{"id":1898,"date":"2011-09-11T12:18:00","date_gmt":"2011-09-11T12:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1898"},"modified":"2012-09-11T12:27:12","modified_gmt":"2012-09-11T12:27:12","slug":"gebt-mir-abstiegskampf-4-oktober-2003-vfl-fck-40","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1898","title":{"rendered":"Gebt mir Abstiegskampf &#8211; 4. Oktober 2003, VfL-FCK 4:0"},"content":{"rendered":"<p>Im Herbst 2003 entwickelte sich allm\u00e4hlich die euphorische Stimmung, die uns am Saisonende in den Uefa-Cup sp\u00fclen sollte. Das 4:0 gegen Kaiserslautern am 4. Oktober 2003 war so ein Spiel, an das ich mich total gern erinnere. Wahnsinniger Proll-und-P\u00f6belfaktor, vier blitzsaubere Tore innerhalb von 38 Minuten in H\u00e4lfte zwei, zwei Derbys vor der Brust, ein Platz im Mittelfeld. Wunderbar. Und so ist auch der Text f\u00fcr mein Blog ein sehr launischer geworden.<\/p>\n<p><strong>So geht der Text:<\/strong><\/p>\n<p>Stephan hat das so formuliert: &#8222;Also weisse, wenn dat 1:0 steht n\u00e4, wir kennen ja unsere&#8220;, und winkt ab dabei, &#8222;dann h\u00e4lt da ma einer den Fu\u00df hin, und zack hasse Kakao im Gesicht. Aber ich muss sagen: Heute, dat war, dat war so richtig sch\u00f6n zum Angucken, der Ball lief flott. Nee, hat Spa\u00df gemacht!&#8220; Nennt mir einen besseren Stra\u00dfenbahnfahrer in M\u00fclheim! Einen besseren als Stephan. Gibtet nich!<\/p>\n<p>Eigentlich ist alles schief gelaufen heute. Komm grad von einer eher \u00f6den Karaoke-Party (ich steh da nicht so drauf). Und wie der Tag erst angefangen hat: Bin zu sp\u00e4t aus dem Bett gekommen, hab die Stra\u00dfenbahn Richtung Oberhausen verpasst (musste dort etwas abholen), bin dann doch hin und wieder zur\u00fcck gefahren, hab aber meinen angestammten Regionalexpress um 13.46 Uhr nicht mehr gekriegt. Will dann mit dem 133er-Bus Richtung Hauptbahnhof fahren, der kommt nicht, und in den zehn Minuten, in denen ich zum Bahnhof sprinte, regnet es in Str\u00f6men. Kaum unterm Dach des ersten Gleises angekommen, h\u00f6rt es auf. &#8222;Boooh is dat n Schei\u00df-Wetter, Alter ich schw\u00f6r&#8220;, meint jemand, und mir ist trotz des grammatikalischen Ohrenschmauses nicht nach Lachen zumute. Ich glaub Petrus will mich verschei\u00dfern. Und dann kommt auch noch mein Angstgegner Lautern nach Bochum, nur gegen Bayern hab ich eine miesere Bilanz. &#8222;Wir k\u00f6nnen gleich zu Hause bleiben&#8220;, kapituliere ich zu Thommy, der extra fr\u00fcher aus Belgien zur\u00fcckgekehrt ist, nur um sich so ein matschiges Rumgewurschtel anzuschauen. Gerd teilt per sms mit, dass es ihm &#8222;pein5ich ist, aber ich bin schon wieder nicht da&#8220; (die 5 steht tats\u00e4chlich an der Stelle) &#8211; und das passt doch ins Bild. Etwas angesickt drohe ich ihm eine Verwarnung per Homepage an (und die GELBE KARTE sei Dir hiermit gezeigt, bei ner Roten wird ein Essen im Three-Sixty im Bermuda-Dreieck f\u00e4llig!).<\/p>\n<p>Lasst mich zu Gedanke Nummer drei springen: &#8222;October&#8220; von U2 s\u00e4uselt in meinem Ohr, als ich &#8211; vom Regen noch ganz nass &#8211; im Regionalexpress meinen Rock-am-Ring-Kapuzenpulli auszuwringen versuche. &#8222;October &#8211; and the trees are stripped bare&#8220;, summt U2-S\u00e4nger Bono. Thommy leert grad ein D\u00f6schen K\u00f6pi und versucht mir weiszumachen, dass der VfL meinen miesen Vormittag doch wiedergutmache. Da wir schon ein bisschen zu sp\u00e4t dran sind, betreten die Kurve, als sich Rein van Duijnhoven schon l\u00e4ngst aufw\u00e4rmt. 14.59 Uhr, noch 31 Minuten bis zum Anpfiff, und kaum eine Sau ist da und will sich den ganzen Kram reinziehen. Da kann der Peter Neururer noch so sehr schimpfen und trommeln und fordern: Mehr als 20.000 kriegste im Moment gegen normal-gute Mittelklasse-Gegner einfach nicht ins Ruhrstadion. Bochumer Fans brauchen einfach diesen Nervenkitzel, diese Existenzangst. &#8222;Gebt uns Abstiegskampf!&#8220;, fordern der mittlerweile eingetrudelte Sam, Thommy und ich. Immer nur auf 8, 9 oder 10 stehen &#8211; wer will denn diese emotionslose Schei\u00dfe? Hmm&#8230;, wenn Bochum wieder unten steht, denke ich bestimmt anders, aber jetzt? Schei\u00df drauf. Hier ist doch so lange schon kein echtes Feuer mehr gewesen.<\/p>\n<p>Sam hat bald Geburtstag. Er l\u00e4sst sich ein holl\u00e4ndisch-oranges Nationaltrikot mit der Aufschrift &#8222;Vriesde&#8220; schenken. Das ist doch mal eine Idee. An der Aufstellung gibts nichts zu meckern, Momo spielt f\u00fcr den Wikinger Thoddi &#8211; das hei\u00dft wieder 4-3-3 statt 4-4-2 &#8211; und in der Kurve passiert nix Neues. Die &#8222;Ultras&#8220; kommen mit dem \u00fcblichen Megaphon, dem \u00fcblichen Megaphon-Man, und ihren \u00fcblichen Spr\u00fcchen (&#8222;Bochum ist die geilste Stadt der Welt!&#8220;, &#8222;Alles au\u00dfer Bochum ist Schei\u00dfe&#8220;, &#8222;BVB-Hurens\u00f6hne&#8220;, &#8222;Wiese Du Fotze&#8220; &#8211; wahlweise f\u00fcr alle Torh\u00fcter &#8211; &#8222;Arschloch-Wichser-Hurensohn&#8220; &#8211; beim Torwartabschlag). Der Stadionsprecher ist immer noch der gleiche Stuten wie immer (wann l\u00e4sst der endlich bei der Aufstellung das &#8222;VAN&#8220; bei &#8222;Rein van Duijnhoven&#8220; weg? Wir Fans beanspruchen das &#8222;VAN&#8220; f\u00fcr uns! Wir wollen nicht immer nur &#8222;Duijnhoven&#8220; rufen!). Alles nix Besonderes.<\/p>\n<p>Nix Besonderes? Haaaaa, jaaaaa, es regnet wieder ein bisschen, ein Hauch von Union-Berlin-, von Alemannia-Aachen-Stimmung &#8211; und, jepp, es entwickelt sich ein munteres Spielchen. Nicht so ein wie-vertrimme-ich-am-langweiligsten-das-Spielger\u00e4t-Gebolze wie gegen Hertha und in M\u00f6nchengladbach. 22 hei\u00dfe Spieler laufen auf. 22 mit Spa\u00df am Job und mit Spa\u00df am Gr\u00e4tschen. &#8222;Endlich mal ein bisschen Power&#8220;, schaukeln wir uns auch ein bisschen hoch und entfachen das Feuer mit. Und es nicht einmal gelogen und fehl am Platz. Eine halbe Stunde ist alles ganz ausgeglichen, die beste Chance hat Klose f\u00fcr Lautern in der 25. Minute. Eine &#8222;Puuuuuuuuh&#8220;-Durchatmen-Chance, eine Chance, bei der sich alle Fans einmal um die eigene Achse drehen, das Gesicht hinter den H\u00e4nden verstecken und einmal feste reinpusten. Noch mal gut gegangen. Gegangen ist ein gutes Wort. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter bringt Hristov das Stadion ganz zum Beben, als er Wosz wegm\u00e4ht und daf\u00fcr mit Gelb-Rot vom Platz muss. Beim Verlassen desselben schie\u00dft er dem Wosz den Ball in den R\u00fccken. Dann Neururer-Sprint auf den Platz, Gerets auch, alle drumrum, und &#8222;FCK-Hurens\u00f6hne&#8220;-Gebr\u00fcll von allen Trib\u00fcnen (aber nicht von mir). Naja, ein gutes Bild geben die hier nicht ab. Treten, meckern und sehen das dann auch nicht ein&#8230; tsetsetse. &#8222;Ich kenn ja unsere&#8220;, denkt Stephan auf der Sitzplatztrib\u00fcne. &#8222;Die kriegen dann bestimmt einen rein!&#8220; Aber nicht mehr in Halbzeit eins. 0:0. Ein nettes Fu\u00dfball-Spielchen, mit hohem Br\u00fcll- und Prollfaktor &#8211; so wie ich\u00b4s gerne mag. Mit elf gegen zehn, das m\u00fcsste zu schaffen sein.<\/p>\n<p>Die zweite Halbzeit beginnt, und unser Lieblingstalent Anton Vriesde (eingewechselt f\u00fcr Kalla) ist noch nicht mal negativ aufgefallen. &#8222;Eigentlich ist der Platzverweis korrekt&#8220;, frohlockt Thommy \u00fcber einen gegl\u00fcckten Scherz: &#8222;Die haben einen Mann weniger &#8211; und wir Vriesde!&#8220; Aber fortan wird der Lieblingsspieler von Sam nicht mehr gebraucht. H\u00e4tte ich ein Kartenspiel dabei gehabt, dann h\u00e4tte ich mit van Duijnhoven und Anton aus Tirol ne Runde Skat gekloppt. Es passiert etwas, was Thomas Wark als &#8222;Fu\u00dfballfest&#8220; bezeichnen w\u00fcrde, und wozu G\u00fcnter Netzer das Wort &#8222;Demontage&#8220; gew\u00e4hlt h\u00e4tte. Keine drei Minuten in der zweiten Halbzeit sind gespielt: Freisto\u00df Wosz in den 16er, Gewurschtel, Hashemian trocken rechts ins Eck, 1:0! HUB-HUB-HUBSCHRAUBER-EINSATZ!!! Lautern gibt sich auf, einfach nur auf &#8211; da kann Stephan (siehe oben), noch so bangen. Oliseh ganz \u00fcberragend im Mittelfeld. Stopft jedes Loch, stark im Zweikampf, fast jeder Pass kommt an, selbst die langen; er tanzt kurz vor Schluss dem\u00fctigend mit dem Ball als Partner. Madsen und Hashemian rochieren st\u00e4ndig, rackern unheimlich. Wosz nun wie aufgedreht und kaum wiederzuerkennen. Colding und B\u00f6nig wechseln die Seiten im Sekundentakt, um das Spiel zu verlagern und Lautern zu verwirren. Himmlisch.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Chance f\u00fcr Momo Diabang, 52., Wiese h\u00e4lt. Lautern ist gar nicht mehr auf dem Platz, eine tote Mannschaft, taumeln und joggen nur noch, keine Sprints mehr. &#8222;Yes Baby! Wenn ich nicht da bin, ist sogar Lautern schlagbar. Feiert sch\u00f6n!&#8220;, tr\u00e4gt Gerd zu unserem Freudentaumel bei. Ach ja, Lautern, mein Angstgegner. &#8222;Lasst Sie laufen, die Arschgeigen!&#8220;, br\u00fcllt einer vom Fanklub, der auch in unserer Reihe steht. Ja, und das lassen sie: Riesenpass von Wosz auf Madsen, 60., der steht freeeeeeeeiiiii, Kopfballllllll, in die Ecke! &#8222;Deeeeeeeeer neue Spielstaaaaand: VfL Bochum????&#8220; &#8222;ZWEI !!!!!!&#8220; &#8222;Kaiserslautern?&#8220; &#8222;NULL!!!!!&#8220; &#8222;Danke!&#8220; &#8222;BITTE!&#8220; Herrlich. Die Vorentscheidung. &#8222;Wir singen Lautern-Lautern-zweiiiite Liiiigaaa!&#8220; Schwach. Nur noch ein Torschuss in der gesamten zweiten Halbzeit. Bin gespannt, wie die das sch\u00f6nreden wollen. Wahrscheinlich kommen die mit der Platzverweis-Nummer. Dabei war der sonnenklar und wir h\u00e4tten auch mit elf gegen elf die zweite Halbzeit so bestimmt. Jede Wette! Wir dem\u00fctigen Lautern. Hashemian verwertet einen Klassepass von Buckley auf 3:0 in der 76., und als Madsen mit dem Schlusspfiff nach einem Zdebel-Pass auf 4:0 erh\u00f6ht, da gucken wir uns alle nur ungl\u00e4ubig an. Gebt uns Abstiegskampf, so viel H\u00f6henluft tut dem Ruhrstadion gar nicht gut. Dann schon lieber solche Brachial-Sprechch\u00f6re wie in der U-Bahn zur\u00fcck: &#8222;Auf der Alm da steht ne Kuh&#8212;halleluja&#8212;die macht ihr Arschloch auf und zu&#8212;halleluuuja&#8212;und die Schei\u00dfe f\u00e4llt und f\u00e4llt&#8212;halleluja&#8212;auf Arminia Bielefeld&#8212;hallelujaaa!&#8220;. Gegen die haben wir zwar gar nicht gespielt, aber das hat Thommy und mir grad noch gefehlt. Wir schlagen quietschvergn\u00fcgt ein, rechnen die Tabelle aus, freuen uns wie kleine Jungs. \u00dcber das Spiel. Das Ergebnis. Die Huuuut-ab-Leistung der Mannschaft. Die &#8222;So-steigen-wir-niemals-ab&#8220;-Stimmung. Die Currywurst-Pommes-Majo&#8220; im City-Grill. Was habe ich gesagt? Das war ein verkorkster Tag? Wenn der VfL gewinnt, und dann auch noch so, das hei\u00dft mit einem brillanten Sieg, dann ist mir alles andere v\u00f6llig schnuppe. Die n\u00e4chsten beiden Spiele, auf Schalke und gegen Dortmund, sind am Sonntag. Muss eigentlich arbeiten. Aber egal. Sollen sie mich doch rausschmei\u00dfen.<\/p>\n<p>Also Stephan hat das so formuliert: &#8222;Weisse, auffe Arbeit, da bin ich ja immer ganz gro\u00df mit der Klappe, von wegen Champion und so, auch nach drei Niederlagen&#8220;, und er grinst. &#8222;Abba irgendwie gucken wir doch auch nur alle auf Platz 16!&#8220; So sind wir, wir Bochumer. Richtig nette und lustische Gesellen, mit einer unendlich nervenden gro\u00dfen Schnauze. Aber insgeheim gilt der Blick nur dem 16. Platz. Auch heute, trotz der Jubelorgie.<\/p>\n<p>Aber das verraten wir nat\u00fcrlich keinem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Herbst 2003 entwickelte sich allm\u00e4hlich die euphorische Stimmung, die uns am Saisonende in den Uefa-Cup sp\u00fclen sollte. Das 4:0 gegen Kaiserslautern am 4. Oktober 2003 war so ein Spiel, an das ich mich total gern erinnere. 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