{"id":1010,"date":"2011-09-01T15:09:36","date_gmt":"2011-09-01T15:09:36","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1010"},"modified":"2011-11-07T15:18:12","modified_gmt":"2011-11-07T15:18:12","slug":"wie-am-ersten-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreasernst.com\/?p=1010","title":{"rendered":"Wie am ersten Tag"},"content":{"rendered":"<p>Man, was war ich nerv\u00f6s. Nie vorher (und nie nachher) gab ich so viel Geld f\u00fcr eine Konzertkarte aus &#8211; und nie vorher (aber oft nachher) sah ich die Helden meiner Jugend &#8211; drei Jungs, die sich auf der B\u00fchne &#8222;Die \u00c4rzte&#8220; nennen &#8211; live. Und das auch noch bei einem intimen Konzert in der Kulturfabrik Krefeld, auf einer Klubtour unter dem Namen &#8222;Nackt unter Kannibalen&#8220;.<\/p>\n<p>Ich bloggte dies hier:<\/p>\n<p>&#8222;<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Eine Band, die meine Kindheit vers\u00fc\u00dfte, habt Ihr auf dieser Homepage schon kennengelernt. Doch nicht nur die viel ger\u00fchmten Toten Hosen aus D\u00fcsseldorf z\u00e4hlten zu den Helden des Grundschul-Andis, nein, vielmehr waren die &#8222;\u00c4rzte&#8220; aus Berlin diejenigen, die sogar noch \u00fcber den &#8222;Hosen&#8220; in meinen internen Jubel-Charts rangierten und sogar per Poster meine Pinnwand zierten (eher als die Mannschaft des VfL Bochum!). Die &#8222;\u00c4rzte&#8220; aus Berlin, rebellisch, anders. Unvergessene Momente, als mein Bruder erste Musikkassetten mit Songs wie &#8222;Zu sp\u00e4t&#8220; und &#8222;Wie am ersten Tag&#8220; mitbrachte, und mein Vater zweifelnd in der Kinderzimmert\u00fcr stand. Er &#8211; Beamter beim Jugendamt &#8211; war nat\u00fcrlich bestens \u00fcber die Untersuchungen der &#8222;Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Schriften&#8220; informiert. Wir h\u00f6rten trotzdem. Die &#8222;\u00c4rzte&#8220; aus Berlin. Sie fehlen noch auf meiner Live-Liste. Ich habe viele Konzerte gesehen und einiges erlebt. Und nun? Nun geht es nach Krefeld, und offiziell spielt die Combo &#8222;Nackt unter Kannibalen&#8220;. Die Insider (oder besser: die eingefleischtesten Fans &#8211; so wie ich einer bin) wissen, dass die selbst ernannte &#8222;beste Band der Welt&#8220; dahinter steckt. Auf ihre alten Tage wollen Jan Vetter (alias Farin), Dirk Felsenheimer (alias Bela) und Rodrigo Gonzales (alias Rodrigo Gonzales) noch einmal in kleinen Klubs unter Pseudonym vor wenig Fans spielen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Nerv\u00f6ser als sonst betrete ich die Konzert-Location. Zuletzt waren es &#8222;Kettcar&#8220; in D\u00fcsseldorf, &#8222;nur&#8220; mit der Vorfreude auf etwas Unbekanntes, davor die &#8222;Hosen&#8220; in der Arena Oberhausen &#8211; da wei\u00df man, was man hat. Schon bevor das Konzert beginnt, ist es supereng, total warm und der Schwei\u00df l\u00e4uft Stirn und Wangen hinunter. Hab zuletzt wenig Sport gemacht. Zurecht. Die ganzen Kilos werd ich mit Leichtigkeit an diesem Konzertabend los. Gibts eine Vorband? Gar nicht drauf geachtet. Nee, gibts nicht, meint mein Nebenmann. Die Masse ist sehr heterogen. Ich z\u00e4hle zu den \u00c4lteren. Vorn stehen die 16- bis 20-J\u00e4hrigen mit Bierpullen und Augenr\u00e4ndern (Karnevals-Nachwirkungen) und bereiten sich auf seichten Pogo vor, die \u00c4lteren haben sich nach hinten verzogen. Da will ich eigentlich auch hin, doch irgendwie lasse ich mich in die Mitte dr\u00e4ngen. Schei\u00dfe, da werd ich um ein paar blaue Flecken nicht herum kommen. Auch lang nicht mehr gehabt. Handy rausholen. Wie viel Uhr ist es? 20.15 Uhr. Kein Netz. Umso besser. Werd ich wenigstens nicht gest\u00f6rt. Licht geht aus. Spotlight an. Drei Kerle betreten die B\u00fchne. Sie sinds. Farin links an der Gitarre. Mit schwarz gef\u00e4rbten Haaren. Vor 15 Jahren waren die noch grellblond. Bela der T\u00e4towierte an den Drums. Und Rod. Es rockt. Es rockt ohne Ende ab. &#8222;Kopf\u00fcber in die H\u00f6lle&#8220; wird zuerst getr\u00fcmmert, h\u00fcpfen, h\u00fcpfen, h\u00fcpfen, von vorn bis hinten, sto\u00df mit meinem Vordermann zusammen. Autsch das gibt ne Beule. 700 Fans werden zweieinhalb Stunden abfeiern.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Und es nicht immer leicht haben. Denn ein &#8222;\u00c4rzte&#8220;-Konzert, das h\u00f6rte ich schon vorher und wurde best\u00e4tigt, begeistert und strapaziert doch gleichzeitig die Nerven. Diese Typen wirken zuweilen unglaublich alternativ, und im n\u00e4chsten Moment wie arrogante Arschl\u00f6cher. Es ist eine altbekannte Tatsache, dass die &#8222;\u00c4rzte&#8220; w\u00e4hrend Ihrer Auftritte unheimlich viel labern. Bestimmt viermal witzeln Farin und Bela miteinander, ohne dass es irgendeinen juckt. Da muss Rod schon mal nachhaken: &#8222;H\u00f6rt mal Jungs, das interessiert hier keinen!&#8220; Ist ihnen aber schnuppe. Zu Beginn ihrer Zeit, Anfang der 80-er, wollten sie noch die Welt revolutionieren, drehten die Verst\u00e4rker bis zum Anschlag auf und schrammten auf der Gitarre rum, bis sie den Geist aufgab. Jeder Auftritt ein Genuss. Und nun? Nun begr\u00fc\u00dft Farin die Menge mit den Worten: &#8222;Hallo. Wir sind die \u00c4rzte aus Berlin. Ich hoffe, Ihr seid gut drauf, denn Bela ist krank und Rod und ich haben keine Lust!&#8220; Die Menge jubelt. Meint er bestimmt nicht ernst. Oder?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Was f\u00fcr ein Witzbolzen. Zuweilen scheint sich Farin &#8211; mittlerweile 40 und auch schon mit Solo-Album auf der Visitenkarte &#8211; zu am\u00fcsieren, dar\u00fcber, dass sich noch so viele M\u00e4dchen und Teenager unter den Fans befinden; sp\u00e4testens nach dem dritten BH, der auf die B\u00fchne fliegt. &#8222;Und nun kommt ein Lied von damals&#8220;, br\u00fcllt er ins Mikro. Um anzuf\u00fcgen: &#8222;Gebt mir ein D&#8220; (<em>die Menge: &#8222;D!!!&#8220;)<\/em>. &#8222;Gebt mir ein amals&#8220; (<em>die Menge: &#8222;AMALS!!!&#8220;)<\/em>. &#8222;Und das macht?&#8220; <em>(die Menge: &#8222;DAMALS!!!&#8220;)<\/em> &#8222;Ihr seid so verflucht schlau!&#8220; Der sitzt. Auf der B\u00fchne erlauben sich die Drei alles. Sogar als absolut nervenden &#8222;running gag&#8220; ein Panfl\u00f6ten-St\u00fcck von einem George waswei\u00dfich, das den ganzen einst\u00fcndigen Zugabenblock begleitet. Doch niemand pfeift, obwohl die von Rod auf Keyboard geklimperten Takte stets \u00fcbelst gleich klingen. Fast wie Harald Schmidt auf SAT.1. So lange sich keiner beschwert, immer weiter, immer weiter&#8230; In Krefeld sind sowieso nur die Eingefleischten. &#8222;Wenn Ihr heute Abend von einem St\u00fcck tr\u00e4umt, dann von dem Panfl\u00f6tenst\u00fcck. Und wir sind das schuld&#8220;, so beginnt die Verabschiedung nach der letzten Zugabe. Mit der Erg\u00e4nzung: &#8222;Die \u00c4rzte haben alles gegeben. Und ihr habt als Publikum Eure Sache sehr gut gemacht. Wir hatten Spa\u00df. Vor allem mit einem St\u00fcck.&#8220; Und Farin spielt nochmal die Panfl\u00f6te auf Keyboard an.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Hat das irgendwas dekonstruktivistisches (keine Ahnung, ob dieses Wort hier wirklich passt, aber ich versuch&#8217;s&#8230;)? Nee, weil das irgendetwas mit &#8222;kritisch&#8220; zu tun hat. Und kritisch sind die \u00c4rzte gar nicht mehr. Alle drei haben vermutlich l\u00e4ngst Millionen auf dem Konto, und lassen das auch raush\u00e4ngen. Punk nur noch auf dem (Noten-)Papier. Fehlt nur noch, dass sie voller Inbrunst &#8222;Ich bin reich&#8220; spielen. &#8222;Jede vierte Mail&#8220;, verr\u00e4t Farin bei irgendeiner seiner Laberattacken, &#8222;die wir bekommen, tr\u00e4gt den Inhalt: Fr\u00fcher wart Ihr besser, ganz anders, punkiger.&#8220; Und f\u00fcgt hinzu: &#8222;Wozu gibt es die &#8222;Delete&#8220;-Taste? Dann steht da noch der Satz: Vor dem Kommerz!&#8220; &#8222;Oh ja, der Kommerz&#8220;, schreit Bela aus dem Hintergrund und schmei\u00dft Drumsticks in die Menge. &#8222;Ach man gew\u00f6hnt sich so schnell an die S-Klasse.&#8220; Gel\u00e4chter auf der B\u00fchne. Und unten in der Menge. Ist doch schei\u00dfegal, wieviel die verdienen. Hauptsache Paaaadiiieeee. Punk, urspr\u00fcnglich auch politische Bewegung. Tagespolitik bei den &#8222;\u00c4rzten&#8220;? Es bleibt inhaltsleer. &#8222;Schrei nach Liebe&#8220; &#8211; der Song gegen Nazis &#8211; wird nicht gespielt; in &#8222;Friedenspanzer&#8220; wird die Zeile &#8222;wenn Br\u00fcder und Schwestern sich wieder hassen&#8220; in &#8222;wenn die Amis wieder hassen&#8220; umgewandelt &#8211; und das hinterher selbstverst\u00e4ndlich hervorgehoben, von wegen &#8222;die Tagespolitik eingebunden&#8220; und so! Die &#8222;\u00c4rzte&#8220;, das ist die Band, die fast so viele &#8222;Best of&#8220;-Alben herausgegeben hat wie &#8222;normale&#8220;. Da war die &#8222;Ist das alles? 13 H\u00f6hepunkte&#8220; von 1987, die &#8222;Live&#8220;-CD von 1990, die &#8222;Die \u00c4rzte fr\u00fcher&#8220; von 1993, die &#8222;Das Beste von fr\u00fcher nach kurz bis jetze&#8220; von 1994, die &#8222;Gib mir Deine Seele &#8211; LIVE&#8220; von 1999 und schlie\u00dflich die &#8222;Rock\u00b4n\u00b4Roll-Realschule&#8220; im Rahmen der &#8222;MTV-Unplugged&#8220;-Reihe aus dem Dezember 2002. \u00c4rzte \u00fcberall. Und die Kohle flie\u00dft und flie\u00dft. Sollten sie irgendwann diesen Text lesen, w\u00fcrden sie vermutlich nur m\u00fcde l\u00e4cheln, und auf ihr pralles Bankkonto schauen. Mal sind sie Helden, und mal Diebe. Und doch mag sie noch genauso wie am ersten Tag und find bei aller Kritik den Abend total klasse. Eben weil ich ein ganz Eingefleischter bin. Der alle CD\u00b4s zu Hause hat. Verr\u00fcckt, oder?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Macht es den drei Jungs \u00fcberhaupt noch Spa\u00df? Nach 20 Jahren auf der B\u00fchne immer wieder dieselben Lieder singen? Bei allen Zweifeln kann ich diese Frage doch bejahen. Es sind die H\u00f6hepunkte, die mir, den anderen und auch den dreien selber unter die Haut gehen. Wenn alle Fans die H\u00e4nde in die H\u00f6he recken, klatschen, was das Zeug h\u00e4lt, und h\u00fcpfen, so hoch sie k\u00f6nnen. Konzert-Ekstase. H\u00f6hepunkte wie &#8222;Wie am ersten Tag&#8220; (&#8222;Hey Du bleib stehen, ich wei\u00df, wohin Du gehst, Du brauchst nicht so zu tun, als ob Du nicht verstehst&#8230; Du bist auf dem Weg zu Ihr, sie geh\u00f6rte mal zu mir&#8230; usw.&#8220;), ein Mix aus &#8222;Westerland&#8220; und &#8222;Elke&#8220; (die Melodie des einen Songs gemixt mit dem Text des andern) und nat\u00fcrlich &#8222;Zu sp\u00e4t&#8220; (&#8222;Eines Tages werd ich mich r\u00e4chen, ich werd die Herzen aller M\u00e4dchen brechen, dann bin ich ein Star, der in der Zeitung steht &#8211; dann tut es Dir leid, doch dann ist es zu sp\u00e4t!&#8220;). Von jedem einzelnen Lied kenne ich alle Silben, und singe sie voller Inbrunst mit. Ungeahnt gut ab gehen auch Songs wie &#8222;Friedenspanzer&#8220;, &#8222;Du willst mich k\u00fcssen&#8220;, &#8222;K\u00e4fer&#8220; und &#8222;Alleine in der Nacht&#8220;. Ein richtiger Flop ist nicht dabei. Leise wird&#8217;s nur &#8211; siehe oben, bei den Mono- und Dialogen. Ein begrenztes Programm ist den &#8222;\u00c4rzten&#8220; beim besten Willen nicht vorzuwerfen. Schaut nach in der Setlist &#8211; aus jedem Album wurde fast die gleiche Anzahl an Songs gespielt. Ein &#8222;\u00c4rzte&#8220;-Rundblick \u00fcber das bisherige Schaffen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Der 4. M\u00e4rz 2003 wird als unvergesslicher Tag in meine Lebensgeschichte eingehen. Zweifelsohne. Sicherlich hat das den Grund, dass ich den 4.3.03 ohnehin zum rot markierten Datum erheben wollte, denn normalerweise h\u00e4tte der VfL an diesem Tag im DFB-Pokal-Halbfinale gestanden (wenn nicht dieses bl\u00f6de Elfmeterschie\u00dfen gewesen w\u00e4re, verdammt!). Aber das &#8222;\u00c4rzte&#8220;-Konzert dient als mehr als guter Ersatz. Unvergesslich auch der Preis f\u00fcr die Eintrittskarte. Nie vorher und auch (versprochen!) nie wieder nachher werde ich so viel Geld bei &#8222;ebay.de&#8220; f\u00fcr eine Eintrittskarte bezahlen. Zu guter letzt sind die Emotionen mit Sicherheit zu vergleichen mit denen bei den &#8222;Hosen-Konzerten, wenngleich die Bands \u00e4u\u00dferst wenig gemeinsam haben. Die Hosen: Fu\u00dfball, D\u00fcsseldorf, Alkohol. Die \u00c4rzte: Hassen Fu\u00dfball, Berlin, Versautes. Gut, die Musik klingt \u00e4hnlich. Aber das w\u00e4rs schon.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Ich glaube Bela aufs Wort, wenn er sagt: &#8222;Wir sind zurzeit die einzigen Superstars Deutschlands&#8220; &#8211; in Anspielung auf die elende RTL-Show. Sie haben das Gesch\u00e4ft verstanden. Ihr Etikett fr\u00fcherer Tage behalten, und die Kohle immer weiter vermehrt. Und vermehrt. Und vermehrt. Da k\u00f6nnen sie es sich auch mal erlauben, in zehn kleineren Hallen f\u00fcr eine ganz kleine Gemeinde zu singen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica;\"><span>Und ich danke Ihnen daf\u00fcr.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man, was war ich nerv\u00f6s. 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