{"id":1369,"date":"2011-09-01T13:03:34","date_gmt":"2011-09-01T13:03:34","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1369"},"modified":"2012-01-10T13:30:28","modified_gmt":"2012-01-10T13:30:28","slug":"der-ailton-banovic-komplex","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1369","title":{"rendered":"Der Ailton-Banovic-Komplex"},"content":{"rendered":"<p>Am 8. M\u00e4rz 2003 bloggte ich aus M\u00fclheim \u00fcber eine zweit\u00e4gige Tour nach Rostock und Bremen. H\u00f6hepunkt: das Bundesligaspiel zwischen Werder Bremen und dem VfL Bochum, das der VfL mit 0:2 verlor. Zum 27. Mal in Bremen gespielt, zum 27. Mal nicht gewonnen.<\/p>\n<p><strong>Der Text tr\u00e4gt die \u00dcberschrift &#8222;Der Ailton-Banovic-Komplex &#8211; Zuerst ein umgest\u00fcrzter Kaffee, zum Schluss ne Schicki-Micki-Party&#8220; und geht so:<\/strong><\/p>\n<p>Meine Geschichte vom Ausw\u00e4rtsspiel in Bremen beginnt am Samstagmorgen um 10.15 Uhr im Intercity von Rostock in Richtung Karlsruhe. Ein paar kurze Ferienn\u00e4chte liegen hinter mir, so zum Beispiel das unvergessliche \u00c4rzte-Konzert am Dienstag, das MSV\/K\u00f6ln-Spiel am Mittwoch, ein Abend in der Turbinenhalle Oberhausen am Donnerstag und ein anstrengender Freitag. Und nun zeigt der Pfeil mal wieder in Richtung VfL Bochum, und ab daf\u00fcr nach Bremen. H\u00f6rt sich immer so weit an, aber Bremen liegt nun wirklich nicht Millionen Kilometer entfernt vom Pott. Doch 10.15 Uhr ist eine verdammt fr\u00fche Zeit, na klar, und so beehre ich das IC-Bistro mit meiner Anwesenheit, ordere so beschwingt es eben geht ein H\u00f6rnchen (mit Philadelphia-Frischk\u00e4se und Marmelade, eingeschwei\u00dft, sieht irgendwie B\u00c4H aus), dazu noch ein stinknormales Croissant (auch eingeschwei\u00dft) und einen Becher Kaffee (nicht eingeschwei\u00dft). Hab schon leckerer gefr\u00fchst\u00fcckt, aber besser als nichts. Leider ist eine halbe Weltreise n\u00f6tig, um quer durch den ganzen Zug zu meinem Platz zur\u00fcckzufinden, mit so viel Ess-Gep\u00e4ck in der Hand: schwierig, schwierig. So scheitere ich selbstverst\u00e4ndlich an einer dieser saubl\u00f6den T\u00fcren und verbreite den Kaffee auf dem Boden. Das kann ja ein heiterer Tag werden. Wenigstens krieg ich einen neuen Kaffee f\u00fcr lau und der Schaffner wischt f\u00fcr mich den Boden. Schimpf mir noch einer auf die Deutsche Bahn! Nanu, fragt Ihr Euch seit ein paar Zeilen &#8211; IC von Rostock nach Karlsruhe? Das ist tats\u00e4chlich unnormal, da habt Ihr gut aufgepasst. In Rostock geht n\u00e4mlich grad um 10.15 Uhr die Sonne auf, und ich beobachte das Schauspiel live. Vor zwei Wochen hatte ich Judith &#8211; Kunststudentin, kennengelernt beim Ausw\u00e4rtsspiel des VfL in Rostock, eben vor zwei Wochen &#8211; versprochen, &#8222;in K\u00fcrze&#8220; noch mal wiederzukommen. Gesagt, getan.<\/p>\n<p>Der zweite Kaffee-Versuch gl\u00fcckt, und mit einem f\u00fcnfmin\u00fctigen Rumgepuste bringe ich den Wachhalter (boah bin ich m\u00fcde) auf Zimmertemperatur. Letzte Woche die \u00c4rzte, Uni, Arbeit, viiiiel zu tun, viiiiiele Termine, gestern noch Warnem\u00fcnde und der Strand und heute das n\u00e4chste VfL-Spiel. Nun ja, ganz so sinnlos wie vor zwei Wochen ist\u00b4s nicht, obwohl&#8230; bisher hat Bochum 26 Spiele in Bremen absolviert &#8211; und noch keins davon gewonnen. Eine Reise nach Bremen ist VfL-statistisch gesehen ebenso \u00fcberfl\u00fcssig wie eine nach K\u00f6ln. Wieder begleiten mich Placebos &#8222;Black Market Music&#8220; und die Geschichte der RAF, diesmal der &#8222;Baader-Meinhof-Komplex&#8220; vom SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust. Wer immer von Euch eine Frage zur RAF hat: Stellt sie mir&#8230; ich kenne die Antwort bestimmt. So langsam k\u00f6nnte ich selbst im Untergrund \u00fcberleben&#8230;&#8230; aber Mama und Papa, keine Sorge&#8230; ich \u00fcberzeugter Pazifist hab es ganz bestimmt nicht vor! In den Denkpausen zwischen den Kapiteln schie\u00dfen meine Erinnerungen an Bremen wieder hoch. Es war ein Ausw\u00e4rtsspiel im Februar 1999, als wir zu dritt bei einem Kumpel \u00fcbernachteten, uns das 1:1 ansahen (Torsch\u00fctze: Stefan Kuntz &#8211; sooo lang ist&#8217;s schon her) und uns die Sehensw\u00fcrdigkeiten zeigen lie\u00dfen. Es war ein Kurzaufenthalt im Oktober 2000, als vier Trottel (inklusive mir) vom Bremer Flughafen aus nach Malle flogen. D\u00f6ner hei\u00dft in Bremen Rollo. Und die Stadtmusikanten stehen irgendwo rum. Soviel konnte ich mir grad noch merken.<\/p>\n<p>Ankunft in Bremen, Rucksack einschlie\u00dfen, nach so vielen weiten Ausw\u00e4rtsfahrten ist auch das inzwischen schon Routine geworden. Den Stadtrundgang verlege ich auf die Zeit zwischen 17.30 und 18.30 Uhr, will ins Stadion, sofort, von Gorillas untersucht werden (mein Hintermann muss seine Schuhe ausziehen, hihi), eine Frikadelle essen, mich auf meinen Sitzplatz setzen. Wobei Sitzplatz das falsche Wort ist. Wir VfL-er (erstaunlich viele da) funktionieren die Sitzplatz- in eine Stehtrib\u00fcne um. Platzwahl frei. Upps, ist das eine komische Stimmung hier. Bremen ist zwar Tabellensechster, hat aber sechs Pflichtspiele in Folge verloren. Und direkt drehen die hier im Norden alle am Rad. Auf einem Plakat steht sogar &#8222;Wir reisen weit, zahlen viel und ihr verliert jedes Spiel&#8220;. Den VfL-Fan-Eignungstest hat der Sch\u00f6pfer dieses Satzes eindeutig nicht bestanden. Schaut nach bei meiner Statistik&#8230; Beim Einmarsch der Spieler l\u00e4uft nicht &#8222;Highway to hell&#8220; von AC\/DC (abgeschaut in Rostock?), sondern &#8222;Help&#8220; von den Beatles. Haben die Probleme. Echt zum Kopfsch\u00fctteln. Genauso wie unsere Aufstellung. Unser Trainer beweist mal wieder Massen an Mut und bringt vorsichtshalber gar keinen St\u00fcrmer. Christiansen Bank. Hashemian Bank.<\/p>\n<p>Das einzig Spannende an der ersten halben Stunde bleibt somit die fantastische Bremer Stadionzeitung (64 !!! Seiten). Die erste Ecke versemmeln die Bremer in der 28. Minute. Christiansen l\u00e4uft sich ab der 30. Minute warm (wenigstens ein kleiner Lichtblick). Wollte der Neururer torlos in die Pause und dann so richtig abgehen? Wenn das geht, wird&#8217;s eine taktische Meisterleistung. Slawo Freier will aber mit der Entscheidung nicht so lange warten und vergibt die klarsten Chancen der ersten Halbzeit, trifft einmal den Pfosten. Das muss es doch sein! 0:0 nach 45 Minuten, das ist aber auch ganz ordentlich. Einige von den 1500 Blau-Wei\u00dfen denken sogar an drei Punkte (Sprechchor: &#8222;Wir wolln hier einmal gewinnen!&#8220;), doch&#8230;<\/p>\n<p>&#8211; Ich glaub erst an einen Sieg in Bremen, wenn wir in der 90. Minute 3:0 f\u00fchren<\/p>\n<p>konstatiert jemand hinter mir.<\/p>\n<p>Der Himmel dunkelt ab, es beginnt zu regnen. Anpfiff, Halbzeit zwei. Und immer noch g\u00e4hnt der Andi vor sich hin. Freier die Dritte. Wieder frei vergeben. Es sieht immer besser aus, bis vier schlappe Minuten ausreichen, um uns auch den 27. Versuch zu versauen. Erst passt Christiansen im Mittelfeld fehl. Micoud-Assist auf Aaaaaaaailton, 1:0. Erleichterung an der Weser (und auch bei mir: Ich hab ihn im Kicker-Manager-Online-Spiel und kann die Punkte gut gebrauchen). Dann rutscht Meichelbeck aus, Ailton hat freie Bahn. Eine Flanke auf Micoud, ein kluger und technisch versierter R\u00fcckpass und TOR durch Banovic. 2:0 in der 52. und 56. Minute. Das war&#8217;s. Die in der ersten Halbzeit noch so fr\u00f6hlich gestimmten &#8222;Ultras&#8220; (die gute Laune ist an der Anzahl der hochgereckten H\u00e4nde zu erkennen &#8211; je mehr, desto besser) halten ihre Schnauze. Es ist ein Neururer-scher taktischer Flop geworden (Christiansen ist schuld am ersten Tor), und Werder-Torwart Pascel Borel, der in der bisherigen Saison als &#8222;legitimer Nachfolger von Pannen-Olli&#8220; gehandelt wurde, spielt die Partie seines Lebens und treibt unseren \u00fcberragenden Slawo Freier zur Verzweiflung. Wir bleiben gar ohne eigenes Tor. Zuvor haben wir zumindest das in jedem Ausw\u00e4rtsspiel hingekriegt. 0:2 am Ende. 24 Spieltage bin ich ohne Abstiegskampf ausgekommen. Nun sind es nur noch vier Punkte. So schnell kann das gehen. Also doch wieder zittern. N\u00e4chste Woche &#8211; oh Schreck &#8211; kommen n\u00e4mlich die Bayern ins Ruhrstadion; die drei Punkten sollten wir lieber nicht mit einrechnen&#8230;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck mit der Stra\u00dfenbahn. Kurzzeitig sch\u00e4me ich mich mal wieder \u00fcber einige unserer Fans, die die Stadt Bochum und den Klub nicht wirklich gut repr\u00e4sentieren, wenn sie ca. 20 Minuten lang &#8222;SVW-Hurens\u00f6hne&#8220;, &#8222;Schei\u00df Werder Bremen&#8220; sowie &#8222;Was ist Gr\u00fcn und stinkt nach Fisch? Werder Bremen!&#8220; rufen. Manche sind grad mal 18 und trotzdem sternhagelvoll. Im IC treffe ich ein paar dieser Deppen wieder. An &#8222;meinem&#8220; Zug sind drei Sonderwaggons f\u00fcr VfLer angebracht. Wird bestimmt laut. Im &#8222;Baader-Meinhof-Komplex&#8220; bin ich inzwischen bei Seite 350 angekommen und den &#8222;Deutschen Herbst&#8220; am Schluss habe ich auch quer gelesen. Es geht um den antiimperialistischen Kampf (schweres Wort), Hungerstreiks, Bank\u00fcberf\u00e4lle, Morde undsoweiter. Doch im Hintergrund schwebt was Anderes. N\u00e4mlich der &#8222;Ailton-Banovic-Komplex&#8220;.<br \/>\nUnd so endet meine Geschichte fernab von allen Reisen. Nicht in Warnem\u00fcnde. Nicht in Rostock. Nicht in Bremen.<\/p>\n<p>Sondern mit dem 27. Fehlversuch einer VfL-Mannschaft, in Bremen zu gewinnen.<\/p>\n<p>Die Geschichte endet in der stinknormalen Arbeitswelt M\u00fclheims. Ich nehme ein Taxi Richtung Mintarder Stra\u00dfe. Der Kahlenberger HTC M\u00fclheim wird 50 Jahre alt. Festball. Und ich mit dreckigen und nassen Klamotten, strubbeligen Haaren und Rucksack.<\/p>\n<p>Ein Hauch von Schicki-Micki um mich rum. Als ob ich darauf jetzt noch Lust h\u00e4tte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. M\u00e4rz 2003 bloggte ich aus M\u00fclheim \u00fcber eine zweit\u00e4gige Tour nach Rostock und Bremen. H\u00f6hepunkt: das Bundesligaspiel zwischen Werder Bremen und dem VfL Bochum, das der VfL mit 0:2 verlor. Zum 27. 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