{"id":1354,"date":"2011-09-01T12:39:24","date_gmt":"2011-09-01T12:39:24","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1354"},"modified":"2012-01-06T12:57:12","modified_gmt":"2012-01-06T12:57:12","slug":"jurgen-hat-die-kiste-voll","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1354","title":{"rendered":"J\u00fcrgen hat die Kiste voll"},"content":{"rendered":"<p>Am 19. April 2002 bloggte ich \u00fcber eine weitere Ausw\u00e4rtsfahrt &#8211; diesmal nach Franken. Der VfL holte bei der SpVgg Greuther F\u00fcrth einen nicht ganz unwichtigen Punkt &#8211; 1:1. F\u00fcr mich war es das 200. Pflichtspiel als Fan des VfL Bochum. Ich traf mich an diesem Freitag mit meinem Kumpel Dirk, der in M\u00fcnchen wohnt und extra f\u00fcr dieses Spiel angereist kam.<\/p>\n<p><strong>Der Text tr\u00e4gt die \u00dcberschrift &#8222;J\u00fcrgen hat die Kiste voll&#8220;:<\/strong><\/p>\n<p>Wer wei\u00df wie der Tag gelaufen w\u00e4re, wenn ich meinen Zug verpasst h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Freitagmorgen, kurz nach halb elf. Ich bin wieder hier in meinem Revier. M\u00fclheim, Forum, Pelikan-Apotheke. Tabletten holen, bin schon zu sp\u00e4t dran. Dabei ist es f\u00fcr meine Verh\u00e4ltnisse noch sehr, sehr fr\u00fch. F\u00fcr die Uni QU\u00c4L ich mich morgens fr\u00fch aus dem Bett, aber heute? Heute ist ein besonderer Tag in meinem VfL-Leben &#8211; Pflichtspiel Nummer 200 steht an, ich stehe gern auf. Da trifft es sich gut, dass mein &#8222;Jubil\u00e4um&#8220; ein weites Ausw\u00e4rtsspiel samt hoffentlich abenteuerlicher Geschichten ist\/wird. Mein Jubil\u00e4ums-Kumpane wird Dirk sein, ein Freund aus M\u00fcnchen. Ewig nicht gesehen, aber zum Fu\u00dfball, na klar. Dass mich fast alle meine M\u00fclheimer Freunde wieder f\u00fcr v\u00f6llig durchgeknallt erkl\u00e4rt haben &#8211; selbstredend.<\/p>\n<p>Aber an all das denke ich nicht, als ich wie ein Irrer durch das Forum renne. Schei\u00dfe, 10.46 Uhr geht der Stadtexpress gen K\u00f6ln &#8211; und wir haben 10.45 Uhr. Dieser bl\u00f6de Apotheker-Fuzzi&#8230; musste mir unbedingt noch zwei Flaschen Duschgel-Probe in die Hand dr\u00fccken. Seh ich so aus, als w\u00fcrde ich mich nicht waschen? Als ich in den Zug trete, vermutlich schon. Es war sehr knapp. Aber ich bin drin. Hab den Zug gekriegt.<\/p>\n<p>Dass ich unheimlich gerne Zug fahre, brauche ich nicht nochmal zu erw\u00e4hnen. Sieh nach beim Mannheim-Spiel. Den ersten Teil der Hinfahrt bis K\u00f6ln verbringe ich verschnaufend. Manoman, diese Sprinterei bin ich gar nicht mehr gewohnt. Muss mal wieder Sport treiben. In K\u00f6ln gehts in den EC &#8222;Johann Strau\u00df&#8220; Richtung Wien Westbahnhof. Ich bleib aber nur bis N\u00fcrnberg drin. Mein Sitzplatz ist reserviert, na klar. Der Waggon ist bunt gestaltet, sieht fast ein bisschen nach Graffiti aus. Und das in einem EC, der &#8222;Johann Strau\u00df&#8220; hei\u00dft. Verflixte Bahn! Immer wieder \u00dcberraschungen. Dass der EC auf dem Viereinhalb-Stunden-Weg eine insgesamt 45-min\u00fctige Versp\u00e4tung anh\u00e4uft; okay, damit musst Du rechnen. Die graffitiartige Bemalung des Zuginneren bringt meine Phantasie auf Trab. Ich imaginiere mir einen Kassetten-Toaster auf den Scho\u00df des adrett gekleideten B\u00e4nkers von gegen\u00fcber. Es l\u00e4uft &#8222;Song 2&#8220; von Blur! Ich springe auf, headbange quer durch den Waggon. Ja, das w\u00fcrds bringen! Okay, ist aber grad kein Kasi-Toaster greifbar. Egal. Dann halt \u00fcber Frankfurt \u00e4rgern. Die Stadt mutet an wie das &#8222;Capital City&#8220; bei den SIMPSONS. P\u00fcnktlich \u00fcber &#8222;Mainhattan&#8220; ergraut der Himmel, Regentropfen zerplatzen an der Zug-Fensterscheibe. Die Hochh\u00e4user sind in einen ekelhaften Nebelschleier geraten &#8211; bah.<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter Koblenz. Am Bahnsteig dumme, gr\u00fcn gekleidete Personen mit einem Feldj\u00e4ger-Armband genau dort, wo die Blinden ihre drei schwarzen Punkte tragen. Noch Fragen? Der Nebel verschwindet nicht. Aber \u00fcber den Wipfeln des Odenwalds sieht das doch viel malerischer aus. Leider ist in Mainz inzwischen ein &#8211; alle Feministinnen verzeihen mir bitte &#8211; Riesenger\u00e4t eingestiegen. Blond, blau\u00e4ugig, Riesenfigur. Hmm&#8230; lecker wie Spaghetti-Eis im Hochsommer. Sie nimmt mir gegen\u00fcber Platz, und um ihr nicht dauernd auf gute Argumente zu starren, vertiefe ich mich in die Korrektur des n\u00e4chsten Sportmagazins. Ob diese wohl gelungen ist?<\/p>\n<p>Als ich dar\u00fcber sinniere, setzt sich diese blonde Bombe auch noch breitbeinig hin. Das tut weh. Hoffentlich kommt bald N\u00fcrnberg. Schlie\u00dflich hat mich die zugtypische M\u00fcdigkeit \u00fcberfallen. Um nicht einzupennen, verfasse ich eine SMS an Bj\u00f6rn, mit dem Hinweis, dass mir ein Riesenger\u00e4t gegen\u00fcbersitzt. Er z\u00e4hlt mich aus, dass ich sie nicht anspreche. Ich tu\u00b4s nicht.<\/p>\n<p>Der Zug f\u00e4hrt ein. N\u00fcrnberg Hauptbahnhof. Schnell noch umsteigen in die Regionalbahn, ab nach F\u00fcrth, das ist nur sechs Bahn-Minuten entfernt. Vorbei geht\u00b4s an der Hauptstelle der Firma &#8222;Quelle&#8220;. Per BAEDEKER habe ich mich diesmal nicht vorbereitet. Aber wie ich bei meinem viertelst\u00fcndigen Stadtrundgang bemerke, ist das auch gar nicht weiter schlimm. Ich denke nicht, dass es in F\u00fcrth irgendwas Besonderes zu sehen gibt au\u00dfer Verbotsschildern in Parks. Tu dies nicht, tu das nicht. Wenn du\u00b4s doch tust, gibt\u00b4s Ordnungsgeld. So sind die Bayern. Komplexe ohne Ende. Das w\u00e4re eigentlich ein Bu\u00dfgeld wert. Ich schlendere ziellos durch die Innenstadt und suche verzweifelt nach Highlights.<\/p>\n<p>Vergeblich. Nach genau 15 Minuten bin ich am Rathaus und dem dort gelegenen Busbahnhof angelangt. Welcher Bus wohl zum Playmobil-Stadion f\u00e4hrt? Ich kann nur raten, denn F\u00fcrther Fans sind mir bisher noch nicht \u00fcber den Weg gelaufen. Daf\u00fcr, dass eins der wichtigsten Spiele der j\u00fcngeren Vereinsgeschichte stattfindet, ist das entt\u00e4uschend, gell!?! Und schlie\u00dflich ist in zwei Stunden Anpfiff. Ich nehme einfach die Kiste Richtung Ronhof, und liege damit goldrichtig.<\/p>\n<p>Playmobil-Stadion ist ein geiler Name. Obwohl es noch sehr fr\u00fch ist, und ich der einzige Fan zu sein schiene, der schon das Stadion betreten will, filzt mich der Zwei-Meter-Gorilla am Eingang ganz besonders. Da dies f\u00fcr mich ein Tagesausflug ist, sind die Taschen meiner Jacke und meiner Hose gut gef\u00fcllt. Der Block hier, ein Buch da, die Tabletten hier, Portmonee da, Schl\u00fcssel hier, Handy da, Sportmagazins-Korrekturen hier, TAZ da, F\u00fcrths Fanzine hier, Stadionheft da. Und halt, da ist ja noch was. Genau, die zwei Fl\u00e4schchen Duschgel. Der kurzgeschorene Gorilla schaut mich an wie einen RAF-Terrorist (das &#8222;der hat ja lange Haare, die Kommunisten-Sau&#8220; liegt ihm auf den Lippen), \u00f6ffnet die Duschgel-Flasche, riecht und fragt: &#8222;Was ist das?&#8220; Ich sch\u00fcttel dreimal den Kopf und raunze &#8222;steht doch drauf&#8220;. Zu \u00fcbersehen ist es wirklich nicht. Er riecht nochmal, sch\u00fcttet es dann ganz leer und meint: &#8222;Oh, war wirklich Duschgel. Tschuldigung!&#8220; Ganz gro\u00dfer Sport; echt unglaublich. Gorillas vernebelt! Schenk dem Mann ein bisschen Hirn. Die Tablettenpackung hat er \u00fcbrigens auch aufgemacht. Ich bef\u00fcrchtete schon, alle 100 auf einmal schlucken zu m\u00fcssen &#8211; aber soweit kams wei\u00dfgott nicht. Um meine Taschen wieder vollzustopfen, brauchte ich bestimmt f\u00fcnf Minuten. Ich hatte mich fast vollst\u00e4ndig entbl\u00e4ttert. SMS von Dirk: &#8222;Heja VfL! Ausw\u00e4rtssieg! Sitze im Zug und bin gegen 18.10 Uhr im Playmobil-Stadion!&#8220; Dar\u00fcber freue ich mich tierisch. So lang nicht mehr gesehen, und dann bei diesem Anlass wiedertreffen und die neuesten Nachrichten aus M\u00fcnchen und vom JETZT-Magazin der S\u00fcddeutschen Zeitung erhalten. Einfach geil. Erstmal hinsitzen auf den Plastik-Stehstufen der Behelfstrib\u00fcne des Amateur-Stadions. Die Haupttrib\u00fcne sieht aus wie 1933 von Adolf Hitler pers\u00f6nlich aufgebaut. Daneben ist (a la Bl\u00f6tter Weg) ein Grash\u00fcgel mit f\u00fcnf Stehstufen \u00fcbrig geblieben. Gut, die Gegentrib\u00fcne ist komplett neu; aber insgesamt? Also wenn die aufsteigen sollten, haben die ein enormes Stadionproblem. Aber das soll nicht meine Sorge sein. Die Musik vor dem Anpfiff ist gut, es l\u00e4uft Nickelback (&#8222;How u remind me&#8220;), Blink 182 (&#8222;All the small things&#8220;), Lenny Kravitz (&#8222;Stillness of heart&#8220;), Tobi Schlegl+Audiosmog (&#8222;Daylight in your eyes&#8220;), ja, sogar Marilyn Manson (&#8222;Tainted love&#8220;).<\/p>\n<p>Das Stadion f\u00fcllt sich nur schleppend, da schl\u00e4gt&#8217;s 18.15 Uhr &#8211; und Dirk steht vor meiner Nase. Welch Wunder, es hat tats\u00e4chlich funktioniert! Eigentlich war Dirk nur meine Ausrede, um meinen Freunden klar zu machen, dass ich nicht ganz bescheuert bin, und das mein Ausflug nicht nur mit dem VfL zu tun hat &#8211; doch dass das Treffen wirklich funktioniert; einfach phantastisch. Doch nach einer Minute verlasse ich Dirk f\u00fcr kurze Zeit. Hunger! Und Harndrang! Als ich meinen L\u00fcmmel ins Klo halte, f\u00e4ngt der Stadionsprecher an zu fr\u00e4nkeln. Ein besoffener Vollidiot neben mir br\u00fcllt: &#8222;Ey, kann dat ma einer \u00fcbersetzen oder watt!?!&#8220; Wir sind das Ruhrgebiet. An der W\u00fcrstchenbude wird&#8217;s noch geiler. Neben mir taumelt ein etwa 40-j\u00e4hriger Kerl hin und her. Angegraute schwarze Haare, sehr lang, zum Zopf zusammen gebunden. Lederjacke an, VfL-Schal um. Und sternhagelvoll. Ich betone und schreibe gro\u00df: STERNHAGELVOLL! Die Verk\u00e4uferin legt mein Br\u00f6tchen mit den &#8222;W\u00fcrstl\u00b4n&#8220; auf einen Teller, ich nehme mir es weg und zahle &#8211; fertig. Diese intellektuelle Herausforderung meistert J\u00fcrgen nicht. Er nimmt direkt den ganzen Teller mit. Die Verk\u00e4uferin br\u00fcllt hinterher: &#8222;Jetzt lass holt den Teller dooo&#8230;&#8220; J\u00fcrgen dreht sich um, ein Fragezeichen scheint \u00fcber seinem Kopf zu stehen. Er lallt: &#8222;Meinsse ich lauf wech oder watt?!&#8220; Ich grinse in mich hinein. &#8222;Muss ich jemanden holen?&#8220; So sind sie, die Franken. Wenn&#8217;s brenzlig wird, erst mal die Security kommen lassen. J\u00fcrgen l\u00e4sst sich nicht beirren. Er legt den Teller zwar ab, sch\u00fcttet sich aber eine ganze Ketchup-Flasche drauf &#8211; und nimmt ihn wieder mit. &#8222;Jetzt schaust die Sauerei an!&#8220; J\u00fcrgen schaut nicht.<\/p>\n<p>Woher ich wei\u00df, dass er J\u00fcrgen hei\u00dft, wollt Ihr bestimmt wissen. Eine berechtigte &#8211; und gute Frage. Ich will\u00b4s Euch erkl\u00e4ren! Kurz, nachdem ich wieder zu Dirk gegangen war, folgte J\u00fcrgen. Mit vier Bechern Bier in der Hand. Je mehr Stufen er erklomm, desto mehr versch\u00fcttete er. Kurz vor mir blieb er stehen, rief laut &#8222;V F L&#8220; &#8211; und da war&#8217;s geschehen. Zwei Bier flossen \u00fcber meine Jacke. J\u00fcrgens Freunde lachten sich scheckig und riefen: &#8222;J\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fcrgen hat die Kiste voll, J\u00fcrgen hat die Kiste voll, HEY HEY HEY!&#8220; Dirk und ich stimmten ein. J\u00fcrgen &#8211; der running gag des Abends, keine Frage.<\/p>\n<p>Der Anpfiff r\u00fcckt n\u00e4her. Im lila Sakko h\u00fcpft ein unglaublich dummer Stadionsprecher \u00fcber den Rasen, der die noch unglaubliche d\u00fcmmere Vereinshymne tanzend begleitet. Das sieht so urkomisch und zugleich peinlich aus. Oh je, oh je. Die Leuchtreklame verr\u00e4t, dass man bei einem F\u00fcrther Optiker die &#8222;Vereinsbrille&#8220; kaufen kann. H\u00c4? Leider muss ich desillusionierend feststellen, dass es auch unter den Bochumer Fans Nazis gibt. Wobei ich bezweifle, dass die Kahlrasierten mit den Pitbull-Jacken und den Onkelz-Schals wirklich VfL-Fans sind. Im Ruhrstadion hab ich die noch nie gesehen, vermutlich haben sie Stadionverbot. Jetzt wollen sie Bomben auf Azzouzi werfen und eine U-Bahn von F\u00fcrth nach Auschwitz bauen. Es sind nur 30 von 850 Bochumern. Aber zu viele. Glatzen-Pack. Unfassbar. Ich glaub, jeder Klub muss diese mitschleppen. Au\u00dfer Sankt Pauli vielleicht. Warum denken Menschen so?<\/p>\n<p>Das Spiel beginnt, ein Zittern \u00fcberf\u00e4llt meinen K\u00f6rper. Von 19 Uhr bis 20.48 Uhr. Es ist ein unheimlich wichtiges Spiel. Zwischendurch hat Thommy aus M\u00fclheim angerufen. Ich hab den Vibrationsalarm nicht gesp\u00fcrt &#8211; hab selbst zu viel vibriert. Dirk und ich analysieren das Spiel, sek\u00fcndlich, min\u00fctlich. Irgendwann f\u00e4llt uns auf, dass J\u00fcrgen fehlt. Eine Minute sp\u00e4ter sehen wir ihn sechs Stufen tiefer und f\u00fcnf Meter weiter rechts. &#8222;HUHU&#8220; rufen J\u00fcrgens Kollegen. J\u00fcrgen tapert die Treppen rauf. &#8222;Oh, hab mich wohl verlaufen!&#8220; Gro\u00df. Ganz gro\u00df, dieser Kerl. &#8222;Allein f\u00fcr den hat sich die Fahrt gelohnt&#8220; stellen Dirk und ich fest. Aber auch f\u00fcr andere Dinge. Torchancen gibt es zwar nicht ganz so viele, Nerv\u00f6sit\u00e4t pr\u00e4gt das Geschehen auf dem gr\u00fcnen Gel\u00e4uf, aber spannend ist\u00b4s. Nach dem 1:0 f\u00fcr F\u00fcrth von Amanatidis bin ich nicht geknickt. In Bielefeld wusste ich: Das war\u00b4s. In F\u00fcrth wei\u00df ich: Hier geht was. Zu schwach die Leistung der Mannschaft des W\u00fcrgers vom Tivoli, des besten Freundes von NPD-Schlappner. Allein wegen des Trainers darf F\u00fcrth einfach nicht aufsteigen. Christiansen verl\u00e4sst uns nicht. 1:1 kurz vor der Pause. In der Halbzeit Gesang. 15 Minuten lang. Gute Stimmung im blau-wei\u00dfen Block. Auch in Halbzeit zwei. Es bleibt beim 1:1. Ich lege mich fest: Entweder Bochum steigt mit einem Punkt Vorsprung auf oder mit zwei Punkten R\u00fcckstand nicht auf. Noch wei\u00df ich nicht, wie ich dieses verdiente Resultat einzusch\u00e4tzen habe. Dirk l\u00e4dt mich zu einem Besuch nach M\u00fcnchen ein. Ich sage zu, mit dem Nebensatz: &#8222;Der VfL hat ja n\u00e4chstes Jahr zwei Ausw\u00e4rtsspiele in dieser Stadt!&#8220; Zweckoptimismus? Trainer Peter Neururer kommt allein in die Kurve. Dann kann die Unterst\u00fctzung gar nicht so schlecht gewesen sein.<\/p>\n<p>Es geht raus aus dem Stadion, und erst jetzt f\u00e4llt mir wieder ein, dass ich mich tierisch beeilen muss. Um 21.39 Uhr geht mein IC ab N\u00fcrnberg Hauptbahnhof. Nach dem Abpfiff bleiben mir noch 49 Minuten. Dirk muss zur selben Zeit gen M\u00fcnchen aufbrechen. Mit dem Unterschied, dass er den Zug auch verpassen k\u00f6nnte, und trotzdem noch wegk\u00e4me. Ich nicht. Aber rechtzeitig nach N\u00fcrnberg zu kommen &#8211; das ist kein Problem. Die Stra\u00dfen in F\u00fcrth sind nicht verstopft. Kurz vor der Bushaltestellte taumelt uns J\u00fcrgen entgegen, mehr tot als lebendig &#8211; und wieder mit einem Pils in der Hand. &#8222;Tsch\u00fcss J\u00fcrgen&#8220; rufe ich ihm zu. Er starrt mich an und meint aus ganzem Herzen: &#8222;Machet jut n\u00e4!?!&#8220; Dirk und ich lachen. Mit der U1 fahren wir von &#8222;F\u00fcrth Rathaus&#8220; in Richtung &#8222;N\u00fcrnberg Langwasser S\u00fcd&#8220;. &#8222;N\u00fcrnberg Hauptbahnhof&#8220; &#8211; aussteigen bitte. Mein IC steht schon auf dem Gleis, hat aber noch acht Minuten Aufenthalt. Dirk und ich schie\u00dfen Beweisfotos, umarmen uns. Es war richtig sch\u00f6n, mal wieder mit ihm zu plaudern. Danke Dirk, falls Du das hier mal irgendwann lesen solltest!<\/p>\n<p>Der IC f\u00e4hrt durch bis M\u00fclheim. Er ist einer von f\u00fcnf ICs, die am Tag in &#8222;my hometown&#8220; halten. Gl\u00fcck gehabt. Knapp f\u00fcnfeinhalb Stunden wird\u00b4s dauern. Ich lege mir meinen VfL-Schal um, so wie ich das sonst nur im Stadion zu tun pflege, krame Albert Camus\u00b4 &#8222;Der Fremde&#8220; aus meiner Hosentasche hervor, um die b\u00e4nkerhafte Neureichen-Situation in meinem Gro\u00dfraumwagen des IC &#8222;Thurn und Taxis&#8220; zu konterkarieren. Drau\u00dfen ist es l\u00e4ngst dunkel. Die Lichter der St\u00e4dte ziehen schnell an meinen m\u00fcden Augen vorbei. Die Lichter von W\u00fcrzburg. Von Aschaffenburg. Von Hanau. Von Frankfurt. Von Bingen am Rhein. Von Koblenz. Von Bonn. Von K\u00f6ln, D\u00fcsseldorf und Duisburg. Wieder schwirrt eine Melodie durch meinen Kopf, diesmal &#8222;Disposable teens&#8220; von Marilyn Manson. Keine Ahnung, wie ich jetzt gerade darauf komme. Im Buch &#8222;Der Fremde&#8220; ist von einer Marie die Rede. Marie ist ein sch\u00f6ner Name. Ich stelle mir eine sch\u00f6ne Frau vor. Sie sieht ein wenig so aus wie eine echte Marie, die ich zurzeit kenne. Anekdoten von der R\u00fcckfahrt sind nicht so zahlreich vorhanden wie noch auf der Hinfahrt. Gut, ich habe f\u00fcr ein Gummibr\u00f6tchen mit Gummik\u00e4se und eine 0,5-Liter-Cola-Light 6,60 Euro (!!!) hingelegt, und festgestellt, dass der Zug in M\u00fclheim, aber nicht in Leverkusen h\u00e4lt (welch Ironie!) &#8211; aber das war auch alles. Hundem\u00fcde bin ich zwischendurch eingepennt. Hab getr\u00e4umt. Von s\u00fc\u00dfen Frauen, einer Aufstiegsfeier in Aachen. Bis K\u00f6ln kam. Inzwischen hatte der Zug (selbstverst\u00e4ndlich) wieder 35 Minuten Versp\u00e4tung, und es stieg tats\u00e4chlich Hellmut Karasek ein, der Zwergpinscher von Reich-Ranicki. Und wenn er es nicht war, sah er ihm zumindest t\u00e4uschend \u00e4hnlich!!!<\/p>\n<p>3.43 Uhr, der Zug f\u00e4hrt in M\u00fclheim Hauptbahnhof ein. Eppinghofer Stra\u00dfe, g\u00e4hnende Leere. Die M\u00fclheimer schlafen. Ein Taxi rauscht vorbei.<\/p>\n<p>Mein Ausflug ist vorbei. Es war ein sch\u00f6ner Ausflug. Und ich werde sogar in meinem eigenen Bett schlafen.<\/p>\n<p>Ob das J\u00fcrgen wohl auch kann?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. April 2002 bloggte ich \u00fcber eine weitere Ausw\u00e4rtsfahrt &#8211; diesmal nach Franken. Der VfL holte bei der SpVgg Greuther F\u00fcrth einen nicht ganz unwichtigen Punkt &#8211; 1:1. F\u00fcr mich war es das 200. 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