ebenfalls nicht (wieder egal, welcher Spieler es ist). Deshalb war jede Startelf eine gro\u00dfe \u00dcberraschung! 3. Nach einer unn\u00f6tigen Roten Karte wird die Sperre verdoppelt (z. B.: aus vier Wochen offizieller Sperre werden acht Wochen &#8211; vier plus vier interne Wochen). Deshalb geriet Abdelhafid oft mit dem Vorstand aneinander und scheiterte nach dem Aufstieg, weil er teure Stars (z. B. einen Zugang aus der zweiten t\u00fcrkischen Liga) h\u00e4ufig auf die Bank setzte und sich mit ihnen auch im Training anlegte.<\/p>\n<p>Ich beobachtete selbst h\u00e4ufig das Vatan-Training und sah selbst die Unterschiede&#8230; Der \u00fcbliche Ablauf einer 80- bis 90-min\u00fctigen Trainingseinheit in den meisten anderen Amateurvereinen (heute ist das \u00fcbrigens auch nicht wirklich anders) war damals (und das beobachtete ich sehr, sehr oft bzw. machte es selbst mit): 1. 10 bis 20 Minuten &#8222;Ecke&#8220; (inklusive Torh\u00fcter &#8211; bis alle Spieler eingetroffen sind), 2. f\u00fcnf Minuten Besprechung des letzten oder n\u00e4chsten Spiels auf dem Platz, 3. zwei bis f\u00fcnf Runden ohne Ball um den Platz (oder durch den Wald) laufen (der Trainer baut in der Zeit die Fahnen auf), 4. f\u00fcnf Minuten Streching (jeder f\u00fcr sich, also ohne Sinn und Verstand), 5. 2 bis 20 Minuten Sprint\u00fcbungen (Dauer des Aufw\u00e4rmprogramms variiert je nach Spielergebnis zuvor &#8211; die Torh\u00fcter absolvieren in dieser Zeit Torwarttraining), 6. zehn Minuten Schusstraining (daf\u00fcr werden die Fahnen ben\u00f6tigt, damit die Trainingseinheit von au\u00dfen kompliziert und kompetent aussieht, doch Spielsituationen werden nur selten simuliert), 7. 30 bis 60 Minuten Spielchen (je nach Dauer des Aufw\u00e4rmprogramms, auf jeden Fall ohne erkl\u00e4rende Unterbrechungen und je nach Gr\u00f6\u00dfe der Trainingsgruppe auf kleine oder gro\u00dfe Tore) und 8. kurz vor Trainingsende f\u00fcnf bis zehn Minuten Standards (Nach dem Motto: Wenn die Presse danach fragt, kann man&#8217;s erw\u00e4hnen).<\/p>\n<p>Und bei Vatan? Nicht nur, dass Abdelhafid Formationen laufen lie\u00df, um das System einzu\u00fcben. Keine &#8222;Ecke&#8220; (nie!), l\u00e4ngere Besprechung des Spiels <strong>vor<\/strong> dem Training (meist mit Tafel), Aufw\u00e4rm- und Stretchingprogramm oft mit neuen \u00dcbungen (die der Trainer leitet, erkl\u00e4rt und mitmacht) &#8211; und fast alle mit Ball. Fahnen (wenn n\u00f6tig) stehen schon bei Trainingsbeginn! Dazu: selten klassisches Schusstraining, daf\u00fcr oft erm\u00fcdendes Einstudieren von Spielsituationen (oft auch als Reaktion auf die Fehler im Spiel zuvor), viele Unterbrechungen im Trainingsspiel, um taktische Feinheiten in der Praxis zu erkl\u00e4ren und zum Schluss: entweder Standards ausf\u00fchrlich \u00fcben oder gar nicht.<\/p>\n<p>Abdelhafid setzte auf eine Viererkette, eine Doppel-Sechs und zwei offensive Au\u00dfen schon in seiner ersten Amtszeit bei Vatan ab 1999. Mit allen Schikanen (siehe oben) wie zum Beispiel Pressing nach au\u00dfen. Vatan stand ungemein hoch, setzte auf Torh\u00fcter, die besser mitspielen als halten konnten (beides gibt es nicht in der Bezirksliga), schaffte oft One-Touch-Kombinationen (stundenlang im Training ge\u00fcbt). Und die variablen Standardsituationen erst &#8211; ob kurz oder lang ausgef\u00fchrt, an den kurzen oder langen Pfosten geschlagen, von verschiedenen Sch\u00fctzen (nicht einfach nur solche, die mit gehobenem Arm signalisieren, wohin der Ball wohl fliegt). Beim Freisto\u00df standen sowohl Rechts- als auch ein Linksfu\u00df am Ball. Wie erw\u00e4hnt: f\u00fcr Bezirksliga-Verh\u00e4ltnisse der Hammer! Leider bekam Abdelhafid nie eine Chance in einer h\u00f6heren Klasse als der sechsten. Wegen des Aufstiegs war er immerhin in der WAZ\/NRZ M\u00fclheim der &#8222;Star der Woche&#8220;.<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Am 12. Mai 2004 schrieb ich folgenden Text:<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich wollte sich Mohamed Ali Abdelhafid bei der Aufstiegsfeier des Fu\u00dfball-Bezirksligisten Vatan Spor in Ruhe am Rand aufhalten. Doch das klappte nicht. Die Spieler zerrten ihn in die Jubeltraube und lie\u00dfen ihn hochleben.<\/p>\n<p>Dass Vatan mit 14 Punkten ganz oben steht, und den Aufstieg in die Landesliga seit zwei Wochen in der Tasche hat, ist vor allem sein Verdienst. Daher ist Mohamed Ali Abdelhafid diesmal &#8222;Star der Woche&#8220;. Der charismatische Trainer wird bei Vatan geliebt. Bei den anderen Klubs ist er aber umstritten. Wer ist dieser Mann, der an der Linie immer im Trainingsanzug br\u00fcllt und mitleidet wie kaum ein anderer?<\/p>\n<p>Er stammt aus dem s\u00fcdtunesischen Zarzis und stieg mit seinem Heimatklub Esperance als Torwart von der dritten bis in die erste Liga auf. Mit seinen Leistungen kam er in den Nationalkader. 1992 kam er nach Deutschland &#8211; der Liebe wegen. Mit seiner Frau Sandra hat er inzwischen drei Kinder. Er erlernte den Beruf des EDV-Technikers. Seine Liebe geh\u00f6rt aber auch dem Fu\u00dfball. Pausenlos k\u00f6nnte der 41-J\u00e4hrige \u00fcber das Spiel mit dem runden Leder philosophieren.<\/p>\n<p>Abdelhafid ist ein intelligenter, vielschichtiger Fachmann. Er kann f\u00fcnf Sprachen, alle autodidakt erlernt. Er ist unbeirrbar und grenzenlos selbstbewusst. Er kann emotional und arrogant wirken, aber auch \u00fcberlegt und dabei sehr freundlich. Als er nach M\u00fclheim zog, fing er als Torwart beim VfB Speldorf an, und stieg mit den Gr\u00fcn-Wei\u00dfen in die Verbandsliga auf. Dass er Trainer werden wollte, war ihm immer klar. Er erwarb nacheinander die C-, B- und A-Lizenz, und wartete auf eine Chance. &#8222;Ich habe keinen gro\u00dfen Namen in Deutschland. Daher kam nichts&#8220;, blickt er zur\u00fcck.<\/p>\n<p>1999 erhielt er seine Gelegenheit bei Vatan. Zum ersten Mal setzte er seine ehrgeizigen Ziele um: In der Vorbereitung jeden Tag Training, mit vielen Theoriestunden. Er schw\u00f6rt auf das 4-4-2-System, mit kraftraubendem Pressing und pr\u00e4zisen taktischen Vorgaben. &#8222;Einfach nur zweimal trainieren, mit ein bisschen Lauf- und Schusstraining, das kann ich nicht. Wenn ich an der Seitenlinie stehe, will ich von meiner Mannschaft einen sch\u00f6nen, anspruchsvollen Fu\u00dfball sehen&#8220;, lautet seine Meinung. Beispielhaft f\u00fcr seinen Ehrgeiz ist, dass er sich nach der Verletzung des Stammkeepers Tanriver selbst ins Tor stellte, um den Aufstieg nicht zu gef\u00e4hrden. Er war \u00fcberzeugt davon, die Aufgabe zu l\u00f6sen. Das Resultat: zwei Gegentore in vier Spielen.<\/p>\n<p>Hart sind seine Regeln: Wer beim Training fehlt, spielt nicht. Er behandelt alle gleich, A-Jugendliche genauso wie teure Stars. Mitreden l\u00e4sst er niemanden, dessen Fachwissen ihn nicht \u00fcberzeugt &#8211; das ist schwierig f\u00fcr den Vorstand. Und doch sieht er seine Rolle als Teil des Systems: &#8222;Ich bin stolz auf meine Mannschaft. Sie hat super gespielt.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Saison machte Abdelhafid mit Sticheleien gegen den gr\u00f6\u00dften Konkurrenten MSV 07 auf sich aufmerksam. Das brachte ihm den Spitznamen &#8222;Revolverschnauze&#8220; ein. &#8222;Ich bin kein b\u00f6ser Mensch und habe niemanden pers\u00f6nlich beleidigt&#8220;, sagt er. &#8222;Das geh\u00f6rt doch dazu.&#8220; H\u00e4tte Vatan den Aufstieg verfehlt, w\u00e4re er zur\u00fcckgetreten. Konsequenz ist auch eine seiner Eigenschaften. Schon zweimal kehrte er Vatan den R\u00fccken.<\/p>\n<p>Den Traum von einer gro\u00dfen Chance mindestens in der Oberliga hat er noch nicht aufgegeben. &#8222;Aber bis andere Vereine auf mich aufmerksam werden, muss ich wohl noch zwei- oder dreimal aufsteigen&#8220;, meint er. Irgendwann will er sogar den Fu\u00dfballlehrer-Schein erwerben. Er ist nun einmal ehrgeizig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Saison 2003\/2004 war Trainer Mohamed Ali Abdelhafid vom damaligen Bezirksligisten Vatan Spor M\u00fclheim mein Ansprechpartner Nummer eins. 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