{"id":1360,"date":"2011-09-01T11:38:56","date_gmt":"2011-09-01T11:38:56","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1360"},"modified":"2012-01-10T11:53:45","modified_gmt":"2012-01-10T11:53:45","slug":"der-fusball-junkie-kehrt-zuruck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1360","title":{"rendered":"Der Fu\u00dfball-Junkie kehrt zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Am 25. Januar 2003 bloggte ich \u00fcber das Fu\u00dfball-Bundesligaspiel zwischen dem VfL Bochum und dem 1. FC N\u00fcrnberg (2:1, Tore: 0:1 Cacau, 1:1 Christiansen, 2:1 Freier) &#8211; es war das erste Spiel nach der Winterpause, was auch der rote Faden dieses Textes ist &#8230;<\/p>\n<p><strong>Ich nannte diesen Text &#8222;Von &#8230; einem Weltstar &#8211; der Fu\u00dfball-Junkie kehrt zur\u00fcck&#8220;. Und der geht so:<\/strong><\/p>\n<p>Entzug ist eine schlimme Sache. Ich habe keine Ahnung, was Alkoholkranke oder Drogenabh\u00e4ngige f\u00fcr H\u00f6llenqualen durchleiden m\u00fcssen &#8211; und dieser Vergleich hinkt an dieser Stelle auch ein wenig; aber trotzdem, und in aller Deutlichkeit sei noch einmal wiederholt: Entzug ist eine schlimme Sache. Zwischen dem letzten Text aus dem Jahr 2002 und diesem hier liegt vielleicht eine Bildschirml\u00e4nge &#8211; aber auch eine Zeitspanne von fast einer Dekade! Ein Monat und zehn Tage Fu\u00dfball-Pause &#8211; das ist doch wirklich zuviel verlangt von einem Fu\u00dfball-Junkie. Jaaaaa, ich sauge diese Spiele auf, jede einzelne Minute ist wie ein kleiner Spritzer Drogen direkt in die Vene. Leute da drau\u00dfen: Lasst die Finger von dem Teufelszeug und kommt mit zum Fu\u00dfball. Es ist ein Trip, ein H\u00f6henflug, den Du zuerst nur einmal kurz mitbekommst, und dann immer wieder erleben willst. Und wenn der Spielplan Dich weihnachtspausenbedingt auf die Zuschauer-Ersatzbank verbannt, dann f\u00e4ngt es an&#8230; dieses unkontrollierte Entzugs-Zittern, die Depression, diese Traurigkeit. Doch dann&#8230;. dann sind es nicht mehr viele Tage bis zum Comeback. Bis der Dealer mit dem Stoff kommt, bis Du Dich bereit machst f\u00fcr den n\u00e4chsten Trip.<\/p>\n<p>Sag ja zum VfL!<\/p>\n<p>Der Fu\u00dfball-Junkie ist zur\u00fcck!<\/p>\n<p>Meine Augen muss ich zusammenkneifen, als die U-Bahnlinie 308 aus dem Schacht tuckert, das Ruhrstadion auf der linken Seite erscheint, und der Bahnfahrer die Bremse schon ganz langsam bet\u00e4tigt. Die Sonne scheint grell, und ach, h\u00e4tte ich doch meine Sonnenbrille eingepackt. Es ist der 25. Januar, aber ein sehr sch\u00f6ner Wintertag, und ich bin wieder hier. Zu Hause. War nie wirklich weg. Wenn diese verdammte Pause nicht w\u00e4r. Mein Revier. Metropolenartig wie in einem von Lachsen gef\u00fcllten Stromschnellenbach (also wenn das Bild nicht schief ist&#8230;) zieht es Tausende in Richtung Stadion. Gesichter. Viele Gesichter. Nimmst kein Ger\u00e4usch mehr wahr. Dauerkarte abstempeln lassen. Bitte sehr. Eine Bratwurst bitte. Danke sehr. V-F-L, V-F-L&#8230; die Kurve&#8230; hat sich nix ver\u00e4ndert, 14 Uhr, noch anderthalb Stunden, huch, noch gar keiner da. Das ist der Vorteil am &#8222;Alleinreisen&#8220; &#8211; von keinem abh\u00e4ngig sein, hinfahren, wann man will, sch\u00f6\u00f6\u00f6n. Im Zeitraffer lie\u00dfe sich sch\u00f6n darstellen, wie sich das Stadion f\u00fcllt, dann schlie\u00dflich l\u00e4uft &#8222;Mein VfL&#8220;, bis die drei goldenen Worte ert\u00f6nen: &#8222;Tief im Westeeen&#8230;&#8230;&#8220; &#8211; und als h\u00e4tte Steven Spielberg pers\u00f6nlich Regie gef\u00fchrt, verschwindet die Sonne hinter dem Flutlichtmasten und verdunkelt f\u00fcr einen Moment das Stadion.<br \/>\nFlutlicht-Finsternis. <em>(Mensch, schon so viele Zeilen geschrieben? Entschuldigt bitte, f\u00e4llt mir auch jetzt erst auf&#8230; aber das erste Spiel nach einer langen Pause ist f\u00fcr jeden Fu\u00dfballfan ein emotionales Top-Ereignis, in der Gef\u00fchlsskale bei gesch\u00e4tzten 9,8 auf der Manolo-Skala!)<\/em><\/p>\n<p>Flutlicht-Finsternis. Hach wie sch\u00f6n&#8230;<\/p>\n<p>&#8230; aber dennoch sollte ich den Stundenzeiger noch einmal zwei Umdrehungen r\u00fcckw\u00e4rts verfrachten, bei aller Fu\u00dfball-im-Ruhrpott-Romantik! Der Weg zum Bahnhof. Vibration in der Hosentasche. &#8222;Hallo Andi, Didi hier&#8220;. &#8222;Ach Didi, Junge (er ist zwischen 40 und 50 und ein Ex-Fu\u00dfball-Trainer von mir&#8230;), wie isset?&#8220; &#8222;Juut. H\u00f6mma bisse heute auch in Bochum?&#8220; &#8222;Ja sicher&#8230;&#8220; &#8222;H\u00f6mma ich steh inne N\u00fcrnberger Fankurve. Willse mitfahren?&#8220; &#8222;Nee, fahr mit der Bahn!&#8220; Hurraaa, Fu\u00dfball, dann auch noch so ein Knaller-Heimspiel gegen den 1.FC N\u00fcrnberg (ein todsicherer Tip bei ODDSET, aber auf mich h\u00f6rt ja keiner), so ein Wochenende k\u00f6nnte kein sch\u00f6neres Highlight haben. Schal um. Regionalexpress. 308. Siehe oben. Lachse im Stromschnellenbach.<\/p>\n<p>Oh man, ich Romantiker schweife wieder ab&#8230;<\/p>\n<p>Schon oft habe ich Euch an dieser Stelle um die Ohren gehauen, dass jedes Spiel seine Eigenheiten hat. Manche ergeben sich w\u00e4hrend des Spiels, manche kennt der Fu\u00dfball-Fan schon vorher, bei manchen stellt er erst ein Jahr sp\u00e4ter fest, dass es eine Eigenheit hatte. Was wird das wohl heute sein? Oh ja, richtig, es gibt einen neuen Stadionsprecher. Mirko Heinze soll der hei\u00dfen, der wird bestimmt keine Schei\u00dfe bauen. Die paar Namen durchsagen ist nicht so schwierig. Der Schindzielorz hat bekannt gegeben, dass er am Saisonende den Verein verl\u00e4sst. Ist er zwar selbst schuld (ich h\u00e4tte an seiner Stelle den Vertrag verl\u00e4ngert und in einem Jahr ne Ausstiegsklausel einbauen lassen; in Bochum w\u00e4chst schlie\u00dflich was, und er ist 100-prozentig Stammspieler und Leistungstr\u00e4ger, aber bitte, wenn\u00b4s ihm um mehr Kohle geht!). Aber ich pfeife den nicht aus. Die anderen auch nicht, soviel h\u00f6re ich schon raus.<\/p>\n<p>&#8222;Mein VfL&#8220;, &#8222;Bochum&#8220; &#8211; hach, zart wie ein Kuss aus dem Lautsprecher und so leise wie eine gefl\u00fcsterte Liebeserkl\u00e4rung (Lautsprecheranlage kaputt&#8230;). Aufstellung<\/p>\n<p>Mit der Nummer viiiiiiier &#8230; Suuuundayyyy<br \/>\nOOOOOOLISEEEEEEHHH!<\/p>\n<p>Da w\u00e4re doch noch was!<\/p>\n<p>Ein Weltstar in Bochum!<\/p>\n<p>&#8222;So ein Weltklassemann hat noch nie beim VfL gespielt&#8220;, verk\u00fcndete Peter Neururer in allen Interviews, und f\u00fcr alle Blau-Wei\u00dfen ist es doch sehr ungewohnt. Grazienhaft stolziert er auf den Platz, joggt sofort in die Fankurve, klatscht in die H\u00e4nde. Artige &#8222;Sunday&#8220;-Rufe zur\u00fcck. Die Weltspitze in Bochum. Manmanman. &#8222;Sonntag ist ein geiler Vorname. Also ich rufe den nur Sonntag&#8220;, rufe ich meinem namenlosen Stadionkumpel zu. Der namenlose Stadionkumpel? Erinnert Euch und bl\u00e4ttert in den fr\u00fcheren Berichten auf dieser Seite&#8230;. schaut vor allem bei den Heimspielen nach &#8230;&#8230; zumeist tauchte er unter dem Namen &#8222;Mirko&#8220; auf &#8230;&#8230; und meist verband ich damit das Argument &#8222;es gibt Leute, die trifft man nur im Stadion. Da wei\u00df man nicht, wie die hei\u00dfen, was sie tun, einfach nur nebeneinander stehen und fachsimpeln.&#8220; Das gibt es auch wirklich noch, und er ist noch immer namenlos, aber es ist soweit gekommen, dass er JETZT vermutlich genau DIESE Zeilen lesen wird. Denn inzwischen wei\u00df ich, dass er als Richter arbeitet (sieht er wirklich nicht nach aus) und er kennt diese Homepage-Adresse. Daher ein paar pers\u00f6nliche Worte: <em>N&#8217;abend! Ich hoffe, Du hast Dich schon ein bisschen durchgew\u00fchlt durch die ganzen Tagebuch-Eintr\u00e4ge, denn relativ regelm\u00e4\u00dfig haben wir nebeneinander gestanden. Sei nicht b\u00f6se, dass ich Dich mal Mirko getauft habe. Irgendwie musste ich Dich ja umschreiben. Beim n\u00e4chsten Mal verr\u00e4tst Du mir auch Deinen Vornamen, damit Du nicht der namenlose Stadionkumpel bleibst!<\/em><\/p>\n<p>Dies ist der Text, in dem ich am meisten vom Fu\u00dfball abgeschweift bin. Diesmal ist der &#8222;Fu\u00dfball-als-Droge-Trip&#8220; so schlimm, dass ich alle Regeln eines vern\u00fcnftigen Tagebuch-Eintrags breche.<\/p>\n<p>Wo war ich stehen geblieben?<\/p>\n<p>Mirko?<\/p>\n<p>Fu\u00dfball-Romantik?<\/p>\n<p>Neeein, beim WELTSTAR!<\/p>\n<p>Sunday Oliseh spielt wirklich mit, l\u00e4uft auf mit der Nummer vier. Und wer ist \u00fcberhaupt der Gegner? Ach der 1.FC N\u00fcrnberg spielt gar keine Rolle. Die Sprechch\u00f6re zielen auch gar nicht wirklich auf den &#8222;Club&#8220; ab, vielmehr haben alle 20.000 Bochumer die drei Punkte schon fest gebucht. Aber so ein Weltstar in der Mannschaft&#8230; das verleitet uns alle zum Zungeschnalzen. Nahezu jeder Ballkontakt von Sonntag wird mit &#8222;Ein Weltstar-Pass&#8220;, &#8222;Eine Weltstar-Gr\u00e4tsche&#8220; oder &#8222;Kuck ma, ein Weltstar-Schuss&#8220; begleitet. Es ist doch etwas anderes, ob so ein Typ beim BVB einer von vielen oder beim VfL DER EINE ist. Genauso, als wenn Gerhard Schr\u00f6der abgew\u00e4hlt und dann Oberb\u00fcrgermeister von M\u00fclheim werden w\u00fcrde. Sunday guckt, l\u00e4uft, gr\u00e4tscht, schie\u00dft. Ein Weltstar eben. Unser Held der Hinrunde, unsere kamerunische Wand Raymond Kalla, ist fast schon ein wenig out, und bekommt kaum einen Sprechchor ab. Ein Kerl hinter uns ruft stets &#8222;Kalla, heb die Hand&#8220; &#8211; das ist wirklich zu einer Art Lieblingsbesch\u00e4ftigung geworden. Vor lauter Handheben (um damit einen Abseits- oder Foulpfiff zu fordern) vergisst der gute Raymond auch schon mal das Fu\u00dfball spielen. Und froh sind wir alle, dass wieder ein RICHTIGER Torwart im Tor steht. Nix gegen den Vander, aber das ist doch ein v\u00f6llig anderes Gef\u00fchl, wenn der van Duijnhoven zwischen den Pfosten steht.<\/p>\n<p>Ein Weltstar schie\u00dft &#8230; auf die Latte &#8230; Gegenzug, ein Fahrenhorst wird zum (Zitat von ALLEN Fernsehsendern) Ge-fahrenhorst, patzt, 0:1 durch Kakao (der hei\u00dft so, wird aber etwas anders geschrieben, n\u00e4mlich C A C A U). &#8222;Gerad noch gelobt, jetzt schon wieder schlecht&#8220;, sagt der Richter. Und aus der Kurve schallts wie lang nicht: &#8222;Maaaaaaaaaan, der FAAAAAAHRENHORST!!!!&#8220; Doch das macht unsere Jungs hei\u00df. Zwei Minuten sp\u00e4ter. Ecke Wosz, wundersch\u00f6ner Kopfball Christiansen, 1:1. Zw\u00f6lftes Saisontor. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter wird es so sch\u00f6n, dass ich heulen k\u00f6nnte vor Fu\u00dfball-\u00c4sthetik. Der FCN in der Vorw\u00e4rtsbewegung, Sonntag gr\u00e4tscht, der Ball kommt zu Wosz, Konter l\u00e4uft, langer Pass auf Buckley, der l\u00e4uft l\u00e4uft l\u00e4uft \u00fcber die linke Seite, flankt auf den langen Pfosten, da steht Slawo Freier, umkurvt Petkovic und lupft das Leder \u00fcber Kampa hinweg zum 2:1 ins Netz. Schulbuchm\u00e4\u00dfig. Der Weltstar bittet zum Tanz. So macht Fu\u00dfball Spa\u00df. Nachlegen, einer geht noch rein, oh wie ist das sch\u00f6n. Und den Schindzielorz pfeift keiner aus. Auch nicht mehr wirklich die Cheerleader, die in der Halbzeit den Rasen betreten. \u00dcbrigens erst drei Minuten vor Wiederbeginn des Spiels, keine Ahnung, wer sich diesen Zeitplan ausgedacht hat. \u00dcbrigens auch &#8211; um mal wieder einen f\u00fcr diesen Text typischen Gedankensprung einzubauen &#8211; keinen Schimmer, wer auf die Idee mit dem vierten Schiedsrichter gekommen ist. Der hat sich wirklich die ganze Zeit nur am Sack gespielt.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte ich auch tun sollen in Halbzeit zwei. Denn da ist unser Spiel einfach nur noch Mist. N\u00fcrnberg hat den Ball, nahezu pausenlos, und wir verlassen uns auf unsere Deckung. Das ist eigentlich noch nie gut gegangen, aber heute. Puuh, da wird tief durchgeatmet! 2:1 gewonnen, drei Punkte eingefahren, nett unterhalten, am Ende gut gezittert, okay, es regnet jetzt, aber der City-Grill und die Currywurst entsch\u00e4digen. Der Fu\u00dfball hat mich wieder. Weltstars unter sich (um mal \u00fcberheblich zu werden).<br \/>\n&#8230;<br \/>\n..<br \/>\n.<br \/>\nDie Wirkung der Droge l\u00e4sst nach.<\/p>\n<p>Aber in anderthalb Wochen, beim Pokalspiel gegen Kaiserslautern gibt&#8217;s den n\u00e4chsten Trip.<\/p>\n<p>Und beim Pokalfinale, wenn wir\u00b4s erreichen, droht der &#8222;goldene Schuss&#8220;&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25. 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