{"id":1016,"date":"2011-09-01T15:44:45","date_gmt":"2011-09-01T15:44:45","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1016"},"modified":"2011-11-07T15:53:25","modified_gmt":"2011-11-07T15:53:25","slug":"heimspiel-in-bochum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1016","title":{"rendered":"Heimspiel in Bochum"},"content":{"rendered":"<p>Wer Fan des VfL Bochum ist, muss in einer Fan-Karriere ein paar Pflichten erledigen. Dauerkarte kaufen, Heimspiele sehen, ausw\u00e4rts mitfahren (und das im Sonderzug), einen Abstieg betrauern, einen Aufstieg feiern, in der Ritterburg vor dem Spiel &#8222;trinken&#8220;, am kleinen Wohnwagen vor der Tanke anne Castroper ne Currywurst verputzen und nach dem Spiel im Bermuda-Dreieck versacken. Alles mit Schal, im Trikot.<\/p>\n<p>Und nicht zu vergessen: ein Herbert-Gr\u00f6nemeyer-Konzert im Ruhrstadion sehen. Das hakte ich am 10. Mai 2003 ab.<\/p>\n<p>Ich bloggte \u00fcber Herberts Heimspiel das:<\/p>\n<p>&#8222;<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Es ist so wundersch\u00f6n, am Meer entlang zu spazieren, wenn der Wind einem so die Haare durchs Gesicht weht, dass sie die Augen verdecken, dass sie sich im Mund verfangen, und einfach schei\u00dfe schmecken. Es ist so wundersch\u00f6n, direkt am Wasser die Sandk\u00f6rner durch die Hand flutschen zu lassen, und die Gischt im Gesicht zu sp\u00fcren. Der Wasser spr\u00fcht wie per Pistole gespritzt. Und es prickeltprickeltprickelt&#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Es ist so wundersch\u00f6n, das Bochumer Ruhrstadion zu betreten. K\u00f6nnte es immer wieder sagen &#8211; und tu\u00b4s auch. Wandere in die D\u00e4mmerung, beobachte die Sonne, folge dem Lauf. Der Himmel ist blau, es riecht nach gro\u00dfen Gef\u00fchlen. Wenn ich mir diesen verdammten Geruch doch mal merken k\u00f6nnte.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Die fleisch gewordene Synthese deutscher Popmusik tritt live auf. Hei\u00dft Herbert mit Vornamen, Gr\u00f6nemeyer mit Nachnamen. Ein Mann, Mitte 40, der in den letzten Jahren einiges mitgemacht hat. Er musste seinen Bruder und seine Frau zu Grabe tragen, das alles noch innerhalb von zwei Wochen; und ganz Deutschland kondolierte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Herbert kam wieder, und alle rannten in die Plattenl\u00e4den, um &#8222;Mensch&#8220; zu erwerben. Eine CD, die sich daraufhin monatelang an der Spitze hielt; eine &#8222;Maxi&#8220;, die Dieter Bohlen und seine Superstars, aber auch Robbie Williams distanzierte. Eine &#8222;Hymne f\u00fcr die Berliner Republik&#8220; habe Gr\u00f6nemeyer komponiert, mutma\u00dfte der SPIEGEL angesichts der unfassbaren Verkaufszahlen (&#8222;Der Mensch hei\u00dft Mensch \/ weil er vergisst \/ weil er verdr\u00e4ngt \/ weil er lacht, weil er lebt \/ und du fehlst&#8220;), einer der pers\u00f6nlich ist, ohne zu nerven; einer, der politisch denkt, ohne es sich mit einer Richtung zu verscherzen; einer, der Musik f\u00fcr alle macht, und das gar nicht einmal schlecht. Mainstream ist eigentlich immer Mist, denke ich mir an eben diesem 10.Mai, als ich mein Paul-Freier-Trikot samt VfL-Schal anziehe, um zum Bochumer Ruhrstadion zu fahren. VfL-Spiel? Mainstream? Nee, Herbert Gr\u00f6nemeyer kommt. &#8222;Das ist Pflicht f\u00fcr jeden VfL-Fan&#8220;, bellte ich zu allen, die bisher das Wort &#8222;Gr\u00f6nemeyer&#8220; in meinem Wortschatz vermissten, und als ich den Dunstkreis des sch\u00f6nsten Stadions der Welt betrete, merke ich, dass ich nicht der einzige VfL-er bin. Nun gut, keine Invasion in blau-wei\u00df, aber hier ist doch der VfL zu Hause. Mainstream, jawollja, dieser Gedanke spukt in meinem Kopf herum, und ich habe mir fest vorgenommen, das Konzert gut und doch gleichzeitig schei\u00dfe zu finden. Einer, der alle auf sich vereint? Da ist doch was faul! Ein Blick in die Menge best\u00e4tigt mein erstes Gef\u00fchl&#8230; DEN typischen Gr\u00f6nemeyer-Fan gibt es nicht, schon gar nicht im Innenraum. Da steht ein 16-J\u00e4hriger, der im Anschluss ans Konzert in der Turbinenhalle Oberhausen vermutlich auf \u00fcbelsten Techno abf\u00e4hrt, zwei Reihen davor stehen Oma und Opa M\u00fcller, die den Platz im Seniorenheim bestimmt schon gebucht haben. Und auf der Trib\u00fcne hocken 40-J\u00e4hrige Neururer-Popelbremsen, mutma\u00dflich Stammg\u00e4ste im Ballermann (um auch dieses Klischee mal auszufahren, wo ich schon mal dabei bin). Jung, alt, arm, reich, Studis wie ich &#8211; that\u00b4s it. Gr\u00f6nemeyer hat\u00b4s gepackt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Mein Stadion&#8230; dort, wo ich mich sonst \u00fcber Tore des VfL freue, zieht sich Herbert gerade um. Ich atme die Luft des 16-Meter-Raums und genie\u00dfe es, einmal auf dem Platz zu stehen. Ist mir noch nie aufgefallen, dass \u00fcber unserer Ostkurve Baumwipfel zu erkennen sind. Massen an Karstadt-Werbung prangt all\u00fcberall, hab meine Karte sicher in der Hosentasche versteckt. Mal wieder eine ebay-Karte, weil mein guter Freund Bj\u00f6rn (DU GELDGIERIGER GEIZKRAGEN!!!) nicht bereit war, mir eine von seinen Karten f\u00fcr denselben Preis zu verscherbeln. Stattdessen hat er sie alle f\u00fcr ein Vielfaches bei ebay selbst veh\u00f6kert. Ich bin jedenfalls recht billig weggkommen und freue mich dar\u00fcber. Bj\u00f6rn ist auf Schalke im Juni dabei &#8211; schade Junge, Pech gehabt! Bochum ist das wahre Heimspiel!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Jaaaa, Bochum ist das wahre Heimspiel. 20.35 Uhr, kurze Aufreger \u00fcber die Leute, die einmal pro Jahr bei ner Gro\u00dfveranstaltung sind und denken, sie h\u00e4tten damit die Welt revolutioniert, doch die La-Ola-Welle schon weit vor dem eigentlichen Anpfiff und st\u00e4ndige &#8222;H\u00f6rbie&#8220;-Rufe entsch\u00e4digen&#8230; dann Licht aus, Spot an, H\u00e4lse recken, och menno, warum setzen alle Jungs ihre Perlen auf ihre Schultern; egal, w\u00fcrd ich auch tun&#8230; wozu gibts die gro\u00dfen Leinw\u00e4nde, aber &#8230; aber &#8230; aber &#8230; ich kann ihn seehn, ich kann ihn seehn&#8230; Open-Air hat Nachteile, aber auch Vorteile. Siehe oben. Himmel blau, Ruhrstadion, D\u00e4mmerung, Sonne versinkt \u00fcber dem Ruhrgebiet, watt sch\u00f6neret gibbet nicht. &#8222;Guten Abend zu Hause!!!!&#8220;, br\u00fcllt Gr\u00f6nemeyer, und damit hat er die Menge schon automatisch auf seiner Seite. Herbert guckt, Herbert springt von links nach rechts, Auf und Ab, grinst in die Kamera, sprintet den &#8222;Steg&#8220; nach vorn und nach hinten, winkt unaufh\u00f6rlich. Manchmal nervt es, dass er spricht, als h\u00e4tte er ein Dauer-Schluckauf. Manchmal nerven seine kindischen Einlagen. Doch ohne die w\u00e4re er nicht Herbert, w\u00e4re er nicht so beliebt. Ein Streichorchester begleitet den Gro\u00dfteil der Songs, und die Lightshow, die in Verbindung mit der D\u00e4mmerung phantastisch wirkt, n\u00f6tigt mir einen ersten Gef\u00fchlsausbruch ab, den ich so nicht erwartet h\u00e4tte. Der Auftakt? M\u00fcde f\u00fcr mich&#8230; denn zun\u00e4chst gibts die unbekannteren Songs von der neuesten CD &#8222;Mensch&#8220;, die ich nicht wirklich mitsingen kann. Dann verlassen alle Musiker die B\u00fchne, es wird dunkel, alle Spots auf ihn&#8230; nur Klavier&#8230; &#8222;Der Weg&#8220;&#8230; f\u00fcr seine verstorbene Frau. Als m\u00fcsste er sich bald die Tr\u00e4nen wegwischen, hockt er am Klavier, entzaubert dem Instrument sanfte T\u00f6ne. Sehr bewegend. M\u00f6chte am liebsten mitschluchzen, wenn er &#8222;Ich kann nicht mehr sehn \/ trau nicht mehr meinen Augen \/ kann kaum noch glauben \/ Gef\u00fchle haben sich gedreht \/ Ich bin viel zu tr\u00e4ge um aufzugeben \/ Es w\u00e4re auch zu fr\u00fch \/ weil immer was geht&#8220; ins Mikro haucht. Irre. Bewegend. Riesen-Applaus. Direkt danach &#8222;Mensch&#8220;. Hui, was f\u00fcr ein \u00dcbergang.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Ein unglaublicher \u00dcbergang. Als ob er seine tiefe Trauer \u00fcberspielen m\u00fcsste, gehts rund auf der B\u00fchne und davor. &#8222;H\u00f6rbie&#8220;-Sprechch\u00f6re. &#8222;Ohh wie ist das sch\u00f6n&#8220;. &#8222;Wenn ihr w\u00fcsstet, wie \u00fcberw\u00e4ltigend das von hier aussieht&#8220;, sagt er zwischendurch, als er wieder einmal kopfsch\u00fcttelnd in die Menge blickt. Heimspiel.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Heimspiel in Bochum. &#8222;Gl\u00fcck auf, gl\u00fcck auf&#8220; &#8211; Ruhe &#8222;DEEEER STEEIIGEEEER KOMMT&#8220; br\u00fcllt die Menge im Alleingang &#8211; &#8222;und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht schon angez\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fcndet schon angez\u00fcnnnddt&#8220;&#8230; &#8222;TIEF IM WESTEN, WO DIE SONNE VERSTAUBT&#8230;.&#8220; &#8230; hebt die Schals in die H\u00f6he, Gegr\u00f6le, ob von 16-, 30-, 45- oder 65-J\u00e4hrigen. Kein Halten mehr. Ich erwische mich, wie mir die So\u00dfe so langsam in die Augen zu rinnen droht, als es fast vorbei ist. Nur eins: &#8222;MACHST MIT NEM DOPPELPASS JEEEEEEEEEEEEEEEEEDEN GEGNER NASS, DU UND DEIN V-F-L!&#8220; Unfassbar. Und direkt danach &#8222;M\u00e4nner&#8220;, &#8222;Alkohol&#8220; und &#8222;Was soll das?&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Puh. Kein Halten mehr. Was soll ich daran noch schei\u00dfe finden? Die Maschinerie funktioniert auch bei mir. Einfach nur geil. Zum Schluss schickt uns &#8222;H\u00f6rbie&#8220; zum Meer, und verschwindet nach 80 Minuten gen Block P, zu Andis Stehplatz. Das soll\u00b4s gewesen sein? Nein. Klatsch-Orgien, die \u00fcblichen, Zugaben, die \u00fcblichen? Es beginnt mit &#8222;Currywurst&#8220;. Ob der das \u00fcberall spielt? &#8222;Kommse vonne Schicht wat sch\u00f6neret gibbet nich als wie Currywurst&#8230;&#8220; Der Rest l\u00e4uft vorbei, als h\u00e4tte jemand auf &#8222;Vorspulen&#8220; gedr\u00fcckt. \u00dcberlege mir, welche Songs fehlen, aber die Kracher kommen alle hintereinander. Selbst meine heimlichen Lieblingssongs; &#8222;Bleibt alles anders&#8220;. &#8222;Es gibt viel zu verliern \/ Du kannst nur gewinnen \/ genug ist zu wenig \/ oder es wird wie es war \/ Stillstand ist der Tod \/ geh voran bleibt alles anders \/ der erste Stein f\u00e4llt aus der Mauer \/ der Durchbruch ist da&#8220;. Und das phantastische &#8222;Land unter&#8220;. &#8222;Der Wind steht schief \/ die Luft aus Eis \/ die M\u00f6wen kreischen nur \/ Elemente duellieren sich \/ Du h\u00e4lst mich auf Kurs \/ hab keine Angst vorm Untergeh&#8217;n \/ Gischt schl\u00e4gt ins Gesicht \/ k\u00e4mpf mich durch zum Horizont \/ denn dort treff ich Dich&#8220;. Die neuste Single &#8222;Demo&#8220;. SMS. &#8222;Sie&#8220; findet das Lied klasse. &#8222;Ich bin dein siebter Sinn, dein doppelter Boden, dein zweites Gesicht. Du bist eine kluge Prognose, das Prinzip Hoffnung, ein Leuchtstreifen aus der Nacht. Irgendwann &#8211; find und lieb ich Dich.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Heavy emotions.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Und doch gibt es nur noch eins, das fehlt. &#8222;Ohne Bochum gehn wir nicht nach Haus &#8211; ohne Bochum gehn wir nicht nach Haus&#8220;, intonieren Zehntausende, und Herbert erh\u00f6rt es. &#8222;DER STEEIGEEEER KOMMT&#8230;..&#8220; Saxophon-Solo, auch nach zweieinhalb Stunden noch alle in Top-Form&#8230; die letzten Strophen &#8222;&#8230; DU BIST DAS HIMMELBETT F\u00dcR TAUBEN&#8230;&#8220; ein erstes Knallen am Himmel&#8230; rote Feuerwerksk\u00f6rper&#8230; &#8222;UND ST\u00c4NDIG AUF KOKS&#8220; &#8230; Himmel in gelb&#8230; &#8222;HAST IM SCHREBERGARTEN DEINE LAUBE!&#8220; und es werde gr\u00fcn &#8222;MACHST MIT NEM DOPPELPASS JEEDEN GEGNER NASS. DU UND DEIN VFL!!!&#8220; alles ist blau&#8230; die absolute Kr\u00f6nung. Kaum zu toppen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>V\u00f6llig verstrahlt gehts auf den Heimweg.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Danke Herbert! Du hast vielen Menschen und nicht zuletzt mir einen grandiosen Abend beschert, obwohl ich mir so sehr gew\u00fcnscht h\u00e4tte, ein fettiges Haar in der Mainstream-Suppe finden zu k\u00f6nnen. Ich bilde mir ein, dieser Abend wird der herausragende unter den 28 Open-Air-Auftritten gewesen sein; denn hier bist Du zu Hause. Stelle mir vor, wie Du die Stra\u00dfen entlang spazierst, in denen Du Deine Jugend verbracht hast, wie ich Dir \u00fcber den Weg laufe, mit Dir plaudere; \u00fcber dies und das, \u00fcber das Leben, das Schicksal, die Musik, den VfL. \u00dcber das Meer.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8222;Gischt schl\u00e4gt ins Gesicht&#8220;, hei\u00dft es in einer Zeile. Und ich liebe das Gef\u00fchl, genau daran zu denken.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Nur &#8222;Halt mich&#8220; h\u00e4ttste Dir sparen k\u00f6nnen. Das ist ein P\u00e4rchen-Lied. Und ich hab nicht meine Augen geschlossen, um besonders romantisiert zu wirken, sondern um all die knutschenden Menschen zu \u00fcbersehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Ein Sch\u00f6nheitsfleck?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8222;Gischt schl\u00e4gt ins Gesicht&#8220;!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>N\u00f6\u00f6\u00f6!&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Fan des VfL Bochum ist, muss in einer Fan-Karriere ein paar Pflichten erledigen. 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