{"id":1013,"date":"2011-09-01T15:35:45","date_gmt":"2011-09-01T15:35:45","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1013"},"modified":"2011-11-07T15:43:04","modified_gmt":"2011-11-07T15:43:04","slug":"coldplay-noch-ganz-klein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1013","title":{"rendered":"Coldplay noch ganz klein"},"content":{"rendered":"<p>Am 3. April 2003 besuchte ich in der D\u00fcsseldorfer Philipshalle ein Konzert der britischen Band Coldplay, die damals erst zwei Alben ver\u00f6ffentlicht hatte und &#8222;nur&#8220; die recht kleine Philipshalle ausverkaufen konnte. Heute sind Coldplay auf allen gro\u00dfen Festivals auf allen f\u00fcnf Kontinenten Headliner und jedes Album (ob gut oder schlecht) sprintet in Usain-Bolt-Tempo weltweit auf Platz 1.<\/p>\n<p>Ich bloggte das hier:<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8222;Schon oft genug habe ich Euch an dieser Stelle von den &#8222;schlie\u00dft-die-Augen-und-tr\u00e4umt&#8220;-Bands erz\u00e4hlt. Zum Beispiel JJ 72. Zum Beispiel K\u00b4s Choice. Zum Beispiel Travis. Und zum Beispiel Coldplay. Ich steh ja auf so Gruppen, auf so Musik. Die tut zwischendurch mal gut und ist auch live ganz gut vertr\u00e4glich. Oder?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Wer von Euch kennt Benjamin von Stuckrad-Barre? Ich sehe ein paar Finger&#8230;. jaaaa&#8230;. links hinten der Herr auch? Och kommt&#8230; Benjamin von Stuckrad-Barre ist doch nicht unbekannt, oder? Diesen &#8222;Popliteraten&#8220;, der zwischendurch mal bei MTV eine Sendung moderiert hat, der mal Gagschreiber bei Harald Schmidt war, der so B\u00fccher wie &#8222;Soloalbum&#8220; und &#8222;Livealbum&#8220; verzapft hat? Dieses arrogante Arschloch? Und was hat das alles mit Coldplay zu tun?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Vermutlich werden jetzt alle, die etwas f\u00fcr Stucki \u00fcbrig haben (und ich bef\u00fcrchte, das sind nicht wenige), leichte Kr\u00e4mpfe in allen K\u00f6rperpartien versp\u00fcren, aber Coldplay &#8211; das sind die Stuckrad-Barres der aktuellen Musikszene. Die B\u00fccher von dem Deppen sind leicht vertr\u00e4glich, leichte-seichte Kost. Die Musik von Coldplay ist? Nat\u00fcrlich leicht vertr\u00e4glich, leichte-seichte Kost, die die breite Masse gern konsumiert, aber nur f\u00fcr ne halbe Stunde, um dann die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu tun. Das Stuckrad-Barre-Ph\u00e4nomen entwickelte sich erst in den letzten zwei\/drei Jahren, das Coldplay\u00b4sche auch. Und nicht zuletzt werden beide von einer fast schon gar nicht mehr \u00fcberschaubaren Anzahl Prominenter angehimmelt. Der Coldplay-S\u00e4nger soll eine Liaison mit Gwyneth Paltrow haben, in den USA war Brad Pitt froh, eine Ehrenkarte ergattert zu haben. Zu Stuckis Verehrern z\u00e4hlt eben jener Harald Schmidt, der mal von seinen Gags profitierte. Ein zum Massenph\u00e4nomen gewordener Geheimtipp. Stuckrad-Barre hat\u00b4s nicht gut getan, und bei Coldplay? Wird&#8217;s dasselbe?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Ach so, eins haben beide auch noch gemeinsam, n\u00e4mlich Talent: W\u00e4hrend Stuckrad-Barre wirklich ein talentierter Schriftsteller ist, der pointiert und treffsicher formulieren kann, k\u00f6nnen Coldplay Musik machen. Es war im Jahr 2000, als die Songs &#8222;Trouble&#8220; und &#8222;Yellow&#8220; direkt mein Trommelfell streichelten, und sogar noch auf den &#8222;Crossing-all-Over&#8220;-CD\u00b4s ver\u00f6ffentlicht wurden. Einfach herrliche Musik. Das Nachfolge-Album war dann schon lange \u00fcberf\u00e4llig, und Ende 2002 stand &#8222;A rush of blood in the head&#8220; auch endlich in allen CD-Regalen. Glaubt mir: Selbst wenn es mir nicht gefallen h\u00e4tte, ich w\u00e4re zu diesem Konzert gegangen. Dieser Hype hat mich ganz einfach interessiert. Was sind das f\u00fcr Leute, die sich daf\u00fcr Zeit nehmen?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Coldplay sind eine P\u00e4rchen-Band. Eigentlich kann ich mir das schon denken, als ich um 19 Uhr die S-Bahn Richtung D\u00fcsseldorf betrete &#8211; und diese Vermutung wird in der langen Schlange vor der Philipshalle glatt best\u00e4tigt. Bestimmt 80 Prozent der Zuschauermenge bestehen aus P\u00e4rchen, die sich bei den Schmusesongs in den Armen liegen wollen. Siehe oben. Eine &#8222;schlie\u00dft-die-Augen-und-tr\u00e4umt&#8220;-Band. Eine Band, die das Ordnerteam der Philipshalle in Verlegenheit bringt. Gerade einmal zwei Eingangst\u00fcren sind offen, die Wartenden schl\u00e4ngeln sich bestimmt 500 Meter lang \u00fcber den kompletten Parkplatz.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8211; Also das letzte Mal, dass es hier so voll war, war bei POLICE in den 80-ern, posaunt eine Frau vor mir, deren Lippenstift so dick aufgetragen ist, dass er bestimmt noch im Dunkeln leuchtet.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8211; Sch\u00e4tz mal, wie alt ich bin, will sie von einer mit ihr in der Schlange stehenden Studentin wissen. Die reagiert nicht, als prompt die Antwort &#8222;48&#8220; kommt. Ein Himmelreich f\u00fcr ein Pflaster.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Von hinten kommt Ren\u00e9 angetrabt, ein alter Fu\u00dfball-Mannschaftskollege, der die Eintrittskarte seiner Freundin geschenkt hatte (jaja, P\u00e4rchen-Band). Manchmal hat das Single-Dasein auch so seine T\u00fccken.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Als ich schlie\u00dflich den Innenraum betrete, rockt die (wirklich gute) Vorband FEEDER schon gut ab. Ruckzuck ist\u00b4s vorbei, und eine dreiviertelst\u00fcndige Wartezeit beginnt&#8230; Sinnieren \u00fcber meine letzten Konzerte (waren ganz sch\u00f6n viele in kurzer Zeit), \u00fcber den heutigen Arbeitstag (nicht der Rede wert), \u00fcber das am Samstag folgende VfL-Spiel, den \u00fcblichen Kram. Nur nicht \u00fcber Coldplay. Das zeigt, dass ich wohl ein typischer Fan dieser Band bin. Sauge die Musik auf, w\u00fcrde sie aber niemals als Hintergrundmusik f\u00fcr meinen pers\u00f6nlichen Lebensfilm ausw\u00e4hlen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Dann endlich joggt Chris Martin &#8211; so hei\u00dft er glaube ich &#8211; auf die B\u00fchne. Okay, dass er Chris hei\u00dft, best\u00e4tigt mir ein richtig albernes Plakat (&#8222;We love u Chris! Make us a baby!&#8220;) &#8211; Gwyneth l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Das Publikum ist jung, die 48-J\u00e4hrige (sie war bestimmt \u00e4lter) eine Ausnahme, Ren\u00e9 habe ich im Trubel des Hallenfoyers verloren. Es rockt. Ich gebe zu, vorher die Bef\u00fcrchtung gehabt zu haben, es w\u00fcrde ein ganz ruhiger, beschaulicher Abend, ohne gro\u00dfartiges Mitgebr\u00fclle, ohne lang anhaltende Beifallsst\u00fcrme, nur mit dem \u00fcblichen Mitgewippe. Falsch gedacht. Coldplay bringen die Halle zum Beben. Sehr stark, als sie bei &#8222;Yellow&#8220; die ganze B\u00fchne in ein sch\u00f6nes Gelb tauchen. \u00dcberhaupt gut, diese Lichteffekte. Bei der ersten Zugabe &#8222;Clocks&#8220; f\u00e4ngt eine gr\u00fcne Laserstrahlplane den Nebel aus der Nebelmaschine auf und erhebt sich \u00fcber dem Innenraum. Beeindruckend. Chris Martin ist der Star. Zu jeder Sekunde befindet er sich im Mittelpunkt, sind die Lichter auf ihn gerichtet. Aus 100 Metern Entfernung (und ich hab keine Brille auf) sieht er sogar ein wenig nach Stuckrad-Barre aus, und die Rahmung meines Textes ist komplett. Chris Martin singt jaulend, z\u00e4rtlich, laut, leise. Er kann\u00b4s. Chris Martin preist den fairen Welthandel an, und l\u00e4sst den Irak-Krieg mal lieber au\u00dfen vor. Ganz klar: In den USA machen Coldplay fette Kohle. Highlights sind die f\u00fcnf gro\u00dfen Hits &#8222;Yellow&#8220;, &#8222;Trouble&#8220;, &#8222;In my place&#8220;, &#8222;Clocks&#8220; und &#8222;The Scientist&#8220;&#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>&#8222;Nobody said it was easy,<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>It&#8217;s such a shame for us to part.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Nobody said it was easy,<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>No-one ever said it would be this hard,<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Oh take me back to the start&#8220;,<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>hei\u00dft es in dem zuletzt genannten Song, der mein pers\u00f6nlicher H\u00f6hepunkt an einem gut vertr\u00e4glichen Abend ist.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Der mit einer Panne begann (die lange Schlange, Ihr wisst schon&#8230;) und mit einer Panne aufh\u00f6rte. Offenbar ist die dritte Zugabe &#8222;Trouble&#8220; am Philipshallen-Veranstalterteam vorbei gegangen. Dieses hatte schon das Licht in der Halle angeschaltet; aber Chris und Co. spielten trotz dieser unromantischen Atmosph\u00e4re den Song zu Ende. Wenigstens ihre 80 Minuten machten sie voll. Schade, dass Coldplay ab sofort wohl nicht mehr auf einer Crossing-all-over-CD erscheinen werden. Sie sind in den gro\u00dfen weiten Pop-Olymp aufgenommen. Wenigstens haben sie sich einen ganz leisen alternativen Touch bewahrt. Hoffentlich behalten sie auch ihre F\u00e4higkeit, &#8222;schlie\u00dft-die-Augen-und-tr\u00e4umt&#8220;-Songs zu schreiben.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. April 2003 besuchte ich in der D\u00fcsseldorfer Philipshalle ein Konzert der britischen Band Coldplay, die damals erst zwei Alben ver\u00f6ffentlicht hatte und &#8222;nur&#8220; die recht kleine Philipshalle ausverkaufen konnte. Heute sind Coldplay auf allen gro\u00dfen Festivals auf allen &hellip; <a href=\"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1013\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1,126,121,9],"tags":[145,197],"class_list":["post-1013","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-blog-damals","category-konzerte","category-musik","tag-coldplay","tag-musik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1013","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1013"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1013\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1015,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1013\/revisions\/1015"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1013"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1013"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreasernst.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1013"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}