{"id":1350,"date":"2011-09-01T12:18:17","date_gmt":"2011-09-01T12:18:17","guid":{"rendered":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1350"},"modified":"2012-01-06T12:37:06","modified_gmt":"2012-01-06T12:37:06","slug":"der-tanzende-stern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreasernst.com\/?p=1350","title":{"rendered":"Der tanzende Stern"},"content":{"rendered":"<p>Am 7. April 2002 bloggte ich \u00fcber das Ausw\u00e4rtsspiel des VfL Bochum bei Arminia Bielefeld. Der VfL verlor zwar 0:3, stieg aber weniger als einen Monat sp\u00e4ter nach einem fulminanten und unvergesslichen Finale in Aachen als Tabellendritter &#8211; neben Bielefeld und Hannover &#8211; in die Bundesliga auf.<\/p>\n<p><strong>Der Text tr\u00e4gt den Titel &#8222;Der tanzende Stern&#8220; und geht so:<\/strong><\/p>\n<p>Sonntag, 9.30 Uhr, die CD im Radiowecker springt mit dem selben Ton an wie jeden Morgen, es dudeln die ersten Takte von Ashs &#8222;Shining light&#8220;. Da bin ich schon wach, denn an jedem Morgen ist dieser unverwechselbare Ton des Anspringens schon laut genug. Sonntag, 9.30 Uhr &#8211; die gewohnte Aufstehzeit an diesem Tag, aber heute ist mal nicht die Arbeit schuld. Ich habe frei &#8211; sonntags tats\u00e4chlich eine Rarit\u00e4t f\u00fcr einen Sport-Journalisten. Es ist Zeit f\u00fcr ein Ausw\u00e4rtsspiel. Arminia Bielefeld. Schon letzten Montag beim 3:0 gegen Frankfurt hie\u00df es: &#8222;N\u00e4chsten Sonntag st\u00fcrmen wir die Alm&#8220;. Und ich st\u00fcrme mit. Als Linksau\u00dfen.<\/p>\n<p>M\u00fcsli rein, Trikot an, Schal um, ab zum Bahnhof. Schon in M\u00fclheim drei VfLer da, Essen, Wattenscheid, Bochum &#8211; der Laden wird gerammelt voll. Lauter blau-wei\u00dfe Schals fliegen mir ins Gesicht. Schwei\u00dfperlen stehen mir auf der Stirn; aber nicht, weil es aufgrund der Sonne so warm ist, nein! Sondern aus Nervosit\u00e4t. Jaja, keiner von Euch kann das nachvollziehen. Aber stellt Euch vor, Ihr m\u00fcsstest eine entscheidende Klausur schreiben, einen Vortrag halten; eine Pr\u00fcfung bestehen; ich habe dieses Lampenfieber, dieses \u00e4ngstliche Gezittere, lang nicht mehr gesp\u00fcrt. Irgendwie geht es heute um mehr als Fu\u00dfball. Steigt der VfL nicht auf, droht die ewige Zweitklassigkeit, vielleicht die Pleite, also die ewige Bedeutungslosigkeit. F\u00fcr den Saisonverlauf ist dieses Spiel von ungeheurer Bedeutung. Ein bislang stets treuer und &#8211; doch &#8211; wichtiger Punkt in meinem Leben k\u00f6nnte wegkippen (was er sowieso fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird). Ich habe nunmal diesen unvergleichbaren Fu\u00dfball-Tick!<\/p>\n<p>Ach was&#8230;<\/p>\n<p>ich sch\u00fcttel mich dreimal, mein Kleinhirn br\u00fcllt das Gro\u00dfhirn an<br \/>\n&#8211; Es ist doch nur ein stinknormales Fu\u00dfballspiel und ein Ausflug nach Bielefeld<br \/>\nund ich lausche.<br \/>\nGanz alte VfLer sind in den NRW-Express gestiegen; Leute, die seit 20 und &#8211; nicht wie ich seit 7 &#8211; Jahren eine Dauerkarte im Portmonee verstecken. Alle leeren die Dosen Bier im Drei-Minuten-Takt, gehen pissen im F\u00fcnf-Minuten-Takt und hauen die D\u00f6nnekes raus im Sieben-Minuten-Takt. Der Nichtraucher-Wagen wird zum Raucher-Wagen umfunktioniert.<br \/>\n&#8211; Beschwerden schriftlich an mich,<br \/>\nschreit ein 65-j\u00e4hriger 120-Kilo-Rentner. Okay, ich beschwer mich lieber nicht.<br \/>\n&#8211; Preisfrage<br \/>\ntrompetet der Vokuhilaoliba (also vornekurzhintenlangoberlippenbart) in die Runde, als der Zug am Bahnhof von Heessen h\u00e4lt.<br \/>\n&#8211; Welcher VfL-Torj\u00e4ger hat bei Eintracht Heessen seine Karriere angefangen?<br \/>\nStaunende Gesichter.<br \/>\n&#8211; Volker Abel? Heinz-Werner Eggeling? Uwe Leifeld?<br \/>\nNeeeneee, alles falsch.<br \/>\n&#8211; Jungs, ich geb Euch einen Tipp &#8211; Nachname f\u00e4ngt mit &#8222;K&#8220; an&#8230;<br \/>\n&#8211; Ja sicher&#8230;<br \/>\nraunen sich zehn Leute zu<br \/>\n&#8211; JUPP KACZOR!<br \/>\nBoa glaubse, dat machste nur im Zug im Ruhrpott mit. Alles Arbeiter aus alten Bergbau-Familien, k\u00f6nnt ich schw\u00f6ren. Einmal SPD-W\u00e4hler, immer SPD-W\u00e4hler.<\/p>\n<p>Raus in Bielefeld, eine wirklich witzige Zugfahrt. Ich liebe Fu\u00dfball-Fans (in Dortmund fl\u00f6tete es aus dem hinteren Teil des Wagens in grellen Stimmen: &#8222;Ihr seid schwarz, ihr seid gelb, ihr seid die schwulsten Fans der Welt&#8220;, da schallte es zur\u00fcck: &#8222;Ihr klingt aber auch ganz sch\u00f6n tuntenhaft&#8230;&#8220; und zack, wurde es mucksm\u00e4uschenstill)! Zu Fu\u00df geht\u00b4s zur Alm, ein erster Eindruck von der Ostwestfalen-Metropole (\u00e4hem&#8230;) und um 13.10 Uhr schon rein ins Stadion. Wenig los, also die stadion\u00fcbliche Currywurst mit Pommes rein ins Gesicht.<\/p>\n<p>Es wird sp\u00e4ter und sp\u00e4ter, voller und voller, mein Gesicht schwei\u00dfiger und schwei\u00dfiger&#8230; Mein Bruder Thommy kommt drei Minuten vor dem Anpfiff angesprintet. Er hat um 11 Uhr f\u00fcr Blau-Wei\u00df Mintard II bei Preu\u00dfen Eiberg gespielt und 0:3 verloren. Ist daf\u00fcr aber p\u00fcnktlich angekommen.<\/p>\n<p>Anpfiff, Lampenfieber auf dem Siedepunkt. Das Stadion ist ausverkauft, bestimmt 5000 Bochumer da. Im G\u00e4ste-Stehplatzblock sind maximal 700 Pl\u00e4tze, aber 900 Fans da. Die Arminia-Ordnerdeppen haben auch die Karten nicht kontrolliert. Nicht zu fassen! Astreine Stimmung, endlich mal wieder. Laut geht&#8217;s zu. Die Stehpl\u00e4tzler fragen in 900-facher Lautst\u00e4rke: &#8222;Wen lieben wir?&#8220; Die Sitzpl\u00e4tzer antworten: &#8222;V &#8211; f &#8211; L !!!&#8220; Immer wieder macht das sinnlose Singsang von den &#8222;Ostwestfalen-Idioten, schei\u00df Arminia Bielefeld&#8220; die Runde. Das Spiel ist gut, Bochum hat Bielefeld nach ner halben Stunde im Sack. Dann ein Stellungsfehler, 0:1 Kauf. Ja schei\u00dfe.<\/p>\n<p>Halbzeit, Wiederbeginn, L\u00e4rmpegel steigt. Doch die Bochumer gehen ein, werden eingeseift, nach allen Regeln der Kunst vorgef\u00fchrt &#8211; mehr treffende Phrasen fallen mir grad nicht ein. Chance \u00fcber Chance, alle auf der falschen Seite, sehen k\u00f6nnen wir nix, aber das ist vermutlich auch gut so. 0:2 Hofschneider, 0:3 Albayrak, rote Karte f\u00fcr Colding. Aua, das tut weh. Hoffentlich kein Debakel. Dann 16.46 Uhr, Abpfiff, Feierabend, H\u00e4nde vors Gesicht. War\u00b4s das? Blick ins Portmonee, drei Oddset-Scheine h\u00e4tten 70 Euro gebracht, wenn&#8230; ja wenn. Das Papier muss herhalten; zerbr\u00f6seln, in 1000 St\u00fccke, kleiner und kleiner. Was f\u00fcr eine Leistung.<\/p>\n<p>&#8211; Du kannst in Bielefeld verlieren, aber die Art und Weise machts aus<br \/>\nist das erste, was ich mich meinem Bruder zuzurufen traue.<\/p>\n<p>Kaum zu glauben &#8211; 0:3. Und du kannst froh sein, dass es kein zweites Oberhausen, kein zweites 1:6 wurde. Die Sauf-Laune steigt sek\u00fcndlich, doch das ist das harte Brot des Anti-Alkoholikers &#8211; saufen verboten. Sogar so schnell wie m\u00f6glich aus Bielefeld verschwinden darf ich nicht. F\u00fcnf Minuten zu Fu\u00df von der Alm weg wohnen Oliver und Sonja, zwei Mitarbeiter von Thommys Prof, bei dem er in Bielefeld promoviert. Er half den beiden vor einem Monat beim Umzug und will mal vorbeischauen. Mein Blick wandert in der Kaffeetasse hin und her. Vom linken Rand bis zum rechten Rand. Vom oberen bis zum unteren. Auch davon \u00e4ndert sich das Ergebnis nicht mehr. Die Jupp-Kaczor-Story wird von Minute zu Minute unlustiger. Mein Blick bleibt an einem Nietzsche-Spruch h\u00e4ngen, der an einer T\u00fcr klebt:<br \/>\n&#8211; Nur wer ein bisschen Chaos in sich tr\u00e4gt, kann einen tanzenden Stern geb\u00e4ren.<br \/>\nEin bisschen Ablenkung tut gut.<br \/>\n&#8211; Ich lausche dem Gespr\u00e4ch<br \/>\nranze ich Thommy zu, als er versucht, mich einzubeziehen. Keine Ahnung, wor\u00fcber die geredet haben. Der Abpfiff ist anderthalb Stunden pass\u00e9, da beschlie\u00dfen wir, noch die nah gelegene Uni aufzusuchen, schlie\u00dflich wird Thommy hier bald Seminare geben und ein wenig Zeit verbringen. Ein h\u00e4ssliches Ding. \u00c4hnlich grob in die Landschaft gesetzt wie die Unis Essen, Dortmund und Bochum &#8211; und mindestens genauso grau und trist. Der Gesang von den<br \/>\n&#8211; Ostwestfalen-Idioten<br \/>\nschie\u00dft mir durch den Kopf, als uns die Bahn Richtung Hauptbahnhof vor der Nase abf\u00e4hrt. Ach was soll&#8217;s. An so nem Tag. Pur haben mal gesungen: &#8222;An so nem Tag erlieg ich jedem s\u00fc\u00dfen Attentat&#8220;. Pizza Hut und Spaghetti-Eis locken. Was f\u00fcr ein s\u00fc\u00dfes Attentat. Thommy strahlt, ich bewunder ihn daf\u00fcr. Mit Mintard II 0:3 verloren, Bochum hat 0:3 verloren, bestimmt 50 Mark ausgegeben am Tag; und trotzdem ist er \u00fcbergl\u00fccklich. Wie macht er das? Ich schaue mir etwas von seiner positiven Denkweise ab und versuche mir auf der R\u00fcckfahrt, bei so ganz klassischen Haltestellen wie Rheda-Wiedenbr\u00fcck, G\u00fctersloh oder Ahlen, einzureden, dass ich wenigstens nicht arbeiten musste und das Wetter wirklich sch\u00f6n war.<br \/>\nEin bisschen Chaos habe ich in meinem Kopf. Ein bisschen viel sogar.<\/p>\n<p>Aber mit einem tanzenden Stern bin ich nicht schwanger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. April 2002 bloggte ich \u00fcber das Ausw\u00e4rtsspiel des VfL Bochum bei Arminia Bielefeld. 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