{"id":2348,"date":"2011-09-10T14:09:03","date_gmt":"2011-09-10T14:09:03","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=2348"},"modified":"2013-02-18T14:26:03","modified_gmt":"2013-02-18T14:26:03","slug":"15-september-2007-%e2%80%93-leverkusen-vfl-20-%e2%80%93-beschissen-lacherlich-aber-nordkapp","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=2348","title":{"rendered":"15. September 2007 \u2013 Leverkusen-VfL 2:0 \u2013 &#8222;Beschissen, l\u00e4cherlich, aber Nordkapp&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Am 15. September 2007 widmete ich den Blog-Eintrag zum Spiel Bayer Leverkusen gegen VfL Bochum meinem Kumpel Bj\u00f6rn, mit dem ich genau sechs Jahre zuvor am Nordkapp auf das Nordmeer schaute. Das Spiel selbst versaute in der Tat meine Stimmung, normalerweise habe ich Niederlagen des VfL schon zehn Minuten sp\u00e4ter verarbeitet. Der VfL verlor trotz einer guten Leistung 0:2. Danach musste ich bei einer Familienfeier in K\u00f6ln-M\u00fclheim auch noch alle f\u00fcnf Minuten das Spiel zusammenfassen. Grr.<\/p>\n<p><strong>Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich &#8222;Beschissen, l\u00e4cherlich, aber Nordkapp&#8220; nannte und die Dachzeile &#8222;Ein Spiel, nach dem ich &#8222;Battery&#8220; von Metallica h\u00f6ren muss. Gekas ist zwar ein Bochumer, aber Bechmann kein Gekas. Das Lieblings-Ausw\u00e4rtsspiel habe ich nicht mehr ganz so lieb&#8220; w\u00e4hlte:<\/strong><\/p>\n<p>Ein Stein liegt auf einem Schrank im Schlafzimmer. Ein namenloser, grauer Felsbrocken, unansehnlich eigentlich, passt nicht ins Bild. Doch niemals werde ich ihn weglegen, in eine Schublade abschieben. Nein. Werde ihn jeden Tag anschauen. Den Moment, als ich diesen kleinen, unf\u00f6rmigen, leblosen Klumpen vom Boden aufhob, kann ich noch genau beschreiben. Es war am 15. September 2001, vier Tage nach 9\/11. Doch diese Terroranschl\u00e4ge, Gegenstand aller Diskussionen in der Welt, gingen an mir v\u00f6llig vorbei. Ich spazierte morgens um 8 Uhr am Nordkapp entlang, in Nordnorwegen und mir war alles schei\u00dfegal. Alles. Ich sah morgens um acht, kurz nach dem Fr\u00fchst\u00fcck, bei zehn Grad die Sonne, den blauen Himmel, den Globus, der diesen wundervollen, wundersch\u00f6nen Ort symbolisiert. Noch kein Tourist bev\u00f6lkerte so fr\u00fch die Wege, noch kein Angestellter des Nordkapp-Zentrums. Das \u00f6ffnet immer erst um zehn, die ersten Busse kommen kurze Zeit sp\u00e4ter. Morgens um acht stellte ich mich ans Gel\u00e4nder, setzte eine M\u00fctze auf, zog sie bis \u00fcber meine Ohren, damit der Wind sie nicht abk\u00fchlen konnte und schaute aufs Meer. Aufs Meer Richtung Spitzbergen. Dahinter nur noch der Nordpol. Auf dem R\u00fcckweg zum Auto schnappte ich mir den Stein. Nahm ihn mit.<\/p>\n<p>Nordkapp ist weit weg. Heute. Heute stehe ich wieder vor einer Br\u00fcstung, schaue wieder Richtung Horizont, sehe wieder Sonne, blauen Himmel, Wasser. Es ist nicht Norwegen, es ist K\u00f6ln. Es ist nicht das Nordmeer, es ist der Rhein. Es ist nicht Spitzbergen. Es ist K\u00f6ln-M\u00fclheim. Ich \u00e4rgere mich \u00fcber eine verflucht-l\u00e4cherliche Niederlage, 0:2, murmele immer nur irgendwas von &#8222;unfassbar&#8220; vor mich her, als mich ein Anruf von Bj\u00f6rn erreicht. Bj\u00f6rn und ich fuhren damals, 2001, gemeinsam. In den sechs Jahren hat sich viel getan. Er wohnt heute mit seiner Freundin Nadine in Aachen. Um 19.30 Uhr, kurz vor dem Sonnenuntergang, also ein Anruf. &#8222;Wei\u00dft du, was heute vor sechs Jahren war? Bei dem Wetter?&#8220; Ich muss nicht lang \u00fcberlegen. Nordkapp. Bei diesen Erinnerungen wird alles ein Tick unwichtiger. Selbst eine Niederlage des VfL. Deshalb sei dieser Text Bj\u00f6rn und Norwegen gewidmet.<\/p>\n<p>Es ist alles wie immer, wenn es nach Leverkusen geht. Das ist eine der wenigen Strecken, die ich nicht einmal mehr im Buch &#8222;1000 Tipps f\u00fcr Ausw\u00e4rtsspiele&#8220; nachschlagen muss, wenngleich das bedruckte Werk selbstverst\u00e4ndlich doch zu meinem Ausw\u00e4rtsspiel-Paket geh\u00f6rt (siehe Hannover). Vor einem Monat fuhr ich bereits nach Leverkusen, in diese furchtbar h\u00e4ssliche Stadt, als in der Oberliga Nordrhein der VfB Speldorf aus M\u00fclheim bei den Bayer-Amateuren ungl\u00fccklich mit 2:3 verlor. VfL-technisch habe ich \u00fcberwiegend gute Erinnerungen an die Levs, vor allem dank des 4:1-Festes in der vergangenen Saison. Ja, doch, die BayArena ist das Lieblings-Ausw\u00e4rtsstadion der Bochumer. Eine Leverkusen-Tradition ist inzwischen, das mein Bruder mitkommt. Meistens passt der Termin, so auch heute. Um halb eins kommt er vorbei, ist noch etwas angeschlagen, da er den gestrigen Abend in der M\u00fclheimer Kneipe &#8222;Marktplatz&#8220; verbrachte, ein Laden, in dem niemand einen promovierten Germanisten vermuten w\u00fcrde. Wenigstens hat er sich &#8222;Boulevard of broken dreams&#8220; von Green Day gew\u00fcnscht. Und es bekommen. Direkt nach Pur.<\/p>\n<p>Die heutige Premiere besteht darin, das erstmals zwei Ernsts mit zwei Autos zu einem Ausw\u00e4rtsspiel fahren. Thommy zieht danach weiter \u00fcber K\u00f6ln nach Br\u00fcssel, ich werde eine Familyfeier in K\u00f6ln-M\u00fclheim besuchen und heute Nacht noch nach M\u00fclheim (also an der Ruhr) zur\u00fcckkehren. Wir packen unsere Autos, feiern kurz die Ausgangslage, denn selbst wenn wir verlieren, passiert in der Tabelle nix. Wir w\u00fcrden zwar von Platz zwei auf wahrscheinlich zehn oder elf purzeln, aber so what? Sieben Punkte sind astrein, die hatten wir vor einem Jahr erst am siebten oder achten Spieltag! Wir fahren am Autobahnkreuz Breitscheid auf die Autobahn A3 Richtung K\u00f6ln, die Bahn ist leer, in &#8222;Opladen&#8220; geht es nach einer sehr unspektakul\u00e4ren Fahrt raus, um 13.45 Uhr. Wir sind fr\u00fch dran und parken &#8211; wie schon beim 4:1-Fest mitten in einem Wohngebiet in Stadionn\u00e4he, Luftlinie 400 Meter von der BayArena entfernt. Hab die ganze Tour meinem Bruder zum Geburtstag geschenkt&#8230; Puh, der Leverkusener Stehplatzpreis ist unangefochten Spitze in der Bundesliga. 13,50 Euro!!! 13,50 Euro!!! Dazu noch knapp zehn f\u00fcr zwei Bratw\u00fcrste und zweimal Cola Light, Fu\u00dfballspa\u00df f\u00fcr die ganze Familie. Tja, aber leider kaum noch f\u00fcr Fans mit kleinem Geldbeutel. Im kleinen Leverkusener G\u00e4ste-Stehplatzblock haben wir mittlerweile einen Stammplatz, wieder einmal ist der Vorteil dieses Ausw\u00e4rtsspiels die Heimspiel-Atmosph\u00e4re. Denn alle 2000 Bochumer sind schon eine Viertelstunde vor dem Anpfiff da, w\u00e4hrend in der Bayer-Ecke kaum jemand steht. Es bleibt Zeit, ein wenig auf die Aufstellung zu achten und vor allem auf Theofanis Gekas. Der begr\u00fc\u00dft fast jeden unserer Spieler pers\u00f6nlich, wird von uns aber komplett neutral empfangen. Ohne Sprechch\u00f6re, ohne Pfiffe. Wir spielen ohne gelernten Linksverteidiger, weil B\u00f6nig und Meichelbeck verletzt sind. Pfertzel wechselt von rechts nach links, Concha r\u00fcckt wieder rechts in die Viererkette. Sonst bleibt unsere Mannschaft unver\u00e4ndert, hach, es ist herrlich, aber auch ungewohnt, v\u00f6llig ohne Druck spielen zu m\u00fcssen. Auch deshalb ist der Support zu Beginn eher gem\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Das \u00e4ndert sich aber schnell. In der Anfangs-Viertelstunde beginnen wir furios. Bechmann l\u00e4uft nach f\u00fcnf Minuten frei aufs Tor zu, vergibt aber kl\u00e4glich. Er ist eben nicht Gekas. &#8222;VFL! VFL!&#8220;, direkt danach zehn Minuten lang &#8222;Auf geht&#8217;s Bochum schie\u00dft ein Toooor, SCHIESST EIN TOR F\u00dcR UUUUUNSSSS!&#8220; Zurecht. Bechmann vergibt noch eine zweite gro\u00dfe Chance, eine F\u00fchrung w\u00e4re nicht unverdient. Ab der 15. Minute verflacht das Spiel. Enorm. Was aber hei\u00dft, dass unsere Jungs problemlos das nullnull halten. Zwar unterlaufen Zdebel, Pfertzel und Dabrowski jeweils unglaubliche Fehlp\u00e4sse in Strafraumn\u00e4he, aber jedes Mal r\u00e4umt Yahia souver\u00e4n auf. Unser Schnapper Lastuvka muss nur einmal eingreifen, an Gekas l\u00e4uft das Spiel komplett vorbei. Er ist eben ein Bochumer. Bechmann versemmelt per Kopf in der 38. noch eine dritte Gro\u00dfchance, dann geht&#8217;s der Pause entgegen. Die Leverkusener Fans werden am Ende unruhig, in der Torsch\u00fcsse-, Torchancen- und Ecken-Statistik f\u00fchrt in der Tat der VfL Bochum. Ich bin ganz sicher, dass wir hier nicht als Verlierer vom Platz gehen. Thommy hat allerdings einen Schwachpunkt ausgemacht: Marc Pfertzel. Er ist der einzige Spieler auf dem Platz, der schon eine Gelbe Karte gesehen hat. &#8222;Sofort rausnehmen&#8220;, sagt er. &#8222;Ach, der hat ein paar Jahre Serie A gespielt. Der wei\u00df doch, was er tut. Au\u00dferdem pfeift Merk sehr gro\u00dfz\u00fcgig&#8220;, entgegne ich.<\/p>\n<p>Die zweite H\u00e4lfte beginnt so ruhig wie die erste aufh\u00f6rte. Dann Minute 54: Pfertzel nietet in unserer H\u00e4lfte an der Au\u00dfenlinie Schneider um. Gelb-Rot, ganz klar, kein Spieler beschwert sich, nur Koller, der nur Zentimeter davon entfernt ist, auf die Trib\u00fcne verbannt zu werden. Das ist der Knackpunkt, jeder merkt das. Jeder wei\u00df das. Jeder Bochumer. In Unterzahl \u00fcberstehen wir ganze acht Minuten. An der Strafraumgrenze unterl\u00e4uft Zdebel ein ganz, ganz unn\u00f6tiges Foul. Den Freisto\u00df schlenzt Schneider in die Mauer. Dabrowski steht eigentlich richtig, f\u00e4lscht den Ball ab, aber nicht Richtung Ecke, sondern Richtung F\u00fcnfmeterraum. Da steht Haggui, schaltet schnell, 1:0. Jetzt ist Bayer die \u00fcberlegene Mannschaft, schie\u00dft aus allen Lagen aufs Tor. Nur nicht Gekas, den Skibbe nach 70 Minuten rausnimmt. Wir kommen zwar noch gelegentlich zu Gegenangriffen, erarbeiten uns insgesamt acht Ecken und nochmal f\u00fcnf Standards rund um den Strafraum. Dennis Grote versemmelt allerdings jeden einzelnen Freisto\u00df, jede Ecke. Wie es besser geht, zeigt Bayer zwei Minuten vor Schluss. Ein Freisto\u00df fliegt in die Mitte, Kie\u00dfling gewinnt ein Kopfballduell gegen den im Herauslaufen unglaublich desastr\u00f6sen Lastuvka, Manuel Friedrich schaltet so schnell wie vorher Haggui und schie\u00dft das 2:0. Zwei Standardsituationen, zwei Gegentore durch Innenverteidiger, 0:2 verloren bei schwachen Leverkusenern. Ist das l\u00e4cherlich?<\/p>\n<p>L\u00e4cherlich! L\u00e4cherlich! L\u00e4cherlich!<\/p>\n<p>Gut gespielt! Wie in der zweiten H\u00e4lfte in Hannover, wieder verloren. Zwei Niederlagen in Folge, beide mussten nicht sein, jetzt nur noch Neunter. Eine Niederlage, lest oben nach, ist eigentlich egal. Und doch sehr, sehr \u00e4rgerlich. Thommy und ich laufen zur\u00fcck ins an die BayArena und an den sogenannten &#8222;Sportpark&#8220; grenzende Wohngebiet, steigen in die Autos, sprechen kurz den Weg ab und fahren die elf Kilometer Richtung K\u00f6ln-M\u00fclheim. Dort feiert mein Onkel seinen Geburtstag in einer Wohnung in der vierten Etage mit Blick auf den Rhein. Ich war noch nie dort. So ein Schei\u00df, jetzt alle f\u00fcnf Minuten erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, warum wir verloren haben, darauf habe ich genauso viel Lust wie auf Schlagermusik. Ich habe andere Pl\u00e4ne, suche in meinem Auto die &#8222;Master of Puppets&#8220; von Metallica und lausche &#8222;Battery&#8220;, ein absoluter Lautlautlautlaut-Gitarrenkracher aus den 80ern. Das brauche ich jetzt. Wir fahren durch die Innenstadt, am Bayerwerk vorbei, mittlerweile kenne ich wohl fast alle interessanten Ecken Leverkusens, vom Sportpark \u00fcber Opladen bis zur Innenstadt, dem Sportpark bis nun zum Bayerwerk. Auch von K\u00f6ln lerne ich wieder eine neue Ecke kennen. In K\u00f6ln-M\u00fclheim besuchte ich bisher das Palladium, das Stadtteil-Zentrum mit dem Regionalexpress- und S-Bahnhof. Und nun? Ein Neubaugebiet am Rhein.<\/p>\n<p>Der Tag ist absolut gelaufen, was mir nach VfL-Spielen eigentlich recht selten passiert. Doch der Blick auf dem Balkon entsch\u00e4digt etwas. Ich kann die K\u00f6lnarena in K\u00f6ln-Deutz sehen, und \u00fcber den Baumwipfeln am Rheinstrand sogar die Dom-Spitzen. Nebenan durchs WDR-Geb\u00e4ude wurde ich neulich gef\u00fchrt &#8211; im Rahmen eines Volo-Ausflugs.<\/p>\n<p>Dann ruft Bj\u00f6rn an.<\/p>\n<p>Nordkapp.<\/p>\n<p>Da w\u00fcrde ich dieses beschissene 0:2 ganz bestimmt links liegen lassen.<\/p>\n<p>Bestimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. September 2007 widmete ich den Blog-Eintrag zum Spiel Bayer Leverkusen gegen VfL Bochum meinem Kumpel Bj\u00f6rn, mit dem ich genau sechs Jahre zuvor am Nordkapp auf das Nordmeer schaute. 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