{"id":1375,"date":"2011-09-01T14:13:05","date_gmt":"2011-09-01T14:13:05","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1375"},"modified":"2012-01-10T14:37:18","modified_gmt":"2012-01-10T14:37:18","slug":"bitter-sweet-symphony","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1375","title":{"rendered":"Bitter sweet symphony"},"content":{"rendered":"<p>Am 12. April 2003 begleitete ich den VfL zu einem Ausw\u00e4rtsspiel nach Berlin. Der VfL verlor trotz 49-min\u00fctiger \u00dcberzahl mit 0:1 bei der Hertha und rutschte in den Abstiegskampf &#8211; und an diesem Tag wollte nichts wirklich gelingen, nicht einmal Verabredungen.<\/p>\n<p><strong>Der Text tr\u00e4gt die \u00dcberschrift &#8222;Bitter sweet symphony &#8211; Fr\u00f6sche zerrei\u00dfen die Nervenstr\u00e4nge und Sprechch\u00f6re saugen die Fu\u00dfball-Lust aus dem Hirn &#8230;&#8220; und geht so:<\/strong><\/p>\n<p>Geigenmusik dringt via Trommelfell in jede Windung meines Gehirns ein. Ein rot geschriebener Kurzsatz mit dem Inhalt &#8222;230 km\/h&#8220; blinkt auf dem Elektrodisplay des Zuges auf, und eine Stimme, die Richard Ashcroft von der Band &#8222;The Verve&#8220; geh\u00f6rt, fl\u00fcstert mir &#8222;It\u00b4s a bitter sweet symphony, but that\u00b4s life&#8220; ins Ohr.<\/p>\n<p>Ich bin gern in Berlin.<\/p>\n<p>In keiner anderen Stadt au\u00dferhalb des Ruhrgebiets habe ich mehr Zeit verbracht. Nicht mal in K\u00f6ln. Zum ersten Mal im Juni 1994, im Rahmen einer Klassenfahrt mit der 10. Klasse. Besoffene Lehrer, die den selbst gew\u00e4hlten Zapfenstreich \u00fcberschreiten, wippen im uralten Aufzug, &#8222;quartern&#8220; (ein Spiel f\u00fcr Insider), Blue Curacao\/O-Saft; Erinnerungen, die niemand vergisst. Ein Besuch am Potsdamer Platz. Eine brach liegende Fl\u00e4che; unbebaut. Gro\u00dfe Pl\u00e4ne f\u00fcr eine ferne Zukunft. Reste der Mauer stehen noch.<\/p>\n<p>Meine G\u00fcte, was habe ich in diesem Jahr ein Gl\u00fcck mit dem Wetter bei den Ausw\u00e4rtsspielen. Sensationell blauer Himmel in Wolfsburg, sensationell blauer Himmel in Rostock, sensationell blauer Himmel in Berlin &#8211; und diesmal stimmen zus\u00e4tzlich auch noch die Temperaturen. Der Fr\u00fchling kommt; sprecht&#8217;s aus &#8211; wer wars, M\u00f6rike? &#8211; &#8222;Fr\u00fchling l\u00e4sst sein blaues Band, wieder flattern durch undsoweiter&#8220;.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Tag. Und ich w\u00fcrd am liebsten 85 Prozent der Bochumer VfL-Mannschaft verpr\u00fcgeln. So sauer bin ich. Man wie peinlich!!!<\/p>\n<p>&#8211; It\u00b4s a bitter sweet symphony, but that\u00b4s life, t\u00f6nt\u00b4s in meinem Ohr.<\/p>\n<p>Erst ein Spiel habe ich \u00fcberhaupt im Kalenderjahr 2003 verpasst, n\u00e4mlich das 0:2 in Cottbus. Nee, das musste nun wirklich nicht sein. Ansonsten: Der VfL spielt und Andi ist dabei. Vielleicht bin ich h\u00f6chstpers\u00f6nlich daf\u00fcr verantwortlich, dass der VfL die mieseste R\u00fcckrundenmannschaft ist&#8230; Berlin h\u00e4tte ich &#8211; wie ich glaube &#8211; aber selbst dann mitgenommen, wenn ich 2003 noch kein Spiel gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ich bin gern in Berlin.<\/p>\n<p>So ein Ausw\u00e4rtsspiel beginnt nicht immer erst am Morgen des jeweiligen Anpfiffs. Dieses hier zum Beispiel fand seinen Auftakt bereits drei Tage zuvor mit einem ganz simplen Telefonat. Stephan hat bei mir angerufen, ein &#8222;M\u00fclheimer Stra\u00dfenbahnfahrer&#8220; (so hat er sich auch gleich auf meinem Anrufbeantworter verewigt, nicht etwa mit dem Vornamen&#8230;), den ich schonmal im oder auf dem Weg zum Ruhrstadion oder einfach nur in einer Bahn in M\u00fclheim treffe. Wusste gar nicht, dass der meine Nummer hat. Ist auch wurscht, denn 15 Minuten &#8222;Lacherei&#8220; (Stephans Lieblingswort) und eine Verabredung sp\u00e4ter (&#8222;Andreas, ich bin auch in Berlin. Sehen uns in der Kurve!&#8220;) stellten wir unseren eigenen Spiel-Fahrplan auf. &#8222;Andi also ich sach ma: montachs da jeht dat ja noch. Das alte Spiel ist grad vorbei, das neue noch weit weg. Dienstach geht&#8217;s dann ganz langsam los, ab Mittwoch beginnt das Kribbeln, ab Donnerstach kommen die schwei\u00dfnassen H\u00e4nde. Freitachs l\u00e4ufste dann nur noch auf und ab. Oder?&#8220; Stimmt irgendwie.<\/p>\n<p>Ich bin gern in Berlin.<\/p>\n<p>Ob es wohl ein Vorteil ist, dass ich schon oft hier war? Ob ich deshalb mehr von dieser Stadt sehe? Hab mich auch mit meinem Bruder Thommy verabredet, der zuf\u00e4lligerweise an diesem Tag einen literaturwissenschaftlichen Vortrag in der Volksb\u00fchne am Rosa-Luxemburg-Platz h\u00e4lt. Kaum einmal in Berlin, direkt zwei Verabredungen. Thommy hat mal in Berlin gewohnt, direkt im Stadtbezirk Prenzelberg, 1998. Hab ihn besucht. Geile Zeit. Ein Jahr sp\u00e4ter waren wir wieder dort; zum Hertha-gegen-Bochum-Spiel. Thommy hat zudem Freunde getroffen. Auch eine geile Zeit, trotz 1:4-Klatsche. Und dann noch eine Freundin, die ich dort mal hatte, und mich im Winter 2000\/2001 ein paar Mal lockte. Diese Zeiten sind pr\u00e4sent. Bei jedem Schritt. Erinnere mich an die Leute, mit denen ich am Reichstag war, durchs Brandenburger Tor sprintete, aus dem Bahnhof Zoo marschierte. Wenn ich eine Stadt au\u00dferhalb Essens zum Studieren suchen w\u00fcrde; meine Wahl w\u00e4re ohne zu z\u00f6gern Berlin.<\/p>\n<p>Einer der ber\u00fchmtesten S\u00f6hne Berlins begleitet mich durch die ICE-Fahrt, n\u00e4mlich Rudi Dutschke, der so allm\u00e4hlich einen gewissen Grad von Idolhaftigkeit f\u00fcr mich entwickelt, da uns doch ein paar kleine Dinge verbinden. Seine Tageb\u00fccher sind grad erschienen, und auch wenn ich um L\u00e4ngen nicht so theoriefest bin wie er&#8230; Hut ab.<\/p>\n<p>Der Discman dudelt die Placebo-CD &#8222;Black Market Music&#8220; rauf und runter, die ein st\u00e4ndiger Begleiter meiner Tagestouren geworden ist. Morcheeba kommt mit der elfenstimmigen S\u00e4ngerin nicht durch. Etwas h\u00e4rteres muss in den Compactdisctoaster. Rase mit 216 Sachen durch die ostdeutsche Pr\u00e4rie. &#8222;Drei Punkte w\u00e4ren super. Achte mal auf den Stadionsprecher&#8220;, funkt Dirk per sms aus dem fernen M\u00fcnchen r\u00fcber. Steige ich schon in Charlottenburg aus? Joaa, k\u00f6nnt ich tun, mach ich auch. Vorher keine Sp\u00e4\u00dfkes in der Innenstadt, direkt das feine Fu\u00dfballvergn\u00fcgen im Olympiastadion.<\/p>\n<p>Ich bin gern in Berlin.<\/p>\n<p>Irgendwann muss die Schei\u00dfserie rei\u00dfen. Wir d\u00fcrfen nicht absteigen. Werde durchsucht. In der Wiederholungsschleife des Olympiastadions (geiles Wetter ist \u00fcbrigens) l\u00e4uft der Satz &#8222;Liebe Fu\u00dfballfreunde &#8211; aufgrund der Umbauarbeiten blablabla&#8220;, Rest hab ich vergessen. M\u00e4chtig viele Kr\u00e4ne stehen hier; ich glaub, die wollten die Kanzleramtsger\u00e4te nicht verschrotten und haben die einfach nur verlegt. Ja wer ist das denn? Ein Mann spitznamens &#8222;Locke&#8220; nimmt vor mir Platz. Locke erweist sich als typischer VfL-Fan, der erstens schon anderthalb Stunden vor Spielbeginn meckert und zweitens jegliche Hoffnung auf einen Punktgewinn aufgegeben hat. Das Stadion wird bestimmt mal ein Knaller, wenn es komplett fertig ist. Und doch bleibt die Aura des Nationalsozialismus immer da. Dort, wo sich Adolf 1936 gr\u00fc\u00dfen lie\u00df, ist jetzt ne Baustelle.<\/p>\n<p>Habe nicht mehr die bisherigen Tage in Berlin vor Augen. Sondern die letzten Ausw\u00e4rtsspiele. 1:4 in Dortmund, 1:1 in Rostock, 0:2 jeweils in Bremen und Wolfsburg. Lange nicht gewonnen; warum bin ich \u00fcberhaupt hier? Die immer w\u00e4hrende VfL-Sinnesfrage. Oh ja, da kommt der Schmerz wieder, Dezember 2000, 0:1 im Pokal bei Union Berlin, bis jetzt bitterste Niederlage in meiner VfL-Karriere. Geiles Wetter, ob ich wohl ein bisschen braun werde?<\/p>\n<p>Ich bin gern in Berlin. It&#8217;s a bitter sweet symphony.<\/p>\n<p>Die Spieler laufen ein, sich warm, und Locke wei\u00df schon, wer Schuld sein wird. &#8222;Ohhhh, der Gefahrenhorst, wenn ich den schon seh!&#8220; Erst bei der Aufstellung merkt er, dass der nicht mal auf der Bank ist. &#8222;Boooo, der Oliseh, schau mal, wie ein Ballettt\u00e4nzer l\u00e4uft der sich warm. Und der Vriiiesde &#8211; Neururer: morgen biste weg!&#8220; Einlaufen, hab den Titel des Hintergrundsongs schon vergessen, die H\u00e4nde schwitzen schon. Ich merke: Heute wird&#8217;s ein krasses Spiel. Es verlangt mir alles ab. Ein Frosch hat sich in meinen K\u00f6rper geschlichen, h\u00fcpft einerseits vom einen Ende zum anderen, und zerrei\u00dft andererseits meine Nervenstr\u00e4nge. Meine Sitznachbarn gucken schon bl\u00f6d, meine Zitterei ist echt auff\u00e4llig, bei jedem Hertha-Angriff. Und davon gibt es verdammt viele. Eine Gro\u00dfchance folgt der n\u00e4chsten; gl\u00fccklicherweise haben wir einen Torwart drin. Bereits nach 20 Minuten halten alle VfL-Fans die Klappe. Unfassbar schlecht. Es bleibt beim 0:0, ein Fu\u00dfball-Wunder. Und noch eins deutet sich an: van Burik fliegt vom Platz, 41. Minute. 49 Minuten \u00dcberzahl, teile ich Dirk mit, das muss doch was geben. Auch Mama, die in der Halbzeitpause einfach so mal anruft, kriegt das zu h\u00f6ren. Das Zittern geht weiter. Klasse, wie der Stadionsprecher &#8222;Hertha&#8220; ausspricht, und genauso wie er &#8222;Paule&#8220; ruft und die Kurve &#8222;Beinlich&#8220; antwortet. Dirk hat recht.<\/p>\n<p>Pause aus. Die Fr\u00f6sche sind immer noch da, schaue mich um, drehe mich nach vorn und hinten, zerkn\u00fclle die Stadionzeitung. Gudjonsson schie\u00dft vorbei, erste Ecke f\u00fcr uns erst in der 55. Minute, ist das schlecht, wir spielen, als h\u00e4tten wir zwei Mann weniger und nicht einen mehr. Eine Erl\u00f6sung irgendwie die 62. Minute. Flanke Goor, Schindzielorz versch\u00e4tzt sich, Dardai volley; 1:0 f\u00fcr Hertha. Ich hab\u00b4s doch gewusst. Der Rest ein peinliches Gewurschtel wie in Bremen und Wolfsburg. Das grenzt schon sehr nah an Verarschung, tja, und fast h\u00e4tte der Christiansen sogar noch einen gemacht in der 86. Minute. Ein Freisto\u00df an den Pfosten, ich h\u00e4tte gekotzt vor Gl\u00fcck. Doch die Zahl der Fans, die langsam von den oberen Sitzreihen nach unten schlendern, um den Spielern ihre Meinung zu geigen, wird kurz vor dem Abpfiff immer gr\u00f6\u00dfer, und ich bin darunter. Nat\u00fcrlich Abpfiff. 0:1. Wieder verloren. Ein weiterer Sargnagel auf die mieseste Ausw\u00e4rtsbilanz, die ein Fu\u00dfballfan in Deutschland hat. Freier, Kalla, Oliseh: alle verletzt. Schwieriges Restprogramm. Pfiffe. Ein Mann mehr. Fast 50 Minuten lang. Und wer hat den Schn\u00fcff, um sich bei den Fans zu bedanken? Colding, van Duijnhoven! Die beiden, die als einzige alles gegeben haben. Abgerutscht auf Platz 15. Und die Olympia 2012 geht nach Leipzig. Nicht in den Ruhrpott.<\/p>\n<p>Ostkurven-Kumpel Gerd (der Richte!) sitzt in D\u00fcsseldorf auf der K\u00f6 und ist v\u00f6llig entgeistert, wie er per SMS mitteilt: &#8222;Ich trinke auf die Ungerechtigkeit der Welt!&#8220; Das w\u00fcrde ich auch liebend gern tun, und begegne doch nur den Resten der Friedensdemo, die in der Innenstadt 15.000 Menschen anlockte. Steige in den 200er-Bus, der via Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor f\u00e4hrt. Beobachte die Menschen, sp\u00fcre dieses Berlin-Feeling. Feeling der Stadt, der Menschen, meiner Erinnerungen. Etwas Besonderes. W\u00fcrde so gern einen Abgesang auf diesen miesen Tag machen. Zu geiles Wetter. Zu geile Stadt.<\/p>\n<p>Ich bin gern in Berlin. Bitter sweet symphony im Ohr.<\/p>\n<p>Na klar, eindeutig ein Vorteil, dass ich Berlin-Erfahrung habe. Kenne die Bahnverbindungen aus der Westentasche. Das &#8222;Ernst&#8220;-Trikot ist an, das Foto f\u00fcr die Titelseite der Homepage im Kasten. Laufe zum Kanzleramt, dem Pariser Platz, &#8222;Unter den Linden&#8220; entlang, blicke in den Dunst der D\u00e4mmerung und der Siegess\u00e4ule entgegen, fahre via Potsdamer Platz zum Zoo zur\u00fcck, telefoniere mit Thommy, zweimal, dreimal, viermal, schimpfe \u00fcber den VfL. H\u00f6re nebenbei aus dem CD-Recorder jugendlicher Demonstranten &#8222;Wir m\u00fcssen hier raus! Das ist die H\u00f6lle! Wir leben im Zuchthaus&#8220; aus der wilden Zeit von Ton-Steine-Scherben. Berlin-Feeling. Thommys Vortrag war ein Erfolg. Diskussion dauerte l\u00e4nger als gedacht, sagt er. Rede ihm ein schlechtes Gewissen ein, hihi. Zoo, 19.57 Uhr. Dutschke erz\u00e4hlt vom Leben mit dem Schuss im Hirn, Widerstand, Revolution, Marx, Trotzki, seinem Sohn Hosea, seine Frau.<\/p>\n<p>Ich bin gern in Berlin gewesen.<\/p>\n<p>Thommy habe ich nicht gesehen.<\/p>\n<p>Und Stephan auch nicht.<\/p>\n<p>But that\u00b4s life.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 12. April 2003 begleitete ich den VfL zu einem Ausw\u00e4rtsspiel nach Berlin. 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