{"id":1372,"date":"2011-09-01T13:33:31","date_gmt":"2011-09-01T13:33:31","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1372"},"modified":"2012-01-10T14:09:42","modified_gmt":"2012-01-10T14:09:42","slug":"die-welt-steht-still","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1372","title":{"rendered":"Die Welt steht still"},"content":{"rendered":"<p>Am 22. M\u00e4rz 2003 bloggte ich \u00fcber vier fr\u00fchlingsnovellenartige Tage in Rostock und das Bundesligaspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem VfL Bochum. Die Wolfsburger siegten 2:0 &#8211; doch die Welt dachte viel mehr an den zweiten Golfkrieg, der zu dieser Zeit ausbrach. Neben meiner Lieblingsplatte zu dieser Zeit &#8211; &#8222;Black Market Music&#8220; von Placebo &#8211; h\u00f6rte ich auch &#8222;Die Welt steht still&#8220; von Jan Delay in der Endlosschleife. Wie das Spiel in der h\u00e4sslichen VW-Stadt lief, wei\u00df ich nicht mehr. Und doch ist diese Tour in ihrer Gesamtheit eine der denkw\u00fcrdigsten meiner VfL-&#8222;Karriere&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Der Blog-Eintrag tr\u00e4gt die \u00dcberschrift &#8222;Die Welt steht still &#8211; Es ist Krieg und ich \u00e4rger&#8216; mich \u00fcber zwei Monate Abstiegskampf&#8220;:<\/strong><\/p>\n<p>Es ist Krieg.<\/p>\n<p>Es ist Krieg im Irak. Aus irgendwelchen Gr\u00fcnden schmei\u00dfen die USA Bomben auf den Irak, Menschen werden sinnlos sterben. NEIN! H\u00f6rt auf damit!<\/p>\n<p>Es ist Krieg, und den Beginn bekomme ich in Rostock mit, tief in der Nacht. Die paar Tage Erholung bei Kunststudentin Judith (die ich auch im Rahmen der Spiele in eben Rostock und auch Bremen schon zweimal besuchte) haben mir sehr gut getan; und ehrlich &#8211; auch wenn mir das keiner von Euch glauben wird &#8211; ich hatte nicht vor, zum Spiel Wolfsburg gegen VfL Bochum zu fahren. Entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten habe ich mir diesmal keine Eintrittskarte geholt, eigentlich wollte ich schon am Freitag, 21. M\u00e4rz, gen Ruhrpott abd\u00fcsen.<\/p>\n<p>Es ist Krieg und Jan Delay singt mein Mottolied f\u00fcr die mittleren-M\u00e4rz-Fr\u00fchlingsbeginns-Tage. &#8222;Die Welt steht still&#8220; n\u00e4selt er durch die Lautsprecher. Immer und immer wieder.<\/p>\n<p>Und die Welt steht wirklich still an diesem Samstagmorgen. Es deutet sich ein wunderbarer Tag an. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, die Sonne strahlt in grellen Farben. Es wirkt, als h\u00e4tte jemand eine Atombombe auf Deutschland geworfen und lediglich ein paar Schaffner, Lukas\u00b4se (Lokomotivf\u00fchrer) und ich h\u00e4tten \u00fcberlebt. Au\u00dfer den Zugger\u00e4uschen ist nichts zu vernehmen; kein Ton, keine Stimme. Auf den Stra\u00dfen Mecklenburg-Vorpommerns f\u00e4hrt kein Auto, auf den Seen dreht keine Ente ihre Runde. Zum Gl\u00fcck muss ich in den vier Stunden Zugfahrt von Rostock bis Wolfsburg viermal umsteigen, ansonsten w\u00e4re idie Einschlafgefahr ziemlich gro\u00df!<br \/>\nWas erwartet mich? In Schwerin, Ludwigslust, Wittenberge und Stendal ist mein Aufenthalt nicht lang genug, um die St\u00e4dte zu erkunden. Also Wolfsburg. Der BAEDEKER bietet mir nur wenige Stichpunkte auf einer Dreiviertelseite &#8211; und das bei einer Stadt mit 123.000 Einwohnern. Das alles zusammengemengt mit Vorurteilen (Erz\u00e4hlungen von meinem Bruder Thommy und weiteren Personen) ergibt ein ganz finsteres Bild. Wolfsburg gleich Leverkusen?<\/p>\n<p>Also bin ich doch wieder beim Ausw\u00e4rtsspiel. Man schei\u00dfe ich wollte es doch nicht. N\u00e4chste Woche ist doch sowieso spielfrei, dann h\u00e4tte ich den Mist sogar f\u00fcr insgesamt zweieinhalb volle Wochen vergessen. Doch jetzt erwischt mich der Abstiegskampf mit voller Breitseite; direkt am Bahnhof, als mir die &#8222;Hurra hurra die Bochumer sind da&#8220;-Rufe entgegen schallen. Wolfsburg hat insgesamt nur zehn (!) Schlie\u00dff\u00e4cher am Bahnhof, mist, muss ich meinen ganzen Krempel zum Stadion mitschleppen. Im Bahnhofskiosk liegt eine BILD von Freitag. &#8222;T\u00f6tet Saddam!&#8220; steht in roten Lettern darauf, Schriftgr\u00f6\u00dfe 90 oder so. Ach ja, es ist Krieg.<\/p>\n<p>Ich war schonmal hier in Wolfsburg beim Fu\u00dfball. Noch im alten Stadion am &#8222;Elsterweg&#8220;. Da waren wir im Februar 2001 Tabellenletzter und Rolf Schafstall bestritt sein erstes Spiel als VfL-Trainer. Acht Verteidiger standen in unserem Kader und alle acht haben gespielt. Der &#8222;gute alte Schafstall-Beton&#8220; unkten wir damals auf der Stehtrib\u00fcne und hofften auf ein 0:0. Was wurde es? Ein 0:0! Das witzigste 0:0 meiner bisherigen Fu\u00dfball-Karriere, zweifelsohne.<\/p>\n<p>Oh ja, das sind Erinnerungen, aber die haben unweigerlich mit Abstiegskampf zu tun. Das neue Stadion, die &#8222;VW-Arena&#8220;, taucht inmitten von ehrf\u00fcrchtigen Gedanken an alte Zweitliga-\u00c4ngste am Horizont auf. Es liegt nur wenige Wosz-P\u00e4sse vom alten entfernt. Prima, die haben eine Gep\u00e4ckaufbewahrung, wenigstens das, und Tausende von F-Jugendlichen begegnen mir auf dem Weg. Eine Aktion anscheinend, um das Stadion wenigstens mit 20.000 Zuschauern zu f\u00fcllen. Das bringt den Wolfsburgern den Sprechchor &#8222;Eure Fans sind alle unter zw\u00f6lf&#8220; einbringt. So falsch ist\u00b4s nicht. Vielleicht knacken die auf diesem Weg im Jahr 2030 die 5000-Dauerkarten-Marke.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt VfL Wolfsburg. Ich ignoriere diesen Klub so sehr, dass ich \u00fcberhaupt keine Lust habe, meine Abneigung hier noch gro\u00df zu begr\u00fcnden. Wenige Stichpunkte reichen aus: reiner Firmenklub, lebt nur durch Finanzspritzen des gro\u00dfen Stadtsponsors (VW), wenig Fans (weil keine Tradition), eine Millionentruppe (freiwillig geht keiner nach Wolfsburg) und dazu ist Wolfsburg ne Schei\u00df-Stadt. Zur\u00fcck in die zweite Liga &#8211; bitte sch\u00f6n! F\u00fcr \u00fcber 50 Millionen Euro hat VW dem VfL wenigstens ein ganz nettes Stadion auf ein Brachgel\u00e4nde gebaut, allerdings ist es so verdammt schuppig in dem Geb\u00e4ude, dass alle f\u00fcnf Minuten irgendjemand &#8222;Mach doch mal das Fenster zu&#8220; br\u00fcllt und ich froh bin, einen Tag nach Fr\u00fchlingsbeginn meine Winterpudelm\u00fctze in der Jacke verstaut zu haben (purer Zufall!).<\/p>\n<p>Darf ich wieder einen Blick auf meine Serien werfen?<\/p>\n<p>Halt, Telefon l\u00e4utet. Mama ist dran, oh verdammt, hatte vergessen allen M\u00fclheimern mitzuteilen, dass ich erst Samstagabend und nicht schon Freitag (wie urspr\u00fcnglich gedacht) heimkehre, da wird mein Anrufbeantworter \u00fcberquillen; aber jaja, ich lebe noch.<\/p>\n<p>Also Bratwurst rein ins Maul, Serien ins Hirn!<\/p>\n<p>Sieben Ausw\u00e4rtsspiele ohne Sieg, drei Niederlagen in Folge, sechs Spiele insgesamt ohne Sieg, von den letzten 13 Spielen nur zwei gewonnen. Alles finster, vor allem, als die Spieler gegen 15 Uhr zum Aufw\u00e4rmen den Platz betreten. Da ich in Rostock war, bin ich \u00fcber Aufstellung und Personalsorgen v\u00f6llig uninformiert, aber so krass war\u00b4s lang nicht mehr. Gerade einmal zwei Profis sitzen auf der Auswechselbank (Hashemian, Fiel), ansonsten: alles verletzt. Zu meinem Entsetzen l\u00e4uft sich Sergej-Kampfsau-Mandreko ebenso warm wie mein pers\u00f6nlicher Freund Michael Bemben. Das Spiel ist f\u00fcr mich schon verloren, bevor es angefangen hat. Egal wie es ausgeht, ich wei\u00df jetzt schon, dass unser Trainer vor dem n\u00e4chsten Spiel gegen Kaiserslautern sieben \u00c4nderungen vornehmen wird: Kalla, Fahrenhorst, Reis, Oliseh, Schindzielorz, Wosz und Hashemian rein.<\/p>\n<p>Das kann wieder mal heiter werden; und wird es auch. Wieder versucht es unser Trainer mit Manndeckung (Tapalovic gegen Maric, Meichelbeck gegen Pr\u00e4ger, Colding gegen Petrov), daher dirigiert (!) Anton Vriesde (!!) als Libero (!!!!) unsere Abwehr. Das hab ich in der F-Jugend aber mindestens genauso gut gekonnt, denn etwas anderes als die Kugel zweimal hochzuhalten, um sie dann mit 150 km\/h auf die Trib\u00fcne zu pfeffern, f\u00e4llt dem guten Anton, der wohl doch in der Regionalliga besser aufgehoben war, nicht ein. Wenigstens gewinnt er ab und an nen Zweikampf (um ihn nicht v\u00f6llig durch den Kakao zu ziehen). Meine speziellen Freunde Bemben und Mandreko, die im defensiven Mittelfeld wirbeln (wo sonst Schindzielorz und Oliseh werkeln &#8211; uaaaahhh, welch Vergleich), beweisen einmal mehr, dass sie in der Bundesliga nichts zu suchen haben. Kein Wunder, dass unsere offensiven (Gudjonsson, Buckley, Christiansen, Freier) keine P\u00e4sse bekommen und auch nicht die geringste Lust auf Fu\u00dfball versp\u00fcren.<br \/>\nDaher grenzt die erste Halbzeit verd\u00e4chtig nah an Arbeitsverweigerung. Wir Fans m\u00fcssen uns mit witzigen Spr\u00fcchen warm halten. Zuerst trifft es einen Schlagers\u00e4nger, der &#8222;Ol\u00e9 Ola&#8220; zum Besten gibt (Schlagers\u00e4nger &#8211; ist das jetzt Mode in Stadien? Bitte nicht!) und der &#8222;Du machst Dich l\u00e4cherlich&#8220; abbekommt. Dann trifft es sehr zu meiner Freude die Stadt Wolfsburg und den dortigen VfL (&#8222;Wolfsburg ist ne tote Stadt &#8211; heyheyhey&#8220;, &#8222;Neues Stadion &#8211; keine Stimmung &#8211; SCHEISS VW!&#8220;, &#8222;Ihr seid nur ein Alibi-Verein&#8220; &#8211; ich kann nur nochmal auf meine Wolfsburg-Geh\u00e4ssigkeiten hinweisen) und weiterhin den Fanclub &#8222;Die Treuen&#8220;, die sich im Gegensatz zu uns auf dem Oberrang sitzend aufhalten und ihren Club-Geburtstag feiern.<\/p>\n<p>Das gibt von uns &#8222;unten&#8220; ein &#8222;Happy Birthday&#8220;-St\u00e4ndchen. Inmitten des dicksten Gesangs f\u00e4llt dann das 0:1. Schon in den ersten 20 Minuten hatte Wolfsburg drei Hundertprozenter, und seit der zweiten davon schaut sowieso kaum noch ein Blau-Wei\u00dfer auf den Rasen. Das 0:1 ist ein Tor, das nur wir kassieren k\u00f6nnen. Karhan schie\u00dft, Maric f\u00e4lscht ganz bl\u00f6d ab, drin. Das bringt unsere (wie in Bremen) so durcheinander, dass direkt das n\u00e4chste Schei\u00df-Tor hintendran f\u00e4llt. Diesmal schl\u00e4ft unsere komplette Abwehr, so dass selbst ROY PR\u00c4GER (der sonst NIE trifft) einmal jubeln darf. Das Ganze zum 2:0 in der 31. Minute. Biliskov erh\u00f6ht gar auf 3:0 (34.), doch der Schiedsrichter erkennt das Tor nach langer \u00dcberlegungsphase nicht an (die &#8222;Tor&#8220;-Musik lief schon im Hintergrund). Nach dieser Szene wird&#8217;s selbst uns S\u00e4ngern zu viel, und wir halten den Mund.<\/p>\n<p>Das geht auch in Halbzeit zwei so weiter, als alles entschieden ist und sich die Wolfsburger nur noch den Ball zuspielen und uns auch ein paar Spielanteile g\u00f6nnen. &#8222;Wir sitzen tief in der Schei\u00dfe, heyheyhey&#8220; &#8211; dieser Song findet Anklang bei so manchem, genauso wie &#8222;Rei\u00dft Euch den Arsch auf!&#8220; Dass die &#8222;Ultras&#8220; die altbekannten Spr\u00fcche &#8222;Wir sind Bochumer und ihr nicht&#8220; und &#8222;Wir haben die Schnauze voll&#8220; auspacken, ist f\u00fcr mich unverst\u00e4ndlich. Immerhin haben wir SIEBEN Verletzte, und bem\u00fcht haben die Jungs sich zumindest in der zweiten Halbzeit. Peinlich wird&#8217;s nur, als uns selbst in den letzten acht Minuten kein Tor gelingt, als Wolfsburgs St\u00fcrmer Klimowicz im Tor steht. Der etatm\u00e4\u00dfige Schnapper Reitmeier (der 39 wurde, auch gegen diesen Rentner gelang uns kein Tor) hatte sich verletzt. Tja, 0:2, dabei bleibt&#8217;s, die Spieler wollen uns zuwinken, werden aber gnadenlos niedergepfiffen. Ich warte darauf, dass die &#8222;Ultras&#8220; bald streiken. W\u00e4r mal ne Idee.<\/p>\n<p>Bleibt die R\u00fcckfahrt. Ich k\u00f6nnte so viele Fotos von Wolfsburg schie\u00dfen, um zu beweisen, warum ich diese Stadt nicht mag (ihr wisst schon, kleine Geh\u00e4ssigkeiten). Wenigstens die Pizza schmeckt. Im Radio l\u00e4uft &#8222;Only Time&#8220; von Enya, der 11.September-Song, der den Krieg wieder ein wenig n\u00e4her in meine Realit\u00e4t r\u00fcckt. Im ICE gen Heimat sitzen die paar Jungs, die mit preiswerten Bahntickets &#8211; dem sogenannten BOZ-Fanexpress &#8211; unterwegs sind. Alles dieselben Leute wie immer, und stets ist es ein Highlight, die Gutverdienenden im ICE mit den besoffenen Fu\u00dfballfans in Konfrontation zu sehen. &#8222;Ekelhafte Proleten&#8220; stottert eine 65-J\u00e4hrige vor sich hin, bis sie sich in ihr Pelzm\u00e4ntelchen schmiegt und in die erste Klasse abwandert. Ein weiterer erz\u00e4hlt jedem ICE-Gast, dass Sunday Oliseh ihm die Hand gesch\u00fcttelt hat (&#8222;Die Niederlage is mir soooo egal. Der hat gesagt: Et wird allet wieder juuut. Abba auf nigerianisch!&#8220;). Ich grinse in mich hinein.<\/p>\n<p>Dann steht die Welt ganz still.<\/p>\n<p>Trost hab ich heute nicht n\u00f6tig. Denn urspr\u00fcnglich wollte ich eigentlich gar nicht nach Wolfsburg.<\/p>\n<p>Dann tut\u00b4s auch nicht so weh.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. M\u00e4rz 2003 bloggte ich \u00fcber vier fr\u00fchlingsnovellenartige Tage in Rostock und das Bundesligaspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem VfL Bochum. 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