{"id":3698,"date":"2012-01-25T15:22:17","date_gmt":"2012-01-25T14:22:17","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=3698"},"modified":"2014-01-25T15:36:07","modified_gmt":"2014-01-25T14:36:07","slug":"3-november-2002-vfl-hertha-bsc-30-huldigung-an-dariusz-wosz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=3698","title":{"rendered":"3. November 2002 &#8211; VfL-Hertha BSC 3:0 &#8211; &#8222;Huldigung an Dariusz Wosz&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>In meinen elf Jahren als freier Mitarbeiter bei der WAZ\/NRZ M\u00fclheim gab es einige anstrengende Sonntage. Um 11 Uhr zum Handball, erste Texte schreiben, um 15 Uhr zum Amateurfu\u00dfball, kurz vor Schluss abhauen, schnell zum VfL fahren, zur\u00fcck nach M\u00fclheim, Texte schreiben. 13- bis 15-Stunden-Tage waren das.<\/p>\n<p>An einem davon besiegte der VfL Hertha BSC mit 3:0 &#8211; und danach verfasste ich eine Huldigung. F\u00fcr Dariusz Wosz. Aber lest selbst.<\/p>\n<p><strong>Hier geht es zum Text, den ich &#8222;Huldigung an Dariusz Wosz&#8220; nannte und mit der Unterzeile &#8222;Das 66-Prozent-Spiel&#8220; versah:<\/strong><\/p>\n<p>Seine Dribblings sind der Hammer. Kaum hat er den Ball, blickt er seinem Gegenspieler in die Augen. Ein Haken links, ein Wackler rechts &#8211; und schon ist er vorbei. 168 Zentimeter misst er nur, ich k\u00f6nnte ihm auf den Kopf spucken. Seine \u00c4u\u00dferungen deuten nicht auf einen Rhetorik-Kurs hin. Und doch wird dieser Text eine Huldigung. Eine Huldigung an Dariusz Wosz, der einzig wahren &#8222;Nummer zehn&#8220;, die der VfL hatte, seitdem ich regelm\u00e4\u00dfig die Stehstufen des Ruhrstadions beehre. Wosz, einer der sensiblen Spieler. Einer, der das Gef\u00fchl haben muss, von den Fans geliebt zu werden; einer, der Verantwortung tragen will. Einer, der genau das alles in Bochum kann und bekommt. Ohne \u00fcbertreiben zu wollen &#8211; jeder der durchschnittlich 20.000 VfL-Fans im Ruhrstadion w\u00fcrde sein letztes Hemd geben, damit Dariusz Wosz in Bochum bleibt. Das war schon 1997 so, als sich die von der Presse so getaufte &#8222;Zaubermaus&#8220; Richtung Berlin verpisste. Stellt Euch vor, Ihr seid mit Eurer absoluten Traumfrau zusammen. Irgendwann sagt sie dann zu Dir: Pass mal auf, ich verlasse Dich und gehe zu Tom Cruise, um ihn um ein paar Millionen zu erleichtern, aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter komm ich zur\u00fcck, weil ich eigentlich nur Dich liebe. Da w\u00e4rt Ihr doch auch echt angefressen, oder?<\/p>\n<p>Dementsprechend b\u00f6se reagierte die VfL-Kurve auf den damaligen Wosz-Wechsel nach Berlin; doch die Zuneigung war noch zu gro\u00df. Bei jedem Auftritt der Hertha im Ruhrstadion tr\u00e4nten die Augen, den Dariusz in einem anderen Trikot zu sehen. Und ihm ging es wahrscheinlich nicht anders. Nach drei Jahren in der Hauptstadt hatte er die Schnauze voll und kehrte in den Pott zur\u00fcck &#8211; und ist seitdem der &#8222;K\u00f6nig von Bochum&#8220;. Er liebt die Fans, die Fans lieben ihn. Und Heimspiel f\u00fcr Heimspiel schl\u00e4gt er seine Haken, bereitet Tore vor, netzt selbst ein, rennt 90 Minuten lang. 168 Zentimeter Bochum. 168 Zentimeter Dariusz!<\/p>\n<p>Warum steht blo\u00df an dieser Stelle die Huldigung? Warum nicht schon fr\u00fcher oder erst sp\u00e4ter? Warum genau hier?<\/p>\n<p>Diese Fragen kann ich Euch leicht beantworten. Heute, genau heute Abend stand in der 49. Minute vielen, vielen VfL-Fans die Suppe in den Augen. Kurz nachdem Dariusz die Kugel mit einem herrlichen Tor zum 1:0 versenkt hatte, zog er sein Trikot aus und pr\u00e4sentierte ein T-Shirt mit der Aufschrift &#8222;Ich bin ein Bochumer Junge&#8220;. Kurz darauf laute &#8222;Dariusz! Dariusz!&#8220;-Rufe. G\u00e4nsehaut! Dieser kleine Mann wird immer eng mit meiner VfL-Bochum-Karriere zusammenh\u00e4ngen. Denn irgendwann werden all diese Jahre als die &#8222;\u00c4ra Wosz&#8220; in die VfL-Geschichte eingehen. Ganz sicher!<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser des ganzen war dieses Spiel Bochum gegen Hertha! Wenn Ihr mich gestern gefragt h\u00e4ttet, ob ich heute an meiner Homepage bastle, um etwas \u00fcber das VfL-Spiel zu schreiben, dann h\u00e4tte ich DICK mit &#8222;NEEEEIN&#8220; geantwortet. Wie Euch schon aufgefallen ist, war ich n\u00e4mlich seit dem 10. September (!!!!!), also seit fast zwei Monaten (!!!!!!) nicht mehr bei einem Heimspiel. Und daran ist nur dieser verdammte DFB schuld. Zum ersten Mal in der Bundesligageschichte spielt ein Verein n\u00e4mlich F\u00dcNFMAL (!!!!!!!!!!!!!!!!!) hintereinander an einem Sonntag. Keinen Fan st\u00f6rt das mehr als mich, da der Sonntag mein Haupt-Arbeitstag ist.<\/p>\n<p>Jedenfalls hatte ich mir das Spiel abgeschminkt, da mein Terminkalender voll war und den Besuch des Verbandsligaspiels Union M\u00fclheim gegen Viktoria Goch vorsah. Dort war ich auch (endete \u00fcbrigens 3:0, drei Tore durch den Ex-VfLer Michael Klau\u00df), doch bereits um 16.15 Uhr betrat ich das WAZ-B\u00fcro. Ein Blick auf die Uhr, ein spontaner Entschluss, die Erlaubnis der Chefin &#8211; und schon sa\u00df ich im Zug. Zwar verpasste ich die ersten 30 Minuten (und so wird das Match als 66-Prozent-Spiel in meine VfL-Statistik eingehen), aber egal &#8211; der VfL \u00fcberzeugte sowieso nur ab der 30. Minute.<\/p>\n<p>Im ersten Moment im Stadion f\u00fchlte ich mich an eine Stelle aus einem WERNER-Comic erinnert, in der es hei\u00dft: &#8222;Zwei Wochen war ich nicht in Kiel, dann komm ich wieder &#8211; und immer noch die gleichen Pissgesichter!&#8220; Tja, so \u00e4hnlich ging es mir &#8211; und sp\u00e4testens, als ich neben meinen Jungs am \u00fcblichen Ort stand, da war mir klar: Nie wieder zwei Monate ohne ein VfL-Heimspiel. Und wenn ich daf\u00fcr blau machen muss! Die Namen der Jungs kenne ich immer noch nicht (und werde sie wohl auch nie kennenlernen), aber das spielt ja auch keine Rolle. Die k\u00f6nnten aus dem Knast ausgebrochen oder sogar FDP-Mitglied sein; egal. Hier regiert der VfL.<\/p>\n<p>&#8211; Wie ist das Spiel, ich komm grad erst!?<\/p>\n<p>&#8211; Die Berliner stehen hinten kompakt und hatten die besseren Chancen. Also wenn der van Duijnhoven&#8230;<\/p>\n<p>&#8211; Sieht also nicht gut aus?<\/p>\n<p>&#8211; Eher nicht!<\/p>\n<p>Halbzeit, wieder raus der Kurve; Bratwurst essen, wieder rein in die Kurve.<\/p>\n<p>Mein Mund geht nicht mehr zu. Okay, bei geschlossenem Gesichtsgeh\u00e4use l\u00e4sst es sich schlecht ne Wurst essen, aber das Spiel wird atemberaubend. Keine einzige Sekunde bereue ich, dass ich mir drei Stunden frei genommen habe, dass ich heute bis 23 Uhr arbeiten muss. Eine Gala. Den Berlinern werden die Konter um die Ohren gehauen. Wosz. Immer wieder Wosz. Und Freier. Hinten der Kalla riesig. Also nicht nur k\u00f6rperlich, sondern auch sportlich. Keine vier Minuten sind rum, da gehts richtig ab: Tor-Pogo vom Feinsten. Freier (na klar) auf Wosz (na klar), ein Schuss, BUMS, ein Tor &#8211; 1:0 !!!!! Jetzt geht\u00b4s ab. Das war wie der Eisbrecher in der Disco. Alle elf Spieler bewegen sich auf dem Rasen wie filigrane Beweglichkeitswunder auf der Tanzfl\u00e4che. Gut, Berlin ist immer noch saugef\u00e4hrlich, aber schlie\u00dflich Konter Nummer eins: Freier vollendet nach Bemben-Assist sensationell zum 2:0 (75.), dann noch Wikinger Thoddi zum 3:0 (90., nach Freier-Pass).<\/p>\n<p>Zwischendurch noch so ein toller Sprechchor &#8222;Zieht dem Torwart die Jogginghose aus&#8220; (sieht echt sch\u00e4big aus, Herr Kiraly). Also selten habe ich eine Entscheidung im Nachhinein so genossen. Und ich mach mir noch Gedanken, ob es sich lohnt, f\u00fcr 60 Spielminuten nach Bochum zu fahren. SOGAR DIE ARBEIT HAB ICH VERGESSEN! Und das muss an einem Stress-Sonntag schon was hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Mein WAZ-Text \u00fcber das Spiel von Union M\u00fclheim ist \u00fcbrigens nur durchschnittlich geworden. In Gedanken sa\u00df ich schon an diesen Zeilen. An der Huldigung f\u00fcr einen rhetorisch m\u00e4\u00dfig begabten Fu\u00dfballk\u00fcnstler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinen elf Jahren als freier Mitarbeiter bei der WAZ\/NRZ M\u00fclheim gab es einige anstrengende Sonntage. 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